In dem unnatürlichen egoistischen Widerwillen vieler Mädchen der

höheren Stände gegen eine opferbereite Erfüllung des Frauenberufs ist

ein zwar verborgenes und sorgsam verhülltes aber doch hinreichend

durchscheinendes Motiv aufgedeckt, welches die Männer von der Ehe mit

Standesgenossinnen abschreckt, sobald sie klar genug blicken, um zu

merken, dass es darauf abgesehen ist, sie im Handel zu betrügen, und

dass sie in einer solchen Ehe vor die Wahl gestellt sind, entweder

unter dem Druck pekuniärer Motive sich mit guter Miene in die Lage des

Betrogenen zu finden, oder die Frau zur Erfüllung ihrer Pflichten zu

zwingen auf Kosten des ehelichen Friedens und häuslichen Behagens. Es

giebt aber auch offener zu Tage liegende Gründe, welche die Zunahme

der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung erklären, nämlich der immer

allgemeiner werdende Hang, über seinen Stand hinaus zu leben.

Es ist unbestreitbare Thatsache, dass trotz einer rascheren Vermehrung

der Bevölkerung die Lebenshaltung aller Stände in den letzten 150

Jahren ausserordentlich gestiegen ist. Unsere heutigen Arbeiter,

welche über Unzulänglichkeit der Löhne klagen, können sich kaum einen

Begriff davon machen, in welchem Elend ihre Urgrosseltern lebten; aber

unser Mittelstand bis in die höchsten Berufsarten hinauf kann sich in

seinen älteren Gliedern noch sehr wohl entsinnen, welche puritanische

Einfachheit in den Häusern seiner Grosseltern nach den Mittheilungen

der Eltern in deren Jugend geherrscht hat. Die Möglichkeit einer

besseren Lebenshaltung aller Stände trotz schneller Volksvermehrung

liegt ausschliesslich darin, dass jetzt die aufgespeicherte Sonnenkraft

vergangener Jahrtausende, die wir mit den Steinkohlen aus der Erde

graben, vermittelst unsrer Maschinen unverhältnissmässig viel mehr

Gebrauchswerthe producirt, als dieselbe Volkszahl durch eigne Kraft

und Handarbeit liefern könnte, und dass wir gegen einen überschüssigen

Theil dieser Fabrikate die Bodenprodukte andrer Länder und Welttheile

eintauschen können. Der Grund dafür, dass der Drang nach Steigerung

des Wohllebens gegenwärtig so viel intensiver geworden und theilweise

in eine krankhafte Genusssucht ausgeartet ist, liegt einerseits darin,

dass die bedeutend vermehrte Klasse der sehr Reichen in dem produktiven

Raffinement unsrer Zeit die Mittel zu einem höchst verfeinerten

Wohlleben vorfindet und durch ihr Beispiel die andern Stände zur

Nacheiferung anreizt, andrerseits darin, dass der demokratische

nivellirende Zug unsres Zeitalters sich mehr als je gegen die

Unterschiede des Komforts verschiedener Stände als gegen eine sociale

Ungerechtigkeit auflehnt, und die Genüsse der Bevorzugten als das

gleiche Recht für Alle fordert.

Wie überall sind auch hier Vortheile und Nachtheile verbunden. Die

Intensität des Emporstrebens in eine günstigere Lebenslage, welche der

Haupthebel des Kulturfortschritts durch Steigerung des Wettbewerbs

und des Arbeitseifers ist, hängt selbst wieder wesentlich von der

Intensität ab, mit welcher von jedem Stande die Theilnahme an den

Genüssen und Vorzügen der über ihm stehenden Stände ersehnt wird und

insofern ist diese Intensität ein Vorzug unsrer Zeit. Andrerseits

liegt in ihr eine Steigerung der Gefahr, dass man die Zukunft, d.

h. die reellen Chancen des socialen Emporsteigens der Familie, um

der Gegenwart willen, d. h. um des vermehrten augenblicklichen

Behagens willen preisgiebt, dass man die erstrebte Sache, d. h. die

Gewinnung einer behaglicheren Lebenslage, dem blossen Schein ihres

Besitzes opfert. In diesem Sinne wird dasjenige, was Hebel eines

beschleunigten Kulturfortschritts sein sollte, zum Hinderniss des

Fortschreitens der Familie, nämlich wenn der Leichtsinn, welcher die

Mittel des Emporklimmens in momentaner Genusssucht verzehrt, und die

Eitelkeit, welche den gleissenden Prunk und die hohle Prahlerei an die

Stelle des wirklichen Besitzes einer günstigeren Lage setzen, sich

hinzugesellen. Darum ist der Drang nach Emporsteigen nur insoweit

wirthschaftlich gesund und social berechtigt und zweckmässig, als er

die Kräfte zum Erwerb grösserer Mittel anspornt, aber verderblich,

wo er mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln das Ziel des

Wunsches vorwegnimmt, d. h. zu unverhältnissmässigen Luxus führt. Wie

ein unverhältnissmässig geringes Luxusbedürfniss zum Hemmniss des

Kulturfortschritts wird und ein Volk zum Stillstand verurtheilt, so

muss ein übermässiges, d. h. über die verfügbaren Mittel hinausgehendes

Luxusbedürfniss zum kulturgeschichtlichen Rückschritt und endlich zum

Ruin führen.

Was für ganze Völker gilt, das gilt nicht minder für einzelne Stände

und Familien. Nichts muss so unfehlbar den Ruin des Grundadels

beschleunigen, als dessen krankhafte Sucht, sich an Luxus nicht von

dem Geldadel überflügeln zu lassen, und ein grosser Theil der Klagen

über die zunehmende Verschuldung des Grossgrundbesitzes ist allein

darauf zurückzuführen, dass die rasche Steigerung der Gütererträge doch

noch weit überholt ist durch die Steigerung der Lebensgewohnheiten der

unmittelbar und mittelbar von ihnen lebenden Familien. Der Dienstadel

oder Beamtenstand klagt in den meisten Beamtenkategorien mit Unrecht

darüber, dass die Steigerung der Gehälter mit der Entwerthung des

Geldes nicht gleichen Schritt gehalten habe; seine sociale Stellung ist

nur dadurch relativ ungünstiger geworden, weil die Lebensgewohnheiten

des Geldadels und des mit ihm wetteifernden Grundadels seit einigen

Menschenaltern sich ausserordentlich gesteigert haben, so dass er

im Vergleich zu diesen ihm verwandten Ständen sich in derselben

Lage höchst unzufrieden fühlt, mit welcher er früher sehr zufrieden

war. Sogar der Officierstand, der am meisten Anlass hätte, jede

Verweichlichung zu scheuen und in spartanischer Bedürfnisslosigkeit

seine Ehre zu suchen, ist mehr und mehr in einen thörichten Wettstreit

mit dem Geldadel gerathen, und hier wirkt jede Verirrung des

Standesgeistes um so schlimmer, als der Einzelne weit weniger die

Möglichkeit hat, sich gegen erkannte Unsitten aufzulehnen. Weil in

allen Ständen mit Ausnahme des Geldadels die Ansprüche an das Leben

schneller gewachsen sind als die Mittel ihrer Befriedigung, nur darum

ist die Unzufriedenheit und die Klage über unauskömmliche Mittel jetzt

so weit verbreitet.

Dieselben Stände, welche früher bei bescheidener Lebensweise Mittel

genug übrig hatten, um eine reichliche Kinderzahl anspruchslos aber gut

zu erziehen und noch einen Nothgroschen für die Familie zurückzulegen,

verbrauchen jetzt bei gestiegenen Lebensansprüchen ein Einkommen

von mindestens gleicher Kaufkraft entweder für sich allein oder für

eine viel kleinere Familie, erziehen wenige, aber anspruchsvolle und

verwöhnte Kinder und lassen ihre Hinterbliebenen in einer hilflosen,

mit ihrer Verwöhnung um so bitterer kontrastirenden Lage zurück, weil

die luxuriösere Lebenshaltung für Sparrücklagen zur Selbstversicherung

nichts übrig lässt. Die so über ihren Stand hinaus gewöhnten Kinder

sind dann die Heirathskandidaten der nächsten Generation. Ist es da ein

Wunder, wenn die Söhne Bedenken tragen, sich zu verheirathen und ihren

Arbeitsertrag für sich allein verbrauchen, und wenn die mittellosen

Töchter dem Loose einer traurigen Jungfernschaft und oft genug dem

Kreise der verschämten Armuth verfallen?

Auch in der Familie, ebenso wie im Stande und im Volke, ist der Tod,

d. h. das Aussterben, der Sold der wirthschaftlichen Sünde. Wo noch

ein natürliches sociales Solidaritätsbewusstsein herrscht, wirkt diese

Erkenntniss als ein Gegenmotiv gegen die wirthschaftliche Verirrung;

aber das ist gerade das Gefährlichste an der individualistischen

Atomisirung und dem abstrakt-idealistischen Nivellement unserer Zeit,

dass jedes Individuum nur an sich und seine Rechte auf das Leben, aber

nicht an seine Gliedschaft in socialen Individuen höherer Ordnung und

an seine Pflichten gegen diese denkt. Après nous le déluge! ist der

Wahlspruch der selbstsüchtigen Genusssucht; mag die Welt hernach ohne

mich weiter gehen, wie sie kann und will, wenn ich nur mein Leben

genossen habe, so gut ich konnte! Hier enthüllt sich die sittliche

Verirrung und Verkehrtheit als Wurzel der wirthschaftlichen. Familien,

die ihre Mitglieder in diesem unsittlichen Egoismus sich verhärten

lassen, verdienen auch aus sittlichem Gesichtspunkt, unterzugehen und

durch neuaufstrebende Elemente ersetzt zu werden.

Glücklicher Weise sind solche extreme Erscheinungen noch keineswegs

allgemein verbreitet, wenn auch in geringerem Maasse die Tendenz zu

luxuriöseren Lebensgewohnheiten schon den ganzen socialen Körper

inficirt hat. Es steckt auch in unsern höheren Ständen noch ein

überwiegend gesunder Kern, und an ihn wende ich mich, um ihn durch die

Erkenntniss, wohin die Verirrung der Zeit führen muss, zum Widerstande

gegen einen bethörten Zeitgeist und Standesgeist zu ermuthigen und

diesen Geist durch eine energische Reaktion in gesundere Bahnen

zurückführen zu helfen.

Wenn ich vorher darauf hingewiesen habe, dass es vorzugsweise das

weibliche Geschlecht ist, dessen Egoismus sich gegen die vorbehaltlose

und opferwillige Erfüllung der ihm auferlegten Berufslasten zu sträuben

in Gefahr ist, so erfordert die Gerechtigkeit die Anerkennung, dass es

vorzugsweise das männliche Geschlecht ist, welches aus finanziellen

Bedenken vor der Ehe zurückscheut. Denn wie das Weib den schwereren

Theil der natürlichen Lasten zu tragen hat, so der Mann den schwereren

Theil der socialen Lasten, d. h. die Beschaffung des Unterhalts für

die ganze Familie. Das Mädchen, das sich verheirathet, muss dem Manne

soweit vertrauen, dass er für den Unterhalt der Familie sorgen wird;

sie hat mit darunter zu leiden, wenn sie sich geirrt hat, aber sie

trägt keine Verantwortung dafür. Der Mann dagegen, der sich zur Ehe

entschliesst, übernimmt die ganze Verantwortung für die Erhaltung

der Familie und scheut vor dem Gedanken zurück, dieser Verantwortung

nicht gewachsen zu sein. In finanzieller Hinsicht schreiten deshalb

die meisten Mädchen geradezu leichtsinnig zur Ehe, auch wenn sie in

andrer Hinsicht gar nicht leichtsinnigen Temperaments sind; sie werden

dabei von einem gewissen Fatalismus der Pflichterfüllung getragen und

von der beruhigenden Gewissheit, alle Verantwortlichkeit in dieser

Hinsicht auf den Mann abwälzen zu können. Es liegt ihnen so viel daran,

zur Erfüllung ihres natürlichen Berufs und zu den socialen Vortheilen

der Frauenstellung zu gelangen, dass sie ihre kritische Besonnenheit

bereitwillig zurückdrängen und sich gern einer Täuschung über die

Zukunft hingeben, die sie bei jeder ihrer Freundinnen ohne Zweifel

durchschauen würden. Sie sind demgemäss stets bereit, die Sorgen und

Bedenken eines sonst willkommenen Bewerbers zu beschwichtigen und

denselben ihrer Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Arbeitslust und

Opferwilligkeit zu versichern, um ihm den Entschluss zu erleichtern.

Diese Versicherungen sind auch keineswegs Lügen, sondern gute Vorsätze,

deren Erfüllung sie sich wirklich zutrauen; zumal wenn ein Mädchen

liebt, so hält sie keine Beschränkung für zu gross, um als Hinderniss

der Vereinigung mit dem Geliebten gelten zu dürfen.

Leider pflegt die gehobene Stimmung der Braut nicht für die Dauer

vorzuhalten und oft sind alle die guten Vorsätze bloss Pflastersteine

auf dem Wege zu einer ehelichen Hölle. Die alten Gewohnheiten behaupten

ihr Recht, und wenn auch die Vernunft so weit die Oberhand behält,

um die unvermeidlichen Entbehrungen zu ertragen, so fehlt dabei doch

nicht bloss die Freudigkeit, sondern oft genug auch die blosse Geduld,

und die mangelnde Zufriedenheit der Frau lässt auch die häusliche

Behaglichkeit des Mannes nicht aufkommen. Bald ist es die Kleidung und

der Putz oder Schmuck, bald der Charakter des Wohnorts, bald die Grösse

der Wohnung, bald die Bedienung, bald die Kost, bald die Beschaffenheit

des Umgangskreises, bald die Zerstreuungen und Vergnügungen, welche

bei der neuen Lebensweise mit den früheren Gewohnheiten der Frau im

Widerspruch stehen und durch welche ihre Unzufriedenheit erregt wird.

Manchmal werden die alten Gewohnheiten durch neue verdrängt, aber meist

behauptet die Erinnerung an die früher besessenen Annehmlichkeiten ihr

Recht und verhärtet und verbittert sich in Bezug auf den einen oder den

andern Punkt je länger je mehr. Schlimmer noch als offne Klagen und

Vorwürfe wirkt auf den Gemüthsfrieden des Mannes die unausgesprochene

ständige Unzufriedenheit der Frau, sowohl der mürrischen wie der

sanft duldenden, und am schlimmsten ist die hysterisch angehauchte

Bedrücktheit und Melancholie, welche stets mit dem Uebergange in

wirkliches Gemüthsleiden droht, wenn ihr nicht der Wille geschieht

und sie durch Zerstreuungen abgelenkt wird. Ist dem unbefriedigten

Anspruch durch Geld abzuhelfen, so soll der Mann wo möglich seine

schon voll angespannte Arbeitskraft überspannen, um demselben genug zu

thun; will er aber gar das Geld, welches zu diesem Zwecke ausreichen

würde, zur Selbstversicherung der Familie zurücklegen, so betrachtet

die Frau das einfach als einen Raub an dem ihr Gebührenden. Reichen

die Mittel ohnehin schon nicht aus, um irgendwelche Ansprüche der Frau

zu befriedigen, so muss natürlich einer solchen Frau jeder Gedanke

an weitere Vergrösserung der Familie als ein von dem rücksichtslosen

Manne gegen sie geplantes Verbrechen erscheinen; denn nun verbinden

sich in ihr der Egoismus in natürlicher und in wirthschaftlicher

Hinsicht, um den Zweck der Ehe zu vereiteln. Ebenso staunenswürdig

wie die Opferwilligkeit, die Energie und die Ausdauer der Leistungen

sind, zu denen das Weib als uneheliche Mutter oder als Wittwe unter

dem eisernen Zwang der Nothwendigkeit, für ihre Kinder zu sorgen,

sich aufschwingen kann, ebenso grausam und unbarmherzig kann die

egoistische Rücksichtslosigkeit sein, mit welcher dasselbe Weib alle

Lasten dem Manne aufbürdet, so lange sie noch einen hat.

Das hier gezeichnete Bild ist glücklicher Weise nicht die Regel,

sondern nur die Ausnahme, wenn auch keine ganz seltene; aber irgend

etwas von den hier zusammengestellten Zügen wird man bei einiger

Aufmerksamkeit häufiger entdecken als man denkt. Jeder Mann, der mit

Heirathsgedanken umgeht, muss daran denken, dass eine solche Zukunft

auch ihm blühen kann, und dass wenigstens die guten Vorsätze und

Versicherungen seiner Erkorenen ihm ganz und gar keine Bürgschaft

dagegen gewähren.

Bewunderungswürdig erscheint mir stets das Durchschnittsweib aus dem

Volke, das ohne Dienstboten ihr ganzes Hauswesen allein besorgen, ihre

Wochenbetten unter dem Beistand gefälliger Nachbarinnen erledigen,

ihre Kinder selbst warten und pflegen, dabei noch oft die Rohheiten

eines rücksichtslosen und zeitweise betrunknen Mannes ertragen und

durch eignen Arbeitsverdienst zur Einnahme der Familie beisteuern

muss, und das alles mit der Aussicht, im Falle der Wittwenschaft für

ihre Erhaltung und für die Erziehung der Kinder mit ihren zwei Händen

aufkommen zu müssen. Dieses Weib aus dem Volke trägt entschieden den

schwereren Antheil an der Last des Lebens, und die Art, wie sie ihn

meistens trägt, nöthigt uns volle Hochachtung vor ihrem sittlichen

Werthe ab, welcher dem des Mannes meist ebenso überlegen ist, wie er

in den höheren Ständen hinter diesem zurücksteht. An den unglücklichen

Ehen und Scheidungen in den niederen Ständen trägt meist der Mann, an

denjenigen in den höheren Ständen überwiegend die Frau die Schuld; in

den ersteren ist entschieden die Frau, in den letzteren gewöhnlich der

Mann der liebenswürdigere und innerlich gebildetere Theil.

Den Grund davon sehe ich wesentlich darin, dass die Mädchen und

Frauen der höheren Stände durch geschäftigen Müssiggang systematisch

verdorben, von dem Gedanken, dass Arbeiten und Dulden der natürliche

Zustand des Menschen sei, entwöhnt und darauf hingedrängt werden,

in der Bequemlichkeit und Vergnüglichkeit den Zweck ihres Daseins

zu suchen. Ein fünfstündiger Mädchenschulunterricht mit zwei- bis

dreistündiger häuslicher Arbeitszeit, einhalb- bis einstündigem

Schulwege und nebenherlaufenden Privatstunden verbietet es, die Mädchen

während der Schulzeit zu häuslichen Arbeiten heranzuziehen; wenn sie

dann mit 15 bis 17 Jahren die Schule verlassen, so haben sie bereits

gelernt, sich als Damen zu fühlen, welche für häusliche Arbeiten

zu vornehm und zu gebildet sind, und wenn sie auch wirklich anders

dächten, so sind in einem Hauswesen mit der entsprechenden Zahl von

Dienstboten keine nennenswerthen Arbeiten da, welche die Hausfrau ihnen

anweisen könnte. Vom 16. Jahre bis zur Verheirathung in den 20er Jahren

sind sie somit zum Müssiggang förmlich gezwungen, wenn sie sich nicht

zu einem wissenschaftlichen oder künstlerischen Studium entschliessen,

durch welches sie dem Beruf als künftige Hausfrauen immer mehr

entfremdet werden. Das einzige, was sie im Durchschnitt lernen, das

ist, ihre nutzlose Zeitvergeudung mit mehr oder minder Grazie zu

verschleiern, sei es durch das Lesen der allerneuesten englischen und

französischen Schundromane (der einzigen Frucht ihrer Sprachstudien),

sei es durch Klavierklimpern, sei es durch zwecklose augenverderbende

Handarbeiten.

Jeder Arbeitseifer, jedes Gefühl des Verpflichtetseins zu

volkswirthschaftlichen Leistungen, jede Scham vor einer blossen

Schmarotzerexistenz und unverdientem Wohlleben wird dabei systematisch

ertödtet, und man kann sich nicht wundern, wenn die so erzogenen

Mädchen vor dem Gedanken zurückschaudern, als Frau in ein Hauswesen

eintreten zu sollen, wo ihnen zwar die grobe Arbeit durch eine Magd

abgenommen wird, aber das eigentliche Kochen, das Schneidern ihrer

eigenen Kleidung und derjenigen für die Kinder, und, was am schwersten

wiegt, die tägliche und nächtliche Kinderpflege auf ihre eignen

Schultern fallen würde. Das Höchste, wozu sie sich aufschwingen

wollen, ist die Last der Leitung eines Hauswesens mit mehreren

Dienstboten, deren Ansprüche an Gedankensammlung und wohlüberlegte

Anordnung schon grell genug von der in der Mädchenzeit gewohnten

passiven Bummelei abstechen; aber einen Mann zu nehmen, der nicht

im Stande ist, ihnen Köchin und Kindermädchen zu halten, und alle

Familiengarderobe durch fremde Hände anfertigen zu lassen, darin sehen

sie mindestens ein so grosses Opfer, dass es durch ein lebenslängliches

Aufhändengetragenwerden vom Manne nicht aufgewogen werden kann.

In der Regel denkt ein Mädchen beim Heirathen nur an den Brautstand,

die Hochzeitkleider und die Honigmonde, und alle +damit+ gegebenen

Lasten ist sie willig, auf sich zu nehmen. Kommen nachher die Kinder

hinzu, welche eine Kinderwärterin, Kinderkleider, vergrösserte Wohnung

und Tafel verlangen, nun so ist das eben bloss Schuld des Mannes,

für die er aufzukommen hat. Kann er das nicht in dem Maasse, wie das

Behagen und die Bequemlichkeit der Frau es verlangen, so macht er

dadurch diese zur Märtyrerin, oder er vergrössert vielmehr nur das

Martyrium, welches die Frau durch die wiederholten Schwangerschaften,

Entbindungen und Wochenbetten „um seinetwillen“ tragen muss. Dass in

den höheren Ständen der Beruf des Mannes, durch welchen er die Mittel

für die Erhaltung der Familie beschafft, ein viel grösseres Martyrium

ist als derjenige einer alle ihre Pflichten erfüllenden Frau, dass er

namentlich die Lebensdauer in viel höherem Grade abkürzt, das kommt

dabei natürlich nicht in Betracht. Wie der Beruf den Mann allmählich

aufreibt und seine Gesundheit untergräbt, entzieht sich in den

früheren Stadien meistens der Beobachtung, wird auch wohl vom Manne

geflissentlich ignorirt; wie dagegen der Beruf der Frau vorübergehende

und später sich meist völlig wieder ausgleichende Störungen des

Wohlbefindens hervorruft, das liegt auf der Hand, und die Frauen

ermangeln selten, es in das rechte Licht zu stellen, wie „leidend“

sie durch Erfüllung ihres Berufs geworden sind, zumal wenn sie dabei

„nervös“ oder gar „hysterisch“ sind.

Und wie viele Frauen der höheren Stände giebt es, die nicht nervös

sind? Wie viele, welche körperlich der Erfüllung ihres Berufes noch

vollauf gewachsen und im Stande sind, die Vereinigung von Arbeit und

Kinderwartung am Tage mit jahrelanger nächtlicher Ruhestörung ohne

unerträgliche Steigerung ihrer Nervosität zu ertragen? Durch das

sinnlose Aderlassen der vorhergehenden Jahrhunderte sind wir zu einem

blutarmen, bleichsüchtigen Geschlechte, durch das städtische Leben mit

seinen künstlichen Erregungen und seinem Mangel an frischer Luft und

Bewegung im Freien zu einem nervösen Geschlecht geworden, und in Folge

der unvernünftigen Ueberanstrengung des zarter gebauten weiblichen

Gehirns vom 6. bis zum 16. Jahr durch unsre höheren Töchterschulen

und weiterhin durch die weiblichen Berufsstudien haben wir den durch

das gesundheitswidrige Schnüren der letzten Generationen schon aus

dem Gleichgewicht gerückten weiblichen Organismus der höheren

Stände dahin gebracht, dass er zu seinen natürlichen Zwecken immer

untauglicher geworden ist. Kein Wunder, wenn da der Geist anfängt,

sich gegen die Erfüllung der Naturzwecke aufzulehnen, zu denen er

den Körper unbrauchbar fühlt. Das nach Glück und Liebe sich sehnende

Herz des Mädchens geräth in Widerspruch mit der Natur und wird fast

unwillkürlich zu einem platonischen abstrakten Idealismus hingedrängt,

in welchem es wähnt, ein Männerherz ohne die Naturbasis der Liebe

sich dauernd zu eigen machen zu können; unsre ganze Mädchenerziehung,

welche auf ängstliche gewaltsame Verschleierung und Ignorirung dieser

Naturgrundlage und ihrer Weisheit und Würde ausgeht, unterstützt

diese ihrem Egoismus so angenehme Verirrung und der Mann hat nachher

die Kosten dieser künstlichen Selbsttäuschung zu tragen, indem sein

naturgemässes Verhalten ihm als sinnliche Rohheit und rücksichtslose

Barbarei in Rechnung gestellt wird. Wenn es so der Frau auch nicht

gelingt, den Mann von seinem Unrecht gegen sie zu überzeugen, so

überzeugt sie ihn doch hinlänglich von ihrer Naturentfremdung,

Untüchtigkeit und Selbstsucht, stumpft hierdurch wie durch die quälende

Unzufriedenheit mit ihrer Lage die anfängliche Liebe des Mannes für sie

mehr und mehr ab, und gelangt so an einen Punkt, wo der erkaltete und

ermüdete Mann dem Appell an seinen wirtschaftlichen Egoismus zugänglich

wird. Die Folge ist dann die geringere Kinderzahl der Ehen der höheren

Stände im Vergleich mit denen der niederen.

Moderne Probleme · 第 5 / 21 段