unzählige Vorstellungen von Dingen finden, die ich, auch wenn sie
vielleicht nirgendwo außer mir existierten, doch nicht als ein bloßes
Nichts bezeichnen könnte; zwar denke ich sie mir gewissermaßen
willkürlich, doch sind sie nicht von mir erdacht, sie haben vielmehr
eine eigene, wahre und unveränderliche Natur. So, wenn ich mir z. B. ein
Dreieck vorstelle, so mag vielleicht eine solche Figur nirgends in der
Welt außer meinem Denken existieren und überhaupt nie existiert haben.
Doch aber ist sie von ganz bestimmter Natur, von unveränderlicher und
ewiger Form und Wesenheit, und ist von mir nicht erdichtet, hängt auch
nicht von meinem Geiste ab, wie schon daraus hervorgeht, daß sich eine
Reihe von Sätzen über das Dreieck beweisen lassen, wie: »die Summe der
Dreieckswinkel beträgt zwei Rechte«, »dem größten Dreieckswinkel liegt
die größte Seite gegenüber« u. s. w. Ob ich nun will oder nicht -- diese
Sätze erkenne ich jetzt ganz bestimmt an, auch wenn ich früher nie an
sie dachte, wenn ich mir ein Dreieck vorstellte. Sie können also nicht
von mir erdichtet sein.
Es ändert auch nichts an der Sache, wenn ich sagen wollte, jene
Vorstellung von einem Dreieck sei mir vielleicht durch Vermittlung der
Sinnesorgane von äußeren Dingen zugekommen, da ich ja zuweilen Körper
von Dreiecksgestalt sah. Kann ich mir denn nicht unzählige andere
Gestalten ausdenken, bei denen gar nicht anzunehmen ist, daß sie mir je
durch die Sinne zugekommen sind? -- Und doch kann ich auch von diesen,
ebenso wie vom Dreieck, eine Reihe von Sätzen beweisen, die auch
wirklich alle wahr sind, wenn ich sie nur klar einsehe. Sie sind also
doch auch =Etwas=, kein bloßes Nichts: denn offenbar ist doch alles, was
wahr ist, irgend Etwas, und daß alles wahr ist, was ich klar erkenne,
das habe ich ja schon ausführlich dargethan. Hätte ich das aber auch
noch nicht bewiesen, so müßte ich gleichwohl, der Natur meines Geistes
gemäß, dies anerkennen, solange ich es wenigstens klar einsehe. Auch
früher, als ich noch völlig am Sinnlichen hing, hielt ich, wie ich mich
erinnere, alle jene Wahrheiten für die allergewissesten, die ich von
Figuren oder Zahlen klar einsah oder von anderen Dingen der Arithmetik
oder Geometrie oder überhaupt der reinen, abstrakten Mathematik.
Wenn nun daraus allein, daß ich die Vorstellung eines Dinges aus meinem
Denken entnehmen kann, folgt, daß alles, was ich klar und deutlich als
zu dem Dinge gehörig erkenne, auch wirklich dazu gehört, läßt sich dann
nicht hieraus auch ein Beweis für das Dasein Gottes gewinnen?
Sicherlich finde ich die Vorstellung Gottes als des vollkommensten
Wesens ganz ebenso bei mir vor, wie die Vorstellung irgend einer Gestalt
oder Zahl. Ich erkenne aber ebenso klar und deutlich, daß zu =Gottes
Wesen= die ewige =Existenz= gehört, wie ich eine Eigentümlichkeit, die
ich von einer Figur oder Zahl nachweise, als zum Wesen dieser Figur oder
Zahl gehörig, erkenne. Wäre also auch =nicht= alles das wahr, was ich in
den Betrachtungen der letzten Tage fand, so müßte die Existenz Gottes
doch mindestens denselben Grad von Gewißheit für mich besitzen, wie
bisher die Wahrheiten der Mathematik.
Allerdings leuchtet dies wohl auf den ersten Blick nicht ganz ein,
sondern sieht wie ein Sophisma aus. Ich bin nämlich gewohnt, in allen
anderen Dingen die Existenz von der Wesenheit zu unterscheiden, und so
komme ich leicht zu der Meinung, sie könne auch von der Wesenheit Gottes
getrennt werden, sodaß man sich Gott auch als nicht-existierend denken
könne. Sieht man aber genauer zu, so zeigt sich klar, daß die Existenz
Gottes ebensowenig von seiner Wesenheit trennbar ist, wie vom Wesen des
Dreiecks die Größe seiner Winkelsumme (= zwei Rechten), oder von der
Vorstellung des Berges die Vorstellung eines Thals. Es ist also ebenso
widersprechend, zu denken, Gott (-- dem =vollkommensten= Wesen --) fehle
die Existenz (d. h. ihm fehle eine Vollkommenheit), wie es
widersprechend ist, einen Berg zu denken, zu dem das Thal fehlt!
Kann ich aber auch Gott gar nicht als nicht-existierend denken, wie ich
keinen Berg ohne ein Thal denken kann, so folgt doch daraus, daß ich
einen Berg mit einem Thale denke, noch lange nicht, daß ein Berg in der
Welt vorhanden ist; ebensowenig aber scheint die Existenz Gottes daraus
zu folgen, daß ich Gott als existierend denke! Mein Denken legt ja den
Dingen keinen Zwang auf! Ich kann mir ein Flügelpferd vorstellen, wenn
auch kein Pferd Flügel hat, und so kann ich wohl auch Gott die Existenz
andichten, wenn es auch gar keinen Gott gäbe![46]
Doch hier haben wir nun =wirklich= ein Sophisma! Wenn ich mir einen Berg
nicht ohne ein Thal denken kann, so folgt daraus allerdings noch lange
nicht, daß irgendwo ein Thal mit dem Berge ist. Es folgt lediglich, daß
Berg und Thal untrennbar =vereint= sind, einerlei ob sie existieren oder
nicht! Daraus aber, daß ich mir Gott nicht anders als +seiend+ denken
kann, folgt eben, daß =Gott und das +Sein+= untrennbar vereint sind; daß
also Gott =ist=. -- Nicht, als ob mein =Denken= dies zu Wege brächte;
als ob es irgend ein Ding zum Sein =zwinge=! Im Gegenteil! Die
Notwendigkeit des Dinges (nämlich der Existenz Gottes) zwingt =mich=, so
zu denken. Sonst müßte es ja in meinem Belieben liegen, Gott ohne
Existenz (d. h. das vollkommenste Wesen ohne höchste Vollkommenheit) zu
denken, wie es mir freisteht, ein Pferd mit oder ohne Flügel zu
denken![47]
Man darf auch hier nicht etwa sagen, man müsse zwar notwendig Gott als
existierend denken, nachdem einmal die Annahme gemacht ist, er besitze
alle Vollkommenheiten, und dazu gehöre auch das Sein. Diese
Voraussetzung aber sei gar nicht nötig gewesen. So sei es auch nicht
notwendig, anzunehmen, alle Vierecke können einem Kreise eingeschrieben
werden. Nehme ich es aber einmal an, so bin ich gezwungen zu sagen, auch
ein Rhombus könne dem Kreise eingeschrieben werden, was ganz offenbar
falsch ist!
Wie gesagt, dergleichen darf man hier nicht einwenden, denn wenn ich
auch niemals notwendig auf den Gedanken Gottes zu kommen brauche, so muß
ich doch dem ersten und höchsten Wesen, sobald ich an es denke und seine
Vorstellung gleichsam aus dem Schatze meines Geistes hervorhole,
notwendig alle Vollkommenheiten zuschreiben, wenn ich sie auch nicht
gleich alle aufzähle und einzeln ins Auge fasse. Diese Notwendigkeit
aber genügt völlig, um nachher, wenn ich das Sein als eine
Vollkommenheit erkenne,[48] richtig zu schließen, daß das erste und
höchste Wesen existiert. So brauche ich auch nicht notwendig ein Dreieck
vorzustellen. Sobald ich aber eine gradlinige, dreiwinklige Figur
betrachten will, muß ich sie mir notwendig so beschaffen denken, daß die
Summe der drei Winkel gleich zwei Rechten ist, wenn ich auch diese
Eigenschaft noch gar nicht beachte. Untersuche ich aber, welche Figuren
dem Kreise einbeschrieben werden können, so braucht man keineswegs
notwendig anzunehmen, =alle= Vierecke gehörten dazu; ja ich kann mir
dies nicht einmal einbilden, solange ich nur das klar und deutlich
Erkannte gelten lassen will!
So ist also ein großer Unterschied zwischen solchen falschen
Voraussetzungen und meinen wahren, angeborenen Vorstellungen, worunter
die erste und hauptsächlichste die Vorstellung =Gottes= ist.
Daß diese in der That nicht erdichtet und von meinem Denken abhängig
ist, sondern das Bild eines wirklichen unveränderlichen Wesens, das sehe
ich aus mehreren Gründen ein. =Erstlich= kann von mir nichts Anderes
außer Gott allein erdacht werden, zu dessen Wesen die Existenz gehörte.
=Zweitens= kann ich mir nicht zwei oder mehr Götter dieser Art denken;
setze ich aber einen als existierend, so sehe ich klar, daß dieser
notwendigerweise von Ewigkeit her da war und fortbestehen wird in alle
Ewigkeit. =Endlich= nehme ich auch noch vieles andere an Gott wahr, das
ich nicht wegdenken, nicht anders denken kann.
Welcher Beweisart ich mich aber auch bedienen mag, immer wieder komme
ich darauf zurück, daß ich nur von =dem= ganz überzeugt sein kann, was
ich klar und deutlich erkenne.
Von dem so Erkannten tritt zwar einiges einem jeden entgegen, anderes
aber entdecken nur die, welche genauer zusehen und sorgfältig forschen.
Hat man es aber einmal entdeckt, so hält man es für ebenso gewiß wie
jenes. So ist zwar nicht so ohne weiteres klar, daß im rechtwinkligen
Dreieck das Quadrat der Hypotenuse gleich der Summe der Quadrate der
Katheten ist. Viel leichter sieht man ein, daß diese Hypotenuse dem
größten Winkel gegenüberliegt. Hat man jenes aber einmal eingesehen, so
hält man es nicht weniger für wahr als dieses.
Was aber Gott anbetrifft, so würde ich sicherlich nichts eher und
leichter erkennen als ihn, wenn ich nicht von Vorurteilen eingenommen
wäre und die Bilder sinnlicher Dinge von allen Seiten in mein Denken
eindringen. +Denn was ist an und für sich klarer, als daß das höchste
Wesen, Gott, der allein in seinem Wesen schon das Dasein einschließt,
existiert?+
Wenn ich auch zu dieser Erkenntnis aufmerksamer Betrachtung bedurfte, so
bin ich doch nunmehr ebenso im Gewissen darüber, wie über alles andere,
was mir bisher am allersichersten erschien. Ich bemerke auch außerdem,
daß die Gewißheit aller anderen Dinge so sehr von jener einen Erkenntnis
abhängt, daß man ohne sie niemals irgend etwas vollkommen zu erkennen
vermag.
Zwar bin ich so beschaffen, daß ich etwas für wahr halten muß, so lange
ich es ganz klar und deutlich erkenne; andrerseits kann ich aber meiner
Natur gemäß mein geistiges Auge nicht immer unverwandt auf denselben
Gegenstand richten, um ihn klar aufzufassen, und oft falle ich in meine
alten Vorurteile zurück. Wenn ich nun nicht mehr auf die Gründe achte,
aus denen ich ein solches Urteil fälle, so könnten mir andere Gründe
entgegentreten, die mich leicht von der Meinung abbringen könnten, und
so hätte ich nie von irgend etwas eine wahre und gewisse Kenntnis,
sondern nur unbestimmte, veränderliche =Meinungen=.
Wenn ich z. B. das Wesen des Dreiecks betrachte, so erscheint es mir, da
ich mit den Prinzipien der Geometrie vertraut bin, ganz klar, daß die
drei Winkel des Dreiecks zusammen zwei Rechte betragen, und ich muß dies
für wahr halten, solange ich den Beweis vor Augen habe. Sowie ich aber
meinen geistigen Blick von diesem wegwende, so kann es leicht vorkommen
(selbst wenn ich noch daran denke, wie überaus klar ich den Satz
einsah), daß ich seine Wahrheit bezweifle, wenn ich nicht an Gott denke.
Ich könnte mir nämlich einreden, ich sei von Natur so beschaffen, daß
ich zuweilen selbst darin irre, was ich aufs klarste zu erfassen meine;
besonders wenn ich daran denke, wie oft ich vieles für wahr und gewiß
hielt, was ich später aus anderen Gründen für falsch erklärte.
Nun habe ich aber Gottes Dasein erkannt, und habe gleichzeitig erkannt,
daß alles andere von =Gott= abhängt und daß er nicht irren und lügen
kann, und daraus habe ich entnommen, daß alles, was ich klar und
deutlich erkenne, wahr ist. Wenn ich daher nun auch nicht weiter auf die
Gründe achte, aus denen ich gerade ein solches Urteil fällte, so brauche
ich mich nur zu erinnern, daß ich einmal einen klaren und deutlichen
Einblick in die Sache hatte, und es läßt sich kein Gegengrund
beibringen, der mich zweifelhaft machen könnte; ich habe vielmehr =eine
wahre und sichere Kenntnis= von der Sache; aber nicht nur in diesem
Fall, sondern auch bezüglich alles dessen, was ich mich erinnere einmal
bewiesen zu haben, wie z. B. die Sätze der Geometrie u. s. w.
Was könnte man mir denn jetzt noch entgegenhalten? Ich sei so
beschaffen, daß ich oft irre? -- Ich weiß ja aber nun, daß ich in dem,
was ich klar einsehe, nicht irren =kann=!
Oder, ich habe sonst vieles für wahr und gewiß gehalten, was ich später
für falsch befand? -- Doch von alledem hatte ich nichts +klar und
deutlich+ erfaßt! Ohne Kenntnis dieses Kriteriums der Wahrheit hatte ich
es wohl aus irgend welchen =anderen= Gründen für wahr gehalten, deren
Schwäche ich erst später entdeckte.
Was will man also sagen? Etwa (wie ich neulich selbst mir entgegenhielt)
daß ich wohl träume, oder daß alles, was ich nun denke, ebensowenig wahr
sei, wie das, was mir im Traume in den Sinn kommt? -- Allein auch dies
ändert nichts an der Sache! Selbst wenn ich =schlafe=, wäre alles
durchaus =wahr=, was mein Verstand vollkommen klar einsähe.
So sehe ich es also nun ganz offenbar, daß die Gewißheit und Wahrheit
alles Wissens allein von der Erkenntnis des wahren Gottes abhängt, sodaß
ich von nichts Anderem eine vollkommene Kenntnis erlangen kann, bevor
ich von Gott Kenntnis habe. Jetzt aber kann mir Unzähliges ganz bekannt
und gewiß sein, sowohl von Gott und den übrigen geistigen Wesen, wie
auch von jener ganzen Körperwelt, welche Gegenstand der reinen
Mathematik ist.
[46] Descartes macht sich hier den Einwand, aus meinem
=Vorstellen= folge noch nicht das =Sein= des
Vorgestellten. Er weist den Einwand zurück, da sein
Beweis gar nicht vom Vorstellen im allgemeinen auf das
Sein schließe, sondern nur behaupte, was wir in der
Vorstellung vom Wesen eines Dinges nicht =abtrennen=
können, das gehöre =wirklich= zum Wesen des Dinges.
=Darum= gehöre das =Sein= zum Wesen Gottes, denn es sei
eine der unabtrennbaren =Eigenschaften= Gottes. =Kant=
zeigte nun, daß das Sein =keineswegs= zu den
Eigenschaften gehöre und entkräftet damit den Beweis
Descartes' (»Kritik der reinen Vernunft«, Kehrbachs
Ausgabe S. 468 ff.). Es ist offenbar unzutreffend,
dieses Kantsche Argument für identisch zu halten mit
dem Cartesischen Einwand, wie v. Kirchmann es thut!
[47] Descartes' Beweis ist im Wesentlichen identisch mit dem
ontologischen Beweis des Anselm v. Canterbury. Dieser
sagt, die Vollkommenheit eines seienden Dinges ist
größer als die eines bloß vorgestellten. Gott, als das
vollkommenste Wesen, muß also =sein=. Descartes sagt:
ich =muß= Gott als existierend denken, was aber
denknotwendig ist, ist =wahr=. Also =existiert= Gott.
Daß wir aber Gott als existierend denken müssen, beweist
er -- genau wie Anselm -- damit, daß das Sein zu den
Vollkommenheiten gehöre, daß ein seiendes Wesen
vollkommner sei, als ein nicht seiendes. Dieser Satz nun
beruht auf einer ganz unklaren Auffassung von »Sein« und
»Vollkommenheit«. Wie wir bereits bemerkten, hat =Kant=
dies treffend nachgewiesen in »Kritik der reinen
Vernunft«.
[48] Gerade diesen wichtigsten Punkt, auf den alles ankommt:
daß das Sein eine =Vollkommenheit= ist, hat Descartes
auffallenderweise nicht näher berührt!
Sechste Betrachtung.
Das Dasein der Körper und der Wesensunterschied zwischen Leib und Seele.
Es bleibt mir nun noch zu untersuchen übrig, ob es =Körper= giebt.
Zum wenigsten weiß ich nun, daß sie, soweit sie Gegenstand der reinen
Mathematik sind, existieren =können=, da ich diese klar und deutlich
erfasse. Denn Gott ist ohne Zweifel imstande, alles das zu bewirken, was
ich so klar aufzufassen imstande bin; nur wenn ein Ding eine deutliche
Auffassung nicht =zuläßt=, ist es meiner Meinung nach für Gott
unmöglich.
Außerdem scheint das Vorstellungsvermögen, dessen Gebrauch mir bewußt
ist, wenn ich mich mit materiellen Gegenständen befasse, die Existenz
solcher Gegenstände zu beweisen. Denn genau betrachtet scheint mir das
Vorstellungsvermögen nur eine Anwendung des Erkenntnisvermögens auf
einen Körper zu sein, der ihm innerlich gegenwärtig ist und mithin
existiert.
Um dies klar zu machen, prüfe ich zunächst den Unterschied zwischen dem
Vorstellen und dem reinen Erkennen. Stelle ich mir z. B. ein Dreieck vor,
so sehe ich nicht nur, daß dies eine von drei Linien eingeschlossene
Figur ist, vielmehr schaut auch mein geistiges Auge gleichsam jene drei
Linien an als ständen sie vor mir, und dies nenne ich »=vorstellen=«.
Will ich mir aber ein Tausendeck denken, so erkenne ich ebensowohl, daß
dies eine aus tausend Seiten gebildete Figur ist, wie ich das Dreieck als
dreiseitige Figur erkenne; =vorstellen= aber oder gegenwärtig anschauen
kann ich mir diese tausend Seiten nicht ganz so leicht.
Gewohnt, mir stets irgend etwas vorzustellen, wenn ich an etwas
Körperliches denke, vergegenwärtige ich mir zwar auch dann irgend eine
unbestimmte Figur; ein Tausendeck aber ist dies offenbar nicht, denn
ich könnte mir unter genau dieser nämlichen Vorstellung auch ein
Zehntausendeck oder eine andere Figur von noch mehr Seiten denken! Die
charakteristischen Unterschiede zwischen Tausendeck und anderen Vielecken
vermag ich aus dieser Vorstellung nicht zu erkennen!
Handelt es sich aber um ein Fünfeck, so kann ich zwar seine Figur ohne
Hilfe der Vorstellung erkennen, wie beim Tausendeck; ich kann sie mir
aber auch vorstellen, indem ich mein Augenmerk auf die fünf Seiten
richte und auf die von ihnen eingeschlossene Fläche. So bemerke ich
hier, daß zum Vorstellen eine besondere =Geistesanstrengung=
erforderlich ist, deren ich beim Erkennen =nicht= bedarf. Darin zeigt
sich klar der Unterschied zwischen Vorstellen und reinem Erkennen.
Zudem ist auch, wie ich sehe, jenes Vorstellungsvermögen in mir, soweit
es sich vom Erkenntnisvermögen unterscheidet, zu meinem, d. h. meines
Geistes Wesen gar nicht erforderlich. Denn, hätte ich es auch nicht, so
würde ich doch trotzdem derselbe bleiben, der ich nun bin. Es scheint
sonach durch etwas von mir Verschiedenes bedingt zu sein!
Nun ist leicht ersichtlich: gäbe es einen Körper, mit dem mein Geist so
innig verbunden ist, daß er sich nur nach ihm hinzuwenden braucht, um
ihn gleichsam nach Belieben zu betrachten, so wäre es möglich, daß ich
so zu +Vorstellungen+ körperlicher Gegenstände gelangte. Diese Art des
Denkens unterschiede sich dann nur dadurch vom reinen Erkennen, daß der
Geist beim Erkennen sich gleichsam auf sich =selbst= richtet und einen
der ihm innewohnenden Gedanken ins Auge faßt. Beim Vorstellen aber
wendet er sich dem Körper zu und schaut in ihm etwas seinem Gedanken
(-- den er aus sich selbst oder aus den Sinnen haben kann --)
Entsprechendes an.
Daß das Vorstellen so zustande kommen kann, wenn es wirklich Körper
giebt, das ist, wie gesagt, leicht ersichtlich. Nun findet sich aber
keine passendere Erklärungsart und ich vermute daher, daß ein Körper
=existiert=. Doch =vermute= ich es nur. Einen Grund, aus dem mit
=Notwendigkeit= das Daseins eines Körpers folgte, vermag ich selbst bei
sorgfältigster Prüfung nicht aus der ganz deutlichen Vorstellung des
Körperwesens zu entnehmen, die ich in meinem Vorstellen finde.
Ich pflege aber außer jenem körperlichen Wesen, das Gegenstand der
reinen Mathematik ist, noch vieles andere vorzustellen, wie Farben,
Töne, Geschmack, Schmerz und ähnliches, nichts aber mit solcher
Deutlichkeit. Dies aber nehme ich besser durch die Sinne wahr, von denen
es mit Hilfe des Gedächtnisses zur Vorstellung gelangt zu sein scheint.
Um es nun bequemer untersuchen zu können, müssen wir mit derselben
Sorgfalt auch das sinnliche Empfinden behandeln und zusehen, ob sich ein
sicherer Beweis für das Dasein von Körpern aus jener Denkweise gewinnen
läßt, die ich »Empfinden« nenne.
Zuerst will ich mir darum hier wieder ins Gedächtnis rufen, was das war,
das ich früher als sinnliche Wahrnehmung für =wahr= hielt, und =warum=
ich es für wahr hielt. Dann will ich auch die Gründe erwägen, warum ich
später darüber Zweifel hegte. Dann will ich zusehen, was ich =nun= davon
zu halten habe.
Erstlich also sagten mir die Sinne, ich habe einen Kopf, Hände, Füße und
die übrigen Glieder, die jenen =Leib= bilden, den ich als zu mir
gehörig, ja als mein ganzes Ich ausmachend ansah.
Dieser Körper befand sich, meiner Wahrnehmung gemäß, unter vielen
anderen Körpern, die ihn angenehm oder unangenehm beeinflussen können.
Das Angenehme bemaß ich nach dem Gefühle der Lust, das Unangenehme nach
dem des Schmerzes. Außer Lust und Schmerz empfand ich aber auch Hunger,
Durst und andere derartige Gelüste, ferner gewisse körperliche Anlagen
zu Frohsinn, Traurigkeit, Zorn und anderen ähnlichen Gemütsbewegungen.
Außerhalb aber nahm ich außer der Ausdehnung, Gestalt und Bewegung auch
Härte, Wärme, und andere fühlbare Eigenschaften an den Körpern wahr,
ferner Licht und Farben, Gerüche, Geschmack und Töne, und je nach ihrer
Verschiedenheit unterschied ich Himmel und Erde und die anderen Körper
voneinander.
In Anbetracht der Vorstellungen aller Eigenschaften, die sich meinem
Denken darboten und die allein ich eigentlich und unmittelbar empfand,
glaubte ich nicht ohne Grund gewisse von meinem Denken ganz verschiedene
Dinge wahrzunehmen, nämlich Körper, von denen jene Vorstellungen
ausgingen. Ich merkte nämlich, daß sie ganz ohne mein Zuthun sich
einstellen, sodaß ich auch wenn ich es wollte, kein Objekt wahrnehmen
könnte, das nicht dem Sinnesorgan gegenwärtig wäre, daß ich es aber
denken =muß=, wenn es diesem gegenwärtig ist. Da ferner die sinnlichen
Wahrnehmungen weit lebhafter und bestimmter und in ihrer Art auch weit
deutlicher sind als alle, die ich selbst mit bewußter Überlegung durch
Nachdenken bildete oder meinem Gedächtnis eingeprägt vorfand, so
schienen sie aus =mir= gar nicht hervorgehen zu können. So blieb nur
übrig, daß sie von anderen Dingen herkämen. Da ich aber von diesen
Dingen einzig und allein durch meine =Vorstellungen= Kenntnis hatte,
dachte ich gar nicht anders, als die Dinge seien diesen ähnlich.
Ich erinnerte mich auch, daß ich mich der Sinne früher bediente als der
Vernunft; ich sah, daß die von mir selbst gebildeten Vorstellungen nicht
so ausgeprägt wie die sinnlich wahrgenommenen seien, und daß sie meist
aus Teilen der letzteren zusammengesetzt sind. So redete ich mir leicht
ein, ich habe überhaupt keine Vorstellung im Verstande, die ich nicht
vorher durch die Sinne empfangen hätte.
Nicht ohne Grund war ich auch der Meinung, daß jener Körper, den ich mit
ganz besonderem Rechte den meinigen nannte, viel enger zu mir gehörte
als jeder andere. Von ihm konnte ich nicht, wie von den anderen, mich
trennen; in ihm und für ihn fühlte ich alle Triebe und Affekte; den
Schmerz und den Kitzel der Lust empfinde ich in Teilen des Körpers,
nicht in etwas außer ihm Liegendem. Warum aber aus dieser nicht näher zu
beschreibenden Schmerzempfindung eine Traurigkeit in meinem Gemüte und
aus der Empfindung des Kitzels eine Freude folgt, warum jenes
undefinierbare Brennen im Magen, das ich Hunger nenne, für mich eine
Aufforderung ist, zu essen, die Trockenheit der Kehle eine Mahnung zu
trinken u. s. w., dafür hatte ich nur die eine Erklärung: die Natur hat
es mich so gelehrt. Es besteht nämlich gar kein innerer Zusammenhang
(wenigstens kenne ich keinen) zwischen jenem Brennen und dem Willen zu
essen, zwischen der Empfindung von etwas Schmerzbringendem und der
Traurigkeit des Geistes, die aus dieser Empfindung hervorgeht.
Aber auch alles andere, was ich bezüglich der Sinnesobjekte annahm,
schien die Natur mich gelehrt zu haben. Schon ehe ich irgend einen
Beweisgrund erwogen, war ich ja überzeugt, daß der Gegenstand gerade
=so= beschaffen sei!
Später haben aber allmählich vielerlei Erfahrungen das ganze Zutrauen,
das ich den Sinnen schenkte, erschüttert. Türme, die von ferne rund
aussahen, erschienen von nahem viereckig und mächtige Statuen, die oben
standen, nahmen sich von unten gesehen gar nicht groß aus, und noch in
unzähligen anderen Fällen der Art merkte ich, daß das Urteil der äußeren
Sinne trügerisch war; ja nicht bloß der äußeren, auch das der inneren
Sinne! Mit was kann ich wohl vertrauter sein als mit meinem Schmerze?
Und doch, ich hörte manchmal von Leuten, denen man ein Bein oder einen
Arm abgenommen hatte, es käme ihnen zuweilen vor als schmerzte der
fehlende Körperteil. So schien es mir denn sogar ein wenig ungewiß, ob
ein Glied mich schmerzt, selbst wenn ich den Schmerz in ihm fühle.