Der Berg

Seit Peter Cornelius den Brief erhalten hatte, der ihn zu Richard

Wagner rief, war sein Handeln traumhaft und das eines Menschen gewesen,

der, seines eigenen Wesens kaum bewußt, unter einem übermächtigen

Zwange steht. Erst der Ruck des anfahrenden Zuges hatte sein Ich wieder

über die Bewußtseinsschwelle geschleudert. Nun wachte es hilflos,

verwirrt und mußte der zwingenden Macht ins unerschütterte Auge sehen.

Diese Augen, diese furchtbaren Augen! Furchtbar. Waren sie furchtbar?

Konnte nicht vollste Liebe aus ihnen leuchten? Freundschaftliche

Sorgsamkeit? War ihr Zauber nicht oft zart, weich, süßtönend, wie die

Betörung des Preisliedes? Ja, ja, tausendmal ja! Unwiderstehlich,

herrlich war das alles! Aber warum dann diese steil wie eine Flamme

schnellende oder heimlich wie ein Eisschauer aufkriechende Angst,

dieses Atemschnüren und Herzpressen, als ging es ums Leben? Das war das

Rätsel, das Zwiespältig-Verzehrende. Peter Cornelius sann ihm nach im

ewigen Gleiten des Zuges.

Das ungestört sich fortwebende Geräusch beruhigte ihn. Das Gerüst des

Rhythmus umkleidete sich allmählich mit Musik. Eine Melodie. Ein Lied,

dessen Keim ihm gestern auf einem einsamen Spazierweg aus gestilltem

Herzen erwachsen war, bis der Brief, der Ruf aus der Ferne, es wieder

ins dunkle Nichts gestoßen hatte.

Der Zug fuhr schneller. Das Lied verklang. Die wilder sich drehenden

Räder zermalmten den zarten Leib. Eine andere Musik sprach aus dem

wühlenden, dröhnenden Takt. Groß, gewaltig, stark, überreich, wie das

Lächeln, die Sorge, die Güte, wie alles, alles, das an dem Andern war,

ihm angehörte, aus ihm wurde. Peter Cornelius sank in sich, fühlte das

Rauschen, fühlte es mit der Angst des Erstickenden. Und doch war eine

Sehnsucht in ihm, den letzten Rest des Lebens in die machtvolle Flut zu

senken, ganz in ihr zu vergehen.

Der Zug hielt mit hartem Ruck, die Musik schwieg, wieder wurde Peter

Cornelius sich seines Wesens bewußt. Am Nachbargeleise hielt der

Gegenzug. Die Rettung! Rettung. Nichts anderes dachte er, nichts

anderes durchzuckte sein Hirn, als dies grelle Wort. Er riß den Koffer

aus dem Netz, stieß die Wagentüre auf, stand auf dem Stufenbrett. Sein

Schritt stockte. Der Ruf aus der Ferne klang auf. Übermächtig, seine

Angst, sein Ich übertäubend. Der Nachbarzug zog an. Entglitt. Der

Schrei des Schaffners trieb Peter Cornelius auf seinen Platz zurück wie

ein aus der Herde gebrochenes Tier.

Wieder der Rhythmus der Räder. Der Einsame versank in der dumpfen

Unabänderlichkeit.

Er hatte den Freund nicht von seinem Kommen verständigt, um sich nicht

den letzten tröstenden Trug der Freiheit des Handelns zu rauben.

Niemand erwartete ihn. Er stellte den Koffer auf dem Bahnhofe ein,

fragte nach dem Weg und ging dann langsam, jeden Schritt als ein

letztes süßes Geschenk genießend, die stille Dorfstraße fort.

Hinter dem letzten Hause zweigte der Feldweg ab, den man ihm bezeichnet

hatte. Er führte durch eine Blumenwiese voll ungemessener bunter aber

doch schlichter Pracht. Noch lag trotz der späten Tagesstunde über ihr

ungestört die süße Last der duft- und sonnenschweren Luft, noch spannen

die Honigträger ihre vielstimmige, nie erlahmende Musik. Tiefatmend

trank Peter Cornelius den Zauber. Noch einmal rief die ferne Stimme.

Aber die süße Gewalt der Stunde stärkte ihn. Er durfte verweilen,

niemand erwartete ihn, noch war er frei. Er sank nieder in die bunte

Flut. Fühlte sein Herz, fühlte die Blumen, fühlte wie das Herz ihnen

verwandt war. Blühen und stille sein, gab es ein schöneres, Gott

näheres Los? Traumhaft wuchs aus ihm sein Lied, fand seinen Orgelpunkt

im Sang der Käfer und Bienen und fühlte sich so der Gotteswelt in

unerschütterlicher Sicherheit verbunden.

In den Duft des Tages strich erster Abendhauch. Die Musik verstummte.

Die warme Luft verhauchte, kühl atmeten die Blüten und Gräser. Peter

Cornelius' Herz erwachte. Langsam erhob er sich, fremdgeworden schien

die Welt. Er schritt gesenkten Blicks den Weg weiter, kaum des Ziels

bewußt. Scharf bog der Weg, fühllos kalt wehte die Luft, Peter

Cornelius sah auf, sah in das unbewegte schneebleiche, streng gefurchte

Antlitz eines hohen Berges. Der Rest des vielfältigen kleinen Taglebens

verstummte, ertrank im Dunkel, das dichter aus der Tiefe quoll. Selbst

die Halme, die noch im Abendwind vor dem kommenden Ewig-Unfaßbaren

gebebt, ergaben sich dem großen Willen der Nacht, der starr aus dem

Antlitz des Berges niedersah auf die unterjochte Welt.

Peter Cornelius schritt rascher aus, die Wärme seines Lebens zu fühlen,

den Laut seines Schrittes zu hören, aber sein Blick haftete an dem

Berge. Immer wenn er versuchte, ihn zu lösen, erfaßte ihn die stille,

kalte Macht und gab ihn nicht frei.

Am Fuße des Berges, von der Flut seines Geisterlichtes übergossen, als

sei es ein Teil von ihm, lag ein Haus. Aus ihm drang Musik. Aber sie

war kaum als Äußerung einer anderen Wesenheit erfühlbar, groß, klar,

unerbittlich, erhaben über allem Lieblich-Kleinen, war sie die Stimme

des Berges, die Stimme der Nacht.

Peter Cornelius stand still. Sein Schritt hatte nicht die Kraft, gegen

die tönende Macht, sich aufzulehnen, der Wanderer ergab sich ihr.

Allmählich gelang es dem Musiker, sie aus der bannenden Umwelt zu

lösen; er versuchte, nach den Regeln der Zunft sie zu teilen und zu

gliedern, umsonst, die Teile fügten sich wieder zum ungeheuren Ganzen,

nur dieses blieb, übermächtig, Ergebung fordernd.

Wagners freudiger Willkommschrei klang nach in den überfeinen Nerven

des Gastes, als ein Fremdes, Unbegreifliches. Ein warmes, stilles

Wort, ein stummer Händedruck, das hätte ihm wohlgetan. Sein Verstand

sagte ihm, daß er Unrecht tat. Daß er, den das große Ich des andern

quälte, nun sich selbst zum Maß aller Dinge machte. Umsonst, noch immer

schmerzte der Nachhall des Schreis. Kaum verstanden rauschte Wagners

Rede über ihn fort. Das Kommen des Gastes hatte jäh die Schleusen,

damit der Einsame seine Seele fesselte, durchrissen, nun brauste

die lange gestaute Flut. Er sprach von sich, nur von sich. Und dann

wandelte sich die Rede zum Klang. Kaum merkbar floß sie über in jene

Musik, aus der das Antlitz des Berges starrte und die erdferne Gewalt

der stummen Nacht.

Über Peter Cornelius floß Müdigkeit. Das Bild des Berges verblaßte,

die Musik wogte an ihm vorüber, ohne in seinem Fühlen und Begreifen zu

haften. Dankbar empfand er, wie seine gespannten Nerven sich lösten.

Die Musik schwieg jäh, die Stille riß Peter Cornelius zu schmerzender

Überwachheit.

»Du bist müde«, sagte Wagner. »Du folgst mir nicht!«

Die beteuernde Geste des Gastes erstarb in der Macht der Stimme.

»Ja, du bist müde!« Mit ein paar hastigen Schritten zwang der Meister

die Enttäuschung nieder und fand zur Besinnung.

»Du mußt ja müde sein und hungrig, nicht wahr?«

Peter Cornelius ergab sich. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen,

jetzt kam's ihm erst zu Sinn.

Mit einem Schlag wandelte sich Wagner und war nichts als sorgender

Gastgeber. Er läutete gellend, er schrie nach dem Flur, rannte die

Treppe nieder, seine scheltenden, beschwörenden Worte tönten aus

der Küche auf, er hastete zurück, riß selbst das Tischtuch aus der

Lade, lachte überlaut, weil Cornelius helfen wollte und sich recht

ungeschickt anstellte, warf Gabeln und Messer, klirrte mit Gläsern

und Flaschen, entkorkte sie, prüfte die Blume des Weines und war so

ganz dieser Tätigkeit hingegeben, als sei sie die seiner Neigung

entsprechendste.

Staunende Blicke folgten ihm schwerfällig, ohne Begreifen. Wie konnte

man jäh ein so ganz anderer sein! Wenn der Gast eine fremde Musik

gespielt hatte -- vom eigenen Schaffen zu schweigen -- umhüllte sie ihn

noch lange wie ein Schleier, der ihm Hirn, Schritt und Hand lähmte.

Und der Freund? Ewig ein andrer. Wo faßte er ihn zum Beharren, damit

er einmal ihm zu ruhig-prüfendem Blick sich böte, damit die hundert

verwirrenden Bilder zu einer klarlinigen Gestalt sich formten!

Aber indes er dies dachte, bot sich schon wieder ein neues Bild. Der

Freund saß ihm gegenüber und hob den Römer, wie der konsekrierende

Priester den Kelch, ruhig, voll klarer Würde.

»Du kommst an einem bedeutungsvollen Tage. Das Werk ist vollendet, ich

schrieb heute die letzte Note, deshalb rief ich dich«.

Die Gläser klangen, Peter Cornelius stammelte seinen Glückwunsch.

Wagner hörte es nicht mehr. Während vordem in seiner Rede nur die

Wasser der Oberfläche gerauscht hatten, brach es jetzt aus den Tiefen,

dem Grundquell des Seins. Wie das Werk geformt, wie es gewachsen und

sich zum Wesen gebildet, geheimnisschwer im Menschlichen, ätherleicht

im Bewußtsein der Verbindung mit Gott und den Sternen, wie er darum

gebangt und gelitten in schwerer Krankheit und daran genesen zu

herrlicherem Lebensgefühl, das breitete er aus vor dem Freunde, sich

davon befreiend, Raum schaffend im Herzen für neues Glück und neuen

Schmerz. Der Diener trat ein, der Zugwind löschte die Kerzen. Im

plötzlichen Dunkel des Fensterbildes stand der Berg, dunkelschwer in

seinen Grundquadern, mit dem monderhellten Gipfel schon dem Himmel

gehörend. Wieder flammten die Lichter auf, Peter Cornelius' Sinne

hielten das Bild. Das verband sich den Worten des Freundes, wuchs

auf hinter dessen Gestalt, erhellte sein Gesicht mit geisterklarem,

undurchdringlich-abwehrendem Schein. Aber nun fühlte Peter Cornelius

sich von fiebernden Menschenhänden umschlossen. Die Stimme warb.

»Freust du dich mit mir, Peter? Ich hab's nicht mehr allein tragen

können! Ich wäre daran zu Grunde gegangen! Ich mußte dich haben! Freust

du dich?«

Die erste Frage war abgeglitten an Peter Cornelius' Herz, die zweite

bohrte sich darein. Freute er sich? Freute er sich? Ja. Lüge! Nein,

nein, tausendmal nein! Worüber sollte er sich freuen? Daß der Berg vor

ihm wuchs, höher, im kalten Prunklicht, daß er im eisigen Schatten

erfrieren würde, wie alles kleine Leben, das sich dem Furchtbaren

töricht nahte?

Ein kleiner Nachtfalter huschte durchs Fenster, umtaumelte das Licht,

landete auf Peter Cornelius' hilfreich gebotener Hand. Der Blick des

Mannes klammerte sich an das schmucklose Wesen, fühlte das Beben der

Zitterfüße, das Wehen der Fühler, den Hauch des Farbenstaubes, versank

in Andacht vor dem Wunder dieser lieblichen Kleinheit, die er wärmend

an sein Herz betten konnte, die seinem Herzen den Trost ihrer Wärme

gab.

Indessen sprach Wagner, an seinen Worten sich zu immer freudigerer Glut

entzündend, die starken, durchnervten Hände agierten, die Kerzenflammen

duckten sich immer wieder vor dieser Macht. Die Motte flog auf von

des Gastes Hand, umhuschte die Lichter, streifte trunken Wagners

Stirn, er griff darnach, das zarte Wesen verging. Ein jäh stechender

Schmerz durchriß Peter Cornelius' Brust, als hätte eben sein Herz den

Druck jener Hand gefühlt, die sich nun wieder hob, als dirigierte sie

mit einem Zauberstabe das Orchester der Welt. Keinem gönnte sie sein

schlichtes Eigenlied, er mußte einstimmen in den ungeheuren die Erde

überschattenden, in den Himmel wachsenden Klang.

»Du bist müde, Peter, nicht wahr?« Gedämpft, zart klang die Stimme.

Müde? Nein. Er wollte nicht müde sein, es wäre völliges Ergeben

gewesen. Noch lebte etwas in ihm, das sein Leben fühlte, das sich

auflehnte gegen das Ungeheure.

»Ich bin nicht müde, nein, wirklich nicht.«

»Du sollst ganz aufrichtig sein. Es hat keinen Zweck. Wenn du das Neue

hörst, mußt du frisch sein, es aufnehmen mit allen Sinnen. Es ist nur

Nervosität von mir, am ersten Abend deinen Widerhall hören zu wollen.

Wir werden ja noch so viele Abende gemeinsam haben.«

»Das wohl kaum. Ich werde bald wieder heimfahren müssen.« Heimfahren.

In die Freiheit, in die Stille! Tief auf atmete Peter Cornelius.

»Warum? Was zwingt dich dazu?«

»Ich habe eine Arbeit begonnen.« Arbeit, war es nicht lächerlich? Was

lag dem Gott, dem Dämon da drüben, an seiner Arbeit, die aus kleinem

Menschenglück und -leid keimte!?«

»Arbeiten kannst du hier auch. Du bist ganz ungestört in deiner Stube.

Wir hören nichts voneinander. Nur am Abend, dann spielst du mir's vor.«

Ein Peitschenhieb. Ein Almosen. Warum demütigte er ihn immer bitterer?

Stand er nicht schon tief genug?

»Schön wird das sein, wunderschön,« fuhr Wagner lebhafter fort, »wir

beide hier! Herrlich wird das sein! Einen Menschen haben, einen

Menschen, in den man all das gießen kann, was einem sonst die Brust

zersprengt!« Er sprang auf, faßte des Freundes Hände. »Peter, ich

wollt's diplomatisch machen, es geht nicht, es muß heraus! Du darfst

überhaupt nicht mehr fort! Du bleibst bei mir!« Nun überstürzten sich

die Worte, »Alles ist vorbereitet! Der König gewonnen, ein Amt in

München wartet auf dich, nur pro forma, es wird dich nicht drücken, du

wirst immer bei mir sein, wirst alle Phasen meines Schaffens begleiten

und wirst selbst schaffen können, ruhig, ungestört, viel ruhiger als

jetzt! Peter, sag ja, heute noch ja, du mußt ja sagen!«

Ein dichter schwarzer Vorhang sank nieder vor Peter Cornelius' Blick,

eine dunkle Gewalt umschnürte ihm Hals und Brust. Vor ihr starb Denken

und Begreifen. Er mühte sich, den Sinn der Frage zu verstehen, eine

Antwort zu formen.

»Sag' ja, Peter, du ahnst nicht, welche Freude du mir machen würdest,

ich wäre ganz glücklich! Sag ja, heute noch! Ich brauche dich! Du mußt

bei mir bleiben!«

Bleiben, hier bleiben. Aufgehen in der fremden, ungeheuren Macht, mit

des andern Hirn denken, mit seinem Herzen fühlen, das würde das Ende

sein. Und die eigene kleine, zarte Welt würde zerstäuben wie der arme

Leib der Motte.

»Ich kann nicht! Ich kann nicht!« keuchte er.

»Warum? Es hält dich doch nichts! Und ich sagte dir doch, ich habe

alles vorbereitet. Warum willst du nicht?«

Peter Cornelius hörte nicht das Bangen, das in der befehlsgewohnten

Stimme mitschwang. Nichts hörte er, als das Brausen der Flut, die ihn

erstickte. Er schrie: »Weil, weil du mich erschlägst, weil ich an dir

zu Grunde gehe! Laß mich doch leben! Leben, leben will ich!« Die Worte

verglitten. Ein flehender Klang zitterte nach. Wildes Schluchzen warf

den Leib. Wagner war zurückgeprallt vor dem Ausbruch, den er nicht

faßte. Nun, da der Freund in doppelte Schwachheit sank, regte sich das

Mitleid des Starken.

»Aber, Peter, was sprichst du denn! Ich will dich erdrücken? Wodurch

hab ich den Vorwurf verdient? Bist du nicht der Einzige gewesen, dem

ich mich ohne Rückhalt erschlossen habe? Hast du nicht jedes Werk von

seinem ersten Keim an wachsen sehen? Hab ich nicht teilgenommen an

deinem Schaffen? Peter!«

Peter Cornelius fühlte die Liebe, die aus diesen Fragen sprach, fühlte

die gewaltige Hand, von dieser Liebe zur Zartheit gemildert, auf seinem

Haupte. Fühlte, daß diese mitleidige Liebe ihn nicht emporhob, sondern

in immer qualvollere Tiefen zwang. Aber er hatte nicht mehr die Kraft,

sich dagegen zu stemmen. Sehnsucht ergriff ihn, nach dem Ende dieser

Qual, nach dem Nichts. Ganz vergehen, sich nicht mehr fühlen, seinen

ringenden, armen Atem verhauchen in des Großen die Welt erfüllenden

Sturm!

»Verzeih, ich weiß nicht mehr, was ich sage! Eine augenblickliche

Verwirrung, meine Nerven sind ein wenig mitgenommen. Jetzt hab ich

mich wieder in der Hand.«

»Ist schon gut, weiß alles. Und jetzt gehst du schlafen; komm, ich

führe dich in dein Reich, das du hoffentlich recht lange, vielleicht

für immer, beherrschen wirst!«

»Nein, bitte, nicht schlafen gehen!« bat Peter Cornelius wie ein Kind.

»Bitte, spiel mir vor! Ich sehne mich nach deiner Musik! Spiele,

Richard, meinetwegen! Jetzt brauch ich dich!«

Peter Cornelius löschte die Lichter. Ins Fenster trat der Berg. Um das

bleiche Tyrannenhaupt schlangen kalte Sterne ein Diadem. In wollüstiger

Gier nach Vergehen trank Peter Cornelius das Bild in sich. Und dann

türmte sich ein zweiter Berg, auf den Grundmauern der Bässe wuchs

das strahlende Gletscherlicht des Melos in den Himmel auf, Sterne

umkreisten sein Haupt, das furchtlos in Gottes Antlitz sah.

Einmal noch zuckte des Hörers Lebensflamme in letzter Angst, dann

ertrank sie im ungeheuren rauschenden Licht.

Schon eine geraume Weile schwieg die Musik, als Peter Cornelius

sich dieses Schweigens bewußt wurde. Aus den Wassern der Betäubung

auftauchend, fühlte er sich staunend neu, dem Dunkel der letzten

Stunden nur durch ein zartes, schmerzloses Erinnern verbunden. Er

erhob sich, jeder Schritt, jedes Regen der Hand war eine Äußerung

dieses neuen Lebenswillens. Das erste Traumgrau des Morgens durchwob

den Raum, unhörbar der Atem der Welt. In ihm verfloß der Atem

des Schlummernden. Wagner lag, von schwerer Müdigkeit gefällt,

zurückgeworfen im Sessel, die Glieder erschlafft und verkrümmt. Im

ungewissen Nebellicht schwamm das Antlitz.

Leise trat Peter Cornelius zu ihm. Sah die verfallenen Wangen, die

spitze Nase, die zerquälte Stirne im Banne tödlicher Erschöpfung.

Tief grub sich dies Bild in des Schauenden Sinn, verdrängte alle

Erinnerungen an den Übermächtigen, schmerzvoll Umworbenen, Geflohenen,

fast Gehaßten. Das letzte Dunkle des Ich überwindend, wuchs ein Mitleid

aus dem Erschütterten, das sich ganz zu übermächtiger Liebe wandelte.

In unendlicher Zartheit streichelte er die bleigrauen Wangen, die

erschlafften Hände, rückte den Sessel an das Ruhebett, bettete den

Müden, hüllte ihn in Decken, ein dankbares Aufatmen, ein Entspannen

der Züge zur Erlösung segnenden Schlafs. Reglos saß Peter Cornelius an

dem Lager, dem Wesen des Andern hingegeben, nichts als selig wachende

Sorge. Ihm war, als sei diese Stunde befreit vom Gesetz des Vergehens,

der Ewigkeit gegeben.

Heller tönte sich das Gespinst des Morgengraus. Der erste Vogel rief.

Der Wachende hörte ihn nicht. Es rief zum andern, zum drittenmal. Nun

drang der Urlaut in das erschlossene Herz. Das Herz verstand ihn.

Der Vogel rief, warnte. Brangänens Wächterruf. Die Stunde war nicht

ewig. Ein Morgen kam. Die Liebe verbrannte in seinem Schein. Qual,

vergebliches Ringen, Vergehen und Haß.

Unerbittlich klar klang der Ruf des Vogels.

Peter Cornelius wußte, er mußte gehen. Auf immer. In dieser Stunde,

die voll Liebe war. Noch einmal umfing sein Blick den Schlafenden.

Seine Lippen rührten ehrfürchtig die Stirne, das Tor, das Qual und

Glück seines verklungenen Lebens verschloß, und folgte dem Ruf, der

immer wieder aus dem Märchen des Morgens drang. Nichts als der Sang des

Vogels und der Schritt des Menschen. Unsichtbar, von Nebeln verhüllt,

der Berg. Nun drangen Bäume freundlich nah aus dem Schleiermeer, wehten

grüßend, sangen mit der Stimme unsichtbarer Vögel. Nun fühlte des

Wanderers Fuß die Weichheit der Wiese. Nun schwiegen auch die Vögel in

der letzten tagnahen Stille. Ehrfürchtig erstarb des Wanderers Schritt,

dankbar zog ihn die Erde an sich, in die kühle, grüne Weichheit. Eins

mit allem, fühlte er das klare verkündende Wehen, das erste warme Gold

floß über seine Lider, wie über die Blumen und Halme.

Mit dem süßen Sonnenduft erwachte die Musik der Bienen. Aus der treuen

Sicherheit ihres unabänderlichen Summens erblühte dem Beglückten eine

Melodie, nur ihm zu Eigen und dem kleinen Stücklein Welt, das sein war

und dem er angehörte. Nichts wollte er hören, als dieses Lied und den

von keinem Geschehen gestörten zarten Orgelton, nichts fühlen, als

den eng gebannten Hauch des Windes und die Gräser und Blumen, dieses

Hauches selig ergebenes Spiel. All das verschloß er andächtig in seinem

Herzen zu dauerndem Besitz. Und wußte, daß nun Gott darin lebte, der

aus dem Wehen des kargsten Halmes spricht, wie aus dem Glanz der

Sterne.

Sänger und Könige · 第 21 / 23 题