Karl Maria von Weber trat in das Vorzimmer des königlichen
Audienzsaales und sah im großen Wandspiegel sein Bild. Der grüne,
goldgestickte Staatsfrack und die alabasterweiße Weste grellten in
seine kurzsichtigen Augen, daß er sie schloß. Als er sie öffnete, trat
ein von wehem Spott gezeugtes Lächeln in sein blasses Gesicht. Wie eine
Wachspuppe, urteilte er, die man zu einem Fastnachtsscherz verdammt
hat. Der Schneider hatte all seine Kunst aufgewendet, es war vergebens.
Das Feierkleid wollte sich der eckigen Brust nicht bequemen, die
dünnen Beine staken jämmerlich in den Eskarpins und Seidenstrümpfen.
Das Lächeln schärfte sich zu verbissener Wut. Wie er dieses Kleid
haßte, wie ihm die unbarmherzig kühle Luft, das Halbdunkel der hohen
Hallen den Atem preßte, wie, ach Gott, wie er sich sehnte nach seiner
sonnigen Stube daheim, wie ein lebendig Begrabener sich nach dem Leben
sehnt! Und wieder stieg die alte Frage in ihm auf: Warum? Warum trieb
er dies unwürdige Spiel? Warum katzbuckelte er in diesem lächerlichen
Aufzug vor einem Fürsten, der ihn ja doch nicht liebte, der ihm bei
jedem Anlaß zu verstehen gab, daß der Italiener und seine Kunst an
die erste Stelle gehörten? Warum? Damit die Seinen, die Frau und das
eben ihnen geschenkte Kind nicht Not leiden müßten? Vielleicht; aber
doch, nein, das allein war's nicht. Sie könnten in einem kleinen Hause
mitten im Walde leben, soviel, daß sie nicht verhungerten, würde seine
Arbeit schon einbringen. Und ein Dasein, fern von Staub und Lärm,
seinem Leben sicher ein paar arbeitsreiche Jahre zulegen. Wieder
schloß Weber die Augen, hörte den Wald rauschen über seinem Haupt,
den deutschen Wald. Noch eins war's, das ihn hielt, jetzt wußte er's
klar. Wie hatte der Intendant Graf Vitztum gesagt, als er ihn berief,
damit er eine deutsche Oper schaffe, all den Feinden zum Trotz? »Wir
stehen hier auf einsamem Posten, wir zwei, mein lieber Weber, den
dürfen wir nicht verlassen!« Er durfte nicht. Zähne zusammenbeißen.
Bleiben bis zum letzten! Es war nicht leicht. Er war kein Kämpfer.
Wie sehnte er sich nach Stille und Frieden! Fort mit der Weichheit!
Wieviele wohl, die ihr Leben in furchtbarem Kampfe hingegeben, hatten
dieselbe weiche Sehnsucht in sich getragen! »Pfui über dich Buben
hinter dem Ofen ...« Er hatte diesen unbarmherzigen Worten klingende
Töne geliehen. Nun mußte er in ihrem Sinne leben, sonst würde die
starke harmonische Sicherheit, die er als sein Bestes in sich trug,
zerbrechen und mit ihr er selbst, der Mann, der er bisher gewesen und
der er weiter sein wollte mit Gottes Hilfe. Weber schrak auf. Ein Blitz
fegte durch den Raum, pfeilschnell, dann ruhte der Wandspiegel wieder.
Aber er trug ein anderes Gesicht. Webers Bild war daraus gelöscht, die
flackernden Gesten eines Mannes füllten die Fläche, der eben aus dem
Audienzsaal getreten war. Als er Webers ansichtig wurde, stürzte er
auf ihn zu, drückte ihm beide Hände und überschüttete ihn mit einem
Schwalle italienischer Worte: Wie er sich freue, den teuren Amtsbruder
hier zu sehen! Wie sehr er bedaure, daß dies so selten geschehe!
Was er denn dem lieben Freunde getan habe, daß er ihm ausweiche, ja,
ausweiche! Gewiß Zwischenträgereien, Verleumdungen, oh, an den Hals
wolle er den Schurken, die ihn seinem hochverehrten Kollegen entfremden
wollten! Nichts, kein Wort solle er glauben! Alles Verleumdung, pure
Verleumdung! Da sie doch so viel Gemeinsames verbinde, die Liebe zur
Kunst, ihrer Göttin vor allem! Und die Verehrung für den gnädigsten
Fürsten, der einmal neben dem Gönner Tassos würde genannt werden!
Und jetzt gar noch das schöne Zusammentreffen! Daß sie fast auf den
gleichen Tag Vater geworden seien! Seinen innigsten Glückwunsch sage
er! Wie es der hochzuverehrenden Wöchnerin gehe? Seiner Frau gehe es
ausgezeichnet! Und auch seiner Kleinen. Da nun dem verehrten Meister
ein Sohn geschenkt sei, könnte er dereinst seine Tochter heiraten.
Als Sinnbild der Versöhnung, ach was, Versöhnung, der unwandelbaren,
eisenfesten Freundschaft, die sie immer verbunden habe!
Weber hatte bald seinen ruhigen Widerstand gefunden, der Phrasenschwall
glitt über ihn hinweg, und er hatte Muße, den Italiener zu mustern.
Ein bitteres Gefühl stieg aus seinem Herzen auf. Schön war der Kerl,
das konnte niemand bestreiten! Welche Figur er machte! Wie ihm der
Staatsfrack saß, wie die Strümpfe sich um die gemeißelten Waden
spannten! Kein Wunder, daß er bei Hofe, wo es ums Äußere ging, mehr
Glück hatte als er mit seiner dürren, armseligen Gestalt! Wie die
Augen leuchteten, wie die Locke malerisch in das bewegte Gesicht
sank! Der kurzsichtige Weber sah scharf, das Mienenspiel verwirrte
ihn nicht. Deutlich nahm er wahr, wie der andere, indes er von warmen
Freundschaftsworten überfloß, den Gegner kühl beobachtend abschätzte
und triumphierend seine bezaubernde Persönlichkeit mit Webers
schlechter Gestalt verglich.
Es war, als töne sich mit einem Schlage das Dämmerdunkel in
freundliches Licht, als schrumpfe der schlanke Italiener in sich
zusammen vor einem großen, breiten Mann. Auch er trug ein Staatskleid,
reicher geziert noch als das des Künstlers, aber es engte und
beschwerte ihn nicht, man fühlte, er war Herr darüber in seiner aus dem
Innersten leuchtenden Kraft, wie über all den düsteren Prunk ringsum.
Unbekümmert um Morlacchi, dessen Gruß er nur mit leichtem Nicken
dankte, schritt er auf Weber zu, schüttelte ihm beide Hände und sprach
mit einer Stimme, die so reich und licht war, wie sein ganzes Wesen:
»Schon lange antichambriert?«
»Ich weiß nicht, Exzellenz, ich hab's nicht wahrgenommen. Zuerst hing
ich meinen Gedanken nach, und dann hat mein verehrter Amtsgenosse mir
die Zeit verkürzt.«
Der Generalintendant wandte den Kopf; sein helles Gesicht verdunkelte
sich: »Sie waren in Audienz, Herr Kapellmeister?«
»Zu dienen, Herr Graf, Ihre Majestät haben mir viel =favore=
bezeugt.«
»Darum fragte ich Sie nicht, das ist Ihre Affäre allein.« Er maß den
Fremden mit einem Blick, der die Abneigung nicht verhehlte. Der
Italiener errötete, aber er hielt stand. Er wußte, Graf Vitztum wollte
mit seinem Günstling noch vor dessen Audienz ungestört sprechen. Das
mußte er verhindern. Jeden Augenblick konnte der König den Gegner rufen
lassen.
»Sie werden an Ihre Arbeit gehen wollen, Herr Kapellmeister! Es wäre
mir ein Vorwurf, die Geburt eines ewigen Werkes zu verzögern. Ihre
Verehrer würden mir das nie vergeben!«
In des Italieners Gesicht trat ein gefrorenes Lächeln, den Zorn über
des Verhaßten Spott verdeckend: »=Mille Grazie=, Exzellenz, für so
große Gunst, die ich nicht meritiere. Ich habe mir heute einen freien
Tag gemacht.«
Frecher schärfte sich das Lächeln. Eine Blutwelle schoß in des Grafen
Gesicht, ein wildes Funkeln trat in die sonst so guten Augen.
Mit einem Ruck warf er alle Rücksicht von sich.
»Dann muß ich Ihm's auf deutsche Art sagen, daß Er hier zu viel ist!
Daß ich mit dem Herrn Kapellmeister Weber einige Dinge zu besprechen
habe, die nur sein Ressort angehen!«
Der Italiener duckte sich unter dem niederprasselnden Zorn. Erst als
der Deutsche ihm den breiten Rücken wandte, richtete er sich langsam
auf, und Blick und Geste des Abgehenden glichen jäh einem Bravo, der
meuchlerisch den Dolch zückt.
»Ich muß Ihnen rasch noch einiges mitteilen, lieber Weber, Sie können
jeden Augenblick gerufen werden. Also fürs erste, die Majestäten
nehmen die Patenstelle an. Es ist gut, daß Sie die Bitte stellen, jeder
vom Hofe tut's, Sie hätten Anstoß erregt, umsomehr, als der Kerl, der
Morlacchi ... lassen wir ihn, freuen wir uns, daß wir ihn los sind. Und
zum Zweiten und noch Wichtigeren. Sie wissen doch, daß die Hochzeit der
Prinzessin auf den Juni festgesetzt ist. Es war kein leichtes Stück
Arbeit, gegen die ganze italienische Bande aufzukommen, aber es ist mir
doch geglückt. Sie sollen, man wird Ihnen ...«
Wieder fegte der kühle Blitz durch den Raum. In der Tür stand ein
Lakai, statuensteif, mit vereisten Zügen, als lade er zum letzten
Gericht. Ein Händedruck noch, ein Griff nach dem Spitzenjabot, den
Degen militärisch gefaßt, wieder lag die Antichambre still. Graf
Vitztum sah noch eine Weile nach der geschlossenen Türe, dann ging er
mit unhöfisch lautem Schritt die Marmortreppe nieder, trat in die mäßig
bewegte Straße und dankte freundlich den Grüßen der Bürger als ein
Mann, der mit seinem Tagwerk zufrieden schien.
* * * * *
Frau Karoline Weber strich dem eifrig Erzählenden über das noch immer
unverletzt glatte Haar:
»Es ist ja sehr erfreulich, daß unser Junge so vornehme Patenschaft
bekommt, aber war nicht der Einsatz zu groß? Ist's dir nicht recht
schwer gefallen, so demütig, wie's einmal bei Hofe nicht anders geht,
darum zu bitten? Du unterdrückst es ja immer mir zu Liebe, aber ich
spür's doch, wie schwer es dir fällt, was du Tag um Tag hinunterwürgen
mußt, unsertwegen! Wie viele Zeit bringst du auf so lästige Weise hin,
die kostbar für deine Arbeit wäre! Besonders jetzt, da du ganz erfüllt
bist von deinem neuen Plan!«
Weber blickte ins Unbestimmte an der sorgenden Frau vorüber.
»Es hat alles zwei Seiten«, sagte er dann still. »Manchmal freilich,
da möchte ich am liebsten den Taktstock in den Ofen werfen und auf und
davon laufen, weiß Gott wohin. Aber dann, wenn's vorüber ist, wenn
ich wieder mir gehöre für ein paar Stunden, lieber Gott, immerfort
=C=-Dur, das wäre doch langweilig, muß schon manchmal ein Moll
oder gar eine kleine Dissonanz dabei sein. Und demütig? Ich bin's
nicht. Zumindest kommt's mir nicht zu Sinn. Denn schließlich, der König
ist ja doch mein Herr.«
»Das denkt sich der Morlacchi sicher nicht, obwohl der dir nicht
das Wasser reicht und dir doch in jeder Art vorgezogen wird, daß es
manchmal nicht mehr zum Ausdenken ist.«
Still strich Weber über die erregte Hand der Frau.
»Der Morlacchi ist ein Italiener, der kann das nicht fühlen. Ich
aber bin ein Deutscher. Das liegt im Blut, ich kann nichts dafür.
Ich bin nicht blind und weiß und sehe alles. Aber das ist ja das
Wandelbare, das heute so und morgen anders sein kann. Schau, warum
haben denn unsere alten Baumeister so hohe Türme gebaut, warum gehen
denn die Fugen vom alten Bach so hoch hinauf, daß es ihm selber oft
geschwindelt haben muß? Weil wir aufschauen wollen. Und,« fuhr er
lebhafter fort, »es wird besser, viel besser! Ich hab dir ja noch
das Wichtigste nicht erzählt« -- nun stürmten die lange gedämmten
Worte vor, wie ein Sprudelquell: »Ich hab einen Auftrag! Ich soll die
Festkantate schreiben für die Hochzeit im Juni! Majestät selbst haben
mir's anbefohlen! Ich! Nicht der Morlacchi! Nicht der Italiener, der
Deutsche! Lina, weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß endlich,
endlich jetzt das kommt, wofür ich mich geschunden, wofür ich alles
hinuntergefressen habe! Der Sieg ist da, Lina, der Sieg!«
Karoline Weber sah halb beglückt, halb bangend in das blasse Gesicht,
das jähe rote Flecken trug.
»Wann wirst du denn mit der Festkantate fertig sein?«
»Wie kann ich das wissen? Ich werde jedenfalls nichts zusammenhudeln,
sondern mich bestreben, das Beste zu geben. Das muß was werden, das den
Morlacchi, das die ganze italienische Musik aus dem Feld schlägt!«
»Und der ›Freischütz‹?«
Weber griff sich an die Stirne, wie erwachend. Blaß waren wieder die
Wangen:
»Der Freischütz. -- Der Freischütz? ... Ja, den muß ich jetzt natürlich
aufschieben. Das geht nicht anders.«
Karoline rückte näher:
»Karl, täusch dich nicht! Glaub mir's, der wird dein Sieg werden, nicht
die aufgezwungene Arbeit! Jede Stunde, die du ihm wegnimmst, ist ein
Verbrechen! Schau, mach dich frei, wirf das alles hin, ziehen wir
ganz nach Hosterwitz in die Stille. Ich kann sparen, schränken wir uns
ein, bis du gewonnen hast! Wenn der Freischütz fertig ist, brauchst du
keinen Menschen mehr!«
Starr saß Weber, eine tiefe, steile Falte in der Stirne:
»Glaubst du wirklich? Mir ist's ja manchmal auch so!« Ein Ruck straffte
die zarte Gestalt, die Stirne glättete sich zu stiller
Entschlossenheit:
»Nein. Zuerst muß das fertig werden. Lina, glaubst du, wenn unsere
Soldaten an der Katzbach davongelaufen wären, sie hätten Leipzig
schlagen können? Und meinst du, ich könnte noch eine Note schreiben, so
recht aus dem Herzen heraus, wenn ich hier den Platz, auf den mich Gott
gestellt hat, verlassen würde? Es wäre was zerbrochen in mir, das nicht
mehr zu heilen ist.«
Still küßte er ihre Stirne, schritt nach seinem Arbeitszimmer,
schichtete Notenpapier auf dem Schreibtisch, öffnete das Klavier.
Karoline Weber blieb. Eine seltsame Scheu hielt sie, ihr war, sie dürfe
ihm nicht nahen in dieser Stunde. Wie hatte er gesagt: Aufschauen. Ja,
das durfte sie. Aufschauen.
Sie trat ans Fenster. Im sanften Mondlicht lag ein altes Giebelhaus. Es
glich einem Antlitz, das fromm in den Himmel blickt.
* * * * *
Die große Glocke blieb stumm, als der kleine Zug, der den Eltern und
ihrem Täufling das Geleite gab, durch ein Seitenportal die Schloßkirche
betrat. Nur ein paar ganz nahe Freunde waren's, und am Altar
erwartete Graf Vitztum die Feiernden. Der im tiefsten weiche Weber,
der würdigen Andacht der Stunde völlig hingegeben, sah nicht, daß des
Gönners sonst so unerschüttert helles Gesicht heute von einem tieferen
Schatten getönt war, als der dämmerdunkle, heilig-bannende Raum dies
rechtfertigen konnte.
Der Priester kam, alles war bereitet, nur die hohen Paten fehlten.
Warten, warten, warten. Langsam verglitt die Hoheit des Gotteshauses
in Starrheit, die Himmelskühle in Frösteln, die Unendlichkeit in
Endlosigkeit. Zuweilen tat Graf Vitztum einen Schritt nach Weber, trat
überlegend wieder zurück.
Endlich fuhr ein Wagen vor. Fremd drang der Alltagslaut in die Stille.
Nun kehrte Allen rasche Sammlung und Spannung zurück, ihre Blicke
wandten sich nach dem Haupttore.
Feierliche Schritte, näher, näher, alles steht in ehrfürchtiger
Straffheit, bereit, die Majestäten dankbar zu grüßen. Nun schreiten
sie hinter der deckenden Säule vor, das Licht eines Fensters übergießt
sie mit Buntheit, daß ihre Kleider noch greller erstrahlen ... jetzt
sehen es die Gäste, diese Kleider sind Livree, ein Kammerdiener und
eine Zofe. In mehr als fürstlichem Hochmut gehen sie an den Bürgern
vorüber, stehen vor dem Grafen, melden ihm mit leiser, aber umso
selbstbewußterer Stimme, sie hätten Befehl erhalten, das Königspaar bei
der Taufe zu vertreten.
Graf Vitztum mißt sie mit einem wilden Herrenblick, vor dem sie sich
ducken, ballt die Fäuste, hebt sie hoch, sie weichen, er besinnt sich,
läßt die Arme sinken, wendet sich zum Gehen, blickt zurück, sieht in
Webers verzerrtes Gesicht, stellt sich an seine Seite, dicht neben ihn,
bis die Zeremonie vorüber ist und die Paten, sich wieder nur vor dem
Grafen neigend, die Kirche verlassen haben.
Die Gäste treten ins Freie, stehen verwirrt im plötzlichen Licht, atmen
auf, als fiele ein dumpfer Traum von ihnen. Das bescheidene Wägelchen
fährt vor, Kind und Eltern nach dem kleinen Landhause Hosterwitz,
zwei Stunden von der Stadt, zu bringen, dem stillen, alljährlichen
Sommeraufenthalt der Familie. Die Lust zum Taufschmaus ist Allen
vergangen.
Schon will Weber die Kalesche besteigen, da zieht ihn Graf Vitztum
beiseite.
»Ich muß mit Ihnen allein sprechen,« stößt er vor, »heute noch, auf der
Stelle. Es ist ein Opfer, ja,« fügt er langsamer bei, »Frau und Kind
eben nach dem, was sich hier abgespielt hat, alleinzulassen, aber es
geht nicht anders. Nur eine Stunde! Am Abend sind Sie wieder daheim.«
Weber sagt Karoline ein paar erklärende Worte, sie verbeißt tapfer die
Enttäuschung, die Pferde ziehen an, biegen um die Ecke, und so bleibt
der Frau ein Anblick erspart, der sich vor den beiden Männern grell
enthüllt: Zwei Hofwagen, in dem einen Morlacchi, Signorina und Kind,
im andern das höchste Paar des Landes. Alle Glocken der Schloßkirche
dröhnen Triumph. Das neugierig drängende Volk bildet eine Gasse, und
durch diese trägt der König den respektlos schreienden Säugling zur
heiligen Handlung in die weit und golden aufgetane Kirche.
Schweigend schreiten Graf Vitztum und Weber durch die Gassen.
Stocksteif gehen sie. Einmal hebt der Graf die Hand, sie Weber tröstend
auf die Schulter zu legen, zieht sie zurück, sie ballt sich zur Faust.
Vor einer in Giebelenge versponnenen Weinschenke hält er:
»Gehen wird da hinein. Um diese Stunde ist niemand drinnen.« Wortlos
sitzen sie in einer dunklen Ecke. Gierig nach Betäubung stürzt Graf
Vitztum das erste Glas in sich, und als der Römer frischgefüllt vor ihm
leuchtet, sagt er endlich:
»Das hat noch gefehlt. Das war das Letzte. Nun steht's fest.« Wieder
trinkt er in langen Zügen, setzt zum Reden an, schüttelt den Kopf,
trinkt, schlägt mit der Faust auf den Tisch, daß Weber auffährt, erfaßt
dessen Hand, umspannt sie mit schmerzendem Druck.
»Einmal muß es heraus«, keucht er. »Ich war daran, es Ihnen schon
in der Kirche zu sagen, hab's mir überlegt, wollt Ihnen das schöne
Fest nicht verhunzen. Schönes Fest! Wär schon einerlei gewesen! 's
ist wirklich schon einerlei, nach dem, was heute geschehen ist. Nach
dieser, ja, eine Hundsfötterei war's,« schreit er, »eine Hundsfötterei,
und wenn's nicht der wär, dem, dem man nicht ankann, Herrgott, der
alles tun darf und keinem Rechenschaft geben muß, er müßt mir,« zum
Flüstern sank die Stimme, »vor den Degen.« Der Graf wischte sich die
Tropfen von der breiten Stirn. »So weit kommt man. So weit. Wie viele
von meinen Ahnen haben sich zusammenhauen lassen für das Haus. Auch
ich hätt's getan, bei Gott. Immer war ich ihm treu, auch wie's am
schwersten war. Als ich in der verfluchten irrsinnigen Zeit, die, Gott
sei Dank, vorüber ist, mit den Franzosen zusammen gegen Deutsche ritt.
Ja, das hab ich getan und 's ist mir damals gar nicht aufgegangen, was
ich tat. Der König hat's befohlen, gut. Bis zu dem einen Tag. Weiß
nicht mehr, wo's war, ist alles im roten Nebel, auch im Erinnern noch.
Führte eine Schwadron Kürassiere. Uns gegenüber preußische Landwehr.
Rannten wie die Teufel gegen uns an, brüllten was allesamt, das ich im
Lärm und Wirbel nicht verstand. Und dann ging's los. 's ist mir, wie
gesagt, nur wie ein roter Traum heute. Nur eines seh ich vor mir: Ein
junges, blasses Gesicht, irre Augen, ein verrissener Mund, der wieder
etwas schreien will, gerade in diesen Mund fetz ich hinein mit meinem
Pallasch. Vornüber fällt er, am Pferderücken vorbei, auf mich, die
zerfetzten Lippen sagen noch das Wort, ganz leise, aber nun verstand
ich's deutlich, in den Ohren gellt's mir, ins Herz krallt sich's mir
ein: Vaterland.«
Des Grafen Haupt sank, die Augen starrten. Es war, als lausche er. Dann
riß er sich auf, trank und sprach still weiter:
»Ich habe auf der Stelle meinen Abschied genommen. Aber ein paar
Jahre später, nach Leipzig, hab ich mich wieder gemeldet. Bei Ligny
hab ich gut gemacht, was möglich war. Aber es war noch nicht genug.
Immer wieder ist das blasse Gesicht vor mir aufgeschienen, immer und
immer hab ich das Wort gehört. Es ist eine verflucht tote Zeit, in
der man's nicht mit dem Säbel übertäuben kann, eine ekelhafte Zeit
für unsereinen. Da hab ich hier einmal die wälsche Oper gehört, das
heißt, einen Akt, dann bin ich davon. Der Ekel ist mir hochgestiegen,
hab mir gedacht, haben wir's nötig, die wir die ganze Welt geschlagen
haben? Gibt's keine deutsche Kunst? Und dann hab ich angefangen, kein
Mittel war mir zu schlecht, was hab ich alles getan! Weiß selber nicht,
wie's mir gelungen ist. Denn, daß ich nicht sehr beliebt bin droben
seit damals, wissen Sie ja. Aber es ist doch gegangen. Nur einer hat
noch gefehlt, der Mann, der deutsche Künstler. Der Mozart ist tot, der
Beethoven ist verrückt. Also wer? Da hab ich, weiß auch nicht mehr wo
und wann, ihre Körnerschen Lieder gehört. Und hab's gewußt, der Mann
muß her. Und so haben denn wir zwei ...« Ein neuer Trunk gab der Stimme
Festigkeit. »Ich rede da alles mögliche herum, und hab noch immer nicht
das Wichtigste und Schwerste heraus, daß heute alles aus ist und alles
umsonst war. Ja, 's ist so.« Schwer, stoßweise rangen sich die Worte
vor:
»Mein lieber Weber, Sie brauchen an Ihrer Festkantate nicht
weiterzuarbeiten. Ihre Majestät haben anders verfügt. Ich muß wohl
nicht sagen, wer Ihr Ersatzmann sein wird.«
Eine Uhr schlug in die grausame Stille. Starr saß Weber, eine bleiche
Maske das Gesicht, bis endlich langsam aus seinen Augen die Tränen
schlichen. In jähem, wildem Aufbäumen verhüllte er das Haupt. Graf
Vitztum sprang auf, daß das Glas fiel und der Wein über den Tisch rann,
umfing den Gebrochenen.
»Aber, Weber, Mensch, Meister, Freund! Ich hab's ungeschickt und roh
herausgesagt, zum Diplomaten war ich immer verdorben! Aber ich mußt' es
doch sagen! Und es ist doch auch einerlei. Ein solcher Kerl wie Sie,
der die Unsterblichkeit in der Tasche trägt, ist doch nicht von der
Laune eines undeutschen Narren abhängig! Ein paar Leute kenn ich schon
noch, die was für mich tun, in Berlin, in Kassel! Dort wird man Sie
besser einschätzen, auch in punkto Dukatens, mein Lieber! Kopf hoch!
Vielleicht gehe ich sogar mit, ja, hab hier nichts mehr verloren. Hab's
ihm heute schon vor die Füße geschmissen! Bin frei, mir kann keiner
mehr was sagen!«
Er hielt inne. Die Tränen in Webers Auge waren versiegt, klar ruhte
sein Blick auf dem Grafen.
»Sie gehen? Wahrhaftig, Sie gehen?«
»Was soll ich denn tun? Das, was man Ihnen antut, ist doch mir
vermeint! Man haßt mich doch bei Hof, man will mich draußen haben!«
Webers Stimme zitterte: »Um Vergebung, wenn ich jetzt etwas sage, was
mir wohl nicht zukommt, aber es muß gesagt sein und ich weiß nicht, wie
anders ich's auch ausdrücken soll. Sie waren doch Soldat, Herr Graf.
Haben Sie je einen Posten verlassen, auf den Sie gestellt waren?«
»Damals, als ich meinen Abschied nahm. Ich erzählte 's Ihnen ja eben.«
»Da zwang Sie Ihre Überzeugung, das meine ich nicht. Aber jetzt ist's
doch eben das Gegenteil!«
»Ich kann doch nichts mehr nützen hier! Ist ja alles verloren!«
»Das ist nicht wahr,« sagte Weber stark, »solange wir bleiben, nicht!«
Wieder ein Schweigen. Graf Vitztum saß tiefgesenkten Kopfes, als
forsche er in sich hinein. Endlich begann er, langsam, unsicher
tastend:
»Ich hab nie viel über mich nachgedacht, hab nur immer getan, was
ich tun mußte. Jetzt aber ist mir wieder ein Erinnern gekommen, das
hat mir mit einemmal manches in mir klar gemacht. Es war, glaub ich,
auch bei Ligny. Wir waren Reserve und warteten. Aber die Franzosen
hatten uns irgendwie entdeckt, und ihre Artillerie nahm uns unter
Feuer. Eine Stunde um die andere verging, bis endlich der Befehl zum
Angriff kam. Ich habe nie mehr im Leben solch ein Gefühl der Befreiung
gehabt. Und heute weiß ich, wenn der Befehl nicht gekommen wäre, ich
wäre ausgerissen, jawohl, ausgerissen, nach vorne oder rückwärts,
gleichviel. Das steckt mir im Blut. Alle meine Ahnen haben immer nur
dreingehauen, ducken und ertragen hat keiner von ihnen gelernt. Sehen
Sie, so ist's heute wieder. Geben Sie mir freie Bahn! Lassen Sie mich
kämpfen, ob mit dem Säbel oder dem Maul, einerlei! Nur hocken und
warten und all diese Kübel von Gemeinheit auf mich niedergehen lassen,
das kann ich nicht. So sag ich Ihnen noch einmal, gehen wir fort, wir
beide, nach Preußen, nach Hessen, einerlei, irgend wohin, wo wir atmen
und schaffen können!«
Still saß Weber, sein großes Auge sah an dem Grafen vorbei. Noch einmal
zuckte es weich über das feine Gesicht, noch einmal formte sich der
Mund zu einem ungesprochenen Sehnsuchtswort, dann schloß er sich herb,
die Züge festigten, versteinten sich, die Blicke fanden ein Ziel.
»Ich trag zwar ein ›von‹ bei meinem Namen, aber damit ist's nicht weit
her«, sagte er leise. »Meine Ahnen zählten, das fühl ich in mir, zu
den Tausenden, die nicht führten und kämpften, die unter harter Fron
standen und tausend Bitternisse ertragen mußten. Aber sie haben's
ausgehalten. Sie sind auf der Scholle geblieben. Wenn ich auch heute
ein unstäter Wanderer geworden bin, das habe ich von ihnen geerbt. Ich
bleibe.«
Ein fassungsloses Staunen trat in des Grafen Auge. Scheu blickte er zu
dem bleichen Antlitz auf, über dessen vielfältigem bunten Seelenspiel
der Panzer des Willens lag. Dann senkte der Vornehme das Haupt, als
beuge er sich vor dem Kleinen, Unscheinbaren, der nicht wußte, woher er
kam. Und mit ihm beugte sich ein starkes Geschlecht der Erwählten vor
der Kraft eines Volkes.
* * * * *
Weber hatte den Wagen des Grafen abgelehnt und wanderte nun durchs Tor,
die Landstraße fort, in den späten Tag hinein. Hinter ihm im Glanz des
Westens lag die gleißende Stadt, vor ihm der sich immer dunkler tönende
östliche Himmel. Aber all dies sah Weber nicht. Er fühlte auch nicht
die in melodischen Linien vorübergleitende Landschaft, die wallende
Elbe, die lichten Häuslein, die sanften Weinberge, die weiße und rosige
Blütenflut. Dies alles hatte sich ihm sonst in Tönen gedeutet, wie
alles Schöne ihm zu Klang wurde. Heute blieb es stumm. Denn in ihm
wallte es regellos, von keiner Harmonie geklärt. Dem Grafen gegenüber
hatte ihn die Kraft seines Entschlusses aufrecht gehalten, nun aber,
allein in der heute fremden, verständnislosen Weite, wurde er ein Raub
der dunklen Gedanken, die stärker waren als die lösende, ersehnte Kraft
des Wanderns.
Dunkler, dunkler wurde es über ihm. Die schwarze Wolke blähte sich,
kroch, tückisch vorerst, dann rascher und herrischer, den Himmel auf,
drängte das letzte ängstlich-fahle Licht zurück, blendete das machtlos
erlöschende Auge.
Die Gegend wurde einsam. Kein Haus mehr, die Felder verloren sich in
zweckloses Gelände. Dann trat Weber in die Nacht des Waldes. Das jähe,
noch tiefere Dunkel weckte ihn, bannte seinen Fuß, riß seinen Blick
hoch. Nun überfiel ihn mit doppelter Gewalt die Angst der Stunde.
Weiter, weiter! Schwer war der Fuß, der ermüdende Leib. Die Erde
hielt ihn, die Äste hemmten ihm den Weg, aber in ihm war, stärker als
in allem ringsum, von der eisernen Gewalt umzwängt, die zitternde
Ruhelosigkeit.
Nun erfaßten Webers schmerzhaft geschärfte Sinne die Umwelt: da war
der Wald, der sich mehr als eine Stunde weit hinzog, seitab ein paar
Schritte von hier die Schlucht. Sie ist verrufen im Volk, der wilde
Jäger spukt darin in entfesselter Nacht, zuweilen gar der Teufel. Wie
oft hatte er mit Karoline der ängstlichen Leute gelacht. Heute sprang
ihm das Fabelwort an die geschnürte Kehle, griff mit kalter Hand an
sein Herz.
Nun ging ein Wehen durch die Stille, ein banges Flüstern. Langsam lösen
sich die Schatten aus dem Dunkel, flattern, umhuschen des Wanderers
Haupt. Riesige Vögel; sie schließen einen Kreis um ihn, begleiten ihn,
lautlos hüpfend und flatternd, sehen ihn an aus großen, höhnenden
Augen. Quer über den Weg läuft es, steht höllengrell im Schein des
ersten fernen Blitzes, Feuer bricht aus Rachen und Nüstern. Höher an
schwillt das Wehen, schweigt, setzt ein mit stärkerer Wucht, zerrt
die Äste, beugt die Bäume, den, jenen, wächst auf zum Brausen, eine
Wolkenhand faßt den Wald, beugt ihn nieder, reißt ihn wieder auf, fetzt
Äste, hebt Wurzeln hoch, schmettert Wipfel und Stämme. Schutzsuchend
verkrampften sich die bleibenden, vermengen sich zu einem ächzenden,
heulenden, krachenden, dröhnenden Gemenge. Wolken, Bäume, Erde sind
ein sinnloses Wirrsal. Aber nun lösen sich Laute daraus, Wiehern,
Peitschenknallen, Pferdegetrapp, heulender Hussahruf, Blitze schnellen
aus teuflischen Büchsen, jeder Schuß trifft, ein Baum verdröhnt, eines
Tieres Todesschrei ertrinkt im höhnenden Brausen. Immer wieder werden
sie sichtbar im blauen Licht, schattenhaft und doch voll furchtbarer
Gewalt. Hunde fletschen den Höllenrachen, feuernde Pferdehufe über
des Wanderers Haupt, zauberische Hirsche senken drohend ihr Gehörn,
teuflische Jäger zücken den Dolch nach seiner Brust.
Vorüber. Tiefschwarze Nacht. Einen Augenblick Stille, das Furchtbarste
erwartend, das nun kommen muß, dann Blitz auf Blitz, Blitz auf Blitz,
hieher, dorther, immer näher rücken die zwei Gewalten aus Ost und West,
nun ein Anprall, ein Feuerschwert spaltet die Welt, im Urweltdonner
versinkt sie ins Nichts, die Hölle gellt ihr schrillstes Lachen,
tausend Teufel schnellen blaue Freudenlichter durch die schwarze Leere.
Und dann stürzen die Wasser der Sündflut nieder, das letzte Leben zu
vernichten.
* * * * *
Immer noch rollen die Donner, züngeln die Blitze vor des Überwachen Ohr
und Auge, als er schon längst im warmen Bett liegt. Aber Karolinens
sanfte Hand und der beruhigt rauschende Regen streicheln die glühenden
Lider zur Ruhe.
Noch in den ersten Schlaf grellen und donnern die Schrecken der Nacht.
Aber Gott und die Liebe, segnendes Rauschen und gütige Frauenhand
finden auch den Weg in den Traum. Mildern und glätten das Grellen
zum strahlenden Licht, das Donnern und Brausen zu gewaltigem Klang.
Und der teuflische Wirrwarr, den er durchlebt hat, löst sich zur
Himmelsharmonie der Musik.
* * * * *
Noch schläft alles im Hause, noch ruht das Land im ungewissen
Silbergrau, da sitzt Weber, aus erquickendem Schlummer erwacht, am
Arbeitstisch, und der freundliche Gott, der ihm auf den leisen Füßen
des Morgens naht, führt ihm die Feder und segnet das neue Werden seines
Werkes, dem er nun wieder ganz gehören darf. Aber auch der Gott des
Zornes, der sich ihm gestern geoffenbart, birgt keinen Schrecken mehr.
Der sanfte Herr des Morgens streicht über des Schaffenden klare Stirne:
»Mußte ich dir nicht im Wettern erscheinen, auf daß du mich erkennst?«
fragte er lächelnd. Einen Abglanz trägt nun Webers helles Gesicht. Und
im dankbaren Erschauern fühlt er in sanfter, verklärender, gnadenvoller
Macht, wie selig er über den Dingen der Erde schwebt, wie nahe er dem
Herrn ist in dieser Stunde.
Jubelnd ruft ihn der Tag. Er folgt ihm in die reine Luft, in das
starke Leuchten des Lebens. Die jungen Felder wehen, die Blütenbäume
leuchten, ein Spiegelbild der guten Wolken, in ernster Freude steht
unerschüttert der Wald. Eine Glocke singt ihr ungestörtes Lied,
Mädchenkleider flattern blumenhell, Kranzjungfern holen die Braut ein.
Und Webers Arme breiten sich, als wollte er die ganze liebe deutsche
Welt umfangen.
* * * * *
Erst nach der zweiundvierzigsten Probe sagte Gasparo Spontini,
der Generalissimus der Berliner Musik, den Sängern, Musikanten
und Regisseuren seine allerhöchste Zufriedenheit und meldete dem
Könige, daß nun der Aufführung kein Hindernis mehr im Wege stehe.
Immer größere Wellen zogen die Gerüchte von der nun zu erwartenden
Herrlichkeit. Friedrich Wilhelm ›der Sparsame‹ hatte 20000 Taler aus
der Privatschatulle bewilligt, das Orchester war verdreifacht worden,
der Chor agierte in zehnfacher Stärke. Es ging die Sage, daß sogar
leibhafte Barone und Hofdamen der guten Sache zu Liebe mitten unter den
Plebejern so niederen Dienst taten. Und einige Stunden vor Beginn der
Oper verließen ein paar würdevolle Elefanten ihre Ställe und trabten,
vom Jubel des Volkes begleitet, durch die Gassen, bis das Tor des
Opernhauses sich hinter ihnen schloß. Zum Schluß erließ der Präsident
des Zensurbeirates das strenge Verbot an alle Berliner Blätter, die
Musik des Herrn Spontini in irgendwelcher Weise zu tadeln. Fürst und
Hof, Generalität und Beamtenschaft beugten sich vor ihm, und indes
der Hohenzoller in einer bescheidenen Karosse nach dem Theater fuhr,
zogen den Großen, der heute wahrhaft König war, sechs blumengeschmückte
Rappen nach der Stätte des unbestreitbaren Triumphs. Ihm folgte der
endlose Zug der Wagen, mit allem was Namen, Rang und Ahnen besaß,
und füllte das Theater mit gezierten Galafräcken, goldüberhäuften
Uniformen, Juwelen und kostbaren Frauenkleidern. Aber sie waren nur
ein Auftakt zu dem unerhörten Gepränge, das die Bühne den Überraschten
bot. Und mit diesem Glanz einte sich die aus prunkender Sicherheit
geborene, sieghaft-dröhnende wälsche Musik, einer Schönen gleich, die
gewohnt ist, die Welt vor sich demütig im Staube zu sehen. Nach jedem
Aktschluß gab der König das Zeichen zum Applaus, in den das ganze
vornehme Berlin einstimmte. Freilich, die Herzen schlugen nicht so laut
wie die beifallspendenden Hände, und auch die Augen leuchteten nicht
heller, als des Königs Beispiel dies vorschrieb. Sie Alle trugen nicht
mehr davon, als den Nachhall eines Dröhnens und den Abglanz einer fast
schmerzenden Pracht. Der Widerhall dieses Triumphs aber posaunte aus
allen Gazetten der großen Stadt. Auf Befehl des Königs wurde die Oper
»Olympia« vierzehn Tage lang =ensuite= angesetzt. Der »Freischütz«
des Herrn Karl Maria von Weber, den sich der Intendant Graf Brühl hatte
unbegreiflicher Weise aufschwätzen lassen, wurde auf den achtzehnten
Juni verschoben.
Den Mut der deutschen Partei hatte der rauschende Erfolg
niedergedröhnt. Gedrückt schlichen die Vaterlandsfreunde durch
die vom Lobe des Maëstro widerhallenden Gassen. Nur ein einstiger
Landwehroffizier schwenkte das Zeitungsblatt mit der bösen Post so
hoch, als es sein halblahmer Arm erlaubte, und sagte:
»Ausgezeichnet! Der achtzehnte Juni ist der Tag von Belle-Alliance!«
Die zweite und dritte Aufführung der großen Oper war noch vom neuen
Reichtum gefüllt, der es dem Hof und Adel nachtun wollte, die vierte
und fünfte von Neugierigen aller Art, denen es vornehmlich auf das
niegesehene Prunkwerk ankam, die sechste und siebente wiesen Lücken,
und am achten Tage liefen die Theaterdiener in alle Kaffeehäuser und
Bierstuben und boten Freikarten aus. Hochauf reckten sich die Jahnschen
Turner, die alten Lützower, die jungen Studenten, wenn sie von oben her
das Geschenk ablehnen und beifügen konnten, sie hätten die Elefanten
schon in Herrn Schulzens Tierbude auf der Hasenheide gesehen.
Der Jahrestag von Belle-Alliance brach an. Nur wenige Wagen hielten
heute vor dem Theater. Aber der Strom der Fußgänger nahm kein Ende. Aus
dem Gewirre stach das Turnerkleid, glänzten die frischgeputzten Knöpfe
alter Lützower- und Landwehruniformen, und aus der Menge der biederen
Hüte ragte da und dort ein junger Kopf, der sein altdeutsch-langes Haar
frei im Sommerwinde wehen ließ.
In schwerer Erwartung atmete das Haus. Brach los im ersten grüßenden
Sturm, als Weber an das mit Rosen bekränzte Pult trat. Dreimal senkte
er den Taktstock, dem immer wieder einsetzenden Willkomm zu danken.
Dann spann der Wohllaut der Ouvertüre seinen Duft durch den Raum.
Die Anhänger Spontinis, mit denen von einer geschickten Regie das
ganze Theater durchsetzt war, hatten strengen Befehl, das Zeichen
des Führers, der allen sichtbar in einer Proszeniumsloge stand,
abzuwarten. Neben dem feinen, zarten Herrn saß ein uralter Student,
der seine Blüchersche Uniform trug und böse nach Knaster und Juchten
stank. Eben in dem Augenblick, da der letzte Ton des Vorspiels
verklang, zog der Italiener das parfümierte Taschentuch, die Attacke
auf seine empfindliche Nase abzuwehren. Das hielt ein Übereifriger
für das verabredete Signal, brach los, ein zweiter, dritter, alle
stimmten ein, dröhnten ihr Pfeifkonzert in den anhebenden Beifall,
der verzweifelten Gesten des Generals nicht achtend, der vergeblich
bemüht war, den verdorbenen Schlachtplan einzurenken. Bis er eine wilde
Pranke am Nacken fühlte, ein tabakduftender Mund ihm Soldatenflüche ins
schreckensbleiche Gesicht schrie und er mit einem Male im Freien stand,
in der lächelnden deutschen Juninacht. Er war nicht lange allein. Rasch
sammelten sich seine Getreuen. Nun zischte die ganze in Angst erstarrte
Wut aus ihm nieder auf die Sünder, die nun wieder, da ihr Amt zu Ende
war, seine Herrschaft nicht mehr anerkannten, und bald füllte jener
ohrenzerreißende Lärm nutzlos die Gasse, der eigentlich bestimmt
gewesen, zur größeren Ehre des göttlichen Spontini die verhaßte
deutsche Oper zu erdrosseln, die nun drinnen ihren nicht mehr gestörten
Fortgang nahm.
Zuerst verdoppelter Beifallssturm, und dann =dacapo=-Rufe aus
allen Ecken, die sich zum Unisono einten. Noch einmal genossen sie die
Musik des Vorspiels. Zuerst fühlten sie nur den Zauber des Klangs. Aber
schon als der Vorhang aufging, flüsterte eine Frau dem Gatten zu:
»Ach, sieh mal, sieht das nich aus wie die Waldschenke bei Köpenick?«
Und ein Nachbar nickte gewichtig: »'n Schützenfest. Ich bin ooch mal
linker Ritter jewesen in Lichterfelde.« Aber dann verstummten sie vor
dem zwingenden Wohllaut in Maxens Wälderlied.
»Jetzt ist wohl ihr Fenster offen ...« Wie vielen Jünglingen war's, als
sänge es ihr eigenes Herz! »Meinst du nich, daß unsere Rieke ein wenig
dem Ännchen gleicht? Sie ist doch immer so munter vorne weg wie jene?«
»Da haben Sie's gut. Meine Jette, die hat 'ne schwere Hand wie die
andere, die Agathe, sie bringt's fertig und sieht 'n janzen Abend lang
egal in 'n Mond!«
Dann aber verstummten auch diese. Denn sie erschraken vor einer
plötzlichen Erkenntnis. Was da droben vor sich ging, das waren sie,
das war ihr eigenes Leben. Manches alten Burschen Herz tanzte Kaspars
höllisches Trinklied mit, manches Jungen, Langgelockten unbestimmte
Sehnsucht ließ sich wohlig tragen von des liebenden Jägers zarten
Melodien. Sie alle, auch die Mutigsten, hatten bangend die Schauer
einer Wetternacht im wilden Walde durchbebt, sie alle die Traulichkeit
des deutschen Heims empfunden, die ihnen hier aus schlichten Tönen
entgegenklang. All das Widerspruchsvolle ihres Wesens, Liebe zur Heimat
und Drang in die Ferne, Friedenverlangen und Rausch der Kampflust, das
alles sahen sie vor sich, gedeutet, erhöht, verklärt. Und sie, die oft
gedrückt und am eigenen Lande verzweifelnd zur Fremde aufgeblickt,
erkannten befreit ihres Wesens Wert, das, mündig geworden, allein
bestehen konnte. Denn da droben war jeder Widerspruch zur Harmonie
gelöst, in den Klängen pulste ihr eigenes Herz.
Tief ein drangen die Melodien ihnen in Seele und Blut. Erfüllt davon
traten sie dann in die weiche Nacht. Die Linden rauschten über ihnen
wie der ewige deutsche Wald. Eines Landwehrhauptmanns Sporen klirrten
im Takt von Kaspars Trinklied, ein junger Student sang Maxens und sein
eigenes Sehnen in den wohlgefällig niederschauenden Mond, ein paar
Mädchen summten das Lied vom Jungfernkranz. Sie alle trugen träumend
die Siegeskunde durch die bewegte Stadt ...
»Sieg.« Auf den Wangen der Kämpfer von einst glühte er, aus den
schwarz-rot-goldenen Bändern, die heute seit Jahren zum ersten Male
dem Verbote trotzten, leuchtete er, mit den Fackeln flammte er zu
dem Gefeierten auf, der im Fenster des Beerschen Hauses stand, von
den Getreuesten umgeben. Und dann stieg das große kaum geglaubte Wort
aus seinem Werk, aus »Lützows Jagd«, aus »Männer und Buben«, aus dem
»Schwertlied«.
Immer mehr Stimmen fielen ein, es war, als dröhnte die Stadt, das Land,
das ganze beglückte Volk.
Dann Stille. Einer tritt vor, dem zuerst der Schauer des großen
Augenblicks die Stimme bricht, die sich aber dann an der Herrlichkeit
der Stunde aufrankt zu desto stärkerem Klang:
»... Zum zweiten Male wurde heute Belle-Alliance geschlagen! Ein
Lebehoch dem Blücher der deutschen Kunst!«
Aufrecht, aus seinem Wesen gelöst, über sich selbst erhoben, steht Karl
Maria von Weber. Der Gattin überselig-kalte Hand ruht in der seinen. Er
fühlt es nicht. Ihm ist, er halte ein Schwert.