Alle diese Bestrebungen haben noch das Gemeinsame, dass sie an

der lateinischen Sprache als einem Hauptunterrichtsgegenstand des

Einheitslehrplanes, wie weit der letztere nun auch hinaufreichen möge,

festhalten, also die lateinlose Oberrealschule entweder als höhere

Schule aufgehoben wissen wollen, oder aber als eine zweite Art von

höherer Schule neben dem gegabelten Realgymnasium bestehen lassen.

Dieser Gruppe stehen aber andere Tendenzen gegenüber, welche die

Oberrealschule mit in den Einheitslehrplan hineinziehen wollen. Wenn

doch das Griechische erst in Sekunda oder Prima beginnt, so scheint

es nicht unthunlich, das Lateinische erst zwei Jahre früher, also in

Tertia, beziehungsweise Sekunda beginnen zu lassen und den Lehrplan

der Unterklassen auf die Muttersprache und neuere Fremdsprachen zu

stützen. Ein solcher Lehrplan gestattet dann eine Trifurcation,

indem sich von Tertia (bezw. Sekunda) an die realistische und die

humanistische Richtung scheidet, von Sekunda (bezw. Prima) an aber

die letztere sich noch einmal in den Lehrplan mit und ohne Griechisch

spaltet. Auf der andern Seite kann der realistische Lehrplan sich

in den letzten Jahren noch einmal in eine neusprachliche und eine

mathematisch-naturwissenschaftliche Abtheilung sondern, so dass wir

eine Quadrifurcation erhielten, falls nicht das Griechische ganz von

der Schule ausgeschlossen wird.

Die Vertreter der Ansicht, dass der altsprachliche Unterricht erst

in mittleren Klassen beginnen sollte, berufen sich dabei auf das

Vorbild des schwedischen Schulwesens, in welchem die deutsche Sprache

aus praktischen Gründen zum Hauptgegenstand der Unterklassen erhoben

ist.[10] Sie stützen sich aber ausserdem noch auf politische und

sociale Erwägungen, insofern ein solcher Lehrplan es sehr erleichtert,

alle Schüler zuerst durch die Volksschule als Unterstufe, dann

durch eine Bürgerschule als Mittelstufe und endlich durch die

höhere Schule gehen zu lassen. Die sozialdemokratische Forderung

der allgemeinen Aufhebung des Schulgeldes und der Versetzung aller

Kinder bloss nach den Leistungen hat eine derartige Organisation des

Schulwesens zur logischen Voraussetzung. Dass eine solche Stufenfolge

nicht undurchführbar ist, zeigt ihre annähernde Verwirklichung im

schweizerischen Schulwesen. Alle politisch radikalen und social

nivellirungssüchtigen Elemente werden früher oder später diese

Forderung in ihr Programm aufnehmen, und es wäre nicht unmöglich, dass

die Schulreformfrage letzten Endes nicht nach pädagogischen Rücksichten

und kulturellen Masstäben, sondern im Gegensatz zu diesen durch die

politische und sociale Demokratisirungstendenz unserer Zeit entschieden

würde.

Es ist nämlich klar, dass die Masse bei einer solchen Schulorganisation

ebensoviel gewinnen würde, als die gebildeteren Stände Einbusse

erleiden müssten, und da die Masse an Zahl weit voransteht, so muss

der Verlust, den die geistige Aristokratie erleidet, aus socialen

dämonistischen Gesichtspunkt nothwendig gegen den Gewinn der breiteren

Volksschichten zurückstehen. Ob das geistige Kulturniveau des Volkes

als Ganzes bei einer solchen Schädigung des Bildungsgrades seiner

Aristokratie zurückgeht, das kümmert ja die Demokratie nicht, bereitet

ihr eher Schadenfreude. Die Interessenpolitik der kapitalistischen

Bourgeoisie oder der Liberalismus fürchtet die Verwirklichung des

demokratischen Programms in diesem Punkte nicht, weil die Wohlhabenden

überzeugt sind, dass sie in solchem Falle hinreichende Mittel haben

würden, um ihre Kinder durch Unterricht in theuren Privatschulen

besser, leichter und schneller als in der öffentlichen Volks- und

Mittelschule für die höhere Schule vorbereiten zu lassen. Diese

Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen wäre die liberale Geldaristokratie

und der utilitarisch denkende Gewerbestand gern bereit, wenn dadurch

nur das für ihre Zwecke Nützliche, d. h. der neusprachliche und

mathematisch naturwissenschaftliche Lehrplan, in die Höhe kommt und

die vom Nützlichkeitsstandpunkt zwecklose Quälerei ihrer Kinder

mit alten Sprachen aufhört. Deshalb erhält die demokratische

Nivellirungstendenz aus dem Lager des Liberalismus mächtigen Vorschub,

wobei selbstverständlich alle Gabelung des Lehrplanes nur als

vorläufiges Zugeständniss gilt, in der Hoffnung und mit der Absicht,

dass es gelingen werde, den Beginn der Gabelung allmählich immer

weiter hinauszuschieben, bis endlich als allgemeine Einheitschule die

Oberrealschule oder eine ähnlich organisirte Anstalt ohne alte Sprachen

übrig bleibt. Das Ideal einer solchen Schule wird schon jetzt von

verschiedenen radikalen Schulreformern als Ziel hingestellt, als der

vollständige Bruch mit der Reaktion und den Schatten des Mittelalters

gepriesen und auf die geschichtlich naturwissenschaftliche Bildung

unserer Zeit gestützt.

Fragen wir uns nun, woher es kommt, dass das Gefühl der

Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens gerade in dem letzten

Menschenalter so intensiv geworden ist, so ist die Antwort: weil alle

Eltern fühlen, dass ihre Kinder mit Lernstoff überbürdet werden und

in Folge dessen die wirklich durch die Schule erzielte Bildungsstufe

der Zöglinge zurückgeht. Blickt man auf die Geschichte des höheren

Schulwesens zurück, so sieht man, wie an die ursprüngliche Lateinschule

ein Unterrichtsgegenstand nach dem anderen angehängt wird, deren

jeder mit gutem Rechte einen Theil der nothwendigen allgemeinen

Bildung auszumachen beansprucht. Sollen unsere Kinder sich nicht

vollends dumm lernen, so ist eine Verminderung der vom Lehrplan an

dieselben gestellten Ansprüche unbedingt erforderlich. Jede intensivere

Gestaltung des Unterrichts hat die entgegengesetzte Wirkung, ist also

nur statthaft, wenn die Unterrichtszeit entsprechend verringert wird,

steigert aber bloss die vorhandenen Uebelstände, wenn sie dazu benutzt

wird, um entgegengesetzte Ansprüche vereint zu befriedigen. Sobald

die obligatorische Einfügung des griechischen Unterrichts in den

Gymnasiallehrplan in Preussen durchgeführt war, begann auch das Gefühl

sich geltend zu machen, dass dem altsprachlichen Unterricht ein zu

grosser Antheil der verfügbaren Zeit eingeräumt sei, und dieses Gefühl

fand theils in der Entstehung der Realgymnasien und Oberrealschulen,

theils in kleinen Korrekturen des Gymnasiallehrplans seinen Ausdruck.

Aber die Unbefriedigung blieb bestehen.

Das Bewusstsein ist allgemeiner geworden, dass die Oberrealschule keine

den Konkurrenzanstalten ebenbürtige höhere allgemeine Bildung zu bieten

habe; nach der neuesten Einschränkung ihrer Berechtigungen scheint es

fast unvermeidlich, dass dieselbe sich wieder in die Bestandtheile

auflöst, welche in ihr verquickt sind und in dieser Vereinigung den

falschen Schein einer höheren Schule sich angemasst haben, nämlich

in die höhere Bürgerschule einerseits und in die mittlere Fachschule

andererseits. Dass das Gymnasium mit dem Lehrplan von 1882 im Grossen

und Ganzen eine höhere allgemeine Bildung vermittelt, wird nicht

bestritten, doch werden immer noch in einzelnen Punkten Lücken in

derselben gefunden und wird vor Allem beklagt, dass diese noch

lückenhafte Bildung nur auf Kosten einer wirklichen Ueberbürdung der

Jugend erlangt werde. Das Realgymnasium endlich ist ein unglückliches

Zwitterding zwischen der alten Lateinschule und der modernen

Oberrealschule; ohne Latein würde es kein Gymnasium sein, aber was

sie an Latein gibt, daran hat doch wieder kein Schüler rechte Freude

und es ist zu wenig, um eine humanistische Bildung zu vermitteln.

Das Schlimmste aber ist die durch die Entwickelung der Realschulen

neben den Gymnasien entstandene Spaltung unseres Schulwesens,

welche die einheitliche Bildung der Nation zerreisst und auf dem

Widerspruch beruht, als ob es +zwei+ beste Methoden zur Gewinnung

einer zeitgemässen allgemeinen höheren Bildung geben könnte. Dieser

Widerspruch kann auch durch keine Gabelung gehoben werden, sondern nur

durch die volle Einheitsschule. Alle gefühlsmässige Antipathie gegen

den altsprachlichen Unterricht als gegen einen unzeitgemässen Rest des

Mittelalters hat eine historische Grundlage nur gegen das Lateinische

als Unterrichtsgegenstand der alten Lateinschule, schliesst aber nur

aus Unkenntniss das Griechische mit ein, welches im Mittelalter gar

keine Rolle spielte. Man sieht sich in dem Widerspruch befangen, dass

man gern los möchte von dem unzeitgemäss gewordenen Lateinischen und

doch fühlt, aus der des altsprachlichen Unterrichts beraubten Schule

keine rechte höhere Bildung schöpfen zu können.

Der entscheidende Punkt liegt im Griechischen, und hierauf spitzt sich

neuerdings in der Diskussion der Fachkreise die Schulreformfrage mehr

und mehr zu. War es ein Fehler, die Lateinschule, welche sich ohnehin

den Realdisciplinen öffnen musste, auch noch mit dem Griechischen

zu belasten? Müssen wir diesen falschen Schritt zurückthun, d.

h. zur Lateinschule zurückkehren und deren Lehrplan bloss um die

Realdisciplinen erweitern? Müssen wir den verminderten Bildungswerth

der lateinischen Literatur für die heutige Zeit geduldig in den Kauf

nehmen, und immerhin noch das Beste daraus machen, was daraus zu

machen ist, um nur nicht ganz der humanistischen Bildung verlustig

zu gehen? In der That, wir müssten uns dabei bescheiden, wenn es

keinen anderen Ausweg gäbe. Wir müssten dann die Einheitsschule

dadurch herstellen, dass wir auf dem Realgymnasium das Lateinische

auf Kosten der Realdisciplinen bedeutend verstärken, und auf dem

Gymnasium die Zahl der griechischen Stunden an das Lateinische und

die Realdisciplinen vertheilten. Das Beste, was unser heutiges

Gymnasium an humanistischer Bildung bietet, würde einer so gewonnenen

Einheitsschule freilich fehlen, die Kenntniss der griechischen Dichter,

Geschichtsschreiber und Redner, und die Unzulänglichkeit der durch

die lateinischen Schriftsteller vermittelten Weltanschauung würde mit

jedem Menschenalter schärfer zum Bewusstsein gelangen, bis endlich

das Missverhältniss zwischen Ertrag und aufgewendeter Arbeit einem

künftigen Geschlecht allzu schreiend däuchte, um es noch länger zu

ertragen. Die Antipathie gegen das Lateinische und die schon jetzt

unsere reifere Schuljugend durchziehende spöttische Missachtung gegen

dessen Literatur würde mit jedem Jahrzehnt wachsen, bis über kurz oder

lang das nackte Realprincip, unterstützt durch die oben angeführten

politischen und socialen Interessen über den fadenscheinig gewordenen

Humanismus den Sieg davon trüge.

Die Frage ist nur, ob wirklich die Wiederausscheidung des Griechischen

das einzige Mittel zur Vereinfachung des gymnasialen Lehrstoffes

ist, ob nicht die Männer, welche das Griechische als obligatorischen

Unterrichtsgegenstand in das deutsche Gymnasium einführten, doch

auf dem rechten Wege waren, und ob nicht die dadurch entstandene

Ueberbürdung mit zwei alten Sprachen bloss eine Uebergangskrisis

ist, wie sie bei jedem Umschwung tiefgreifender Organisationen fast

unvermeidlich ist. Das Lateinische hat der abendländischen Kultur

über die Nacht des Mittelalters hinweggeholfen und ist die Brücke

geworden, auf welcher sie in der Zeit der Renaissance und Reformation

zu den echten Quellen ursprünglicher Klassicität, zu den Griechen,

zurückzusteigen begann. Sollte dieser geschichtliche Process nicht

auch in der Schule sein entsprechendes Nachspiel finden? Sollte nicht

auch hier die Latinität wesentlich +der Erzieher zum Hellenismus+

sein, und +abgedankt+ werden können, wenn er als solcher seine

Schuldigkeit gethan und ausgedient hat?

Die Völker romanischer Rasse sind leider nicht in der glücklichen

Lage wie die Germanen und Slaven, das Lateinische ohne Weiteres

abschütteln zu können, weil sie durch ihre eigene Vergangenheit und

Sprachentwickelung zu eng mit demselben verknüpft sind. Ausserhalb

Deutschlands ist entweder (wie z. B. bei den slavischen Völkern) der

Sinn für die bildende Kraft der Klassicität überhaupt noch nicht

genügend in’s Volksbewusstsein eingedrungen, oder man klebt noch, wie

die Engländer, an der Bewunderung der lateinischen Afterklassicität

fest. Gerade in Deutschland aber bemühen sich seit hundert Jahren die

Besten der Nation, derselben klar zu machen, dass Hellenismus und

Latinität sich verhalten wie Sonne und Mond, und das Verständniss

dieser Wahrheit ist tief in die öffentliche Meinung eingedrungen.

Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Konsequenzen daraus

für unsere Schule zu ziehen? Erscheint es nicht wie eine Verhöhnung

dieser Wahrheit, dass man die Realgymnasiasten mit dem Lateinischen

quält, anstatt die gleiche Unterrichtszeit auf Griechisch zu

verwenden und dadurch mit einem Schlage das Realgymnasium zu einem

wahrhaft humanistischen zu erheben? Wäre es nicht rationeller, in dem

Gymnasium, wo eine gewisse Pflege des Lateinischen aus praktischen

Gründen vorläufig unentbehrlich scheint, doch den Löwenantheil des

altsprachlichen Unterrichts dem Griechischen zuzuwenden, d. h.

einen +Rollentausch+ zwischen beiden alten Sprachen vorzunehmen

und in Sexta gleich mit dem Griechischen zu beginnen, während der

Anfang des Lateinischen auf Tertia verschoben wird? Das Griechische

ist auch in rein sprachlicher Hinsicht eine viel vollkommenere

und schönere Sprache, und muthet uns dabei viel verwandter und

heimischer an, als das artikellose Latein mit seinem ablativus

absolutus, seinem accusativus cum infinitivio und seiner verzwickten

Wortstellung im Satze. Die lateinische Literatur aber hat gerade

nur insoweit einen Werth, als sie griechische Muster durchschimmern

lässt, und die eklektische Aufklärungsphilosophie eines Cicero, die

im Aufklärungszeitalter des vorigen Jahrhunderts gerade noch als

Bildungsmittel der Jugend genügen konnte, kann es heute schlechterdings

nicht mehr, weder aus dem Gesichtspunkt philosophischer Spekulation,

noch aus demjenigen eines philosophieverachtenden Positivismus.

Zwei Grundsätze, mögen sie nun als solche hingestellt werden, oder

mögen sie als unbestimmt gefühlte den Reformtendenzen zu Grunde

liegen, sind gegenwärtig kaum noch zu bestreiten: 1. +zwei+ alte

Sprachen sind +des Guten zu viel+, und man muss +eine opfern+, um die

+andere zu retten+, und 2. das Lateinische ist als Bildungsmittel

+veraltet+ und nicht mehr die darauf verwendete Zeit und Mühe werth.

Eine wahrhaft humanistische Bildung im Sinne der Einführung in die

ideale Klassicität kann nach dem Massstab der heutigen Ansprüche nicht

mehr das Lateinische, sondern nur noch das Griechische gewähren.

Wer auf eine solche humanistische Bildung keinen Werth legt, wird

die alten Sprachen überhaupt verwerfen müssen; wer sie der höheren

Schule gegen die anstürmende Amerikanisirung aller Werthmassstäbe

zu erhalten sucht, der kämpft auf einem verlorenen Posten, wenn er

seine Kräfte für die Erhaltung des Lateinischen in seinem heutigen

Besitzstande einsetzt. Wollen die Vertreter des humanistischen Princips

nicht durch Uneinigkeit ihre Sache zu Grunde richten, so müssen sie

sich alle ohne Ausnahme um die Fahne des Griechischen schaaren und an

Stelle der Lateinschule der Vergangenheit die +griechische Schule+ als

Zukunfts-Ziel in’s Auge fassen.

Die nähere Ausführung und Begründung dieser Ansichten würde hier zu

weit führen, und muss ich in dieser Hinsicht auf meine Schrift: „Zur

Reform des höheren Schulwesens“ verweisen. Uebrigens ist der von

mir daselbst als zweite Stufe der Reform befürwortete Beginn des

altsprachlichen Unterrichts mit dem Griechischen kein neuer Gedanke, z.

B. von Vittorino da Feltre (1378-1447), Heinrich Stephanus, Tiberius

Hemsterhuis, David Ruhnken, Franz Passow, Fichte, Herbart, Gervinus,

Thaulow u. A. m. vertreten worden. Neuerdings hat mein Standpunkt warme

Vertheidiger gefunden in Hans Müller („Griechische Reisen und Studien“,

Leipzig bei W. Friedrich, 1887) und Johannes Flach („Der Hellenismus

der Zukunft“, ebenda 1888), zwei Schriften, die trotz mancher über das

Ziel hinausschiessenden Uebertreibungen bestens zu empfehlen sind und

hoffentlich dazu beitragen werden, der Schulreformfrage neue Impulse zu

geben und manchen zwischen Latinität und Hellenismus noch Schwankenden

auf die Seite des letzteren hinüberzuziehen. Ebenfalls bekennt sich

zu meinen Zukunftszielen F. Hornemann, der Schriftführer und geistige

Mittelpunkt des „Deutschen Einheitsschulvereins“, allerdings nur in

demselben Sinne wie ich selbst, als zu +Zukunftszielen+, denen man

sich nur +schrittweise+ durch eine vorsichtige geschichtliche

Entwickelung nähern kann[11], während Flach meine drei Stufen der

Reform konfundirt und nicht beachtet, dass ich selbst in der dritten

und letzten dem Lateinischen noch zwei Stunden in den letzten sechs

Schuljahren bewillige.

Wenn es dem Philosophen freistehen muss, seinen Blick auch in eine

spätere Zukunft zu richten, um nach fernen Idealen die gegenwärtig

wünschenswerthen Schritte zu bestimmen, so haben doch alle unmittelbar

zur Ausführung bestimmten Reformvorschläge sich möglichst eng an die

gegebenen Zustände anzuschliessen, damit die +ruhige Stetigkeit+ der

Entwickelung gewahrt bleibt. In diesem Sinne habe ich selbst meine

+erste Stufe+ der Reform gestaltet, und in dieser Auffassung wurzeln

auch die Bestrebungen des deutschen Einheitsschulvereins und seiner

bisherigen Veröffentlichungen (3 Hefte), welche zu den besonnensten

und durchdachtesten Erzeugnissen der neueren Schulreformliteratur

gehören. „Der Zweck des Vereins ist, für die innere Berechtigung einer

Gymnasium und Realgymnasium verschmelzenden höheren Einheitsschule

mit Beibehaltung des +Griechischen+ für +alle+ Schüler einzutreten

und auf die Herbeiführung einer solchen hinzuwirken.“ Der Verein als

solcher hat sich noch nicht über einen Lehrplan geeinigt, wohl aber

hat F. Hornemann einen solchen aufgestellt (a. a. O. S. 108), der sich

ziemlich eng an den preussischen Gymnasiallehrplan von 1882 anschliesst

und dem badischen von 1869 am nächsten steht.

Nicht billigen kann ich in demselben die Verminderung der griechischen

Stunden in Tertia und Sekunda von sieben auf sechs, weil dieselbe dem

+idealen Ziel+ der ganzen Reform, der +Stärkung+ des Griechischen,

schnurstracks zuwiderläuft und statt dessen die vom preussischen

Ministerium im Jahre 1882 begonnene +Zurücksetzung+ des Griechischen

fortführt und verschlimmert. Ebensowenig kann ich es billigen, dass

die Zahl der obligatorischen Wochenstunden in Prima um zwei erhöht

ist, um das Englische unterzubringen; eine solche Erweiterung des

Lehrplanes ohne Verminderung anderen Unterrichtsstoffes darf höchstens

fakultativen Charakter haben. Soll das Englische obligatorisch werden,

so muss es auf Kosten des Lateinischen geschehen. Ich sehe aber

keinen Grund, warum man die hässlichste und formell armseligste aller

europäischen Sprachen allen Gymnasiasten +aufzwingen+ soll, bloss

weil sie die kaufmännische Geschäftssprache von fünf Erdtheilen, die

geschichtlich gewordene Volapük oder Weltsprache ist. Ein solcher

Schritt wäre höchstens dann zu rechtfertigen, wenn er der Kaufpreis

wäre, um den die Verschiedenheit von Realgymnasium und Gymnasium

wirklich endgültig beseitigt würde; so lange aber beide Schulen mit

und ohne Griechisch doch noch nebeneinander fortbestehen, hat das

Gymnasium auch gar keinen Grund, sich mit solchem gegen sein Princip

verstossenden Ballast zu belasten, und die fehlerhafte Zweiheit

der alten Sprachen durch eine ebenso fehlerhafte Zweiheit neuerer

Fremdsprachen zu verschlimmern. Die Hornemann’sche Erhöhung der

französischen Unterrichtsstunden auf vier in Tertia verliert ihre

Bedeutung, wenn der Beginn des Französischen in Quinta nach dem

preussischen Lehrplan beibehalten wird. Um der vierten französischen

Stunde willen in Tertia braucht das Griechische daselbst ebensowenig

beraubt zu werden, als um des Englischen willen in Sekunda. Im Uebrigen

trifft die Erhöhung der französischen Stunden in den oberen Klassen von

zwei auf drei, und die entsprechende Verminderung der lateinischen

Stunden mit meinen Vorschlägen zusammen, während die Vermehrung

der Mathematikstunden in Tertia von 2 auf 3 durch den Beginn des

geometrischen Unterrichts in Quarta entbehrlich geworden ist.

Als die Hauptfrage für den nächsten praktischen Reformschritt darf

die Berechtigung oder Nichtberechtigung des lateinischen Aufsatzes

gelten. In ihr können die Gegner aller alten Sprache mit den

Vorkämpfern des Hellenismus Hand in Hand gehen. Die Frage ist so

zu stellen: lohnt heute noch unter Voraussetzung einer +mittleren+

Lehrkraft bei durchschnittlichem Schülermaterial die auf den

lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe in ausreichendem Masse

oder nicht? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Der lateinische

Aufsatz liegt seit zwei Menschenaltern im Sterben; es handelt sich

nur darum, seine Euthanasie zu beschleunigen, d. h. ihm durch

Ministerialverfügung den letzten Todesstoss zu geben. Die Zahl der in

einem Jahre geschriebenen lateinischen Aufsätze ist bereits auf ein

Drittel, der durchschnittliche Umfang jedes einzelnen auf ein Viertel

des früher üblichen heruntergegangen; dem Rest wird Niemand eine

Thräne nachweinen. Einen vor hundert Jahren erschienenen beliebigen

Zeitungsartikel in’s Lateinische zu übersetzen ist im Durchschnitt

noch sehr viel leichter, als einen heute erschienenen; so sehr hat

sich unser Begriffsschatz und unsere Denkweise im Laufe des letzten

Jahrhunderts von denen des Lateinischen entfernt. Aufsätze kann man

nur in lebenden Sprachen schreiben; die lateinische Sprache ist

aber bereits +zweimal gestorben+, einmal als römische Volks- und

Staatssprache, das zweite Mal als internationale Gelehrtensprache;

sie lebt nur noch als römische Kirchensprache fort und fristet selbst

da bloss noch ein kümmerliches Dasein. Die hohe bildende Kraft des

Aufsatzschreibens in einer lebenden Fremdsprache lässt sich das

Gymnasium bis jetzt +gänzlich entgehen+. Deshalb ist die +Einführung+

des +französischen+ Aufsatzes ebenso wünschenswerth wie die Beseitigung

des lateinischen.

Fassen wir alles zusammen, was für den nächsten Schritt einer

preussischen Schulreform wünschenswerth und anzustreben ist, so sind es

folgende Punkte:

1. Die drei Unterklassen des Gymnasiums und Realgymnasiums müssen

identischen Lehrplan, und zwar den des Gymnasiums, erhalten, damit

wenigstens in ihnen die Einheitsschule zur vollen Wahrheit wird.

2. Der Geschichtsunterricht im Realgymnasium hat die alte Geschichte

in mindestens demselben Umfange zu berücksichtigen, wie derjenige

des Gymnasiums, wobei für eine stärkere Berücksichtigung der neueren

Geschichte in dem Ueberschuss der Geschichtsstunden genügende Zeit

verfügbar bleibt.

3. Die Nachprüfung der Realgymnasialabiturienten, welche die

Berechtigung eines Gymnasialabiturienten zu erlangen wünschen,

ist ausschliesslich auf das Griechische zu beschränken, indem die

Minderleistungen im Lateinischen als durch Mehrleistungen in den

neueren Sprachen aufgewogen zu erachten sind.

4. Die französischen Unterichtsstunden in Sekunda und Prima werden

im Gymnasium von zwei auf drei erhöht, die lateinischen entsprechend

vermindert; der lateinische Aufsatz wird durch den französischen

ersetzt.

5. Es sind Erwägungen darüber anzustellen, ob nach Verlegung des

griechischen Scriptums vom Abiturientenexamen in die Versetzungsprüfung

zur Prima die Pflege des griechischen Extemporales in Prima noch

erforderlich ist oder nicht; nach dem Ausfall dieser Erwägung ist

entweder das griechische Extemporale in Prima +streng zu verbieten+

oder dem Griechischen die siebente Stunde auf Kosten des Lateinischen

+zurückzugeben+, um welche es bei der Verlegung des Unterichtsbeginns

von Quarta nach Tertia gegen früher +verkürzt+ worden ist.

6. Die Prüfung in der Religion ist aus dem Abiturientenexamen

auszuscheiden.

7. Bei allen Versetzungs- und Abgangsprüfungen sind nur die

Hauptgegenstände als entscheidend zu behandeln, den Nebenfächern aber

kein besonderes Gewicht beizumessen.

8. Die häuslichen Arbeiten sind theils durch kursorische Lektüre,

theils durch Anfertigung von Aufsätzen u. s. w. in der Klasse erheblich

einzuschränken. Ausarbeitungen des Lehrvortrages sind entschieden zu

verbieten und durch gedruckte Leitfäden zu ersetzen.

Moderne Probleme · 第 14 / 21 段