der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den
Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam
beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken
kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der
Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die
Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche
Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der
eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt
aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt
durch das unfehlbare Absprechen und die zur Schau getragene Verachtung
von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private
Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich
davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen,
wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen.
Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90-95% der Fall ist, kein
philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit
einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die
Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder
aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die
Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht,
ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen
Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung
mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem
philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird.
Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass
die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden
sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun
aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden
stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet
und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen
Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich
hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken.
Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen
Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum
Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig.
Entweder muss man mindestens vier Semester hindurch ein Kolleg mit
mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie
z. B. Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die
Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche
sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes
Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu
kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem
Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten
zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche
Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch
die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen
schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung,
wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine
aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die
Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen.
Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft,
so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern,
für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie
die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben
aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse
(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben
ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem
Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt.
Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen
Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener
werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird,
und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen
Staatsprüfungen der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall
dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich
sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der
Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum
allmählich wieder steigen.
Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge
hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur
erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar
Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren
waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer
akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur
Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung
der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und
Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten
(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen
philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen
bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der
Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2-6
officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit
die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche
Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der
zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu
verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten
Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der
Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel
mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht
mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“
heruntergekommen ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den
Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle
der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb
ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht
einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen.
Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen
Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen
ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache
leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen
(d. h. aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker)
zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der
staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf
auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung,
zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen
fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu
einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind.
Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz
aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und
philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so
wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie
nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr
genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger
deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und
mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der
Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile
gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation
das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu
gelangen, ihren philosophischen Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo
er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei
den grössten unter den deutschen Philosophen.
Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung
über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand
ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören
(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber
dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob
namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten
werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer
völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu
machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an
die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser
Reform getrennte Buchführung zu halten, d. h. die Befriedigung ihrer
philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der
Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen,
vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu
denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem
Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium
der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur
obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem
und echt deutschem Geiste zu erfüllen.
X.
Die Ueberbürdung der Schuljugend.
Es darf als unbestreitbar gelten, dass heute von den Schülern mehr
häusliche Arbeiten verlangt werden als vor einem Menschenalter, und
dass trotzdem von dem Durchschnitt der Schüler weniger geleistet
wird, so dass die Procentzahl der Nichtversetzten in jeder Klasse
beträchtlich gegen früher gewachsen ist. Die statistische Ermittelung,
ob die Jugend jetzt in durchschnittlich schlechterem Gesundheitszustand
als vor einem Menschenalter die Schule verlässt, ist unausführbar;
aber auch wenn dieses Resultat festzustellen wäre, könnte man doch
einwenden, dass es durch andre Ursachen als die gestiegene Arbeitslast
bedingt oder doch mitbedingt sei. Wichtiger scheint mir die wachsende
Abneigung der Jugend gegen die Schule als Zeugniss dafür, dass letztere
mehr und mehr zu einer krafterschöpfenden Drillanstalt geworden und
mehr und mehr ihren Beruf, zur geistigen Freudigkeit und Frische
anzuregen, verfehlt. Nur der Begabte, der zugleich sich kein Gewissen
daraus macht, sich durchzuschwindeln, kommt ohne leiblichen Schaden
davon, nimmt aber dafür die Gewöhnung an Umgehung der obliegenden
Pflichten als bedauerliche Mitgift in’s Leben mit. Die Verfügung des
preussischen Unterrichtsministeriums vom März 1882 drängt zwar auf
Beschränkung der Unterrichtsziele und namentlich des Memorirstoffs,
aber bis jetzt, wie es scheint, in der Hauptsache vergeblich. Es dürfte
deshalb nicht überflüssig sein, wenn Laien ihre Stimmen erheben, um
nicht blos über die Thatsache zu klagen, sondern auch auf die Ursachen
und die Wege zur Abhülfe hinzuweisen.
Die genannte Centralverfügung weist auf die gegenwärtig in Aufnahme
gekommene fachmässige Vorbildung der Lehrer als auf eine Hauptquelle
der gesteigerten Ansprüche hin; aber es ist psychologisch unmöglich,
durch einfache Verfügungen Abhülfe zu schaffen, so lange die
Schulbehörden erklären, sich nicht auf den Standpunkt stellen zu
können, dass nur auf wenige Unterrichtsgegenstände Werth gelegt wird,
wie es der Geh. Oberregierungsrath Bonitz bei der Debatte über den
Cultusetat im preussischen Abgeordnetenhause gethan hat. Ich behaupte,
dass +nur+ Lateinisch und Griechisch Hauptgegenstände in dem Sinne
sind, dass eine entschiedene Unreife in einem derselben ein Hinderniss
der Versetzung sein darf und muss. Dagegen ist es ganz gleichgültig,
ob ein Schüler der Quarta sicher im elementaren Rechnen ist, oder
ob ein Schüler der Tertia Genügendes in der Geometrie leistet; wenn
er mathematische Anlage hat, so holt er das in den oberen Klassen
mit spielender Leichtigkeit ganz unvermerkt durch den mathematischen
Unterricht nach, und wenn er solche nicht hat, wie thatsächlich etwa
zwei Drittel der Menschen sie nicht haben, so ist es eine unbillige
Härte, ihm wegen solchen Mangels seine Carriere zu verderben und seinen
Eltern schwere Opfer aufzuerlegen. Was der mathematische Unterricht
in den letzten drei Jahren bei Unbefähigten überhaupt leisten kann,
den Hinweis auf die Strenge der mathematischen Beweisführung, das
leistet er auch dann, wenn das Auswendiglernen dieser Beweise und die
Fertigkeit im Aufgabenlösen unbefriedigend erscheint.
Ebenso verkehrt ist es, die deutsche Grammatik in den unteren oder den
deutschen Aufsatz in den oberen Klassen zu einem für die Versetzung
massgebenden Hauptgegenstand aufzubauschen, während letzterer bei der
Abgangsprüfung allerdings als solcher gelten muss. Der Mangel an
deutscher Grammatik wird später durch den Ueberfluss an lateinischer
und griechischer ausreichend ersetzt; die Entwickelung des Stils aber
tritt meist plötzlich und stossweise bei Erlangung einer gewissen
Geistesreife ein, und die Unzulänglichkeit des Stils in Sekunda ist
kein Hinderniss dafür, dass der Betreffende in Prima den besten Aufsatz
der Klasse liefert. Das Französische kann auf dem Gymnasium niemals
eine besondere Wichtigkeit beanspruchen, theils deshalb nicht, weil
die ihm zugetheilte Stundenzahl thatsächlich zu gering ist, um etwas
Ordentliches darin verlangen zu können, theils deshalb nicht, weil es
in keinem Gegenstande leichter und gebotener ist, sich durch Lektüre,
Conversationsstunden u. s. w. nach Abgang von der Schule fortzubilden,
als in diesem, also grade hier die Mängel der Schulbildung am ehesten
nachgeholt und ausgeglichen werden können, wozu nach der Schulzeit
weit eher Musse zu finden ist als während derselben. Die Fächer,
welche hauptsächlich das Gedächtniss in Anspruch nehmen (Geschichte,
Geographie, Naturkunde) verlangen am allerwenigsten den Fortbau auf
einem in den vorhergehenden Klassen gelegten Grunde; man kann bei ihnen
anfangen, wo man will, und hat bis zur Abgangsprüfung doch alles in
den unteren und mittleren Klassen Gelernte wieder spurlos vergessen.
Der Physikunterricht der obersten Klassen endlich besitzt seinen Werth
lediglich in dem Hinweis auf den strengen Kausalzusammenhang der
Naturprocesse und auf das Wesen der experimentellen Induction; dieser
Zweck muss durch die Theilnahme am Unterricht selbst erreicht werden,
und es kommt gar nicht darauf an, wie viel von dem mitgetheilten
Wissensstoff im Gedächtniss behalten wird. Die Entlastung von
Memorirstoff sollte vor allen Dingen beim Religionsunterricht beginnen,
insbesondere bei demjenigen der bereits Confirmirten; nichts wird von
den christlichen Abiturienten als eine drückendere Härte empfunden,
als dass sie zu allen sonstigen Wiederholungen hinzu sich noch mit dem
Auswendiglernen von Katechismus und Kirchenliedern plagen müssen, von
dem ihre jüdischen Mitschüler befreit sind.
Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er sich für alle
Unterrichtsgegenstände gleichmässig interessiren soll; jeder aber
wird durch Anlage und Neigung auf gewisse Nebenfächer hingewiesen
sein, in denen er schon durch die blosse Theilnahme am Unterricht gut
beschlagen ist. Das gerade verleidet unserer Jugend die Schule, dass
ein gleiches Interesse für Alles von ihr verlangt wird, wobei aber für
das Meiste ein bloss erzwungenes Interesse herauskommt. Wer in Latein
und Griechisch Befriedigendes leistet, der sollte unbedenklich versetzt
werden, wofern nur die Leistungen in allen Nebenfächern sich zu einem
befriedigenden Gesammtergebniss kompensiren, also ein Minus der einen
durch ein Plus der andern gedeckt wird; wer aber in Latein, Griechisch,
deutschem Aufsatz und Mathematik genügt, der müsste versetzt werden,
auch wenn er in allen anderen Fächern nicht genügt, und das Urtheil
über die Fertigkeiten dürfte auch nicht den allergeringsten Einfluss
auf die Versetzung haben.
Nach ähnlichen Grundsätzen wurde in meiner Jugend in den mir bekannten
Schulen thatsächlich verfahren, und die Endresultate waren bessere
als heute, wo trotz aller Erschwerung des Schulgangs und trotz
der vermehrten häuslichen Aufgaben die Leistungen in den beiden
Hauptgegenständen des Gymnasiums im Sinken sind. Früher, wo der
häusliche Fleiss sich in der Hauptsache auf Latein und Griechisch
beschränkte, und Jeder die seiner Neigung nicht entsprechenden
Unterrichtsstunden ungestraft zur Abspannung seiner Aufmerksamkeit,
d. h. zur Erholung und Kräftigung derselben für die nächsten Stunden
benutzen konnte, da wurde weit mehr gelernt, als jetzt, wo die multa
das multum unmöglich machen, und die gesteigerte Intensität des
Unterrichts in allen Stunden ohne Ausnahme (theilweise in Verbindung
mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts) die durchschnittliche
Aufnahmefähigkeit der Schüler für den gesammten Unterricht herabsetzt.
Dass es wirklich die Steigerung der Ansprüche in den Nebenfächern
ist, welche die Leistungsfähigkeit der Schüler herabsetzt und sowohl
direkt wie indirekt zu einer das Uebel nur noch verschlimmernden
Vermehrung der häuslichen Arbeiten zwingt, das sieht man am besten an
einem Vergleich zwischen Gymnasium und Realschule; die letztere hat
mehr Schulstunden und mehr häusliche Arbeiten als das erstere, und
trotzdem leistet sie noch weniger als dieses, weil ihr in noch weit
höherem Grade die Koncentration auf wenige Hauptfächer fehlt. Fragt man
aber, wodurch die Schulbehörden zu einer Steigerung ihrer Ansprüche
in den Nebenfächern der Gymnasien gegen früher gedrängt worden sind,
und wodurch sie in dieser falschen Stellung festgehalten werden, so
ist es offenbar der Zug der Zeit nach Verstärkung der Bildung in den
Realwissenschaften, d. h. eine falsche Anticipation der realistischen
Fachbildung durch die Schule als allgemeine Bildungsanstalt, oder
mit anderen Worten eine fehlerhafte Koncurrenz der Gymnasien mit
dem Lehrziel der Oberrealschulen und Realgymnasien, welche eben als
verschiedene Grade der Verquickung von allgemeinen Bildungsschulen mit
Fachschulen zu charakterisiren sind. Die Schulbehörden haben nur den
Fehler begangen, dem Andrängen nach vermehrter Berücksichtigung der
Realwissenschaften auf den Gymnasien zu sehr nachzugeben, und zwar
nicht sowohl in Vermehrung der Stundenzahl, als vielmehr in Steigerung
der Anforderungen an die Schüler. Die sich jetzt am lautesten über die
Ueberbürdung beklagen, sind gerade diejenigen, welche die Regierung
in die falsche Position gedrängt haben und auf diesem Wege immer
weiter drängen möchten; gelänge es dieser Richtung, die alten Sprachen
im Gymnasium zu Gunsten der Realwissenschaften noch erheblich zu
beschränken, d. h. das Gymnasium der Realschule ähnlicher zu machen,
so würde damit die Ueberbürdung der Gymnasialjugend noch über die der
jetzigen Realjugend hinauswachsen, weil die alten Sprachen doch immer
Hauptgegenstände würden bleiben müssen, während sie schon auf dem
jetzigen Realgymnasium in den oberen Klassen nur noch ein Nebenfach
darstellen.
So lange die öffentliche Meinung diesen letzten Grund der Ueberbürdung
nicht erkennt und ihren Einfluss auf die Schulbehörden nicht in
umgekehrter Richtung wie bisher geltend macht, so lange werden
alle Palliativmittel sich als wirkungslos erweisen; erst wenn die
Schulbehörden ihr Aufsichtspersonal dahin instruiren, bei den
Versetzungs- und Abgangsprüfungen nur den Hauptgegenständen Wichtigkeit
beizumessen, bei den Nebenfächern aber der Individualität der Schüler
volle Rechnung zu tragen, erst dann werden die Lehrer der Nebenfächer
aufhören können, sich der Versetzung eines in ihrem Fache nicht
genügenden Schülers zu widersetzen. Dann wird wieder mehr Freiheit für
Lehrer und Schüler und mit ihr mehr Freudigkeit und Liebe zur Arbeit
in die Schule ihren Einzug halten, die jetzt durch den Anspruch, das
Klassenziel von allen zu versetzenden Schülern erreicht zu sehen, mehr
und mehr einer mechanischen Drillthätigkeit gewichen ist. Es wird sehr
wohl möglich sein, die Klassenziele in den Nebenfächern sogar auf der
Höhe zu erhalten, auf welche sie durch die fachmässig gebildeten Lehrer
hinaufgeschraubt sind, sobald man nur darauf verzichtet, alle Schüler
dieses Ziel erreichen zu sehen. Dann werden die Schüler allerdings
nicht mehr mit so einförmig gleichmässiger Bildung wie jetzt die Schule
verlassen, sondern der eine mehr in diesen, der andere mehr in jenen
Fächern gebildet, alle aber mit einem gegen jetzt erhöhten geistigen
Niveau und mit unzerstörter Geistesfrische und Lernfreudigkeit. --
Unter solchen Voraussetzungen allein wird es auch möglich sein,
die häuslichen Arbeiten auf das zu beschränken, worüber sie aus
idealem Gesichtspunkt nicht hinausgreifen sollten: auf Vorbereitung
und Wiederholung. Man hat sich zwar gegenwärtig allgemein daran
gewöhnt, die häuslichen Arbeiten als eine unentbehrliche Ergänzung
des Schulunterrichts anzusehen, aber ich halte diesen Gesichtspunkt
für entschieden falsch, und meine, dass dessen Falschheit Jedem
ohne Weiteres einleuchten müsste, wenn nicht die Gewöhnung an das
Gegentheil als an den normalen Zustand die Unbefangenheit des Urtheils
aufhöbe. Die Schule ist dazu da, um der Jugend die nöthige allgemeine
Bildung einzupflanzen, und wenn sie sich dazu unfähig erklärt ohne
Zuhülfenahme des Hauses, so beweist sie damit nur, dass entweder in
ihrer Organisation ein Fehler steckt, oder dass die Lehrer die ihnen
obliegende Aufgabe theilweise auf das Haus abzuwälzen bequemer finden.
Zehn Stunden Handarbeit findet man heute bereits zuviel und steuert
auf den achtstündigen Normalarbeitstag für alle Arbeiter hin; sollte
da nicht achtstündige Arbeitszeit für die Kopfarbeit Erwachsener
erst recht als unüberschreitbares Maximum gelten, und sollten nicht
drei Viertel dieses Quantums die allerhöchste, aus hygienischen
Rücksichten an jugendliche, unreife Gehirne zu stellende Zumuthung
sein? Dieses Maximum wird aber mit 34-38 Wochenstunden (in Gymnasien
und Realgymnasien) thatsächlich erreicht und die hinzutretende
Inanspruchnahme für häusliche Arbeiten ist eine auf keine Weise zu
rechtfertigende Ueberanspannung. Es hat weit schädlichere Folgen,
wenn man bei geistiger, als wenn man bei körperlicher Arbeit die
gesundheitlich zulässige Grenze überschreitet; während aber der Staat
den jugendlichen Fabrikarbeitern durch gesetzliche Beschränkungen der
Arbeitszeit ohne Rücksicht auf die dadurch herbeigeführte Verringerung
des Familieneinkommens seine Fürsorge widmet, stützt er sich darauf,
dass Schulmännerkonferenzen eine 3-3½-stündige häusliche Arbeitszeit
neben 36 wöchentlichen Schulstunden für keine Ueberbürdung der
reiferen Jugend erklären, anstatt darin den Wahrspruch einer bei der
Angelegenheit dringlichst interessirten +Partei+ zu erblicken. Die
Schulmänner haben ohne Zweifel das Interesse, die Arbeitsleistung
der Schule, d. h. ihre eigene Arbeitsleistung durch Mitanspannung
des Hauses zu erleichtern; das Haus aber hat um so mehr Grund,
diesem Uebergriff zu wehren, als derselbe eben so unpädagogisch
wie gesundheitswidrig ist, und wenn die fehlerhafte Organisation
der Schule, die Unfähigkeit zur selbstständigen Erfüllung ihrer
Aufgabe, bis zu einem gewissen Grade als Entschuldigungsgrund für
diesen Uebergriff gelten kann, so liegt darin eine um so stärkere
Aufforderung, an diese fehlerhafte Organisation die bessernde Hand zu
legen.