[38] »_Nec obstat quod non comprehendam infinitum, vel quod

alia innumera in Deo sint, quae ..._« Kuno Fischer

übersetzt: »Und der Begriff des Unendlichen wird

dadurch nicht gehindert, daß etwa in Gott noch zahllose

andere Wesen sind, die ...« Danach würde gegen die

=Unendlichkeit= die Schwierigkeit erhoben, daß in Gott

zahllose unfaßbare =Wesen= seien; dies entspricht nicht

dem Sinne Descartes und giebt auch überhaupt keinen

klaren Sinn!

[39] D. h. »_formaliter_« oder »_eminenter_« in ihm enthalten

sei.

[40] Die französische Ausgabe hat hier folgenden Wortlaut:

»Nun könnte ich wohl annehmen, ich sei immer gewesen,

wie ich jetzt bin. Dadurch entziehe ich mich aber nicht

der Macht dieser Gründe und erkenne gleichwohl die

Notwendigkeit, Gott als Urheber meines Daseins

anzunehmen.«

[41] Dies ist der Descartessche Gottesbeweis. Er ist kurz

folgender: »Die =objektive= Realität einer =Vorstellung=

kann nicht größer sein als die =formale= Realität ihrer

Ursache.

Nun habe ich eine Gottesvorstellung. Ihre objektive

Realität ist unendlich groß, also größer als =meine

formale= Realität. Sonach kann =ich= nicht die Ursache

dieser Vorstellung sein. Nur ein unendliches Wesen,

Gott =selbst= kann die Ursache sein: Gott =existiert=!«

Über die Voraussetzung, auf der der ganze Beweis beruht,

daß die objektive Realität nicht größer als die formale

Realität der Ursache sein kann, vgl. S. 56 Anm.

Weiter unten giebt Descartes noch einen zweiten

Gottesbeweis, der dem ontologischen Beweise Anselms aufs

engste verwandt ist (fünfte Betrachtung).

Vierte Betrachtung.

Wahrheit und Irrtum.

Es ist mir in der letzten Zeit zur Gewohnheit geworden, meinen Geist

von den Sinnen abzulenken; ich habe es ganz deutlich bemerkt, wie wenig

wir wirklich über die Körper erfahren, wieviel mehr aber über den

menschlichen Geist, noch weit mehr aber über Gott; und so vermag ich nun

ohne alle Schwierigkeit mein Denken von den Dingen der Anschauung weg

und den rein begrifflichen und gänzlich immateriellen Gegenständen

zuzuwenden.

In der That ist meine Vorstellung vom menschlichen Geiste als einem

denkenden Wesen, das keine Ausdehnung nach Länge, Breite und Höhe hat

und auch nichts Anderes mit dem Körper gemein hat, viel deutlicher, als

die Vorstellung von irgend einem körperlichen Wesen.[42] Bedenke ich

nun, daß ich zweifle, also ein unvollkommnes, abhängiges Wesen bin,

so stellt sich mir ganz klar und deutlich die Vorstellung eines

unabhängigen und vollkommnen Wesens, d. h. Gottes dar, und völlig

überzeugend folgere ich aus dieser einen Thatsache, daß ich jene

Vorstellung habe oder mit derselben existiere, die Existenz Gottes und

die Abhängigkeit meiner ganzen Existenz von ihm in jedem einzelnen

Moment. Daher bin ich der Überzeugung, der Menschengeist könne überhaupt

nichts einleuchtender, nichts sicherer erkennen!

Nun glaube ich auch einen Weg zu sehen, um von der Betrachtung des

wahrhaften Gottes, in dem alle Schätze der Wissenschaft und Weisheit

verborgen sind, zur Erkenntnis der übrigen Dinge zu gelangen!

Erstlich nämlich erkenne ich, daß Gott mich unmöglich je täuschen kann;

in allem Lug und Trug findet man eine Unvollkommenheit. Wenn auch die

Fähigkeit zu täuschen ein Zeichen von Scharfsinn und Macht zu sein

scheint, so beweist doch die =Absicht= zu täuschen ohne Zweifel Bosheit

oder Schwäche und kann sich darum bei Gott nicht finden.

Zweitens bemerke ich bei mir ein Urteilsvermögen, das ich sicherlich

ebenso wie alles andere, was ich habe, von Gott erhielt. Da nun aber

Gott mich nicht täuschen will, wird er mir wahrlich kein solches gegeben

haben, das mich bei richtigem Gebrauche jemals zu Irrtümern führen

könnte.

Hierüber würde nun auch gar kein Zweifel mehr obwalten, wenn nicht

hieraus zu folgen schiene, ich könne mithin =niemals= irren. Wenn ich

nämlich alles, was in mir ist, von Gott habe, und dieser gab mir kein

Vermögen zu irren, so kann ich dem Anscheine nach überhaupt nicht irren.

So lange daher meine Gedanken sich nur mit Gott beschäftigen und ganz

auf ihn gerichtet sind, so finde ich keinen Anlaß zu Irrtum oder

Unwahrheit. Wende ich mich dann aber zu =mir= zurück, so bemerke ich,

daß ich gleichwohl zahllosen Irrungen ausgesetzt bin. Forsche ich nach

der Ursache derselben, so finde ich, daß sich mir nicht nur die reale

und positive Vorstellung Gottes oder des vollkommensten Wesens

darstellt, sondern auch sozusagen eine negative Vorstellung vom Nichts

oder dem vollendetsten Gegensatz aller Vollkommenheit. Ich finde, daß

ich gleichsam ein Mittelding zwischen Gott und dem Nichts bin, oder

zwischen dem vollkommensten Sein und dem Nichtsein, und daß ich so

beschaffen bin, daß ich als Geschöpf jenes vollkommensten Wesens nichts

in mir habe, das mich zur Unwahrheit oder zum Irrtum führen könnte;

inwiefern ich aber auch am Nichts oder am Nichtsein teilnehme (d. h.

inwiefern ich nicht selbst jenes vollkommenste Wesen bin und gar vieles

mir =fehlt=), kann es nicht gerade wunderbar erscheinen, wenn ich

=irre=.

So sehe ich also klar ein, daß der Irrtum als solcher nichts Wirkliches,

von Gott Herrührendes, sondern nur ein =Mangel= ist; daß ich also, um zu

irren, keines besonderen Vermögens bedarf, das mir von Gott zu diesem

Zwecke verliehen wäre; vielmehr entspringt mein Irrtum =aus der

Beschränktheit des mir von Gott verliehenen Urteilsvermögens=.

Doch dies kann mich noch nicht ganz zufrieden stellen. Der Irrtum ist

nämlich nicht die reine Negation, sondern der Mangel, das Fehlen einer

mir gewissermaßen zukommenden Erkenntnis, und wenn ich das Wesen Gottes

betrachte, so scheint es mir unmöglich, daß Gott ein Vermögen in mich

gelegt habe, das nicht in seiner Art vollkommen wäre, oder dem eine ihm

zukommende Eigenschaft fehlt. Wenn die Werke, die von einem Künstler

ausgehen, um so vollkommner sind, je kundiger der Künstler ist, kann

dann Gott, der Urheber aller Dinge, etwas geschaffen haben, das nicht in

jeder Hinsicht vollkommen wäre?

Ohne Zweifel =konnte= doch Gott mich so schaffen, daß ich nie irrte;

ohne Zweifel auch =will= er stets nur das =Beste=. Ist es nun besser ich

irre, oder ich irre nicht?

Ich überlege mir dies genauer und finde erstlich, daß es gar nicht

auffallend ist, wenn Gott etwas thut, dessen Gründe ich nicht einsehe.

Auch darf ich nicht darum an Gottes Existenz zweifeln, weil ich etwa

irgend etwas bemerke, von dem ich nicht begreife, warum und wie er es

gemacht hat. Ich weiß ja, daß ich von Natur sehr schwach und beschränkt

bin, Gott aber ist unermeßlich, unfaßbar, unendlich! Darum weiß ich,

daß er Unzähliges vermag, dessen Gründe mir unbekannt sind.

Aus diesem einzigen Grunde glaube ich auch, daß jene ganze Gattung von

Ursachen, die man aus dem =Zweck= entnimmt, für die Physik von gar

keiner Bedeutung sind; denn es wäre verwegen, wenn ich die Absichten

Gottes ausforschen zu können meinte.

Zweitens finde ich, daß man nicht ein einzelnes Geschöpf im besonderen,

sondern die =Gesamtheit= aller Dinge in Betracht ziehen muß, wenn man

die Frage untersucht, ob Gottes Werke vollkommen sind. Ein Ding, das für

sich allein betrachtet mit Recht als sehr unvollkommen erscheinen

könnte, ist vielleicht =als Teil des Weltganzen höchst vollkommen=. Ich

habe zwar, seit ich mir vornahm, an allem zu zweifeln, noch nichts

weiter erkannt, als daß ich bin und daß Gott ist. Seit ich aber die

unermeßliche Macht Gottes erkannt, kann ich doch nicht leugnen, daß Gott

noch vieles andere geschaffen hat oder wenigstens hätte schaffen können,

und daß ich mithin in dem All der Dinge nur die Bedeutung eines =Teiles=

habe.

* * * * *

Trete ich nun näher an mich heran und prüfe, welcher Art meine Irrtümer

sind (die allein eine Unvollkommenheit in mir beweisen), so bemerke ich,

daß dieselben durch das Zusammenwirken zweier Ursachen bedingt sind,

nämlich durch das Erkenntnisvermögen, das ich habe, und durch das

Vermögen zu wählen oder die Willensfreiheit: d. h. also durch den

=Verstand= in Verbindung mit dem =Willen=.

Durch den Verstand =allein= gelange ich nur zu den Vorstellungen, über

die ich ein Urteil fällen kann, und ein eigentlicher Irrtum kann in dem

Verstande in diesem Sinne gar nicht vorkommen. Es mögen wohl unzählige

Dinge existieren, ohne daß ich eine Vorstellung von ihnen habe. Man kann

aber nicht eigentlich sagen, ich sei derselben =beraubt=; man kann nur

=negativ= sagen, ich =habe= dieselben =nicht=. Ich könnte ja mit keinem

Grunde beweisen, daß Gott mir eigentlich ein größeres Erkenntnisvermögen

hätte geben müssen, als er mir wirklich gab! Wenn ich auch einen noch so

erfahrenen Künstler in ihm erkenne, so glaube ich darum doch nicht, daß

er jedem einzelnen seiner Werke alle jene Vollkommenheiten hätte

verleihen müssen, die er einigen verleihen kann.

Ich kann mich aber auch nicht beklagen, daß Gott mir keinen Willen,

keine Willensfreiheit gegeben habe, die ausgedehnt und vollkommen genug

sei; ich bemerke vielmehr, daß dieselbe in der That ohne alle Grenzen

ist.

Sehr bemerkenswert ist hierbei, daß =nichts anderes= in mir so

vollkommen oder so groß ist, daß ich mir es nicht noch vollkommener und

größer denken könnte. Nehme ich z. B. das Erkenntnisvermögen. Ich

bemerke sofort, daß es äußerst gering und eng begrenzt ist. Ich bilde

mir aber sogleich auch die Vorstellung eines anderen weit größeren, ja

des größtmöglichen, unendlichen Erkenntnisvermögens, und eben daraus,

daß ich imstande bin, mir dies vorzustellen, erkenne ich, daß es zum

Wesen =Gottes= gehört. Ebenso, wenn ich das Erinnerungs- oder das

Vorstellungsvermögen oder irgend ein anderes prüfe, so finde ich

überhaupt keins, das nicht in mir selbst gering und beschränkt, in Gott

aber unermeßlich wäre. Der =Wille allein= oder die Willens=freiheit= ist

es, die ich als so groß erkenne, daß ich sie mir gar nicht größer

vorstellen kann. Daher ist sie es auch vorzüglich, vermöge derer ich in

mir ein Ebenbild Gottes erkenne.

Freilich ist dieser freie Wille in Gott unvergleichlich größer als in

mir, sowohl hinsichtlich der Erkenntnis und Macht, mit der er verbunden

ist, und die ihn stärker und wirksamer macht, als auch hinsichtlich des

Objektes, da er eine viel weitere Ausdehnung hat. Gleichwohl aber

erscheint er, an sich genau betrachtet, seinem Wesen nach =nicht=

größer; er besteht nämlich nur darin, daß wir dasselbe thun oder auch

nicht thun (d. h. bejahen oder verneinen, erstreben oder fliehen)

können, oder vielmehr lediglich darin, daß wir uns von keiner äußeren

Macht dazu gezwungen fühlen, wenn wir das bejahen oder verneinen,

erstreben oder fliehen, was uns der Verstand vorhält.

Um frei zu sein, brauche ich nämlich keineswegs nach beiden Seiten in

gleicher Weise hinzuneigen. Im Gegenteil! Jemehr ich mich der einen

Seite zuneige -- sei es nun, weil ich in ihr das Wahre und Gute klar

erkenne, oder weil Gott in meinem Innersten so mein Denken lenkt -- um

so =freier= wähle ich diese Seite. Weder die göttliche Gnade, noch die

natürliche Erkenntnis beeinträchtigen je meine Freiheit, sondern mehren

und kräftigen sie vielmehr! Jene Indifferenz aber, die ich empfinde,

wenn nichts mich mehr nach der einen Seite hintreibt als nach der

anderen, ist die tiefste Stufe der Freiheit; sie darf nicht als Beweis

einer Vollkommenheit, sondern lediglich als ein Mangel im Erkennen, als

etwas Negatives angesehen werden. Sähe ich immerdar, was wahr und gut

ist, ich würde niemals schwanken, wie ich zu urteilen oder zu wählen

habe! Ich würde völlig =frei=, aber niemals indifferent sein!

Hieraus ersehe ich nun, daß weder die mir von Gott verliehene

Willenskraft, an sich betrachtet, die Ursache meines Irrtums sein kann;

denn sie ist von größter Ausdehnung und vollkommen in ihrer Art. Noch

auch kann es die Erkenntniskraft sein, denn da ich mein Erkennen von

Gott habe, ist zweifelsohne alles richtig, was ich erkenne und ich kann

mich darin nicht täuschen.

Woher also entstehen meine Irrtümer?

Offenbar nur daraus, daß der Wille sich weiter erstreckt als mein

Verstand, und daß ich ihn nicht in den nämlichen Schranken halte,

sondern auch =auf das Nichterkannte ausdehne=. Da er gegen dieses sich

indifferent verhält, weicht er leicht vom Wahren und Guten ab, und so

=irre= und =sündige= ich.

Als ich beispielsweise dieser Tage untersuchte, ob irgend etwas in der

Welt existierte, und als ich bemerkte, daß eben daraus, daß ich es

prüfte, =mein Dasein= evident folgte, da =konnte ich= nicht anders

urteilen, als es sei =wahr=, was ich so klar erkannte, und zwar war ich

zu diesem Urteil nicht durch eine äußere Macht gezwungen, sondern diese

große Neigung meines Willens war eine Folge der großen Erleuchtung

meines =Verstandes=, und so war mein Fürwahrhalten um so =selbständiger=

und =freier=, je weniger ich dabei indifferent war.[43]

Nun weiß ich aber nicht bloß, daß ich (insoweit ich ein denkendes Wesen

bin) existiere, es schwebt mir auch eine Vorstellung der körperlichen

Natur vor, und so kommt es, daß ich im Zweifel bin, ob die Denknatur,

die in mir ist, oder die ich vielmehr selber bin, von jener Körpernatur

verschieden ist, oder ob beide ein und dasselbe sind.

Ich nehme nun an, mein Verstand finde noch keinen Grund, der ihm das

Eine wahrer erscheinen lasse als das Andere, und offenbar treibt mich

daher nichts an, das Eine oder das Andere zu bejahen oder zu verneinen,

oder mich überhaupt jeden Urteils darüber zu enthalten. Diese

Indifferenz erstreckt sich sogar nicht nur auf das, was der Verstand gar

nicht erkennt, sondern überhaupt auf alles, was er nur mangelhaft

erkennt zur Zeit, da er die Entscheidung in Erwägung zieht. Mögen noch

so wahrscheinliche Vermutungen mich nach der einen Seite hindrängen, der

Umstand allein, daß ich weiß, es sind nur Vermutungen und keine

sicheren, unzweifelhaften Gründe, dies allein ist mir Veranlassung

genug, meine Zustimmung dem Gegenteil zuzuwenden!

Das habe ich ja in diesen Tagen zur Genüge erfahren, als ich alles für

gänzlich falsch annahm, an dessen Wahrheit ich früher ganz fest geglaubt

hatte, und zwar aus dem einen Grunde, weil ich fand, man könne irgendwie

daran zweifeln!

Wenn ich nun die Wahrheit nicht klar und deutlich genug erkenne, und ich

enthalte mich des Urteils, so handle ich offenbar recht und bin vor

Irrtum bewahrt. Urteile ich aber »so ist es« oder »es ist nicht so«,

dann mache ich einen verkehrten Gebrauch von meiner Willensfreiheit!

Wende ich mich dabei dem Falschen zu, so =irre= ich eben. Im anderen

Falle treffe ich zwar zufällig das Richtige, bin aber doch nicht ohne

Schuld, da mir die Vernunft sagt, daß die geistige Auffassung stets der

Entscheidung des Willens vorausgehen müsse.

Diese verkehrte Anwendung der Willensfreiheit schließt jenen Mangel in

sich, der das Wesen des Irrtums ausmacht. In der =Anwendung=, sage ich,

die von =mir= ausgeht, liegt jener Mangel, nicht aber in dem Vermögen

selbst, das ich von =Gott= empfing; auch nicht in dem Gebrauche

desselben, soweit er von =Gott= abhängig ist!

Daß Gott mir keine größere Verstandeskraft, keine größere natürliche

Einsicht verliehen, als ich nun einmal habe, darüber kann ich mich in

keiner Weise beklagen, denn es liegt im Wesen des =endlichen=

Verstandes, vieles nicht zu erkennen, und im Wesen des =geschaffenen=

Verstandes, =endlich= zu sein. Ich bin dem, der mir nie was schuldig

war, zu Dank verpflichtet für das, was er mir schenkte, und ich darf

nicht etwa meinen, er hätte mir das vorenthalten, was er mir nicht gab,

oder er hätte es mir =weggenommen=!

Auch darüber darf ich mich nicht beklagen, daß er meinem Willen eine

größere Ausdehnung gegeben als meinem Verstande. Da nämlich der Wille

Eins und gleichsam unteilbar ist, so scheint es seiner Natur zu

widersprechen, daß von ihm etwas weggenommen wird, und fürwahr, je

größer er ist, umsomehr bin ich seinem Geber zu Dank verpflichtet!

Schließlich darf ich auch darüber nicht klagen, daß Gott beim

Zustandekommen jener Willensakte -- jener Urteile, in denen ich irre --

mitwirkt. Jene Akte sind, soweit sie von Gott abhängen, durchaus wahr

und gut, und meine Vollkommenheit ist in gewissem Sinne größer, weil ich

sie hervorzurufen vermag, als wenn ich dies nicht vermöchte, der Mangel

aber, in dem allein das eigentliche Wesen des Irrtums und der Schuld

besteht, bedarf keiner Mitwirkung Gottes, denn sie sind nichts

Positives, und können, in Beziehung auf Gott als ihre Ursache nicht als

ein Fehler, sondern nur als etwas Negatives bezeichnet werden. Es ist

keine Unvollkommenheit Gottes, daß er mir die Freiheit gab, auch Dingen

zuzustimmen oder nicht, deren klare und deutliche Erkenntnis er meinem

Verstande versagte. Zweifelsohne aber ist es eine Unvollkommenheit

=meinerseits=, wenn ich jene Freiheit mißbrauche und über Dinge urteile,

die ich nicht recht verstehe.

Doch meine ich, Gott hätte es wohl leicht so einrichten können, daß ich

=nicht= irrte und dabei doch frei und von beschränkter Erkenntnis

bliebe. Er hätte nur meinem Verstande eine klare und deutliche

Auffassung alles dessen zu geben brauchen, das ich je in Erwägung ziehen

könnte; oder er hätte es nur meinem Gedächtnis unvergeßlich einprägen

sollen, daß ich nie über etwas ohne klare und deutliche Einsicht

urteilen dürfe. Hätte Gott mich so geschaffen, so ist leicht einzusehen,

daß ich, wenigstens =als Ganzes für sich= betrachtet, viel vollkommener

wäre, als ich jetzt bin!

Gleichwohl aber kann ich nicht leugnen, daß das =All= der Dinge, wenn

einige seiner Glieder nicht frei sind von Irrtum, andere aber frei sind,

eine größere Vollkommenheit besitzt, als wenn alle einander ganz

ähnlich wären,[44] und ich habe kein Recht, mich zu beschweren, weil

Gott wollte, daß ich in der Welt nicht das vorzüglichste und

vollkommenste Wesen darstelle.

Kann ich nun aber auch nicht auf jene erste Weise mich vor Irrtum

bewahren, nämlich durch den klaren Einblick in alles, worüber ich mich

zu entscheiden habe, so kann ich es doch auf die andere Art, indem ich

nämlich darauf achte, mich stets des Urteils zu enthalten, wenn ich mir

über die Wahrheit der Sache nicht ganz klar bin. Wenngleich ich mich

auch zu schwach fühle, um stets mein Augenmerk auf einen und denselben

Punkt zu richten, so kann ich es doch durch aufmerksame und oft

wiederholte Betrachtung dahin bringen, daß ich daran denke, sobald es

nötig wird, und mich so gleichsam daran =gewöhne=, nicht zu irren.

Darin nun besteht die größte und hauptsächlichste menschliche

Vollkommenheit, und ich glaube daher, nicht wenig durch meine heutige

Betrachtung gewonnen zu haben, da ich die Ursache des Irrtums und der

Falschheit erforschte. Diese Ursache kann gar keine andere sein, als die

oben entwickelte, denn sowie ich den Willen beim Urteilen so zügele, daß

er nur auf das klar und deutlich Erkannte sich erstreckt, so ist ein

Irrtum gänzlich unmöglich; denn eine jede klare und deutliche

Vorstellung ist ohne Zweifel doch =Etwas=, kann also nicht von =Nichts=

kommen, sondern hat notwendigerweise =Gott= zum Urheber, -- Gott, das

vollkommenste Wesen, das weder irren noch lügen kann![45] Und somit ist

die Vorstellung ganz unzweifelhaft =wahr=.

Ich habe nun heute nicht nur gelernt, wovor ich mich zu hüten habe, um

nie zu irren, sondern auch, was ich zu thun habe, um zur Wahrheit zu

gelangen. Ich werde dahin gelangen, wenn ich nur auf alles hinreichend

achte, was ich völlig einsehe, und dies von dem anderen absondere, das

ich weniger klar und deutlich erfasse. Dies soll in Zukunft mein ernstes

Bestreben sein!

[42] »_sane multo magis distinctam habeo ideam mentis

humanae, quatenus est res cogitans, non extensa in

longum, latum et profundum, nec aliud quid a corpore

habens, quam ideam ullius rei corporeae_.« Kuno Fischer

und Kirchmann beziehen irrtümlicherweise das »_quam

..._« auf _aliud_, statt auf »_multo magis_«, wie wir

es (in Übereinstimmung mit der französischen Ausgabe)

thun. Kuno Fischer übersetzt: »ohne etwas vom Körper zu

haben, als die =Idee= eines körperlichen Wesens.«

[43] Man sieht hier deutlich, wie der Streit um die

Willensfreiheit lediglich ein =Wort=streit ist.

Descartes nimmt die Willens»freiheit« an, weil nicht

=äußere= Ursachen den Willen bestimmen, sondern der

+Verstand+, unsere =eigene Erkenntnis=, =das +Ich+=.

Weil der Wille =bestimmt= wird durch den Verstand (der

selbst wieder bestimmt wird durch die +Objekte+),

nennen andere den Willen =unfrei=. Beide Behauptungen

sind ihrem =Sinne= nach =nicht= widersprechend!

[44] Es ist schwer verständlich, warum ein Ganzes, um

=vollkommner= zu sein, =un=vollkommnere =Teile=

enthalten soll. Das Ganze verliert offenbar nichts von

seiner Vollkommenheit, wenn seine Teile =vollkommen=

sind; zudem schließt ja auch das Vollkommnere

_implicite_ das Unvollkommnere schon in sich. Descartes

scheint die =Mannigfaltigkeit= als zur Vollkommenheit

des Weltganzen erforderlich anzusehen. Angenommen, das

wäre richtig, so könnte doch diese Mannigfaltigkeit

auch in anderer Weise erzeugt werden, als durch

Einfügung von =Un=vollkommnem zwischen das Vollkommne.

(Ein solches Verfahren widerspräche dem Wesen eines

allervollkommensten Gottes offenbar am allermeisten!)

Müssen denn Dinge, die auf gleicher Stufe der

Vollkommenheit stehen, einander notwendig »ganz

ähnlich« sein? Kann man sich nicht denken, Gott habe

Wesen ganz verschiedener Art schaffen können, die

dennoch jedes für sich den höchsten Grad der ihm,

seinem Wesen nach, möglichen Vollkommenheiten besäße?

[45] Hier bezeichnet Descartes =Gott= als Urheber unserer

Vorstellungen. Es entstand nun bald die Frage, ob Gott

jede einzelne Vorstellung durch einen besonderen Akt in

uns errege und uns gewissermaßen fortwährend mitteile,

was außer uns vorgehe, oder ob er uns von vornherein

so geschaffen habe, daß jene bestimmte Folge von

Vorstellungen in steter Übereinstimmung mit den äußeren

Vorgängen in uns sich entwickeln müsse. Ersteres

behauptete der Occasionalismus, letzteres die Lehre von

der prästabilierten Harmonie.

Eine gewisse Einschränkung erleidet übrigens die

Descartes'sche Behauptung durch die Ausführungen der

letzten Betrachtung. (Vgl. bes. S. 97.)

Fünfte Betrachtung.

Das Wesen der Materie und nochmals die Existenz Gottes.

Vielerlei bleibt mir nun noch zu untersuchen übrig bezüglich der

Eigenschaften Gottes, vielerlei auch bezüglich meines oder meines

Geistes Wesen. Doch darauf werde ich an andrer Stelle zurückkommen.

Jetzt (da ich gesehen, was ich zu meiden und zu thun habe, um zur

Wahrheit zu gelangen) scheint es mir viel dringlicher, daß ich aus

meinen Zweifeln herauszukommen suche, in die ich während der letzten

Tage geraten bin, und zusehe, ob sich etwas Gewisses über die

=materiellen Dinge= ausmachen lasse.

Bevor ich jedoch untersuche, ob irgendwelche derartigen Dinge außer mir

existieren, muß ich ihre Vorstellungen, soweit dieselben in meinem

Denken sind, betrachten und zusehen, welche von diesen =deutlich= und

welche =verworren= sind.

Deutlich stelle ich mir die Größe vor, welche die Philosophen gewöhnlich

»stetig« nennen, oder die Längen-, Breiten- und Tiefen-Ausdehnung dieser

Größe oder vielmehr des Dinges, das eine gewisse Größe hat. Ich

unterscheide darin verschiedene Teile; jedem dieser Teile schreibe ich

eine gewisse Größe, Gestalt, Lage und Ortsbewegung zu und jeder Bewegung

eine gewisse Dauer.

Doch nicht allein, was ich so allgemein betrachte, ist mir ganz bekannt

und klar, ich nehme auch bei einiger Aufmerksamkeit unzählige

Einzelheiten an Gestalt, Zahl, Bewegung u. s. w. wahr, deren Wahrheit so

offenbar und meinem Wesen entsprechend ist, daß ich nichts Neues meine

kennen zu lernen, wenn ich sie zum erstenmal bemerke, sondern scheinbar

nur dessen mich erinnere, was ich längst schon wußte, oder erst

aufmerksam werde auf etwas, das längst schon in mir war, wenn ich auch

früher den Blick meines Geistes noch nicht fest darauf gerichtet hatte.

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie · 第 5 / 8 段