Wer nicht hinreichend mit Gütern gesegnet ist, um nach absolvirtem

Staatsexamen sich ganz dem theoretischen Studium zu widmen, der würde

zunächst eine Lehrersstellung an einer Schule in einer Universitätsstadt

zu erlangen suchen und die 120 Sonntage, Feiertage und Ferientage

im Jahre der Vorbereitung für ein Kolleg widmen; wer aber einige

Zubusse hätte, der würde am liebsten eine halbe Lehrersstellung mit

halbem Gehalt annehmen, um noch mehr freie Zeit zu gewinnen. Die

Schulbehörden würden nur dem Interesse des nationalen Unterrichts

im Ganzen dienen, wenn sie die Habilitationsreflektanten bei der

Anstellung in Universitätsorten bevorzugten und wie in der Schweiz

die Verleihung halber Lehrersstellen (wenigstens für die ersten zehn

Dienstjahre) genehmigten. Die Versuchung, zu viel Kollegien neben

einander zu lesen, fällt für die Privatdocenten mit dem Aufhören

der Kollegiengelder ohnehin fort, so dass die Behörden keine

erhebliche Störung der dienstlichen Interessen von einer solchen

Nebenbeschäftigung zu befürchten haben. Es ist nun einmal unerlässlich,

die Docententhätigkeit auch in der philosophischen Fakultät mit

irgend einem anderweitigen Broterwerb zu verknüpfen, wenn nicht die

akademische Laufbahn immer mehr ein Vorrecht der Wohlhabenden werden

soll; es liegt aber im dringenden Interesse des Ganzen, dass die

Verknüpfung der Docenten-Thätigkeit mit dem journalistischen Broterwerb

verhütet werde, und schon darum ist es nöthig, dass der Verbindung des

Lehramtes an einer höheren Schule mit demjenigen an einer Hochschule

die Wege gebahnt werden. Selbstverständlich muss diese Verkoppelung von

Aemtern mit der Ernennung zum besoldeten ausserordentlichen Professor

ein Ende finden.

Ich bilde mir nicht ein, dass mit den vorgeschlagenen Aenderungen

in der Einrichtung der Vorlesungen, in den Gehaltsverhältnissen der

Professoren und in der Stellung der Docenten alle Klagen über unser

Universitätswesen verstummen würden; aber ich glaube, dass damit

eine gründliche Abhilfe für die offensten Schäden und dringendsten

Uebelstände geschaffen werden würde, denen auf anderem Wege schwer

oder gar nicht beizukommen ist, und dass das Ansehen und die

Zufriedenheit der Professoren, die Würde ihres Berufs und der Nutzen

der Universitäten in unserem öffentlichen Leben sehr gewinnen würden,

ohne dass dabei wesentlich höhere Aufwendungen als jetzt erforderlich

wären.

IX.

Das Philosophie-Studium an den Universitäten.

Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material

zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung

in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden

Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die

Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen

so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne

Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und

fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die

Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus

demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen

Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu

der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth

behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und

Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter

von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen

der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden

Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des

engeren Faches, z. B. der Mathematik, hört die Möglichkeit der

Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen

Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich

in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften

arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium

kleinkrämerischer Detailnotizen aus.

Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an.

Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa

ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen,

das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel

Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben

Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit

übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen

die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde

Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium

eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz

enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht

gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden

letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert

so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade

erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums,

Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen

wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der

Chinesen, Juden und Muhamedaner.

Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und

die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen

sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der

Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche

Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass

Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck,

sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber

bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich

zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren

Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den

Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem

grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren

mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur

weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das

Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der

Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil

ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen

Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und

singulären Erfahrung verloren gegangen ist.

Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur

in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für

alle Künste, hat die Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt,

wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von

dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck

zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten

Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche

Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein

Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo

die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau

von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben.

Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher

Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite

eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen

Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie

in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie

führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der

Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften

aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen,

so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder

Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, d. h. jede

Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth

gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt

schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die

höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu

beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese

ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit

die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der

Einzelwissenschaften begriffen werden, vor allen Dingen erst wieder

alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der

Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein

der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin

der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften,

nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen

Erkenntnisssystems eingeräumt werden.

So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener

Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse

mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur

jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird

die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften

in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie

als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich;

die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung

bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein

Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird

ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der

Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse

im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals

anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein

müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die

unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande,

die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das

einheitliche System der Erkenntniss zu fördern.

Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die

allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so

grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener

sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun

gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je

zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin

auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es

gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der

Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu

umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder

auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt

möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung

zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit

die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und

geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen

könnte.

Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie

in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten

Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den

Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter

der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt

tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der

Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der

Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist,

doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete

phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth

ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die

Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen,

so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren

der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen

nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest

von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem

gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat.

Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur

zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar

nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung

unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen,

ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und

verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer

unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls

sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen

Sensualisten und Positivisten begnügen; d. h. sie plagen sich

ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst

überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig

schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil

sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der

heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die

Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu

philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem

sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem,

geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter

ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten

Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind

mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu

keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen

zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die

philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern

bewunderungswürdig waren, in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie

entsprechenden Weise umzubilden.

Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen

der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und

dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung

und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht

das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die

Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen

Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der

Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen

Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen

kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu

Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die

meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es

ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium

herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von

demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der

Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört

hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien

zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört,

obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar

kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder

Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen.

Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche

und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine

Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es

sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium,

sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres Bildungsganges

aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen

Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören

eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist

Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit

dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch

zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit

principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das

man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann

nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden

Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das

Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches

Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des

Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen,

Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch

philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher

weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu

hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur

die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch

unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs

dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist

man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung

in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange

Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss

der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit

Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist

deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der

Philosophie durch den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs

ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass

das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen

wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung

der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des

Besuchsattestes erspart wird.

Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das

wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu

werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten,

Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von

Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der

philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist?

Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie

zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst

man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse

als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in

der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht

auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse

Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das

Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter

und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder

Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit

bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen.

Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie

den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja

die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter

allen Akademikern zu sein!

Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen, wenn ich behaupte,

dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden

hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie

jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph,

wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte,

ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein

Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die

Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings,

Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt

hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses

Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle

bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige

metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse.

Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären,

ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt

ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht),

kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein,

von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im

günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was

aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat

hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen

und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im

ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss

angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand

die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften,

damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu

thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene

Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen Universitätsprofessoren

in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so

hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives

philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische

Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines

philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er

dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle

bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen

guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich

genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern

womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den

gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb

empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht

zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er

ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die

kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr

spekulativen Partien.

Moderne Probleme · 第 11 / 21 段