Anton Bruckner war der seligste aller Menschen. Im letzten Lichtschein
des Februartages hatte er die letzte Note seiner neuen Symphonie
geschrieben, und nun mit dem sanft einsinkenden Dämmern, auf den
Purpurwolken seiner verklingenden Vision schwebte Gott selbst in den
kargen Arbeitsraum nieder, Gott, dem ja jeder Klang in Bruckners
Seele geweiht war, Gott, um den er gerungen hatte im Auf und Nieder
des Schöpferglücks und -leids. Nun, da das Werk vollendet, kam Er
ungerufen, aus freiem herrlichen Willen, segnete ihn und verkündete ihm
mit einer Stimme, die süßer und mächtiger klang als die Wunderorgel von
Sankt Florian, daß Er ein Wohlgefallen habe an Seinem Knecht und daß
dessen Werk Friede und Erlösung spenden werde Allen, die eines guten
Willens sind.
Erwählt! erwählt! widerklang es in dem Verzückten, vor Allen erwählt,
Gottes Liebe zu künden, die Menschen zu erhöhen, ihnen das Brot des
ewigen Lebens zu schenken! Vorschmack des Himmels, unnennbares, kaum in
Tönen zu formendes Glück!
Anton Bruckners übermächtige Seelenkraft ermattete ins Irdische
zurück, Gottes Bild löste sich ins immer tiefere Dunkel. Ein Geräusch
vom Hausflur scheuchte den letzten berauschenden Himmelsklang. Näher
rückten die Wände, umzwängten Bruckners Brust und Herz gleich drohenden
Höllengestalten. Er griff nach Kerze und Zündholz, das Flackerlicht
formte huschende Reflexe und Schatten über die Mauern hin. Im
Abendwind, der durch die Fensterritzen strich, hob und senkte sich die
Flamme. Leckte wie ein gieriges Tier nach den hochgeschichteten Bogen
des Manuskriptes. Bruckner erschauerte. Furchtbarer Gedanke, daß die
Flamme, die stumpfe, tierisch-blöde Flamme, Macht gewänne über Gottes
Geist! Er löschte die Kerze, sah starrgebannt auf den niederglimmenden
Docht. War nicht ein Funke übergesprungen? Die zitternde Hand tastete,
strich über die Blätter. Nein. Kühle, reine Gotteskühle lag darüber
ergossen.
Wieder nahten die Wände, engten ihm den Atem, Sehnsucht nach reiner
Luft überfiel ihn. Nach dem Wind, der nun über die schneeverwehten
Felder Sankt Florians strich, nach der weiten Schau über das
Heimatland, bis zu den Bergen des Salzkammergutes. Fern war die
Heimat. Aber die große Heimat, der Himmel, der wölbte sich auch über
dem feindlichen Steinmeer der großen Stadt. Die ersten Sterne traten
tröstend ins Fenster.
Noch einmal witterten Bruckners Nüstern nach tückischem Brandgeruch.
Nichts, nichts, er konnte gehen. Sein von Gott geschenktes Kind lag
wohl behütet, engelrein auf seinem Arbeitstisch.
* * * * *
Gedränge füllte die Heßgasse. Eine Weile trieb der Einsame im Strom.
Das Ringtheater prangte im Lichterschmuck. Ein wenig Bitterkeit stieg
auf in Bruckner. Er dachte an das kleine Häuflein Getreuer, das seine
Konzerte füllte. Ja, zu der neuen Oper, in deren zweitem Akt -- das
hatten ihm seine Schüler erzählt -- es von halbnackten Weibern nur so
wimmelte, da rannten die Leute wie besessen und prügelten sich um die
Karten!
Der ahnungsschwere den nahen Vorfrühling kündende Wind rührte ihn
wie eine mahnende Hand. Aber, aber, was waren denn das für Gedanken!
Heute, da Gott selbst ihn gesegnet, heute dachte er an Menschengunst
und irdischen Ruhm! Heimlich schlug er die Brust, die Lippen murmelten
ein Stoßgebet, erbaten Vergebung für die Sünde der Weltlichkeit. Der
Menschenschwall ließ ab von ihm, befreit ging er die stiller werdende
Ringstraße nieder, immer weiter, weiter, bog nach dem Kai ein. Der
Donaukanal rauschte ihm zu Füßen wie ein sicherer Orgelpunkt, und über
ihm leuchtete Gottes unendliches, in tausend Akkorden klingendes Melos,
der Sternenhimmel. Seine Symphonie klang aus den Wellen, leuchtete in
den Sternen. Ihre Töne füllten die Welt, hoben Anton Bruckner auf ihre
erzenen Flügel, trugen ihn, immer höher, höher zu Gott empor. Nahe,
ganz nahe war er dem Herrn. Erwählt, erwählt vor Allen, den Menschen
ein sichtbares Zeichen der Güte Gottes zu bringen, sie zu beglücken,
von irdischen Fesseln zu befreien, emporzuführen zu Gott! Gottes Güte
durchwogte wie ein warmer Strom sein Herz. Er war gut! Beseligender
Gedanke: Er war gut! -- -- --
Ein Purpurschein im lieblich weichen Gegensatz zu den scharf gezackten
dunklen Dächern floß über den Himmelsrand. Bruckners seliges Auge trank
die milde Glut. War es der Bogen des Friedens, das Zeichen des Bundes,
den Gott mit ihm geschlossen?
Da schlägt es hoch. Ein jäher Blitz, Flammen über den Giebeln, Lärm
braust auf, Feuersignale aus der Ferne, näher, näher, Wagen rasseln,
Fenster öffnen sich wie erschreckte Augen, Türen, wie Lippen zu
entsetzter Frage.
Starr steht Bruckner. Um ihn beginnt ein Fluten, hin und wider. Erst
allmählich faßt er Worte und Rufe:
»Feuer, Feuer!«
»Wo, wo?«
»In der Wipplingerstraßen!«
»Nein, beim Burgtor!«
»Nein, die Museen brennen!«
»Die Oper!«
»Das Rathaus!«
»Die Votivkirchen!«
Aber nun wälzt es sich anschwellend heran, ein Wort, das bleibt,
das schwillt, alles übertönt, Schreckensschrei der Tausende wird:
»Ringtheater, Ringtheater, Ringtheater!«
Für Bruckners schwerfällig arbeitendes Hirn ist es vorerst ein Schall
ohne Sinn. Langsam wird er zum Begriff. Theater. Hundert, aberhundert
Menschen. Aber: Ringtheater, Ringtheater! Gegenüber sein Haus! Sein
Arbeitszimmer. Sein Klavier, die Zimmerorgel. Alles versinkt. Nur
eines bleibt: Auf dem Tische ein Stoß weißer engbeschriebener Blätter.
Sein Manuskript!
Manuskript. Die Füße versagen. Bunter Schwindel blendet sein Auge.
Der alte Herr umklammert einen Laternenpfahl, von der Menschenwoge
umbraust. Dann aber durchreißt ein ungeheurer Wille seinen Leib.
Retten, retten! Das eine nur!
Der Strom treibt ihn, schwemmt ihn fort als kleine Welle. Weiter,
weiter! Nun biegt die Flut, ergießt sich in den Ring.
Ein Aufschrei.
Ein gelbrotes brüllendes Untier.
Das brennende Haus.
Aber inmitten von Brüllen, Johlen, Kreischen, Heulen, inmitten
ziellosen Irrsinns ein Wille. Der wächst, wächst auf zu immer höherer
Kraft. Die trockenen Lippen beben:
»Lieber Gott, du lieber Gott, Vater unser, der du bist im Himmel, dös
kannst net wollen, dös kannst net wollen, na, dös net!« Aber die Fäuste
ballen sich, Bauernfäuste bahnen sich einen Weg, ohne Bedenken, ohne
Rücksicht.
Die ersten Bahren zwängen sich durchs Gewühl. Bruckner sieht sie nicht.
Jammerschreie gellen aus unnennbarer Not. Bruckner hört sie nicht. Er
sieht nur sein Haus, sein Fenster. Feuergrell flammt es im furchtbaren
Widerschein, nun schlagen rotschwarze Wolken darüber hin, hüllen es
ein, geben es wieder frei.
»Lieber Gott, Du lieber Gott«, betteln die Lippen, die Fäuste ballen
sich zur letzten Kraft.
Das Haustor, die Treppe. Immer noch beben die Lippen, immer noch
stoßen die Fäuste, taumeln ins Leere, drei-, viermal entgleitet der
Schlüssel den zitternden Händen. Endlich! Das Zimmer! Das Klavier, die
kleine Orgel, der Tisch. Und darauf, unversehrt, weiß, nur ab und an
vom Widerschein der Flammen überhuscht, der Schatz, das Manuskript.
Bruckner reißt es an sich, preßt es ans Herz wie ein Kind.
»Du lieber Gott, Du lieber Gott«, beben die erschlaffenden Lippen.
* * * * *
Nachtkälte kriecht in ihm auf, Morgenkälte schon. Erweckt ihn. Dunkel
das Zimmer, seltsam fremd die Dinge ringsum. Zuweilen noch leuchten
die Fensterscheiben im düstern Rot, das immer matter verbleicht, der
Straßenlärm dämpft sich, vergleitet.
Bruckner fühlt, sein Werk ist gerettet. Gott hat ihn gehört, Gott liebt
ihn. Er ist erwählt, ein Wunder ist an ihm geschehen. Erwählt vor Allen
ist er. Behutsam bettet er das Manuskript wieder auf seinen Platz
zurück.
Kalt, kalt ist's. Fremd die Dinge. Die Wände rücken drohend heran wie
schwarze Tiere, als wollten sie seine Brust zerpressen. Gott hat den
Raum verlassen. Aber draußen lebt Er. Bald wird Er aufsteigen, groß,
gewaltig im neuen Tag.
Bruckner tritt in die Gasse.
Vor ihm ein dunkles, da und dort noch aus schwälenden Feueraugen
glotzendes Tier. Erst jetzt erkennt er ganz das Furchtbare, erst jetzt
weiß er, was geschehen ist in dieser Nacht. Die Fäuste umklammern den
Torpfosten, die Lippen beben, aber sie sprechen kein Wort, wagen es
nicht, Gottes Namen zu formen.
Der erste graue Morgenschein gießt seine kalte Hoffnungslosigkeit über
das Bild. Ein paar Feuerwehrleute graben noch in den Trümmern, die
letzten Toten werden auf Bahren gebettet. Einen stellen sie dicht vor
Bruckner nieder. Nur Füße und Leib weisen Wunden, ehe die Flamme das
Gesicht ergreifen konnte, hat man den umsonst Geretteten geborgen.
Eine niedere, stumpfe Stirne, grobe Züge. Nur die Augen. Man hat sie
noch nicht geschlossen. Ungehemmt starren sie Bruckner entgegen. Hart,
anklagend, voll von einer zerschmetternden Frage.
Die Feuerwehrleute sehen schweigend in das versteinte Antlitz. Endlich
sagt einer leise:
»Den kenn i, dem armen Teufel hätt i's Leben vergunnt. Sechse hat er
aus'm Feuer g'holt, bis's ihn selber derwischt hat!«
Dann heben sie ihn auf, tragen ihn fort. Die Augen bleiben.
Starren Bruckner entgegen, aus allen Ecken seines morgenfahlen Zimmers.
Auf den Bogen des Manuskriptes liegt ihr harter Glanz, wie feurige
Weißglut.
Die frißt sich in Bruckners Augen, daß er sie schließen muß, ganz
fest schließen. Er verwühlt das Gesicht in die Hände, und ist kleiner
als der geringste Knecht vor Gott, in dessen Unergründlichkeit der
anklagende Blick des Toten versinkt.
=Ecce homo!=
Meiner Tochter Hanni!
Als Tilman Riemenschneider das Fenster der schwülen Schlafstube
öffnete, stieß ihm ein Wind entgegen, wie eine Faust, daß er taumelte.
Als er, wieder gefaßt, sich weiter hinaus beugte, lag die Gasse,
die Stadt, der Himmel still. Kaum merkbar schlichen die Wolken, der
Wetterhahn auf dem Eckardsturme regte sich nicht, die Faust stieß
nicht zum zweiten Male nach seiner Kehle. Aber er fühlte ihren Druck.
Mühsam würgte er im Verein mit Weib und Kindern die Frühstückssuppe.
Von einem zum andern ging sein aufgestörter Blick. Das tausendmal
Gesehene hatte schon seine Bildkraft verloren und sich längst ins
gestaltlose Alltagsgrau gelöst. Heute tauchte es aus dem Nebel, gewann
Linie und Form, drängte sich vor zu schmerzender Überdeutlichkeit.
Seines Weibes langweilig gedehntes, lebensstumpfes Gesicht, dessen Mund
sich im Schlürfen träge, fast widerwillig öffnete, die ältere Tochter,
ihr ähnlich, wenn auch noch täuschende Jugend über den Zügen lag, die
jüngere, rund, grundlos lächelnd, dumpf-zufrieden, der Sohn nur dem
Genuß der Speise verfallen, sie alle aber ihrem Schicksal ergeben,
nicht von dem leisesten Willen beseelt, es zu ändern, unter der Macht
einer unsichtbaren Faust. Nun fühlte Tilman Riemenschneider, auch er
war wie die andern. Auch er löffelte seine Suppe wie alle Tage, brach
das Brot mit derselben Geste. Mühsam löste sich sein Blick, quälte
sich höher, kroch die Wand hoch zur niederen Decke, da, da schwebte
die Faust über ihnen, bildhaft, wie von ihm selbst gemeißelt, mit
Poren, Rinnen und Adergeflecht, und doch hoch über ihm, gewaltig, ihn
bedrohend, beherrschend, daß er, demütiger als die andern, das Haupt
senkte, sich niederduckte ins Grau des unmutig zähe fließenden Lebens.
Wieder fühlte er den Druck der Faust an seinem Hals, er warf den Löffel
auf den Tisch, sprang auf. Frau und Kinder sahen ihm nach, schüttelten
den Kopf. Dann aßen sie weiter.
Tilman Riemenschneider betrat seine Werkstatt. Es war noch früh
am Tage, ein einziger war schon an der Arbeit, der neue aus dem
Schwäbischen zugewanderte Geselle, der erst gestern bei ihm
eingestanden war. Er grüßte nur kurz und schnitzte weiter.
Tilman Riemenschneiders Blick prüfte ihn heimlich, umfaßte die eifrig
aber ruhig arbeitende Hand. Der Meister nickte. Da hatte er einen guten
Fang getan! Der verstand das Handwerk! Der setzte nicht zu scharf an,
grub nicht zu tief, hatte das Schnitzmesser in festem Griff, das war
kein Geselle mehr, ein Meister war's! Nun bot sich die einen Augenblick
überlegend rastende Faust deutlicher, bildhaft mit Poren, Rinnen und
Adergeflecht.
Ein jähes Erschrecken durchschoß Tilman Riemenschneiders Leib. Das
war doch, ja und tausendmal ja, die Faust, die er heute morgens schon
gesehen, die über allem schwebte, drohend, allmächtig, unerbittlich!
Ach, Torheit, eine Hand wie alle andern!
Nein, nicht wie alle andern, der Meister verstand sich darauf, sein
bildhaftes Sehen konnte nichts trüben, es war dieselbe Hand in allen
nur dem kundigen Blick erkennbaren Einzelheiten.
Der Geselle wandte sich, nicht hastig, aber stark, mit sicherem Ruck,
sah dem Meister ins Gesicht und lächelte. Ein wissendes Lächeln war's,
als kenne er jeden Gedanken des andern.
Der Meister fühlte heißes Rot in seine Wangen steigen, hub an mit
überlauter Stimme die Lehrjungen zu schelten, die sich verspätet
hatten, dann trat er an seinen Tisch, riß die Hülle von seinem
Arbeitsstück, seine Hand umpreßte das Werkzeug, in der Berührung des
vertrauten Dinges Ruhe und Kraft zu finden.
Er fand sie nicht. Die Hand zitterte, fühlte das Schnitzmesser, das ihn
sonst ein Glied des Leibes dünkte, als etwas Fremdes. Mit aller Kraft
zwang er sich, setzte es an das behauene Stück, aus dem die Züge eines
Christuskopfes tauchten. Lange hatte der Bildner den Plan zu diesem
Werke in sich getragen, ehe er gewagt hatte, es in Angriff zu nehmen.
Er wollte in diesem =Ecce homo= sein Bestes und Letztes geben,
etwas, das noch keinem vor ihm geglückt war. Das Antlitz des Herrn
sollte nicht nur den leiblichen Schmerz des Gepeinigten tragen, aus
tiefster Seele sollte er aufblühen, wie eine Passionsblume, ganz Seele
werden sollten die Züge des Dulders. Aber nicht nur sein Schmerz sollte
daraus sprechen, das Leid Aller, der Menschheit, der Welt, das Leid des
Schaffenden und von seiner Schöpfung getäuschten Gottes wollte der
Künstler aus dem spröden Holze wecken. Die Hand setzte an, zwang sich
zu schürfender Kraft, glitt ohnmächtig nieder.
Tilman Riemenschneider starrte auf sein Werk. Nur als Oberfläche bot
sich ihm des Heilands Antlitz, als eine erstarrte Maske, die sein Blick
nicht durchdrang. Äußerlich alles, kein Zug, der aus dem Innern geformt
schien, weltenweit das Erreichte von dem, was dem Meister in seinen
vorschaffenden Träumen aus dem brauenden Chaos sich geformt hatte.
Ein feiger Trost tauchte auf: Warte auf eine bessere Stunde, morgen
schon vielleicht wird es dir gelingen. Der Trost versank vor der
unheimlich harten Erkenntnis: Die Stunde wird nicht kommen. Nie wird es
dir gelingen. Du stehst am Ende deiner Kraft und Kunst.
Tilman Riemenschneider hörte die Mittagsglocke nicht, nicht den Lärm
der Gesellen und Lehrjungen, die ihre Arbeit verließen, er saß reglos,
selbst einer gemeißelten Statue gleich, das Messer zwecklos in der
schlaffen Hand, der Blick im Banne des starren Werkes erstarrt. Er
hatte den Schritt nicht gehört, die stille Nähe des Andern aber schlich
in seinen Körper, durchfloß ihn als wachsende Unruhe, die ihn endlich
zwang, sich zu wenden. Die Unruhe schoß aus allen Adern zum Herzen,
ballte sich zu jähem Erschrecken, als er den neuen Gesellen vor sich
sah, der allein in der Werkstatt verblieben war. Tilman hatte einst
zu seiner und der Seinen harmloser Freude unter den Gestalten eines
Altarschnitzwerkes auch sich selbst geformt und seit diesem Tage war
ihm sein Antlitz in allen auch den geringsten Zügen gegenwärtig.
Nun sah er, was ihm gestern im unsicheren Abendlicht nicht zu Sinn
gekommen: der Geselle war ihm ähnlich. Aber diese Ähnlichkeit war nicht
vertrauenspendend, sondern furchterweckend, denn an dem Andern war
alles ins Scharfe, Unerbittliche gesteigert, was sich in des Meisters
Zügen nur in gefälligem Keime bot. Wölbte sich des Meisters Stirne
leicht und eigenartig aufwärts, so sprang die des Gesellen vor wie ein
drohender Fels; gab die leichtgebogene Nase dem Alten etwas Starkes,
Entschiedenes, so krümmte sich die des Jungen wie ein grausamer
Adlerschnabel, trug Tilmans Blick leuchtende Festigkeit, so grellte
es zuweilen aus Hans Bermeters Auge wie ein pfeilscharfer Blitz. Der
schlug in Tilman Riemenschneiders Herz und hielt es fest.
»Euch will das Werk heute nicht recht von der Hand gehen, Meister?«
Der Bildner wollte auffahren, der Zorn erlosch, tiefer in den Bann
vergleitend, nickte der Meister.
»Wie langt lebt Ihr in dieser Stadt?«
»Wohl die vierzig Jahre.«
»Allimmer auf demselben Fleck?«
»Nein. War zweimal in Nürnberg, einmal in Frankfurt, in Männerstädt,
Greglingen, Rothenburg, als ich die Altare schnitzte ...«
Hans Bermeters Mund verzog sich zum Spott, die Hand schlug
verächtlich: »Das ist kein' Pfennigs wert. Wart Ihr nie über den Alpen,
in Wälschland, in Paris?«
Langsam, in müdem Nachsinnen, schüttelte der Alte den Kopf. Ja, diese
Länder waren manchmal in der Stille des Morgens oder Abends, wenn die
pflichtgebannte Seele sich im verschwimmenden Dämmern lösen durfte, vor
ihm über den blauen Grenzbergen erstanden als seltsamer Wolkentraum,
der alsbald wieder im Graunebel des Tages ertrunken war. Hans Bermeter
ließ ihm nicht Zeit, sich dem Erinnern hinzugeben.
»Wie viele Jahre lebt Ihr in Euerm Ehstand?«
Tilman Riemenschneider zählte mühsam. Es war eine graue, unbewegte
Flut, aus der sich erst allmählich die Jahre aufrangen, wie stumpfe
Straßenbäume aus zähem Nebel.
»Geht auf fünfunddreißig, vermein' ich.«
»Und habt nie in der langen Zeit mit andern Frauen zu schaffen gehabt,
seid immer im selben Bette gelegen?«
Tilman Riemenschneider riß an der bannenden Fessel. »Wie fragt Ihr?
Wißt Ihr nicht, daß ich ein ehrsamer Bürger bin?«
Was kam dem Kerl bei? Wer gab ihm das Recht? Wer ihm das Recht gab? Er,
er selbst, er selbst fragte ja, kein Fremder stand vor ihm, nur ein
seltsames Abbild seines bisher verborgenen Wesens.
»Ein ehrsamer Bürger sein, das mag einem Schuster ein hohes Ziel
dünken, Ihr seid ein Künstler ...«
Ein Künstler. Zuweilen war dies Wort in ihm aufgegaukelt, wie ein
bunter Schmetterling. Er hatte den lockenden verscheucht, in Sorge, den
Stand auf festem Boden zu gefährden.
»Nein, nein,« wehrte er ängstlich, »will nichts sein, als ein ehrlicher
Handwerker.«
»Das lügt Ihr, Meister, Ihr wollt mehr sein! Wäret Ihr ein Handwerker,
Ihr wäret zufrieden mit dem braven Schnitzelwerk da! Ihr seid's nicht!
Und werdet's nie sein! Nie werdet Ihr weiter kommen! Da,« er riß den
Judaskopf hoch, den er heute in erstaunlich kurzer Zeit zu halber
Vollendung gefördert. »Da, seht Ihr das gierige Auge, den lauernd
gepreßten Mund? Vermeint Ihr, ich hätte das vermocht, so ich nicht das
Leben in mich gefressen hätte? Hört Ihr's nicht, fühlt Ihr's nicht? Um
Euch braust es und rauscht es, und Ihr verkriecht Euch davor in eine
dumpfe Kammer und ein muffig Bett. Ich mein's Euch gut, Meister, glaubt
mir! Kommt heut zu Nacht mit mir, ich weiß Euch einen Ort, zwei Gassen
weit von hier, da soll Euch manches offenbar werden, davon keiner der
Ehrsamen einen Hauch verspürt hat! Kommt, vertraut mir, Meister, zu
Eurem Heil!«
Die letzte Mittagsglocke schwang aus, zur Stille. Aus ihr kroch Angst
auf. Mit letzter Kraft löste der Alte den Blick frei.
»Kommt, sie werden unser schon warten mit dem Mittagbrot!« würgte er,
drängte an dem Gesellen vorüber die Treppe nieder. -- -- --
In der tiefen Nacht erwachte Tilman Riemenschneider von einem Ruf.
Mochte wohl ein Traumklang gewesen sein, aber der Nachhall hing noch
im ungeheuren schwarzen Schweigen, als ein rätselhaftes Tönen. Es
rief, rief ins Weite, Ungewisse. Aber die brennende Enge, die stumpfen
Atemzüge der Frau, der Kinder hielten ihn fest. Der Ruf verglitt in
Farbe, in ein leuchtendes Rot, das den Horizont seines neuen Traumlands
umsäumte, wie eine Feuersbrunst. -- -- --
Am andern Morgen mied er Hans Bermeters Blick. Auch nahm er nicht die
gestern unterbrochene Arbeit an dem Christuskopfe vor, sondern machte
sich da und dort an geringen Dingen zu schaffen.
Als er des Nachts im Ehebette lag, ertönte wieder der Ruf. Er
brach nicht mehr aus dem Traum. Überwach lauschte der Meister. In
unverminderter werbender Kraft klang es fort. Ein purpurnes Licht
erhellte den dunklen Raum, wie der Widerschein eines Brandes.
Weiten Auges starrte Tilman Riemenschneider in das erschreckende
Wunderlicht, in seinem Ohre rauschte der klingende Ruf. Düsterrot tönte
sein Blut ihm zu Häupten, sein Denken flog auf in die freie Welt,
fiebernd quälte sich der Leib. Bis er dem Geiste folgte, dem Tönen
nachschritt durch das rote weisende Licht. -- -- --
Das Licht erlosch. Das Klingen schwieg im dichten Rauchnebel der
Kellerschenke. Tilman Riemenschneider hielt in der Türe. Eben wollte
er, langsam zur eigenen Entschlußkraft zurückfindend, sich entfernen,
da stand Hans Bermeter vor ihm, zog ihn an einen Tisch, an dem zwei
Weiber saßen.
Des Verwirrten Auge unterschied ihre Züge und Formen nicht, ihm war,
als seien sie nur zu seltsamer Dichte geballte Gestalten des alles
erfüllenden Dunstes, der ihm die Augen trübte, den Hals schnürte.
Bald fühlte er nichts, als das ängstende Würgen, Worte und Lachen der
andern verklangen fern, ihm war, als sinke er ins Vergehen. Immer
dichter umschnürte der graue Ring den Hals. Die Hände tasteten nach
dem Glase, das Hans Bermeter ihm gefüllt hatte, bebten es zum Mund,
unter der Kraft des rinnenden Weines weitete sich der schnürende
Ring, ließ ab von ihm, verschwebte, löste sich im Grau, das lichtete
sich, Nebel im wachsenden Frühschein. Aus dem Weine leuchtete es auf,
wie Morgenrot, die Becher klangen feinen Ton, jenem gleich gestimmt,
der ihn gerufen, nur zarter, ruhiger, nicht mahnend, sondern ihn
umwebend zu ruhigem Beharren. Aus den sinkenden Schleiern wuchsen die
Gestalten: Hans Bermeter, vertrauter als sonst, die scharfen Züge hatte
das neue Licht erweicht, dann die beiden Frauen, die Lippen rot wie
der wachsende Schein, ihr Lachen fügte sich in den fein gestimmten
Klang. Der Rhythmus des Klanges durchfloß seinen Leib, löste ihn ins
allgemeine weiche Schweben. Seine Hand glitt, fühlte warme, lebendige
Form. Strich über einen Arm, eine Schulter, einen schlank aufblühenden
Hals, eine fruchtweiche Wange. Gewann langsam darüber Herrschaft. Sein
Werk wurde es, von seiner Hand geformt. Er mühte sich nicht wie sonst
mit harter, schürfender Qual, göttlich leicht erstand es unter seiner
zarten Berührung. Ward im Augenblick so herrlich, wie er es nie im
Fernsten erreicht, wie es ihn nur zuweilen in lähmender Weite gehöhnt
hatte, erwachend und sterbend im jammervollen Grau. Nun wuchsen die
Gestalten seines Schaffens auf, verklärt, ohne Makel, durchblutet mit
höchstem Leben, Eva, Maria Magdalena, nicht die büßende, nein die heiße
Sünderin, die einer ganzen Welt Freude schenkte, weil in ihr eine Welt
voll Freude war. Eine Welt erstand unter ihrem schwesterlich winkenden
Arm, liebliche Frauengestalten, in Duft getaucht, ihre Brüste wie
Knospen, ihren Schoß wie den dürstenden Blütenkelch ihm bietend. Unter
ihrem Fuß wuchsen Blumen, ihnen gleich an Lockung und Lieblichkeit,
regten sich im Tanzschritt, verbanden sich zu Kränzen und Girlanden,
Bilder der perlenden Töne, die alles erfüllten, der Musik, der alles
sich hingab, von ihrem Zauber getragen, schwerelos zu schweben,
befreit von Körperlast, Duft und Ton zu sein. Aus dem Weine flammte
es, rubinrot, scharlachen, feurig in das zarte Weiß, zu tausendfachem
Farbenspiel. Was je eines Menschen, was Gottes, was Satans Auge
entzückte, das wies sich überreich dem Auge des trunkenen Künstlers.
Und er war zum Herrn darüber gesetzt, seiner Hand, seinem Herzen,
seinem Hirn entquoll es, sein Werk war es, sein über alles herrliches
Werk.
Nein, es sollte nicht sein Werk sein; das Trennende, das zwischen
Schöpfer und Geschöpf lag, begann zu schmerzen. Ein Teil des Unfaßbaren
werden, ganz darin vergehen, nichts mehr fühlen, als das beglückende,
tönende Rauschen und den letztes Besinnen tötenden Duft!
Seine Hand gleitet über das atmende Glück, faßt es, die pulsende Stirn
verwühlt sich, sein Leib sinkt, taucht auf und nieder im Takt der Musik
und ertrinkt im Meer. -- -- --
* * * * *
Aus diesem Meere tauchte er auf, als er des Morgens erwachte. Aber
das Rauschen umklang, erfüllte ihn, machte seinen ersten Schritt in
die gewohnte Umgebung zum trunkenen Taumeln. Fremder noch als in
den verflossenen Tagen, unfaßbar fremd war sie ihm heute. Die Wogen
seines Blutes schlugen an Wände, Dinge, Menschen, prallten ab von
ihrer Stumpfheit, drangen wieder in Tilman Riemenschneiders Wesen zu
doppelter Gewalt. Von ihr erfüllt, betrat er, die Werkstatt meidend,
die vom alltäglichen Treiben mäßig bewegte Stadt. Weiter greifend
schlugen die Wogen aus ihm, aber wieder brachen sie sich, kehrten
zurück, füllten, umflossen, schieden ihn von allem, was ihn umgab.
Fremd, furchtbar fremd alles, alles: die schlichten Menschen, deren
Mienen, die traulichen Häuser, deren Giebel sich zu hölzernen Fratzen
verzogen, so unnahbar, ungreifbar, wie das kläglich verlassene Werk
seiner ohnmächtigen Hand. Erst als der Hastende das Tor durchschritten
hatte, als sein Fuß weichen Wiesenboden und seine Stirne ungehemmten
Freiwind fühlte, ruhigte sich das Brausen seines Blutes, fügte sich
allmählich in den Rhythmus der windbewegten Welt, der ersten Gräser ihm
zu Füßen, der singenden Bäume über seinem Haupt, der stumm ziehenden
weißen Wolken, die kündeten, daß der Atem des Windes Macht habe über
Erde und Himmel. Lange wanderte er Wege, die er zum ersten Male betrat,
bis der Laut des eigenen Schrittes ihn störte. Er hielt, sank nieder,
dehnte sich, sein Ohr trank das Lispeln der Gräser, sein Auge suchte
durch die sicher bewegten Äste die letzte Unrast lösende gleitende Ruhe
des Himmels.
Vor dem Ruhenden stieg ein Feld an, dessen Kimmung die Schau schloß.
Tilman Riemenschneiders Blick sank nieder aus dem Wolkengleiten auf
die braune, zu einem Teile von frischen Furchen durchzogene Erde,
fremd schied sich das aufgewühlte Land von dem glatten in herber
Verschlossenheit harrenden. Bis auch darein zeugend die Pflugschar
schlug. Jäh, aus der Verborgenheit tauchend, blitzte sie auf, ihr
Lichterspiel übergrellte den Lenker. Erst als er in den Schatten des
nahen Holzes trat, ward er dem Schauenden deutlich. Gebückt schritt er,
aber nicht demütig-schlaff, eine unterdrückte lauernde Kraft sprach aus
den krampfig-gepreßten Armen, dem breiten, tiefeingrabenden Schritt.
Weiter, weiter fraß sich die Furche, wie eine Wunde. Einen Augenblick
rastet der Bauer, erweicht sich die qualvollgedrungene Gestalt.
Da, eine zweite neben ihr, aus dem Dunkel des Holzes stößt sie auf,
eine Geißel schnellt hoch, durchzuckt das weiße Wolkenbild, fällt
nieder auf den Rücken des Müden, verschwindet, mit ihr der Fronvogt.
Tiefer in sich versunken, gräbt der Pflüger seine Pein in die Erde.
Schielt tückisch-spähend, ein lauerndes Tier, seitwärts, bis der Mann
mit der Geißel seinem Blicke ganz entschwunden ist.
Dann wächst er langsam, mühevoll aus seiner Niedrigkeit, die Arme heben
sich, verkrallte Fäuste stoßen in den Himmel. Der Wind verwühlt sich
in die gereckte Gestalt, läßt das Hemd flattern, wie eine Fahne, reißt
die Haare in seine Macht, daß sie das zerquälte Gesicht umkreisen wie
Schlangen, nimmt den aus der Brust wie aus Urwelttiefen brechenden
Schrei und wirft ihn über das Land.
Tilman Riemenschneider liegt gebannt, der Schrei dröhnt an sein Herz,
macht ihn erbeben. Bis in ihm ein leiser Widerhall erklingt, bis er
weiß, daß der Keim dieses Schreies auch in ihm geschlummert hat, alle
Jahre seines Lebens. Aber als er sich dessen bewußt wird, dringt ein
Schauer aus dem Tiefsten seiner Seele, faßt seinen Leib. Furcht jagt
ihn auf, er läuft den Weg zurück, den er gekommen ist. Langsam löst
sich der Schreck von ihm. Ehe er weiß, daß die Furcht vor sich selbst,
vor dem Erwachen des Verborgenen in ihm ihn ergriffen hat, ist sie
verweht. Er wirft sich wieder zur Erde, wühlt sich darein und fühlt die
verborgene Kraft ihres zum ersten Atmen erweckten Schoßes. -- -- --
* * * * *
Die Kellerschenke, darin Tilman Riemenschneider mit Hans Bermeter fast
Abend um Abend saß, wies immer stärkeren Besuch auf. Menschen, die der
Bildhauer, Angehöriger des Rates, kaum kannte oder zumindest, als tief
unter ihm stehend, bisher nicht beachtet hatte, Kleinbürger, die diesen
Titel kaum mehr verdienten, Gesellen und Knechte aus der dunkelsten
Vorstadt, kurz Menschen ohne Besitz und festen Stand, in deren Kleidern
und Körpern der dumpfe Geruch der Armut nistete. Wenn der Ratsbürger
die Schenke betrat, engte dieser Dunst ihm den Atem, aber allmählich
ließ er von ihm, gebannt von einem neuen Gefühl, das mächtiger war, als
Gewohnheit und Vorurteil: Von diesen Menschen, die an nichts hafteten,
strömten Schwingungen aus, der quälenden Bewegtheit seines Innern
verwandt, die am Tage an starren, harten Mauern und Herzen sich wund
stieß. Hier durften die Wellen seiner Seele ungehemmt ausschwingen,
sich dem Rauschen der allgemeinen Rede vermengen, in ihr befreit sich
lösen. Tief ein sog Tilman Riemenschneider diese Freiheit, Himmelsluft
und -weite war ihm der dumpfe Brodem des niederen Raumes. Ein Bild
stand jäh vor ihm. Seine Kinder hatten einen Raben gefangen und in
einen Käfig gesperrt. Ihn mit Liebe und Sorgfalt überströmt. Aber
vergeblich, immer wieder versuchte er die Flügel zu breiten. Auf dem
Turm der Franziskanerkirche sammelten sich die Brüder und Schwestern,
riefen den Gefangenen. Da hatte Tilman verstohlen den Käfig geöffnet
und den Vogel befreit. Und als er sah, wie dieser die Schwingen
breitete, wie er sich in den Schwarm der Freien mengte, hatte auch ihn
ein unsagbares Wohlgefühl erquickt. In klarer Form und Farbe wie damals
schwebte das Tier vor seinem ins Weite träumenden Blick. Wuchs. Die
Flügel hoben sich, wurden zu Armen, zu aufdrohenden Fäusten, die Federn
zu Haaren, die im Winde wehten, im Sturm, der über die von Gottes
Pfluge aufgewühlte Erde zog. Der Rabe öffnete den Schnabel, nein, es
war ein Mund, ein qualverrissener Mund, ein Urlaut brach aus ihm, die
schwarzen Schwingen des Windes trugen ihn ins Unfaßbare.
Zum zweiten Male der Laut in wilderer Wirklichkeit. Er riß den Meister
aus dem Traum. Der Traum war Wahrheit, das Bild Leben. Erhobene Fäuste
stießen sich an der niedern Decke, schweißnasse Haare, von einem
verborgenen Wehen geworfen, aus dem verrissenen Mund brach der Schrei.
Wieder und wieder. Bis er sich endlich zu ungefügen furchtbaren Worten
formte. Tilman Riemenschneider verstand sie nicht, mühte sich nicht,
sie zu verstehen. Nur die wilde Musik ihres Sturmes fühlte er. Und
wußte, daß es das Brausen seiner Seele war, zu tausendfacher Gewalt
erhöht.
Erst als er in die freie Kühle der Nacht trat, gerann das Gehörte
wie glühendes Erz. Hans Bermeters begleitende Worte meißelten es zur
klaren Form: Der Meister habe wohl die wüsten Bauernworte nicht ganz
verstanden, das sei begreiflich; er, Hans Bermeter, habe die dumpfe
Sprache aufs beste zu deuten gelernt auf seinen Wanderungen durch
Deutschland. Aber woher solle ein ehrsamer Bürger sie kennen! Hätten
sich doch alle in ihre Mauern verschlossen, seien nur darauf bedacht
gewesen, über die Wünsche der großen Ritter und Prälaten vom Schloß
Bescheid zu wissen, aber von den armen Tieren, die da draußen das
unermeßliche Feld der Gewaltigen bestellten, von denen hätte man nicht
mehr gewußt, als daß sie eben Tiere seien, die Joch und Schläge dulden
mußten. Tiere, ja, das seien sie gewesen. Aber Tiere hätten eine feine
Witterung. Und so hätten die verdreckten Nüstern den anziehenden Sturm
schon längst gespürt, indes noch kein Hauch davon in die Paläste oder
behaglichen Häuser gedrungen sei. Immer näher käme der Sturm, der Sturm
der Zeit; trage auf seinen Flügeln das Wort vom freiem Evangelium, das
Wort des Herrn, daß alle Menschen gleich seien vor dem Allmächtigen,
daß es keine Knechte gäbe mit krummen Rücken und keine Herren und
Vögte mit Stock und Peitsche. Näher, näher, immer näher brause der
Sturm. Hätte schon seinen Weg gefunden durch die Lumpen der Armen und
rüttle ihren nackten geschundenen Leib, blähe die keuchenden Lungen zu
einem Schrei, der einmal werde aufbrechen, über das Land gellen, mit
so unfaßbarer Gewalt, daß die Mauern der Zwingburgen, die Wände der
Bürgerhäuser einstürzen würden, wie die Mauern von Jericho vor Josuas
Trompetenschall. Nichts würde diesem Sturm widerstehen können. Nur eine
Rettung gäbe es, ein Teil dieses Sturmes zu werden, mitzubrausen nach
dem Willen der allmächtigen Zeit.
Jedes Wort vernahm Tilman Riemenschneider, als spräche es sein eigenes
Herz. Das sandte ein Verlangen aus, wie einen sehnsuchttrunkenen Vogel.
Er flog auf, stieß sich an den Wänden der Häuser, taumelte nieder
an den Mauern der hohen Burg. Des Meisters Gestalt reckte sich, die
verkrallten Fäuste stießen zum Himmel auf, in seinen Kleidern und
Haaren wühlte der Wind. -- -- --
Am andern Morgen brachte ein bischöflicher Bote dem Meister ein
Schreiben. Mit diesem ward ihm der Auftrag, eine Marienstatue für
den neuen Altar der Schloßkapelle zu schnitzen. Alles war ihm
vorgeschrieben, Material, Größe, Himmelskrone und Faltenwurf des
Kleides. In herrischem, hochfahrendem Tone. Er war nicht herrischer,
nicht verletzender, als er stets gewesen. Nie vorher hatte er den
Meister verletzt. Heute stieg ein Würgen hoch in seiner Kehle, die Hand
umkrallte den Brief, ballte, zerriß ihn, löste sich befreit. Ein Spiel
des Windes, trieben die Fetzen.
Ein Spiel des Windes, trieben die Blütenblätter über die Mauergärten.
Schwül, fremd war der Wind in den Tagen des Frühlings, der war über
Land und Stadt gekommen, nicht allmählich, jungfräulich erblühend,
nein, jäh, schwer, berauschend. Der Duft der treibenden Blüten, der
sprießenden Blätter mengte sich dem Gassenbrodem zu einem geilen,
brünstigen Schwalm. Auch wenn der Tagwind schwieg und, unheimlicher,
unfaßbarer noch, die Stummheit der Nacht aufwuchs, lastete der dumpfe
Brodem in ihr. Der Tagwind trug lautes Gerücht aus dem Land: In ganz
Schwaben seien die Bauern im Aufruhr, die Schlösser zündeten sie an.
Die Herren ließen sie durch die Spieße rennen. Immer näher käm's. Auch
die um Tauberbischofsheim, um Wertheim, um Rothenburg ständen auf. Bald
würden sie vor den Toren sein. Der Bischof sei geflohen, bei Nacht,
gegen Heidelberg. Kanonen hätten die Bauern und der Berlichingen Götz
sei ihr Führer. All diese Nachrichten schwirrten, ängstlich geflüstert
oder gejubelt, je nachdem ein reicher Bürger des Rats oder ein armer
Keuschler der Vorstadt sie sprach, durch den Tag. Des Nachts wuchsen
sie auf zu albschweren Gespenstern oder zu leichtem, von aller Schwere
lösendem Traum.
Immer wieder gellte in Tilman Riemenschneiders Fieberschlummer ein Ruf.
Jäh erwacht, schlich er ans Fenster, sah in das stumme Dunkel, den
Nachklang des Rufes im Ohr. Feuerlicht zuckte da und dort im Süden und
Osten aus der Nacht, der Widerschein seines brennenden Herzens.
In wachsender Schwüle reihte sich Nacht an Nacht. Im schweren
Dunstgewölk drohte der Sommer. -- --
Hatte der Frühling mit der Rätselstimme des dumpfen Windes die langen
Tage erfüllt, der Sommer war stumm. Unerbittlich starren, glühenden
Auges sah er nieder auf Land und Stadt. Die Ähren flüsterten nicht, die
Bäume rauschten nicht, die grellen Häuser senkten ihre schrumpfenden,
wachsenden und endlich im schwarzen See der Nacht ertrinkenden
Schatten.
Im Dunkel erwachte die Stadt, die Schenken trotzten bis weit über
Mitternacht dem Verbot des Rates, dessen Macht vor der höher
schwälenden Volksglut schrumpfte, wie die Schatten im Mittagslicht.
Hochauf mit Waffen gefüllte Wagen fuhren ohne Unterlaß durch die Tore,
von den Bauern gesandt. Bald trug der geringste Knecht Speer, Pallasch
und Büchse. Wachen sperrten jede Zufuhr zum belagerten Schloß. Die
ersten seltenen Kugelgrüße wechselten hinauf, hinab, aber auch sie
vermochten nicht, die lähmende Tagesstille zu zerreißen.
Auf Tilman Riemenschneiders innerster Unrast lastete sie mit
unerträglicher Schwere. Als furchtbaren Schmerz fühlte er die stete
Bewegung seiner aufgescheuchten Sinne in Nerven und Blut. Er war nicht
mehr fähig zu schaffen, zu denken. Nichts war er als flammender Drang
nach etwas, das in ferner zerfließender Unbestimmtheit nur zuweilen
für Augenblicke zu halbgehörtem verklingendem Ton oder zu einer rasch
geballten und vergehenden Wolke sich formte. Sein schmerzendes Ohr,
sein gepeinigtes Auge suchten sie festzuhalten, nichts anderes ernteten
sie, als immer neu gefühlte dumpfe drängende Ohnmacht. Nur in den
Nächten, wenn er mit Hans Bermeter von Schenke zu Schenke zog, ward
ihm Linderung. Da warf er sein Sehnen in den verworrenen Lärm, ins
zwecklose Rasseln der neuen Waffen. Seine zitternde Hand umkrampfte den
Degen, er preßte die Kugelbüchse an sein glühendes Herz und fand kurze
traumhafte Kühlung.
In immer wilderer Zahl zuckten brennende Weiler und Burgen auf im
Umkreis der Stadt. Näher, näher rückten die Bauern. -- -- --
* * * * *
In einer Nacht, da Tilman Riemenschneider seit langem zum ersten Male
bleiernen Schlaf gefunden hatte, riß ihn ein Ruf zu schreckvoller
Wachheit. Er griff nach den Waffen, taumelte die Treppe nieder. Aus
allen Gassen rauschte Lärmen, staute sich an den Wänden, rauschte
zurück über die aufgewühlte Stadt. Hans Bermeter, von dessen Zügen die
gewohnte ruhige Maskenhülle gefallen war, berichtete mit hastigen,
zerfetzten Worten: Das Heer der Bischöflichen sei überraschend
herangerückt und rüste zur Schlacht gegen die Bauern. Eben sei ihr
Bote gekommen, halbtot vom wahnsinnigen Ritt, Hilfe sei bitter not,
alles in der Stadt, was Waffen trage, müsse auf, nur eine kleine Schar
solle bleiben zur Bewachung des Schlosses. Ob er vielleicht seines
Alters wegen, es werde heiß hergehen draußen ... Tilman Riemenschneider
hörte die letzten Stammelworte nicht mehr, er griff aus, mühlos,
schwebend, fühlte nicht die Last der Waffen, die Last der Jahre. Noch
einmal faßte ihn die alte Unrast, als sie am Tore die aus allen Teilen
der Stadt zuströmenden Kämpfer erwarteten. Endlich zogen sie aus.
Eine wundervolle Ruhe erfüllte Tilman Riemenschneider. Er sah nicht
zurück nach den im Dunkel versinkenden Türmen und Giebeln, er sah nur
vorwärts, dem Ziel entgegen, das sich immer klarer seinem gekühlten
Auge bot, je tiefer sie in die brauende Ungewißheit des nächtlichen
Landes drangen. -- -- --
* * * * *
Es war, als trenne eine undurchdringliche lautlos abwehrende Schicht
Tilman und seine Welt von dem Geschehen um ihn. Er fühlte es kaum, als
sich die Bürger dem unermeßlichen Haufen der Bauern vermengten, er
hörte nicht Flüche und Dörperreden, ihn quälte nicht der unerträgliche
Schwalm von Schweiß, Wut und Angst, er war gefeit. Auch gegen die
eigene Unrast. Sie fiel ihn nicht an, als sie, den Tag und ihr
Schicksal erwartend, lagerten, seine Seele schritt ungehemmt weiter den
eigenen einsamen Weg. -- -- --
So von ungeheurer ahnungtrunkener Stille war noch kein Morgen erfüllt
gewesen in Tilman Riemenschneiders Leben, so groß und königlich ihm
noch keine Sonne aufgegangen, wie an diesem Tag. Und doch war er eins
mit allem, das Wehen der Stille war sein Atem, und sein herrlich
erhöhtes Herz stieg aus Dunst und Wolken die Bahn des Tages. Wie eine
purpurne Rose erblühte das Gestirn, darin alle Brunst und Süße des
Lebens ruhte, geklärt zu ungetrübtem, tiefem, ruhevoll berauschendem
Duft.
Sein Leib lag mit den andern im letzten Warten. Seine Füße schritten
aus im ungewohnten Marschtakt, seinen Rücken drückte die schwere Waffe,
sein Haupt der quälende Helmschutz. Seine Seele fühlte es nicht. Sie
stieg mit der Sonne.
Und dann stand sie mit ihr in der Scheitelhöhe des Mittags. Das
Bauernheer hielt. Stille. Das letzte Wort erstarb. Nichts als Auge
wurden sie. Vor ihnen der Feind. Grausam wies ihn das Mittagslicht, die
gleißenden Panzer, die wehenden Sturmfedern, Speerspitzen, Klingen,
Flintenläufe.
Atmen, Atmen, Atmen.
Keuchen. Aber noch immer Stille.
Da zuckt es himmelwärts. Der Degen des Führers. Durch alle Herzen fegt
der Blitz. Durch die betäubten Hirne gellt Kommandowort.
Und dann: Aus Urwelttiefen, verschüttet bisher, von einer jäh aus
Höllendunkel krallenden Faust aufgerissen in diesem Augenblick, bricht
ein Schrei, überdröhnt die Angst der Kreatur. Immer wieder, immer
wieder gellt er auf, Schüsse, Salven vermengen sich ihm, Schlag,
Stich und Stoß, höherauf schwillt das Brüllen, es muß Röcheln und
Todesruf überdröhnen und die Wahnsinnsangst in der eigenen Brust.
Dicht neben Tilman Riemenschneider gellt Hans Bermeters Todesschrei.
Zu seiner Seele dringt er nicht. Die schreitet weiter, unbeirrt, ins
ewig sich Erneuende, was jetzt geschieht, ist im nächsten Augenblick
Vergangenheit.
Tiefer sinkt die Sonne, zögert schön über dem Dunkel der Berge. Das
furchtbare Gewirr liegt in ihrem letzten blutigen Schein. Es erstarrt.
Ein paar Herzschläge lang schweigt die Schlacht.
Die Bauern und Bürger schweigen, zögern, starren in das Dunkel der
feindlichen Flintenläufe, der Feldschlangen, das sie verschlingen will.
Wenden sich, weichen, rasen zurück, ins letzte rettende Licht.
Nur Tilman Riemenschneider dringt weiter, wie die Sonne. Bis er wie sie
in unergründlicher Nacht versinkt. -- -- --
* * * * *
Zum ersten Male nach Monden der Betäubung fühlen Tilman
Riemenschneiders Sinne die Umwelt. Das Dunkel der Tiefe, das
dumpf-sickernde Grau des hohen Gitterfensters, den Herbststurm, der nur
ein schwaches Brausen in den Kerker wirft.
Tückisch kriecht es durch die matten Glieder. Aber er fühlt es kaum.
Nichts fühlt der Erwachende, als seine Seele. Sie wächst auf, breitet
sich aus vor ihm, neu, unbegreiflich neu, voll ungeheuren Erlebens. Das
erfüllt ihn körperlich, droht ihm die schwache Brust zu sprengen, bläht
den mageren Hals und löst sich doch nicht zu befreiendem Laut. Einem
Wort, zu den harten Wänden gesprochen, zu dem Stücklein grauen Himmels,
das unfaßbar fern im Fenstergitter über ihm schwebt. Er bleibt stumm.
Er fragt nicht, als die Knechte eintreten, ihn aufreißen, den dumpfen
Gang fortschleppen, in die Qualzelle stoßen, wo rätselhafte Instrumente
lauern, im Schein der Flackerfackel zu sehen, wie furchtbare Tiere.
Ihre Krallen dringen in seine Stirne, ihre Pranken umpressen seine
Hände, ihr Rachen schnappt nach seinem Hals, er soll reden, gestehen,
die Schuldigen des Aufstandes nennen, dann ist er frei. Er will
sprechen, monatelang hat er geschwiegen, qualvoll erfüllt ihn sein
Erleben, zum Bersten geschwellt: nicht einmal ein Stöhnen ringt sich
aus ihm. Er bleibt stumm.
Mitleidige Ohnmacht rettet ihn.
Wieder umfängt ihn der Kerker. Das Brausen des Herbststurms wirbt
umsonst um seine gelähmte Seele.
* * * * *
Im Atlasglanze tiefen Schnees liegt die Stadt. Er mildert die Stöße
des jämmerlichen Wagens, der Tilman Riemenschneider in die Freiheit
führt. Dreimal hat er die Folter erduldet, ohne Laut und Wort. Nun
hat ihn der Bischof begnadigt. Er darf Gnade üben. Die Bürgerschaft
liegt ihm demütiger denn je zu Füßen. Das Land ringsum ist still. Die
Bauern haben sich in ihre Hütten verkrochen, werden im Frühling stumm
den Pflug über fremde Erde führen, keine Faust wird sich zum Himmel
recken. Der Gedanke an die Toten, die nutzlos Geopferten wird sie
niederziehen zur grausamen Mutter Erde. Der Bischof darf barmherzig
sein. Der Gebrochene, der da, die müden Augen vor dem ungewohnten
Lichte schließend, auf dem Krümperkarren durch die Gassen fährt, wird
ihm nicht mehr schaden. Er öffnet die Augen nicht, als ihn Frau und
Kinder vom Wagen heben. Sie klagen nicht, sie haben das laute Wort
verlernt in der furchtbaren Zeit. Stumm sitzen sie bei Tische. Der
Vater, im Lehnstuhl versinkend, öffnet langsam die Augen, umfängt das
einst gewohnte Bild.
Ganz wie einst ist es, reglos sitzt die Frau, reglos die Kinder. Wie
einst, wie einst, vor, vor ... er weiß es nicht. Ihm ist, als seien
hundert Jahre verflossen seit diesen Tagen, daran sein Erinnern hilflos
tastet.
Stumm sitzen Frau und Kinder. Wie tote Gestalten aus Holz oder Stein.
Von seiner Hand geschnitzt. Von seiner ohnmächtigen zerbrochenen Hand.
Er hebt die Hand, sie sinkt nieder. Stumm sitzen die Gestalten. Er
kann ihnen kein Leben schenken. Obwohl in ihm Leben ist, tausendfach
geschwelltes Leben, aber erstarrt in seiner jämmerlichen Hülle, wie
Lava, die einst geglüht. Und jetzt Tod ist, nichts als Tod.
Weiter, weiter rücken die Menschen, die erstorbenen Dinge in eine
verlorene Ferne. Er ist allein. Mit verdoppelter Qual preßt das
erstarrte Leben die arme Hülle des Leibes, die arme, keuchende Brust,
die zermarterte Stirne, die zerbrochene Hand, in der einst wundervolle
Kraft gelebt. Er sieht sich, den, der er einst gewesen, als einen
Fremden, den er nicht versteht, der ihm entgleitet, in die Ferne der
andern Dinge.
Er ist allein. Ganz, ganz allein. Wie nie ein Mensch vorher. Nur einer
vielleicht. Einer. Der die Jammerworte rief: »Könnt Ihr nicht eine
Stunde mit mir wachen!?« Rief er sie? Nein, nur seine gefolterte Seele
hat sie gebebt mit letzter Kraft vor dem großen Verstummen. -- -- --
Der erste graue Winterschein dringt in die Schlafstube. Tiefatmend
schlafen Frau und Kinder. Sie leben. Weit, weit fern von ihm liegt
dieses Leben. Und doch, es dringt in seine Stille, ein Mißton der Welt,
mit der er nichts mehr gemein hat.
Er kriecht vom Lager auf, wie ein lahmes Tier. In unendlicher Qual.
Aber sie dringt kaum in sein Fühlen. Weiter kriecht er, bis er das
Atmen der Menschen nicht mehr hört. Weiter, weiter, bis er auch die
Spuren ihres Lebens nicht mehr fühlt. Still wie ein Kirchhof ist seine
Werkstatt. Wochen-, monatelang hat sie wohl niemand betreten. Dicker
Staub liegt auf den vollendeten Bildwerken, darunter Form und Linie
erstorben sind. Tilman Riemenschneider sieht sie kaum. Sie wecken kein
Erinnern. Sie sind tot, wie alles, was einst mit ihm gelebt hat.
Mit letzter Kraft schleppt er sich an den Werkzeugtisch, bricht nieder
auf den Schemel. Eine Weile schwindet ihm das letzte Bewußtsein.
Ungefühlt gleitet die Zeit.
Der Morgen wächst, sein Licht erweckt ihn. Über den Tisch fließt es.
über die Instrumente, Meißel, Hammer, Schnitzmesser. Über ein Stück
Holz. Durchdringt die dicke Staubschicht, legt langsam die Züge frei.
Sie sind roh, unfertig, aber sie weisen doch deutlich: Es ist der
Entwurf eines Christuskopfes, des gemarterten, letzte Qual erduldenden
Heilands.
Tilman Riemenschneiders dumpfe Augen haften daran, weiten sich zu
wachsender Größe im Anblick seines Werkes. Sein Werk, er fühlt es mit
jäher Besitzkraft. Er greift darnach, die armen Lungen blasen den Staub
fort, die schwachen Hände streichen über das Holz, immer, immer wieder.
Es tut wohl. Aus dem Holze strömt es auf ihn über, geheimnisvoll,
eine rätselhafte Kraft. Durch die Adern der Hand, des Armes, durch
den ganzen Leib, durch Seele und Hirn. Hell sieht er die Stunde, da
er zum letzten Male hier gesessen, um sein Werk gerungen. Feindlich,
fremd war es ihm damals; heute ist es ihm nahe, eng vertraut. Immer
tiefer verbunden ist er dem wunderbaren Holz, seinem wachsenden Segen.
Allmählich erweicht sich die starre versteinte Masse, die ihn erfüllt,
regt sich, pulst, atmet, lebt, wird Leben, nie gekanntes überreiches
Leben durchfließt seinen Leib, sein Hirn, seinen Arm, seine Hand.
Kraft, Kraft fühlt er in ihr, so herrlich, so über alles je Genossene
herrlich, daß ihn ein Staunen faßt. Aber neue Ströme der Kraft
durchrinnen ihn, in deren Zauber auch alles andere vergeht, daß er nur
sie fühlt, nur sie fühlen und denken kann.
Die Hand greift nach dem Schnitzmesser, sie drückt das Holz an des
Meisters Herz, daß dessen Pochen und das geheime Leben der Ringe und
Fasern eins werden, sich herrlich lösen im Pulsschlag der gotterfüllten
Welt. Und die Hand mit den Malen des Schmerzes formt ihren Schmerz zum
Bilde des Ewigen, der alle Qual der Erde uns vorgelitten und in jedem
Leide sich wunderbar erneut.