Eine der hervorragendsten Chroniken unseres engeren Vaterlandes ist das

_Leipziger Geschichts-Buch_ (von M. Joh. Vogeln in Leipzig), das 1714

erschienen ist und »in welchem die meisten merckwürdigsten Geschichte

und geschehene Veränderungen, die in und bey belobter Stadt und Gegend

– – – von Anno 661 nach Christi Geburth an, biß in das 1714. Jahr, von

Tage zu Tage sich begeben haben, enthalten sind«. Es heißt da u. a.:

»Umb Philippi Jacobi 1517[1] sind seltzame Vögel / so unbekandt / umb

Leipzig gesehen und gefangen worden / an der Grösse wie die Schwalben

/ mit langen Schnäbeln / der Obertheil am Kopff / Hals und Rücken war

dunkelbraun / die Flügel dunkelblau / der Leib schwartz / die Kehle

gelbe / hatten kurtze Füsse / und thäten denen Bienen und Fischen

grossen Schaden.« Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß wir es

hier – obgleich die Beschreibung besonders betreffs der Unterseite

nicht ganz stimmt – mit sogenannten _Europäischen Bienenfressern_

(~Merops apiaster L~) zu tun haben. Auch in ihren Lebensgewohnheiten

ähneln diese Vögel den Schwalben, sofern sie wie diese andauernd in

den Lüften herumjagen und Insekten fangen. Mit Vorliebe vertilgen sie

freilich Wespen, Hummeln, Bienen usw., die sie mitsamt dem Stachel

hinunterschlucken[2]. Meist halten sie in kleinen oder größeren Scharen

zusammen und bauen ihre Nester in steile Flußufer oder andere erdige

Wände in Gestalt langer Röhren oft ein bis zwei Meter weit in das

Erdreich hinein, wodurch sie an Uferschwalben und Eisvögel erinnern.

Die Bienenfresser bewohnen hauptsächlich Süd-Europa, Nordafrika, sowie

Mittel- und Südasien; auf dem Herbstzuge wandern sie bis ins Kapland.

In Sachsen ist diese Vogelart nur gelegentlich und verhältnismäßig

selten zu Gaste. Vielleicht, daß besonders günstiges Wetter

(Föhnstimmung über Mitteleuropa) sie dann und wann einmal veranlaßt, im

Frühjahr die Rückwanderung aus dem fernen Süden über die Alpen bis zu

uns herein auszudehnen. Auf alle Fälle hat das mehrzählige plötzliche

Erscheinen von Bienenfressern in der Umgegend von Leipzig verdient, daß

es in obiger Chronik verzeichnet wurde[3].

In einer _Frankenberger Chronik_ vom Archidiakono C. A. Bahn,

erschienen im Jahre 1755, ist weiterhin folgendes zu lesen: »Anno

1679, den 9. Dezember, haben sich in Frankenberg zwei frembde und

unbekannte Vögel auf die Kirche, hernach aufs Rathhaus und dann auf

den Markt gesetzet. Sie hatten die Gestalt einer Endten, schneeweise

Köpffe und weise Flügel; auf dem Rücken, am Halse und Bauche waren

sie schwartz, und hatten lange grüne Schwäntze. Später sind sie auf

und davongeflogen.« Diese Mitteilung ist deshalb von Bedeutung, weil

es sich darin, trotz der etwas unzutreffenden Beschreibung der Vögel,

höchstwahrscheinlich um _Eisenten_ (~Nyroca hyemalis L~) handelt,

welche bei uns nur als sehr seltene Wintergäste bekannt sind. Ihre

Heimat ist der hohe Norden beider Erdhälften. Sie wandern (nach

Reichenow) im Winter bis nach Süd-Europa und dem Kaspischen Meere, in

Amerika bis Florida und Kalifornien. Jedenfalls sind die erwähnten

Stücke sehr ermüdet gewesen und haben erst nach einiger Zeit des

Ausruhens, wozu sie sich freilich recht ungewohnte Plätze ausgesucht

haben, die Wanderung fortgesetzt, die sie übrigens an sich schon sehr

spät angetreten zu haben scheinen[4].

An einer anderen Stelle derselben Chronik heißt es: »In diesem Jahre

(1706) im Monat Oktober entstund in Dittersbach des Nachts eine

große Feuersbrunst. Bey derselbigen versammelten sich wilde Enten,

wilde Gänse, wilde Tauben, Fischreiher, Schnepffen, Zippen, Droßeln,

Finken, Quäcker[5], Kybitzen, Sperber, Eulen, Lerchen, Rothkehlchen;

darzu kamen gegen Morgen Raben und Krähen und führten ein gräßliches

Geschrey. Diese Vögel flogen ums Feuer herum, viele verbrannten,

viele wurden von den Leuten gefangen,« usw. – Wir können mit großer

Sicherheit annehmen, daß die meisten der genannten Vögel auf ihrem

Herbstzuge nach dem warmen Süden waren und zwar hauptsächlich wohl

als Nachtwanderer. Ferner ersehen wir aus vorstehender Meldung,

daß gewaltige Brände auf die Vögel ähnlich einwirken wie unsere

neuzeitlichen großen Leuchttürme, an denen ja auch in gewissen

Zugnächten Hunderte, ja Tausende von Wandervögeln zugrunde gehen oder

schwer verletzt herabstürzen, so daß sie »von den Leuten gefangen«

werden. Daß auch Raben und Krähen, die wir heute artlich nicht mehr

auseinanderhalten, dazu gekommen sind, hängt wohl damit zusammen, daß

in jener Zeit die Schweden von Polen aus nach Sachsen eingerückt waren,

und in dem obenerwähnten Jahre 1706 hier Winterquartier bezogen hatten.

Wie im letzten großen Völkerringen sind wahrscheinlich auch damals die

Raben und Krähen den kämpfenden Massen in großen Scharen gefolgt. Sie

sind erst am Morgen an der Brandstelle eingetroffen, weil sie ihre

Schlafplätze in der Regel nicht vor Tagesanbruch zu verlassen pflegen.

Fußnoten:

[1] d. h. um den 1. Mai.

[2] Daß die Bienenfresser den Fischen schaden sollen, ist ein

Irrtum, der daher kommt, daß diese Vögel sich auf der Suche

nach Insekten auch an und über Gewässern herumtreiben,

wobei sie möglicherweise einmal ein Insekt von der

Wasseroberfläche aufnehmen.

[3] Sehr unwahrscheinlich erscheint dagegen ein neuerdings

gemeldetes Auftreten von zwölf bis fünfzehn Bienenfressern

im Jahre 1914 im Tale der Biela, die – von den Thyssaer

Wänden kommend – sich bei Königstein in die Elbe ergießt.

Leider mangelt es an jedweder Bestätigung dieses Vorkommens

von fachmännischer Seite. Immerhin sei bei dieser

Gelegenheit die Aufmerksamkeit der Vogelkenner und -freunde

auf die Bienenfresser gelenkt. Vielleicht glückt es doch

einem oder dem anderen, derartige seltene Vögel einmal an

geeigneter Stelle aufzufinden. Aber es sei davor gewarnt,

die etwaige Beobachtung gleich an eine zu große Glocke zu

hängen, da sonst die Vögel der auffälligen Schönheit des

Gefieders wegen, leicht Naturschändern zum Opfer fallen

könnten!

[4] Es ist übrigens auch möglich, daß unsere Eisenten auf der

Zschopau überwintert sind und daß sie von hier aus einen

allerdings etwas eigenartigen »Ausflug« unternommen haben.

[5] Das sind nordische Bergfinken, die obigen Namen wegen ihrer

Rufe quäk, quäk erhalten haben.

Der Luchsstein bei Hinterhermsdorf

Forstmeister i. R. _Sinz_ in Naunhof

In Abteilung 49 des Staatsforstrevieres Hinterhermsdorf, unweit des

Raumberges und der Thorwalder Wände, und zwar in dem die Landesgrenze

zwischen Sachsen und Böhmen haltenden Ziegengrunde, abseits der Wege

und Straßen, welche der gewöhnliche »Schweizwanderer« benützt, befindet

sich der sogenannte Luchsstein. Er besteht aus einem im Waldesdunkel

am schmalen Ziegengrundwege gelegenen, nur wenige Meter von der

Landesgrenze entfernten Sandsteinblock mit Inschrift und eingehauener

Luchsfigur. Die Inschrift lautet: Allhier habe ich Joh. Gottfried

Puttrich, Königlicher Förster aus Hinterhermsdorf einen Luchs mit einem

Selbstschuß erlegt. Anno 1743. Puttrich war kurfürstlicher Beamter.

Der damaligen Gepflogenheit entsprechend bezeichnete er sich jedoch

als königlicher Förster, weil der Kurfürst von Sachsen gleichzeitig

König von Polen war. Inschrift und Luchs waren Ende des vorigen

Jahrhunderts stark verwittert. Der Unterzeichnete, damals Verwalter des

Hinterhermsdorfer Staatsforstrevieres, ließ sie, so gut es ging, wieder

herstellen. Gegenwärtig ist die Inschrift noch ziemlich gut leserlich.

Bubenhände haben leider den Luchs stark beschädigt und mit üblen Farben

beschmiert. Nach Überlieferungen sollen die letzten Luchse im Innern

Deutschlands 1817 und 1818 im Harz zur Strecke gebracht worden sein.

Ob unser Luchs hier der letzte gewesen ist, der in der Sächsischen

Schweiz erlegt wurde, läßt sich nicht nachweisen. Jedenfalls gibt

uns das Denkmal aber davon Kunde, daß dieses bei uns nun längst

ausgestorbene Raubwild, dem aus jagdlichen Gründen seinerzeit eifrig

nachgestellt wurde, bis zum Jahre 1743 in dem damals noch mehr wie

heute unzugänglichen Gelände noch hauste.

[Illustration: =Der Luchsstein bei Hinterhermsdorf=]

Die Farbe im Stadtbild

Seit Kriegsende sind vielerorts farbige Übermalungen von

Gebäudeaußenseiten in Aufnahme gekommen und in einer Weise

durchgeführt, die den »Landesverein Sächsischer Heimatschutz« zur

Stellungnahme zwingt.

Den äußeren Anlaß dazu bot die Absicht der alten schönen Stadt Kamenz,

alle Markthäuser durchgehend neu zu übermalen, eine Absicht, die

inzwischen bereits großenteils durchgeführt wurde.

In dem Bemühen, für die hierhergehörigen Fragen, die in jüngster Zeit

eine immer größere Bedeutung erhielten oder zu erhalten scheinen,

eine tunlichst maßgebliche Beantwortung zu erwirken, bildete der

»Landesverein Sächsischer Heimatschutz« einen Gutachter-Ausschuß,

bestehend aus den Herren

Regierungsbaurat Dr. Goldhardt,

Geheimrat Professor Gußmann,

Ministerialrat Dr. Kramer,

Professor Rößler und

Professor Dr. Tessenow.

Dieser Ausschuß war am 15. Dezember in Kamenz und hat dann nach

eingehenden Beratungen Herrn Professor Dr. Tessenow beauftragt, die

Meinungen und Gesichtspunkte aller Ausschußmitglieder – besonders auch

soweit es sich um die hierhergehörigen Fragen allgemeiner Natur handelt

– zusammenfassend niederzuschreiben.

Diese Niederschrift, der alle obengenannten Herren zustimmen, sei

hiermit auch der Öffentlichkeit mitgeteilt:

Die Farbe hat als Gestaltungsmittel wohl ungefähr die gleiche

Kraft, die gleiche Bedeutung, gleiche Geltung oder Wichtigkeit wie

die Form. Jeder Mensch, soweit er sich mit der Gestaltung unserer

Erscheinungswelt besonders beschäftigt, wird neben der Form immer auch

wie ganz selbstverständlich – wenn auch vielleicht sehr unwissentlich

– die Farbe berücksichtigen; und man kann mit vielem Rechte behaupten

etwa: Soweit die Form mehr gilt als die Farbe oder – umgekehrt – die

Farbe mehr gilt als die Form, hat das Ganze nicht seine Richtigkeit,

und dies heißt ungefähr auch: Viel Form will viel Farbe, und wenig

Farbe will wenig Form.

Große Farbenfreudigkeit ist nie ohne große Formenfreudigkeit; die

eine wie die andere ist etwas sehr Natürliches oder Naturhaftes oder

hat sehr viel mit dem natürlichen Triebleben zu tun, oder unsere

betonte Liebe zu reichen Formen und starken Farben beweist immer, daß

wir sehr nahe mit der Natur verbunden sind; so z. B. liebt der sehr

eingewurzelte Landbewohner – sagen wir der Bauer – nirgends einfache

oder ärmliche Formen oder stille, zurücktretende »dezente« Farben,

sondern immer reiche Formen und viele und kräftigste Farben.

Die einfachen oder stillen Formen ganz ebenso wie die stillen,

zurücktretenden Farben sind immer etwas wesentlich Städtisches oder

sind – wenn man so will – immer etwas sehr Soziales; unsere Liebe

zu ihnen setzt immer voraus, daß wir die Welt nicht nur als etwas

sehr einfach Natürliches, sondern auch als etwas sehr kompliziert

Unnatürliches begreifen, oder setzt immer voraus, daß uns nicht nur der

urwüchsige Naturwille, sondern daß uns auch die allgemein-menschlichen

Willensrichtungen sehr interessieren, die dem einfach Natürlichen

immer insofern entgegen sind als sie auf eine Beherrschung der Natur

hinzielen.

Dieser menschliche Herrscherwille der Natur gegenüber ist die

stärkste Triebkraft dafür, daß wir Menschen uns immer wieder

großgesellschaftlich verbinden und Städte bauen, oder ist letzten Endes

die einzige Rechtfertigung für unseren Glauben an das Städtische oder

an das menschlich Großgemeinschaftliche, das uns immer zwingt, unseren

natürlich persönlichen oder individualistischen Willen zugunsten des

Großgemeinschaftlichen zurückzudrängen, oder uns immer wieder zwingt,

mit unseren natürlichen Triebkräften, sehr persönlichen Meinungen,

Geschmacksrichtungen usw. zurückzuhalten oder in das Uneigenartige oder

Allgemeine hinein zu entwickeln oder hinein zu neutralisieren.

So hat der Bauer allermeistens viel mehr als der Städter mit

Eigenbrödelei zu tun, die für den Städter und besonders für die

städtische breite Öffentlichkeit immer eigentlich unerlaubt ist;

für ihr Gedeihen ist es hervorragend wichtig, daß alles Natürliche,

Persönlich-Eigenartige zurücktrete.

Und so werden auch die Formen wie die Farben, die wir innerhalb

der großen Gemeinschaften oder innerhalb der menschlichen breiten

Öffentlichkeit zeigen, notwendig um so unauffälliger, bekannter oder

neutraler sein, je mehr wir das Städtische lieben oder je besser unsere

menschlichen großmassigen Gemeinschaften funktionieren.

Und wenn wir in jüngster Zeit sehr oft die städtischen Häuser mit sehr

auffälligen Farben anpinseln, so kann das als ein guter Beweis dafür

gelten, daß unser Gemeinschaftsleben sehr krank ist.

Die Gesundheit unseres Lebens und Treibens ist immer dann in besonders

großer Gefahr, wenn wir soeben einen großen Gewinn oder einen großen

Verlust hatten. Jeder große Sieg, ganz ebenso wie jede starke

Niederlage, die wir haben, heißt auch, daß unser Leben und Treiben

sehr verändert wurde oder daß wir vor neuen großen Aufgaben stehen; je

größer und vielfacher aber unsere Aufgaben sind und je plötzlicher sie

sich vor uns hinstellen, um so natürlicher oder häufiger ist es, daß

wir zunächst viele und große Dummheiten machen.

Und so steht z. B. die dumme, unbeholfene oder unkünstlerische

Art unserer deutschen nachsiebziger Häuser ebenso unmittelbar in

Beziehung zu unserem siebziger Siege wie die vielen neugeschichtlichen

Mißgestaltungen in aller modernen Welt so etwas wie eine sehr

natürliche Frucht unserer neugeschichtlichen großen Erfolge sind,

die wir in aller Welt auf zivilisatorischem Gebiete haben, und

genau ebenso stehen unsere neuesten auffälligen Hausanstriche in

unmittelbarer Beziehung zu der starken politischen Niederlage, die

unser Gemeinschaftsleben in eine große Unordnung gebracht hat, so daß

wir uns plötzlich vor großgesellschaftliche Fragen gestellt sehen, die

innerhalb des gesunden Gemeinschaftslebens so gut wie überhaupt nicht

als besondere Fragen auftreten und die sich als solche kaum beantworten

lassen.

Die großgesellschaftliche Frage, ob wir viel Form oder viel Farbe oder

wenig Form oder wenig Farbe nehmen sollen, ist eine sehr unglückliche

oder sehr unheimliche oder sehr drohende Frage; sie beweist, daß

unser sogenannter schöpferischer Instinkt sehr gelitten hat oder daß

uns großgesellschaftlich ein Übermaß unserer arbeitlichen Aufgaben

beschreit, so daß wir sehr allgemein nicht mehr gut verstehen können,

was unsere »innere Stimme« uns zuflüstert.

Man behauptet gelegentlich wohl:

Größte, vorbildlichste Menschenwerke seien immer auch etwas

Still-Einfaches; man kann – ganz anders herum – ebensogut wohl

behaupten, größte Menschenwerke seien immer außerordentlich formen-

und farbenreich; und also letzten Endes kann man viel Form und viel

Farbe wohl ebensogut rechtfertigen, wie man wenig Form und wenig Farbe

rechtfertigen kann; aber ganz sicher ist viel Form und viel Farbe, ohne

daß ein besonders großes gestaltendes Können oder ohne daß eine hohe

gesellschaftliche Kultur dahinter steht, immer wie des Teufels.

Die auffallenden, hier besonders interessierenden städtischen

Hausanstriche bedeuten betontermaßen eine Abwehr gegen eine gewisse

stumpfsinnige Unfarbigkeit, in die unsere Straßenbilder mehr und mehr

hinein geraten sind.

Man kann sehr vernünftigerweise die Meinung betonen: wir hätten

innerhalb der jüngeren Baugeschichte bei der Gestaltung unserer

Hausansichten die Farbe vernachlässigt; aber wenn wir hier nun aus

vielem nichtssagendem Grau heraus plötzlich alles mit Farbe zu

überschreien suchen, so rennen wir damit von einem Extrem ins andere;

ein solches Hin und Her ist sicher eine sehr moderne Bewegung, aber

gehört zu der Modernität, die heute die ganze Welt zu zermürben sucht.

Was jeder Wichtigtuer gerne tut und leicht tun kann, ist immer übel;

und unsere gelegentlichen allerneuesten Hausanstriche sind so, als

seien sie ganz extra für die Gesellschaft der Wichtigtuer bestimmt.

Wir Menschen alle glauben gern an ein Leben und Treiben, das

überall auch voller reichster Formen und stärkster Farben sei, und

gewissermaßen, um diesen Glauben immer wieder zu bekennen, hängen

wir unsere Festtage voller Fahnen und Girlanden und können wir

im Karneval die Formen kaum wild und die Farben kaum stark genug

bekommen und opponieren wir gelegentlich überhaupt gern gegen

alles, was grau oder neutral oder mürrisch ist, und es ist wohl sehr

schön, wenn die Farbigkeit unsere seltenen Festtage auch in das

unvermeidlich viele Grau unseres Alltags hinüberstrahlt. Es gehört

zu den selbstverständlichsten Liebenswürdigkeiten, wenn wir suchen,

unserer Hausansicht eine gewisse lächelnde Freundlichkeit zu geben; es

ist immer wie eine stille Hilfe oder wie ein stiller Trost, wenn in

vielen grauen alltäglichen Mühen und Sorgen die Menschen oder Dinge

uns freundlich grüßen; und solches Grüßen hat hinsichtlich unserer

Hausbilder sehr viel auch mit einer gewissen Farbigkeit, aber hat hier

ebensoviel auch mit einer gewissen stillen verbindlichen Zurückhaltung

zu tun.

So wie in hundert Fällen etwa neunundneunzigmal der Grundton des

städtischen alltäglichen Straßenbildes oder überhaupt des öffentlichen

Alltags wie naturnotwendig ein grauer Ton ist, so können wir mit

unserer städtischen Hausansicht ausgesprochen farbig eigentlich nur

sein, indem wir mit der Farbe spektakeln.

Die _Kultur_ der städtischen Hausfarbe ergibt fast ausnahmslos ein

sehr _gedämpftes_ Farbenklingen oder _wehrt_ sich nie besonders gegen

das dämpfende neutralisierende Grau, das im städtischen Alltag immer

überlegen stark ist. Die graue Farbe ist vielleicht nicht ohne weiteres

die allerbeste, ist aber ganz gewiß die selbstverständlichste Hausfarbe

oder ist der besten Hausfarbe immer ganz nahe verwandt.

Die graue Farbe ist neben allen sonstigen Farben ungefähr das gleiche,

was innerhalb der gesamten Formenwelt die sogenannten Architekturformen

sind, deren Wesen oder Vornehmheit darin besteht, daß sie eine starke

Allerweltsneutralität haben, oder daß sie – was hier ungefähr dasselbe

ist – einen ganz großen einzieligen Gemeinschaftswillen zeigen.

Deswegen ist unsere Architektur oder sind unsere Hausformen um so

minderwertiger, je wichtiger uns das sehr Persönlich-Eigenartige

oder je wichtiger uns überhaupt das Eigenartige ist. In Gesellschaft

mit vielen Eigenartigkeiten und neben deren Verherrlichung ist die

Architektur immer etwas sehr Uninteressantes und ist sie notwendig

um so uninteressanter, je nobler sie ist, genau so wie in einer

solchen Gesellschaft der Eigenartigkeiten die graue Farbe als die

uneigenartigste oder alltäglichste Farbe notwendig in Verruf kommen muß.

Die graue Farbe ist nicht die Farbe der großen Freude oder die Farbe

der tiefen Trauer oder der heißesten Liebe oder des wildesten Krieges

oder des schlafmützigsten Friedens, sondern ist die Farbe, die alles

still verbindet oder ins Verbindliche neutralisiert, ist die Farbe der

großen Arbeit, ist die Lieblingsfarbe der Architektur oder der Baukunst

oder die Lieblingsfarbe jeder stark aufbauenden großen Gemeinschaft.

Je mehr wir großgesellschaftlich niederreißen, je bissiger wir

kritisieren, je kriegerischer oder revolutionärer wir sind, oder je

unsicherer wir dem großen Ganzen gegenüberstehen, je fragwürdiger uns

ringsumher alles zu sein scheint, um so mehr »reklamieren« wir, machen

wir Reklame und um so auffälliger bepinseln wir unsere Häuser und um

so ferner liegt uns die graue Farbe und ihre Kultur oder um so mehr

fehlt uns das Baumeisterliche, ganz gleich, an welchen besonderen

Wirkungskreis wir hierbei denken mögen.

Jedes gedeihliche großgemeinschaftliche Leben und Treiben erwirkt für

alles Alltägliche und besonders für alles alltäglich Straßenseitige

ohne weiteres eine starke Uniform oder einen »durchgehenden Stil«, so

daß dort dann – besonders wieder an der Straße – jedes einzelne im

Allgemeinen wie etwas sehr Selbstverständliches, Unauffälliges oder wie

etwas sehr allgemein Anerkanntes erscheint.

Das Selbstverständliche, Unauffällige, Neutrale usw. wie auch das

Graufarbige ist zwar nicht der einzige Beweis für ein starkes

Gemeinschaftsleben, aber ist dort in dem großen Ganzen der

Erscheinungswelt das Allersichtbarste.

Ein krankes oder schwächliches, minderwertiges Städtisches wird gewiß

nicht dadurch sogleich gesund und stark und hochwertig, daß wir in ihm

irgendwie zwangsmäßig alle Häuser straßenseitig grau anpinseln, aber

ganz sicher werden alle stabil-förderlichen Maßnahmen, die getroffen

werden können, daß ein krankes Gemeinschaftsleben gesunde, auf eine

starke Neutralität oder Unauffälligkeit der einzelnen Hausbilder oder

Hausfarben hinziele; dort werden die einzelnen Häuser sehr eigenartige

oder sehr individualistische Formen und Farbigkeiten schließlich nur

zeigen, soweit es sich um gewisse kleinmassige Hausteile – etwa um

Haustüren, Firmenschilder, einzelne Schmuckteile, Fensterumrahmungen

oder ähnliches handelt.

Der Städter, der sein Haus in der hellen Straße von unten bis oben,

über die ganze Hausfläche hinweg mit irgendwelchen heftigen Farben

und möglicherweise noch mit blitzenden Ölfarben anpinseln läßt, ist

allermeistens ganz zuverlässig ein ausgemachter Querkopf mit sehr

geringem Gemeinschaftssinn oder ist eigentlich überhaupt kein Städter,

sondern gehört eigentlich in die wildeste, einsamste Natur hinaus.

Und soweit wir sehr empfänglich für den Ausdruck oder für die Gesichter

der Dinge sind, können uns die vollfarbigen städtischen Hausanstriche,

die uns in neuester Zeit mehr und mehr begegnen, etwas sehr Furchtbares

bedeuten.

Diese Hausanstriche sind wie ein letzter Trumpf, den der Zerfall der

Architektur auszuspielen hat oder auszuspielen beginnt, und den er

nur ausspielen kann, weil uns im allgemeinen die Architektur oder ihr

Zerfall immer gleichgültiger geworden ist.

Wenn uns aber großgesellschaftlich die Architektur oder höchste

Baumeisterlichkeit nicht weiter besonders interessiert, dann haben

wir ernsteste Ursache, für die Zukunft unseres Gemeinschaftslebens zu

fürchten; sie wird dort eben so gewiß sehr kriegerisch durcheinander

zerstörend sein, wie es sicher ist, daß die Baukunst die blühenden

großgesellschaftlichen Kulturen am treuesten begleitet.

Vielleicht sind die Hausanstriche, um die es sich hier besonders

handelt, so etwas wie die sichtbarsten Vorläufer einer

großgesellschaftlichen Zersetzung, die überhaupt nicht mehr

zurückgedrängt werden kann, und so ist es dann vielleicht sehr viel

vernünftiger, zu suchen, solche Zersetzung zu beschleunigen oder zu

fördern, als zu suchen, sie zu verhüten; aber so furchtbar wie es ist,

ganz vorsätzlich planmäßig ein bestehendes Großgesellschaftliches

zu zerstören, oder so natürlich, wie es für uns Menschen ist, neben

allerlei Zerstörungswut doch immer wieder an das zuverlässig Aufbauende

oder Baumeisterliche zu glauben, so vernünftig ist es auch, daß wir

immer wieder suchen, innerhalb der großen städtischen Gemeinschaft, an

der Straße, in erster Linie männlich-ruhig oder unauffällig zu sein und

daß wir als Städter immer wieder suchen, alles das, was betontermaßen

mit unserem persönlichen Geschmack, mit unseren besonderen

Lieblingsfarben, überhaupt mit unseren ganz persönlichen Eigenheiten zu

tun hat, möglichst nur dort zu betonen, wo die Welt uns sehr persönlich

zugehört. Und das ist hier – im besonderen Hinblick auf unsere Häuser –

das Haus_innere_.

Je eigenartiger und stärker die Farben sind, mit denen wir irgend

etwas gestalten, um so komplizierter werden im allgemeinen auch die

Formen sein, die wir wählen und um so eifriger werden wir für das Ganze

einen starken Rahmen suchen und umgekehrt: je weniger wir ein Ganzes

einrahmen oder für sich abschließen können, oder je unmittelbarer wir

ein Ganzes mit andern Ganzheiten verbinden oder zu verbinden suchen,

um so selbstverständlicher ist es, daß wir uns um Verbindlichkeit, um

Friedlichkeit, um Neutralität usw. bemühen oder daß wir mit unsern

Formen und Farben eine gewisse stille Zurückhaltung üben.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 1-2 · 第 3 / 5 段