Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den

Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden

sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf

die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten

passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden,

wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die

Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt

bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit

wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von

der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine

Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend

nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend

und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es

früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag

als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche

Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein

Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer

empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem

Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst

kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9

verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen,

so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr

Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen.

Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer

allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die man nur trägt,

weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.

In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit

nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der

Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren,

indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt,

d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird

zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer

sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische

Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens

abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit

nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber

die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das

Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der

Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte

geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen

und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit

vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander,

wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden

ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich

vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu

setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt

ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein

Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die

hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen

liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht

mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten

Nebenmahlzeit schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in

die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines

überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche

Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt

vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.

Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“

bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen

und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die

Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige

Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf

einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.

Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu

fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder

den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften

einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart

zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als

unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen

Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn

es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger

Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass

man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein

übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit

des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche

Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch

auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche

nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.

2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.

In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren

Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie

verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit

an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin

dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv

eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche

Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für

die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern

entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch

eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen

beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden,

dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen

Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die

besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen

Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden

wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die

Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite

durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden

dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung

der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren,

enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen

Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser

dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu,

dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer

Weise gestiegen war, welche es dem Mittelstand fast unmöglich machte,

häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die

häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz

auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative

„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende

Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen

hat.

So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem

demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge

unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der

Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den

angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen

Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht

hat. Beides muss leider verneint werden.

Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie

die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen

noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine

scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau,

welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht,

wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen.

Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit

der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie

im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat

nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu

suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die

Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene

Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein,

so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des Hauses und in der

täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den

Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst

entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden.

Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt

und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern,

so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie

dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die

frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen

Lebens sittlich geschädigt.

Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer

pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr

in Kaffeekränzchen u. s. w. eine gewisse Schadloshaltung zu suchen;

aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser

Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen

Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen

sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung

und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem,

die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das

Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch

schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur

der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem

gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und

veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen

Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles

Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der

ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen

zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Befriedigung

des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit

Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der

geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung

gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen

und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten

und verfeinertsten Genussfähigkeit.

Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich

zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung

der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter

besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch,

Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein

Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen!

Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel

das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz

allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel

und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den

unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den

modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen

Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch

enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch

ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften

einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede

mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der

eignen Gruppe.

Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben

an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht

und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls

etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche

Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige

Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau

erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der

Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben,

als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder

mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte

Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und

Bedienung hätten gestatten können.

Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich

der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie

trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder

kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels

in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren

Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb

nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt

und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der

vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo

der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung,

dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig

überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in

letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes

zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes

einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der

Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und

bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen

und steigern. Man wage doch nur, seinen Gästen dasselbe zu bieten,

was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der

ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt.

Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete

Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht;

sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen

zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens

in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit

Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche

Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene

Kneipe zurückkehren.

Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener

sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen

Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem

Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem

Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit

gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der

sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die

Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der

Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung

abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden.

Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und

unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die

Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen

rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere

Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den

Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu

dürfen.

Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden

Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem

Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch

in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für

die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer

Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus

Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im

Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem

sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft

erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst

sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung

steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen,

und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit.

Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben

des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung

als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der

Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für

den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale

für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut

wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird

sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen

früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter

ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene

Familiengeselligkeit suchen.

VI.

Die Wohnungsfrage.

Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande,

speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut

noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in

der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn,

in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr.

Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten

eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf

seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines

Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der

Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte

der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer

Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so

wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige

Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er

ist also z. B. um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien

gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist.

Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage

meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich

ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig

ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien

zu arbeiten hat.

Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter

des nördlichen Europas hervor, der durch seine Berufsarbeit,

wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche

Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten

oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische

Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die

Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich

von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind

die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander

verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume,

erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau,

beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer

der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten

ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt;

am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer,

Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise

benutzt werden.

Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer

zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird

immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart,

welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige

Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein

Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel

in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die

Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen

Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute

Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar

nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“

Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter

„gute Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei,

dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende

Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine

ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische

Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.

Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur

die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer

Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen

wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst

dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation

verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen.

Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann

die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine

aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl

das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem

Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen,

wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose

Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss,

so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben

anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in

der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher

von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in

denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf

suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen

Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.

Moderne Probleme · 第 7 / 21 段