kupferne Kesselpauken, die an hohen Festen donnernd zur Orgel dröhnen.
Sie hängen an der Empore. Der Pfarrer machte ein einziges Mal den
Versuch, den Paukendonner durch Chorgesang zu ersetzen. Aber den
Ehrenfriedersdorfer Kirchgängern gefiel das nicht. Sie wollen, daß
zwiegestimmter Paukendonner über sie hindräut, wenn sie vorm Goldaltar
zur Orgel singen.
Sie haben das Turmblasen in weihnachtlichen Nächten, wenn der Glöckner
seine Mansarde illuminiert und sie auf verschneitem Markt nächtlich
promenieren, sie haben den Gesang der Bergleute aus der Grabestiefe
des Schachtes hoch über der Stadt am Morgen des Weihnachtstages, sie
basteln an Weihnachtskrippen und Pyramiden, stellen Bergmannsleuchter
mit brennenden Lichtern und nach der Bescherung die Weihnachtsgeschenke
der Kinder in alle Fenster, sie halten so viele Bräuche in schönen
Ehren – warum sollen nicht auch die Kesselpauken donnern, wenn sie
ihrem Gotte dienen? Also wird weitergepaukt, und der verwunderte Gast,
der die Pauken in der Kirche hängen sieht, möchte das kriegerische
Weltgerichtsgedröhn im Orgelbrausen gern einmal hören, weil es das –
Orgel und Pauken ohne Orchester – sonst nirgends gibt.
* * * * *
Dann stiegen wir zum Glöckner hinauf. Der Weg führt über hochstufige
glitzernde Gneistreppen, dann auf hölzerner Laufbahn unterm Dachstuhl
hin und im weiten viereckigen Turmschacht, den das Geläut der Glocke
von oben durchdröhnt, auf hölzernen Treppen aufwärts. Unverhofft,
weil der Turm gar nicht hoch und eigentlich gar kein Turm ist, steht
man in einem kleinen bewohnten Vorraum. Hinter einer schmalen offenen
Tür schwingt und dröhnt die Glocke dicht über den Dielen. Eine junge
Frau greift jedesmal, wenn die Glocke kommt, mit beiden Händen hemmend
nach dem Klöppel, damit er schneller ausschwingt. Das junge Weib ist
schlank, fast mager. Unter ihren leichten blauen Röcken errät man
die Formen eines wohlgebauten Körpers in der Bewegung der Arbeit.
Der Gegensatz zwischen der schweren lallenden Last der schwingenden
Glocke und der mädchenhaften Biegsamkeit der weiblichen Gestalt ist
von eigenartigem Reiz. Aus dem Dröhnen lacht die Frau uns zu. Sie
hat ein angenehmes erzgebirgisches Gesicht. Nun ergreift sie einen
ledernen Zügel. Es sieht aus, als spiele sie Pferdchen mit der Glocke.
Dann, nach einem letzten Schlag, schlingt sie die Lederschlaufe rasch
um den Klöppel, der nun den Anschlag nicht mehr erreichen kann. Dann
hängt die Glocke leise verklingend. Darüber aus einer Lücke gucken
die Männer. Die Glocke wird nicht am Seil gezogen, sie wird von einem
schaukelartigen Brett am Glockenlager aus stehend »getreten«, wobei
sich die Männer an quer angebrachten Handstangen anhalten.
Wir schmiegen uns an der Glocke vorbei, die fast die ganze Breite des
hölzernen Kämmerchens ausfüllt und deren glatter Bronzeleib sich wie
belebte kühle Haut anfühlt. Das offene Schallfenster rahmt die frische
weiße Landschaft ein. Unter uns liegt die blaugedächerte Stadt weich in
weiße Höhen eingebettet. Wir sehen das weiße sonnige Tal, durch das wir
dann nach der nächsten Bahnstation wandern werden.
Und vor dieser hellen weißen Landschaft unter blauem Himmel, in der die
Schneeschatten wie blumenblaue Gewölbe schweben, ersteht noch einmal
das Bild der schlichten weißen, von Sonne durchgossenen Kirche, in der
der strenge erzgebirgische Winter seine weißen Flächen ausgebreitet
zu haben scheint und in der der Goldaltar wie eine goldene Sonne über
diesen winterlichen Höhen leuchtet.
Aus der Praxis des Pflanzenphotographen
Von _Georg Marschner_, Dresden
I.
Es ist nicht meine Absicht, Ratschläge zu geben, wie man Pflanzen
photographiert, das alles steht in vielen Büchern. Aber weil ich
einmal gelesen habe, zum photographieren von Pflanzen seien botanische
Kenntnisse nicht erforderlich, und weil dies an sich richtig ist, will
ich einiges erzählen von der Pflanzenphotographie, als Teilgebiet
jenes unerschöpflichen Arbeitsfeldes photographischer Kunst, das man
allgemein mit Naturphotographie bezeichnet.
Vorher aber möchte ich erwähnen, daß mit der bildlichen Darstellung
von Naturobjekten die Naturphotographie nicht erschöpft ist. Auch die
photographisch einwandfreieste Wiedergabe eines Naturobjektes ist
durchaus nicht bestimmend für den dokumentarischen Wert eines Bildes
und darauf kommt es an, sondern das Objekt selber, seine Beziehungen
zur umgebenden Natur und seine Stellung zum großen Naturganzen sind die
Wertmesser photographischer Naturaufnahmen.
Die freundliche Wissenschaft hatte es mir angetan von Kindesbeinen
an. Und von den Pflanzen der Heimat waren es die Farne, die meine
ersten naturphotographischen Anstrengungen sahen. Gerade die häufig
vorkommenden Arten dieser großen Pflanzenfamilie bilden oft Gruppen
von außerordentlicher Schönheit, deren bildliche Wiedergabe keine
besonderen Schwierigkeiten macht. Aber aus der Literatur kannte ich
auch die anderen, die vornehmen und ganz vornehmen und auch ihre
Standorte. Ich hatte mir damals vorgenommen, von allen im Sachsenlande
noch vorkommenden Farnen Bilder zu schaffen. Eine Aufgabe, die ich
zu jener Zeit sehr unterschätzt habe. Aber dieser Irrtum gleich im
Anfange, ist meinem Vorhaben nur förderlich gewesen. Die Sache wurde
schwierig, als ich anfing, den weniger häufigen und den nur sehr
vereinzelt vorkommenden zu Leibe zu gehen. Das heißt, nicht etwa schon
mit der Kamera, so einfach war das nicht. Ich mußte ja die einzelnen
Nummern meiner langen Liste erst suchen und das dauerte manchmal sehr
lange. Hier schon erkannte ich, wie das rein photographische oft ganz
zurücktreten mußte, zugunsten des botanischen Spürsinnes, und auch der
versagte zuweilen. Fast zwanzig Jahre bin ich älter geworden und meine
Liste zeigt noch immer einige bedeutungsvolle Lücken.
Da war z. B. der grünstielige Streifenfarn, ~Asplenium viride~, dessen
braunstieliger Vetter ~A. Trichomanes~ durchaus nicht selten die
Felswände unserer Gebirgstäler schmückt. »Im Kirnitzschtale« sollte
er nach einem 1878 erschienenen Standortsverzeichnisse vorkommen.
Nun, wer das Kirnitzschtal in seiner ganzen geschlängelten Länge von
Schandau bis zur böhmischen Grenze bei Hinterdittersbach kennt, der
wird ermessen, was es zu bedeuten hat, in diesem stundenlangen Tale,
und bei den gewiß mehr als dürftigen Angaben, den etwa fingerlangen,
zierlichen Farn zu suchen, um von ihm eine photographische Aufnahme zu
machen. Freunden und langjährigen Wandergenossen, denen ich in einer
schwachen Stunde meine Absicht entwickelte und im stillen auf ihre
tatkräftige Unterstützung hoffte, hatten für mein naturfreundliches
Vorhaben nur ein mitleidiges Lächeln. Ich habe seit dieser Zeit
niemals wieder versucht, Helfer zu finden, und von selber ist bis
heute auch keiner gekommen. Viele Sonntage sah mich das stille Tal
und sein munterer Bach, und manche naturfrohe Stunde war mir hier im
waldumrauschten Wiesengrunde beschert. Ich lernte es gründlich kennen,
entdeckte viel verborgene Schönheit und schaffte die Vorbedingungen
für so manchen Erfolg späterer photobotanischer Streifzüge. Es war
mir bekannt, daß der Gesuchte, gleich seinem Vetter an Felswänden
wächst. Ich wußte auch, daß der Standort in der Nähe der Talstraße sein
mußte. War doch in dem bewußten Standortsverzeichnisse erwähnt, daß
sein Standort infolge des Straßenbaues sehr vermindert sei. Aber das
war alles sehr lange her und es gab so viele Wände an der Straße. Da
erinnerte ich mich, daß ich weit hinten im Tale, bei der Lichtenhainer
Mühle, einen guten, alten Bekannten hatte. Es war der langjährige
Straßenwart Wagner im Ottendorfer Chausseehause. Nach langem
vergeblichen Suchen sollte die Auffrischung dieser vor Jahren gemachten
Bekanntschaft entscheidend für das Gelingen meines Vorhabens sein. Ich
gedenke gern dieses alten, biederen Mannes, der mir noch oft Mitteilung
von wertvollen Naturbeobachtungen aus seinem, von der Natur so herrlich
ausgestatteten Wirkungskreise machte. Er erzählte mir damals, daß
vor etwa zwanzig Jahren auch jemand dagewesen und nach einem Farn
gesucht habe, aber ohne Erfolg. Nannte mir auch Namen und Wohnort des
Betreffenden. Es war der Verfasser des Standortverzeichnisses, dessen
Angaben auch mich hierher führten.
Für mich eine ganz besonders wertvolle Kunde. Mein Gewährsmann hat
mir dann die Felswände, an denen mein Vorgänger vergeblich suchte,
beschrieben. Und ich hatte mehr Glück. An einem der nächsten Sonntage
suchte ich mit Hilfe einer von Freund Wagner entliehenen fünfundzwanzig
Sprossen langen Leiter die zerklüfteten Wände ab und fand den lange
Gesuchten in einigen schönen Exemplaren vor. Die Aufnahme, etwa sechs
Meter über der Straße, das Stativ mit einem Beine auf der schwankenden
Leiter, mit zwei Beinen an der Felswand, machte einige Schwierigkeiten
und kostete manchen Schweißtropfen. Von Bemerkungen Vorübergehender
will ich schweigen. In Erwartung des so heiß ersehnten Bildes wurde
alles leicht überwunden. (Abb. 1.)
Dann waren noch zwei andere Farne, der Mondrautenfarn, ~Botrychium
Lunaria~, und der Natterzungenfarn, ~Ophioglossum vulgatum~. Beides
kaum spannenhohe, in ihrem Äußeren ganz farnunähnliche Pflänzchen,
die mich jahrelang im Schwunge gehalten haben. Ihnen zuliebe bin ich
manchen Kilometer mit schwerem Rucksack gewandert, bin manche nasse
Wiese auf den Knien durchrutscht. Dabei immer auf dem Sprunge, falls
der Besitzer mein ihm gänzlich unverständliches Treiben mit einem
Machtworte zu unterbrechen drohte. Es hat lange gedauert, ehe mir ein
Erfolg beschieden war, und ich habe mehrmals zehn lange Monate warten
müssen, ehe ich wieder im Mai und Juni des folgenden Jahres mein Suchen
fortsetzen konnte. Endlich kam mir der Zufall zuhilfe und brachte mir
in einem Jahre beide so sehnsüchtig Gesuchte vor die Platte.
[Illustration: Abb. 1. =Grünstieliger Streifenfarn, ~Asplenium viride~,
rechts=
=Braunstieliger Streifenfarn, ~A. Trichomanes~, links=]
Der Mai des Jahres 1911 fand mich auf einer Bergwiese im
Sattelberggebiete. Auf halber Höhe der ziemlich steil ansteigenden
Wiese entdeckte ich da einen roten Flecken, der sich beim Näherkommen
als eine wundervolle Gruppe der schwarz-purpurn blühenden Brandorchis,
~Orchis ustulata~, entpuppte. Eine hochwillkommene Gelegenheit zu
einer wertvollen Naturaufnahme. Als ich bei niedrig gestelltem Stativ
unter das Einstelltuch kroch, fiel mein Blick naturnotwendig auf das
Stückchen Wiese unter der Kamera. Und was erblickte ich dort? Gleich
mehrere, noch im Jugendstadium befindliche Mondrautenfarne. Ich mußte
sie befühlen, ehe ich es glauben konnte, daß die so lange Ersehnten
endlich vor mir standen. Es ist dies einer der schönsten Augenblicke
gewesen, die mir in meiner langen, an so vielen unvergessenen Stunden
reichen naturphotographischen Tätigkeit beschert gewesen sind.
Vierzehn Tage später war ich wieder zur Stelle und konnte nun die
vollentwickelten Pflanzen für immer im Bilde festhalten. (Abb. 2.)
Der Bann war damit gebrochen, mit dem sich der Allermannsharnisch gern
umkleidet. Ich habe ihn später oft an anderer Stelle gefunden, auch in
der Nähe von Dresden.
[Illustration: Abb. 2. =Mondrautenfarn, ~Botrychium Lunaria~=]
Vom andern, dem Natterzungenfarn, besagt das erwähnte
Standortsverzeichnis: Gemein bei Ölsen. Eine recht einfache Angabe,
welche dem botanischen Spürsinn wieder einen recht großen Spielraum
läßt. Fünfzehn Jahre habe ich in dieser Gegend zur rechten Zeit
gesucht. Ein einzelnes, kümmerliches Wedelblatt war bis heute alles,
was ich fand. Vielleicht ist ein anderer glücklicher gewesen, ich weiß
aber auch davon nichts.
Im ungewöhnlich trockenen Sommer 1911 war ich auch wieder einmal im
Kirnitzschtal. Am frühen Sonntagmorgen wanderte ich talaufwärts. Da
erregten auf der Sohle des im Jahre zuvor ausgeräumten Straßengrabens
kleine Pflänzchen meine Aufmerksamkeit. Es war der Natterzungenfarn.
In die helle Entdeckerfreude mischte sich hier aber leises Bedauern.
Umgefallen, verschmachtet, verdurstet, lagen alle auf der steinhart
getrockneten Grabensohle. Guter Rat war teuer. Endlich hatte ein
glücklicher Zufall mir die Ersehnten in den Weg geführt und nun war
ein photographieren unmöglich. Ich habe dann mein Frühstück ausgepackt
und im Feldkessel klares Kirnitzschwasser geholt und die Durstigen
fein säuberlich wie Gartenpflanzen gegossen, gefrühstückt – es hat
selten so gut geschmeckt – und noch einmal gegossen. Als ich dann am
Nachmittag wiederkam, da standen alle zum Danke für den Liebesdienst
erfrischt und gestärkt schön aufrecht da. Freilich machte die Aufnahme
im Straßengraben einige Schwierigkeiten, weil die Pflänzchen alle
die Grabenböschung ansahen. Aber es ist gegangen. (Abb. 3.) Dieser
Standort besteht nicht mehr. Durch Wasser hergetragene Sporen hatten
hier Wurzel geschlagen. Die Pflanzen gingen wieder zugrunde, weil die
Lebensbedingungen im Straßengraben doch zu ungünstig waren. Wie oft mag
wanderlustigen Pflanzen das gleiche Schicksal beschieden sein – und
doch umwanderten viele den ganzen Erdball.
[Illustration: Abb. 3. =Natterzungenfarn, ~Ophioglossum vulgatum~=]
Wo aber kamen die Sporen her? Vielleicht finde ich auch den
Hauptstandort noch einmal. –
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden
Helft den
Dresdner Zwinger
erhalten!
Kauft Geldlose zu 1 Mark
Ziehung 22. und 23. Mai 1925 unaufschiebbar
_Bestellkarte inliegend_
Vertrieb durch alle Kollekteure
Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-R.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
doppelte Werbeseite auf dem äußeren Umschlag wurde entfernt.