Dämon Knopp

Wilhelm Busch ging heim. Heim. Das Wort trug zuerst einen zarten,

traumhaften Klang. So wie sich's für ein so schönes deutsches Wort

gehört. Ofensurren war darin und Lampenknistern. Das Rauschen der

Bäume auf eigenem Gartengrund und, ja vielleicht auch ein sorgender

Frauenatem. Zu einem gütigen Antlitz wurde das Wort, das den Einsamen

anlächelte aus frohen, treuen Augen. Heim. Weiter klang das Wort.

Zerriß zur Dissonanz. Böse quäckendes Kinderschreien war darin,

mißtöniges Hundegebell, falsches Klavierspiel auf einem mißhandelten

Jammerinstrument, der ganze Lärm des Münchener Vorstadthauses, das

schon in fernen Umrissen vor ihm erwuchs. Das gütige Gesicht seiner

Vision verzerrte sich. Wurde zur kalkweißen Fratze seines nüchternen,

freudlosen Zimmers. Mit seinen Mauern, deren Kahlheit nur ab und zu ein

schauerlicher Öldruck unterbrach, seinem harten Sofa, das, wie eine

kantige, lieblose Frau, allen Versuchen, sich ein wenig warm darein

zu schmiegen, kalten Widerstand leistete, den steiflehnigen Sesseln,

Herrgott, und auch noch arbeiten sollte man in dieser freudlosen

Umwelt! Man mußte leben. Morgen lief der Termin ab. Noch kein Strich,

kein Wort davon stand auf dem Papier, ja, schlimmer noch, nicht

einmal in des Künstlers Kopf. Leer, leer war's in ihm, leer, wie in

dem grauenvollen Zimmer, dessen Fenster nun schon höhnisch auf ihn

niederglotzten.

Wilhelm Busch zog den Fuß zurück, den er schon auf die erste Stufe

gesetzt hatte. Angst vor seinem Zimmer faßte ihn. Die kargen Bäume

des Hausgartens rauschten. Armselig waren sie, aber sie trugen doch

grünes Laub, daran sich das bescheidene Auge erfreuen durfte. Ein

paar Schritte ging Busch in ihrem Schatten auf und nieder. Er hielt,

sprang zurück, eine verkrallte, kreischende Masse wälzte sich ihm vor

den Füßen. An der Stimme erkannte er die Kinder seines Nachbarn, des

dicken glatzköpfigen Rentners. Busch sprang zu, riß die beiden Jungen

auseinander. Des einen verkrallte Hand hielt noch ein Büschel Haare,

indes des andern erhobene Faust, noch immer zum Schlag geballt, sich

nicht lösen wollte. Wilhelm Busch sah entsetzt in die wutverrissenen

Gesichter, die Augen, die, bar jedes kindlichen Zuges, nichts waren,

als tierisch-wilder Haß. Nun aber ließen ihre Blicke voneinander und

einten sich in der Abwehr gegen den Störenden. Es lag wohl nun auch

ein wenig geduckte Furcht vor dem starken Erwachsenen darin, aber umso

tückischer zwängten sich die harten Kinderaugen. Nun weiteten sie sich

frecher unter dem Klang einer fetten Stimme, die aus der Rosenlaube

herübertönte: »Aber, Herr Busch, warum stören Sie denn den Kinderchens

ihr Vergnügen, sie haben doch eben so nett gespielt!«

Die unförmige Frau rührte bei ihren Worten nicht ein Glied, sie hob

nicht einmal die stumpfen wasserblauen Augen vom Strickstrumpf. Busch

wandte sich ohne Antwort und schritt den Kiesweg zurück, wilder Triumph

der Knabenaugen grellte ihm nach. Dann kreisten sie eifrig durch den

Garten, nach neuem Zeitvertreib Ausschau haltend. Unweit der Mutter

lag ein Hund, ein rasseloses Kötervieh. Halb schlafend jappte er

zuweilen nach Fliegen, dann wälzte er sich erwachend im Erdreich.

Da schlichen die beiden Jungen heran, packten ihn jäh am Schweif,

rissen ihn hoch, wirbelten ihn durch die Luft, die sein Jammergeschrei

erfüllte. Mit dumpfem Krach entfiel er den ermüdeten Händen, eben als

eine Katze vorbeischlich. Ihre Witterung weckte den Halbbetäubten, der

neu erwachte Schmerz paarte sich mit der uralten Jagdlust, die Zähne

faßten den Feind im Nacken, ein Biß, ein Zucken der Katzenglieder, dann

war's zu Ende. Das alles war so schnell geschehen, daß Wilhelm Busch

nicht Zeit gehabt hatte, sich der Verfolgten anzunehmen. Er trat zu

dem verendeten Tier, sein Malerauge umfaßte die gestreckten Glieder,

ihm selbst unbewußt, überwog die Lust des forschenden Künstlers das

Mitleid des Menschen. Nun aber sah er: Die Zähne des kleinen Raubtiers

hielten noch immer den Leichnam eines kleinen Vogels fest, wie dieser

in seinem Schnabel den letzten Wurm, den ihm das grausame Schicksal

nicht mehr zu fressen gegönnt hatte. In Wilhelm Busch's Stirne trat

eine tiefe, schwere Falte. In diesem kleinen Spiel bot sich ihm der

ganze furchtbare Kreislauf des Lebens. Ein Geschöpf quälte und fraß das

andere, das war der Weisheit letzter Schluß. Über allem, was lebte,

schwebte etwas Drohendes, Unfaßbares, dem es nicht entrinnen konnte.

Und jeder, jeder, ob er nun auf zwei oder vier Beinen schritt, aus

Mund, Rachen oder Schnabel pfiff, kannte kein anderes Bestreben, als

diesem Drohenden zu entfliehen und dem Schwächeren seine Angst zu

vergelten.

Ein Grauen faßte Wilhelm Busch. Grauen vor dem ungetrübten Himmel, der

sich verlogen über dem wirren qualvoll-gelösten Rätsel wölbte, fühllos

lächelnd, wie die dicke Frau, deren wolkenlos unbewegtes Gesicht sich

über das stumpfe Spiel des Strickstrumpfs beugte.

Ein dunkles Gefühl keimte auf in Wilhelm Busch. Zuerst Ekel, der sich

allmählich verdichtete, wuchs und Haß wurde. An die Kehle diesem

Weib, es würgen, daß die stumpfen Augen sich zum Entsetzen weiten,

das blöde-zufriedene Gesicht sich in Angst verzerren mußte! Unbewußt

verkrampften sich des Künstlers Hände. In Gedanken umkrallte er ihren

fetten, schwammigen Hals. Der engte und dehnte sich, zog sich zu mehr

als schwanenartiger Länge, die Augen traten krebsgleich vor, es war

lustig zu sehen. Nun zog der Maler auch an den Füßen, zu unendlicher

Länge dehnte sich die Gestalt, das Gesicht, der Mund, die Augen, zum

Totlachen die groteske Qual, die daraus sprach ...

Wilhelm Busch erwachte, war sich selbst mit einemmal fremd, unheimlich,

wie die ganze ihn träge umkreisende Welt. Unverändert beugte sich das

wolkenlos unbewegte Gesicht der dicken Frau über den Strickstrumpf.

Ein Schlag, Dunkel vor den Augen, mühsam riß Busch den Hut hoch, sah

in ein pfiffig-lächelndes kahlköpfiges Männergesicht. Nun ward das

Lächeln in einem dröhnend-kollerndem Lachen laut: »Gelt, jetzen hab

i's derglengt? Wie's da so ganga san, so ganz langsam und verlurn,

hab i glei g'wust, der denkt an was, den müss'mer stören, mach'mer

an Spaß mit ihm!« Er hängte sich in den schlaff-abwehrenden Arm des

Hausgenossen. »Wissen's, i hab soviel Humor in mir, i waß oft net,

wohin damit, dös müssa's doch verstengen, wo Ihre Bildeln doch aa so

lustig san! Na, na, nur fei kan falsche Bescheidenheit, dös vertrag

i net! Lustig san's, ans wie's andere! Alle ham's g'sagt heut beim

Frühschoppen im ›Franziskaner‹. Sogar der Stettner Schorsch. Und der is

net aso, dös is a strenger Kritiker, der is in Paris g'wesen und gar in

Rom! Ja, ja! Wie i g'sagt hab, daß i Sie kenn, haben's alle g'meunt:

bring'n mit! Kemma's nur, Sö sein gern g'sehgn, wirkli! Alle lustigen

Leit sehgn mir gern bei uns, nur kane Bazis, kane kopfhängerten könna

mir brauchen, kane, kane, was is dös für a Wort, es hört mit Mist auf,

i kann mir dös net dermerka ...«

Die Knaben sprangen mit wildem Geheul heran, entrissen dem Vater die

aus den Taschen starrenden Tüten, liefen davon und balgten sich um den

süßen Inhalt. Der fröhliche Herr wälzte sich lachend über den Rasen

hin der Strickerin zu, drückte einen langen schmatzenden Kuß auf ihre

Lippen und kehrte wieder zu Busch zurück, ehe dieser ins Haus enteilen

konnte.

»Ja, ja, da schaugn's Sö Junggesell, Sö ausg'schamter, der wo nix

für dö Population leista tuat! I muaß Ihna scho saga, i leb fei in

aner sehr glücklichen Eh', aber scho in aner sehr glücklich'n! Da

ham's kan Vorstellung net davon! I sag, a guada Mensch muaß heurata,

ja! Und wer net heurata tuat, der -- Sö verzeihn scho, aber dös is

mei Weltanschauung, es is net persönlich g'moint, -- der is ka guada

Mensch! Na! Wann ma abends daham sitzt und sein Schlafrock und sein

Pantoffeln hat und sein Mütz, Sö, mei guade Frau hat mir oane g'stickt

aus rodem Sammet, mit silberne Perlen und Ähren und Weinlaub drauf, a

so a guade Haut is', da fühlt ma erscht, wie guat's oam geht. Aber ma

waß aa, daß ma sich's verdeant hat. Der Bauch is so schön voll, von

dö vier Maß Franziskaner, wo i jeden Abend beim Dämmerschoppen trink,

net oans mehr, net oans weniger, so halt i 's scho zwanzig Jahr, i bin

für a Ordnung. Also, Sö keman do, net wahr? I sag Eahna«, er faßte den

Großen, Schlankgewachsenen am Knopf und zog ihn zu sich nieder, »i sag

Ihna, dö Kellnerin dort, dös is scho fei's Höchste! I bin ihr heunt so

ganz zart bei'n Zahlen, über die Haxn g'fahra, ja dös is, dös is, a

Genuß is dös, a Genuß!« Er lehnte sich zurück, das Gesicht löste sich

in einem seligen Lächeln, die Hände falteten sich fromm über dem Bauch

...

Als er merkte, daß der Künstler sich entfernen wollte, haschte er

wieder nach dem Rockknopf, ein mißtrauisch-böser Blick schnellte hoch!

»Is Ihna eppa mein' G'sellschaft net convenable, han? I moan, a jeder

kann si gratuliera, wann er mit mir verkehra derf! Es haben si scho

andere Leit um mi g'rissa! Wer mi net mag, der muaß blöd sein, aber

scho ganz ausg'schamt blöd! Aber na, na, Sö san fei net blöd, Sö san a

g'scheita lustiga Mensch! Sö san net so, wie der Trottel da droben,« er

zeigte nach einem Fenster, »der hochnasige! Weil er fei a G'studierter

is, bin i ihm wohl z'weng? A Dichter soll er sein, a Dichter, a

Künschtler. Is es net zum Lacha? Wissa's, so an Künschtler wia Sö, den

laß i mir g'falla, da kann ma lacha! Aber so aner, wia der! Nix zum

Fressa hat er, rein nix zum Fressa! I bin a guada Mensch, sag i Ihna,

a sehr guada, i wünsch koan nix Schlechts, aber dem und seiner Frau,

der blöden Gans, a Baronin soll's g'wen sein, dös aa no, denan vergun

i's! Ausschau'n tuan's zum ins Grab legen, die Kinder ham Boan wia dö

Zaunstecken! Aber auf's hoche Roß setza müssa s'si, dö Hungerleida, dö

notigen!« Aus verborgenen Abgründen brach ein grausam-kaltes Licht,

trat in die engen, verschwommenen Augen des Dicken. Jäh erschauernd

riß Busch sich los und schritt grußlos rasch ins Haus, die Treppe

überknarrte den nachhallenden Ruf des Verlassenen.

Im letzten Abendschein glänzte das Bild auf der Staffelei. Es war eine

norddeutsche Landschaft, in tiefen Gottesfrieden getaucht. Ein paar

schlichte Menschen im Vordergrund, in ihrer einfältigen Güte eins mit

Getier, Pflanze und Himmel. Voll reinster Harmonie flossen Linien und

Farben.

Wilhelm Busch riß den alten Malerkittel vom Haken und warf ihn über

das Bild. Lüge war die Kleckserei, erbärmlicher Kitsch! Pfui Teufel!

Er nahm das nüchterne Reißbrett vor, die Eckigkeit, das schlichte

Grauweiß des Zeichenblattes taten ihm wohl, er spitzte den Bleistift

zur letzten Schärfe. Wie eine Lanze mußte er sein. Eine Lanze, die

man der scheußlichen Welt ins Herz stoßen konnte. Der schlappe Pinsel

glitt daran nieder, verkroch sich und malte dann so verlogenes, feiges

Zeug, wie dieses Bild da, das, Gott sei Dank, jetzt der alte bekleckste

Mantel verhüllte, daß man kein Fleckchen davon sah. Spitz war der

Bleistift. Nüchtern leer das Blatt. Sie warteten. Bis morgen mußte

eine Zeichnung fertig sein. Etwas Lustiges, darüber die Leute Tränen

lachten. Ja, das mußte es sein, dafür bekam man Geld. Lustig, lustig,

ja! Weil das Leben so lustig war. Und alle Menschen so gut waren,

Ebenbilder Gottes, durch seine Gnade mit Pflanze und Tier verbunden

zur himmlischen Harmonie, wie er es auf der dummen Patzerei da hatte

darstellen wollen. Nicht daran denken! Arbeiten! Würde ihm schon etwas

einfallen. Aus dem Bleistift da würde es kommen, den er nun zur Hand

nahm, auf das erwartungsvoll-weiße Blatt setzte.

Ein wilder Strich fegte über das Papier, das Reißbrett flog krachend

auf den Tisch. Himmelherrgott ging es schon wieder an! Wie allabendlich

um dieselbe Stunde. Zuerst das »Gebet der Jungfrau«, dann der Walzer

im gleichen Holzhackertempo mit den traditionellen Fehlern an ewig

derselben Stelle! Er hatte der Nachbarin doch gestern einen Brief

geschrieben, sie in höflichstem Tone gebeten, ihre Klavierübungen auf

eine andere Stunde zu verlegen, der Abend sei seine Arbeitszeit, seine

mühsam erkaufte, die er brauchte, um sein Brot zu verdienen, um leben,

schaffen zu können. Was mußt du leben, schrillte das Instrument, was

mußt du schaffen! Wenn nur ich klingen, schrillen, dröhnen kann, das

ist die Hauptsache, das ist das einzig Wichtige in der Welt. Alles

andere ist mir einerlei, völlig einerlei, verstehst du?

Busch trommelte an die Wand, er flehte, schrie, brüllte um Ruhe,

unbekümmert weiter knarrte, quiekte, klapperte, stach, bohrte das

höllische Instrument in seine Nerven. Still saß Busch. Seine gequälte

Phantasie trieb schauerliche Blüten. Er zwängte die Hände der Spielerin

in teuflische Daumschrauben, daß sie sich lang zogen wie Spinnenfüße.

Er rief den Metzgermeister von nebenan zu Hilfe, den er erst vor

kurzem auf einem Bilderbogen verewigt hatte, der zog sein langes

Messer, schlitzte der Spielerin den Bauch auf, rollte ihre Därme auf

eine Haspel und verknüpfte sie den Saiten des Klaviers, daß sie deren

Schwingungen, in Schmerzen sich windend, mitmachen mußte, gezwungen,

sich selbst zu foltern. Umsonst, sie schien es gar nicht zu fühlen.

Ohne Störung ratterten die Tasten weiter bis ans Ende der üblichen

Zeitspanne. Endlich war Stille.

Nein, es war nicht Stille. Die Kinder des Rentners wurden zu Bette

gebracht. Wütendes Schreien, sanfte Schmeichelworte der Mutter, noch

lauteres Gebrüll, das langsam abflaute und endlich nur mehr gedämpft

aus dem ferner gelegenen Kinderzimmer die zweifache Wand durchbrach.

Dünn, ganz dünn waren die Wände des Zinshauses. Jedes Wort hörte man.

Dem Zimmer des Malers benachbart war das eheliche Schlafgemach.

Nun war es eine Weile wirklich ruhig. Ganz ruhig. Wilhelm Busch tauchte

in diese Ruhe, wie in ein warmes, schmiegsames Bad. Ach, immer so still

sein dürfen und allein! Allein mit Gott, Wolken, Wind und Himmel!

Hier war ihm der Weg versperrt. Für einen Augenblick erschien ihm der

Himmel der Heimat. Gott sah auf ihn nieder, vom Weißhaar der Wolken

umflattert, aus herbblauem nordischem Auge. Ein Schatten, Wolken,

Himmel, Gott verschwinden, der dicke Rentner und seine Frau verdecken

ihn, lassen nicht ein Endchen frei, breit, breit, unendlich breit ihre

verschwommenen Gesichter, nichts, nichts sonst, sie füllen die Welt.

Eine Stimme dringt durch die dünne Wand. Ja, die Stimme des Dicken

ist's. Jedes Wort versteht der Nachbar. Er kennt die Worte. Es ist

immer dasselbe. Der dicke Herr wird zärtlich. Busch will's nicht hören.

Er verstopft sich die Ohren. Aber die Hand mit den Weißwurstfingern

drückt ihm den Arm nieder, faßt ihn am Knopf, zieht ihn dicht an die

Wand heran. Zuhören, zuhören! Ich will mein Publikum! Immer süßer,

schmalziger werden die Worte, wie ranzigfettes übersüßtes Gebäck

fühlt sie Busch auf der Zunge, jetzt ein langer Kuß, und jetzt, jetzt

... Wilhelm Busch will fliehen, die Füße kleben, eine grauenvolle

Macht bannt ihn fest. Die Hand, die ihn am Knopf hält, wächst. Ins

Riesige wachsen die dicken Leiber der beiden Menschen. Ihre stumpfen

Augen glühen auf in giftiger grausamer Lust. Tiere sind's. Furchtbare

Urwelttiere, die Arme wachsen zu gebreiteten Flügelflossen, ihr

stumpflachender Mund wird zu riesigem Rachen, die Flossen umschlingen,

die Rachen verwühlen sich einander im unzähmbaren Trieb, sich zu

mehren, nicht zu vergehen, ewig zu sein. Ewig, ewig werden sie arme

Tiere und Menschen quälen, ewig werden sie Himmel und Gott verdunkeln

dem hungernden Blick. Die Wand fällt. Untrennbar verschlungen stehen

sie vor dem Einsamen, von immer neuen Scharen gefolgt. Wachsen,

wachsen, umkreisen den Künstler, rücken dichter heran, ihre Flossenarme

greifen, ihre Rachen schnappen nach ihm, wehrlos steht er vor ihnen.

Einen Schild, eine Waffe, gütiger Gott! Wilhelm Busch's zitternde Linke

umkrallt das Reißbrett, stemmt es vor die bedrohte Brust, die Rechte

hascht nach dem Bleistift, hebt ihn gegen den Feind, der weicht zurück,

wird kleiner, schrumpft ein, die Flossen werden wieder zu dicken Armen,

die Rachen zu einem grinsend verrissenen Mund. Nur die Augen blicken

tückisch, spähen nach einer Blöße des Gegners. Im dankbaren Gefühl der

Befreiung sucht Wilhelm Busch das Himmelslicht im Fenster. Schon will

der feindliche Arm schwellen, der Mund wachsen, aber der Bedrohte ist

auf der Hut. »Halt« schreit er, hebt die Waffe, läßt sie auf den weißen

Schild niedersinken. »Halt! Nicht einen Zoll vor! Ich halt euch fest,

ich banne euch, ihr tragt von jetzt ab die Gestalt, die ich euch gebe!«

Warme, beglückende Kraft durchfließt den Maler. Von ihr geführt,

gleitet der spitze Bleistift über das Papier. Der dicke Dämon will

ängstlich den Kopf bewegen, er kann es nicht, er muß ihn so halten,

genau so, wie er auf dem Papiere steht, genau so muß er die Augen

zwängen, die dicke Hand spreizen, ganz genau so. Er und die Frau an

seiner Seite. Nicht einmal ein wenig mit der Cul darf sie wackeln,

wenn es der da nicht erlaubt, der Furchtbare, Mächtige, dessen spitzer

Zauberstab sie zu willenlosen Sklaven seiner tyrannischen Laune gebannt

hat.

Je sicherer und eifriger Wilhelm Buschs fleißige Hand sich regt, desto

schöner und stärker wächst sein machtvolles Lächeln. Nun taucht es

in den hellen Mondglanz, der durchs Fenster fließt. Es ist dasselbe

Lächeln, wie es der weise himmlische Nachtwächter trägt, der nun schon

unzählbare Jahrhunderte lang diese jämmerliche Erde hütet und ihre

geheimsten, dunkelsten Falten mit seinem mitleidlosen Lichte zauberhaft

erhellt.

~Von Robert Hohlbaum~

erschienen im gleichen Verlage:

~Unsterbliche~

~Novellen / 9. Tausend~

~Leinen Mk. 3.50~

_Himmlisches Orchester_

Der »~Unsterblichen~« neue

Folge

~Novellen / 12. Tausend~

~Leinen Mk. 3.50~

Sänger und Könige · 第 23 / 23 题