In der =ersten= Betrachtung werden die Gründe auseinanderges

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Betrachtungen über die

Grundlagen der Philosophie

von

René Descartes

Übersetzt von

Dr. Ludwig Fischer

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

=Inhalt.=

Seite

Zur Einleitung 5

Übersicht der sechs Betrachtungen 19

Erste Betrachtung.

Woran man zweifeln kann 25

Zweite Betrachtung.

Das Wesen des menschlichen Geistes; es ist uns bekannter

als der Körper 32

Dritte Betrachtung.

Das Dasein Gottes 47

Vierte Betrachtung.

Wahrheit und Irrtum 69

Fünfte Betrachtung.

Das Wesen der Materie und nochmals die Existenz Gottes 80

Sechste Betrachtung.

Das Dasein der Körper und der Wesensunterschied zwischen

Leib und Seele 89

=Zur Einleitung.=

=René Des-Cartes= (»_Seigneur du Perron_«)[1] erblickte das Licht der

Welt am 31. März[2] 1596 zu La Haye (Touraine), wohin seine Mutter sich

vor der Pest geflüchtet hatte. Sein Vater war Rat beim Parlament der

Bretagne zu Rennes und gehörte einem der ältesten Adelsgeschlechter von

Touraine an. René war von schwächlicher Körperkonstitution. Aber schon

in frühester Jugend zeigte er hohe Geistesgaben. Ein ungewöhnlicher

Wissens- und Forschungsdrang beseelte den Knaben, sodaß ihn sein Vater

wohl den »kleinen Philosophen« nannte.

Acht Jahre alt wurde er dem Jesuiten-Kolleg zu La Flèche zur

Erziehung übergeben. Hier wurde der Grund gelegt zu dem festen und

unerschütterlichen Glauben, den er sein ganzes Leben hindurch bewahrte.

Mit großem Eifer folgte er dem Unterricht und setzte nicht selten seine

Lehrer in Erstaunen durch die Selbstständigkeit und Schärfe seines

Urteils.

Die Wissenschaften gewährten ihm jedoch wenig Befriedigung. Enttäuscht

verließ er 1612 die Schule. Er sagt von sich: »Von Jugend auf bin ich

für die Wissenschaften erzogen worden. Man sagte mir, durch sie könne

man eine klare und sichere Erkenntnis von allem erlangen, was für das

Leben von Wert ist, und so war ich vom sehnlichsten Wunsche beseelt, sie

kennen zu lernen. Als ich nun den ganzen Studiengang beendet hatte und

mich, wie es Sitte war, zu den »Gelehrten« hätte rechnen dürfen, da war

ich ganz anderer Meinung geworden! Zweifel und Irrtümer umgaben mich,

und nur das eine schien mir bei all meiner Lernbegierde immer klarer

und klarer geworden zu sein, nämlich daß ich =nichts weiß=. Und doch

besuchte ich eine der hervorragendsten Schulen in ganz Europa, wo es,

wenn überhaupt irgendwo in der Welt, gelehrte Männer geben mußte!«[3]

Nur die Mathematik gewährte ihm einige Befriedigung, und er legte

bereits auf der Schule den Grund zu einer der großartigsten

Errungenschaften, welche die Mathematik ihm verdankt: zur =Analytischen

Geometrie=. Dennoch aber überwog das Gefühl der Enttäuschung so

sehr seinen Wissensdrang, daß er nach Verlassen der Schule der

wissenschaftlichen Beschäftigung entsagte und sich in einen Strudel von

Vergnügungen stürzte, in dem er leicht hätte Schiffbruch leiden können.

Zwei Jahre brachte er so zu Paris zu; aber auf die Dauer konnte eine

Natur wie die Descartes' in einem solchen Leben sich nicht wohl fühlen.

Der Hang zum Nachdenken und zur Einsamkeit war ihm angeboren und blieb

ihm während seines ganzen Lebens eigen, ohne daß er darum je ein

melancholischer Kopfhänger oder ein Menschenfeind geworden wäre. Im

Gegenteil war er stets von heiterem Sinn, freundlich gegen jedermann und

von tiefem Mitgefühl für andere; allen edlen Regungen war er in hohem

Maße zugänglich. Aber seine Liebe zur Wissenschaft ließ ihn an der

Oberflächlichkeit des gesellschaftlichen Lebens auf die Dauer keinen

Geschmack finden. So kam es, daß Descartes plötzlich dem Kreise seiner

Freunde fern blieb. Niemand wußte, wo er hingekommen, bis, etwa zwei

Jahre später, ein Freund in einem entlegenen Viertel in Paris zufällig

seinen Aufenthalt entdeckte.

Er hatte sich inzwischen besonders mathematischen Studien hingegeben,

ohne jedoch auch jetzt die gehoffte Befriedigung zu finden. Daher wurde

es seinen Freunden nicht allzuschwer, ihn der Welt wiederzugeben. Aber

nicht das Vergnügen lockte ihn jetzt. Es war der Drang, die Welt mit

aufmerksamem Geiste zu beobachten, sie kennen zu lernen und womöglich

dadurch zu einer befriedigenden Lösung seiner Zweifel zu gelangen. Darum

litt es ihn auch nicht länger in Paris. Wir finden ihn 1617 in Holland,

unter der Fahne Moritz' von Nassau.

Er war von Natur nicht für den Kriegsdienst geschaffen, wiewohl es ihm

an persönlichem Mut nicht fehlte. Schon seine ganze Gestalt war nicht

gerade imponierend. Er war klein und nicht besonders kräftig gebaut. Das

»Männchen« (»_homuncio_«) nannte ihn einer seiner Gegner spottweise.

Dabei hatte er einen ungewöhnlich großen Kopf, breite Nase, großen Mund,

lange schwarze Haare. Seine Stimme war nicht kräftig. Meist war er

schweigsam und nachdenklich. Selbst im Feldlager liebte er es, mit

seinen Gedanken allein zu sein; das waren ihm seine angenehmsten

Stunden. Sie waren vorzüglich der Mathematik gewidmet. So entstand 1618

eine mathematische Abhandlung über die Musik.

Im folgenden Jahre leistete er unter dem Kurfürsten von Bayern und

später unter Kaiser Ferdinand II. Kriegsdienste und lernte einen großen

Teil Deutschlands kennen; auch nach Böhmen und Ungarn kam er. Das

Kriegsleben sagte ihm jedoch wenig zu. Er nahm seinen Abschied und

kehrte gegen Ende 1621 nach Haag zurück. Der Drang, zur Erkenntnis der

Wahrheit zu gelangen, war in ihm immer lebhafter geworden. Ihm schwebte

das Beispiel der Mathematik vor. Die ganze übrige Wissenschaft so fest

zu begründen, wie diese, das war sein Lieblingsgedanke. Er fühlte sich

indessen der Aufgabe noch nicht gewachsen. Alles war noch in ihm in

Gährung. So griff er bald zu dieser, bald zu jener Beschäftigung,

nirgends fand er Befriedigung und innere Ruhe! Dieser Gemütszustand

trieb ihn wieder in die Welt hinaus. Er unternahm während der folgenden

Jahre verschiedene größere Reisen, nahm auch 1628 als Freiwilliger an

der Belagerung von La Rochelle teil. Seine Ideen hatten sich inzwischen

bedeutend geklärt. Er sah sein Ziel schon mit ziemlicher Bestimmtheit

vor sich. So beschloß er noch im selben Jahre, sich wieder ganz in die

Einsamkeit zurückzuziehen und nunmehr mit aller Kraft an die Ausführung

seiner Pläne zu gehen. Damals entstand wahrscheinlich seine Schrift:

»Regeln zur Leitung des Geistes.«

Descartes begab sich 1629 nach Holland. Hier entstand der erste Entwurf

seines philosophischen Systems. Jetzt war er ganz in das richtige

Fahrwasser gelangt! Er traf alle nur denkbaren Vorkehrungen, um jetzt

ganz ungestört in seiner Einsamkeit zu sein. Seinen Aufenthaltsort hielt

er sorgfältig geheim; nur ein guter Freund wußte darum, der seine

Korrespondenz vermittelte. Fortwährend wechselte er seinen Wohnort;

Holland selbst aber verließ er (außer bei Gelegenheit einiger Reisen)

nicht wieder, bis kurz vor seinem Tode.

Ein eigenartiger Nimbus umgab bald seine Person, umsomehr, da es

bereits bekannt geworden, daß er an einer ganz neuen Begründung der

Wissenschaften arbeite. Vielfach wurde er für ein Mitglied der

geheimnisvollen Gesellschaft der Rosenkreuzer gehalten.

Descartes kannte alle diese Gerüchte und war nicht sonderlich erfreut

darüber. Ruhm und Lobeserhebungen machten stets einen fast peinlichen

Eindruck auf ihn, Schmeichler waren ihm verhaßt. Einfachheit und offene

Bescheidenheit waren seinem ganzen Wesen in hohem Maße eigentümlich.

Einfach und doch nicht selten von ungewöhnlicher Erhabenheit war

seine Rede, einfach seine ganze Lebensführung. Nur die notwendigste

Dienerschaft hatte er um sich, mit der er mehr als Freund wie als Herr

verkehrte. Wenn er morgens nach zehn- bis zwölfstündigem Schlafe

erwachte, pflegte er noch wachend und sinnend einige Zeit im Bette zu

verweilen, worauf er sich ankleidete, um bis zur Hauptmahlzeit noch

einige Stunden der Wissenschaft zu widmen. Seine Mahlzeit war einfach

aber gut. Nach ihrer Beendigung machte er sich mit Vorliebe Bewegung

im Freien.

Verheiratet war er nie, woran vielleicht sein Hang zur Einsamkeit die

Schuld trägt. Er besaß eine Tochter, Francine, an der er mit großer

Innigkeit hing. Als diese 1640 (im Alter von 5 Jahren) starb, war er

lange Zeit ganz untröstlich.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten wären beinahe jäh unterbrochen worden,

als die Kunde von der Verurteilung Galileis zu ihm drang (1633). Er war

nahe daran, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Doch entschloß er sich

1637 zur Veröffentlichung eines Teiles derselben. Zunächst erschien

seine »Abhandlung über die Methode« nebst einigen für die damalige

Wissenschaft sehr bedeutungsvollen Werken mathematischen und

naturwissenschaftlichen Inhalts.

1641 erschienen die »Betrachtungen«, die wir gegenwärtig in deutscher

Übersetzung dem Leser vorlegen. Descartes hatte vor Veröffentlichung das

Manuskript einer Reihe von Gelehrten vorgelegt und deren Einwände nebst

seinen Entgegnungen mit veröffentlicht.

1644 erschienen die »Prinzipien der Philosophie«.

Die Veröffentlichungen Descartes' erregten allgemein großes Aufsehen.

Seine Lehre fand viele Anhänger, aber auch zahlreiche Gegner. Sehr

bemerkenswert ist, daß zwei der hervorragendsten Frauen jener Zeit seine

eifrigsten Schülerinnen waren. Es waren dies die Prinzessin Elisabeth

von der Pfalz und die Königin Christine von Schweden. Mit ersterer stand

er seit 1643 bis zu seinem Ende in regstem brieflichen Verkehr. Für sie

schrieb er 1646 das Werk über die Gemütsbewegungen (1649 veröffentlicht).

Bei einer Reise nach Paris lernte Descartes Kanut, den nachmaligen

Gesandten in Schweden kennen. Durch diesen wurde Königin Christine von

Schweden auf Descartes aufmerksam.

Von lebhafter Begeisterung für den großen Philosophen ergriffen,

wünschte sie nichts sehnlicher, als ihn an ihren Hof zu fesseln. Da

Descartes damals in Holland vielen Anfeindungen seitens übereifriger

Theologen ausgesetzt war, ließ er sich um so leichter bestimmen, einer

Einladung nach Stockholm Folge zu leisten. Im Herbste 1649 trat er die

Reise an. »Ich glaube nicht, daß ich länger hierbleiben werde, als bis

nächsten Sommer. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt!« so schrieb

er gleich nach seiner Ankunft an die Prinzessin Elisabeth.[4] Fast

scheint es, als hätte er sein Schicksal geahnt! Er war gewohnt, spät

aufzustehen; jetzt erschien er jeden Morgen um 5 Uhr in der Bibliothek

der Königin, um diese in der Philosophie zu unterrichten. Diese

ungewohnte Anstrengung, die ganz veränderte Lebensweise und das rauhe

nordische Klima waren seiner Gesundheit wenig zuträglich. Schon Anfang

1650 befiel ihn ein heftiges Fieber, das seinem Leben bald ein Ende

machte. Er starb am Morgen des 11. Februar 1650.

* * * * *

Während die »Abhandlung über die Methode« hauptsächlich den =Plan=

entwickelt, nach dem Descartes die Wissenschaft fest zu begründen sucht,

legen die »Betrachtungen« das feste =Fundament=, auf dem der gewaltige

Bau errichtet werden soll, und damit sind gleichzeitig die Grundzüge

des Lehrgebäudes unverrückbar festgelegt. Den Versuch, den Bau selbst

in seinen wichtigsten Teilen auszuführen, machen die »Prinzipien der

Philosophie«. Die drei Hauptschriften Descartes stehen in allerengster

innerer Beziehung zu einander, und sind nicht etwa als drei von einander

unabhängige Darstellungen der Lehre Descartes anzusehen.

Weitaus am wichtigsten und in jeder Beziehung am interessantesten sind

die »Betrachtungen«.

Das Ringen eines großen Geistes nach Wahrheit, nach tieferer und sicherer

Erkenntnis, tritt uns darin in einer so lebendigen, unmittelbaren Weise

entgegen, daß die tiefen Empfindungen, die das Gemüt des nach Wahrheit

Suchenden erregen, sich jedem Leser mitteilen, der ähnlicher Gefühle

überhaupt fähig ist.

Wir lernen die Macht des alles zerstörenden Zweifels kennen. Anfangs

geben wir uns ihr mit einer geheimen Freude, mit dem Gefühl der

Überlegenheit, hin. Dann aber, als eine sicher geglaubte Stellung

nach der anderen von ihm erobert wird, und wir schließlich ganz von

ihm eingenommen sind, da beschleicht unser Gemüt eine ängstliche

Beklommenheit, die uns fast erlahmen macht. Wir fürchten uns selbst zu

verlieren, fast schwindelt uns, wir fühlen uns wie in einen Strudel

hineingerissen, in dem es keinen Halt mehr für uns giebt. Da bringt uns

der Selbsterhaltungstrieb wieder zu uns selbst; wir werden uns unserer

Kraft bewußt und arbeiten uns nun langsam aber sicher zum Ziel. Das

Gefühl der eigenen Kraft, das stetig wachsende beseligende Gefühl der

Sicherheit erfüllt uns.

Können wir auch den Descartes'schen Ausführungen nicht ganz zustimmen,

so erfüllt uns doch sein Werk mit hoher Bewunderung. Es steht an der

Grenze zweier gewaltiger Epochen der Wissenschaft. Während es einerseits

noch deutlich die Scholastik widerspiegelt, eröffnet es andererseits

den Ausblick in eine neue Zeit mit neuen Zielen, neuen Ansichten und

neuen Begriffen. Dadurch hat es ein ganz besonderes Interesse für den

aufmerksamen Beobachter der allmählichen Entwicklung des

Menschengeistes.

* * * * *

Was die Lehre Descartes vor allem von allen früheren (formal)

unterscheidet und ihr das selbständige Gepräge verleiht, ist

1) Die gänzliche Voraussetzungslosigkeit.

2) Der Zweifel als Forschungs-Prinzip (das Suchen).

3) Der oberste, gewisseste Punkt (der Anfang).

4) Das Prinzip der Selbstbeobachtung (der Fortschritt).

5) Das Kriterium der Wahrheit (die Prüfung).

6) Die streng systematische Ableitung aus dem ersten Gewissen

(das System).

* * * * *

Bezüglich der vorliegenden Übersetzung der »Betrachtungen« war es mein

Bestreben, den Text möglichst wortgetreu wiederzugeben, gleichzeitig

aber alle undeutschen Wendungen und Konstruktionen fernzuhalten. Durch

Auflösung der langen, oft schwerfälligen Perioden, ferner durch

geeignete Interpunktion, häufigere Absätze und sinngemäßes Hervorheben

einzelner Worte hoffe ich die Lektüre des Werkes wesentlich erleichtert

und den Inhalt dem Verständnis näher gebracht zu haben.

Der Übersetzung liegt der lateinische Text der Amsterdamer Ausgabe von

1654 zu Grunde. Damit wurde sorgfältigst die französische Übersetzung

des Herzogs von Luynes verglichen, die von Descartes selbst revidiert

und verbessert wurde und dadurch dem Original gleichwertig ist. Sie ist

wiedergegeben in »_Oeuvres philosophiques de Descartes_« von Aimé-Martin

(Paris 1838).

Außerdem wurden zum Vergleich herangezogen die deutschen Übersetzungen

von Kuno Fischer (Mannheim 1863) und von J. H. von Kirchmann (Berlin

1870).

Meinen philosophischen Standpunkt, der den Notizen zu Grunde liegt,

die ich an einigen Stellen beigefügt, habe ich entwickelt in meinem

»Grundriß des Systems der Philosophie als Bestimmungslehre« (Wiesbaden,

bei Bergmann).

Ludwig Fischer.

[1] »Cartesius« nannte er sich zuweilen in seinen lateinischen

Schriften.

[2] Nicht, wie Kirchmann angiebt, am 30. März. Ein Bildnis von

ihm aus 1644 giebt in der Umschrift an: »_natus ... ultimo

die Martii_«.

[3] »_Disc. d. l. Méth._« I.

[4] Brief vom 8. Oktober.

Betrachtungen

über die

Grundlagen der Philosophie.

Enthaltend

den Beweis für das =Dasein Gottes= und den

Wesens-Unterschied zwischen =Leib und Seele=.[5]

[5] Die erste (Pariser) Ausgabe hatte auf dem Titel:

»Enthaltend den Beweis für das Dasein Gottes und die

=Unsterblichkeit= der Seele«. Die Unsterblichkeit der

Seele wird aber in der Schrift selbst nicht speziell

behandelt, wohl aber kurz in der Übersicht der zweiten

Betrachtung.

Anm. d. Übersetzers.

Vorwort an den Leser!

Schon vor einiger Zeit berührte ich die Fragen über Gott und die

menschliche Seele in einer 1637 veröffentlichten französischen

Abhandlung über »Die Methode, den Verstand richtig zu gebrauchen und

die Wahrheit in den Wissenschaften zu erforschen«. Es war dabei weniger

meine Absicht, diese Fragen dort eingehend zu behandeln; ich wollte

vielmehr lediglich darauf hinweisen, um dann aus dem Urteil der Leser zu

entnehmen, wie ich sie etwa später zu behandeln hätte. Sie schienen mir

nämlich von so hoher Bedeutung zu sein, daß ich ihre wiederholte

Behandlung für erforderlich hielt.

Der Weg, den ich bei ihrer Entwicklung einschlage, ist noch sehr wenig

betreten und liegt dem gewöhnlichen Wege sehr fern. Es schien mir darum

nicht angemessen, ihn in einer französischen, jedermann zugänglichen

Schrift eingehender zu behandeln; es könnten sonst vielleicht auch

Leute, denen die Befähigung dazu mangelt, sich zu der Meinung veranlaßt

sehen, als könnten auch sie diesen Weg betreten.

In der »Abhandlung über die Methode« bat ich alle, die in meinen

Schriften etwas Tadelnswertes fänden, mir davon freundlichst Mitteilung

zu machen. Nur zwei nennenswerte Einwände gegen meine Bemerkungen

bezüglich jener beiden Fragen sind daraufhin erhoben worden. Ich will

hier nur mit einigen Worten darauf erwidern, und werde später

ausführlicher darauf zurückkommen.

Der erste Einwand sagt: daraus, daß der menschliche Geist, wenn er sich

selbst beobachtet, sich lediglich als ein denkendes Wesen auffaßt, folge

noch nicht, daß seine Natur oder sein Wesen darin =allein= besteht, daß

er ein denkendes Wesen ist (sodaß also das Wort »allein« alles andere

ausschlösse, was vielleicht noch außerdem als zum Wesen des Geistes

gehörig angesehen werden könnte). Ich erwidere darauf, daß ich dies auch

keineswegs in Bezug auf den wahren Sachverhalt habe ausschließen wollen

(worum es sich damals gar nicht handelte), sondern lediglich in

Beziehung auf meine Auffassung. Der Sinn ist sonach, daß ich gar nichts

als zu meinem Wesen gehörig =erkenne=, außer, daß ich ein denkendes

Wesen, das Subjekt des Denkens bin.[6] In folgendem aber werde ich

zeigen, wie daraus, daß ich erkenne, daß nichts anderes zu meinem Wesen

gehört,[7] folgt, daß auch in =Wirklichkeit= nichts anderes dazu gehört.

Der zweite Einwand behauptet, daraus, daß ich die Vorstellung eines

Wesens in mir habe, das vollkommner ist als ich, folge noch nicht, daß

die Vorstellung =selbst= vollkommner sei als ich; noch viel weniger aber

folge daraus, daß der vorgestellte =Gegenstand existiere=.

Dagegen erwidere ich, daß hier dem Worte »Vorstellung« ein doppelter

Sinn zu Grunde liegt. Man kann »Vorstellung« nämlich entweder

=material=, als Thätigkeit des Verstandes auffassen; insofern kann

sie allerdings =nicht= vollkommner als ich genannt werden. Oder man

faßt sie =objektiv= auf, als das, was durch jene Geistesthätigkeit

vorgestellt wird. Dieser vorgestellte Gegenstand aber kann, selbst

wenn ich ihn =nicht= als außer meinem Denken existierend annehme,

seinem Wesen nach doch vollkommner als ich sein. Wie aber daraus

allein, daß in mir die Vorstellung eines vollkommneren Wesens sich

findet, dessen thatsächliche Existenz sich ergiebt, das werde ich im

nachfolgenden ausführlich darlegen.

Es sind mir auch noch zwei sehr umfangreiche Schriften zu Gesicht

gekommen, die indessen weniger meine Gründe angriffen, als vielmehr

meine Schlußfolgerungen mit Beweisen bekämpften, die sie den

Gemeinplätzen der Atheisten entlehnten. Dergleichen Beweise sind aber

bedeutungslos für die, welche meine Gründe einsehen. Zudem haben viele

ein so verworrenes und schwaches Urteilsvermögen, daß sie die Ansicht,

die sich ihnen =zunächst= darbietet, viel eher für wahr halten -- mag

sie auch noch so falsch und unvernünftig sein -- als eine ganz wahre und

gründliche Widerlegung dieser Ansicht, die sie erst =nachträglich=

hören. Darum will ich auf jene Beweise hier nicht näher eingehen, um sie

nicht vor den meinigen mitteilen zu müssen. Ich will nur im allgemeinen

bemerken, daß alles, was die Atheisten gewöhnlich gegen die Existenz

Gottes vorbringen, stets darauf hinausläuft, daß man Gott menschliche

Affekte zuschreibe, oder daß unsere Geisteskraft und Weisheit so groß

sein müsse, daß wir es wagen könnten, festzustellen und zu verstehen,

was Gott thun kann und muß. Denken wir aber nur daran, daß unser Geist

als =endlich=, Gott aber als unfaßbar und unendlich anzusehen ist, so

kann uns dies alles gar keine Schwierigkeiten bereiten.

So habe ich nun einmal die verschiedenen Ansichten anderer Menschen

kennen gelernt und will nun nochmals mit der Verhandlung jener Fragen

bezüglich Gottes und des menschlichen Geistes beginnen, und werde damit

gleichzeitig die ersten Grundlagen aller Philosophie behandeln.

Ich erwarte nicht den Beifall der Menge, nicht eine große Zahl von

Lesern. Nur =die= möchte ich zum Lesen veranlassen, die ernst mit

mir nachdenken und ihren Geist von allem Sinnlichen und von allen

Vorurteilen ablenken können und wollen. Ich weiß wohl, daß dies nur

sehr wenige sind! Die aber, welchen es nicht um das Verständnis der

Reihenfolge und des inneren Zusammenhanges meiner Gründe zu thun ist,

und die nur an einzelnen aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen

herumklügeln möchten, wie es gar viele zu thun pflegen, die werden

keinen großen Gewinn vom Lesen dieser Schrift haben! Sie werden

vielleicht vielfach Gelegenheit zu Wortklaubereien finden, etwas

Treffendes oder einer Erwiderung Würdiges werden sie aber wohl

schwerlich vorbringen können.

Aber auch den anderen kann ich nicht versprechen, daß ich ihnen gleich

von vornherein in allen Punkten Genüge leisten werde. Ich bilde mir

nicht so viel ein, daß ich glaube, alles voraussehen zu können, was etwa

dem einen oder dem anderen noch schwierig erscheinen könnte. Darum will

ich zunächst in den »Betrachtungen« den Gedankengang entwickeln, der

mich, wie ich glaube, zur sicheren und klaren Erkenntnis der Wahrheit

führte. Ich will sehen, ob ich vielleicht durch die nämlichen Gründe,

die mich überzeugten, auch andere überzeugen kann.

Darauf will ich auf die Einwände einiger durch Scharfsinn und

Gelehrsamkeit hervorragender Männer antworten, denen ich diese

»Betrachtungen« vor dem Druck zur Prüfung zugehen ließ. Die Einwände,

welche diese machten, waren nämlich so zahlreich und verschiedenartig,

daß ich zu hoffen wage, es könne nichts, wenigstens nichts Wesentliches

mehr erdacht werden, was jene nicht schon erwähnt hätten.[8]

Darum bitte ich den Leser dringend, über die »Betrachtungen« nicht eher

zu urteilen, bis er alle jene Einwände nebst den Widerlegungen einer

geneigten Durchsicht unterzogen hat.

[6] »_res cogitans, cogitandi_«; französisch: »_une chose

qui pense, ou une chose qui a en soi la faculté de

penser_«.

[7] Descartes beachtet zu wenig den Unterschied dazwischen,

ob ich =positiv erkenne, daß= nichts anderes zu meinem

Wesen gehört -- oder ob ich bloß =nicht= zu =erkennen=

vermag, ob noch etwas anderes als das Denken zu meinem

Wesen gehört. Dies ist aber offenbar der =Kernpunkt= der

ganzen Streitfrage. Descartes scheint sich dessen gar

nicht völlig bewußt geworden zu sein.

[8] Diese Einwände und Erwiderungen sind nicht in die

vorliegende Übersetzung aufgenommen. Sie betragen ihrem

Umfange nach etwa das Sechsfache der vorliegenden

»Betrachtungen« und liegen teilweise dem Interesse der

heutigen Zeit ferner. Eine vollständige deutsche

Übersetzung derselben existiert unseres Wissens bis

jetzt überhaupt noch nicht.

Übersicht der sechs folgenden Betrachtungen.[9]

In der =ersten= Betrachtung werden die Gründe auseinandergesetzt,

weshalb wir an allen, besonders aber an den materiellen Dingen zweifeln

können; natürlich nur solange unser Wissen nicht festere Grundlagen hat

als bisher!

Allerdings dürfte wohl der Wert eines so umfassenden Zweifels nicht auf

den ersten Blick klar sein. Er ist aber gleichwohl sehr groß, insofern

er uns nämlich von allen Vorurteilen befreit und uns am leichtesten in

den Stand setzt, den Verstand von den Sinnen abzulenken. Zugleich

bewirkt er auch, daß wir an dem, was wir schließlich als =wahr=

erkennen, nie wieder zweifeln können.

* * * * *

In der =zweiten= Betrachtung macht der Geist von der ihm eigenen

Freiheit Gebrauch und =nimmt an=, alles das existiere überhaupt nicht,

über dessen Dasein auch nur der geringste Zweifel sich erheben könnte.

Dabei bemerkt er nun, daß es völlig =unmöglich= sei, daß er =selbst=

unterdessen =nicht= da sei. Das ist aber von größtem Werte für uns. Der

Geist vermag auf Grund dessen leicht zu unterscheiden, was zu ihm,

d. h. zum erkennenden Wesen, und was zum Körper gehört. Vielleicht

erwartet aber der eine oder der andere an jener Stelle Gründe für die

Unsterblichkeit der Seele; darum glaube ich dieselben darauf aufmerksam

machen zu sollen, daß es mein Bestreben war, nichts zu schreiben, ohne

es aufs genaueste zu beweisen. Darum konnte ich keine andere Methode

befolgen, als die in der Geometrie gebräuchliche, nämlich alles

vorauszuschicken, von dem der fragliche Satz abhängt, bevor ich aus

demselben irgend etwas folgerte.

Das erste und wichtigste Erfordernis, um die Unsterblichkeit der Seele

zu erkennen ist aber, daß wir uns einen möglichst klaren Begriff von ihr

bilden, der von jeglichem Begriffe von etwas Körperlichem vollkommen zu

unterscheiden ist. Dies ist dort geschehen.

Weiter ist erforderlich, zu wissen, daß alles das, was wir klar und

deutlich einsehen, =wahr= sei. Das kann aber vor der vierten Betrachtung

nicht bewiesen werden.

Ferner müssen wir einen deutlichen Begriff vom Wesen des Körpers haben.

Dieser wird teils noch in der zweiten, teils erst in der fünften und

sechsten Betrachtung gebildet. Daraus ist dann zu schließen, daß alles

das, was wir klar und deutlich als verschiedene Substanzen begreifen,

sowie wir Geist und Körper begreifen, auch in der That Substanzen seien,

die voneinander verschieden sind. Dieser Schluß wird in der sechsten

Betrachtung gezogen und wird daselbst noch dadurch bestätigt, daß wir

alle Körper als teilbar, den Geist dagegen oder die menschliche Seele

nur als unteilbar auffassen. In der That können wir ja von keinem Geiste

eine Mitte vorstellen, wie wir es bei jedem noch so kleinen Körper

können. Wir erkennen also das Wesen von Körper und Geist nicht nur als

verschieden, sondern sogar in gewissem Sinne als entgegengesetzt.

Weiter aber habe ich diesen Punkt nicht in dieser Schrift behandelt,

denn einesteils genügt das, um zu zeigen, daß aus der Auflösung des

Körpers noch nicht der Untergang des Geistes folge, und daß somit die

Sterblichen sich Hoffnung auf ein anderes Leben machen dürfen;

andernteils aber hängen die Prämissen, aus denen die Unsterblichkeit der

Seele selbst gefolgert werden kann, von der Darstellung der gesamten

Physik ab: denn erstlich muß man wissen, daß durchaus alle Substanzen

oder Dinge, die zu ihrem Dasein der Schöpfung durch Gott bedürfen,[10]

ihrer Natur nach unvergänglich sind und nur dann aufhören können zu

sein, wenn dieser selbe Gott ihnen die Erhaltung verweigert und sie in

das Nichts zurückversetzt; ferner ist zu beachten, daß der Körper =an

sich=[11] zwar Substanz ist und daher auch niemals untergeht, daß aber

der menschliche =Leib= seiner individuellen =Beschaffenheit= nach nur

einen Komplex von gewissen Gliederverbindungen und anderen derartigen

Accidentien darstellt; dagegen besteht der Geist nicht so aus irgend

welchen Accidentien, sondern ist reine Substanz: denn wenn auch alle

seine Accidentien sich ändern, sodaß er z. B. anderes denkt, anderes

will, anderes empfindet u. s. w., so wird dadurch doch der Geist selbst

kein anderer, der menschliche Leib aber wird dadurch allein schon ein

anderer, daß die Gestalt einiger seiner Teile sich ändert. Daraus aber

geht hervor, daß wohl der Körper sehr leicht zu Grunde geht, der Geist

aber seiner Natur nach unsterblich ist.[12]

* * * * *

In der =dritten= Betrachtung habe ich mein Hauptargument zum Beweise

des Daseins Gottes, wie ich glaube, mit ausreichender Ausführlichkeit

entwickelt. Da ich aber den Geist des Lesers so viel wie möglich von

den Sinnen ablenken möchte, wollte ich mich dort keiner Vergleiche

bedienen, die von körperlichen Dingen hergeholt sind, und so sind

gleichwohl vielleicht viele Unklarheiten geblieben, die ich indessen

später in den Antworten auf die Einwände[13] völlig zu beseitigen hoffe;

so findet sich unter anderen Schwierigkeiten diese: wieso hat die

Vorstellung eines vollkommensten Wesens, die in uns ist, so viel

objektive Realität,[14] daß sie nur von einer allervollkommensten

Ursache herrühren kann? -- Dies erläutere ich in den Antworten durch den

Vergleich mit einer sehr vollkommenen Maschine, deren Idee im Geiste

eines Künstlers sich findet; wie nämlich das vorgestellte[15] Kunstwerk

in dieser Idee irgend eine Ursache haben muß, nämlich die Kenntnisse

dieses Künstlers oder eines anderen, von dem dieser die Idee empfing, so

muß die Idee Gottes notwendigerweise Gott =selbst= zur Ursache haben.

* * * * *

In der =vierten= Betrachtung wird bewiesen, daß alles, was wir klar und

deutlich erkennen, wahr sei, und zugleich wird gezeigt, worin das Wesen

des Irrtums und der Unwahrheit besteht. Dies muß man unbedingt wissen,

um sich des Vorausgegangenen vergewissern und das Nachfolgende verstehen

zu können. Man beachte aber wohl, daß es sich hier keineswegs um die

Sünde handelt oder um den Irrtum, den man beim Streben nach Gutem und

Bösem begeht, sondern nur um den Irrtum, der bei Beurteilung von wahr

und falsch vorkommt; auch beschäftigt uns hier nichts, was in das Gebiet

des Glaubens und des praktischen Lebens gehört, sondern nur die

spekulativen Wahrheiten, die wir durch das bloße natürliche

Erkenntnisvermögen[16] erkennen.

* * * * *

In der =fünften= Betrachtung wird nicht nur das Wesen des Körpers im

allgemeinen klargelegt: es wird auch das Dasein Gottes auf eine neue Art

bewiesen, wobei aber vielleicht wieder einige Schwierigkeiten vorkommen,

die später bei Beantwortung der Einwände ihre Lösung finden. Schließlich

wird auch gezeigt, inwiefern selbst die Gewißheit geometrischer Beweise

durch die Erkenntnis Gottes bedingt ist.

* * * * *

Endlich in der =sechsten= Betrachtung wird zwischen Verstand und

Vorstellungsvermögen unterschieden und die Unterscheidungsmerkmale

werden angegeben; es wird bewiesen, daß der Geist wirklich vom Körper

verschieden ist, und es wird dargethan, daß er gleichwohl so eng mit

jenem verbunden ist, daß er mit ihm ein einheitliches Ganzes bildet.

Alle Irrtümer, die gewöhnlich aus den Sinnen hervorgehen, werden

besprochen und die Mittel angegeben, sie zu vermeiden. Schließlich

werden alle Gründe beigebracht, aus denen man auf das Dasein der

körperlichen Dinge schließen kann; -- nicht als ob ich dieselben für

besonders wertvoll hielte, um gerade das zu beweisen, was sie beweisen:

nämlich daß es in Wahrheit eine Welt giebt, daß die Menschen einen Leib

haben und ähnliches, woran noch keiner mit gesundem Menschenverstande

jemals im Ernste zweifelte; aber wenn man jene Gründe betrachtet, findet

man, daß dieselben nicht so sicher und einleuchtend sind wie die, durch

welche wir zur Erkenntnis unseres Geistes und Gottes gelangen, und daher

sind diese die allergewissesten und klarsten, die im Bereich der

menschlichen Erkenntnis vorkommen können. Dies allein zu beweisen aber

ist die Absicht dieser Betrachtungen. Darum übergehe ich hier auch

verschiedene andere Fragen, die gelegentlich in dieser Schrift Erwähnung

finden.

[9] Diese Übersicht rührt von Descartes selbst her.

[10] »_quae a Deo creari debent ut existant_.« Die

Kirchmann'sche Übersetzung: »welche von Gott zum Dasein

geschaffen werden sollen,« scheint mir keinen rechten

Sinn zu geben.

[11] »_in genere sumptum_.«

[12] Descartes unterscheidet den Körper seiner Substanz

und seinen besonderen Eigenschaften nach. Erstere

ist unveränderlich, unvergänglich, letztere ist

veränderlich und vergänglich. Als =Substanz= ist auch

unser Leib unvergänglich. Seiner besonderen =Form= und

=Zusammensetzung= nach aber, die ihn eben als »Leib«

charakterisiert, ist er veränderlich und =vergänglich=.

Die Seele dagegen, als =einfaches= Wesen, ist sowohl

ihrer Materie wie ihrer Form nach unvergänglich. Seele

und Körper im Gegensatz zum Leibe wären etwa zu

bezeichnen als »primäre Individuen«, »Individuen

niederer Ordnung«, während der Leib als =solcher= ein

»Individuum höherer Ordnung« zu nennen wäre. (Vgl. über

die Ordnungen der Individualität meinen »Grundriß der

Philosophie als Bestimmungslehre«

Seite 111 ff.)

[13] Vgl. Schluß der Vorrede Descartes'.

[14] Die Bedeutung der Worte: Die Idee (oder Vorstellung) hat

»=objektive Realität=«, wird in der französischen

Ausgabe näher erläutert durch den Zusatz: »d. h. sie

nimmt gleichsam symbolisch (auf vorgestellte Weise »_par

représentation_«) teil an den Graden des Seins und der

Vollkommenheit.« Im Anhang zu den Antworten auf die

=zweite= Reihe von Einwänden (»_Rationes ..._«)

definiert Descartes: »Unter der =objektiven= Realität

einer Vorstellung verstehe ich das Wesen oder Sein des

vorgestellten =Gegenstandes=, inwiefern es in der

=Vorstellung= ist. ... Alles was wir in den Gegenständen

der Vorstellung wahrnehmen, ist in der Vorstellung

selbst enthalten, und zwar objektiv, symbolisch (»_par

représentation_«)«. Man könnte vielleicht _objectivus_

hier mit »vergegenständlicht«, vielfach geradezu mit

»vorgestellt« wiedergeben. Klare Rechenschaft über das

Verhältnis von objektiver Realität zur Realität der Idee

=selbst= und zur Realität des =Gegenstandes= hat sich

Descartes nicht gegeben, was um so bedeutungsvoller ist,

als der =Gottesbeweis=, den Descartes in der dritten

Betrachtung liefert, sich auf dieses Verhältnis gründet!

[15] »_objectivum_«.

[16] Descartes nennt es stets »_lumen naturale_«, das

»natürliche Licht«. Es steht im Gegensatz zur bloßen

Erfahrung und zur Offenbarung, denen die Gebiete des

praktischen Lebens und des Glaubens entsprechen, die

Descartes hier und an anderen Stellen ausdrücklich von

seiner Betrachtung ausschließt.

Erste Betrachtung.

Woran man zweifeln kann.

Schon vor Jahren bemerkte ich, wie viel Falsches ich von Jugend auf als

wahr hingenommen habe, und wie zweifelhaft alles sei, was ich später

darauf gründete; darum war ich der Meinung, ich müsse einmal im Leben

von Grund auf alles umstürzen und ganz von vorne anfangen, wenn ich je

irgend etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften aufstellen

wolle. Dies schien mir aber eine ungeheure Aufgabe zu sein, und so

wartete ich jenes reife, für wissenschaftliche Untersuchungen

angemessenste Alter ab.

Darum habe ich so lange gezögert, daß ich jetzt eine Schuld auf mich

laden würde, wenn ich die Zeit, die mir zum Handeln noch übrig ist, mit

Zaudern verbringen wollte.

Das trifft sich nun sehr günstig. Mein Geist ist von allen Sorgen frei,

und ich habe mir eine ruhige Muße verschafft. So ziehe ich mich in die

Einsamkeit zurück und will ernst und frei diesen allgemeinen Umsturz

aller meiner Meinungen unternehmen.

Dazu wird es indessen nicht nötig sein, daß ich von allen die

=Falschheit= nachweise; dies könnte ich vielleicht niemals erreichen!

Vielmehr rät uns schon die Vernunft, bei Ansichten, die nicht durchaus

gewiß und unzweifelhaft sind, uns ebenso sorgfältig der Zustimmung zu

enthalten, als bei solchen, die ganz sicher falsch sind, und so wird es,

um alle von uns abzuweisen,[17] genügen, daß ich in jeder einzelnen einen

Grund zum Zweifeln finde. Auch braucht man sie darum nicht einzeln

durchzugehen; das wäre eine endlose Arbeit! Vielmehr werde ich -- da ja

bei Untergrabung der Fundamente alles, was darauf gebaut ist, von selbst

zusammenstürzt -- sogleich die Grundlagen selbst angreifen, auf die alles

sich stützte, was ich früher für wahr hielt.

Alles nämlich, was ich bis heute für das Allerwahrste hingenommen habe,

empfing ich unmittelbar oder mittelbar von den =Sinnen=; diese aber habe

ich bisweilen auf Täuschungen ertappt, und es ist eine Klugheitsregel,

niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein

einziges Mal getäuscht haben.

Indessen, wenn uns auch die Sinne zuweilen über kleine und ferner

liegende Gegenstände täuschen, so ist doch vielleicht das meiste andere

derart, daß ein Zweifel ganz unmöglich ist, wiewohl es auch aus den

Sinnen herrührt, so z. B. die Wahrnehmung, daß ich hier bin, am Ofen

sitze, meinen Winterrock anhabe, dies Papier hier mit den Händen berühre

u. dgl. Wie könnte ich leugnen, daß diese Hände, dieser ganze Körper

mein sind? -- ich müßte mich denn mit gewissen Verrückten vergleichen,

deren Gehirn ein hartnäckiger melancholischer[18] Dunst so schwächt, daß

sie unbeirrt versichern, sie seien Könige, während sie gänzlich arm

sind, oder sie tragen Purpur, während sie nackt sind, oder sie hätten

einen Kopf von Thon oder seien ganz Kürbisse oder seien aus Glas

geblasen. Allein das sind Wahnsinnige, und ich würde ebenso verrückt

erscheinen, wenn ich auf mich anwenden wollte, was von ihnen gilt.

Trefflich fürwahr! Bin ich denn nicht ein Mensch, der nachts zu schlafen

pflegt und dann alles das, und oft noch viel Unglaublicheres im Traume

erlebt, wie jene im Wachen? Wie oft aber erst glaube ich nachts im

Traume ganz Gewöhnliches zu erleben; ich glaube hier zu sein, den Rock

anzuhaben und am Ofen zu sitzen -- und dabei liege ich entkleidet im

Bette!

Jetzt aber schaue ich sicherlich mit ganz wachen Augen auf dies Papier.

Dies Haupt, das ich bewege, ist nicht vom Schlafe befangen. Mit

Überlegung und Bewußtsein strecke ich diese Hand aus und habe

Empfindungen dabei. So deutlich würde ich nichts im Schlafe erleben!

Ja, aber erinnere ich mich denn nicht, daß ich auch schon von ähnlichen

Gedanken in =Träumen= getäuscht worden bin? -- Während ich aufmerksamer

hierüber nachdenke, wird mir ganz klar, daß ich nie durch sichere

Merkmale den Schlaf vom Wachen unterscheiden kann, und dies macht mich

so stutzig, daß ich gerade dadurch fast in der Meinung bestärkt werde,

daß ich schlafe.

Wohlan denn! Ich schlafe, und unwahr sollen alle jene Einzelheiten sein:

daß ich die Augen öffne, den Kopf bewege, die Hände ausstrecke, ja

sogar, daß ich solche Hände, solch einen Körper habe! Gleichwohl aber

müssen wir gestehen, daß uns im Schlafe gleichsam gewisse Malereien

erschienen, die nur nach dem Vorbilde =wirklicher= Dinge gebildet werden

konnten, und daß darum wenigstens Augen, Kopf, Hände und der ganze

Körper, als Dinge überhaupt nicht in der Einbildung, sondern in

Wirklichkeit existieren. Denn es können ja selbst die Maler nicht einmal

dann, wenn sie Sirenen und Satyrisken in den allerungewöhnlichsten

Gestalten darzustellen suchen, diesen in jeder Beziehung neue

Eigentümlichkeiten beilegen; sie verbinden vielmehr lediglich Glieder

verschiedener Geschöpfe beliebig miteinander. Ja, selbst wenn sie sich

vielleicht etwas so Neues ausdenken, daß man überhaupt nie Ähnliches

gesehen hat, also etwas völlig Erdichtetes und Unwirkliches, so müssen

doch sicherlich mindestens die Farben wirklich sein, mit denen sie

dasselbe darstellen. Wenngleich daher auch Augen, Kopf, Hände und

ähnliches, selbst als Dinge überhaupt, bloße Vorstellungen sein könnten,

so muß man doch aus ganz demselben Grunde wie oben anerkennen, daß

notwendigerweise wenigstens irgend etwas Anderes noch Einfacheres und

Allgemeineres wirklich sein müsse, aus dem -- gleich wie oben aus den

wirklichen Farben -- alle jene wahren oder falschen Bilder von Dingen

gebildet werden, die in unserem Denken vorhanden sind. Solcher Art

scheinen zu sein das Wesen des Körpers im allgemeinen und seine

Ausdehnung, desgleichen die =Gestalt= der ausgedehnten Dinge, ferner

die =Quantität= oder ihre Größe, und die =Zahl=; ebenso der =Ort=, wo

sie sind, die =Zeit=, während der sie bestehen und Ähnliches.

Somit könnten wir hieraus wohl nicht mit Unrecht schließen, daß die

Physik, die Astronomie, die Medizin und alle andere Wissenschaften, die

von der Betrachtung der zusammengesetzten Körper abhängen, zwar ungewiß

seien, während hingegen die Arithmetik, Geometrie und andere der Art,

die lediglich die einfachsten und allgemeinsten Dinge behandeln, und

sich wenig darum kümmern, ob dieselben in Wirklichkeit da sind oder

nicht, etwas Sicheres und Unzweifelhaftes enthalten; denn ob ich nun

schlafe oder wache: zwei und drei geben zusammen fünf, und das Quadrat

hat nicht mehr als vier Seiten. Es scheint unmöglich, daß so offenbare

Wahrheiten in den Verdacht der Falschheit geraten könnten.

Nun ist aber doch meinem Geiste eine gewisse althergebrachte Meinung

eingeprägt, es gebe einen Gott, der alles kann; von dem sei ich, so wie

ich da bin, geschaffen worden. Woher aber weiß ich, daß dieser es nicht

etwa so eingerichtet hat, daß es überhaupt gar keine Erde, keinen

Himmel, nichts Ausgedehntes, keine Gestalt, keine Größe, keinen Ort

giebt, und daß trotzdem alles dies mir genau so wie jetzt da zu sein

scheint?[19] Ja, wäre es nicht sogar möglich, daß ich mich irre, so oft

ich zwei und drei addiere, oder die Seiten des Quadrats zähle oder bei

irgend etwas Anderem, womöglich noch Leichterem? ganz wie meiner Meinung

nach andere bisweilen in Sachen irren, die sie aufs allergenaueste zu

kennen meinen?

Vielleicht aber hat Gott gar nicht gewollt, daß ich solcher Täuschung

anheimfalle! heißt er doch der Allgütige! -- Allein wenn es seiner Güte

widerspräche, mich so zu schaffen, daß ich =immer= getäuscht werde, so

würde es auch mit seiner Güte unvereinbar scheinen, daß er mich

=bisweilen= in Täuschungen geraten läßt; und doch ist letzteres

unbestreitbar der Fall!

Vielleicht aber giebt es manche, die lieber einen so mächtigen Gott

leugnen, als daß sie an die Unsicherheit aller anderen Dinge glauben.

Wir wollen ihnen hier nicht entgegentreten und einmal zugeben, alles

über Gott Gesagte sei bloße Erdichtung. Sie mögen nun annehmen, ich sei

durch das Schicksal, den Zufall oder die natürliche Folge der Dinge oder

sonstwie das geworden, was ich bin. Täuschung und Irrtum scheinen ja

Unvollkommenheiten zu sein, und so wird es nur um so wahrscheinlicher

sein, daß ich unvollkommen bin, und immer irre, je weniger jene einen

allmächtigen Urheber meines Daseins annehmen. Gegen diese Gründe habe

ich in der That nichts einzuwenden und bin schließlich zu dem Geständnis

gezwungen, =daß man an allem, was ich einst für wahr hielt, zweifeln

könne= und zwar nicht aus Unbedachtsamkeit und Leichtsinn, sondern aus

triftigen, wohlüberlegten Gründen. Will ich daher etwas Sicheres finden,

so muß ich mich bezüglich alles dessen künftig ebenso sorgfältig der

Zustimmung enthalten, als hätten wir es mit offenbar Falschem zu thun.

Doch es ist nicht genug, dies bloß erkannt zu haben; ich muß es mir auch

stets gegenwärtig zu halten suchen, denn immer wieder kehren die

gewohnten Meinungen zurück und nehmen meinen leichtgläubigen Sinn selbst

gegen meinen Willen ein, als sei er ihnen durch langen Verkehr und das

Recht engster Freundschaft verpflichtet. Ich werde es mir auch nie

abgewöhnen, ihnen beizustimmen und zu vertrauen, so lange ich sie als

das hinnehme, was sie in der That sind, nämlich ein wenig zweifelhaft,

wie wir gesehen, aber gleichwohl doch so glaubhaft, daß es viel

vernünftiger ist, ihnen zu trauen, als zu mißtrauen; darum glaube ich

wohl ganz richtig zu verfahren, wenn ich, um gerade das Gegenteil zu

erreichen, mich selbst einer Täuschung hingebe und eine Zeitlang alle

jene Meinungen für ganz falsch und erdichtet annehme, bis schließlich

das Gewicht der Vorurteile beiderseits gleich ist und fürder keine üble

Gewohnheit mehr mein Urteil von der richtigen Auffassung der Dinge

ablenkt. Ich weiß, daß daraus inzwischen keine Gefahr und kein Irrtum

entstehen wird und daß ich mich nicht allzusehr dem Mißtrauen hingeben

kann; es handelt sich ja hier für mich nicht um ein Handeln, sondern nur

um ein Erkennen.

Ich will daher annehmen, daß zwar =nicht= der allgütige Gott, der die

Quelle der Wahrheit ist,[20] wohl aber irgend ein ebenso böser, wie

mächtiger und listiger Geist all sein Bestreben darauf richtet, mich zu

täuschen; ich will glauben, daß der Himmel, die Luft, die Erde, die

Farben, die Gestalten, die Töne und alles außerhalb von uns nur das

Spiel der Träume sei, durch die er meiner Leichtgläubigkeit nachstellt.

Mich selbst will ich so ansehen, als hätte ich keine Hände, keine Augen,

kein Fleisch, kein Blut noch irgend einen Sinn, sondern glaube dies bloß

fälschlicherweise zu haben. Ich will hartnäckig in dieser Betrachtung

verharren, und wenn es dann auch nicht in meiner Macht steht, etwas

Wahres zu erkennen, so will ich wenigstens, soweit es an mir ist, mit

festem Geiste mich vor Irrtum bewahren, und jener Betrüger, sei er noch

so mächtig, noch so listig, er soll keinen Einfluß auf mich bekommen!

Aber dies Unternehmen ist mühevoll und eine gewisse Trägheit bringt mich

zur Gewohnheit des täglichen Lebens zurück, und gleichwie ein

Gefangener, der einmal im Schlafe eine erträumte Freiheit genoß, das

Erwachen fürchtet, wenn er nachher zu merken beginnt, daß er träumt, und

sich durch die schmeichlerischen Traumbilder noch eine Weile über seine

Lage hinwegtäuscht, so kehre ich von selbst zurück zu den alten

Meinungen und fürchte aufzuwachen, damit nicht der angenehmen Ruhe ein

arbeitsvolles Wachen folge, welches fürder nicht in hellem Lichte,

sondern in der undurchdringlichen Finsternis der einmal angeregten

Schwierigkeiten verbracht werden muß.

[17] »Abzuweisen« -- nicht aber gänzlich zu »=verwerfen=«,

wie Kirchmann übersetzt; es handelt sich nur um ein

»Nichtalsgewißannehmen«. Das =ganz Sichere= und

=Gewisse= ist es, das Descartes sucht, indem er alles,

was =nicht= ganz sicher ist, aus der Betrachtung

=ausscheidet=, ohne es deshalb ein für allemal zu

=verwerfen=. Hierin besteht eben die Eigenartigkeit der

Descartes'schen Methode, die Wahrheit zu finden.

[18] »_Contumax vapor ex atra bile_«, »der hartnäckige Dunst

aus der schwarzen Galle«. Die schwarze Galle, ~melaina

cholê~ wurde bekanntlich früher als Ursache des

»melancholischen« Temperaments und gewisser Formen des

Wahnsinns angesehen.

[19] Die französische Ausgabe sagt: ... »und daß ich

nichtsdestoweniger die Vorstellungen aller dieser Dinge

habe und daß mir alles genau so da zu sein scheint, wie

ich es sehe.«

[20] Kuno Fischer übersetzt offenbar widersinnig: »So will

ich denn annehmen, daß nicht der allgütige Gott die

Quelle der Wahrheit sei, sondern irgend ein böser und

zugleich sehr mächtiger und listiger Dämon, der alle

seine Kunst daran gesetzt habe, mich in Irrtum zu

stürzen.« -- Es kann gewiß nicht Descartes' Absicht

sein, den Geist der =Lüge= als Quelle der =Wahrheit=

anzunehmen! Vielmehr ist im Gegenteil der Sinn: Gott sei

die Quelle der =Wahrheit=, =nicht= aber des Luges und

Truges, der von einem =Lügengeiste= herrühre. Daher ist

auch v. Kirchmanns Übersetzung nicht ganz korrekt: »...

daß nicht der allgütige Gott die Quelle der Wahrheit

ist, sondern daß ein boshafter Geist seine Kraft

anwendet, um mich zu täuschen.«

Zweite Betrachtung.

Das Wesen des menschlichen Geistes; es ist uns bekannter als der Körper.

Die gestrige Betrachtung hat mich in so mächtige Zweifel gestürzt, daß

ich dieselben nicht mehr loswerden kann; und doch auch sehe ich keinen

Weg zu ihrer Lösung! Mir ist, als sei ich unversehens in einen tiefen

Strudel geraten und so herumgewirbelt, daß ich auf dem Grunde keinen Fuß

fassen, aber auch nicht zur Oberfläche emporschwimmen kann.

Betrachtungen über die Grundlagen der Philosophie · 第 1 / 8 段