Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von
rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche
Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb
darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und
den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren
Jünglinge wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher
Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass
im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen
Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz
der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es
schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu
rauchen.
Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und
anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese
Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu
vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher
unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus
gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten,
sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege)
leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen
aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein
eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche
Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben,
kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen
Nachahmungstriebes.
Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über
ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen
Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen
mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der
Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese
Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich
Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls
ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen-
und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.
Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein
werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee,
Kaffee, Cacao u. s. w. besitzen in diesen Reizmittel genug, als
dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte.
Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der
Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden
nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich
viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.
Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit
ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer
Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen
kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss;
die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung
(Spinalirritation, Amblyopie u. s. w.) sind aber zum Theil noch so
wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug
von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.
Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen
Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte
beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur
die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen
dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten
Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen
Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter
gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des
Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.
Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des
Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch nicht der physiologische
Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an
anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.
Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens
wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine
Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine
Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern
zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn
einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die
Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem
jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.
Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks
beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung
der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die
jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von
Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu
dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also
ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde
die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören
des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.
Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls
allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe
durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen,
denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies
Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und
Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach
Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine Steuer
bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.
Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch
von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich
erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen
würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden
Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die
erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen
die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend
werden könnte.
Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr
in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise,
insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um
erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen
desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken
trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das
Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde,
ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.
3. Die Politik und die Jugend.
Ein Hauptunglück der Zeit nach d. J. 48 in Deutschland ist das
Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern
politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen,
gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder
Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche
an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen
auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit erschöpfter und
erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur
weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um
sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung
zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik
den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische
Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit
des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an
socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit
zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit
der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille
des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben
aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen
und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der
Reformationszeit der konfessionelle Hader.
Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten
Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung
und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen
erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen,
und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde
das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier
und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.
Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren
politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für
die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten,
wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis
24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur
in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen
gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also
etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre
Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits
das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten
verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt
verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so
versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie
unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica
bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die
Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen
Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch
vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt
haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige
politische Urtheilsbildung erst möglich wird.
4. Puder und Schminke.
Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der
nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und
Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle
sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und
Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur,
der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu
heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten
schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober.
Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten
kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle
Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum eintönigen
Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel
zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen
Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt,
gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und
Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht
sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben
spielen will.
Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die
„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn
an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und
Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen
Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher
als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.
Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der
Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass
in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und
Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des
Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth
thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist
eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer
Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem
Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im
vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem
der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung
von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die
socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur
liefern sollte.
VIII.
Zur Reform des Universitätsunterrichts.
Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr
die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den
ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen
neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und
sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung
so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum
ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach
ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies
Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen
liegt.
Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der
Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu
Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder
gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht
ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu
studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten
Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten,
so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für
allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig
bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der
Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum
das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen
aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und
gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen
Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen wir noch
studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit
wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen
darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass
aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern
erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige
sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung.
Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von
Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich
und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste
Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung
nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst
mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der
Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt
die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven
und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz
erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte
Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit
erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt
steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und
deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife
Individuen keine Rücksicht zu nehmen.
Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts,
bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag
sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche
Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt,
ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler
nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein
Student würde es sich einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er
bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten
eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten
Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug
des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die
Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent
ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde
den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten
Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem
Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies
nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern
geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich
scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue
Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen
Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so
selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen,
ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch
selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik
ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,[9] andrerseits durch solche
Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den
Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu
machen.
In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem
faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge
durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande
bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor,
wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, d. h. ein
gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen
ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes
Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der
Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose
Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts
unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend
zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den
Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat
des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts
daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn
seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen
ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie,
Hektographie u. s. w.), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die
Zeit für das Diktat zu ersparen.
Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem
sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit
Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische
Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem
+freien+ Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil wirkt
das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer als
die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe
sich bei letzterer von vornherein auf sich allein angewiesen weiss,
bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende
und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird.
Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der
Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den
Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte
die Ziffer sehr gering ausfallen.
Nimmt man noch hinzu, dass nur ein kleiner Theil unter den Vorlesenden
gut zu lesen versteht, einige sogar geradezu schwer zu verstehen sind,
so begreift man, dass das Hören der Vorlesungen bei den Studenten in
eben dem Maasse aus der Mode gekommen ist, als geeignete Lehrbücher der
verschiedenen Fächer sich dem Selbststudium durch Lektüre dargeboten
haben. Der fleissige Student arbeitet lieber zu Hause ein gangbares
Lehrbuch durch, das in der Regel besser ist als die Vorlesungen
seines Professors, und erspart sich damit den Besuch der Kollegia. Er
verbessert also auf eigne Hand den Fehler, den die Universität mit dem
Ignoriren der Buchdruckerkunst begangen hat; aber er vollzieht diese
Verbesserung nur dadurch, dass er das Universitätsstudium zum leeren
Schein verflüchtigt und das Privatstudium an dessen Stelle setzt. Er
muss nach wie vor die Kollegia, die er nicht hört, bezahlen und der
Professor muss, um nicht seine Einnahmen zu gefährden, den Besuch der
Wahrheit zuwider bezeugen. Der Student ist ferner genöthigt, sich die
Diktathefte des nicht gehörten Professors zu verschaffen, und sie
durchzuarbeiten, um im Examen bei ihm bestehen zu können, weil der
Examinator ja nicht merken darf, dass der Examinand sein Wissen aus dem
Lehrbuch eines Konkurrenten geschöpft hat.
So führt der Fehler im Universitätsunterricht und dessen eigenmächtige
Verbesserung von Seiten der Studenten zur Unwahrheit auf beiden
Seiten, zu einem in sich unsittlichen Zustand, der den Misskredit der
Vorlesungen zu einer wirklichen Missachtung steigern muss. Dieser
Zustand erfordert dringend Abhülfe und diese ist auf keinem anderen
Wege möglich, als dadurch, dass der Universitätsunterricht seinen
Grundfehler: das Ignoriren der Buchdruckerkunst, ablegt. Entweder ist
das Heft, welches ein Professor vorliest, werth gedruckt zu werden,
dann soll es auch als gedrucktes Lehrbuch den Studenten zugänglich
sein; oder es ist nicht werth, gedruckt zu werden, dann ist es auch
erst recht nicht werth, vorgelesen zu werden, und die Studenten haben
dann ganz Recht, wenn sie sich gegen den Besuch solcher Vorlesungen
sträuben und den direkten oder indirekten Zwang dazu als ein ihnen
angethanes Unrecht empfinden. Ein direkter Zwang zu einem Kolleg
besteht aber da, wo der Besuch eines Kollegs über den Gegenstand
obligatorisch ist und nur ein Lehrer über den Gegenstand liest; ein
indirekter Zwang besteht überall, wo ein Examinator das Kolleg über
einen Prüfungsgegenstand liest. Daraus folgt, dass kein Professor
ständiger Examinator in einem Fache werden darf, über das er nicht
entweder ein Lehrbuch herausgegeben hat, oder das er nicht nach dem
Lehrbuche eines Dritten behandelt und prüft.
Hiergegen wird man nun einwenden, dass eine solche Bestimmung erst
recht dazu führen würde, die Hörsäle zu veröden, und dass mit ihr der
Universitätsunterricht in der Hauptsache seine Abdankung legalisiren
würde, wofern er nur zu der Konsequenz fortginge, anstatt der unwahren
Atteste über den Besuch der Zwangskollegien wahrhafte Quittungen
über den Ankauf der betreffenden Lehrbücher zu fordern. Insoweit
als dieser Einwand richtig ist, kann man nur darauf antworten, dass
insoweit allerdings der mündliche Universitätsunterricht das Recht zu
existiren verloren hat, und dass es nicht gerechtfertigt werden kann,
einen innerlich unhaltbar gewordenen Zustand durch ein künstliches
System konventioneller Unwahrheiten als hohles Scheinbild konserviren
zu wollen. Insoweit muss also jede Maassregel willkommen geheissen
werden, welche den äusseren Zusammenbruch eines innerlich hohlen und
unwahren Zustandes beschleunigt. Aber es ist nicht richtig, dass mit
der vorgeschlagenen Maassregel der mündliche Universitätsunterricht
noch weiter herunterkommen würde; im Gegentheil würde dieselbe geeignet
sein, ihm einen neuen Aufschwung zu verschaffen, wofern derselbe
nur die durch die veränderten Umstände gebotene Umwandlung mit sich
vornimmt.