Hierzu kommen nun noch jene beiden ganz allgemeinen Zweifelsgründe, die

ich neulich anführte. Erstens nämlich kann ich alles, was ich wachend zu

empfinden glaube, auch im Schlafe einmal zu empfinden meinen. Nun glaube

ich aber nicht, daß das, was ich dem Anscheine nach im Schlaf empfinde,

wirklich von außer mir liegenden Dingen herrührt, und so sah ich nicht

ein, warum ich dies eher von den Empfindungen glauben soll, die ich im

=Wachen= zu haben scheine. -- Zweitens aber kannte ich den Urheber

meines Daseins noch nicht oder setzte ihn wenigstens als unbekannt

voraus, und so sah ich nicht, warum ich nicht von Natur so hätte

beschaffen sein können, daß ich selbst dann irrte, wenn mir etwas ganz

wahr erschien.

Auf die Gründe aber, die mich früher von der =Wahrheit= der sinnlichen

Gegenstände überzeugten, fand ich leicht die Erwiderung. Ich sah, daß

die Vernunft vielem widerrät, wozu meine Natur mich antreibt, und so

glaubte ich den Lehren der Natur nicht viel Vertrauen schenken zu

dürfen. Zwar sind die sinnlichen Wahrnehmungen unabhängig von meiner

Willkür; ich glaubte aber doch nicht schließen zu dürfen, sie gingen von

Dingen aus, die von mir verschieden sind, da ich vielleicht ein Vermögen

besitze, das ich nur noch nicht kenne, und durch das ich sie

hervorbringe.

Nun aber beginne ich mich und meinen Schöpfer besser zu erkennen. Ich

glaube zwar nicht, jetzt alles, was mir die Sinne zu bieten scheinen,

ohne weiteres hinnehmen zu sollen; ebensowenig aber darf ich einfach

alles in Zweifel ziehen!

=Erstlich= weiß ich, daß alles, was ich klar und deutlich einsehe, von

Gott so geschaffen sein könnte, wie ich es erkenne, und wenn ich ein

Ding klar und deutlich von einem anderen getrennt zu erkennen vermag,

so genügt dies, um mich zu vergewissern, daß die beiden wirklich

=verschieden= sind, da sie einzeln für sich von Gott ins Dasein gesetzt

werden können. Worauf das beruht, daß ich sie für verschieden halte, ist

dabei gleichgültig. Somit schließe ich =daraus=, daß ich von meiner

Existenz weiß und dabei nur das Eine als zu meiner Natur oder Wesenheit

gehörig erkenne, nämlich daß ich ein denkendes Wesen bin, -- mit Recht

schließe ich daraus, daß meine Wesenheit +nur+ darin +allein+ besteht,

daß ich ein +denkendes Wesen+ bin, d. h. eine Substanz, deren ganze

Natur und Wesenheit lediglich im =Denken= besteht.

Zwar habe ich vielleicht (bald werde ich sagen können: »gewiß!«) einen

Körper, der aufs innigste mit mir verbunden ist. Einerseits aber habe

ich eine klare und deutliche Vorstellung meiner selbst, sofern ich

lediglich =denkendes=, =nicht= ausgedehntes Wesen bin. Andrerseits

habe ich eine deutliche Vorstellung vom Körper, sofern er lediglich

=ausgedehntes=, =nicht= denkendes Wesen ist. Somit ist sicher, daß ich

=wirklich= etwas Anderes als der Körper bin und =ohne= ihn existieren

kann.[49]

=Zweitens= finde ich in mir gewisse Vermögen, denen besondere Denkweisen

zukommen: das (sinnliche) Vorstellungsvermögen und das Empfindungsvermögen.

Ich kann mich vollständig auch =ohne= diese klar und deutlich erkennen,

nicht aber umgekehrt jene ohne =mich=, d. h. ohne die denkende Substanz,

der sie innewohnen. Ihrem Wesen nach aufgefaßt schließen sie nämlich ein

Denken in sich. Daraus ersehe ich, daß sie sich zu mir verhalten wie die

Eigenschaften zum Dinge.

Ich erkenne auch gewisse andere Fähigkeiten: den Ort zu verändern,

verschiedene Gestalten anzunehmen u. s. w. Diese können ebensowenig,

wie die schon erwähnten ohne eine Substanz gedacht werden, der sie

innewohnen, und können also auch nicht ohne eine solche =bestehen=.

Offenbar aber können sie, wenn sie bestehen, nur der körperlichen oder

ausgedehnten Substanz angehören, nicht aber der erkennenden, da ihre

klare und deutliche Auffassung zwar Ausdehnung, aber gar kein Denken

einschließt.

Nun besitze ich aber ein =passives= Vermögen, zu empfinden oder

Vorstellungen sinnlicher Dinge zu empfangen und zu erkennen. Ich könnte

aber gar keinen Gebrauch davon machen, wenn es nicht auch ein =aktives=

Vermögen in mir oder außer mir gäbe, welches jene Vorstellungen

verursacht oder hervorruft. In =mir= kann dies nun aber nicht liegen.

Es setzt ja gar kein Denken voraus und die sinnlichen Vorstellungen

entstehen auch ganz ohne mein Zuthun, oft sogar gegen meinen Willen.

Es bleibt also nur übrig, daß jenes Vermögen in einer von mir

=verschiedenen= Substanz sich finde. In dieser muß nun, wie wir oben

sahen, alle Realität wirklich oder noch in höherem Grade enthalten

sein, die wir in den Vorstellungen vergegenständlicht finden, welche

jenes Vermögen hervorruft. Sonach ist jene Substanz entweder Körper,

körperliches Wesen und enthält also wirklich alles ebenso, wie es in

den Vorstellungen sich darstellt, oder sie ist Gott oder ein höheres

Geschöpf als der Körper, das vermöge seiner höheren Macht jene

vorgestellte Realität hervorzurufen imstande ist.

Da nun aber Gott +wahrhaftig+ ist, so kann er offenbar weder selbst mir

jene Vorstellungen unmittelbar eingeben, noch auch mittelbar durch ein

anderes Wesen, das nicht wirklich das in sich schlösse, was ich mir als

real vorstelle, sondern nur vermöge seiner höheren Macht Vorstellungen

von solcher Realität in mir zu erregen vermöchte.[50] Gott hat mir ja

gar nicht die Fähigkeit verliehen, dies herauszufinden; er pflanzte mir

im Gegenteil eine große Neigung ein, zu glauben, jene Vorstellungen

kämen von =Körpern= her. Wie könnte ich ihn noch für =wahrhaftig=

halten, wenn sie nun =doch= wo anders herkämen als von Körpern?[51]

+So giebt es also wirklich Körper!+

Vielleicht aber existieren nicht alle genau so, wie ich sie sinnlich

wahrnehme, denn die sinnliche Wahrnehmung ist vielfach sehr dunkel und

verworren. Wenigstens findet sich aber alles das an den Körpern, was ich

klar und deutlich erkenne, d. h. alle jene allgemeinen Eigenschaften,

die den Gegenstand der reinen Mathematik bilden.

Andere Bestimmtheiten betreffen entweder nur Einzelheiten, wie Gestalt

und Größe der =Sonne= u. s. w., oder wir haben nur einen unklaren

Begriff von ihnen, so von Licht, Schall, Schmerz und ähnlichen. Diese

stellen uns nun zwar nichts Zweifelloses, Gewisses dar. Allein Gott

täuscht uns nicht und etwas Falsches kann sich also in meinen Ansichten

nicht finden, =es sei denn, daß Gott mir auch das Vermögen gab, den

Irrtum zu berichtigen=. Dies gewährt mir die sichere Hoffnung, auch

hierin zur Wahrheit zu gelangen.

In der That hat alles, was die Natur mich lehrt, einen gewissen Grad von

Wahrheit. Unter =Natur= im allgemeinen verstehe ich nämlich jetzt nichts

anderes als entweder =Gott selbst= oder die von Gott eingesetzte

=Weltordnung=; unter meiner =eigenen= Natur im besonderen aber verstehe

ich lediglich den Inbegriff alles dessen, was Gott mir verliehen hat.

Nun sagt mir diese Natur aber aufs allerausdrücklichste, ich habe einen

Körper, dessen Wohlbefinden gestört ist, wenn ich Schmerz empfinde; der

Speise oder Trank bedarf, wenn ich Hunger oder Durst empfinde u. dgl.

Ich muß also annehmen, es sei etwas Wahres daran.

Weiter lehrt mich die Natur durch die Empfindungen des Schmerzes, des

Hungers, Durstes u. s. w., ich sei meinem Leibe nicht nur zugesellt wie

etwa ein Schiffer dem Schiffe, sondern sei aufs innigste mit ihm

vereint, ich durchdringe ihn gleichsam und bilde mit ihm ein

einheitliches Ganzes. Wie könnte sonst ich, ein lediglich =denkendes=

Wesen, bei einer Verletzung des =Körpers= Schmerz empfinden? Ich würde

jene Verletzung rein geistig wahrnehmen, wie das Auge des Schiffers es

wahrnimmt, wenn am Schiffe etwas zerbricht, und wenn mein Körper Speise

oder Trank bedarf, so würde ich dies ausdrücklich =wissen= und hätte

nicht das unklare Hunger- oder Durstgefühl. Denn jene Gefühle von

Hunger, Durst, Schmerz u. s. w. sind sicherlich nur verworrene Gedanken

von besonderer Art, die in der Vereinigung und gleichsam Verquickung von

Leib und Seele ihren Ursprung haben.

Fernerhin lehrt mich die Natur auch, daß mein Körper von verschiedenen

anderen Körpern umgeben ist, die ich teils suchen, teils fliehen muß. Da

ich nun sehr verschiedenartige Empfindungen von Farbe, Schall, Geruch,

Geschmack, Wärme, Härte u. s. w. habe, so schließe ich gewiß mit Recht,

es gebe in den Körpern, von denen jene Sinneswahrnehmungen herrühren,

=entsprechend= verschiedene Eigenschaften, wenn sie auch mit unseren

Empfindungen vielleicht keine Ähnlichkeit haben. Auch geht daraus, daß

von jenen Wahrnehmungen die einen mir angenehm, die anderen unangenehm

sind, mit Sicherheit hervor, daß mein Körper oder vielmehr mein ganzes

Ich, insofern ich aus Leib und Seele bestehe, von den umliegenden

Körpern in verschiedener Weise angenehm und unangenehm beeinflußt werden

kann.

Nun giebt es aber auch vieles andere, das mich zwar scheinbar die Natur

lehrte, aber doch rührt es nicht von ihr her, sondern von der Angewohnheit,

unüberlegt zu urteilen, und so kommt es leicht vor, daß ich darin irre;

so z. B. wenn ich meine, aller Raum, der nichts sinnlich Wahrnehmbares

enthält, sei leer, ein warmer Körper enthalte etwas der Wärmeempfindung

ähnliches, das empfundene Weiß oder Grün sei ebenso in dem weißen oder

grünen Körper, in dem bitteren oder süßen sei der betreffende Geschmack

u. s. w.,[52] oder Sterne, Türme und andere entfernte Körper hätten nur

gerade jene Größe und Gestalt, in der sie meinen Sinnen erscheinen und

ähnliches mehr.

Doch um alle Unklarheit zu beseitigen, muß ich genauer feststellen, was

ich eigentlich damit meine, wenn ich sage, die Natur lehre mich etwas.

Ich nehme nämlich »Natur« hier in einem engeren Sinne, nicht als

Inbegriff alles dessen, was Gott mir verliehen. Darin wäre nämlich

vieles rein Geistige enthalten (so die Erkenntnis, daß Geschehenes

nicht ungeschehen sein kann und vieles andere, das ich durch mein

natürliches Erkenntnisvermögen weiß); von diesem ist nicht die Rede.

Auch vieles nur auf den Körper Bezügliche wäre einbegriffen (sodaß er

nach unten strebt und ähnliches) um das es sich ebenfalls nicht handelt.

Nur um das handelt es sich, was Gott mir verlieh, inwiefern ich aus

=Körper und Geist= bestehe.

Insofern nun lehrt mich die Natur, zu fliehen, was Schmerzempfindung

bereitet, zu erstreben, was Lust bereitet und ähnliches. Sie scheint uns

aber =nicht= außerdem noch zu lehren, daß wir aus jenen sinnlichen

Erregungen ohne vorherige Prüfung durch den Verstand einen Schluß auf

die Dinge außer uns ziehen dürfen, denn die Erkenntnis der Wahrheit

scheint nur dem Geiste allein, nicht aber der =Vereinigung= von Körper

und Geist anzugehören.

Wenn also auch ein Stern mein Auge nicht =mehr= erregt, als die Flamme

einer kleinen Fackel, so liegt doch darin keine wirkliche, positive

Nötigung zu der Annahme, er sei in der That nicht größer. Ich habe dies

von Jugend auf ganz ohne Grund geglaubt. -- Wenn ich mich einem Feuer

nähere, so fühle ich zwar Wärme, und wenn ich ihm allzu nahe komme,

empfinde ich Schmerz. Aber dies ist wahrlich kein Grund zu glauben, im

Feuer sei etwas dem Wärmegefühl oder gar dem Schmerze ähnliches; es

beweist vielmehr lediglich, daß im Feuer ein gewisses irgendwie

beschaffenes Etwas ist, das in uns die Wärme- oder Schmerzempfindung

erregt. -- Ebenso, wenn ich auch irgendwo im Raume nichts sinnlich

wahrzunehmen vermag, so folgt doch noch nicht, daß dort kein Körper sei,

vielmehr werde ich gewahr, wie sehr ich daran gewöhnt bin, hier und in

vielen anderen Fällen die natürliche Ordnung umzukehren!

Die sinnlichen Wahrnehmungen sind mir nämlich eigentlich nur dazu von

der Natur verliehen, um dem Geiste anzuzeigen, was dem Ganzen, dessen

Teil er ist, zuträglich oder nicht ist, und dafür sind sie klar und

deutlich genug.

Ich lasse sie mir aber als sichere Richtschnur dienen, um ohne weiteres

über das Wesen der körperlichen Außenwelt zu entscheiden, während sie

doch hierfür nur ganz dunkle und unbestimmte Anhaltspunkte geben!

* * * * *

Wie trotz der Güte Gottes meine Urteile falsch sein können, das habe

ich schon oben genugsam erkannt. Nun bietet sich aber hier eine neue

Schwierigkeit dar bezüglich dessen, was mir die Natur als begehrens-

oder vermeidenswert hinstellt, sowie ferner bezüglich der inneren Sinne,

bei denen ich Irrtümer entdeckt zu haben meine. So läßt sich z. B. einer

durch den Wohlgeschmack einer Speise verleiten, das Gift, das sie in

sich birgt, zu sich zu nehmen. Allein diesen treibt dann die Natur nur

an, ein Wohlschmeckendes, nicht aber ein Gift, von dem er ja gar nichts

weiß, zu sich zu nehmen, und daraus läßt sich nur folgern, daß die

menschliche Natur nicht allwissend ist. Dies aber ist gar nicht

wunderbar, denn der Mensch ist ein endliches Wesen und so kommt auch

seiner Natur nur eine beschränkte Vollkommenheit zu.

Allein nicht selten irren wir auch in dem, wozu uns geradezu die Natur

antreibt. So verlangt z. B. ein Kranker nach einem Getränk oder einer

Speise, das ihm bald darauf Schaden bringt. Nun könnte man ja wohl

sagen, ein solcher Kranker irre, weil seine Natur gestört sei. Allein

dies hebt die Schwierigkeit nicht. Ist doch ein kranker Mensch ebenso

gewiß ein Geschöpf Gottes, wie ein gesunder! Es wäre ganz ebenso

widersprechend, daß Gott diesem eine unwahre Natur gegeben hätte!

Eine Uhr, die aus Rädern und Gewichten besteht, folgt ganz ebenso genau

allen Naturgesetzen, ob sie nun verkehrt eingerichtet ist und die

Stunden unrichtig anzeigt, oder ob sie in allen Stücken dem Wunsche des

Künstlers entspricht. So kann ich auch den menschlichen Leib als eine

Art Maschine ansehen, die aus Knochen, Nerven, Muskeln, Adern, Blut und

Haut besteht und so eingerichtet ist, daß er auch =ohne= den Geist alle

jene Bewegungen vollzöge, die jetzt ohne unseren Willen, also ohne den

Geist zustande kommen. Dann ist leicht ersichtlich, daß er, wenn er

beispielsweise an Wassersucht leidet, seiner Natur nach ganz ebenso jene

Trockenheit der Kehle erleidet, die sich dem Geist als Durstempfindung

darstellt, und daß dadurch auch die Nerven und die anderen Körperteile

ganz ebenso dazu hindrängen, daß er den Trank nimmt, der die Krankheit

steigert, wie er ohne eine solche Krankheit durch eine ähnliche

Trockenheit der Kehle dazu gebracht würde, einen nützlichen Trank zu

sich zu nehmen.

Zwar kann ich mit Rücksicht auf den Zweck der Uhr sagen, sie entspreche

nicht ihrer natürlichen Bestimmung, wenn sie die Stunden falsch angiebt;

ganz ebenso könnte ich auch die Maschine des menschlichen Körpers als

von Natur bestimmt für die gewöhnlichen Bewegungen ansehen und könnte

meinen, es sei ihrer natürlichen Bestimmung zuwider, wenn die Kehle

trocken ist, solange das Trinken für die Erhaltung des Körpers ohne

Nutzen ist. Allein ich merke recht wohl, daß diese letztere Auffassung

von »Natur« von der anderen sehr verschieden ist. Sie ist nämlich eine

bloß rein äußerliche Benennung, die ich aus meinem Denken herleite,

indem ich den kranken Menschen und die schlechte Uhr mit der Vorstellung

des gesunden Menschen und der guten Uhr vergleiche. In jenem anderen

Sinne dagegen verstehe ich unter »Natur« etwas, das sich wirklich bei

den Dingen findet. Daran ist also etwas Wahres.

So ist es also zwar eine rein äußerliche Bezeichnung, wenn ich im

Hinblick auf den wassersüchtigen Körper dessen Natur verdorben nenne,

weil seine Kehle trocken ist, ohne daß er des Trankes bedarf.

Hinsichtlich des ganzen Menschen oder des Geistes, der mit einem solchen

Körper vereint ist, ist es aber gleichwohl sicherlich =keine= leere

Benennung, vielmehr ist es ein thatsächlicher =Irrtum=, daß er dürstet,

während das Trinken ihm schaden würde. So bleibt hier also noch die

Frage offen, wie es sich mit der Güte Gottes verträgt, daß die Natur in

diesem Sinne uns täuscht?

Da bemerke ich nun in erster Linie einen großen Unterschied zwischen

Körper und Geist, insofern nämlich der Körper seiner Natur nach stets

=teilbar=, der Geist aber durchaus =unteilbar= ist. In der That, achte

ich hierauf, betrachte ich mich selbst lediglich als =denkendes= Wesen,

so kann ich keine Teile in mir unterscheiden, vielmehr erkenne ich in

mir ein durchaus einheitliches Ganzes.

Zwar scheint der ganze Geist mit dem ganzen Körper vereint zu sein;

verliere ich aber einen Fuß, einen Arm oder einen anderen Körperteil, so

merke ich doch nicht, daß etwas am Geiste fehlt!

Auch die verschiedenen Vermögen des Geistes, das Wollen, Empfinden,

Erkennen u. s. w. können nicht etwa als =Teile= desselben aufgefaßt

werden, denn es ist derselbe Eine Geist, der will, der empfindet, der

erkennt!

Hingegen kann ich mir keinen Körper, nichts Ausgedehntes denken, das ich

mir nicht mit Leichtigkeit in Teile zerlegt denken könnte, und so

erkenne ich dessen Teilbarkeit.

Dies allein würde genügen, mir den gänzlichen Unterschied von Geist und

Körper zu beweisen, wenn ich es jetzt nicht schon aus anderen Gründen

klar erkannt hätte!

Weiterhin bemerke ich, daß der Geist nicht von allen Teilen des Körpers

unmittelbar Eindrücke empfängt, sondern nur vom Gehirn, vielleicht sogar

nur von einem kleinen Teile desselben, nämlich von dem, welcher Sitz des

Gemeinsinns sein soll. Sowie in diesem ganz dieselben Zustände gegeben

sind, stellt er auch dem Geiste dasselbe dar, wie verschieden auch

unterdessen die Verhältnisse in den übrigen Körperteilen sein mögen.

Zahlreiche Erfahrungen, auf die wir hier nicht näher einzugehen

brauchen, bestätigen dies.

Ich bemerke außerdem, daß mein Körper so beschaffen ist, daß keiner

seiner Teile durch einen etwas entfernteren Teil erregt werden kann,

ohne daß er auch ganz =ebenso= von jedem der =zwischen=liegenden Teile

aus erregt werden könnte, wenn auch der entferntere Teil =nicht=

mitwirkt.

Denken wir uns z. B. ein Seil _A B C D_; es finde an seinem äußersten

Ende _D_ ein Zug statt. Der erste Teil _A_ wird sich ganz ebenso

bewegen, wie es auch der Fall sein würde, wenn der Zug von einem

zwischenliegenden Punkte _B_ oder _C_ stattfände und _D_ in Ruhe bliebe.

In ganz ähnlicher Weise zeigt die Physik, wenn ich Schmerzen im Fuß

empfinde, daß dies durch Vermittlung der im Fuß verbreiteten Nerven

geschehe, die sich von da wie Fäden bis in das Gehirn erstrecken. Werden

sie nun im Fuße angezogen, so pflanzt sich der Zug fort bis ins Innere

des Gehirns, mit dem sie in Verbindung stehen. Dort erregen sie eine

gewisse Bewegung, die von der Natur dazu bestimmt ist, in meinem Geiste

die Empfindungen zu erregen, als schmerze der Fuß.

Um aber vom Fuße zum Gehirn zu gelangen, müssen jene Nerven durch

Unterschenkel, Oberschenkel, Lenden, Rücken und Hals gehen. Da kann es

nun vorkommen, daß das im Fuß gelegene Ende gar nicht berührt wird,

sondern nur eine der zwischenliegenden Partieen. Die Bewegung im Gehirn

aber ist ganz dieselbe, als ob der Fuß schmerzhaft berührt würde. Der

Geist wird sonach notwendig ganz den nämlichen Schmerz fühlen müssen.

Ganz dasselbe gilt von jeder beliebigen anderen Empfindung.

Jede einzelne Bewegung, die in dem Teile des Gehirns stattfindet, der

unmittelbar auf den Geist einwirkt, vermittelt nun aber dem Geiste stets

nur =eine und dieselbe= Empfindung.

So bemerke ich denn schließlich auch, daß man es sich gar nicht besser

wünschen und denken könnte, als wenn die Gehirnbewegung immer gerade

=die= Empfindung erregte, die von allen möglichen am meisten und

häufigsten zur Erhaltung des gesunden Menschen beiträgt. Derartig sind

nun wirklich, wie die Erfahrung zeigt, alle unsere natürlichen

sinnlichen Erregungen beschaffen, und so findet sich nichts in ihnen,

das nicht von Gottes Macht und Güte zeugte.

Werden z. B. die Nerven des Fußes heftig und in ungewohnter Weise

erregt, so pflanzt sich diese Erregung durch das Rückenmark bis ins

Innere des Gehirns fort und giebt dort dem Geist das Zeichen zu einer

Empfindung, nämlich zur Empfindung als sei im Fuße ein Schmerz. Dadurch

wird nun der Geist angetrieben, die Ursache des Schmerzes als etwas dem

Fuße Schädliches nach Kräften zu beseitigen.

Gott hätte aber die menschliche Natur auch so einrichten können, daß

jene nämliche Gehirnbewegung dem Geiste etwas Anderes darstellen würde,

etwa den Geist selbst als im Gehirne oder im Fuße oder an einer

dazwischenliegenden Stelle befindlich, oder irgend etwas Anderes. Nichts

Anderes aber wäre in gleichem Maße der Erhaltung des Körpers förderlich

gewesen.

In gleicher Weise entsteht auch durch das Bedürfnis nach Trank eine

gewisse Trockenheit in der Kehle, welche die Nerven und durch deren

Vermittlung das Innere des Gehirnes erregt. Diese Erregung ruft im

Geiste gerade die =Durst=empfindung hervor, weil bei diesem ganzen

Vorgang nichts für uns von größerem Nutzen ist, als zu wissen, daß wir

zur Erhaltung unserer Gesundheit des Trankes bedürfen. Entsprechendes

gilt in den anderen Fällen.

Hieraus ergiebt sich nun ganz klar, daß trotz der unermeßlichen Güte

Gottes die Natur des Menschen als eines aus Leib und Seele bestehenden

Doppelwesens doch zuweilen irren kann. Würde nämlich eine Ursache nicht

im Fuße, sondern an einer anderen Stelle der Nerven auf seinem Wege vom

Fuße zum Gehirn, oder auch im Gehirn selbst, genau die nämliche

Erregung hervorrufen, die bei einer Verletzung des Fußes einzutreten

pflegt, so würden wir doch den Schmerz im =Fuße= empfinden und unsere

Empfindung =irrt= dann, und zwar ihrer =Natur= gemäß, denn ein und

dieselbe Gehirnerregung kann dem Geist stets nur die gleiche Empfindung

mitteilen.

Diese Erregung pflegt aber viel öfter durch eine Verletzung des Fußes zu

entstehen als durch eine Einwirkung an andrer Stelle, und darum ist es

vernunftgemäß, daß jene Erregung uns immer einen Schmerz im =Fuße=

vergegenwärtigt, statt ihn uns ein für allemal an einer anderen Stelle

zu zeigen! Wenn auch einmal die Trockenheit in der Kehle nicht, wie

gewöhnlich, daraus entsteht, daß das Trinken der Gesundheit des Körpers

förderlich ist, sondern aus einer gerade entgegengesetzten Ursache (wie

beim Wassersüchtigen), so ist es doch jedenfalls weit besser, die

Trockenheit führt uns in dem =einen Falle= irre, als wenn sie es im

Gegenteil =immer= thäte, wenn unser Körper in gutem Zustande ist!

Entsprechendes gilt für die übrigen Fälle.

Diese Erwägung trägt sehr viel dazu bei, die Irrtümer zu bemerken, denen

meine Natur ausgesetzt ist. Sie ermöglicht es mir aber auch, dieselben

leicht zu berichtigen oder zu vermeiden. Weiß ich doch nun, daß alle

Sinne bezüglich dessen, was dem Körper frommt weit öfter wahre als

falsche Angaben machen; fast immer kann ich mich auch =mehrerer= Sinne

bedienen, um mich einer Sache zu vergewissern; und dann habe ich ja noch

das Gedächtnis, das die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpft, und

den Verstand, der die Ursachen des Irrtums bereits alle durchschaute!

Da brauche ich nicht mehr zu fürchten: was die Sinne mir täglich

entgegenhalten, das sei falsch! Die übertriebenen Zweifel der letzten

Tage sind als lächerlich zu verwerfen; besonders jener bedeutendste,

wegen des Traumes, den ich vom Wachen nicht unterscheiden konnte! Jetzt

sehe ich, wie groß der Unterschied zwischen beiden ist: niemals

verknüpft das Gedächtnis die Träume mit allem anderen, was wir im Leben

thun; bei dem jedoch, was wir im Wachen erleben, ist dies der Fall.

Würde mir jemand im Wachen plötzlich erscheinen und gleich wieder

verschwinden, ganz wie im Traume, und zwar ohne daß ich merkte, woher

oder wohin er gekommen, so würde ich mit Recht eher meinen, das sei ein

Gespenst oder ein Wahngebilde meines Gehirns, als ein wirklicher Mensch.

Begegnen mir aber Dinge, bei denen ich deutlich bemerke, woher sie

kommen, und wann sie sich ereignen, und steht ihre Wahrnehmung durchaus

in stetigem Zusammenhang mit meinem ganzen übrigen Leben, so weiß ich

ganz gewiß, daß dies nicht im Traume, sondern im Wachen geschieht. Habe

ich dann noch alle Sinne, das Gedächtnis und den Verstand angerufen, um

jene Wahrnehmungen zu prüfen, und alle diese stehen in vollster

Übereinstimmung, so darf ich auch nicht den geringsten Zweifel mehr an

ihrer Wahrheit hegen, denn aus der Wahrhaftigkeit Gottes folgt, daß ich

in solchen Fällen überhaupt nicht in Irrtum geraten kann.

Allerdings bleibt uns im Drange der Geschäfte nicht immer die Zeit zu

einer so genauen Prüfung, und so muß ich gestehen, daß das menschliche

Leben im einzelnen doch gar oft Irrtümern unterliegt, und ich muß die

Schwäche unserer Natur anerkennen.

Ende.

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie · 第 7 / 8 段