das »Ich bin«. Der Begriff »denken« bedarf aber noch
einer genaueren Bestimmung, um wirklich genau nur das
unmittelbare und erste Gewisse zu bedeuten. Gewiß ist uns
-- so sagten wir in Anm. zu S. 33 -- daß wir sehen, hören
u. s. w. Nichts aber ist uns gewiß über das Wesen dieses
Sehvorganges. Auch nichts ist gewiß über das Ding,
welches wir zu sehen glauben. Gewiß ist nur, =daß= wir es
sehen, oder daß es uns so =zu Mute= ist, =als= sehen wir,
daß der gegenwärtige Zustand ein solcher ist, wie wir ihn
als »Sehen« zu bezeichnen gewohnt sind. Gewisse
Bestimmtheiten, die zusammen ein »Bild« (oder einen »Ton«
u. s. w.) ausmachen, schweben uns vor, d. h. sie sind
gegenwärtig, sie sind gegeben, und zwar so wie sie eben
sind. Das =nennen= wir dann »Vorstellung« oder sonst wie.
Was man aber weiter noch unter Vorstellung, Denken
u. s. w. sich denken könnte, was über jenes bloße So-
oder so-sein, jene ganz unmittelbaren gegenwärtigen
Bestimmtheiten hinausgeht, alles das ist =nicht absolut=
und in +erster+ Linie gewiß! =Unmittelbar= gewiß ist
nicht einmal das »Ich bin«. Erst =wenn= jene
Bestimmtheiten thatsächlich gegeben sind, gelangen wir
zum »Ich«; an =sich= wäre das Ich gänzlich inhaltsleer
und bedeutungslos! Ohne die Beziehung auf das »Ich«,
würden aber jene Bestimmtheiten niemals »Sehen« oder
»Vorstellen«, »Denken« heißen können. Denn nur dadurch,
daß ich =mir= die Bestimmtheiten zuschreibe, sage ich,
»ich =denke=«. Da aber das Ich nicht unmittelbar gewiß
ist, kann sonach auch das =unmittelbar= Gewisse nicht als
=Denken=, =Vorstellen= u. s. w. bezeichnet werden! In der
That vollzieht es sich auch in unserem Bewußtsein stets
vermöge einer =Vermittlung=, nie =unmittelbar=, wenn wir
dessen inne werden, daß wir =vorstellen= u. s. w. Zuerst
sind stets, als schlechthinige beziehungslose Thatsachen
die =Bestimmtheiten gegeben=, die erst durch einen
besonderen Akt der Beziehung (oder Reflexion) als
»Vorstellungen« selbst aufgefaßt werden. Dies wiederum
ist nur möglich vermöge einer =Gegensetzung= (»Nicht-Ich«
und »Ich«), ohne die jene Bestimmtheiten ganz
=indifferent= bleiben würden und nie irgendwie bezogen
werden könnten (da keine Beziehungs=richtung= da wäre).
Je nach der =Beziehung= der Bestimmtheiten aber (auf das
Nicht-Ich oder das Ich) wird die Bestimmtheit als
Bestimmtheit eines =Dinges= oder einer »=Vorstellung=«
aufgefaßt. So sei z. B. die indifferente Bestimmtheit
»weiß« gegenwärtig. Wird sie nach =außen= bezogen, so ist
sie Eigenschaft eines Nicht-Ich; wir sagen »Ein =Ding=
ist weiß«. Wird sie nach =innen= bezogen, so sagen wir:
»=ich= habe die =Vorstellung= von weiß«. =Unmittelbar=
gegeben ist aber lediglich die indifferente
+Bestimmtheit+. Ich und Nicht-Ich, Ding und Vorstellung
sind nur =Beziehungsformen=, die, um thatsächlich und
gewiß werden zu können, eine Bestimmtheit =voraussetzen=.
Nur indem eine Bestimmtheit nach innen =bezogen= wird,
kann der Ich-Gedanke praktisch vollzogen werden. Das
sogenannte »reine Ich« ist nur eine Abstraktion aus der
konkreten, bestimmten Ichbeziehung. Darum ist auch das
Erste die =Bestimmtheit=; durch Beziehung geht aus dieser
das »Ich stelle vor« hervor oder das »Ich denke«, und
hieraus, durch Abstraktion, das »Ich« (»Ich bin«). Man
sieht leicht, eben in jenem =Beziehen= der Bestimmtheiten
=besteht= überhaupt erst das eigentliche »=Vorstellen=«!
Wenn sich nun auch stets sofort an das Bestimmtsein
sogleich ein Beziehen =anknüpft=, sodaß wir nie eine ganz
beziehungslose, indifferente (gegenstandslose) Bestimmung
dauernd ins Auge fassen können, so ist doch leicht
einzusehen, daß doch in Wahrheit =genau= genommen das
+Erste+ und +Unmittelbarste+ und +Gewisseste+ die
+Bestimmung+ ist.
Das ist nun keineswegs bedeutungslos! Heben wir an mit
einer Untersuchung der Bestimmung, so ergiebt sich uns
daraus bald das Wesen jener Beziehung und Gegensetzung,
wir vermögen einen tiefen Blick in das Wesen des
Bewußtseins, des »Ich« und der Dinge außer uns zu thun.
Es gelingt die Lösung von Problemen, die bisher die
Metaphysik nicht einmal bestimmt ins Auge zu fassen
gewagt hatte. Auch das innerste Wesen und die Entstehung
von =Raum und Zeit= enthüllt sich vor uns und die
obersten Grundlagen der Mathematik und der Mechanik
werden unserem Verständnis erschlossen. Die ganze
Wissenschaft schließt sich zusammen zu einem festen
einheitlichen System.
Ich habe versucht, von diesem System einen Überblick zu
geben in der Schrift: »Grundriß der Philosophie als
Bestimmungslehre« (Wiesbaden 1890).
[23] Daß ich wirklich nichts weiter bin als ein =bloß=
denkendes Wesen, will natürlich Descartes nicht
behaupten; dies beweist er erst später. Hier wird nur
gezeigt, daß wir nichts weiter unzweifelhaft uns
zuschreiben dürfen als das Denken, alles andre aber von
uns weggedacht werden kann.
Daß wirklich =nur= das Denken zu unserem Wesen gehört,
beweist er mit Hilfe des Satzes, daß alles, was von dem
Wesen eines Dinges weggedacht werden kann, in Wahrheit
nicht zum Wesen des Dinges gehört. Dieser Satz wird aus
dem =Gottesbegriffe= hergeleitet, der selbst wieder aus
dem =Denken= entwickelt wird.
[24] Der scheinbare Widerspruch, daß Descartes oben, S. 36,
das Empfinden als ungewiß vom Denken trennt, während er
es hier zu den unmittelbar gewissen Denkvorgängen
zählt, löst sich dadurch, daß Descartes das Empfinden
in doppeltem Sinne versteht. Als Thätigkeit der
Sinnesorgane -- so ist es S. 36 zu verstehen -- ist es
ungewiß, weil der Körper überhaupt uns noch ungewiß
ist. Hier aber redet Descartes -- wie er sogleich
weiter unten ausdrücklich betont -- lediglich von der
Empfindung, inwiefern wir uns gewisser Bestimmtheiten
=bewußt= werden. Insofern handelt es sich dabei um
unmittelbar gewisse Thatsachen, um ein Denken.
[25] Kirchmann übersetzt -- wahrscheinlich durch ein Versehen
(»_vera_« statt _cera_?) -- »was das Wahre ist«. Hiermit
läßt sich indessen nur schwer ein passender Sinn
verbinden.
Dritte Betrachtung.
Das Dasein Gottes.
Nun will ich meine Augen schließen, meine Ohren verstopfen, alle meine
Sinne will ich abwenden, sogar die Bilder von körperlichen Gegenständen
will ich alle aus meinem Denken vertilgen oder, da dies doch kaum
möglich sein dürfte, will ich sie wenigstens als leere Trugbilder für
nichts achten. Zu mir allein will ich reden und in mein Innerstes
blicken, und mich so allmählich mit mir selbst bekannter und vertrauter
zu machen suchen.
Ich bin ein Wesen, welches =denkt=, d. h. zweifelt, bejaht, verneint,
einiges erkennt, vieles nicht weiß, will und nicht will, vorstellt und
auch empfindet. Obwohl nämlich das, was ich denke oder vorstelle außer
mir vielleicht nichts ist, so sind doch, wie ich bereits oben bemerkte,
sicherlich jene =Denkweisen, die= ich Sinne und Vorstellungen =benenne=,
insofern sie lediglich =+als+ Denkweisen= gefaßt werden, etwas
=Wirkliches= in mir.
Mit diesen wenigen Worten nun habe ich alles angeführt, was ich wirklich
weiß, soweit mir wenigstens bis jetzt klar geworden ist, daß ich es
weiß.
Nun will ich sorgfältiger um mich schauen, ob sich vielleicht noch
anderes bei mir findet, das ich bisher unbeachtet ließ.
Ich bin =sicher=, daß ich ein denkendes Wesen bin; müßte ich denn also
nicht auch wissen, was dazu =gehört=, daß ich einer Sache sicher bin?
Es ist doch in jener ersten Erkenntnis nichts Anderes enthalten als
eine klare und deutliche Auffassung dessen, was ich behaupte. Diese aber
könnte offenbar nicht genügen, mich der Wahrheit eines Gegenstandes zu
vergewissern, wenn es überhaupt möglich wäre, daß etwas, das ich so
klar und deutlich einsehe, =nicht= wahr sei. Somit darf ich wohl als
allgemeine Regel festhalten: »=+Wahr+ ist alles das, was ich ganz klar
und deutlich einsehe=.«
Allein ich habe ja früher vieles als ganz gewiß und offenbar gelten
lassen, und fand nachher doch, daß es ungewiß sei. Was war denn dies? Es
war Erde und Himmel, die Sterne und alles andere, das ich mit den Sinnen
erfaßte.
Was aber war mir denn dabei so klar? -- Offenbar nur, daß dergleichen
Vorstellungen oder Gedanken meinem Geiste sich darstellten.
Daß jene Vorstellungen in mir stattfinden, das leugne ich ja auch jetzt
nicht. Es war aber noch etwas Anderes, das ich behauptete und so zu
glauben gewohnt war, daß ich es sogar deutlich wahrzunehmen meinte,
während ich es in der That doch nicht wahrnahm: nämlich das Dasein von
Dingen außer mir, von denen jene Vorstellungen ausgingen und denen
dieselben ganz ähnlich wären. Hierin aber irrte ich entweder, oder,
=falls ich recht hatte, ergab sich mir dies sicherlich nicht kraft
meiner +Wahrnehmung+=.
Wie verhielt es sich aber, wenn ich in der Arithmetik oder Geometrie
irgend etwas ganz Einfaches und Leichtfaßliches betrachtete, wie z. B.
daß zwei und drei zusammen fünf giebt und dergleichen? Solche Sätze
wenigstens sah ich doch wohl klar genug ein, um behaupten zu können, sie
seien =wahr=? -- Allerdings erklärte ich sie später auch nur aus dem
einzigen Grunde für zweifelhaft, weil mir in den Sinn kam, es hätte
vielleicht ein Gott mich so schaffen können, daß ich selbst in den
scheinbar handgreiflichsten Dingen mich meiner Natur nach in Irrtum
befinde. So oft diese vorgefaßte Meinung von Gottes Allmacht mir
aufstößt, muß ich allerdings gestehen, daß Gott, wenn er nur wolle,
mich leicht könne irren lassen, selbst in Dingen, die ich mit meinen
geistigen Augen aufs klarste zu sehen meine. Wende ich mich dann aber
den Dingen selbst zu, die ich so ganz klar wahrzunehmen glaube, so werde
ich jedesmal so ganz von der Wahrheit durchdrungen, daß ich
unwillkürlich in die Worte ausbreche: »täusche mich einer, wenn er es
vermag! =das wird er doch niemals zu Wege bringen, daß ich +nichts+ bin,
während ich +denke+ ich sei etwas=! oder daß es je wahr wäre, daß ich
=nie= gewesen, da ich doch nun =wirklich= bin; -- oder auch, daß zwei
und drei zusammen mehr oder weniger als fünf sei u. dgl., denn darin
erkenne ich einen offenbaren =Widerspruch=.«
Da ich nun aber sicherlich keine Veranlassung zu der Annahme habe, es
sei ein Gott, der mich =täuscht=; ja, da ich nicht einmal sicher weiß,
ob es überhaupt einen Gott giebt, so ist ein Zweifel, der sich lediglich
auf diese Annahme stützt, sehr schwach und sozusagen metaphysisch
begründet. Doch auch diesen letzten Zweifel will ich beseitigen und muß
daher, sobald sich Gelegenheit dazu bietet, untersuchen, ob ein Gott
ist, und, falls er ist: ob er ein Betrüger sein kann. So lange ich
nämlich =dies= nicht weiß, kann ich wohl überhaupt über nichts jemals
Gewißheit erlangen![26]
* * * * *
Doch um den Verlauf der Untersuchung nicht zu unterbrechen, dürfte es
zunächst angemessen sein, alle Gedanken in gewisse Gattungen einzuteilen
und festzustellen, worin Wahrheit und Irrtum eigentlich besteht.
Gewisse Gedanken nun sind gleichsam Bilder von Dingen, und diesen allein
kommt eigentlich der Name »=Vorstellung=« zu; so z. B. wenn ich mir
einen Menschen, eine Chimäre, den Himmel, einen Engel oder Gott denke.
Andere Gedanken haben außerdem noch eine andere Form. Wenn ich z. B.
will, wenn ich fürchte, bejahe, verneine, so denke ich mir zwar stets
ein Etwas, das diesem Denken zu Grunde liegt, aber ich denke mir noch
etwas mehr dabei als ein bloßes Bild von jenem Etwas. Solche Gedanken
sind einmal die sogenannten =Begehrungen= oder Affekte, dann die
=Urteile=.
Was nun die Vorstellungen anbetrifft, so können sie eigentlich nicht
falsch sein, wenn man sie nur an sich betrachtet und auf nichts anderes
bezieht. Ob ich eine Ziege oder eine Chimäre mir vorstelle: daß ich es
=vorstelle=, ist im einen Fall ebenso wahr wie im andern!
Auch beim Willen und den Affekten brauche ich keinen Irrtum zu fürchten,
denn wenn ich auch Schlechtes oder ganz und gar Unmögliches wünschen
kann, so bleibt es darum doch immer wahr, daß ich solches begehre.
So bleiben nur die =Urteile= allein, bei denen ich mich vor Irrtum hüten
muß.[27] Der hauptsächlichste und häufigste Irrtum aber, den man in
ihnen finden kann, besteht darin, daß ich meine, die Vorstellungen,
die =in mir= sind, seien gewissen Dingen =außer mir= ähnlich und
entsprechend. In der That, wenn ich die Vorstellungen nur als gewisse
Arten meines Denkens betrachten und auf nichts Anderes beziehen würde,
so könnten sie mir kaum irgend einen Stoff zum Irrtum geben.
Von diesen Vorstellungen nun sind die einen, dem Anscheine nach, mir
=angeboren=, andere sind mir von =außen gekommen=, andere aber habe ich
mir selbst gebildet. Wenn ich erkenne, was »Ding«, »Wahrheit«, »Denken«
ist, so kann ich dies wohl lediglich aus meinem eigenen Wesen schöpfen.
Höre ich dagegen ein Geräusch, sehe ich die Sonne, fühle das Feuer, so
meinte ich bisher, dies käme von Dingen außer mir. Vorstellungen aber
wie Sirenen, Hippogryphen u. dgl. bilde ich mir selbst. Doch ich könnte
auch annehmen, =alle= Vorstellungen kämen von außen, oder alle seien
mir angeboren, oder alle seien von mir gebildet; noch habe ich ja ihren
wahren Ursprung nicht klar erkannt!
Doch hier handelt es sich vorzüglich um diejenigen, welche ich als
entlehnt von Dingen außer mir ansehe, und es fragt sich: was veranlaßt
mich, diese Vorstellungen für Abbilder von Dingen zu halten?
Die Natur scheint es mich eben so gelehrt zu haben. Zudem erwarte ich
auch, daß diese Vorstellungen nicht von meiner Willkür, mithin nicht von
=mir=, abhängen, denn oft habe ich sie selbst gegen meinen Willen. So
empfinde ich Wärme, ob ich nun will oder nicht; darum glaube ich, die
Wärme-Empfindung oder Vorstellung komme mir von etwas, das von mir ganz
verschieden ist, von der Wärme des Feuers, bei dem ich sitze; was ist
dann aber näherliegend als die Meinung, jenes Ding sende mir eher
Seinesgleichen zu als etwas Anderes?
Wenn ich hier sage: »die =Natur= hat es mich so gelehrt,« so meine ich
damit nur, ein unwillkürlicher =Trieb= bringe mich zu diesem Glauben,
nicht aber ein natürliches =Erkenntnis=vermögen[28] stelle es mir als
wahr hin. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge! Was mir nämlich durch
das natürliche Erkenntnisvermögen einleuchtet (wie z. B. der Satz, daß
aus meinem Zweifeln mein =Sein= folgt und Ähnliches), das kann in keiner
Weise zweifelhaft sein, weil es kein anderes Vermögen geben kann, dem
ich so, wie jenem Lichte der Erkenntnis vertraue, oder das mir klar
machen könnte, es sei nicht =wahr=, was ich vermöge jenes Lichtes
erkenne.[29] -- Was aber die natürlichen =Triebe= anlangt, so habe ich
schon früher oftmals gefunden, daß ich von ihnen zum Schlechten
angetrieben wurde, wenn es sich darum handelte, das Gute zu erwählen;
und ich sehe nicht ein, warum ich ihnen in anderen Dingen mehr Vertrauen
schenken soll.
Wenn nun aber auch jene Vorstellungen unabhängig sind von meinem Wollen,
so ist damit noch nicht gesagt, daß sie von außer mir liegenden Dingen
herkommen. Gleich wie die oben erwähnten Triebe wohl =in mir= sind, aber
gleichwohl von meinem Wollen verschieden zu sein scheinen, so könnte es
wohl auch ein anderes mir nur noch nicht hinreichend bekanntes Vermögen
in mir geben, das jene Vorstellungen hervorbringt. So habe ich es ja
bisher auch schon immer beobachtet, daß im Schlafe ohne irgend welches
Zuthun äußerer Dinge Vorstellungen in mir entstehen!
Selbst wenn aber schließlich auch die Vorstellungen von äußeren Dingen
herrührten, so folgt daraus doch noch nicht, daß sie jenen Dingen auch
=ähnlich= sein müßten; meine ich doch vielmehr häufig gerade hier
einen großen Unterschied angetroffen zu haben. So finde ich in mir
beispielsweise zwei verschiedene Vorstellungen von der Sonne. Die eine
hat ihren Ursprung in den Sinnen und ist hauptsächlich zu jenen zu
rechnen, die ich meiner Meinung nach von außen erhalte; nach dieser
Vorstellung erscheint mir die Sonne =sehr klein=. Die andere Vorstellung
habe ich aus astronomischen Beweisen gewonnen, d. h. ich habe sie aus
gewissen mir angeborenen Begriffen heraus entwickelt oder in irgend
einer anderen Weise gebildet; hiernach stellt sich die Sonne =vielmal
größer als die Erde= dar. =Beide= Vorstellungen können aber der einen
außer mir befindlichen Sonne nicht ähnlich sein, und die Vernunft sagt
mir, daß gerade diejenige ihr am =un=ähnlichsten ist, die doch am
allerunmittelbarsten von der Sonne selbst herzukommen schien!
Aus alledem geht zur Genüge hervor, daß nicht ein sicheres Urteil,
sondern nur ein blinder Trieb mich zu der Meinung veranlaßte, es gebe
Dinge, die von mir verschieden sind und mir Vorstellungen oder Bilder
von sich durch Vermittlung der Sinnesorgane oder auf andere Weise
zusenden.
Es zeigt sich mir aber noch ein anderer Weg, um festzustellen, ob einige
von den Dingen, deren Vorstellungen ich in mir habe, auch außer mir
existieren. Inwiefern nämlich jene Vorstellungen lediglich gewisse Arten
des Denkens sind, finde ich zwischen ihnen keinen Unterschied und alle
scheinen in gleicher Weise aus mir hervorzugehen. Insofern aber die eine
dies, die andere das darstellt, sind sie offenbar sehr verschieden
voneinander. Ohne Zweifel sind die, welche Substanzen darstellen, in
gewisser Beziehung mehr; sie enthalten sozusagen mehr objektive
Realität[30] in sich als die, welche nur Eigenschaften oder Accidenzen
darstellen; und wenn ich einen höchsten Gott vorstelle, der ewig,
unendlich, allweise, allmächtig und der Schöpfer aller Dinge ist, die
außer ihm sind: so hat wiederum diese Vorstellung mehr objektive
Realität in sich als die, welche endliche Substanzen darstellen.
Nun sagt uns aber unser natürliches Erkenntnisvermögen, daß in der
ganzen wirkenden Ursache mindestens ebensoviel Realität enthalten sein
muß, als in der Wirkung ebendieser Ursache. Woher könnte denn die
Wirkung anders ihre Realität empfangen, als von der Ursache? und wie
könnte die Ursache diese geben, wenn sie sie nicht selbst hätte?
Daraus aber ergiebt sich, daß weder etwas aus Nichts entstehen kann,
noch ein Vollkommneres (d. h. mehr Realität Enthaltendes) aus einem
Unvollkommneren. Und das gilt offenbar nicht nur für diejenigen
Wirkungen, deren Realität eine aktuale oder formale ist, sondern auch
für die =Vorstellungen=, bei denen nur eine objektive Realität in
Betracht kommt.[31] Das heißt also, es ist ganz unmöglich, daß
beispielsweise ein Stein, der bisher nicht da war, jetzt zu sein
anfange, es sei denn, daß er von etwas Anderem ins Dasein gerufen wird,
in dem das ganze Sein, das im Steine gesetzt wird, entweder im gleichen
oder in höherem Grade[32] enthalten ist, ebenso wie es auch unter
anderem unmöglich ist, daß einem Dinge, das bisher nicht warm war, Wärme
zugeführt werde außer von einem anderen Dinge, das mindestens auf
derselben Seinsstufe steht, wie die Wärme. Ich konnte aber auch nicht
einmal die =Vorstellung= der Wärme oder des Steines haben, wenn sie
nicht durch eine Ursache in mir hervorgerufen ist, die mindestens
ebensoviel Realität enthält, als ich im Steine oder in der Wärme
vorstelle.
Zwar geht nichts von der aktualen oder formalen Realität der Ursache
in meine Vorstellung über, man darf aber darum doch nicht glauben,
diese Vorstellung müsse darum weniger real sein, vielmehr bedarf die
Vorstellung =an sich= ihrem Wesen nach keiner anderen =formalen=
Realität außer der, die sie von meinem Denken entlehnt, dessen Modus sie
ist. Damit aber diese Vorstellung gerade diese oder jene =objektive=
Realität enthalte und nicht eine andere, dazu bedarf sie einer Ursache,
die wenigstens ebensoviel formale Realität besitzt, als sie selbst an
objektiver Realität enthält.
Denn gesetzt den Fall, in der Vorstellung finde sich etwas, das in
ihrer Ursache nicht war, so hätte sie es folglich von =nichts=. So
unvollkommen nun auch jene Seinsweise sein mag, durch die ein Ding im
Geiste durch die Vorstellung vergegenständlicht ist, so ist sie
sicherlich doch nicht völlig gleich Null und kann daher auch nicht aus
Nichts hervorgehen.[33]
Da die Realität, die ich in meinen Vorstellungen anschaue, nur eine
objektive ist, so könnte man meinen, dieselbe Realität brauche nicht
formal in den Ursachen jener Vorstellungen zu sein, es genüge, wenn
sie in ihnen ebenfalls objektiv sei. Doch diese Annahme ist unzulässig;
denn wie die objektive Seinsweise den Vorstellungen ihrem Wesen nach
entspricht, so entspricht die formale Seinsweise den =Ursachen=
der Vorstellungen, deren Natur gemäß; wenigstens den ersten und
hauptsächlichsten Ursachen. Es kann ja wohl auch eine Vorstellung aus
einer anderen hervorgehen, aber ohne Ende kann das nicht fortgehen;
schließlich muß man doch bei einer ersten Vorstellung ankommen, deren
Ursache gleichsam das Original ist, in dem alle Realität formal
(wirklich) enthalten ist, die sich in der Vorstellung nur objektiv
findet.
So leuchtet mir nun vermöge meiner natürlichen Erkenntniskraft ein, daß
meine Vorstellungen gleichsam Bilder sind, die zwar leicht hinter der
Vollkommenheit der Dinge, von denen sie herrühren, zurückbleiben,
niemals aber Größeres oder Vollkommneres[34] als jene enthalten können.
Je länger und sorgfältiger ich dies alles prüfe, um so klarer und
deutlicher sehe ich seine Richtigkeit ein. Was folgt nun aber
schließlich daraus?
Wenn die objektive Realität einer von meinen Ideen so groß ist, daß sie
mit Gewißheit weder mit demselben noch mit einem höheren Grade von
Realität in mir enthalten sein und ich selbst mithin nicht ihre Ursache
sein kann, so folgt daraus notwendig, =daß ich nicht allein in der Welt
bin=; =es muß noch etwas Anderes existieren, das die Ursache jener
Vorstellung ist=. Findet sich in mir aber keine solche Vorstellung, so
hätte ich gar keinen Grund, der mich der Existenz eines Wesens außer mir
versicherte. Ich habe mich ja aufs sorgfältigste nach allem umgeschaut,
konnte aber bis jetzt nichts anderes finden!
* * * * *
Unter meinen Vorstellungen nun -- außer der von mir selbst, die uns hier
keine Schwierigkeiten bereitet -- befindet sich eine, die Gott, andere,
die Körper und leblose Wesen, wieder andere, welche Engel, dann solche,
die Tiere und schließlich solche, die Menschen meinesgleichen
vorstellen.
Was die Vorstellungen von anderen Menschen, von Tieren und von Engeln
anbetrifft, so erkenne ich leicht, daß dieselben aus denen, die ich von
mir, den Körpern, und Gott habe, sich bilden lassen, selbst wenn es
außer mir weder Menschen noch Tiere noch Engel in der Welt gäbe.
In den Vorstellungen von =Körpern= aber findet sich nichts, das so viel
Realität besäße, daß es nicht auch aus mir selbst hätte hervorgehen
können. Denn wenn ich genauer zusehe und sie einzeln prüfe, wie ich
gestern die Vorstellung des Wachses prüfte, so bemerke ich nur Weniges,
das ich an ihnen klar und deutlich auffasse, nämlich die Größe oder die
Ausdehnung in Länge, Breite und Tiefe, ferner die Gestalt, die durch
die Begrenzung der Ausdehnung entsteht; die Lage, welche verschiedene
Gestaltungen gegeneinander einnehmen, und die Bewegung, oder die
Veränderung dieser Lage. Man könnte noch hinzufügen Substanz, Dauer und
Zahl. Alles übrige aber, wie Licht und Farben, Töne, Gerüche, Geschmack,
Wärme und Kälte sowie die anderen fühlbaren Eigenschaften denke ich nur
ganz verworren und dunkel, und weiß darum auch nicht, ob sie wahr oder
falsch sind, d. h. ob die Vorstellungen, die ich von ihnen habe,
Vorstellungen von Dingen oder von Nichtdingen sind. Wiewohl nämlich, wie
ich kurz vorher bemerkte, die eigentliche oder =formale= Falschheit nur
in =Urteilen= anzutreffen ist, so giebt es doch auch eine =materiale=
Falschheit in den Vorstellungen, wenn sie nämlich ein Nichtding als Ding
vorstellen.
So sind beispielsweise die Vorstellungen von Wärme und Kälte so wenig
klar und deutlich, daß ich aus ihnen nicht entnehmen kann, ob die Kälte
nur ein Mangel an Wärme ist, oder die Wärme ein Mangel an Kälte, oder ob
beides wirkliche Eigenschaften sind, oder keines von beiden. Da nun aber
alle Vorstellungen nur Vorstellungen von Dingen sein können, so würde
die Vorstellung, die mir die Kälte als etwas Wirkliches und Positives
hinstellt, nicht mit Unrecht falsch genannt werden, falls wirklich
Kälte lediglich Wärmemangel wäre. Entsprechendes gilt in den anderen
Fällen.[35]