Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser
Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird,
des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder
geschiedene Frau, oder eine solche, die nicht selbst in der Erziehung
ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die
allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise
gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen,
insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht
durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der
Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und
wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben,
nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen.
Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht
von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich
darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den
er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche
persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt
hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat
sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen,
kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin
erzogenen und gezähmten Mann bekommt.
Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal
Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der
erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung
der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn
sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare,
die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken
ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl
bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität
aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der
Duft von den Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das
Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den
Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl
treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone
empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so
entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor
der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht
breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe
ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft.
Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch
schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche
das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume
greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen
Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen
tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume
den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und
noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle
Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte
kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem
ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen
fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden
Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und
einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur
dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe
stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und
Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen
Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen
oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, d. h. mit dem
Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe
Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor
der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit,
in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen
werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine
gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie
ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der
Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher
Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen
Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit
dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von
vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit
ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein.
Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und
bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und
liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische
Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele
für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit
schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der
Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren
Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte
Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von
Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften
sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen
den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem
realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die
phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis
zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit der
letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut,
die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu
wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen
ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses
Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte
Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf
Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben,
so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit
hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine
Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und
womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben,
sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“
Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der
stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten
Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift.
Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines
Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde
der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen,
die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen
Männern reizend zu finden.
Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede
des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich
ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden
beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung
und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten
Reize zur Verehelichung, d. h. zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten
der nächsten Generation, aufhören würden, und damit der Kulturprocess
den schwersten Schaden leiden würde.[6]
IV.
Die Lebensfrage der Familie.
Unter aller Verhältnissen ist die Lebensdauer der Familien oder
Geschlechter in den höheren Ständen durchschnittlich kürzer als in den
mittleren und niederen; aber wohl selten hat es eine Zeit gegeben,
in welcher das Missverhältniss einen solchen Grad erreicht hat, wie
gegenwärtig. Es dürfte schwer sein, für diese Behauptung den exakten
Beweis zu erbringen, da die mittlere Lebensdauer der Familien oder
Geschlechter in einem Stande nicht unmittelbar abhängig ist von der
mittleren Lebensdauer der Individuen, welche sie zusammensetzen, und
von den Lebensläufen der Familien oder Geschlechter in den mittleren
oder niederen Ständen meist nur kurze Bruchstücke zu verfolgen sind.
Trotzdem wird man dieser Behauptung beistimmen dürfen, wenn man erwägt,
dass die drei hauptsächlichen Ursachen, von welchen der Unterschied
der mittleren Lebensdauer eines Geschlechts in höheren und niederen
Ständen abhängt, in der letzten Zeit sehr zugenommen haben, nämlich
der grössere Procentsatz an Unverehelichten, das spätere mittlere
Heirathsalter und die kleinere durchschnittliche Kinderzahl, die auf
eine Ehe kommt.
Neben diesen drei Ursachen spielt noch eine vierte mit, welche in
ihren Wirkungen noch weit schwerer abzuschätzen und der statistischen
Aufnahme bis jetzt entzogen ist, welche aber darum nicht weniger
einschneidend wirkt: es ist diess der Umstand, dass gegenüber der
stärkeren Inanspruchnahme von Muskelkraft und individueller Lebenskraft
in den Berufsarten der niederen Stände die intensivere Geistesarbeit
und das intensivere Genussleben der höheren Stände mehr Nervenkraft
konsumirt und dadurch die Lebenskraft des Geschlechts rascher
verzehrt. Durch Verbrauch von Nervenkraft wird nämlich mehr als durch
irgend etwas anderes das Fortpflanzungsvermögen alterirt und zwar
in doppeltem Sinne, erstens in Bezug auf die Zahl und Tüchtigkeit
der unmittelbaren Nachkommenschaft, zweitens aber auch noch ganz
besonders in Bezug auf die Nervenkraft und Fortpflanzungsfähigkeit
der nächsten Generation, von welcher die Zahl und Tüchtigkeit der
Nachkommenschaft in späteren Generationen mehr als von irgend einem
anderen Umstande abhängt. Insoweit sich die fragliche Wirkung in der
Durchschnittszahl der auf eine Ehe entfallenden Kinder ausspricht, ist
sie bereits in der dritten der vorangestellten Ursachen in Rechnung
gestellt; insoweit sie aber die Tüchtigkeit, Fortpflanzungsfähigkeit
und durchschnittliche Kinderzahl der unmittelbaren Nachkommen betrifft,
muss sie als ein vierter Factor in Ansatz gebracht werden, was freilich
erst dann ziffermässig möglich wäre, wenn wir eine vergleichende
Familienstatistik der verschiedenen Stände und Berufsarten besässen.
Man könnte nun meinen, dass in der kürzeren durchschnittlichen
Lebensdauer der Familien und Geschlechter in den höheren Ständen
ein billiger Ausgleich liege für die längere Durchschnittsdauer des
Individuallebens, und dass es vom Standpunkt des Ganzen betrachtet
gerade ein tröstlicher Gedanke sei, dass die Familien der höheren
Stände, auch wenn sie sich in ihrem Stande behaupten, doch allmählich
durch Aussterben für ein Nachrücken der niederen Stände Raum machen.
Indessen die Genugthuung über diesen Ausgleich wäre doch nur eine
kurzsichtige im Interesse des Ganzen. Denn es würde dabei übersehen,
dass es vor allem im Interesse des Ganzen liegt, die ererbten und
generationsweise gesteigerten Anpassungen an höhere sociale und
kulturelle Aufgaben, durch welche die Mitglieder der höheren Stände
denen der niederen durchschnittlich überlegen sind, möglichst voll
auszubeuten und auch für die Zukunft des Processes nach Möglichkeit
durch Weitervererbung zu verwerthen. So wünschenswerth es ist,
dass strebsamen und ausnahmsweise günstig veranlagten Individuen
und Familien das Aufrücken in die höheren Stände offen stehe, um
diesen immer frisches Blut zuzuführen und sie zur Selbstbehauptung
durch überlegene Leistungen zu zwingen, so zweckmässig es ferner
ist, die untüchtigen, arbeitsscheuen und ungünstig veranlagten
Individuen der höheren Stände durch keine socialen Einrichtungen vor
dem Wiederhinabsinken in die niederen Stände zu bewahren, ebenso
unzweckmässig wäre es, den kapitalisirten Gewinn der Arbeit vergangener
Generationen, wie er in den ererbten Vorzügen der höheren Stände
vorliegt, leichtsinnig vergeuden zu lassen, wenn man etwas zu seiner
Erhaltung für künftige Generationen thun kann. Aus diesem Grunde lohnt
es sich wohl, der Erwägung der Ursachen näher zu treten, durch welche
die zunehmende Verkürzung der durchschnittlichen Lebensdauer der
Familien höherer Stände bedingt ist, und sich umzusehen, welche Mittel
der Abhülfe für diese wachsende Kalamität unseres socialpolitischen
Lebens zur Verfügung stehen.
Es kommt noch eine zweite Folge der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung
hinzu, welche als ein socialer Uebelstand von der grössten Tragweite
allgemein anerkannt ist, dessen symptomatische Behandlung aber bis
jetzt nur das Uebel verschlimmert hat, und der so lange fortdauern
wird, bis er durch Abstellung seiner Ursachen an der Wurzel erfasst
wird. Es ist dies die sogenannte Frauenfrage, richtiger Jungfernfrage,
d. h. die Frage, welchen Beruf man den Weibern anweisen soll, die
ihren natürlichen Beruf als Frau verfehlt haben. Bekanntlich ist die
Personenzahl beider Geschlechter in der Jugendblüthe gleich, während
im Kindesalter das männliche Geschlecht ein wenig, im reiferen Alter
das weibliche beträchtlich und in wachsendem Maasse überwiegt. Hieraus
folgt, dass keine Jungfern übrig bleiben würden, wenn Jedermann in
seiner Jugendblüthe eine Lebensgefährtin wählte. Eine Jungfernfrage
entspringt erst daraus, dass die Zahl der Mädchen in der Jugendblüthe
grösser ist als die Zahl der Männer in demjenigen reiferen Lebensalter,
in welchem sie in den höheren Ständen zur Ehe zu schreiten pflegen,
und dass ein Theil dieser Männer es vorzieht, unverheirathet zu
bleiben. Die Ausbildung der Mädchen für selbstständige Berufsarten,
welche zur symptomatischen Lösung der Jungfernfrage vorgeschlagen ist
und vielfach angestrebt wird, macht das Uebel nur ärger, weil sie
die Mädchen weniger anziehend für die Männer macht und dadurch die
Zahl der unverheirathet bleibenden Männer, also auch die Zahl der
sitzenbleibenden Mädchen vermehrt, was wiederum eine Verschärfung
der Dringlichkeit der Jungfernfrage und vergrösserte Anstrengungen
zur selbstständigen Erwerbsthätigkeit zur Folge hat. Aus diesem
fehlerhaften Kreislauf, der sich in sich selbst steigert, ist nur
herauszukommen, wenn man die alleinige Ursache der Jungfernfrage in der
zunehmenden Ehelosigkeit und Heirathsverspätung der Männer erkennt,
und die Bemühungen zur Abhülfe an diesem Punkte einsetzt.
Was zunächst die vierte Ursache der Verringerung der mittleren
Lebensdauer der Familien, die stärkere Abnutzung der Nervenkraft durch
intensivere geistige Arbeit und geistigen Genuss, betrifft, so ist sie
in der Hauptsache nicht zu beseitigen. Die höheren Berufsarten haben
eben ihr Wesen darin, eine höhere und angespanntere geistige Arbeit
zu verlangen, und selbst dann, wenn man bestreiten wollte, dass die
intensivere Arbeit auch intensiveren Genuss als Gegengewicht fordert,
würde man doch nicht leugnen können, dass die Genüsse und Erholungen
der gebildeten Stände selbst vergeistigter Art sind und darum auch
wieder eine geistige Anspannung, wenn auch in anderer Art als die
Arbeit, nöthig machen. Da alle höhere Geisteskultur der Menschheit
in dieser Steigerung der geistigen Arbeit und des geistigen Genusses
liegt, so wird keine menschliche Schlauheit jemals ein Mittel ersinnen,
um die kulturtragenden Minderheiten der Völker vor einer rascheren
Abnutzung zu bewahren, und es bleibt in dieser Hinsicht nichts übrig,
als sich mit der Mauserung der Aristokratie durch allmählichen
Nachwuchs von unten zu trösten. Um so dringender aber muss den höhern
Ständen ans Herz gelegt werden, dass sie sich vor jeder Uebertreibung
in Arbeit und Genuss hüten und die unvermeidlichen gesundheitlichen
Nachtheile ihrer socialen Stellung nach Möglichkeit dadurch
auszugleichen suchen, dass sie im Uebrigen ein gesundheitsgemässeres
Leben führen, als es den niederen Ständen durch ihre pekuniäre Lage
gestattet ist.
Vor allem gilt es, den die Nervenkraft ersetzenden Schlaf der Nacht
heilig zu halten, demnächst nicht nur auf nahrhafte, sondern auch
auf reizlose Kost zu achten, so viel als möglich sich Bewegung zu
machen und frische Luft zu athmen, den ersten Theil des Tages der
Arbeit, den zweiten der Erholung zu widmen, regelmässig zu leben und
in allen Dingen Maass zu halten. Eine grosse Gefahr liegt darin,
dass die nervenerregende Wirkung der Gehirnarbeit irritirend auf die
Genitalsphäre wirkt und leicht zu einer vorzeitigen Vergeudung des
Fortpflanzungsvermögens verleitet; diese Gefahr wird um so grösser, je
länger sie Zeit hat zu wirken, d. h. je später das durchschnittliche
Verheirathungsalter der Männer in den höheren Ständen fällt. Hier
müssen alle hygienischen, ästhetischen und moralischen Hebel angesetzt
werden, um den socialen Schäden vorzubeugen, die aus der Verbindung
der verstärkten Irritation mit der verlängerten Entbehrung erwachsen
können; am wirksamsten im Grossen und Ganzen wird sich auch hier
die Abschwächung der nervösen Irritation durch gesundheitsgemässe
Lebensweise und Vermeidung diätetischer Reizmittel erweisen.
Es ist nicht schwer zu sehen, dass diese Ursache in Wechselwirkung
steht mit den drei andern. Es ist für einen jungen Mann um so leichter,
zeitweilige Selbstbeherrschung zu üben, je näher und gewisser ihm das
Ziel der Ehe vorschwebt, um so schwerer, je ferner und aussichtloser
dasselbe nach Lage der socialen Verhältnisse für ihn ist; umgekehrt
rückt nichts die Neigung zur Verheirathung so sehr in den Hintergrund,
als die Gewöhnung an ein zügelloses Junggesellenleben, und es müssen
dann meist schon nebensächliche Motive sein, welche den Entschluss
zur Verheirathung doch noch reifen lassen. Ebenso stehen die drei
andern Gründe untereinander in Wechselwirkung. Wer wenig Aussicht
hat, zur Verheirathung zu gelangen, macht sich von vornherein mit
dem Junggesellenleben vertraut und entzieht sich der Gelegenheit zur
Anknüpfung bräutlicher Verhältnisse, so dass schon der Zufall sein
Spiel treiben muss, wenn er ihn doch noch in Hymens Fesseln schlagen
soll. Wer erst in reiferen Jahren ans Heirathen denken kann, der
verpasst die Zeit der jugendlichen Eindrucksfähigkeit, innerhalb deren
so manches weibliche Wesen sein Herz hätte gewinnen können, und wenn er
endlich soviel vor sich gebracht hat, dass er eine Familie zu gründen
wünscht, so sieht er sich vergebens nach einem Mädchen um, in das er
sich verlieben könnte, und wartet entweder, bis es ganz und gar zu spät
ist, oder er schliesst aus äusserlichen Gründen eine Ehe ohne Liebe.
Heirathet ein Mann erst in reiferen Jahren, so wird er durchschnittlich
ein älteres Mädchen zur Frau wählen, als wenn er jünger geheirathet
hätte: es wird demnach die Zahl der Kinder in seiner Ehe schon um des
Alters der Frau willen geringer sein; ausserdem aber tritt er nach
kürzerer Ehedauer in ein Lebensalter ein, in welchem die Ehe ihre
natürliche Bedeutung zu verlieren pflegt, auch wenn die Frau noch
nicht aufgehört hat, fortpflanzungsfähig zu sein, so dass hier ein
zweiter Grund für Verkürzung der natürlichen Kinderzahl zu Tage tritt.
Da es nicht bloss auf die Zahl, sondern auch auf die Beschaffenheit
der Kinder, auf die Schonung der Mutter für ihren weiteren Beruf,
und auf die genügende Ausbildung derselben für die Erziehung der
Kinder ankommt, so würde ich es keineswegs für einen idealen Zustand
halten, wenn die Töchter der höheren Stände unmittelbar nach
erreichter Pubertät in die Ehe träten; aber auch die Hinausschiebung
des durchschnittlichen Heirathsalters der Mädchen auf das 26. bis
28. Lebensjahr ist unnatürlich, weil es ohne weitere Förderung ihrer
Ausbildung ihre jugendliche Anpassungsfähigkeit verringert und mehrere
Kinder, welche vom 21. bis zum 26. Jahr der Mutter hätten das Licht der
Welt erblicken können, für immer ungeboren lässt.
Dieselben Motive, welche die Männer gar nicht oder erst in reiferen
Jahren zum Entschluss der Verheirathung gelangen lassen, bewirken
auch eine Scheu vor reichem Kindersegen. Wir sind bereits zu einem
solchen Grade der Verwirrung und Verkehrung der Begriffe gelangt, dass
unsern höheren Ständen die naturgemässe Kinderzahl einer normalen Ehe
von jugendlich verbundenen gesunden und kräftigen Gatten als eine
„kaninchenartige Fruchtbarkeit“ anstössig erscheint.[7] Wo solche
Ansichten Platz gegriffen haben, müssen sie selbstverständlich eine
Rückwirkung auf das mittlere Heirathsalter üben, insbesondere auf
dasjenige der Frau; denn je länger ein Mädchen mit der Verheirathung
wartet, oder ein je älteres Mädchen ein Mann zur Frau wählt, desto
weniger Sorge vor allzu reichem Kindersegen brauchen sie zu hegen. Für
den Mann ist die grössere oder geringere Kinderzahl wesentlich nur eine
pekuniäre Frage, da die Frau doch allein die Lasten derselben zu tragen
hat; für die Frau aber ist es eine Kardinalfrage des Leibes und der
Seele.
Wo nun durch einen widernatürlichen Spiritualismus und abstrakten
Idealismus verschrobene Ansichten in der Frauenwelt gewisser Stände
grossgezogen werden, welche trefflich als Deckmantel der egoistischen
Bequemlichkeit, Leistungsscheu und Genusssucht verwendbar sind, da
bildet sich ein Geschlecht pretiöser und überspannter Egoistinnen,
welche allenfalls wohl noch ein oder zwei Mal die Lasten der
Mutterschaft auf sich nehmen wollen, weil sie anders auch der Freuden
derselben nicht theilhaft werden können, welche dann aber auch nicht
weiter von den Naturpflichten des Frauenberufs belästigt sein, sondern
ungestört ihrer Behaglichkeit und ihren Amüsements leben wollen.
Nichts kann geeigneter sein, die Männer energisch von der Ehe
abzuschrecken, als die Verbreitung solcher ebenso unsittlichen wie
unnatürlichen Ansichten; denn wenn sie doch nur für wenige Jahre die
Aussicht haben sollen, in einer naturgemässen Ehe zu leben, so ist
dieser Preis wahrlich das Opfer ihrer Freiheit nicht werth, und wenn
sie nachher doch nur ein naturwidriges Verhältniss mit einem aus
Egoismus unsittlichen Weibe fortsetzen sollen, so können sie sich auch
gleich mit unsittlichen Verhältnissen zu egoistischen Weibern begnügen,
die wenigstens nicht mit pretiöser Ehrbarkeit und tugendhafter
Ueberspanntheit prunken. Mädchen, welche zwar alle Vortheile der
Frauenstellung durch die Ehe zu erlangen wünschen, aber nicht mehr
die ehrliche und rückhaltslose Opferwilligkeit für alle ihnen von der
Natur und dem socialen Gesammtinteresse auferlegten Pflichten besitzen,
wollen den Mann, der sie heirathet, einfach im Handel betrügen, und es
geschieht ihnen persönlich nur ihr Recht, wenn sie dabei die Betrogenen
sind, d. h. sitzen bleiben.
Leider geschieht nur mit dieser nächstliegenden Lösung dem socialen
Ganzen nicht sein Recht, und deshalb können solche überspannte
egoistische Ansichten nicht entschieden genug zur rechten Zeit
bekämpft werden. Die Mädchen können nicht früh genug lernen, dass sie
ebensowenig wie die Männer geboren sind, um zu geniessen, sondern um zu
dienen, nicht den Männern, sondern gleich diesen ihrem Beruf, und dass
ihr einziger unmittelbarer Beruf darin liegt, dem Vaterlande möglichst
viel möglichst tüchtige und wohlerzogene neue Bürger zuzuführen, um
es im Kampf ums Dasein der Nationen konkurrenzfähig und siegreich zu
erhalten.
Ist es denn nicht ein tief beschämender Gedanke, dass in allen
modernen Kulturvölkern die bisherige Durchschnittszahl der ehelichen
Geburten nicht ausreichen würde, um dieselben vor Rückgang und
allmählichem Aussterben zu bewahren, dass z. B. das deutsche Volk seine
Vermehrung seit dem Jahre 1815, durch welche allein es in den Stand
gesetzt wurde, seine Existenz gegen Frankreich siegreich zu behaupten,
lediglich den Opfern verdankt, welche die Mütter der unehelichen Kinder
auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben? Ist es denn nicht
ebenso beschämend für die höheren Stände, dass sie, die am ehesten in
der Lage wären, für die Volksvermehrung ein Uebriges zu thun, in der
Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht hinter dem Durchschnitt
weit zurückbleiben, dem Proletariat zu andern Lasten auch noch die
Last aufbürden, den Ausfall ihrer Leistungen zu decken und dadurch
eine umgekehrte natürliche Zuchtwahl, eine Erhaltung des mindest
Entwickelten, inauguriren?