Moos- und flechtenüberkrustet sind Baum und Stein im feuchten

Hochflächenwald. An den Wurzeln hocken die Becherflechten mit ihren

roten Fruchtkörperchen. Unzählbar gelbe Schüsselchen vereinen sich

zum leuchtenden Farbenpolster. Auf glatten Buchenstämmen zeichnet

die Schriftflechte ihre Runen. Im Verein mit den Flechten haben sich

die Moose in den Klüften der zerfurchten Fichtenrinden eingenistet.

Hier rinnt das Wasser nicht so schnell herab, da können die winzigen

Geschöpfe trinken nach Herzenslust. Gar verschieden sind sie an Farbe,

vom hellgelblichen Grün durch alle Grüntöne hindurch wechselnd bis

zum dunklen Samtgrün. Der Bergwanderer muß sein Leben schon nach dem

Stifterschen Moossucher gestalten, wenn er den Artenreichtum dieses

Pflanzengeschlechts ergründen will, das seine volle Farbenpracht im

Regen leuchten läßt und mit seiner Schwellung ein Stück Regenschönheit

von eigenem Zauber wird droben in der Einsamkeit. –

Es ist eine ernste Zeit für die Siedler, wenn das Heimsen auf den

Hochwiesen anhebt. Mit erstem Dämmerschein zischen die Sensen durchs

taugenäßte Gras, und wenn das Frühglöckel im Dorfe schwingt, dann eilt

Weib und Kind hinaus und hilft mit streuen, wenden, laden. Selbst

die kleinste Kraft muß dienen und sei es, daß sie die Heubüschel

wiederholt, die der frische Bergwind wegblies, der die perlenden

Stirnen kühlt. Mit dem Bergwind streicht würziger Heuruch über die

Weiten. Dängelhammergeklirr verhallt sich im Walde.

[Illustration: Abb. 5. =Blick vom Wieselstein= (956 Meter) =über

das bewaldete Kammland nach Osten. Auf der freien Fläche Häuser von

Langewiese=]

Heuzeit, heilige Zeit! In diesen Tagen bedeutet die Wiese für den

Häusler die Kirche. Gar selten wird von den Heumachern ein Wörtlein

laut. Es ist ein schweigsames Heimsen unter dem Sonnensegen, als gelte

es, einen Schatz zu bergen, der verlorengeht, wenn Menschenlaut das

Bergen stört. So ist es auch. Dem Häusler bedeutet sein Heu den größten

Schatz und jede Stunde, ungenützt im verweilenden Gespräch, kann ihm

sein Kleinod entwerten, wenn tückisch schnell sich nasser Nebel naht

und tagelang nicht wieder weicht.

[Illustration: Abb. 6. =Neustädter Häusergruppe im Nebel=]

Hat die Kuh ihr kräftig Heu, dann gibts auch Nahrung und von der Milch

bescheidenen Erlös, erworben im stillen Heldentum der Arbeit. Der

Bergwanderer nimmt das Mühen wahr, wenn er zu früher Morgenstunde am

Steilhang weilt. Wägelchen auf Wägelchen, beladen mit zwei, drei und

vier Milchkannen, rollt hinab in die Kurstadt und ihre Vororte. Dem

Verkauf folgt die dreistündige, kraftfordernde Heimfahrt. Täglich wird

der sechsstündige Lauf vollbracht neben aller Häuslerarbeit, auch wenn

die Wiese höchste Kraft verlangt zu ernster Heuzeit.

[Illustration: Abb. 7. =Nebel im Wald bei Willersdorf=]

Erst wenn die knisternde Ernte unters hohe Schindeldach gezwängt

ist, dürfen sich die müden, schmerzenden Glieder in gewohnter Arbeit

erholen. Dann folgt dem stillen Belebtsein auf den Hochwiesen

durch die Heumacher ein ander Leben. Glöckelnd grasendes Milchvieh

schreitet darüber und verwischt mit geräuschvollem Grasen die bogigen

Sensenspuren. Des Hüters greller Ruf schreckt das Bergschweigen.

[Illustration: Abb. 8. =Ebereschen im Nebelsturm bei Neustadt=]

Nur wenige Wochen genießen des Häuslers Kuh und Ziege den freien

Weidegang. Während ihre Artgenossen im Tieflande sonnige Gilbhardtstage

im Freien verbringen, hocken sie schon wieder im engen Stalle. Und

draußen streicht feuchtender Nebel. Draußen heult der Sturm. Im Reif

frösteln die Hochwiesen.

Ist die Heuernte geborgen, dann werden die Krüge mit Blaubeeren

gefüllt, auf dem Moore die Rauschbeeren gestreift. Einen guten

Korn gießt der Vater darüber, dann gibts nach einigen Wochen einen

wohltuenden Trunkelbeerschnaps für Magen und Unwohlsein. Und weit

habens die Häuslerkinder in ihrer Kunst gebracht, »Schwämme«

aufzustöbern. Es muß auch ein großer Vorrat sein, wenn im Winter oft

das Schwammlmahl auf dem Tische stehen soll. Der Winter ist ja so lang,

so lang.

[Illustration: Abb. 9. =Stube in Neustadt. Im Hintergrund der

weißgetünchte Backofen.= Anfeuern geschieht von der Hausflur aus]

Entsagen müssen die Häusler jeglicher Obstfrucht, kein bunter

Apfel, keine Birne reift da droben. Nur in der Ferne schauen sie

unten ein üppiges Obstland. Grünen Bändern gleich dehnen sich die

Fruchtbaumreihen in gelben Weizenflächen und an Straßen. Dort liegt

gebender Boden. Dort scheint die Sonne wärmer. Entsagen muß auf

der Kammweite das Auge dem Anblick von manneshohem, windgewelltem

Halmenmeer, darinnen Rot und Blau und Weiß mit Ährengelb zum

Farbeneinklange sich schart.

[Illustration: Abb. 10. =Grenzgraben in der Kiefernweiche=]

Der Siedler kann zuweilen nur kniehoch den Brothalm sensen. Erst spät

im Herbste reift mit Müh der Hafer. Zum seltnen Klang im Dorfe wird des

Flegels Polterschlag. Abgerungen will der Boden seine karge Gabe haben.

Bodentreue Herzen gebiert dies Hochland, zufrieden in ihrem Entsagen.

Und lieb, lieb gewinnen sie ihr Fleckchen Heimaterde im werbenden

Schweiße. –

Ein tüchtig Holz gilts auch immer bereit zu halten, denn keine Kohle

kocht das Mahl, und der Backofen will ein kernig Scheit haben, wenn

das Brot geraten soll. Zwei, drei und zuzeiten auch mehr behäbige

Holztürme aus Stockholz und Scheiten stehen ums Häusl, hoch bis zum

Schindelgiebel. Die besten Mitkämpfer sinds gegen des Winters Tücken,

für die Zeit, da aus schneeträchtigen Wolken vom Abend zum Morgen,

vom Morgen zum Abend ein begrabend Niederschütten anhebt. Langsam,

unaufhaltsam versinken Weg, Brücke und Strauch im Schnee. Im Wald

schart sich das weiße Flocken zur drückenden Last, knickt Ästchen,

bricht Äste, senkt Wipfel, verzaubert Baum und Bäumchen zu bittenden,

drohenden, fliehenden Menschen- und Tiergestalten.

Am Wetterhäusl vor der Haustür schaufeln die Leute den Weg frei zum

Brunnenhäusl, schaufeln und schaufeln, es schneit und schneit, bald

wird die Haustür am Giebel zum Ausgang.

[Illustration: Abb. 11. =Drei Meter hohe Abstichwand im Seemoor=]

Kein Holz kann aus dem Wald in die Werkorte geführt werden. Die

Brettmühlen im Dorfe feiern. Aber auch Schnee gibt Brot. Das Herdfeuer

in der Schmiede kommt nimmer zur Ruhe. Gleitschiene um Gleitschiene muß

es für die Schlitten hitzen. Ungeduldig verlangen die Zuggäule nach

den Wintereisen an ihre Hornschuhe. Dann kommen Männer, vermummt gegen

Kälte und Schneesturm, und holen Hacken und Schaufeln, die der Schmied

angriffsfest schuf zum Kampf gegen Wächten, Wehen und Eis. Auf der

Bezirksstraße schaffen sie um ihren Tagelohn. Über der regsamen Schar

streicht der »Schneevogel« (Goldammer) hin und wieder.

In den stockholzdurchwärmten Stuben schleißen Frauen und Kinder die

Federn der mühsam gezogenen Gans, binden die gesammelten Reiser zu

Besen, vollenden manch kunstvoll Bast- und Strohgeflecht, schnitzen

die Väter Stiele für Hämmer, Rechen und Karst, biegen den Sensenwurf,

schärfen Axt und Säge für kommende Waldarbeit.

Und draußen dehnt sich die verschneite Weite, glitzert in müder

Wintersonne, schattenbemustert in vollmondheller Frostnacht.

Schneegeborgen träumt der verschüttete Jungwald. Ruhe liegt über dem

Kammland und die Einsamkeit hält Wacht.

Wiegender Boden

In weiten, flachen Mulden, am Grunde mit wasserstauendem Ton und Lehm

gedichtet, sammelten sich die Wasser von Regen und Schneeschmelze zu

kleinen und großen Seen. Sie waren die Augen der Hochflächen, darinnen

gewaltiger Wolkenflug und blauer Berghimmel ihr Widerbild fanden.

Millionen kleinster Lebewesen schwammen oder schwebten darin, deren

verwesende Leiber den Grund mit Faulschlamm deckten. Da fanden die

Wassergräser nährenden Boden. Bald nisteten die Torfmoose unter ihnen.

Brüderlich verschlangen sie sich zu einem einzigen, unzerreißbaren

Filze. Langsam, unaufhaltsam erblindeten die hellen Augen der

Hochflächen.

[Illustration: Abb. 12. =Seemoor mit Nebelflug=]

Ein Stück Eigenart der Kammlandschaft sind die Hochmoore. Über ihnen

schwebt Wehmut. Den Hochsiedlern sind sie vertraute Fleckchen.

Jedes bekam seinen besonderen Namen. Der Bergwanderer durchquert

die »Bildwiese« bei Jungferndorf, verweilt »in den Nässen« von

Obervoitsdorf, steigt in die »Moorbodengrube« bei Hinterzinnwald,

erinnert sich der Sage vom »Gräfinsbad«, schaut vom Hochstand über

die »Kiefernweiche« bei Georgenfeld, erschauert vor den Spukgestalten

der Sumpfkiefern auf dem »Seemoor« am Bornhauberg, verweilt »in der

Klietsch« bei Ullersdorf, schreitet hier auch über »die Quieke« und

»Moosbeerpresse«, rastet in der »Moorlislheede« bei Willersdorf.

[Illustration: Abb. 13. =Schiefgesunkene Sumpfkiefern im Seemoor=]

In den Mooren werden die Flüsse geboren, die zur Elbe rinnen oder in

kurzem Lauf den Südsteilhang hinabspringen. Oft nur wenige Minuten

voneinander getrennt sind die Quellböden zweier Wasseradern, die

von hier in entgegengesetzter Talfahrt die Tiefe suchen. Aus den

benachbarten Moorgründen am Keiblerberg fließt nach Nordwesten die

Gottleuba, nach Südosten der Leichengrundbach ab. Ja, mitunter laufen

die Wässer aus _gleichem_ Quelland nach Norden und Süden fort. Dies

geschieht beim Moor östlich von Streckenwalde, das vom Nitschgrundbach

nach Norden, vom Tellnitzbach nach Süden entwässert wird, und der

Moorboden nordöstlich von Ebersdorf schickt sowohl zur Elbe wie zur

Eger einen Sernitzbach. Aus den Moorgründen zwischen Neustadt und

Willersdorf sickern die Wilde Weißeritz und die Flöha. Unzählbar

namenlose Gräben füllen die Moorwässer.

Urland sind die Kammoore. Aber selten blieb eines von ihnen unberührt

von Menschenhand. Hacke und Spaten haben schon arg gehaust. Ein

Fuder schwarzbrauner Boden wird täglich aus der »Moorbodengrube« ins

Theresienbad nach Eichwald gefahren, und täglich kommen zwei Fuhrwerke

zum »Seemoor«, um dies Urland zum heilkräftigen Bad nach Teplitz zu

holen. Drei Meter hoch ragt die Abstichwand, ohne damit die ganze

Mächtigkeit des Moores anzudeuten.

Um kargen Lohn steht die Mutter aus dem entfernten Hochdorf auf dem

nassen Grund. Vom Morgen bis zum Spätnachmittag hackt sie an der

Moorwand. Acht Kronen, sind zehn Groschen, bringt das mühevolle

Tagewerk.

Zu Torfstreu wandelten die Neustädter ihren Moorboden. Seit Jahreslauf

ruhen sie von dieser Arbeit. Der Sturm stürzte die leeren Horden,

darauf Tausende und Abertausende Moorziegeln im Winde vertrockneten.

[Illustration: Abb. 14. =Schiefgesunkene Sumpfkiefern im Seemoor=]

Auf dem Torfstich von Fleyh trocknen auch noch heute die Torfziegel zu

Brennstoff für die Siedler.

Jeder Hackenhieb, jeder Spatenstich hilft einem Stück Urlandschaft

zum Vergehen, die einen Wesenszug von ernster Schönheit für die

Kammhochflächen bedeutet. Mag wirtschaftlich der Moorabbau begründet

erscheinen, größer wird der Schaden, den die Wirtschaft trifft,

wenn nicht weitschauender Geist in letzter Stunde die natürlichen

Wasserspeicher für unantastbar erklärt.

Polsterförmig überzieht das Torfmoos den Boden, bleichgrün bei

Trockenheit, hellgrün an Regentagen. Und nimmst du vom Urgrund ein

Pflänzchen zwischen deine Finger, so wird dirs schwer zu glauben,

daß dies bescheidene Geschöpflein mit seinem Vergehen und seiner

wunderbaren Verjüngung zum gewaltigsten Wasserverwahrer werden kann.

Nur das Mikroskop vermag dies Rätsel zu lösen. Zwei Zellenarten

wechseln im Querschnitt des Blattes miteinander, farblose und grüne.

Die grünen bergen Blattgrün, die farblosen bei Trockenheit nur Luft,

und die luftgefüllten Räume mit den durchscheinenden Wänden schimmern

im auffallenden Licht weiß. Kommt Regen, dann füllen sich die farblosen

Zellen, deren Wände kreisrunde Löcher haben, sofort mit Wasser. Das

Blatt beginnt zu schimmern. Millionen Pflänzchen vereint schaffen die

grünleuchtenden Kissen.

Hast du schon einmal die gigantische Trinkkraft des Torfmooses geprüft?

[Illustration: Abb. 15. =Im Sumpfkieferndickicht des Seemoors=]

Lege zwei Gramm wochenlang ohne Wasser gewesenes Torfmoos fünf Minuten

lang wieder in das belebende Element. Dann wiege die vollgetrunkenen

Pflänzchen. Achtundzwanzig Gramm sinds geworden, das vierzehnfache

ihres ursprünglichen Gewichtes. Und das bedeutet für dich: Wiegst

du angenommen sechzig Kilogramm, dann mußt du in fünf Minuten eine

Wassermenge von achthundertundvierzig Kilogramm schlucken, wenn

deine Leistung dem Können des Torfmooses nicht nachstehen soll.

Achthundertvierzig Kilogramm Wasser sind achthundertvierzig Liter, zu

trinken in fünf Minuten!

[Illustration: Abb. 16. =Häuslerhütte mit sehr hohem Dach am Wege von

Neustadt nach Willersdorf Nebeltag=]

Nur an feuchten Orten vermag das Torfmoos zu leben, trägt es ja doch

nur in seiner Jugend Haftfasern gleich Würzelchen. Wenn es später

wurzellos wird, dann müssen ihm Tau und Regen helfen, dann zieht es

den Nebel ein, der hier oben seine Heimat hat und über manches Kammdorf

hundertfünfzig sonnenlose Jahrestage breitet.

[Illustration: Abb. 17. =Schindelgiebelmuster in Oberwillersdorf=]

Hebst du ein Stück Polster in die Höhe, so kommt dir ein Gewirr

blätterloser brauner Stengel vors Auge. Eine noch dunkler gefärbte

Masse lagert darunter. Das ist Torf, aus den Stengeln geworden, die

aus Mangel an Luft und Licht abstarben. Das saure Moorwasser ließ

sie nicht vollkommen verwesen. An der Spitze wächst das Torfmoos

unaufhörlich weiter. Jungwerden am Spitzentrieb, Sterben in den unteren

Teilen, das ist sein Lebenslauf. Und nach jedem vierten Blättchen an

jedem seitlichen Ästchen setzt sich ein neues Zweigbüschel an. Dessen

Sprossen gabeln sich wieder. So breitet sich in endlosem Fortgang

Geschlecht neben Geschlecht.

Einen Heidestreifen durchschreitest du beim Gang zum Moor, durchzogen

von Rinnsalen, die das Moor entwässern. Dann betrittst du den Boden,

den noch keine Menschenhand bändigte, kein schollenstürzender Pflug

wendete.

Wenn Wochen hindurch die Mittsommersonne über dem Urboden scheint, dann

gibt er dem Fuße sicheren Grund. All die kleinen, flachen Wassertümpel

verdunsten: Überall schwarze, rissige, brüchige Erdflecken. Dann

strecke dich zur Rast auf das Heidekraut, pflücke mit lässiger Bewegung

die Trunkelbeere, beschaue die purpurnen Moosbeerblütchen und die

zierlichen Blättchen der Krähenbeere.

Im »Seemoor« verträume die Mittagsstunde zwischen den niederkauernden,

sich bückenden, knienden, schleichenden Gestalten. Im weichen Grund

sanken die Sumpfkiefern schief. Ihre Lichtstrebigkeit half die krummen

Stämme formen. Ja, wenn du im Südteil dieses Moores weilst, darfst

du getrost sagen: Hier schaue ich das _urhafteste_ Krummholzmoor vom

östlichen Erzgebirge.

[Illustration: Abb. 18. =Fünf verschiedene Schindelgiebel in Fleyh=]

Im Mittagswinde schwingen die weißen Schöpfe vom Scheiden- und

Binsenwollgras, schwanken die langen Halme der Fadensimse. Kein

Vogellaut klingt.

Eine Spur im teigigen Boden verrät des Hochwildes Wechsel. Und nachts

schreckt das Moor auf, wenn vom hohen Stand der Kugeltod darübersaust.

Über die »Kiefernweiche« mußt du wandern, wenn das Moor tagelang das

Regenwasser trank und die Krummholzkiefern wie tückische Gespenster im

Bergnebel lauern. Dann ruhen neben den großen Tümpeln noch viele, viele

kleine, trügerisch überdeckt vom Heidekraut. Mit jedem Schritt wird das

Moor laut unter den lastenden Füßen, strahlt das braunrote Moorblut

empor.

Da, schnell auf dies feste Büschel! Im Augenblick schon sinkt der Fuß

in Schlamm. Wie rettende Arme ergreifst du die Äste der Moorkiefern,

tastest nach sichrem Boden. Auf und nieder geht der Körper. Im Schuh

kluckst das Moorwasser. O, das macht müd, übers satte Moor zu gehn.

Schwankender Boden macht heiß. Und gewinnst du ein festes Eiland zur

Rast, dann wird dir bang vor dem tiefen Moorschweigen.

[Illustration: Abb. 19. =Forsthaus in Fleyh=]

Im Moornebel geistern die Kiefern. Mit spannenden Sinnen wagst du das

Weitertasten über den wiegenden Boden.

Kunst, Brauch und Glaube

Wo der Kornbau seltner wird, und die Wiese die Haupternte schenkt, dort

bedarf es keiner großen Scheuern, da vermag des Hauses Dachraum den

Wintervorrat zu bergen. Freilich, gar hoch ist das Dach, ein Stockwerk

für sich, höher als der steinerne Unterbau. Das ganze »Häusl« zeigt,

daß es besonders in Wintermonden im harten Kampfe mit den Wetterkräften

steht. Steil sitzen die Dachflächen auf dem Unterbau, ein hoher

»Wetterhut«, von dem der Schnee abrutscht. Schindelgepanzert trotzen

die Giebel. Mit ihrer dunklen Wetterfarbe sind sie wohltuend der

Landschaft eingefügt. Ruhe veratmet Dach und Giebel mit Wald und Wiese.

Kein Farbenschrei schreckt unser Auge. Aber die weißgetünchten Mauern

überall? Nein! Schreiend und leuchtend muß wohl geschieden werden.

Freundliche Gesichter sinds, darinnen glänzende Augen stecken und

darüber ein verwetterter, dunkler Kampfhut sitzt. Dunkles Wettergrau,

leuchtend Weiß und helles Wiesengrün, umrahmt vom schwarzgrünen Wald,

überwölbt vom blauen Himmel: Ein wundersamer Farbenbund. Kunst sind die

Kammhäusel, als Ganzes geschaut, echte bodenständige Volkskunst.

Volkskunst offenbart sich auch in ihren Teilen. Selten sind die

Schindeln am Giebel in einfacher Reihung zusammengefügt. Mannigfache

Anordnungen zu formenschönen Mustern zeugen von des Dorfhandwerkers

Kunstsinn. Alle Schindelformen, vom einfachen rechteckigen Brettchen

bis zum sorgsam zugespitzten, gerundeten, gelockten und verzierten,

weiß er beim Fügen zu meistern. Dem Freunde dieser Volkskunst wird es

wenig Mühe bereiten, in den Kammorten Neustadt, Willersdorf, Fleyh

fünfzig _verschiedene_ Muster zu suchen. Fünf voneinander abweichende

Schindelgiebel schauen wir auf unserem Bilde von Fleyh, dies auf

kleinstem Raume. Und beim Forsthausgiebel bekommt jedes Fenster noch

seinen besonderen Kopfschmuck.

Der Blick zum kunstvoll beschindelten Forsthausgiebel, wo aus weißer

Umrahmung ein sonnenbeschienener Farbenquell quoll, da der alte Förster

von echter deutscher Art im Sonntagsrock durchs Pförtlein schreitet,

das war ein Schauen mit Feierstimmung.

Am Fenster hat der Häusler dort oben sein Blumengärtlein. Der

allzukurze Sommer vermag draußen ums Häusl die Buntheit nicht zu

schaffen. Drum wird die Fensternische zum Blumenheim, das Winterglück

des Häuslers in rauhen Wintermonden. Seine Blumen beobachtet er gar

sorgsam, pflegt sie wie liebgewonnene Menschen, wenn sie kränkeln.

Wieviel scharfe Beobachtung, poetischen Sinn und tiefes Gemüt verraten

die Blumennamen! Gottesauge, Jesuauge, Leiden Christi, Brautschleier,

Annl, stinkende Liese sind ihm vertraute Klänge.

Häuslerglück und Häuslerkunst sind die Blumen am Fenster.

Schlichte Volkskunst begegnet dem Wanderer in den vielen religiösen

Malen am Wege. Freilich sind mitunter die Farben gar hart und unpassend

nebeneinander gesetzt, und manche ungelenke Stellung und allzusehr

verzerrte Gebärde hat der Dorfhandwerker beim »Heiligen« geschnitzt

oder gemeißelt.

Hier stimmt die Gemeinde beim Bittgang durch die Felder ihren Betruf

an: »Vor Blitz und Ungewitter befreie uns Herr Jesu Christi.« Aber auch

mancher stille Beter sucht hier seelische Zuflucht. Der Kleinbauer

kniet in stiller Andacht davor, daß Gott ihm Vieh und Feldfrucht

beschirme vor den argen Wettern, die erbarmungslos ihre halmknickenden

Eiskörner über die Kornfrucht schleudern, die mühsam gebaute, und

schwere Sorge ums Brot mit niederschütten. Manch Häuslerheim ward

auf der schutzlosen Hochfläche zur Wüstung, wenn aus dem brüllenden

Wolkenballen der vernichtende Strahl zuckte.

[Illustration: Abb. 20. =Häuslerstube in Neustadt.= An der Tür stehen

die Anfangsbuchstaben der »heiligen drei Könige« ~K M B~]

Überschattet wird der stille Beter vom Ebereschenbaum, umträumt von

seinem Feldfrieden.

Manch Andachtsmal schuf dieser Glaube am Waldrande, wo die Bergfichten

weit übers dürftige Haferfeld ästen, mitten im Wald, wo lebende Säule

neben lebender Säule ragt und ungezählte Wipfel zum Dämmerlicht

gebenden Dach sich schließen. Gesundheit und gute Wegfahrt erfleht

das alte Mütterlein. Wer wollte leugnen, daß solch baumgeborgne Stätte

auch den Andersgläubigen andachtsvoll stimmen könnte?

[Illustration: Abb. 21. =Kirchgänger aus Willersdorf im Kirchdorf

Fleyh=]

Sonntag ist’s. Im Kirchdorf wird das Hochamt eingeläutet. Da kommen die

Häusler aus den eingepfarrten Orten durch ihren sommerlichen Feldsegen

zum alten Holzkirchlein gezogen, im buntgeblumten Kopftuch Großmutter,

Mutter und Kind.

Und wenn der eherne Betruf verklungen, dann träumt die Landschaft nach

der bunten Bewegung in ihrem Feiertagsfrieden.

[Illustration: Abb. 22. =Inneres der Johanniskirche in Fleyh.= 1653

unter dem Richter Kaspar Panzer von den Einwohnern aus Holz erbaut]

Nach der Andacht belebt sich der schmucklose, kreuzüberfüllte Friedhof.

Vor den Kreuzen aus Holz und Eisen weilen die Kirchgänger, entblößten

Hauptes die Männer, und ein murmelnd Bittgebet für des Verstorbenen

Seele geht über ihre Lippen. Sich bekreuzend gehen sie hinweg. Auch zur

Winterszeit, wenn nur des Kreuzes Spitze das Grab verrät, kommen die

Beter an die verborgene Ruhestatt ihrer Lieben.

Im Plaudern kürzt sich der Heimweg. Mitteilsam wird immer der Heimgang

vom Erntedank. Das macht die Vorfreude auf den farbenbunten Ernteumzug

am Nachmittag. Auf dem Erntewagen stehen Hafergarben. Wohlgeschüttet

lagern die Kartoffeln. In gelbem Blattgefieder hängen schwer der

Eberesche rote Trauben. Marschmusik strafft den Gang bei alt und

jung. Und abends gibts Erntetanz in des Dorfes »Schanknahrung«, wo

der Baßgeiger ohne baumelnde Pfeife streicht, die bei der Übung am

Samstagabend immer im Munde hing, wo der kleine »Schlagwerker« mit

Händen und Füßen Töne schafft und mit dem Kinn den Takt zuckt.

Wenn nebelverhüllt das Kammland düstert, der Eberesche Blätter

verwesend unterm kahlen Baum liegen, dann kommt ein ernster Tag. Jeder

Grabhügel hat seinen Schmuck, auf jedem brennt ein Flämmlein, zuweilen

in einer Nische, und durch des Türleins Scheibe quillt aus farbigem

Glase ein milder Schein. Lautlos wandeln die Menschen. Versonnene Beter

knien ungestört.

Wieder ist der Heimgang plaudersam. Doch viel wird heute erzählt vom

kurzen Leben und raschen Tod, vom frühverschiedenen Kind, das vor wenig

Wochen erst dem Knospenschlaf entsprungen, vom rastlos schaffenden

Vater, von der liebegebenden Mutter, von Bruder und Schwester, von

Greis und Greisin.

Am irdischen Vergehen hängt der Gedankenlauf.

Und einmal im Jahre wirds auf dem schneeverschütteten Hochland

beim Sternenglanz lebendig. Schwarze Gestalten, vermummt gegen den

schneidenden Nachtwind, schreiten dem Scheine des wegstampfenden

Lichtträgers nach. »Heilige Weihnacht« wollen die Hochsiedler feiern um

diese Stunde im kerzenerleuchteten Gotteshaus.

Im dämmervollen Winkel belauscht der Fremde das mitternächtliche

Hochamt.

Sehnend Erinnern

Immer wieder ziehts mich hin auf die Kammweiten, wo der Wetterkräfte

Spuren jedem Blicke eigen sind, wo dürftig Ackerland mit jungfräulichem

Boden raint, wo stille Kämpfer um deutsche Art, ausgesöhnt mit ihrer

kargen Heimat, wurzelfest die väterliche Scholle hüten, wo kleiner

Leute Kunst und Glaube herbe Einsamkeit beseelt.

Vogelkundliches aus alten sächsischen Chroniken

Von Prof. Dr. _Bernh. Hoffmann_

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 1-2 · 第 2 / 5 段