So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch

keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache

Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende

unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und

mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen.

Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden

Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift

dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten

neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft

werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche

Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den

Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen

mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen

davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern

aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht

unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und

im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei

offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher

eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss

leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen

Gefahren.

Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit

böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden

frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen

zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon

und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung,

hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach

über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch

kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser

Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten

Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die

Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in

Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt.

Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge

in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben

zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er

die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung

herausreisst.

Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres

stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar

und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht

einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen

wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es

führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen

Verhältnisse es gestatten.

Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich

bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder

herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den

Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die

journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft

auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem

täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit

gethan zu haben.

Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs

überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und

bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und

bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische

Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder

wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen

mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande

sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der

Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige

scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz

des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im

heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub

des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört

nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein

stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die

Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen

des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich

die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man

am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der

inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der

Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten

„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der

Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn-

und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was

diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich

in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder

bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht,

die gestellte Forderung zu verwirklichen.

Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist

ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder

ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne

Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie

des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen;

die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet

praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden

Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und

festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz

gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst

ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn

sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines

Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth

entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen

Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung

der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den

Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung

an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche

Verhältniss.

Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser

baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die

Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit

in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung

der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben

mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser

baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung

grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel

theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge

erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es

unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite

wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen

am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen,

trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund

liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei

Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume

von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation

beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben

von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden

Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch

rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut

wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern

derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der

Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen

unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone

anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und

Aussterben der Gärten.

Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den

letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich

desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen

und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie

konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie

sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften

aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei

Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei

Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue

Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren

und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in

ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite

zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist

nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht

ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer

auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor

retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler

zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in

verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig,

in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im

Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen,

dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten

zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung

erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und

welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit

aufdrängen wird.

Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen

wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren

Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben

gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.

Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis,

dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer

ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind.

Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern

eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen

einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel,

eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am

auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder,

der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese

Reisekosten spart.

Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen

Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich

vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde

Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das

Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das

Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert

und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger

werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern

fortwährend kleine abgelassen werden.

Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer

Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile

für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die

Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der

unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so

dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer

werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.

Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen,

dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer

Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune

näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige

Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel

zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter

Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.

VII.

Moderne Unsitten.

1. Der Blumenluxus.

Der Strauss, den ich gepflücket,

Grüsse Dich viel tausend Mal!

Ich habe mich oft gebücket

Ach, wohl ein tausend Mal,

Und ihn an’s Herz gedrücket

Viel hundert tausend Mal.

+Goethe.+

Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen,

sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine

symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet

damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch,

sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen;

wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch

aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung

ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der

Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf

den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die

beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf

Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das

Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken

der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man

eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass

man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu

sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und

gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die

Theure zu zieren.

Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie

ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen

Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen

tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein

ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner

Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo

die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung

hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur

da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem

Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede

kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von

der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert

damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit

Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche

Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als

die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane

Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in

ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was

man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten

gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr

sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth

des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld

ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte,

welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet,

sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende

Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe ist der

Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium

affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches

und der aufgewandten Mühe proportional ist.

Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders

als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des

Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen

Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren.

Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz

verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen

bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte

Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind,

und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger

und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter.

Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab,

als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth

derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je

anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint,

je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die

Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern

auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung

der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt

nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering

ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des

Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen

Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden

kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth

eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur

durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen

von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der

Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und

Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das

Beschenken mit Vasen, Nippsachen u. dgl. etwas einwenden kann, wenn die

Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte

das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll

arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern u. s. w.; aber es müssen dann

eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen u. dgl. schenken

dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss

für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth

für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht

fällt.

Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten;

man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf

Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen,

und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble

Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt,

der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein

Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage

mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt,

wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen

überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem

Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und

die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden

Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus,

die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu

werden, dass die Sitten, aus denen diese Ausschreitungen hervorgehen,

selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit

wird, die bessernde Hand anzulegen.

Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er

sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die

Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen,

oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen

schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei

der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag

ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s

Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch

Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem

Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen

anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen.

Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt

wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz

wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die

Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz

wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare

Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die

Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der

Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige

Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz

für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.

So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur

Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene

feineren Bedenken schweigen, welche sofort in ihr Recht treten, wo

die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt

so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm

und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter

Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, -- ein noch

lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist.

Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter,

verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem

das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen

und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose

am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht

schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat

und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des

Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die

Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht

eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen

Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet

hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den

unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen.

Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen

die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte

Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im

Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen

gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das

Herz verletzt.

Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet

wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese,

Feld und Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat,

oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz

sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer

aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am

schönsten ist, d. h. in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren

naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im

Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu

bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei,

einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht

gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus

Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen

Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch

zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt,

dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter

verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des

vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung

und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da

feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.

2. Das Rauchen.

Moderne Probleme · 第 8 / 21 段