Doch ich will den Mut nicht sinken lassen und noch einmal denselben Weg

versuchen, den ich gestern gegangen war; ich will also alles aus dem

Wege räumen, was auch nur den Schein eines Zweifels zuläßt, genau so,

als hätte ich es für gänzlich falsch erkannt; ich will vorwärts dringen,

bis ich etwas Gewisses erkenne, sollte es auch nur die Gewißheit sein,

daß es nichts Gewisses giebt! Nur einen Punkt, der fest und unbeweglich

sei, verlangte Archimedes, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu

bewegen; auch ich darf Großes hoffen, wenn ich auch nur das Geringste

gefunden habe, das gewiß und unerschütterlich ist!

Ich nehme also an, alles, was ich um mich sehe, sei falsch; ich glaube,

daß nichts von alledem, was mir meine trügerische Erinnerung vorführt,

je existierte; ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt,

Ausdehnung, Bewegung und Ort sind Chimären! -- Was soll da noch wahr

sein? Vielleicht dieses Eine, daß es nichts Gewisses giebt!

Aber sollte es denn wirklich nicht noch etwas Anderes von allem bereits

Angeführten Verschiedenes geben, das auch nicht die geringste Möglichkeit

zu einem Zweifel bietet? Giebt es vielleicht einen Gott -- oder wie ich

ihn sonst nennen soll -- der mir diese Gedanken einflößt? -- Doch wozu

soll ich dergleichen annehmen, da ich wohl auch selbst ihr Urheber sein

könnte! -- So wäre aber doch wenigstens =Ich= etwas?

Allein ich habe ja bereits geleugnet, daß ich irgend einen Sinn, irgend

einen Körper habe! -- Doch halt! Was folgt denn hieraus? Bin ich denn so

sehr an den Körper und die Sinne gebunden, daß ich nicht auch =ohne= sie

sein könnte?

Aber ich habe mir ja eingeredet, es sei gar nichts in der Welt, kein

Himmel, keine Erde, kein Geist, kein Körper: also bin doch auch =ich=

nicht da? -- Nein, +ganz gewiß+ war ich da, wenn ich mir dergleichen

eingeredet!

Aber giebt es nicht irgend einen sehr mächtigen, sehr schlauen Betrüger,

der mit Absicht mich immer täuscht --?

Ganz zweifellos bin aber eben darum auch =ich=, wenn er mich täuscht;

mag er mich nun täuschen, soviel er kann, das wird er doch =nie=

bewirken können, daß +ich nicht+ sei, während =+ich+ denke=, ich sei

etwas! und nachdem ich so alles wieder und immer wieder erwogen habe,

muß ich schließlich konstatieren, daß der Satz: »Ich bin, ich existiere«

unbedingt =wahr= ist, so oft ich ihn ausspreche oder denke.[21]

Ich bin mir aber noch nicht hinreichend klar darüber, wer denn ich bin

-- jenes »=Ich=«, das notwendig ist. Ich muß mich nun in acht nehmen,

daß ich nicht etwa unvorsichtigerweise etwas Anderes für mich selbst

halte, und so selbst in der Erkenntnis dessen in Irrtum gerate, was

meiner Behauptung nach das Gewisseste und Klarste ist. Darum will ich

mir einmal vergegenwärtigen, für was ich mich früher hielt, ehe ich auf

diese Gedanken gekommen war. Von dieser Vorstellung meiner selbst will

ich dann alles in Abzug bringen, was durch die schon angeführten Gründe

auch nur im allergeringsten erschüttert werden kann, sodaß schließlich

genau das allein übrig bleibt, was sicher und unerschütterlich ist.

Wofür also habe ich mich früher gehalten? -- Für einen =Menschen=

selbstverständlich! Was ist aber ein Mensch? Soll ich sagen: ein

vernünftiges Tier? -- Nein, denn dann müßte ich weiter fragen: was ist

»Tier?« was ist »vernünftig?« und ich wäre von einer Frage zu mehreren

und schwierigeren gelangt; ich habe auch keine Lust, meine Zeit mit

derartigen Spitzfindigkeiten zu vergeuden. Hier will ich vielmehr darauf

achten, was sich meinem Nachdenken ganz von selbst und natürlich

darstellte, so oft ich mein eigenes Sein betrachtete.

Zuerst nun bemerkte ich, daß ich ein Gesicht, ferner Hände, Arme und

diese ganze Gliedermaschine habe, wie man sie auch an einem Leichnam

wahrnimmt; ich nannte sie »Leib«. Dann merkte ich, daß ich mich nähre,

gehe, fühle und denke, und ich schrieb diese Thätigkeiten der »Seele«

zu. Was aber diese Seele sei, bemerkte ich überhaupt nicht, oder ich

stellte sie mir als irgend einen feinen Stoff vor, als einen Hauch, als

Feuer oder Äther, der durch meine gröberen Bestandteile verbreitet sei.

Bezüglich meines Körpers hingegen hatte ich nicht den geringsten

Zweifel; ich glaubte sein Wesen genau zu kennen, und hätte ich es einmal

zu beschreiben versucht, wie es meinem Geiste sich darstellt, so würde

ich etwa so gesagt haben: »Unter >Körper< verstehe ich alles, was durch

eine Gestalt begrenzt und örtlich umschrieben werden kann; was den Raum

so erfüllt, daß es von ihm jeden anderen Körper ausschließt; was durch

Gefühl, Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch wahrgenommen werden und sich

in verschiedener Weise bewegen kann, zwar nicht aus eigener Kraft, aber

durch irgend ein anderes, mit dem es in Berührung kommt.« Meiner Meinung

nach war nämlich das Vermögen der Selbstbewegung, sowie des Empfindens

und Denkens in keiner Weise mit dem Wesen des Körpers vereinbar; ja, ich

war geradezu überrascht, dergleichen Fähigkeiten in gewissen Körpern

anzutreffen.

Nun aber, da ich annehme, irgend ein sehr mächtiger, und, wenn ich so

sagen darf, boshafter Betrüger habe mich in allem, soweit es ihm nur

irgend möglich war, irre geführt -- kann ich mir dann auch nur noch das

geringste von alledem zuschreiben, was ich zum Wesen des Körpers

rechnete?

Ich sehe nach, bedenke mir's und überlege hin und her, aber nichts will

sich mir zeigen und der fruchtlosen Wiederholung werde ich müde.

Was gilt nun aber von dem, was ich zum Wesen der Seele rechnete,

zunächst von der Ernährung und dem Gehen? Offenbar bestehen auch diese

bloß in der Einbildung, da ich ja gar keinen Körper habe! -- Aber das

Empfinden? -- Auch dieses geschieht nur mit Hilfe des Körpers, und gar

oft schien es mir ja auch im Traume, als empfinde ich, während ich

nachher merkte, daß es nicht wahr sei! -- Und schließlich das Denken? --

Hier finde ich es: das =Denken= ist es; das Denken =allein= kann von mir

nicht abgetrennt werden; ich aber =bin=, ich =existiere=, das steht

fest![22]

Wie lange aber gilt dies? -- Offenbar so lange ich denke, denn es könnte

ja auch der Fall sein, daß ich ganz zu sein aufhörte, wenn ich überhaupt

nicht mehr denke, und ich lasse jetzt nichts gelten, als was =notwendig=

wahr ist!

Hiernach nun bin ich, genau genommen, lediglich =denkendes Wesen=,[23]

d. h. Geist, Seele, Verstand oder Vernunft; lauter Bezeichnungen, die

mir früher unbekannt waren! Aber ein =wirkliches= und wahrhaft

=seiendes= Wesen bin =ich=!

=Was= denn nun aber für ein Wesen? Ich sagte ja: ein denkendes. Was aber

weiter? Ich will meine Einbildungskraft anstrengen: jener Komplex von

Gliedern, den man den menschlichen Leib nennt, bin ich nicht; auch bin

ich nicht etwa ein feiner Dunst, der durch diese Glieder verbreitet

ist, auch kein Wind, kein Feuer, kein Dampf, kein Hauch, oder was ich

mir sonst erdichten und vorstellen könnte, denn alles dies habe ich ja

gleich nichts gesetzt. Trotz alledem aber bleibt doch der Satz bestehen:

=Ich bin etwas=.

Es wäre vielleicht nicht ausgeschlossen, daß eben das, was ich gleich

nichts setze, weil ich es nicht kenne, in Wahrheit doch mit diesem mir

bekannten »Ich« identisch ist --? Ich weiß es nicht, und streite nicht

darüber; nur was mir =bekannt= ist, kann ich beurteilen; bekannt aber

ist mir, =daß= ich bin, und ich frage mich: »=was= ist dieses Ich, von

dem ich dies weiß?« Ganz sicher aber ist, daß die Kenntnis, die ich nun

habe, in dieser strengen Fassung =nicht= abhängig gemacht werden kann

von Dingen, deren Existenz ich noch =nicht= gewiß bin, =mithin von

nichts, was meine Einbildungskraft= sich ausdenkt. Gerade dies Wort:

sich »ausdenkt«, erinnert mich schon an den Fehler, den ich beging: denn

ich würde mir in der That etwas =erdenken=, wenn ich mir irgend ein

Vorstellungsbild von mir machte. Denn bildlich »vorstellen« heißt

lediglich, die Gestalt oder das Bild eines körperlichen Gegenstandes

betrachten; nun weiß ich aber bereits ganz =gewiß=, daß ich bin, und

weiß gleichzeitig, daß möglicherweise alle jene Vorstellungsbilder, und

überhaupt alles, was sich auf das Wesen des Körpers bezieht, bloße

=Traumbilder= sein könnten; hiernach scheint es ebenso ungereimt, zu

sagen: ich will durch mein Vorstellungs- und Einbildungsvermögen genauer

mein Wesen zu erkennen suchen, als wenn ich sagte: ich bin zwar schon

erwacht und sehe auch bereits etwas Wirkliches; ich sehe es aber noch

nicht deutlich genug, und will mich drum noch einmal schlafen legen,

damit es mir im Traume wahrer und deutlicher erscheine!

So erkenne ich denn, =daß nichts von alledem, was ich mit Hilfe des

Vorstellungsvermögens auffassen kann, zu jener Kenntnis gehört, die ich

von mir habe, und mein Geist muß sich sorgfältigst davon abwenden, wenn

er sein eigenes Wesen ganz genau erkennen will=.

* * * * *

Aber was bin ich denn nun? -- Ein denkendes Wesen! Was bedeutet das? --

Ein Wesen, das zweifelt, erkennt, bejaht, verneint, will, nicht will,

auch vorstellt und empfindet.[24] -- In der That, nicht wenig, wenn das

alles zu meinem Wesen gehören soll!

Doch warum sollte es nicht dazu gehören? Bin =ich= es nicht selbst, der

ich fast alles =bezweifle=, der ich aber doch immerhin Etwas =erkenne=,

dies Eine =bejahe=, alles andere =verneine=, aber noch mehr erkennen

=will=, und dabei =nicht will=, daß ich getäuscht werde, der ich mir

selbst unwillkürlich vielerlei =vorstelle=, vieles aber auch =empfinde=,

als käme es von den Sinnen her?

Giebt es hierbei etwas, das nicht genau ebenso wahr wäre als mein Sein?

-- selbst wenn ich immer träumte; selbst wenn der, der mich erschaffen,

mich täuschte, soviel er vermag?

Ist denn alles dies etwas Anderes als mein Denken? Kann von alledem

etwas =ohne= mein Ich gedacht werden?

Daß =ich= es bin, der da =zweifelt=, =erkennt=, =will=, das ist so

offenbar, daß sich überhaupt nichts finden läßt, wodurch man es mehr

verdeutlichen könnte! Ich bin aber ferner auch derselbe, der =vorstellt=;

denn wenn vielleicht auch, wie ich einmal angenommen habe, gar kein

vorgestelltes =Objekt= wahr wäre, so besteht doch das Vorstellen =selbst=

als ein =Vermögen=, das einen Teil meines Denkens ausmacht. Ebenso bin

=ich= es auch endlich, der =empfindet=, oder der körperliche Gegenstände

wahrnimmt, als ob er Sinn hätte. So sehe ich Licht, höre Geräusch, fühle

Wärme.

Aber das ist ja nicht richtig; ich träume ja! Nun wohl, aber sicherlich

ist mir doch so, als =ob= ich sehe, höre, warm werde; dies =kann= nicht

falsch sein, dies ist es eigentlich, was in mir »Empfinden« heißt, und

genau so in =dieser= Auffassung ist das Empfinden eben nichts Anderes

als =Denken=.

Hiernach beginne ich schon etwas besser zu erkennen, was ich bin!

* * * * *

Es scheint mir aber doch noch -- und ich kann mich der Meinung nicht

erwehren -- daß die körperlichen Gegenstände, deren Bilder sich im

Denken gestalten, die von den Sinnen aufgefaßt werden, viel deutlicher

erkannt werden als jenes Etwas in mir, das nicht vorstellbar ist.

Wunderbar bleibt es allerdings, daß ich die Dinge, die mir als ungewiß,

unbekannt, meinem Wesen fremd erscheinen, deutlicher erkenne als das

Wahre, Bekannte: als mich =selbst=!

Doch ich sehe, wie die Sache sich verhalten mag. Meinem Geiste bereitet

dieses Umherirren Freude; er will sich nicht in den Schranken der

Wahrheit halten lassen! So sei es denn! wir wollen ihm noch einmal ganz

die Zügel schießen lassen. Wenn wir sie nachher zur rechten Zeit wieder

anziehen, wird er sich um so leichter lenken lassen.

Betrachten wir also jene Dinge, die man gewöhnlich am deutlichsten zu

kennen meint, nämlich die Körper, die wir betasten und sehen, und zwar

nicht die Körper im allgemeinen, denn solche Allgemeinvorstellungen

pflegen etwas verworrener zu sein. Greifen wir vielmehr einen einzelnen

speziellen Fall heraus. Nehmen wir z. B. dieses Wachs hier!

Erst ganz kürzlich ist es aus der Honigscheibe gewonnen worden. Noch hat

es nicht allen Honiggeschmack verloren. Ein wenig hat es auch noch von

dem Duft der Blumen, aus denen es gesammelt worden. Seine Farbe, seine

Gestalt, seine Größe sind deutlich erkennbar. Es ist hart, kalt, man

kann es leicht anfassen, und wenn man mit dem Knöchel darauf klopft,

giebt es einen Ton von sich. Kurz, alles ist ihm eigen, was zur ganz

deutlichen Erkenntnis eines Körpers erforderlich erscheint.

Doch sieh da! während ich rede, kommt es dem Feuer nahe; der Rest des

Geschmacks vergeht; sein Geruch verduftet; seine Farbe ändert sich;

seine Form verschwindet. Es nimmt zu an Größe, wird flüssig, wird heiß,

kaum kann man es noch anfassen, und schlägt man darauf, so giebt es

keinen Ton mehr!

Bleibt es nun noch ebendasselbe Wachs? -- Ich muß gestehen, es bleibt

dasselbe; niemand leugnet es, niemand ist andrer Meinung!

Was war denn nun aber an ihm, das so deutlich aufgefaßt wurde? --

Sicherlich nichts von alledem, was ich mit den Sinnen erreichte, denn

alles, was unter den Geschmack, den Geruch, das Gesicht, das Gefühl oder

das Gehör fiel, hat sich jetzt geändert, das Wachs aber bleibt.

Vielleicht verhielt es sich so, wie ich jetzt denke: das Wachs selbst

nämlich war nicht jene Süße des Honigs, nicht jener Blumenduft, jenes

Weiß, jene Form, jener Ton: es war vielmehr ein =Körper=, der mir kurz

vorher mit solchen, jetzt aber mit anderen Bestimmungen in meiner

Vorstellung erschien.

Was ist nun aber ganz genau das, was ich hierunter mir zu denken habe?

-- Sehen wir zu! Entfernen wir alles, was zum Wesen des Wachses nicht

gehört, und sehen zu, was übrig bleibt! -- Es ist lediglich ein

Ausgedehntes, Biegsames, Veränderliches.

Was ist aber »biegsam«, »veränderlich?« Etwa die Vorstellung, daß dies

Wachs aus der runden Gestalt in eine viereckige, oder aus dieser in eine

dreieckige gebracht werden kann? -- Keineswegs! Denn, wie ich es

auffasse, ist es =unzähliger= derartiger Umwandlungen fähig; unzählige

aber kann ich mit meinem Vorstellungsvermögen nicht umfassen, und dieser

Begriff kann mithin durch mein Vorstellungsvermögen =gar nicht vollzogen

werden=.

Was ist ferner »ausgedehnt?« -- Ist vielleicht sogar die =Ausdehnung=

unbekannt? Im schmelzenden Wachs wird sie ja größer, im heißen noch

mehr, und immer mehr, wenn die Hitze zunimmt. Ich würde also das Wesen

des Wachses falsch beurteilen, wenn ich nicht annähme, daß es auch

seiner Ausdehnung nach mehr Veränderungen zuläßt, als mein

Vorstellungsvermögen je umfassen kann.

So muß ich schließlich gestehen, daß ich nicht einmal vorstellen kann,

was dieses Wachs hier[25] ist, sondern dies =rein geistig= auffasse. Ich

rede speziell von diesem Wachs hier; vom Wachs im allgemeinen ist es

nämlich noch viel einleuchtender!

Was ist denn nun aber dieses Wachs, das man nur rein geistig erfassen

kann? -- Offenbar dasselbe, welches ich sehe, berühre, vorstelle;

überhaupt dasselbe, das ich von vornherein annehme, aber, wohl zu

bemerken, die Wahrnehmung desselben besteht nicht in einem Sehen,

Berühren, Vorstellen, und bestand überhaupt nie darin, wenn mir es auch

früher so vorkam; sie besteht vielmehr in einem bloßen =geistigen

Einblick=, der unvollkommen und verworren sein kann, wie bisher, oder

klar und deutlich, wie jetzt, je nachdem ich mehr oder weniger auf seine

Bestandteile achte.

* * * * *

Hierbei setzt es mich nun in Verwunderung, wie sehr doch mein Geist zu

Irrtümern hinneigt, denn wiewohl ich dies bei mir schweigend und ohne

ein Wort zu reden überlege, hänge ich doch an den =Worten= und lasse

mich vom Sprachgebrauch verleiten. Wir sagen nämlich, wir =sehen= das

Wachs =selbst=, und daß es vorhanden ist, =urteilen= wir =nicht= erst

aus seiner Farbe oder Gestalt. Hieraus könnte ich ohne weiteres

schließen, das Wachs werde durch das Sehen des Auges, nicht aber durch

die bloße Einsicht des Geistes erkannt. Da sehe ich aber zufällig von

meinem Fenster aus die Leute auf der Straße vorübergehen; ich bin

gewohnt, ganz ebenso wie vom Wachs zu sagen: ich =sehe= sie. Was =sehe=

ich denn aber außer Hüten und Kleidern, unter denen auch Automaten

stecken könnten? -- Ich =urteile= aber, es seien Menschen.

So erfasse ich also das, was ich mit den Augen zu sehen meinte, in

Wahrheit nur durch das =Urteilsvermögen=, welches meinem Geiste

innewohnt.

Aber ich will doch weiser sein als die Menge! Fast schäme ich mich, einen

Zweifelsgrund aus Redensarten herzuleiten, welche die Menge erfunden

hat! Fahren wir also fort, sehen wir zu, ob ich das Wesen des Wachses

vollkommener und klarer erfaßte, als ich es zuerst erblickte und der

Meinung war, ich erkenne es durch einen äußeren Sinn oder doch überhaupt

in sinnlicher Weise, das heißt, durch das Vorstellungsvermögen; -- oder

ob dies erst jetzt der Fall ist, nachdem ich sorgfältiger untersucht

habe, sowohl was es ist, als wie es erkannt wird. Hierüber kann gewiß

kein Zweifel herrschen. Was war denn in jener ersten Auffassung

Deutliches? Auch jedes Tier hätte solche Wahrnehmungen haben können!

Wenn ich aber das Wachs von seinen äußeren Formen unterscheide und es

gleichsam seiner Hülle entkleidet an sich betrachte, so kann ich es in

der That nicht ohne den menschlichen Geist erfassen, wiewohl auch da noch

ein Irrtum in meinem Urteil möglich ist.

Was soll nun aber von eben diesem Geiste, das heißt von =mir selbst=

gelten (außer dem Geiste erkenne ich nämlich jetzt nichts mehr in mir

an)? -- Wie? Sollte ich, der ich dieses Wachs so deutlich zu erfassen

scheine, sollte ich nicht =mich selbst= nicht nur viel wahrer und

gewisser, sondern auch viel =deutlicher und klarer= erkennen? Denn, wenn

ich urteile das Wachs =ist=, weil ich es sehe, so folgt sicherlich noch

viel klarer auch mein =eigenes= Dasein daraus, daß =ich= das Wachs sehe.

Denn es wäre ja möglich, daß das, was ich sehe, in Wirklichkeit gar kein

Wachs ist; es wäre sogar möglich, daß ich nicht einmal Augen habe, um

damit zu sehen; ganz und gar =unmöglich= aber ist es, daß ich, wenn ich

sehe oder (was mir ganz dasselbe ist) wenn ich zu sehen denke -- daß ich

selbst, der ich denke, nicht irgend =etwas sei=! Ebenso, wenn ich

urteile, das Wachs =sei=, weil ich es berühre, so folgt wiederum

dasselbe, nämlich, daß =ich= bin; und ganz dasselbe ergiebt sich auch,

wenn ich auf das Dasein des Wachses aus meinem Vorstellen oder aus

irgend etwas anderem schließe. Ganz dasselbe aber, was ich vom Wachs

bemerke, läßt sich auf alle anderen Dinge, die außer mir liegen,

anwenden.

Ferner, wenn mir die Wahrnehmung des Wachses deutlicher erschien, als

sie sich mir nicht nur durch das Gesicht oder das Gefühl allein kund

gab, sondern in mehrfacher Weise, muß ich dann nicht zugeben, daß ich

mich selbst nun noch um vieles deutlicher erkenne, da ja alles, was mir

zur Kenntnis des Wachses oder irgend eines anderen Körpers verhelfen

könnte, gleichzeitig noch viel besser das Wesen meines Geistes darthut?

Es giebt aber außerdem noch so vielerlei im Geiste selbst, wodurch man

zu einer klaren Erkenntnis desselben gelangen kann, daß das, was wir

von den Körpern herleiteten, kaum nennenswert erscheint.

Doch siehe, so bin ich schließlich ganz von selbst dahin gekommen, wohin

ich wollte. Ich weiß jetzt, daß die Körper nicht eigentlich von den

Sinnen oder von dem Vorstellungsvermögen, sondern von dem Verstande

allein erfaßt werden, und zwar nicht, weil wir sie berühren und sehen,

sondern lediglich, weil wir sie =denken=; und so erkenne ich denn, =daß

ich nichts leichter und klarer aufzufassen vermag als meinen Geist=.

Alte Meinungen, an die man sich einmal gewöhnt hat, lassen sich aber

nicht so ohne weiteres ablegen, und so will ich hier ein wenig Halt

machen, damit sich diese neue Erkenntnis durch ein längeres Verweilen

bei dieser Betrachtung meinem Gedächtnis um so tiefer einpräge.

[21] Hiermit ist der erste gewisse Satz gefunden: »+Ich

bin+«. In der That scheint es auf den ersten Blick, als

könne es für uns nichts Unmittelbareres und Gewisseres

geben, als unser eigenes Ich, unser Sein. Verfolgen wir

aber einmal den Weg, den Descartes gegangen, um zum

»Ich bin« zu gelangen! Descartes =zweifelt= an allem;

nirgends bietet sich ihm ein fester Anhaltspunkt,

soweit er auch ausschaut. Da richtet sich sein Blick,

der bisher nur nach außen gerichtet war, nach =innen=.

Hier findet er eine Quelle von Wahrheit!

So lange er an Dinge, die außer ihm lagen, dachte,

konnte er in nichts einen ganz unmittelbaren Einblick

bekommen. Die Dinge lagen eben =außer= ihm, und nur

durch eine Reihe =vermittelnder= Faktoren, an deren

absoluter Zuverlässigkeit er gerechte Zweifel hegte,

gelangte er zu einer =Vorstellung= von den Dingen.

Weiter hatte er nichts von den Dingen, als diese seine

eigene Vorstellung, die von den Dingen selbst himmelweit

=verschieden= sein konnte. Darum =zweifelte= er.

Nun =hatte= er aber doch einmal diese Vorstellungen.

Sie waren ihm gegeben, und sollten ihm nichts nützen

können zur Erkenntnis? Er =sah= doch ganz gewiß

vielerlei, =hörte= Töne, =fühlte= auch Festes, Weiches,

Warmes, Kaltes u. s. w. Das waren =unumstößliche

Thatsachen=, und doch mußte er =zweifeln=, ob wirklich

das Gesehene auch =da sei=, ob das Feste, Warme

u. s. w. außer ihm vorhanden sei, oder ob es nur seine

Existenz als Wahngebilde seiner Phantasie, in ihm

=selbst= habe? -- -- Aber in ihm =selbst=, in seinem

Vorstellen, war es nun einmal.

Nun wandte sich Descartes' Blick nach innen! Er suchte

ja nur etwas Gewisses, Sicheres. Einerlei, wo dies sich

auch finde. Nun kam ihm zum klaren Bewußtsein, daß bei

all seinem Zweifeln ein solch Gewisses ihm längst

gegeben sei, nur merkte er es nicht, solange sein Blick

nach außen gerichtet gewesen. Dieses unumstößlich

Gewisse war nämlich sein =Sehen=, =Hören=, Fühlen, auch

sein Zweifeln, kurz, sein Denken und Vorstellen. Wenn er

überhaupt nicht =sähe=, =hörte= u. s. w. so könnte er ja

gar nicht zweifeln, ob das =Gesehene=, =Gehörte= wahr

sei. Überhaupt würde dann uns alles entschwinden, in ein

vollkommnes Nichts übergehen. Wir könnten auch nicht

sagen: »Ich bin«, denn dies »Ich« ist erst dadurch uns

überhaupt gegeben, daß wir =sehen=, =hören= u. s. w.,

kurz, daß wir =denken=. In Wahrheit wäre also =nicht=

das »=Ich bin=« als das Erste zu bezeichnen, was sich

uns als gewiß darstellt, sondern das »+Ich denke+«, dem

sich dann das »=Ich bin=« anschlösse. So verfährt auch

Descartes in anderen Schriften gewöhnlich, und sein

erster gewisser Satz bekommt dann die Form: »Ich

+denke+, =ich bin=« oder auch: »+Ich denke, also bin

ich+« (»_Cogito, ergo sum_«). (Ausführlich habe ich mich

über die Bedeutung des Descartes'schen Fundamentalsatzes

ausgesprochen in meiner Abhandlung: »_Cogito, ergo

sum_«. Wiesbaden 1890.)

[22] K. Fischer (und ganz ähnlich v. Kirchmann) übersetzt:

»Hier finde ich: das Denken =ist=; das Denken allein

kann von meinem Wesen nicht abgetrennt werden; ich bin,

ich existiere: dieser Satz ist gewiß.« Dies trifft sehr

schlecht den Sinn Descartes, der hier die Antwort

findet auf die Frage: >Was ist es, das zu meinem Wesen

gehört?< Unsere Übersetzung wird zudem auch durch die

französische Ausgabe der »Betrachtungen«

gerechtfertigt.

Das »Ich« ist an und für sich ganz inhaltslos. Seine

Bedeutung erhält es erst durch das Denken, auf Grund

dessen wir überhaupt erst zu dem Ich gelangen, wie wir

bereits oben bemerkten. Weil Descartes von vornherein

gleich das »Ich bin« als das erste Gewisse hinstellte,

war er genötigt, das =Dazugehörige= wieder dazu zu

suchen. Er sucht zu der an sich leeren Form »Ich bin«

wieder den Inhalt, den er oben außer acht gelassen. Er

that dies mit offenbarer Absicht. Die Korrektheit der

Darstellung leidet nicht wesentlich darunter, der Leser

aber wird tiefer in die Bedeutung des Fundamentalsatzes

eingeführt, der nunmehr erst in seinem ganzen Umfange

uns entgegentritt: »Ich denke -- ich bin!«

Unterziehen wir nun den Fundamentalsatz einer kurzen

Prüfung!

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie · 第 2 / 8 段