(Herrn Geheimrat Dr. Rudolf Krauß!)
Über Cleversulzbach drohte das erste Gewitter des Jahres. Der Pfarrherr
hatte es schon in allen Nerven gefühlt, als er noch unter blauem Himmel
durch die von keinem Winde geschreckten kindlichen Ährenfelder seinem
Hause zuschritt. Früher als die fleißige Amsel ahnte er es, die noch
immer im blühenden Apfelbaum sang. Des Pfarrherrn Blick hing an dem
unbegreiflich sorglosen Vogel. Jähe Einsamkeit schüttelte ihn. Niemand,
niemand bangte mit ihm. Er sog den Duft des Baumes, fühlte die kühle
Flut, tiefer verwühlte er sich darein, Schutz suchend vor der Welt.
Blüten lösten sich, sanken wie Tränen.
Eduard Mörike sah nieder auf die armen zarten Blättchen, die bald ein
achtloser Fuß zertreten würde. Heimat war ihnen der Baum, Fremde die
fühllose Erde. Gab es Furchtbareres, als der Heimat fern zu sein? All
das Heimweh, das er in seinem Leben gelitten hatte, überfiel ihn,
mehrte seine rätselhafte Trauer.
Über den Dingen seiner Arbeitsstube lag der letzte Sonnenschein, über
den Blumenstöcken im Fenster, dem Pult und den Seiten des Evangeliums,
dem großen, heute zwecklosen Ofen, den Bildern mit den vertrauten
Szenen aus dem heiligen Buch. Seltsam verwirrend gemengter Hauch füllte
den Raum, der Duft des Apfelbaumes kämpfte sich durchs Fenster, die
bedächtigen Topfblumen stritten dawider, der unvergängliche Moderduft
der Möbel, der im Winter Heimlichkeit gewesen, war jetzt der mächtigen
Frühlingssüße so fremd wie der vorwitzige Tabaksruch, der untilgbare
Rest freudloser Arbeit.
Noch immer hing der Ton des Amselliedes in der Luft. Nun verstummte
er jäh. Der Pfarrherr beugte sich durchs Fenster. Der Vogel strich
schweren Flugs an ihm vorüber, versank im dichter fließenden
Dämmerschleier. Die Blütenflut erblich zu mattem Perlenglanz, zu
tieferer Fahlheit, verfloß im großen Grau, das die Welt erfüllte.
Still war's. Ein dunkles lauerndes Tier der Himmel. Still blieb's.
Tückisch zögerte das Gewitter. Immer schwerer lastete sein gebanntes
Drohen. Als qualvolles Leben, von lähmender Müdigkeit geduckt, bangte
die geahnte Schrecknis in des Pfarrherrn Nerven. Und mit einem Male
schien ihm, das Bangen hätte sie und seine Seele stets mit einem
Zittern erfüllt, das nur die ereignislose Stille des dörflichen Alltags
gefesselt hatte. Eine jähe, unbestimmt nach allen Winden drängende
Sehnsucht überfiel ihn. Was hatte er erlebt in den letzten Jahren?
Nichts, nichts. Im Rückschauen schrumpften sie zur Armseligkeit einer
einzigen leeren Stunde. Darum, darum gelang ihm kein großes Werk,
darum sank sein Geist immer wieder flügellahm nieder in den Abgrund
des Alltags. Weiter zurück, in verklungene Zeit glitt sein Blick.
Tübingen. Das Stift. Ein paar kindische Studentenstreiche. Aber da,
aus dem matten Erinnerungsglanz leuchtete es, zwei Augen, voll des
rätselhaftesten Glanzes. Süß und furchtbar waren sie, stießen ihn
ab und zogen ihn an sich mit geheimer Gewalt, als wären sie seinem
Sehnsuchtslande erblüht, in dem Königinnen und Nixen den seligen
Verirrten alle Schönheit himmlischer Erde und sündhaften Himmels
schenken. Klarer stieg Peregrinas Gestalt aus den Nebeln: das undeutbar
lächelnde Antlitz, der wundervolle Hals, der Nacken, die schimmernde
Brust.
Eduard Mörike schloß die Augen, dem Zauber nicht zu verfallen. Aber mit
immer leuchtenderen Farben schmückte sich das Traumbild. Barg denselben
süßen Schrecken wie einst. Warum war er damals geflohen? Warum hatte er
sich nicht in die lockende Flut dieses Märchens gestürzt, all dessen
Schönheit getrunken, den Schatz vom Grunde gehoben? Nun würde er seine
fahlen Tage erleuchten mit sicherem Glanz! Feige war er gewesen,
ein Krieger, der aus der Schlacht gewichen und der nun ewig in der
Stille eines verhaßten Friedens den verscherzten Siegespreis fruchtlos
ersehnen mußte. Wilder wuchs die Unrast seines Herzens. Die ganze Welt
hätte er an sich reißen mögen, aber wenn er nur den Arm heben wollte,
sank er zurück in den lähmenden Bann, der noch immer alles umfangen
hielt, den bleiernen Himmel, den fahlen Blütenbaum, das hilfloser
verdunkelnde Land.
Von der Dorfstraße her drangen Schritte überlaut in die dumpfe Stille.
Mörike spähte durchs Fenster. Die Gestalt des Wanderers hatte sich ins
schwere Dunkel gelöst, wesenlos klang der nahende Schritt. Schwieg
vor dem Tor, hallte stärker von den Fliesen, suchend den Gang auf
und nieder, nun pochte es an der Tür, etwas, das stärker war als
er, antwortete aus Mörike mit einer ihm selbst fremden Stimme. In
verschwimmenden Umrissen nur stand die Gestalt in der Stube, die nun
eine Frauenstimme erfüllte. Sie ergriff Besitz von dem Raum. Mörike
wich zurück, dicht an die Wand, fühlte dankbar den stützenden Halt,
vermochte der Stimme zu lauschen. Ein herbsüßer Klang lag darin, neu,
wunderbar neu in der Stille, schreckhaft neu fast, aber doch auch
vertraut, als bärge sie den Zauberhauch eines Märchens, das er einmal
ersonnen, erlebt, erträumt; sein Denken versiegte, er lauschte nur und
trank die Stimme wie ein Lied.
»Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, den Überfall! Ich verließ bei Nürtingen
im hellsten Sonnenschein den Postwagen, um mir ein bißchen Bewegung zu
machen. Das jähe Dunkel überraschte mich, ich verlor den Weg, ein Bauer
wies mir das Pfarrhaus. Und da es ja doch Ihr Amt ist, allen zu helfen,
die in Not sind, so machte ich mir kein Gewissen daraus, Sie zu stören.
Nein, ich mache mir keins daraus, gewiß nicht!«
Die Kadenz eines Lachens perlte, nur eine kleine, kaum merkbare
Dissonanz bebte darin, des Pfarrherrn feines Ohr fühlte sie. Die
Wirrnis der Klänge umflocht den Stummen.
»Nun keine Antwort? Soll ich wieder gehen? Jeden Augenblick kann
das Unwetter beginnen! Stoßen Sie mich hinaus? Soll mich ein Blitz
erschlagen?«
Eduard Mörike sah durch's Fenster. Schwer lag die drohende Nacht. So
schwer und doch von geheimem Beben erfüllt, wie die Einsamkeit seiner
letzten Jahre. Ja, jetzt wußte er's, immer, immer hatte auf ihrem
Grunde ein Drohen geruht, jeden Augenblick bereit, ihn anzuspringen. Ob
er durch die reinen Felder schritt oder auf der Kanzel stand, ob er den
Vögeln gelauscht oder Gott in den Sternen gesucht hatte, am reinsten,
heiligsten Morgen hatte es in einem Winkel seiner Seele gelauert. Die
Stimme, die da unbekümmert durch die bleierne Stille klang, die tilgte
das Drohen, nein, sie tilgte es nicht, sie nahm es auf, erfüllte es mit
ihrer Süße, daß es kein Drohen mehr war, sondern nur ein berauschendes
Bangen.
»Gehen Sie nicht fort,« bat er, »bleiben Sie! Setzen Sie sich, warten
Sie, ich will nur Licht machen.«
Wieder hallten die Schritte auf, näher tönte die Stimme: »Lassen Sie
das, bitte! Ich will's nicht!«
Des Pfarrherrn Hand, die schon nach Stahl und Stein griff, sank nieder
unter dem sanften Zwang der Worte.
»Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!«
Er gehorchte. Alles, alles würde er tun, was diese Stimme ihn hieß.
Nichts mehr in ihm bäumte sich dawider auf. Süße Wollust war es, den
armen Willen in Schlummer zu betten, nur mehr zu fühlen, wie eine
Pflanze im Windhauch der Sommernacht.
Leiser tönte die Stimme. Eduard Mörike verstand nicht den Sinn der
Worte, nur eine fein sich fortspinnende Melodie waren sie, die er nicht
deuten durfte, der er sich ergab, in deren Rhythmus er atmete. Er
versank im Traum. --
Fernher murrte der erste Donner. Der Pfarrherr hörte ihn nicht, höher
erhob sich das Drohen des Unsichtbaren, dem er diente. An seinem Ohr
glitt es vorüber, das trank den Hall der Stimme, deren gleichmäßig
fließende Süße stärker war als die wachsende Gewalt. Sie sprach vom
Leben. Vom großen Leben, davon kein Hall in die entrückte Einsamkeit
drang. Gierig trank Mörikes Seele den Klang. Unbewußte betäubte
Sehnsucht hatte in ihm gelebt, all die stummen Jahre lang. Nun erwachte
sie zu schmerzend wildem Leben. Eine unerträgliche Spannung füllte
seinen Leib. Das Blut schlug an die Adernwände, dröhnte an sein
berauschtes Hirn.
Das Wetterleuchten geisterte nicht mehr über den Hügeln. Noch eine
kurze atempressende Stille, dann riß jäher Wind die arme gelähmte
Welt zu irrsinnigem Tanz. In ächzender Scham beugten sich die Bäume,
die manneshohe Faust riß ihnen den jungfräulichen Blütenschmuck vom
Haupt in den Staub der Straße, wirbelte die fahle Masse hoch, daß
alles in Unreinheit erstickte. Bis das teuflische Spiel verstummte
vor der Stimme des Herrn. Seines Blickes Zornblitz steckte die Erde
in Brand. Vor Eduard Mörike schoß grell aus dem Dunkel das Antlitz
der Frau. So wie es manchmal aus dem Dunkel des Erinnerns erwacht war
in schmerzender Gewalt. So wie es damals in Tübingen dem Jüngling
geleuchtet hatte, furchtbar und süß, voll tiefster Qual, voll höchsten
Entzückens. Zum andern, zum dritten Male schoß das Bild auf. Der
tückische Gott gab und nahm, nahm und gab im wirren Wechsel. Furcht
weckte das grelle Bild, Sehnsucht das Dunkel.
»Peregrina,« stammelte Mörike, »Peregrina!«
Aber der Donner verschlang den Laut, er erstarrte im schmetternden
Blitz. Im wechselnd erneuten Licht stand die Frau, dem Blitze verwandt,
voll Urgewalt wie er. Der Donner dämpfte sich, matter leuchtete das
Licht des Blitzes. Nieder rauschte, alles ertränkend, die himmlische
Flut. In der Flut der Worte ertrank Mörikes Herz.
»Warum bist du damals vor mir geflohen? Immer, immer habe ich dich
gesucht, die ganze lange Zeit. Und ich weiß, du hast es bereut, denn
ich war dein Glück. Ich bin dein Glück! Hast du das Große geschaffen,
das du erträumtest? Du kannst es nicht ohne mich! Ich bin dir bestimmt
von Gott und Schicksal, du gehörst mir!«
Eduard Mörike fühlte den Hauch ihres Atems. Es war der Atem der
durchwühlten Welt. Er nahm den Verstummten auf seine Schwingen, sie
trugen ihn über Enge und Dumpfheit in die schwindelnde Weite. Und dann
riß er ihn nieder in die Flut eines süßen, warmen Stromes.
Machtvoll rauschte der Regen.
Sanfter tönte sich das Rauschen, ward leises Raunen, schwieg. Die
letzten Wolken versanken, gute Sterne leuchteten. Der Mond wanderte.
Langsam glitt er die gottbestimmte Bahn. Bis er im Fenster stand.
Still, unbeirrt durchfloß sein keusches Licht die Stube. Wieder wuchs
das Antlitz der Frau hell aus dem versunkenen Dunkel.
Anders, ganz anders war es nun im sicheren Licht. Fremd, fremd, in
kaltem Feuer leuchtend das Auge, üppig schwellend der Mund, aber von
einer harten, bösen Falte umgrenzt, ein ruhelos feindliches Zucken
überspielte das Gesicht, ein wildes Suchen, das zu dem freundlichen,
stillen Licht in schmerzvollen Gegensatz trat. Mörike wich vor dem
Antlitz, vor den zwanghaft gebreiteten Armen. Freundlich leuchteten die
gewohnten Geräte im Mondlicht, in lieber Heimlichkeit, blickten Mörike
an und fragten: Was will die Fremde hier?
Weiter wich der Pfarrherr nach dem Fenster, selig lächelte das Land
nach der Prüfung des Wettersturms, die festen Blüten des Baumes, die
hellen Wiesen, die Häuser, die vertraute Straße, die hütenden Berge.
Und auch sie fragten: Was will die Fremde hier?
Mörikes Seele tauchte in den Segen der lichten Reinheit, trank die
schützende Sicherheit in sich, bis er von ihr tief und stark erfüllt
war. Tastend, sicherer dann kehrte sein Blick zurück zu der Frau.
Qualvolle Wirrnis lag auf ihren Zügen. Ihre Arme regten sich, als
wollten sie gegen die Stille kämpfen, sanken gelähmt nieder.
Allein war ihr zerrissenes, suchendes, dumpfes Wesen inmitten der
erlösten Welt.
Fest und still schritt er auf die Frau zu, neigte sich zu ihr,
streichelte ihr Haar, Stirn und Wangen, bis die zuckenden Wellen sich
glätteten unter der Güte seiner Hand. In jäher, dumpfer Müdigkeit
überließ sie sich seiner reinen Kraft.
Er bettete sie, saß an ihrem Lager. Heller, satter floß das Licht.
Weckte unerbittlich die Betäubte. Sie sah in das unergründlich
lächelnde Antlitz des Mondes.
Barg das Gesicht in den Händen. Ein Schluchzen schüttelte sie.
Wieder tröstete des Pfarrherrn Hand. Das ferne Licht des Mondes lag
darin, der Glanz der Blüten, der hellen Wiesen, die Sicherheit der
befreiten Berge. Zu stillerem Weinen verfloß ihr Schmerz.
»Wenn ich nur einmal, einmal im Leben eine Hand, eine so gute Hand ...«
Das Flüstern verglitt in stummen Hauch. Ihr Schlummer fügte sich in die
Erlöstheit der Welt. -- --
Er trat ins Freie. Die erste silberne Ahnung stand über den Höhen.
Gedämpften Schrittes ging er in das große Geheimnis. Es war, als sei
ihm Macht gegeben von Gott, die Welt zu erwecken.
Aus dem Dämmern wuchs die Himmelsrose des Morgens. Einen Abglanz ihrer
Reinheit trug Mörikes Herz.