Hiernach nun ist es in der That nicht nötig, für diese Vorstellungen

einen anderen Urheber als mich selbst zu suchen. Denn sind sie =falsch=,

d. h. stellen sie keine Dinge dar, so sagt mir mein natürliches

Erkenntnisvermögen, daß sie aus Nichts hervorgehen, d. h. daß sie

nur darum in mir sind, weil meiner Natur etwas fehlt, weil sie nicht

ganz vollkommen ist. Sind sie aber =wahr=, so bieten sie mir doch so

wenig Realität dar, daß ich sie nicht einmal von dem Nichtseienden

unterscheiden kann, und ich sehe nicht ein, warum sie nicht aus mir

selbst hervorgehen könnten.

Von dem dagegen, was in den Vorstellungen von Körpern klar und deutlich

ist, könnte ich wohl einiges von der Vorstellung meines Ich entlehnt

haben, nämlich Substanz, Dauer, Zahl und ähnliches. Ich denke mir

nämlich den Stein als eine Substanz oder ein Wesen, das durch sich

selbst zu bestehen vermag. Ich denke mir ferner mein Ich als Substanz.

Nun fasse ich zwar mich selbst als denkendes, nicht ausgedehntes Wesen,

den Stein aber als ausgedehntes, nicht denkendes Wesen auf, und es ist

somit ein sehr großer Unterschied zwischen beiden Auffassungen. Darin

aber stimmen sie doch überein, daß beide =Substanzen= sind. Ebenso, wenn

ich wahrnehme, daß ich jetzt bin, und mich erinnere, daß ich auch früher

eine Zeitlang bestand; wenn ich ferner mehrere Gedanken habe, deren Zahl

ich kenne, so gewinne ich die Vorstellungen von Dauer und Zahl, die ich

nun auch auf beliebige andere Dinge übertragen kann.

Alles andere aber, aus dem die Vorstellungen von Körpern sich

zusammensetzen, wie Ausdehnung, Gestalt, Lage, Bewegung, sind zwar

in mir, der ich lediglich =denkendes= Wesen bin, nicht wirklich

(»_formaliter_«) enthalten, da sie aber nur gewisse =Eigenschaften=

einer Substanz sind, ich aber =selbst= eine Substanz bin, so können sie

offenbar in mir, vermöge meiner größeren Realität (»_eminenter_«)

enthalten sein.

So bleibt also allein die Vorstellung =Gottes= übrig, bei der es sich

fragt, ob sie etwas enthält, das aus mir nicht hat hervorgehen können.

* * * * *

Unter »Gott« verstehe ich ein unendliches, unabhängiges, allweises,

allmächtiges substanzielles Wesen, von dem ich und alles, was etwa noch

außer mir existiert, geschaffen bin. Diese ganze Vorstellung ist

derartig, daß ich um so weniger mir denken kann, sie sei aus mir selbst

hervorgegangen, je sorgfältiger ich sie ins Auge fasse.

So ergiebt sich denn aus dem oben Gesagten, daß Gott notwendig =ist=.

Zwar habe ich eine Vorstellung von Substanz, weil ich =selbst= Substanz

bin; dies kann jedoch nicht die Vorstellung einer =unendlichen= Substanz

sein, da ich selbst =endlich= bin, eine solche Vorstellung kann vielmehr

nur von einer wirklich unendlichen Substanz hervorgehen.

Auch darf ich nicht etwa glauben, ich erfasse das Unendliche nicht durch

eine wirkliche Vorstellung, sondern nur durch Negation des Endlichen,

ähnlich wie ich die Ruhe und die Finsternis durch Negation der Bewegung

und des Lichtes erfasse. Ich erkenne vielmehr ganz klar, daß die

unendliche Substanz mehr Realität enthält als die endliche; daß mithin

in gewissem Sinne die Vorstellung des Unendlichen der des Endlichen,

d. h. +die Vorstellung Gottes, der des Ich vorausgeht+. Wie könnte ich

denn wissen, daß ich zweifle, daß ich begehre, d. h. daß mir etwas

fehlt, und daß ich unvollkommen bin, wenn in mir nicht die Vorstellung

eines vollkommneren Wesens wäre, mit dem ich mich =vergleichen= kann, um

meine Mängel zu erkennen?[36]

Auch kann man nicht sagen, diese Gottes-Vorstellung sei vielleicht

=material= falsch und könne daher ebenso gegenstandslos sein, wie ich es

vorhin von den Vorstellungen der Wärme und Kälte und von ähnlichem

bemerkte. Im Gegenteil vielmehr: sie ist äußerst klar und bestimmt und

enthält mehr objektive Realität, als irgend eine andere, und darum ist

keine an sich[37] wahrer, bei keiner ist der Verdacht der Falschheit

mehr ausgeschlossen als bei ihr!

Diese Vorstellung eines vollkommensten und unendlichen Wesens, sage ich,

ist (material) =vollkommen wahr=: Könnte man vielleicht auch sich

einbilden, ein solches Wesen existiere nicht; das kann ich mir doch

=nicht= einbilden, daß die =Vorstellung= desselben mir nichts =Reales=

biete, wie ich es vorhin von der Vorstellung der Kälte sagte.

Jene Vorstellung ist aber auch =vollkommen klar und bestimmt=, denn in

ihr ist alles völlig enthalten, was ich klar und deutlich wahrnehme, was

wirklich und wahr ist und eine gewisse Vollkommenheit in sich schließt!

Auch das läßt sich nicht einwenden, daß ich das Unendliche nicht zu

fassen vermag und daß sogar unzähliges Andere in Gott ist, das ich weder

erfassen, noch auch überhaupt mit meinem Denken irgendwie erreichen

kann.[38] Es liegt nämlich in der Natur des Unendlichen, daß es von

=mir=, der ich endlich bin, nicht begriffen werden kann, und es genügt,

daß ich dies einsehe und erkenne, daß alles, was ich klar auffasse, und

worin ich eine gewisse Vollkommenheit erkannt habe, ebenso wie

vielleicht noch unzähliges andere, von dem ich =nichts= weiß, in Gott

wirklich enthalten oder in seiner Seinsfülle einbegriffen sei.[39] Die

Vorstellung, die ich von Gott habe, ist dann die =wahrste, klarste und

deutlichste aller meiner Vorstellungen=.

Vielleicht aber bin ich mehr als ich selbst meine; vielleicht sind alle

jene Vollkommenheiten, die ich Gott zuschreibe, gewissermaßen potential

in =mir=, wenn sie sich auch noch nicht äußern und zur Wirklichkeit

gelangen? -- Ich bemerke ja, wie meine Erkenntnis sich allmählich

erweitert, und ich sehe nicht ein, warum sie sich so nicht mehr und mehr

bis ins Unendliche erweitern sollte, und warum ich ferner nicht mit

Hilfe dieser so vermehrten Erkenntnis zu allen übrigen Vollkommenheiten

Gottes gelangen könnte, und endlich, warum das Vermögen zu diesen

Vollkommenheiten, wenn es in mir ist, nicht hinreichen sollte, die

Vorstellung derselben hervorzubringen!

Doch alles dies ist unmöglich! =Erstens= nämlich, gesetzt auch, meine

Erkenntnis nehme allmählich zu, und vieles sei potential in mir, das

noch nicht in Wirksamkeit getreten, so gehört doch nichts von alledem

zur Vorstellung =Gottes=, in der es überhaupt nichts Potentiales giebt.

Gerade das allmähliche Zunehmen ist ja der sicherste Beweis der

Unvollkommenheit! -- Nähme aber auch =zweitens= meine Erkenntnis immer

mehr zu, so sehe ich gleichwohl nicht ein, wie sie je dadurch ein aktual

Unendliches werden sollte, da sie niemals dahin gelangen wird, daß sie

keines weiteren Zuwachses mehr fähig wäre. Gott aber fasse ich als ein

aktual Unendliches auf, und seiner Vollkommenheit kann nichts zugefügt

werden. -- Ich sehe aber =drittens= auch ein, daß das objektive Sein der

Vorstellung nicht durch ein bloß potentiales Sein, das richtig gesagt,

=Nichts= ist, hervorgebracht werden kann, sondern lediglich durch

aktuales oder formales Sein.

Alles dies kann man bei genauer Aufmerksamkeit durch das natürliche

Erkenntnisvermögen ganz klar einsehen. Bin ich aber weniger aufmerksam,

und die sinnlichen Vorstellungsbilder trüben mein geistiges Auge, so

vermag ich mir nicht so leicht Rechenschaft darüber zu geben, warum die

Vorstellung eines vollkommneren Wesens als ich, notwendig von einem

wirklich vollkommneren Wesen herrühren muß. Darum will ich ferner

zusehen, ob ich, der ich jene Vorstellung habe, auch =sein= könnte,

wenn es =kein= solches Wesen gäbe?

Da fragt sich's nun: woher würde ich dann meine Existenz haben? -- Nun,

etwa von mir selbst, oder von meinen Eltern, oder von irgend welchen

anderen unvollkommneren Wesen als Gott (denn etwas Vollkommneres oder

auch nur ebenso Vollkommnes wie Gott ist gänzlich undenkbar).

Wäre ich nun aber aus mir selbst, so würde ich nicht zweifeln und nichts

begehren; es würde mir überhaupt gar nichts fehlen. Ich würde mir alle

Vollkommenheiten verliehen haben, die ich mir irgendwie vorstelle, und

so wäre ich selbst Gott! -- Ich brauche nicht etwa zu denken, das, was

mir noch fehlt, sei vielleicht schwieriger zu erreichen, als das, was

ich bereits habe. Im Gegenteil! Es wäre offenbar weit schwieriger für

mich gewesen, als denkendes Wesen, als Denk=substanz=, aus dem Nichts

ins Dasein zu treten, als die Kenntnis vieler unbekannter Dinge zu

erwerben, denn das sind doch nur =Accidenzen= jener Substanz. Konnte

ich mir das Größere verleihen, so hätte ich mir gewiß nichts versagt,

was leichter zu erreichen ist; und auch von alledem hätte ich mir nichts

versagt, was ich in der Vorstellung Gottes wahrnehme, denn alles dies

erscheint mir gar nicht schwerer erreichbar zu sein! Wäre aber doch

etwas dabei, was schwieriger ist, so müßte es mir auch schwieriger

=erscheinen=, (falls ich wenigstens all meinen übrigen Besitz von mir

selbst hätte); ich würde dann nämlich erkennen, daß meiner Macht dort

eine =Schranke= gesetzt ist.

Der Macht dieser Gründe kann ich mich auch nicht entziehen, indem ich

annehme, ich sei immer gewesen, wie ich jetzt bin, um daraus weiter zu

folgern: nach einem Urheber meines Daseins brauche ich gar nicht weiter

zu forschen.[40] Die ganze Zeit meines Lebens kann ich nämlich in

unzählige Teile zerlegen, und jeder dieser Teile ist gänzlich

=unabhängig= von allen anderen. Daraus, daß ich im vorhergehenden

Augenblick war, folgt also keineswegs, daß ich auch =jetzt= sein müßte,

es sei denn, daß irgend eine Ursache mich gleichsam für diesen

Augenblick von neuem schafft, d. h. mich =erhält=. Fassen wir nämlich

genau das Wesen der Dauer ins Auge, so ist klar, daß ebendieselbe Kraft

und Thätigkeit nötig ist, um ein Ding in den einzelnen Momenten seiner

Dauer zu erhalten, als zu seiner Neuschöpfung erforderlich wäre, wenn es

noch gar nicht existierte. Der Satz, daß »Erhalten« und »Schaffen« sich

nur der Art der Auffassung nach unterscheiden, ist also einer von denen,

die wir durch unser natürliches Erkenntnisvermögen klar einsehen.

So muß ich also nun mir selbst die Frage vorlegen, ob ich eine Kraft

besitze, vermöge der ich bewirken kann, daß ich, der ich in diesem

Momente bin, auch im folgenden Momente sein werde. Da ich nämlich

lediglich ein denkendes Wesen bin, oder doch nur allein insoweit hier

von mir rede, als ich ein solches Wesen bin, so müßte ich ohne Zweifel

mir einer solchen Kraft =bewußt= sein, wenn ich sie besäße. Ich bemerke

aber =keine= solche Kraft, und erkenne eben daraus aufs klarste, =daß

ich von einem von mir verschiedenen Wesen abhänge=.

Doch vielleicht ist dieses Wesen gar nicht Gott; vielleicht sind es

meine Eltern, die mich ins Dasein gerufen oder es war eine andere,

weniger vollkommene Ursache als Gott.

Es ist aber klar, wie ich schon oben sagte, daß in der Ursache

mindestens ebensoviel Realität enthalten sein muß, wie in der Wirkung.

Da ich nun ein denkendes Wesen bin, das eine Vorstellung von Gott hat,

so muß die Ursache meines Daseins -- mag dieselbe nun heißen wie sie

will -- ebenfalls ein denkendes Wesen sein, das eine Vorstellung von

allen Vollkommenheiten hat, die ich Gott zuschreibe. Bezüglich dieser

Ursache nun kann man wieder fragen, ob sie aus sich selbst oder durch

etwas Anderes existiere. Wäre sie aus sich selbst da, so wäre sie, wie

aus dem Gesagten hervorgeht, =Gott=; denn wenn sie die Kraft hat, aus

sich selbst zu existieren, so hat sie ohne Zweifel auch die Kraft, alle

die Vollkommenheiten wirklich zu besitzen, die sie sich vorstellt.

Wäre jene Ursache aber durch ein Anderes da, so müßte man wieder

bezüglich dieser anderen Ursache die Frage stellen, ob sie aus sich

selbst oder durch ein Anderes existiert, bis man schließlich bei der

letzten Ursache anlangt, welche =Gott= sein wird. Denn daß man dies

nicht ins Unendliche fortsetzen kann, ist um so klarer, als es sich

nicht lediglich um die Ursache handelt, die mich einst ins Leben rief,

sondern vorzüglich auch um die, welche mich =gegenwärtig +erhält+=.

Man kann auch nicht annehmen, es hätten mehrere Teil-Ursachen bei meiner

Entstehung zusammengewirkt, und ich hätte von der einen die Vorstellung

dieser, von der anderen die Vorstellung jener Vollkommenheit Gottes

erlangt; alle jene Vollkommenheiten seien also wohl irgendwo im Universum

zu finden, sie seien aber nicht gleichzeitig in einem einzigen Wesen, in

Gott vereinigt. -- Im Gegenteil erkenne ich gerade in der Einheit,

Einfachheit oder Unteilbarkeit eine Haupteigenschaft Gottes! Sicherlich

konnte auch die Vorstellung der Einheit aller Vollkommenheiten Gottes in

mir ausschließlich durch die nämliche Ursache hervorgerufen werden, von

der ich auch die Vorstellung der übrigen Vollkommenheiten empfing, denn

diese Ursache hätte nicht bewirken können, daß ich sie alle =vereint= und

=untrennbar= erkenne, wenn sie nicht gleichzeitig mir eine Kenntnis jeder

=einzelnen= verschafft hätte.

Was nun schließlich meine Eltern anbetrifft, so mag ja alles wahr sein,

was ich von ihnen früher glaubte, aber doch sind sie es nicht, die mich

=erhalten=, noch auch haben sie mich, inwiefern ich ein =denkendes

Wesen= bin, hervorgerufen. Sie haben vielmehr nur gewisse =Anlagen= dem

Stoffe mitgeteilt, dem ich, d. h. mein Geist (den ich jetzt allein für

mein Ich ansehe), innezuwohnen meine. Bezüglich der Eltern kann also

hier weiter keine Schwierigkeit in Frage kommen. Sonach müssen wir

überhaupt den Schluß ziehen, daß daraus allein, daß ich =bin= und eine

Vorstellung eines vollkommensten Wesens, d. h. Gottes, habe, daß daraus

mit aller Sicherheit sich beweisen läßt, =daß Gott auch wirklich

+existiere+=.

* * * * *

Ich habe nun noch zu untersuchen, =in welcher Weise= ich jene Vorstellung

von Gott erhalten.

Ich habe sie =nicht aus den Sinnen= geschöpft, auch ist sie mir nicht

unerwartet gekommen, wie es bei den Vorstellungen sinnlicher Dinge zu

geschehen pflegt, wenn diese Dinge mit meinen äußeren Sinnesorganen

zusammentreffen oder mit ihnen zusammenzutreffen scheinen.

Ich habe mir auch die Gottesvorstellung =nicht selbst gebildet=, denn

ich kann von ihr nichts wegnehmen und kann nichts zu ihr hinzufügen.

So bleibt also nur übrig, daß sie mir =angeboren= ist, wie auch die

Vorstellung meiner selbst mir angeboren ist.

Und darüber braucht man sich in der That nicht zu wundern, daß Gott mir

bei meiner Erschaffung jene Vorstellung gegeben hat, gleichwie ein

Künstler seinem Werke sein Zeichen einprägt. Es ist ja gar nicht einmal

nötig, daß dies ein besonderes, von dem ganzen Werke =verschiedenes=

Zeichen ist. Darum allein, weil Gott mich geschaffen, ist es vielmehr

schon sehr wahrscheinlich, daß ich gleichsam nach seinem =Ebenbilde=

geschaffen bin. Diese Gottähnlichkeit, welche die Gottesvorstellung in

sich schließt, nehme ich aber durch das nämliche Vermögen wahr, durch

das ich mich selbst wahrnehme. Mit anderen Worten: wenn sich mein

geistiger Blick auf mich selbst richtet, so werde ich dessen inne, daß

ich unvollkommen und von einem anderen Wesen abhängig bin und ohne Ende

nach immer Größerem und nach Besserem strebe. Gleichzeitig aber erkenne

ich auch, daß jenes Wesen, von dem ich abhängig bin, das Höhere, das ich

erstrebe, nicht nur als ein potentiales, sondern als ein aktuales

Unendliches in sich schließt, also =Gott= ist.

Die ganze Kraft dieses Beweises liegt also darin, daß ich es für

unmöglich erkenne, daß ich so existiere, wie ich bin, mit der

Vorstellung Gottes in mir, wenn Gott nicht auch =wirklich= existierte,

-- derselbe Gott, dessen Vorstellung in mir ist, der alle jene

Vollkommenheiten besitzt, die ich nicht zu fassen, sondern gewissermaßen

nur mit meinen Gedanken zu =berühren= vermag; dem gar kein Mangel

anhaftet.[41]

Hieraus geht nun auch zur Genüge hervor, =daß dieser Gott nicht täuschen

kann=, denn das sehen wir ohne weiteres ganz klar ein, daß Lug und Trug

aus einem =Mangel= entspringen.

Doch bevor ich dies eingehender prüfe, und in die anderen Wahrheiten,

die sich daraus ergeben, einzudringen suche, will ich noch ein wenig bei

der Betrachtung Gottes verweilen. Ich will seine Eigenschaften bei mir

erwägen und die Schönheit dieses unermeßlichen Lichtes, soweit mein

geblendetes geistiges Auge es vermag, anschauen und voll Bewunderung

anbeten. Wie nämlich unserem Glauben nach in der bloßen Betrachtung der

göttlichen Majestät die höchste Glückseligkeit des jenseitigen Lebens

besteht, so zeigt es sich, daß wir auch jetzt schon in dieser selben,

wenn auch noch viel unvollkommneren Betrachtung das höchste Glück

genießen können, dessen wir in diesem Leben fähig sind!

[26] Somit ist selbst die Gewißheit des Satzes des

Widerspruchs und die Gewißheit des »Ich bin« bedingt

durch die Erkenntnis Gottes. Da diese aber von dem

vorausgegangenen Ungewissen abhängig ist, sollte man

meinen, sie könnte selbst nie gewiß werden oder gar

das Ungewisse, aus dem sie selbst hervorgeht, gewiß

machen. Man hat darum Descartes vorgeworfen, er bewege

sich im Kreise; sein System gründe sich in letzter

Linie auf einen =Zirkelschluß=. Formal ist das bis zu

einem gewissen Grade zutreffend. Einen Vorwurf wird

aber nur derjenige darin erblicken, der das Wesen

philosophischer Systeme ganz und gar =verkennt=. Die

letzte Stütze eines Systems muß stets im Systeme

=selbst= liegen. Das Zusammengehen aller Teile zu

einem großen, einheitlichen, abgeschlossenen,

festgefugten =Ganzen= ist es, was dem System Gewißheit

giebt. Eins fordert das andere; das andere fordert das

erste. Für sich wäre weder das eine noch das andere in

jeder Beziehung klar und gewiß: zusammengefügt

ergänzen und stützen beide sich und werden über allen

Zweifel erhaben. Das »Ich bin« ist zwar ganz sicher

wahr. Es bleibt aber die Forderung -- solange das

System noch nicht geschlossen -- daß diese Wahrheit

durch die =Gottesidee bestätigt= werde, wenn wir voll

befriedigt sein sollen. Die Gottesidee, durch das Ich

(einerlei ob dies gewiß oder ungewiß ist) involviert,

wird aus diesem entwickelt, die Forderung wird

erfüllt, und dadurch =beide= -- Gott und ich --

=gleichzeitig= vollkommen klar und gewiß. Ein »Zirkel«

liegt hier nicht vor! -- »Ich« und »Gott« sind

gleichsam die beiden »=Pole=« des Descartes'schen

Systems. Vgl. auch Anm. S. 52 u. S. 60.

[27] Es ist klar, daß in demselben Sinne, in dem die

Vorstellungen und Begehrungen als wahr bezeichnet werden,

auch die =Urteile= wahr sind: mag das, =was= ich urteile,

noch so verkehrt und so falsch sein, so bleibt es doch

stets gewiß, =daß= ich so oder so urteile! Die Urteile

sind an =sich=, ihrem =Wesen= nach genau ebenso wahre

Gedanken, wie die =Vorstellungen= und Begehrungen. Ihrem

=Inhalte= nach aber können sie =ebensogut Falsches= zum

Gegenstande haben, wie die =Vorstellungen= und die

=Begehrungen=! Die Descartes'sche Einteilung ist daher

nicht ganz korrekt gewählt. Alle Gedanken sind =als

solche für sich betrachtet= wahr; sie sind schlechthin

gegebene =Thatsachen=; ihrem Inhalte nach aber, -- d. h.

wenn sie auf einen Gegenstand bezogen werden, mit einem

anderen in Verbindung gebracht werden -- sind sie dem

Irrtum ausgesetzt, indem die Frage entsteht: sind die

Bestimmtheiten wirklich da, wohin sie unser Denken

bezieht? Will man nun dieses »Beziehen« und »in

Verbindung bringen« als =Urteilen= bezeichnen, so sind

allerdings die »Urteile« dem Irrtum ausgesetzt, wie

Descartes sagt. Sie dürfen aber insofern nicht mit den an

sich wahren Bewußtseinsthatsachen in eine Reihe gestellt

werden, sondern sind eine über diese hinausgehende

Thätigkeit, die natürlich =für sich als solche= ebenfalls

sich als schlechthinige Thatsache darstellt.

Es ist dann auch zu beachten, daß jede eigentliche

Vorstellung eines Gegenstandes schon _implicite_ ein

solches Urteil enthält, welches, wenn man die

Vorstellung lediglich als Denkweise betrachtet, nur

durch ein zweites Urteil in gewisser Weise

eingeschränkt wird.

[28] »_lumen naturale_«.

[29] Dieses »Licht«, das uns die Wahrheit der Sätze, wie:

»ich zweifle, also bin ich«, unmittelbar verbürgen soll,

spielt eine eigentümliche Rolle in der Descartes'schen

Philosophie. Descartes giebt keine näheren Erläuterungen

über die Bedeutung dieses Lichtes, auf das er sich

später häufig beruft. Er setzt damit ein Wort an die

Stelle des Beweises, um wenigstens die Frage nach dem

»Warum?« nicht ganz unbeantwortet zu lassen in Fällen,

wo ein Beweis thatsächlich nicht mehr möglich ist, wo es

sich um eine einfache, unmittelbare Einsicht handelt.

Eine seiner hinterlassenen unvollendet gebliebenen

Schriften trug den eigentümlichen Titel: »Erforschung

der Wahrheit mit Hilfe des natürlichen Lichtes«.

Bemerkenswert ist übrigens, daß Descartes jetzt dem

»ich denke, ich bin« vollkommenste Gewißheit vermöge

des natürlichen Lichtes zuschreibt, während er oben

erklärte, noch einen =Zweifel= an der Wahrheit dieses

Satzes beseitigen zu müssen. Nach unserer an jener

Stelle gegebenen Erläuterung kann dies nicht als ein

Widerspruch angesehen werden. Das »natürliche Licht«

zeigt uns, daß jener Satz der wahrste und sicherste

ist. Wir können daran keinen realen, =wirklichen=

Zweifel hegen. =Theoretisch= aber, =formal=, ist es

=stets möglich=, zu =sagen=, ich zweifle, also einen

Zweifel zu =fingieren=. Um einen solchen =fingierten=

Zweifel handelte es sich an jener Stelle. Descartes

nannte ihn einen »metaphysischen« Zweifel. Er stützte

sich darauf, daß es doch möglich sei, daß wir notwendig

stets irrende Wesen seien, und daß es ein Irrtum sei,

wenn ich zu sein glaube. Das ist eine =Fiktion=, die

wir niemals =wirklich= glauben können, die den

Thatsachen unseres Bewußtseins widerspricht. Um aber

=selbst diesem= Zweifelsgrund den Boden zu entziehen,

untersucht Descartes das Wesen Gottes.

[30] Vgl. die Anm. 2 S. 22. Auch hier hat die französische

Ausgabe denselben Zusatz, wie an jener Stelle.

[31] Unter »aktualer« oder »formaler« Realität ist die

wirkliche Seinsfülle eines Gegenstandes zu verstehen im

Gegensatz zur »objektiven« Realität, welche bloß die in

der Vorstellung symbolisierte Realität eines

=vorgestellten= Gegenstandes bedeutet. Die Ausdrücke

rühren aus der aristotelisch-scholastischen Philosophie

her und decken sich ihrem Sinne nach nicht mehr mit den

heutigen gleichlautenden Benennungen. -- »Formal« heißt

jene wirkliche Realität, weil man das Prinzip des

wirkenden Seins als »formal« bezeichnete.

[32] »_vel formaliter vel eminenter_«.

[33] Bezüglich des =Verhältnisses= der wirklichen Seinsfülle

der =Ursache= der Vorstellung zur vorgestellten

Seinsfülle des Gegenstandes der Vorstellung, beweist

obiges Argument nicht das geringste. Der Descartes'sche

Satz (auf den sich sein Gottesbeweis stützt) ist

durchaus unbegründet.

[34] D. h. mehr Realität Enthaltendes. Vgl. S. 55.

[35] Bei der =materialen= Falschheit handelt es sich um einen

Irrtum bezüglich der Vorstellung =selbst=: ob sie

nämlich »objektive Realität« besitzt oder =nicht=. In

letzterem Falle wäre sie nur in negativem Sinne eine

Vorstellung (ähnlich wie »Finsternis« nur im negativen

Sinne eine Gesichtswahrnehmung ist).

[36] Hier zeigt es sich klarer, was wir schon oben (Anm.

S. 49) bemerkten, daß nämlich Gott eine notwendige

=Ergänzung= zum Ich ist, von diesem gefordert wird, wie

der Nordpol vom Südpol, und daß das Ich, zwar an sich

gewiß, erst seine volle Bedeutung und allseitige

Bestätigung durch die Gottesidee erhält. Hieraus ergiebt

sich dann leicht, inwiefern selbst das »Ich bin«,

wiewohl es als das Erste und Gewisseste erkannt wird,

doch in Bezug auf seine Gewißheit noch durch die noch

unentwickelte, in ihrer Bedeutung noch nicht klar

erkannte =Gottesvorstellung= in gewissem Sinne bedingt

genannt werden konnte. Gott ist sowohl seinem =Wesen=

nach dem Ich entgegengesetzt (unendlich -- endlich), wie

auch dem =Kausalverhältnis= nach (Ursache -- Wirkung).

Dadurch bildet er auch -- wie etwa =Jak. Böhm= sich

ausdrücken würde -- den Gegenwurf, an dem der Geist sich

spiegelt, dadurch er in sich selbst eingeht und seine

Schranken erkennt.

[37] D. h. material, in Bezug auf ihre =objektive Realität=.

(Vgl. S. 59 Anm.)

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie · 第 4 / 8 段