Wie der Steinbruch am Ufer nagt; nackt und kahl schießen gew

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Buches.

[Illustration: Cover]

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

1 bis 2

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XIV

_Inhalt_: Mutzschen, ein vergessenes (romantisches) Kleinstadtidyll

– Die Kirche zu Straßberg im Vogtlande – Bauernland – Auf den

deutschböhmischen Kammhochflächen des östlichen Erzgebirges –

Vogelkundliches aus alten sächsischen Chroniken – Der Luchsstein bei

Hinterhermsdorf – Die Farbe im Stadtbild – Ehrenfriedersdorf – Aus

der Praxis des Pflanzenphotographen

Einzelpreis dieses Heftes 2 Reichsmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835

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Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1925

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Band XIII (1924)

Mark 1.50

und 30 Pfg. Postgeld und Verpackung

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

=Dresden-A.=, Schießgasse 24

Band XIV Heft 1/2 1925

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 31. Januar 1925

Mutzschen, ein vergessenes (romantisches) Kleinstadtidyll

Von _Konrad Haumann_

Bilder aus dem Heimatschutz-Archiv durch Photograph Preuß

Abseits von der Heerstraße der Wanderer, zwischen Grimma und Oschatz,

südlich vom Wermsdorfer Forst, auf einem Bergrücken malerisch

aufgebaut, liegt das Ackerbaustädtchen Mutzschen. Wie sein Name

sagt, ein slawisches Besitzerdorf; Musitscin wird 1081 urkundlich

zuerst erwähnt. Der eherne Griffel der Geschichte vergaß, mit

goldenen Lettern Heldentaten in des Städtleins Chronika zu schreiben.

Das beklagenswerte Schicksal war ihm jedoch vorbehalten, von vier

Feuersbrünsten 1637, 1681, 1685 und 1724 heimgesucht zu werden, die

es dreimal bis auf den Grund einäscherten. Hieraus läßt sich auch des

Städtleins sorgenzerfurchtes Antlitz erklären, dessen mit allen Fasern

im Heimatboden wurzelnde Bewohner ihre Heimstätten immer wieder aus den

Brandüberresten aufbauten. »Aschenbrödel« sollte darum des Städtchens

deutscher _Ehrenname_ sein.

[Illustration: Abb. 1. =Mutzschen.= Gesamtansicht von Süden]

[Illustration: Abb. 2. =Kirche und Pfarre in Mutzschen=]

Überraschend umweht einen der Geist des achtzehnten Jahrhunderts, sowie

man nur den Fuß in den pittoresken, stillen Ort gesetzt hat. Da schaut

aus jeder grasbewachsenen Mauerritze, aus dem huckligen Pflaster der

aufkletternden Gassen, aus jedem der verhutzelten Häuserchen urtümliche

Heimatseligkeit und Heimatliebe, da liegt über spinnwebgrauen

Giebeln und alten Toren schlichte Treue am Althergebrachten, wie es

gleich echt nur selten in einer sächsischen Kleinstadt sich findet.

Geruhsames, fast dörfliches Kleinstadttreiben, da man an einem Ende

des Städtchens weiß, was in den Häuschen am anderen Ende zu Mittag

gekocht wird, da sich höflich jedermann grüßt und anredet, da man Zeit

findet über den gebrechlichen Zaun weg, zwischen zwei Arbeiten, noch

ein Schwätzchen mit der Nachbarin zu machen, wo traumverloren eines

Klaviers verwehte Klänge durch alte Gassen huschen und wo es sehr viele

Alte gibt – ja, so ist es auch in Mutzschen. Aber Mutzschens Romantik

haftet im Malerisch-Motivreichen, im Aschenbrödelgewand, und Meister

Spitzweg hätte helle Freude gehabt, wenn er sich hätte bescheiden

können, nicht so hoch in die Wolken hinein zu malen. – Da geht die

»Hauptstraße« krumm und kleinstadtselig an trauten, weinumgrünten

Giebelhäusern vorüber, wo samtpfötige Katzen hinter blitzblanken,

blumengeschmückten Fenstern behaglich spinnen, krumm, wie eben nur eine

Kleinstadtgasse laufen kann. Sie mündet in das winklige und verschobene

Marktplätzchen, wo die Häuser runde Torbogen haben. Eng wird’s dann in

den »Schloßhäusern«. Über die Brüstung einer altväterlichen Steinbrücke

blickt man in eine wilde, struppige Schlucht, auf deren Sohle ein fast

versiegendes Wässerlein rinnt. Drüber zwei schwere, mittelalterliche

Brückenbogen, die an einem trotzigen Achteck-Turm vorüber zum Schloß

führen, das über buntblühenden, von Freitreppen unterbrochenen

Gartenterrassen behäbig thront. Es ist ein schlichter Bau, Anfang

des achtzehnten Jahrhunderts errichtet (nachdem die mittelalterliche

Burganlage 1681 niedergebrannt war), inschriftlich verziert und mit

vornehmem Altan. Gegenüber ein bescheidenes, wunderlich angelegtes

Turmgebäude, des Schloßverwalters Wohnsitz. Alles atmet mitsamt dem

Park ganz den Geschmack jener Zeit. – Sprudelt ein Brünnlein ins

grünvermooste Steinbecken. Wer sollte sich wundern, wenn seideknisternd

ein galantes Reifrockdämchen mit kunstvoll gepudertem Perückenbau,

und in Kniehosen ein gleichfalls perückengeschmückter Kavalier mit

zierlichem Degen, naturschwärmend konversierend, auftauchen würden.

Auch beim Anblick der »Schloßhäuser« meint man noch Erbuntertänige

zu schauen, im zwilchenen Kittel, die Nacken demütig gebeugt vorm

vorüberreitenden Schloßherrn, aber ingrimmig vielleicht die Faust

heimlich geballt über Willkür und Fron. Und endlich könnte auch ein

Fähnlein pluderhosiger Landsknechte über die mittelalterliche Brücke

daherziehen, fluchend oder lustig ein Liedlein singend vom Buhlen

und von Frau Minne. Mag anno 1600 dort so ausgesehen haben und anno

1700 vorm letzten Brande, wie es heute wiederum aussieht. – Neben

dem stattlichen Rittergut die 1834 erneuerte Kirche, auf trutzhafte

Grundmauern gebaut, die durch Pfeiler gestützt sind – aber das Gebäude

verbaut und merkwürdig nüchtern in dieser altertümlich-traulichen

Umgebung. Im Tale die »Pfarrhäuser«, anmutig in Wiesengrün gebettete,

verwetterte Häuserchen, die Anfang 1700 von der Kirche erbaut, bis

Mitte 1800 dem Pfarrer als Erb-, Lehns- und Gerichtsherrn unterstellt

waren. Am »Schloßberg«, der Fundstätte der altberühmten »Mutzschener

Diamanten«, ruppiges Mauerwerk, im Grund eine romantische Mühle in der

Nachbarschaft baufälliger Hütten. Auch im Tale jenseits, an der nach

Grimma führenden Straße, allerorten winklige, engbrüstige Häuserchen,

durch Treppen und Gäßchen verbunden, an den grünenden Hängen

geschachteltes Fachwerk, verbaut, verklebt, wie eines Vögleins Nest

– zigeunerbunt, malerisch. Und das Alter wob ein ehrwürdiges Gewand

um diese Häuserchen zwischen Gartengrün, um altertümliche Durchgänge,

Mauern und Höfe.

[Illustration: Abb. 3. =Durchgang vom Kirchhof zum Markt in Mutzschen=]

[Illustration: Abb. 4. =Schloßbrücke in Mutzschen=]

[Illustration: Abb. 5. =Mutzschener Schloß vom Hofe aus=]

Und nun, Wanderer, der du Mutzschen besuchst, das Städtlein mit

dem »melodischen« Namen, der wie ein Kosename für Ehrwürdiges

und Schlichtes anmutet – kein Bild aus grauer Urzeit, aber ein

prächtig-altertümliches Landstädtchen wirst du finden, wo nur selten

ein unechter, nicht bodenständiger Klang mißtönend aufklingen wird.

[Illustration: Abb. 6. =Blick vom Schloßhof auf Rittergut und Kirche in

Mutzschen=]

[Illustration: Abb. 7. =Blick vom Süden auf Schloßbrücke und Schloß in

Mutzschen=]

Die Kirche zu Straßberg im Vogtlande

Von _Paul Apitzsch_, Oelsnitz i. V.

Mit photographischen Aufnahmen von Kurt Sippel, Plauen i. V.

Oberhalb der Kreisstadt Plauen liegen im breiten Wiesentale der Weißen

Elster zwei behäbige Bauerndörfer mit bemerkenswerten Gotteshäusern:

Kürbitz und Straßberg. Die von Urban Kaspar von Feilitzsch im Jahre

1624 gestiftete _Kirche zu Kürbitz_ gilt als die schönste Dorfkirche

des Vogtlandes. Von unbekannter Hand geschrieben, steht an der

Holzvertäfelung eines Betstübchens der Kürbitzer Kirche folgendes

Distichon:

~Pulchrius hoc in te non est, Voiglandia, templum,

Hoc urbs, hoc vicus, pagus et omnis ait~, d. h.

Schöner als diese Kirche gibt’s keine in dir, o Vogtland!

Das sagt Stadt und Land; jedermann spricht es aus.

[Illustration: Abb. 1. =Kirche zu Straßberg= vom Wiesengrunde aus]

Weniger bekannt und geschätzt ist die weiter elsterabwärts auf dem

»Burgberg« gelegene _Kirche zu Straßberg_. Das Geschlecht derer von

Straßberg gehört zu den ältesten Adelsfamilien des Vogtlandes. Ein

~Henricius advocatus de Strasberg~ wird urkundlich 1209 genannt. Das

Stammschloß hinter der jetzigen Kirche wird bereits 1280 als zerstört

aufgeführt. Ein Edler von Straßberg war es auch, der zwischen 1232 und

1248 Schloß Vogtsberg bei Oelsnitz erbauen ließ (Dr. Kurt von Raab:

»Schloß und Amt Vogtsberg bis Mitte des sechzehnten Jahrhunderts«).

Die Kirche in ihrer jetzigen Gestalt hat indes mit dem Geschlechte

derer von Straßberg nichts zu tun. Sie ist an Stelle einer urkundlich

1284 genannten ~Capell zv Straszborgk~, die unter dem Orden der

Deutschritter stand, von _Joachim von Reibold_ auf Schloß Neundorf im

Jahre 1576 erbaut (Rich. Steche: Beschreibende Darstellung der älteren

Bau- und Kunstdenkmäler, Heft 11). Dieser Joachim von Reibold muß ein

sehr vermögender Herr gewesen sein; denn er besaß außer Neundorf und

Straßberg auch Netzschkau, Sachsgrün, Ebmath, Haselbrunn, Rößnitz,

Polenz, Gutenfürst, Kloschwitz und Thannhof. Nur einem so reich

begüterten Patronatsherren war es möglich, die für mittelalterlich

dörfliche Verhältnisse außergewöhnlich große dreijochige Hallenkirche

zu schaffen.

[Illustration: Abb. 2. =Straßberg im Winter=]

Wolkenlos und sengend heiß brütet ein stiller Sommernachmittag über

der weiten Elsteraue. Ich steige von der staubigen Landstraße den

kurzen, steilen Fußpfad zum Gotteshaus empor. Rechts des äußeren

Friedhofseinganges schattet breitkronig eine alte Linde, und ihr

Blütenduft, von keinem Windhauche verweht, versetzt urplötzlich ins

Märchenreich der Romantik. Der weißhaarige Totengräber öffnet die

Pforte, und – ich stehe gebannt von der Schönheit des Durchblicks, wie

ihn Meister Sippel mit ausgesuchter Kühnheit in Abbildung 4 auf die

Platte gebannt hat. Vom dunklen Vordergrund hebt sich lichtübergossen

der Vorplatz mit dem schmucklosen, romanischen Porphyrportal ab. Ich

trete ein in die kühle _Vorhalle_. Eine freudige Überraschung! An

den Wänden hängen drei alte Schnitzwerke. Zunächst der Mittelschrein

eines Flügelaltars mit der heiligen Anna selbdritt, Johannes dem Täufer

und einer heiligen Frau ohne Bezeichnung. Auf dem Kirchboden fand ich

später die dazu gehörigen beiden Seitenflügel, innen ohne Schnitzwerke,

außen mit Heiligenbildern bemalt. Das zweite, kleinere Schnitzwerk

in der Vorhalle, die Fußwaschung Christi durch Maria Magdalena

darstellend, scheint ein Innenfeld des einen Flügels ausgefüllt zu

haben. Das dritte und kleinste Schnitzwerk, stark beschädigt und ohne

Bemalung, stellt nach Steche die Geißelung Christi, nach Ansicht

anderer Kunstkenner die Geißelung Pauli dar. Es hat mit dem Flügelaltar

nichts zu tun und stammt, wie die beiden anderen Holzbildwerke, aus der

Zeit um 1500.

[Illustration: Abb. 3. =Kirche mit altem Friedhof=]

Von der Vorhalle im westlichen Turmbau führen zwei Wendeltreppen

nach den Emporen und nach der genau über der Vorhalle gelegenen

_herrschaftlichen Betstube_. An den Wänden verblichene Fresken

vom Jahre 1626, Geburt und Himmelfahrt des Herrn darstellend. Das

Kreuzgewölbe der Decke zeigt allerlei Stuckfiguren und plastische

Engelsgestalten. Jetzt einfach weiß getüncht, scheint diese Decke

ehedem bunt bemalt gewesen zu sein. Als weiteren Schmuck weist die

Kapelle die Wappen der Adelsgeschlechter von Reibold, von Feilitzsch,

von Thoß und von Ende auf. An der dem Schiffe zugewendeten äußeren

Brüstung ist das Bildnis des 1712 gestorbenen Hofmarschalls Philipp

Ferdinand von Reibold angebracht. –

[Illustration: Abb. 4. =Durchblick auf das Westportal=]

Etwas sehr Merkwürdiges zeigt sich uns, wenn wir nunmehr, von der

herrschaftlichen Betstube aus weiter aufwärts steigend, _die beiden

nächsthöheren Stockwerke des Westbaues_ in Augenschein nehmen. Diese

sind eigentümlicherweise als Wohnung eingerichtet. Das eine Stockwerk

enthält zwei stattliche Wohnräume, eine Küche mit Herd, eine Wandnische

zur Aufbewahrung von Speisen und einen Vorsaal. Von diesen Räumen

führen zwei sich entsprechende Treppen nach dem obersten Geschoß,

welches die ebenfalls schön gewölbten Schlafzimmer enthält. Steche

vermutet, daß mit diesem Wohnungseinbau die Herren von Reibold einen

Druck ausüben wollten, einen selbständigen Pfarrer zu erhalten; denn

Straßberg war lange Zeit Filial von Plauen. Ob die hochgelegene

Pfarrwohnung jemals als solche benutzt worden ist, läßt sich urkundlich

nicht nachweisen.

[Illustration: Abb. 5. =Sakristei mit Erbbegräbnis=]

Und nun steigen wir noch ein Stockwerk höher, hinauf zu den _Glocken_.

Die Kirche zu Straßberg gehört zu den wenigen vogtländischen

Gotteshäusern, denen es vergönnt war, ihr vollständiges Geläut, trotz

der Metallknappheit des letzten großen Krieges, behalten zu dürfen.

Die größte der drei Glocken außer einer kurzen Widmung die Inschrift:

Durchs Feuer bin ich geflossen,

Christoph Salomon Graulich von Hof hat mich gegossen.

1725.

Die mittlere ist die älteste. Sie stammt aus dem Jahre 1673, und der

Glockengießer heißt Hiob Breitinger.

Die kleine Glocke, gestiftet vom Kurfürstlichen Sächsischen Rittmeister

Adolph Hauboldt Reibold, hat Daniel Hendel aus Zwickau anno 1688

gegossen.

[Illustration: Abb. 6 =Straßberg mit Kirche=]

Statten wir zuletzt dem _alten Friedhofe_, der rings um die Kirche

sich breitet, einen Besuch ab. Ehrwürdige Lebensbäume verleihen ihm

ein düsteres Gepräge (Abb. 3). Eingesunkene Steinmale und rostkranke

schmiedeeiserne Grabkreuze ragen aus einer Wildnis von Blättern und

Blüten. Wundersam schmiegt sich aus dem Ostgiebel der Kirche die alte

_Sakristei_ an (Abb. 5). Unter den Steinfließen des kleinen Gebäudes

ruhen seit 1821 im _herrschaftlichen Erbbegräbnis_ die Gebeine der

Rittergutsfamilie Golle auf Neundorf. Später wurde eine Gruft an der

im Bilde sichtbaren Außenseite der Sakristei angelegt. Hier wurden

Rittergutsbesitzer Karl Bruno Golle (gestorben 1917), Hauptmann Bruno

Herbert Golle (gestorben 1917) und Rechtsanwalt Karl Hans Golle

(gestorben 1921), beigesetzt. Wilder Wein rankt am bröckelnden Gemäuer

empor, und von der Kalktünche des Ostgiebels rieselt an nebelfeuchten

Tagen Körnlein um Körnlein. Die seit 1832 nicht erneuerte Kirche zu

Straßberg bedarf, soll sie nicht völlig dem Verfall entgegengehen,

innen und außen einer gründlichen Erneuerung. Die Kirchgemeinde

hat keine Mittel hierzu. Es ist Pflicht der staatlichen Behörden,

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, des Landesamtes für

Denkmalpflege und des Finanzministeriums, helfend einzugreifen und das

gefährdete Kunst- und Kulturdenkmal zu retten, ehe es zu spät ist.

Die Abendglocke hebt an zu klingen. Weich weht der Talwind um die

schlanken Pyramiden der Friedhofszypressen. Ich steige hinab ins

Getriebe des Alltags, und lang noch im Weiterwandern muß ich gedenken

des Schicksals der Kirche zu Straßberg.

Bauernland

Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch

Das alte Meißen – eigentlich wollt’ ich ja stracks vom Bahnhof aus die

Landstraße gewinnen, die mich heute wieder einmal so unwiderstehlich

anzieht. Aber wie mich nun der Hauch Jahrhunderte alten Bürgertums

umwittert aus all den krummen und holprigen Gassen, da bring’ ich es

doch nicht fertig, so wie mit Scheuklappen durch die liebe Stadt zu

hasten. Und wie es so geht in dem alten Gemäuer, es kommt immer wieder

’was neues, noch nicht beachtetes hinzu, das auch dem eiligen Wanderer

noch zur freundlichen Gabe wird und den Schatz an Erinnerungen

vergrößert, den jeder echte Heimatfreund mit dem Namen Meißen

verbindet. So beschließe ich denn, einen Umweg zu machen und mich, wenn

auch kurz nur, an der Krone unserer obersächsischen Heimat zu freuen.

[Illustration: Abb. 1. =Meißen, Stadtkirche=]

Die Superintendentenstufen geht es hinauf und an der hohen Schule

vorbei, der Fürstenschule St. Afra. Hier bereits macht sich eine

Erinnerung auf, die ich wohl immer behalten werde. Im Maien war es

des vorigen Jahres, an einem kostbaren freien Werkeltag, da führte

mein Weg hier herauf. Feierlich schwieg es im Bannkreis der Schule;

es war, als hielten Bürgertum und Werktag respektvoll den Atem an vor

dem Wehen klassischen Geistes. Aus den offenen Fenstern hallten die

Stimmen der Professoren, die ihre Schüler auf die Höhen des Wissens

führten; aus dem Obergeschoß des linken Flügels sang eine Geige süß

und weltvergessen – da, ein Schrei, ein schier böotisches Jauchzen und

Jubeln! »Ich habb’se, hurra, zwee Maikäfer habb’ ich.« Ein kleiner

Barfüßler aus der Unterstadt hatte sich auf die Brüstung der Einfahrt

geschwungen und ein paar der gefräßigen Philister im braunen Bürgerrock

gefangen. Was galten ihm die Zauberin Kirke und Eos, die rosenfingrige?

Fest stand er auf seinen zwei braunen Beinchen im Tage.

[Illustration: Abb. 2. =Grubnitz=]

Ja, die Jugend in Meißen. Der alte Adrian Ludwig hat’s gewußt, daß

das junge Menschengewächs am holdesten in und vor altem Gemäuer

emporglänzt. Und als schlüg ich ein Blatt aus seiner Mappe auf,

so muten mich die vier Büblein und Mägdlein an, die kurz vor der

Zinnenbrücke unterm blühenden Kornelkirschbaum hocken und aus voller

Kehle singen: »Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen

Himmelszelt?« Habt Dank ihr lieben Musikanten, ihr macht mir den Sinn

leicht und froh in aller Trauer der Zeit. Einmal schon ward mir hier

oben das Herze getröstet im Bannkreis des Domes. Das war in den letzten

Tagen des tottraurigen Jahres Achtzehn. Ich war im Dome gewesen und

hatte die Liebesoffenbarungen deutschen Geistes dort auf mich wirken

lassen. Als ich aber wieder heraustrat in den Tag, da fiel mich der

Kummer an wie ein reißender Wolf über des Vaterlandes Schande –

und dann sah ich ihn stehen. Schlank und hoch, die grüne Mütze des

Fürstenschülers auf dem blonden Haar, so stand er unterm haushohen

Fenster des fünften Joches am Langhaus, daran noch die glorreiche

Hohenstaufenzeit gearbeitet, und blickte hinauf nach dem Westturm,

ruhig und zukunftsfroh. Das feldgraue Gewand, aus dem Waffenrock

umgearbeitet zum Bürgerkleid, verriet den Kriegsprimaner, der vom

Schlachtfelde zurückgekehrt war für kurze Monate zur alten alma mater.

Ich aber konnte den Blick nicht von ihm wenden – nein, noch war das

Reich nicht erstorben. Hier stand die Jugend vor mir als Symbol – er

mußte ja wieder kommen, der Tag der Deutschen! Das ist die zweite

Erinnerung, um die mir der Burgberg so teuer.

[Illustration: Abb. 3. =Steuden=]

Einen anderen schon, einen Großen, hat ja deutsche Jugend hier in

Meißen gepackt, daß er der Grämlichkeit vergaß, in die er zum Leid

seines Volkes versunken war – Goethe. Im April 1813 traf er hier mit

einer Schar von Lützows schwarzen Jägern zusammen, als er sich auf der

Durchreise nach Teplitz befand. Jubelnd umringten sie ihn und baten

ihn, daß er ihre Waffen segne. Und siehe, der Mann, der mürrisch das

Wort sprach: »Rüttelt nur an euren Ketten – er ist euch zu groß«, der

wurde von all dem Jugendbrause doch schließlich gefaßt, daß er den

Gruß fand: »Zieht hin mit Gott, und alles Gute werd’ eurem frischen

deutschen Mute.«

Ein dritter Tag noch steigt vor mir herauf, wie ich mich der hohen

gotischen Pforte nähere. Ein Ostersamstag war es, so wie heute, und

ich schritt voll Ehrfurcht durch den Wald der Säulen, die dieses Domes

Dach tragen. Vom Orgelchor herab ergoß sich ein Lied voll Glaubens

und Jubelns – eine Frauenstimme probte noch einmal den Festgesang des

kommenden Tages. Was hatte deutscher Glaube, deutsches Können hier für

einen Tempel errichtet in Liebe und Kraft. Wie zog dies steinerne Gebet

das Herz hier empor! Rainer Maria Rilkes Worte der Anbetung kamen mir

in den Sinn, die also anheben:

»Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen Dich, Du hohes Mittelschiff –

und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.«

Dann blickte ich um mich. Stand er da nicht neben mir, die Stirne

gesenkt, das strahlende Auge auf den Boden geheftet, um die Lippen ein

Lächeln, solch ein Hergereister aus heiliger Ferne? »Diese Stunde ist

ein Geschenk,« flüsterte er mir zu, mein Freund, der Dresdner Maler

Bruno Heinz; der Nazarener, wie sie ihn später genannt haben. Er hatte

mich heute hierher geleitet und seine Seele tat sich auf, weit und

ahnungsvoll an dieser Stätte. Wenn einer, so verstand er den Geist der

Werkleute, die an diesem Tempel gebaut haben viele Jahrhunderte lang.

Hier weilte er gern. Verkannt und verspottet, von wenigen nur geliebt

und verstanden, ist er seine Straße gezogen. In viel äußerer Not und

Kränklichkeit, er, der doch ein König war und ein Dichter. Er, von dem

seine Getreuen bald darauf in schwarz geränderter Botschaft meldeten:

»Er ging hinüber in jene Regionen, die zur Zeit seines dornenvollen

Erdenwallens schon seine ureigene Heimat waren: er ging den Weg seiner

Sehnsucht.« All sein Wollen und Können hat er grade damals noch in

einer Ausstellung darlegen wollen, einer Rechenschaft über sein Leben.

Ach, es waren nicht viele, die in der Kuppelhalle vor seinen gewaltigen

Blättern verweilten – und war doch eine Stätte der Rast da für die

Seele, ein Gottesdienst in wahrer Bedeutung! »Die aber vorübergingen,

schüttelten ihre Köpfe« und schritten zum Nebensaal, wo ein tüchtiger

Tiermaler prächtige Ochsen und Pferde ausgestellt hatte.

Heute, hier war er glücklich! Mit einem schier fröhlichen Ruck warf er

sein Haar in den Nacken und schritt mit mir weiter durch all den Zauber

in Kreuzgang, Kapellen und Bildern. Dann aber standen wir unten am

Strome, sahen noch einmal hinauf nach dem Berg, und mein Freund fluchte

dem Zeitalter der Technik, das das Bild der reinen Magd über der Elbe

geschändet hat und der Menschen Seele verwüstet.

Doch nun ade heute, mein Meißen. Hinaus will ich ja in das Land, zu

dessen Schutz und Wehr du einstmals bestellt wardst, hinaus jetzt ins

Freie!

Möwengekreisch, Dohlengejauchz und rispelndes Stromrauschen

gehn mir zur Seite, wie ich jetzt flußabwärts den roten Klippen

entgegenschreite. Noch nie sah ich die Albrechtsburg so schön und

frei wie von hier aus. An der Schildmauer zwischen Bischofspfalz und

Marien-Magdalenenkapelle klettert der Efeu empor und an der Burg gar

strebt er hinauf in schwindelnde Höhe bis an die Fenster des zweiten

Stockwerkes mit ihren gewaltigen spätgotischen Vorhangbögen. Ein

Felsentor öffnet sich dann beim Gasthaus zur Knorre, und frei liegt der

Wasserweg vor mir. Gar lieblich fließen die österlich frohen Farben der

Landschaft ineinander über – das Junggrün der Saat und das Blaugrau des

Stromes, über dem allen das Rot des Steinbruchgewändes am hohen Ufer.

Will aber in all dem Sonnenglast das Auge dich schmerzen, so schau

dich nur um und lasse den Blick einmal rasten auf dem ruhevoll grauen

Altersgewande der Burg.

Wie der Steinbruch am Ufer nagt; nackt und kahl schießen gewaltige

Wände gen Himmel. Aber versöhnlich breiten sich auf dem abgeräumten

Gelände jetzt neue Weingärten mit frischem Gepfähl und jungem Rebwuchse

aus. Da – hoch in den Lüften ein Sperber – stockstill steht er jetzt

in dem brausenden Sturm, die Brust tief gesenkt, die Schwingen fast

senkrecht gehoben, den langen Stoß aufgebogen vom Winde. Lange kann ich

ihn durch das Glas so beobachten; dann geht ein elektrischer Ruck durch

den Vogel und wie ein Pfeil schießt er herab ins Buschwerk des Hanges.

Hier nehme ich Abschied vom Strom. Durch sprießenden Laubwald geht’s

einen Stufenpfad aufwärts, und unter festlichem Finkengeschmetter

betrete ich die gesegneten Fluren von Zadel. Noch einmal aber schweift

von hier aus der Blick zurück auf Fluß, Tal und Höhen, bis hinten im

Morgendunst der Burgberg die Aussicht verriegelt. Wie reich ist hier

wieder einmal unsere Heimat! Ich will nur hoffen, daß im kommenden

Mai, wenn der Kirschbaum im Blütenkleid erjauchzt, diese Stätte von

den Meißner Liebesleuten recht fleißig besucht werden wird; schöner

als hier kann sich’s nirgends wohl träumen lassen von Lebensglück und

Liebesdauer landaus und landein.

Zadel hat seine Bedeutung gehabt in der Geschichte der deutschen

Besiedlung unserer Heimat. Es war Burgward und geriet früh unter die

Klosterherrschaft von Zella. Unterm Krummstab ward die Rebe hier

eingeführt und sie gedieh trefflich durch all die Jahrhunderte bis

auf unsere Tage. Das alte Klostergut, seit der Reformation Staatsgut,

und die benachbarten Hufen waren bevorzugte Weinlagen, und auch jetzt

noch baut man hier einen Gutblau, Gutblank und Gutedel, der sich sehen

lassen kann. Es hat Jahre gegeben, da hier St. Urban, der Rebenpatron,

eine mächtige Segensfülle gespendet; so wurden 1652 hundertunddreißig

Faß hier gekeltert. Der Nutzen, der so aus dem Weinbau entsprang,

veranlaßte die Bauern, die Weingärten immer mehr auszudehnen, nicht nur

in den Hängen, sondern auch auf der Hochfläche, bis Johann Georg II. in

volkswirtschaftlicher Erkenntnis dem entgegentrat. »Wo der Pflug kann

gehen, soll kein Rebstock stehen,« ist ein richtiges Wort.

In früheren Zeiten bekam die Pfarre zu Zadel ein jährliches Mostdeputat

aus den landesherrlichen Bergen. Diese, später gegen Geld abgelöste

Gerechtsame hat sich und seinen Herren Amtsnachfolgern wohl der

gelahrte Magister Petrus Dietrich verdient. An ihn, heißt es, war

einst die Frau Kurfürstin während des öfters vorkommenden Hoflagers

auf dem Kammergut herangetreten mit der Bitte, ihren Eheherrn ob

seines mächtigen Durstes und dessen allzu bereitwilliger Löschung ein

wenig »zu schütteln«. Der Magister versprach, das Seine zu tun; wie er

am Sonntag aber den lieben Herrn in seiner ganzen behaglichen Fülle

unter der Kanzel sitzen sah, da bracht’ er es doch nicht übers Herz,

zu scharf mit ihm ins Gericht zu gehen. Immerhin soll er einige milde

Hinweise auf die bedenklichen Folgen allzu scharfen Zechens getan, dann

aber mit den Worten geschlossen haben: »Se. Kurfürstliche Gnaden hat’s,

es bekommt ihr, Gott segne’s ihr. Amen.« Ergebnis – die oben erwähnte

Jahresspende!

Überaus anmutig ist das Kernstück Zadels, das stattliche Kammergut, auf

dessen Hof von ferner Höhe her die dreizackige Kirche von Lommatzsch

hereingrüßt, und die Dorfkirche. Im Jahre 1842 ward dies Gotteshaus

errichtet an Stelle des alten Baus aus dem Mittelalter. Gurlitt nennt

die neue Kirche in ihrer noch tastenden Gotik ein nicht unwichtiges

Beispiel der auf die ländliche Kunst sich erstreckenden Romantik; und

in der Tat, sie ist lieblich.

Unter einer herrlichen Apfelbaumallee ziehe ich dann hinüber zum

Golkwald, der die Meißner Gegend von der Großenhainer Pflege trennt.

In der Wiese schnarren die Stare, hinter den Weiden am Gosebach

taumeln die Kiebitze hoch, und steif und lendenlahm hoppelt Meister

Osterhase über die blanke Sturze. Mit Gebraus fährt der Südwest durch

den Altgoldschopf der Eiche im Wiesengrunde; dann packt er mich in

Genick und Rücken und schiebt mich als lästigen Ausländer über die

Zadeler Grenze, hinein in den Golk. Das ist ein schmales, langes Stück

trefflich gepflegten Staatswaldes, in dessen Stangen und Schlägen

überall gewaltige Felsbrocken verstreut liegen. Sind’s wohl die Reste

der Riesensteine, der Geschosse, die jene zwei feindlichen Nachbarn

aus dem Geschlechte der Riesen einst gegeneinander geschleudert haben,

der eine beim deutschen Zadel, der andere beim slawischen Wantewitz

stehend? In noch anderen Strichen des Koloniallandes hier weiß das Volk

von solchen Gigantenkämpfen zu berichten. So stammt der Sockel des

Königdenkmals im Dresdner Zwinger und der Würfel des Moreaudenkmals von

den Riesensteinen in der Nassau. Man darf wohl annehmen, daß mit den

gewaltigen Streitern die beiden artfremden Völkerschaften, Germanen und

Slawen, gemeint sind, die hier erbittert um die Herrschaft gerungen.

Verschwunden ist wendische Art längst aus der Gegend, aber wenn die

Bäuerin hierzulande die Gänse lockt mit dem Ruf: »Biele, biele« oder

»husch-husch«, so sind das noch Überbleibsel aus der Sprache der Wenden.

[Illustration: Abb. 4. =Zadel=]

Nach kurzer Waldwanderung grüßt mich wieder lachendes Bauernland,

Laubach liegt vor mir. Über seine Fluren bin ich schon einmal

geschritten, an einem Dezembertag im Schützenkessel. Die vielen Hasen,

die allenthalben herumkobolzten, ließen mich damals nicht recht zur

Betrachtung der Landschaft kommen. Heute, als schlichter Wanderer,

habe ich mehr von ihr und kann mich ungestört an den roten Dächern

und stattlichen Obstgärten des freundlichen Ortes freuen. Das Revier

ist ja auch nicht mehr in Freundeshand; ich brauche also weiter nicht

achtzugeben auf die Zahl der Hasen und Paarhühner, die ich antreffe, um

daheim dem Revierherrn zu berichten. Knapp genug mag es übrigens selbst

hier im milden Niederland für den armen Löffelmann im diesmaligen

Winter zugegangen sein; jedes Weichholzgebüsch ist bis hoch hinauf

blitzblank abgeknappert. – Der Gasthof zu Laubach besitzt eine Sammlung

von überaus drolligen Öldruckbildern aus dem Jägerleben von Mitte des

vorigen Jahrhunderts. Ich habe sie gern, diese derbbunten Blätter,

die so lustig all die Verlegenheiten schildern, in die ein Jägersmann

geraten kann bei der Suche auf Hase und Huhn, bei der Pirsch auf

Hirsch, Reh und »Kittelwilpert«. Es ist das auch eine Art Volkskunst,

meine ich.

In träumerischer Frühnachmittagsstunde geht es dann weiter hinaus ins

stille Land mit seinen Windmühlen und schwarzen Pflaumenbaumalleen.

Kein brüllendes Auto, kein Fabriklärm stört den Frieden des stillen

Tages der Grabesruhe; reines, ehrfürchtiges Bauernland schaut hier

hinauf in den Himmel. Ganz selten einmal begegnet mir ein ländliches

Fuhrwerk, fast stets dann mit wundervollen, edlen Pferden bespannt.

[Illustration: Abb. 5. =Zehren – Zadel=]

Dort, wo das Land sich zur höchsten Erhöhung aufwellt, steht die neue

Kirche von Wantewitz, dem »Dorfe des Iwan«, des grimmigen Feindes

von Zadel. Einen erstaunlich weiten Blick tust du von hier aus ins

Land. Erdwälle sollen früher das hochgelegene Dorf umgeben haben,

noch 1840 sollen sie sichtbar gewesen sein. Damals stand auch noch

die alte Kirche hier oben, die so viel mehr für Herz und Gemüt dem

Heimatmenschen geboten haben muß mit ihrem wuchtigen, bodenständigen

Breitturm als der nüchterne Bau aus dem Jahre 1864. Aber so war es

ja damals fast überall im Lande – die alten Kirchen mußten weg.

»Baufälligkeit« war meist der Befund, und wenn es dann ans Abreißen

ging, da brachte man das ungeheure Mauerwerk oft gar nicht nieder, und

die Pioniere mußten kommen mit Pulver und Zündschnur. Manch herzliebes

Dorfbild hätte uns erhalten bleiben können; nur mit wirklicher Wehmut

kann man Vergleiche anstellen aus den Abbildungen der alten sächsischen

Kirchengalerie etwa, die um 1840 herauskam, und denen der neuen Auflage

dieses Werkes aus unseren Tagen. – Sauber und nüchtern liegt das Innere

der Wantewitzer Kirche vor mir; den schönsten Schmuck hat sie wohl in

den zwei Leuchtern auf dem Altar – Eisenguß in edler Hermenform mit

klassischer Lichtvase und ruhiger Ornamentik; ein beachtenswertes Werk

aus der Frühzeit von Lauchhammer offenbar.

[Illustration: Abb. 6. =In der Großenhainer Pflege=]

Wild fegt der Westwind jetzt über das Land, die Sonne ist hinter grauen

Wolken verschwunden und der bunte Sonnenweiser am Halbhüfnerhaus von

Wistauda kann seines Amtes nicht walten. Dorf Porschütz liegt hinter

mir, und in der Ferne taucht Großenhain auf in einer auenartigen

Landschaft, trotz aller Fabrikessenunzier noch ein trauliches Stadtbild

mit seiner hohen graziösen Marienkirche. Fröstelnd blick ich mich um

am Wegekreuz, etwas Melancholisches liegt über der Landschaft, und

fürwahr, es ist eine traurige Stätte, an der ich jetzt stehe. Vor

hundertundeinem Jahre hat sich hier eines jener Nachtstücke aus dem

menschlichen Leben abgespielt. Ein junges Mädchen, eine Bürgerstochter

aus Großenhain, ist hier einem Wüstling zum Opfer gefallen und unter

seinen Fäusten verröchelt. Ins Elternhaus wollte sie heimkehren vom

Besuch bei Verwandten über der Elbe, und als sie in den Abendstunden

an diese Stätte hier kam, da früher ein Wäldchen gestanden, da brach

aus den Büschen der Mörder hervor. Verzweifelt muß sie um ihr Leben

gekämpft haben; ein Stück Tuch, aus dem Mantel des Mörders gerissen,

verriet diesen später. Dabei ist ihr Hilfegeschrei nicht einmal

ungehört verklungen; Landleute auf den benachbarten Feldern haben

es gehört, haben es aber »nicht weiter beachtet« – ein bitterer

Beitrag zur Geschichte menschlicher Trägheit und Torheit. So mußte

dieses »schöne, allgeliebte und gute Mädchen«, wie das Großenhainer

Wochenblättchen im Nachruf sie nennt, hier im Angesicht der Vaterstadt

sterben. Auf dem Friedhof zu Strießen liegt sie begraben; auf ihrem

Leichenstein, zu dessen Füßen ein paar Veilchen hervorsprießen, find’

ich die rührenden Worte: »Groll und Rache sei vergessen, unserm Todt

Feind sei verziehn.« Der Vater war ein ehrsamer Buchbindermeister

und kannte seinen Schiller. Den kleinen Denkstein an der Mordstätte

aber, der im Laufe des Jahrhunderts halb ins Erdreich versunken war,

hat der durch zahlreiche Veröffentlichungen um die Heimatgeschichte

des Kirchspiels wohlverdiente Pfarrer Hasche zu Strießen wieder heben

lassen.

[Illustration: Abb. 7. =Meißen=]

Dieses Strießen mit seiner umfangreichen Geschichte darf wohl als

typisches Dorf der Großenhainer Pflege gelten. Viel Beachtliches

aus altsächsisch dörflicher Vergangenheit bieten seine Annalen. Da

sind die »neuen Rügen«, die der Justizamtmann von Großenhain im

achtzehnten Jahrhundert für das eingepfarrte Medessen festsetzte. Ein

Paragraph aus ihnen gefällt mir besonders. »Auf jedem Hof,« heißt

es da, »sollen zwei Samengänse gehalten werden und ein Gänsch. Der

Zuwachs an dem Bestand aber soll zu Martini in jedem Jahr bei Strafe

von einem Groschen gänzlich abgeschafft sein.« Ist das nicht eine gar

fürsorgliche Anhaltung, den Genuß des edlen Gänsebratens bei denen

Untertanen nach Kräften zu verbreiten? Gemeint wird die Vorschrift

ja haben, den übermäßigen Weidegang der Martinsvögel einzuschränken.

Von Interesse dürfte auch der Gutsübergabevertrag sein, der im Jahre

1740 hierzulande abgeschlossen ward und der einen beachtlichen

wirtschaftsgeschichtlichen Beitrag liefert.

Da wird der Sohn verpflichtet, der das Gut an ihn abtretenden Mutter

jährlich sechs Scheffel Getreide zu liefern und mahlen zu lassen. Beim

Backen hat er ihr immer von ihrem Mehl zwei Brote und einen Kuchen

in die mittelste Reihe des Backofens zu setzen. Er muß für sie eine

Metze Lein aussäen, ihr einige Beete im Grätzegärtchen überlassen,

dazu ein anderthalbjähriges Schwein und einen »tüchtigen« Stall, auch

zwölf Kannen Butter, sechs Kannen Mai-, sechs Kannen Herbstbutter, ein

Schock Käse, ein Schock Eier, den vierten Teil von allem Obst, freies

Getränke »soweit er es selbst hat,« alle Sonntage eine Kanne Milch für

sie bereitstellen. Der Mutter steht die Mitbenutzung des Kirchenstuhls

zu, die der Mandelkammer, und der nötige Raum in der Stube, besonders

die Hölle am Ofen. Sie darf bei des Sohnes Feuer kochen; wird sie

krank, darf sie ihr Bett in die Stube stellen lassen, auch muß ihr eine

Wärterin gehalten werden. – Ein guter Rückversicherungsvertrag wahrlich.

Im Jahre 1813 litt das Dorf besonders stark unter den Kriegslasten.

Als Napoleon sich endlich am 27. September über die Elbe zurückziehen

mußte, gab er den Befehl, das Land nach Möglichkeit zu verwüsten, alle

Obstbäume niederzuhauen, sämtliches Vieh fortzutreiben, die Wälder

zu verbrennen und alle Nahrungsmittel zu zerstören. Glücklicherweise

verhinderte das rasche Vordringen der Verbündeten die Ausführung dieses

Befehls. Die sächsischen Truppen aber sollen über die harte Behandlung

ihrer Heimat so erbittert gewesen sein, daß sie bei einer großen Parade

trotz des brausenden ~vive l’empereur~ der französischen Regimenter

beim Vorüberreiten des Kaisers in völliger Lautlosigkeit verharrten,

obwohl sie Napoleon sogar mit einer Ansprache beehrte.

Gar viel haben wir zwei Heimatfreunde, der Herr pastor loci und meine

Wenigkeit, im traulichen Studierzimmer der Strießner Pfarre noch zu

erörtern vor uns, da tritt das Pfarrtöchterchen herein: »In zwölf

Minuten geht der Zug in Priestewitz ab.« Und so würdelos der Abschied

wirken mag – wie ein gehetzter Bösewicht sause ich die Dorfstraße

hinunter, und muß das liebe Dorf, das mir mit seinen gemütlichen

Bauernhöfen und ummauerten Grasvorgärten beim Einmarsch so wohl gefiel,

unbesehen lassen. »Ein und ein halb Kilometer bis zum Bahnhof« steht

am Wegestein – und rund zehn Minuten nur Zeit! Da heißt es hergeben,

was an Wanderlust noch in den Gliedern geblieben! Aber ich schaff’

es, querfeldein über Wiesen und Äcker; doch erst in Dresden komme ich

wieder richtig zu Atem.

Auf den deutschböhmischen Kammhochflächen des östlichen Erzgebirges

Von _A. Eichhorn_, Glashütte

Aufnahmen: _Max Nowak_, Dresden

Abseits von den belebten Fremdenorten auf der Nordabdachung des

östlichen Erzgebirges liegt unser heutiges Wandergebiet. Noch vor zwei

Jahrzehnten ruhte über diesem und jenem Dörflein und Städtlein der

genannten Landschaft die Bergeinsamkeit. Da erwachte in den Menschen

der Großstadt die Sehnsucht, aus Lärm und stauberfüllter Luft für

Wochen in reine Luft und Stille zu fliehen, einmal in einfacheren

Lebensverhältnissen zu sein. Das war ein edles und wertvolles

Vorhaben. So mancher Häusler kam durch seine Sommergäste zu einem

Sparpfennig. Aber bald brachten die »Fremden« das, wovor sie flohen,

in die Abgeschiedenheit mit, und manches Stück Bodenständigkeit der

Einheimischen in Sprache, Kleidung, Wohnungseinrichtung und Volkssitte

schwand dahin.

[Illustration: Abb. 1. =Blick vom Fleyberg über die Hochflächen von

Motzdorf, Grünwald, Willersdorf, Ullersdorf=]

Abseits von den vielbegangenen Wanderstraßen, die über Nollendorf, das

Mückentürmchen und durch den Seegrund führen, dehnen sich die weiten

Hochflächen im deutschböhmischen Teil des östlichen Erzgebirges. Nur

eine kleine Zahl vom großen Heere der Bergwanderer zieht auf dem

Kammwege dahin, der über sie hinwegführt. Und die hier oben wandern,

haben nur zu oft ihre vorwärtsdrängende Hast nicht daheim gelassen

und können auf der dehnenden Weite nicht zur Ruhe kommen. Wer aber

beharrenden Geist mitführt und im beschaulichen Verweilen mitunter den

Kammweg verläßt, dem rinnt der Quell der Entdeckerfreuden, dem wird das

»Neuland« zum Erlebnis. Nur der flüchtig schauende Wanderer kann diese

Landschaft, die sich von Peterswalde an über Streckenwalde, Adolfsgrün,

Vorderzinnwald, Hinterzinnwald, Neustadt, Willersdorf, Ullersdorf,

Grünwald, Motzdorf, Fleyh bis Georgendorf breitet, »öde« nennen. Dem

Kenner bleibt sie ein liebes Wandergebiet.

Dies Hochland trägt noch den Wintermantel, wenn die Menschen im

Tiefland unter blühenden Bäumen den Frühling einatmen. Es ist eine

erstorbene Landschaft um die Zeit, wenn die schweren Spätherbstnebel

wochenlang darüber liegen. Es ist ein ergreifend Stück Heimaterde zur

Mittsommerzeit, da alles seine Farben trägt und über die breitenden

Hochwiesen sich ein weiter blauer Himmel spannt.

Zu solcher Stunde tritt einmal an den Rand der Hochfläche, vielleicht

auf den Keilberg bei Neustadt, auf den Stürmer, die basaltne Strobnitz

oder gar auf den zerblockten wegfernen Wieselstein. Jäh verstürzt sich

der gewulstete Rand in eine weite Ebene, darüber sich viele gewaltige

Basalt- und Klingsteinkegel türmen. Dein Gedankenlauf geht zurück in

graue Zeitferne, da der Steinteig feuerflüssig aus der Erde quoll und

zum drohenden Donnersberg, Kletschen, Schladnig, Borschen, Sellnitzer

und Radelstein erstarrte, wie Wasser, Eis, Sonne und Wind an ihren

Körpern nagten und mit umgestaltender Kraft um ihre Füße ein reiches

Pflugland breiteten. Du schaust hinab auf eine einzige, riesige,

verdunstete Werkstatt, daraus hunderte von Schloten starren, denen

der Rauch in hoher Säule entsteigt und sich im Steigen zur breiten

Wolke lockert oder breiig träge über den Rand quillt. Und all die

wechselnden hellen und dunklen Qualmmengen fließen zum drückenden

Dunstmeer zusammen. In der dunstschwangeren Ebene kriechen viele

schwarze Schlangen mit qualmspeienden Köpfen. Das sind die langen

Kohlenzüge, die aus dem Kohlenbecken die verkohlten Baumgestalten

tertiärer Wälder zu den Dampfkesseln der Werkorte fahren, darinnen mit

nervenzerrüttendem Lärm rastloser Menschenfleiß schafft.

Nach solchem Blick in die gärende Tiefe betritt wieder die Hochfläche.

Verschwunden sind die aufgeregten Formen. Wie ein Greis in seiner

wohltuenden Ausgeglichenheit begegnet dir die Landschaft, wo Wald,

Wiese und Moor sich dehnen, die Ebereschenstraße zieht, die Berge sich

als sanfte Hügel wölben und dazwischen in der flachen Wiesenmulde,

bachentlang, sich das Hochdorf duckt oder verstreut auf freiem Plane

hockt.

Du wirst diesen Gang tun mit dem Gefühl, einem erstickend machenden

Dunst entronnen zu sein. Deine Atemzüge gehen tiefer. Oh, hier

streicht reine Höhenluft, hier scheint die Sonne heller! Das Hehre der

Einsamkeit wird dir nun erst bewußt.

Kampf und Entsagung

Ja, hier oben atmet sichs leichter. Aber es ist eine karge Heimat.

Kampf und Entsagung spricht aus ihrem Antlitz. Kämpfen und entsagen

müssen Pflanze, Tier und Mensch. Durch alle Monde hindurch währt der

Kampf mit den Wetterkräften.

[Illustration: Abb. 2. =Blick vom Keilberg über Niklasberg und die

Teplitzer Ebene nach dem böhmischen Mittelgebirge=]

Reißender Sturm und Nebel führen miteinander einen zerzausenden Kampf.

Vorbei jagt das weiße Gebrodel, und hinter dem Tarnschleier ahnt der

Nebelwanderer die weite Wiese, den Wald. Immer währt ein Kommen und

Gehen von weißem Geschiebe. Es ist Erregung in diesem Treiben. Aus

der nebelverwischten Landschaft kommt nahes Wasserrauschen. Doch wenige

Schritte vorwärts, und das Auge sagt, dem getäuschten Ohr, daß der

Sturm mit dem Bergwald ringt. Aber nichts Körperhaftes ist am Walde:

Ein schwingender, rauschender Schatten.

Drinnen im Wald wird der Nebel ziehend, wälzend, schleichend. Schwermut

liegt im Nebelwald. Ein zeitloses Versinnen überkommt den Wanderer beim

Gehen durch das graue Dämmer, das zwischen den Stämmen träge zieht,

zuweilen regungslos zu schweben scheint.

[Illustration: Abb. 3. =Wetterwolken über Unterwillersdorf und

Motzdorf=]

Da plötzlich schlägt der Bergfink im Nebelwald. Aber nur mit Mühe

vermag das Ohr die Richtung des Schalles zu bestimmen. Es ist, als

litte das Ohr, wenn das Auge im Blick zum bunten Sänger gehemmt wird.

Dann ruht der Bergwald wieder in seiner erschauernden Schwermut.

Und mit der nebelschwangeren Bergluft atmet der Wanderer die Schwermut

ein. Im Versunkensein wird der hastende Geist zur Ruhe gebracht, wird

manch Samenkörnlein für kommendes Schaffen erworben.

Ein erschauernder Zauber liegt im nebeltriefenden, sturmzerkämpften

Wald. Millionen Tröpfchen hängen am Waldgras, am Nadelgehänge der

Fichten. Mit dem Bergwald trieft des Wanderers Mantel, an dessen

Saum sich der zu Tropfen gewordene Nebel speicherte. Vom Licht- und

Schattenspiel ruht der Wald. Ausgelöscht sind die Waldfarben. Als

drohende Gestalten geistern die Überhaltstämme auf der Lichtung.

Aus dem Nebel löst sich eine Menschengestalt, schreitet mit kargem Gruß

vorüber, um sogleich wieder zu Nebel zu werden. Nebelverwischt zieht

der Berghirsch über den Weg von Waldwand zu Waldwand.

Unmerklich endete der Wald. Hier lag an Sonnentagen das Hochdorf so

wundersam verloren auf seinen Wiesen. Und heute? Doch nah, recht

nah muß es sein, denn immer sind Dorfgeräusche vernehmbar, und der

Zwitscherlaut der Schwalbe schrillt ans Ohr, die nahrungsuchend durch

das Dämmer jagt. Ja, ein harter Kampf ist es für ein Schwalbenpaar,

die Kinder zu erhalten, wenn selbst um des Jahres Hochzeit tagelang

die mückenleere Nebelluft über den Hochflächen lagert. Wie schreien

die kleinen Vogelkinder, wenn die wärmenden Eltern einmal für wenige

Augenblicke nestfern sind. Auch die Stare gehören im Hochdorf zu

liebgewordenen Sommergästen. Im Starkasten auf der sturmgerüttelten

Eberesche wohnen sie. Wohl macht ihnen der Nahrungserwerb nicht so

viel Mühe wie den Schwalben, aber kalte Tage bedeuten auch für sie

karge Tage, weil das Gewürm im Boden bleibt. Auch jeglichem Haar- und

Federwild sind die langwährende Nässe und Kühle zwei schlimme Feinde.

Aus durchwärmter Stube schaut das Auge in das weißgraue Dämmern, das

kaum bis zum Nachbarhaus sich öffnet. Da verstärkt sich das Gefühl

größter Abgeschiedenheit. Aber sollte heute, an des Jahres längstem

Tage, der Nebel sich nicht lockern, nicht weggeblasen werden vom

reißenden Luftstrom? Sie geben keine Hoffnung, die nebelkundigen

Siedler. Mit tagelanger Nebelhülle auch zur Jahreshöhe sind sie

vertraut. Und die bettelnde, wettertrotzende Zigeunerin schreitet

barfuß mit ihrem Säugling im Rückentuch in den ziehenden Nebel, dessen

nasser Hauch keinen wärmenden Sonnenstrahl zur Erde läßt.

Um die Mitternachtsstunde verglimmen die letzten dampfenden Glühaugen

aus regungslos hockenden Gestalten. Totenstill ruht das Hochdorf in

seinem Nebelsarge. –

Zerkämpfte Gestalten stehen im Wald und an den Straßen. Windgeschert

sind Buche, Fichte, Eberesche. Der Bergwind stellte sie schief am

Straßenrande und die Seite, die ihm zugekehrt, schor er ab. Nun

gleicht die Baumkrone einem nach hinten zu wehenden Schopf. All die

Zweige, die dem dauernd streichenden Winde zugekehrt sind, leiden an

übergroßer Verdunstung, denn die wehende Luft wirkt aussaugend auf die

Zwischenzellräume in den Blättern, ausgetrocknet wird der Boden und

er vermag der übermäßigen Verdunstungsseite des Baumes nicht genug

an Lebenssaft zuzuführen. Die Zweige verkümmern, sterben ab. Durch

die monatelang gleichgerichtete Zugkraft zwingt der Wind die Äste der

Gegenseite in seiner Streichrichtung zu wachsen. In einem so langen,

ununterbrochenen Kampfe verlieren die Holz- und Bastzellen ihre

Schnellkraft, die Fähigkeit, nach dem Anprall des Luftstromes wieder in

ihre alte Lage zurückzuweichen. Die Baumkrone wird windschief.

[Illustration: Abb. 4. =Oberwillersdorf in flacher Wiesenmulde=]

Feuchtende Nebel, zerzausende Wetterschauer und lastende Eismantel

schufen die zerkämpften, zum Teil erstorbenen und wie blitzgetroffen

anzuschauenden Baumgestalten auf dem Wieselstein. Trümmerholz

in maßloser Menge, entrindet, gebleicht, vereint sich mit dem

Blockgewirr zum fußhemmenden Kampffeld. Von jahrtausendelangem Kampfe

mit den nagenden Wetterkräften zeugen die zerschundenen Felsmassen, um

die sich das Haufwerk von Blöcken schart.

Stürmer! Es mag wohl sein, daß ihm seine Lage an einer der

sturmreichsten Randaufwölbung der Kammhochflächen diesen Namen eintrug.

Noch nirgends auf dem ganzen Erzgebirge sah ich einen so zerstürmten

_Buchen_wald wie an des Stürmers sanft geneigter Westseite.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIV, Heft 1-2 · 第 1 / 5 段