Rahmen so gut wie überhaupt nicht möglich; in der Reihe der städtischen
Häuser erscheint das einzelne Haus immer nur als ein Teil eines viel
größeren, und dies allein ist eigentlich Grund genug, jede städtische –
und besonders jede städtische eingebaute – Hausansicht abzulehnen, die
sich als etwas sehr Selbstherrliches zu spreizen sucht.
Das _Innere_ eines jeden Hauses aber ist immer etwas stark Rahmendes
oder Einrahmendes und ist darum immer noch ohne weiteres ein bester
oder paßlichster Tummelplatz für unsere Selbstherrlichkeiten.
Sehr ähnlich so, wie unser _persönliches_ Innere, etwa unsere eigenen
Gedanken »frei« sind und still in uns die tollsten Sprünge machen
dürfen, ist auch unser _Haus_inneres eine Welt, in der wir sehr nach
unserm persönlichsten Belieben tun und lassen können, was wir wollen;
sobald wir aber diese stark abgeschlossene, stark eingerahmte Welt
verlassen und auf die Straße, in die große städtische Gemeinschaft,
hinaustreten, handelt es sich um einen bestimmten Komment, dessen
Wesentliches etwas Männliches, Sicheinordnendes, Verschwiegenes oder
auch Graufarbiges ist.
So wie das sehr Eigenartige, sehr Auffällige, sehr Reizvolle usw.
allermeistens etwas sehr Unmännliches ist, so ist es allermeistens auch
etwas sehr Unstraßiges.
Das betont Eigenartige kann der breiten Öffentlichkeit gegenüber nur
durch eine außerordentlich große gestaltende Kraft gerechtfertigt
werden, und so selten wie solche Kraft ist, so häufig ist alles betont
Eigenartige etwas Schwächliches, Schutzbedürftiges, Frauenhaftes,
etwas, das für seine beste Wirkung eines starken Rahmens bedarf oder
etwas, das wir am besten in das Innere einzuschließen suchen oder am
besten nur _innerhalb_ unserer »vier Wände« zur Geltung bringen.
Innerlich können wir kaum eigenartig und äußerlich kaum allgemein genug
sein.
»Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über.« Sind wir innerlich
leer, so ist es leicht für uns, still oder nichtssagend zu sein; aber
so wie der flüssige Schwatz nicht immer ein volles Herz erweist, so ist
das äußerliche Stillesein noch kein Beweis für eine innerliche Leere,
sondern es kann eine männlichste, großartigste Disziplin bedeuten.
Sicher ist, daß jeder innerliche Reichtum auch sehr nach außen hin
drängt, aber ebenso sicher ist, daß die menschliche Kultur nicht
einfach laufen läßt, was laufen will.
Je innerlicher oder inniger oder tiefer oder unantastbarer oder edler,
um so mehr Hemmendes, Schutzwandliches, Toriges oder Verschleierndes
ist zu passieren, bevor das Innere sich zeigt oder begreiflich ist;
und so hat jede Äußerung, die auf tiefster, wertvollster Innerlichkeit
beruht, nicht nur immer etwas sehr Filtriertes oder sehr Abgeklärtes,
sondern dort ist es immer auch deutlich so, als liege hinter dem
Begreiflichen, hinter der sichtbaren Form und Farbe etwas sehr
Unbegreifliches oder etwas viel Formen- und viel Farbenreicheres.
Sind die Formen sehr reich und die Farben sehr stark, und haben wir
dann – davorstehend – noch das deutliche Gefühl, daß sozusagen hinter
ihnen, unsichtbar, noch viel reichere und viel stärkere Formen und
Farben sind, so stehen wir vor allerhöchsten Werken.
Sind aber die Formen und Farben, die »dahinter sind«, z. B. – um es
hier grob praktisch zu nehmen – die hinter der Hausansicht, im Innern
des Hauses, sind, schwächer oder uninteressanter oder ärmlicher usw.
als die Formen und Farben, die wir ganz obenauf oder ganz oberflächlich
sehen, so haben wir es mit Formen und Farben zu tun, »hinter denen
nichts Rechtes steckt«, oder die das gleiche sind, was wir auch meinen,
wenn wir von »leeren Worten« sprechen, die in aller Welt um so übler
sind, je wichtiger sie tun.
Das, was wir innerhalb des besten gestaltenden Arbeitens oder innerhalb
der Kunst ablehnend als »Äußerliches« bezeichnen, ist immer etwas, das
sozusagen stabil auf der Oberfläche sitzt, während das hohe Kunstwerk
immer ist, als habe es die _Oberfläche_ überhaupt nicht gestaltet,
sondern als habe es eine vorhandene neutrale Oberfläche durchscheinend
gemacht; und es ist beinahe richtig, hier zu folgern: jede gute Plastik
ist immer so, als habe man sie aus ihrem Innern heraus geformt, oder
jedes gute Bild ist immer so, als sei es von der Bildrückseite her
durch die Leinewand hindurchgemalt, oder jede gute Musik ist immer so,
als sitze der eigentlich Musizierende im Instrumenten-Innern, oder
jede gute städtische Hausfarbe ist immer so, als habe man sie aus dem
Hausinnern heraus durch die Mauer hindurch nach außen hin filtriert in
die vorhandene graue Straßenschicht hinein, während jeder Hausanstrich,
der uns sehr sozusagen an Maler und Farbentopf und Pinsel denken läßt,
im Sinne des Gestaltens immer minderwertig ist.
Streng genommen dürften die Hausfarben nie angepinselt werden, sondern
müßten sie – wenigstens größtenteils – die natürlichen Farben der
gewählten Baustoffe sein. Besondere großflächige Hausanstriche sind
immer nur soweit nötig, wie – nach baumeisterlicher Beurteilung
– unsolide gebaut wird; so gehört besonders auch jeder äußere
Kalkmörtelverputz zu den hausbaulichen Minderwertigkeiten; er wird
innerhalb des gesamten Baulebens wohl immer eine gewisse Wertschätzung
oder immer seine Verdienste behalten, aber jedenfalls ist auf seine
eigentliche Minderwertigkeit um so dringlicher hinzuweisen, je mehr
man ihn sozusagen zu verherrlichen sucht oder je notwendiger es ist,
überall in der Welt nachzusehen, was hinter den äußersten Oberflächen
los ist oder je mehr unsere Oberflächlichkeiten uns bedrohen, wichtiger
zu werden als unsere Innerlichkeiten sind.
* * * * *
Die Kamenzer Hausanstriche, die den besonderen Anlaß zu den
vorstehenden Ausführungen bilden, widersprechen diesen in betonter
Weise. Der Marktplatz dort ist viel mehr kunterbunt als farbig
geworden, die einzelnen Häuser sind größtenteils – wie ohne jedes
Bedenken – mit eigenartigsten schreienden Farben gestrichen, und
es ist, als hätte man dort im Eifer die große hellgraue Fläche der
Marktplatzpflasterung und die großen sehr gleichfarbigen alten
Dachflächen als gegebene Farbenmassen überhaupt nicht empfunden;
jedenfalls sieht es dort nicht so aus, als ob man sich bemüht hätte,
diese großen sehr bestimmten Farbtöne in einen Zusammenklang mit den
neuen Hausanstrichen zu bringen.
Nur einige wenige Häuser dort, besonders
das Haus Markt 11
und das Haus Markt 12
und das Haus Kurzestraße 2
haben in ihren neuen Anstrichen etwas still-freundlich Liebenswürdiges
oder haben neben all’ ihrer besonderen Farbigkeit doch auch durchaus
etwas bescheiden Zurücktretendes.
Jeder arbeitliche Mensch weiß, daß es leicht ist, ein fertiges Werk zu
bemängeln und außerordentlich schwer ist, heute etwas zu gestalten,
das einer ernsten Kritik gegenüber bestehen kann, und so soll hier
das Kritisieren nicht weiter ausgesponnen werden; im Gegenteil, es
sei hier betont, daß wir es schließlich für sehr viel respektabler
halten, daß man – wie man es in Kamenz mit den Hausanstrichen getan
hat – bestehende schwierige Probleme überhaupt anpackt als daß man –
wie man es vielerorts tut – in die Weltgeschichte hinein – schläft.
– Aber je mehr wir uns mit der Bearbeitung unserer Probleme in die
breite Öffentlichkeit hinein stellen, um so nötiger ist es auch, daß
unsere Arbeit öffentlich auf ihre Richtigkeiten und Unrichtigkeiten
hin untersucht werde, besonders auch, damit das als unrichtig Erkannte
nicht »fortzeugend Unrichtiges gebäre.«
Im übrigen möge unser Respekt, den wir vor den hier in Betracht
stehenden Kamenzer Bemühungen haben, damit erwiesen sein, daß wir hier
– wir nehmen an, sehr offensichtlich – in ernstester Weise suchten, die
vielen (gewiß nicht immer leichten) Fragen behilflich zu beantworten,
um die es sich mit unseren neuesten städtischen Hausanstrichen handelt.
* * * * *
Schließlich sei hier gleich noch bemerkt, daß der »Landesverein
Sächsischer Heimatschutz« im Verfolg dieser Kamenzer Hausanstriche
beschlossen hat, unter der Leitung des Herrn Geheimrat Professor
Gußmann und des Herrn Professor Rößler, Dresden, einzelne Farbtöne
und Tonzusammenstellungen zu bestimmen, die im allgemeinen für neue
Hausanstriche als empfehlenswert gelten können; es ist hierbei
besonders daran gedacht, daß innerhalb der kleineren und kleinsten
Ortschaften in den allermeisten Fällen ohne weiteres kaum die
Möglichkeit besteht, sich für die Ausführung geplanter Hausanstriche
sehr gut beraten zu lassen; und so wird nun von nächster Zeit ab die
»Bauberatungsstelle des Sächsischen Heimatschutzes« mit den genannten
Farbentönen in neuer Weise praktisch behilflich sein können, was hier
besonders auch den Gemeindeämtern mitgeteilt sein möge.
Ehrenfriedersdorf
Von _Edgar Hahnewald_
Über die halbdunklen Bahnsteige des Dresdner Hauptbahnhofes strömten
schweigsame Arbeiterscharen hinaus in den schlüpfrigen Tauschmutz
des Januarmorgens, den die Gaslaternen verdrießlich und übernächtig
beleuchteten.
Fünf Stunden später, nach langsam steigender Fahrt durch weißen
Winterglanz liegt die kleine erzgebirgische Stadt vor uns. Wir
stehen über ihren Dächern. Jenseits steigt der Sauberg auf. Über
seiner weißen Fläche schweben die Halden der verlassenen Bergwerke
beschneit und blaubeschattet wie blumenblaue Wolken am helleren Himmel.
Schachtanlagen sind schwarz in das Schattengewölk eingezeichnet.
Dort oben begab sich die »lange Schicht« von Ehrenfriedersdorf. Ein
junger Bergmann Oswald Barthel wurde im Jahre 1508, nach andrer
Lesart 1507 verschüttet. Sechzig Jahre später fand man ihn wieder,
unversehrt und mit allen Kleidern. Der Pfarrer, der ihm die Grabrede
hielt, begann sie: Es ist groß zu verwundern, daß ein Pfarrer einem die
Leichenpredigt tun soll, welcher fünfunddreißig Jahre eher, als der
Pfarrer geboren, gestorben ist. Die Legende erzählt, daß der Bergmann
so jung und blühend, wie er gewesen, als der Berg ihn in sich begrub,
wiedergefunden worden sei, und sie dichtete nach einer ähnlichen viel
späteren Begebenheit im Bergwerk zu Falun, die von Friedrich Rückert,
Johann Peter Hebel und E. T. A. Hoffmann dichterisch bearbeitet worden
ist, auch die treue Braut hinzu, die als zitternde Greisin an der
Bahre des Wiedergefundenen die späte Brautmyrte sich ins weiße Haar
flicht und sterbend niedersinkt. So erlebten wir als Kinder die lange
Schicht zu Ehrenfriedersdorf in Apels Marionettentheater und so hat
sie Widar Ziehnert in den sächsischen Volkssagen in einem Gedicht von
vierundvierzig Strophen besungen.
Der Bergbau ist erloschen. Da und dort steht in Museen noch ein Gerät
aus Ehrenfriedersdorfer Zinn. Während des Weltkrieges wurden die
Halden und Schächte noch einmal nach Wolfram und letzten Zinnresten
durchwühlt. Nun ist auch das vorbei, und »Ehrndorf« begnügt sich wieder
wie vordem damit, Schuhe, Spielbälle, Posamenten und Strümpfe zu
fabrizieren.
* * * * *
Ehrenfriedersdorf ist ein echt erzgebirgisches Städtchen, lang
hingestreckt in eine Talsohle eingebettet, rings vom Walde umgeben.
Brände haben die Stadt zuletzt 1802 und 1866 verheert und die alten
vordem errichteten niedrigen Häuser sind nur noch vereinzelt zu finden.
Das Städtchen macht auf den Fremdling einen freundlichen, sauberen und
geräumigen Eindruck, die Straßen sind tadellos instand gehalten, der
Markt nimmt die ganze Breite der Talsohle ein, hüben und drüben müssen
die Straßen steigen.
* * * * *
Eine der steilen Straßen steigt zur Kirche hinauf, die seit fünfhundert
Jahren wie eine kleine kantige Burg am Hang die Stadt bewacht.
Im weißen Schiff unter gotischen Gewölben steht ein Kunstwerk, das
die Besucher von weither in das entlegene Städtchen lockt: der
Ehrenfriedersdorfer Altar.
Fünf Jahre lang, von 1916 bis 1921 war er nach vollzogener Ausbesserung
kleiner Schäden in der Dresdner Gemäldegalerie untergebracht. Dresden
wollte ihn behalten, aber die Ehrenfriedersdorfer ließen nicht locker
und haben ihn nun wieder.
In der Galerie stand er im deutschen Pavillon, in der Gesellschaft
Cranachs. Ein glanzvolles Museumsstück, vor dem die Kunstfreunde
verweilten. Aber ein Museumsstück unter tausend Bildern, von der
Sixtina, von Dürer, Holbein, Rembrandt, Rubens, Correggio, Giorgione,
Tizian, von allen großen Sternen überstrahlt.
Nun steht er wieder in der kleinen weißgetünchten Kirche, in die er
gehört. Orgelklang rauscht wieder über das alte vergoldete Holz. Beim
Eintritt sieht man ihn im Durchblick unter einem Mauerbogen zwischen
schweren Pfeilern leuchten. Im weißen Raum, in dessen Gewinkel an
diesem Tage Schneelicht und Sonnenschein durch klare Fenster fiel.
Tritt man, des Blickes über die weiten winterlichen Flächen, über das
weiße Tal mit der kleinen blaugedächerten Stadt noch gewärtig, in die
weiße Halle der Kirche ein, so leuchtet der edle Goldglanz des Altars
wie eine milde Sonne über den weißen Höhen der herben erzgebirgischen
Landschaft.
* * * * *
[Illustration: Abb. 1. =Wandelbarer Flügelaltar der St. Nikolaskirche
zu Ehrenfriedersdorf=, von einem unbekannten süddeutschen Meister, um
1510]
Wie ein torflügelhohes Bilderbuch erhebt sich der Schrein über dem
geschnitzten und vergoldeten Sockel. Auf die vier Flügel sind Heilige
und Apostel gemalt: Wolfgang, Andreas, Bartholomäus, Martin. Von
der würdevollen Ruhe der Heiligen in reicher Bischofstracht und der
märtyrerhaften Ergebung des graubärtigen Apostels Andreas hebt sich
Bartholomäus seltsam ab. Sein rötlichgelbes, grün gemustertes Gewand
ist mit derselben peinlichen Sorgfalt gemalt, die der Künstler auf
die prächtigen Bischofsgewänder Wolfgangs und Martins verwendete.
Aber darüber hängt, das Gewand fast verdeckend, der weiße, rötlich
überhauchte Mantel in flauen flatternden Falten, die an Grünewalds
geisterhafte Heilandsgewänder denken lassen. Und über dem weißen
Mantel, leicht geneigt wie lauschend, fast lauernd, von der goldnen
Glorie umleuchtet, blickt das Gesicht des Apostels aus der schwarzen
Fülle des Haares und Bartes. Auf Mund, Nase und linke Wange fällt
Glorienschein, und in diesem erhellten Apostelgesicht glüht das Auge
in dunkler Leidenschaft, die auch in der mit dem Messer spielenden
Hand zuckt. Es ist, als glimme in diesem schwarzen Auge ein Funke
vom Fanatismus jener Nacht, die des Apostels Namen trägt, in der die
Pariser Hugenotten um des Glaubens willen geschunden wurden wie er in
Armenien. Es ist ein Kalenderzufall, der die Pariser Bartholomäusnacht
mit dem Namen des Apostels verknüpft, aber man findet Beziehungen, wenn
man dieses verhalten glühende Auge sieht, das dreiviertel Jahrhundert
vor jener Blutnacht von einer unbekannten Hand gemalt wurde.
[Illustration: Abb. 2. =Mittlere Ölgemälde des Ehrenfriedersdorfer
Altars=]
* * * * *
Der Küster schlägt die Flügel wie Flügel eines schweren Tores auf
und vier andere Bilder erscheinen: das Abendmahl, Christus im Garten
Gethsemane, Christi Gefangennahme, Christus vor Kaiphas. Der Maler hat
mit Erschütterungen gerungen, die die große Ruhe des Werkes erregt
durchzittern. Und wieder liegt ein von innen heraus leuchtendes
Zwielicht über den Farben, über dem vergeistigten Graurosa des
Heilandgewandes, über dem Fahlgrün des Rockes Ischariots, das an
Grünewald denken läßt. Dieses, man könnte sagen: zweideutige Grün,
in das Judas gekleidet ist, kennzeichnet den Verräter unleugbarer
als das Teufelchen, das ihm beim Abendmahl aus dem Munde schlüpft,
als die Geste des heftigen, vom Schauder vor der eigenen Tat schon
gejagten Kusses. Schon beim Abendmahl trägt Judas das zwiespältige
Gelb-Grün. Es hebt ihn heraus aus der Runde der Jünger, die mit
verschiedener Anteilnahme an der Szene zwischen Christus und Judas
vor ihren viereckigen Holztellern und den merkwürdig kubistisch
geformten Brotstücken sitzen. Christus blickt zur Seite, auf ein nahes,
schmerzliches, unabwendbares Schicksal. Er ist schon nicht mehr bei
den Jüngern in diesem Augenblick, in dem seine Hand dem Verräter den
Bissen Brot reicht und seine Linke den von schmerzlichen Ahnungen
erschütterten Johannes umarmt. Zwei schwarze Streifen des weißen
Tischtuches laufen wie weisende Male auf Ischariot zu und trennen ihn
aus der Runde der andern, vor denen sich Gerät und Speise des Mahles,
Brot, Fleisch und roter Wein, das Frühstück mittelalterlicher Bürger
ausbreitet. Das alles ist mit geduldiger Sorgfalt, mit liebevoller
Hingabe an das spielende Glanzlicht auf einem Glase in der Hand eines
unbekümmerten Trinkers zu Ischariots Rechten gemalt. Nur über den zwei
Hauptgestalten der Szene, über Christus und Judas, über dem zarten
Graurosa und dem Fahlgrün ihrer Gewänder liegt ein Schein, der an
Grünewald erinnert.
[Illustration: Abb. 3. =Unterer Teil des Ehrenfriedersdorfer Altars=]
Auf dem zweiten Bilde schlafen die drei Jünger zu Füßen des
betenden Heilands. Petrus hält den weißhaarigen Bauernschädel
zwanghaft gewendet, die Hände krampfen über Kreuz ins Gewand, als
ob Traumgesichte den Schlafenden quälten. Und wieder, wie auf dem
Abendmahlsbilde bei Johannes spricht die Haltung eines Jüngers aus, was
der Herr durchlebt. Noch in der gestreckten Starre des Beines, dessen
nackter Fuß mitzubeten scheint, kommt die Inbrunst des Mit-sich-Ringens
ergreifend zum Ausdruck.
[Illustration: Abb. 4. =Kopfstück des Ehrenfriedersdorfer Altars=]
In erduldender Ergebung läßt dann Christus die Gefangennahme und
die Mißhandlungen vor Kaiphas über sich ergehen, während die
leidenschaftlich verzerrten Gebärden seiner Widersacher die
schimmernde Gestalt umgeben. In der Szene vor Kaiphas bellt ein
springendes, löwenartig frisiertes Schoßhündchen den einen der Häscher
an. Jünger sind nicht mehr um Christus – in rührender Besorgnis trug
der unbekannte Maler einer ohnmächtigen Kreatur auf, Anteil an der Qual
des Gepeinigten auszudrücken, wo niemand mehr sich seiner erbarmt.
* * * * *
Der Maler des Ehrenfriedersdorfer Altars ist unbekannt. Niemand
kann sagen, wie er hieß und woher er kam. Die Forscher haben
herausgefunden, daß der Altar um 1510, frühestens 1507 entstanden ist.
Um 1510 schuf Grünewald in Frankfurt am Main. Kannte der Maler des
Ehrenfriedersdorfer Altars die Werke des Meisters von Isenheim als ein
Kleinerer, Strebender, ein Könner, der zum Meister lernend aufsah? Wo
schuf er? Und wie kam das kostbare Werk in die kleine erzgebirgische
Stadt? Niemand weiß es. Das große Bilderbuch des Altars erzählt viel –
über seinen Schöpfer schweigt es.
[Illustration: Abb. 5. =St. Nikolaskirche zu Ehrenfriedersdorf=, erbaut
um 1300]
Die Überlieferung verbindet den Namen eines Meisters Hans von Köln
mit dem Werke. Flechsig hat festgestellt, daß ein Hans von Köln 1508
in Chemnitz Steuern bezahlt und nach 1515 in Annaberg gewohnt hat.
Steche dagegen bezeichnet den mutmaßlichen Meister dieses Namens als
eine mystische Persönlichkeit der Kunstgeschichte, für deren Existenz
jeder stichhaltige Beweis fehle. Seiner Ansicht nach gehört die Malerei
des Ehrenfriedersdorfer Altars der fränkischen Schule um die Wende des
fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert an. Flechsig dagegen meint,
fränkisch sei diese Kunst nicht, am allerwenigsten nürnbergisch. Eher
sei ein niederländischer Einfluß zu spüren.
[Illustration: Abb. 6. =Neujahrsläuten mit der »Großen Glocke« in der
Ehrenfriedersdorfer Kirche.= Die Glocke ist fünfundsiebzig Zentner
schwer und stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert (1543)]
Also: wir wissen nichts und können nur bewundern.
* * * * *
Die alten Angeln knarren zum zweiten Male. Das zweite Flügelpaar öffnet
sich und der Schrein tut sich auf, der die köstliche Schnitzerei birgt.
Zwei winzige Engel tragen mit kindlicher Anstrengung, als hätten sie
das von Zimmerleuten beim Gebälkrichten abgeguckt, einen Halbmond,
in dessen Bogen Maria in holder, himmelfahrtsbereiter Ruhe tritt.
Sie rafft das schwergoldene, blaudurchwirkte Gewand mit zarter Hand,
den kleinen Finger damenhaft abspreizend. Schwere magdliche Flechten
fallen über die Schultern auf den Mantel. Durchbrochene Baldachine
aus verschlungenem Rankenwerk wölben sich über ihr, aus denen wie aus
Taubenschlägen die Dreieinigkeit schwebt, um die Himmelskönigin zu
krönen. Unter den Baldachinen dunkelt tiefes, tuchweiches Blau – es ist
bemaltes Holz.
[Illustration: Abb. 7. =Teilansicht der Krippen- und
Pyramidenausstellung des Krippenvereins zu Ehrenfriedersdorf im Januar
1924=]
Neben Maria stehen die heilige Katharina mit dem Schwert und Sankt
Nikolaus, dem die Kirche geweiht war, und auf den Seitenflügeln die
heilige Barbara mit dem Kelch und Sankt Erasmus mit der Winde, auf die
der Legende nach seine Gedärme bei lebendigem Leibe gewunden wurden.
Über dem Schrein in Gold und tiefen Leuchtfarben wächst bis zu den
steinernen Gewölberippen hinauf ein zartes Geflecht von Gittern,
Ranken und Fialen um geschnitzte Darstellungen des ~Ecce homo~, der
Handwaschung und der Kreuzigung. Das feingliedrige Schnitzwerk rankt
im seitlich einfallenden Licht in pflanzenhafter Leichtigkeit. Es ist
wie ein heiteres auflösendes Spielen, an dem die Hände des Meisters
nach getanem Werke Gefallen fanden. Die Fialen biegen sich in launigen
Windungen, als ob sie der lange geübten Strenge ausweichen wollten, als
ob die Renaissance in die gotische Formenwelt schon lockernd eingriffe.
Der ganze Schrein ist übersponnen. Auf den Flächen des Sockels, über
der beschatteten Laube der Predella um Christi Grab, an den Konsolen
zu Füßen Marias und der Heiligen, an den Umrahmungen des Schreins
und der Flügel, auf den teppichartigen Flächen hinter den Figuren,
an den Baldachinen über ihren Häuptern, in den Gittern, Baldachinen
und Fialen der Bekrönung, überall rankt und spinnt pflanzenhaft,
blumenlicht das goldene Schnitzwerk. An Schmach und Pein und Tod mahnen
die Darstellungen, aber darüber, in freudiger Vermählung von Gold und
Licht, in jubelnder Leichtigkeit, blüht es wie ein himmlischer Garten,
zu dem die jugendliche schöne Göttin im Goldgewand aufschwebt. Von der
inbrünstigen Streckung der kindlichen Körper der kleinen Engel, die mit
vor Anstrengung gespreizten Flügeln der ruhevoll schwebenden Göttin den
Halbmond unter den Fuß halten, der sich von der Erde schon löste, bis
zur zierlichen Kreuzblume der höchsten im Lichte flirrenden Fiale geht
dieser aufstrebende Zug durch das ganze Werk wie ein Jauchzer durch
einen goldenen Garten.
* * * * *
Auch den Schnitzer kennt die Kunstgeschichte nicht. Dehio schließt auf
den unbekannten Annaberger Meister ~WZ~ von 1512, während Steche die
Hand des Meisters ~HW~ zu erkennen glaubt, von dem Werke in Annaberg
und Borna erhalten geblieben sind und in dem Steche auch den Meister
der Freiberger Tulpenkanzel vermutet. Wiederum: wir wissen nicht, wer
dieses Werk schuf, und können nur bewundern.
[Illustration: Abb. 8. =Greifensteine der Stadt Ehrenfriedersdorf=,
sieben bis einunddreißig Meter hohe Granitfelsen, mitten im Walde
gelegen, mit Berggasthäusern. In der Nähe Stülpner- und Ritterhöhle aus
den Zeiten des Bergbaues]
Mit einem letzten Blick umfaßt man das hohe Goldgeleucht des Schreins,
wenn der Küster die Bilderbuchflügel wieder schließt und nun Wolfgang
und Andreas, Bartholomäus und Martin wie Wächter am Tore stehen. Und
man gönnt diesen Schatz der kleinen Stadt, die in ihm den schönsten
Altar Sachsens besitzt und deren einziger Kunstbesitz er ist.
[Illustration: Abb. 9. =Wintersport an den Greifensteinen=,
vorzügliches Skigelände, fünfzehnhundert Meter lange Rodelbahn,
Sprungschanze]