Der Leutnant Leopold von Tappeiner wäre noch zur Zeit des unseligen
Feldzuges anno fünf eine im österreichischen Heere unmögliche Gestalt
gewesen. Jetzt, da die romantische Welle auch Wien überrauschte und
ein wirklicher Dichter im Hauptquartier saß, um recht schwungvolle
Armeebefehle zu verfassen, mußte auch der Oberst, wenn auch ungern, ein
Auge zudrücken, wenn etwas von den seltsamen Neigungen seines jüngsten
Offiziers ihm zu Ohren kam. Er konnte dies um so leichter, als Leopold
von Tappeiners Dienstfreude unter seinen poetischen Neigungen in keiner
Weise litt.
Seit der Leutnant wußte, daß es neben dem Leben, das aus Exerzieren,
Waffenkunde, dem Studium der Taktik und gelegentlichen Liebesmahlen
bestand, noch ein zweites gab, eines, das oft gar unscheinbar in
fleckiges Papier und ein schlichtes Leinenkleid gebannt war, und daß
neben der Sonne, die des Morgens über den Donauauen aufstieg, und
des Abends über dem Schönbrunner Schloß zur Ruhe ging, eine andere
in Deutschland leuchtete, die keine Nacht mehr würde vernichten
können, hatte er an jedem Pfingstmorgen aus einem wunderschönen,
in frühlingsgrüne Seide gebundenen Büchlein, dafür er seine ganze
Wochengage ausgegeben, den ersten Gesang aus dem »Reineke Fuchs« des
Herrn Johann Wolfgang von Goethe gelesen. Erst aus diesen Worten war
ihm die ganze Schönheit des begnadigten Festes kund geworden, an dem
der heilige Geist in tausendfacher Blütengestalt zur Erde niederflutet
und die Vögel mit tausend feurigen Zungen allen Völkern des Ewigen
Ehre verkünden.
Auch an dem Pfingstmorgen des Jahres neun hatte er es so halten wollen,
und nun war das alles anders gekommen. Er hatte keinen Vogel gehört,
denn der Kanonendonner hatte jede Kreatur überdröhnt, er hatte keine
Sonne gesehen im Pulvernebel von Aspern, und nun, da der Sieg errungen
war und er in der Stille eines Bauernhauses seinen Tornister auspackte,
beim kargen Talglicht seine versäumte Andacht nachzuholen, wurde er
mit Bestürzung inne, daß der grüne Seidenband, den er sorgsamer als
Feldflasche und Strümpfe verpackt hatte, fehlte. Er hatte ihn wohl in
dem furchtbaren Getümmel des heißen Tages verloren.
An diesem Tage hatte er mehr des Grauenvollen gesehen, als in
seinem ganzen Leben, ein Freund war an seiner Seite gefallen,
seltsam, furchtbar, das alles war an ihm, dem Stumpfgewordenen,
vorübergeglitten, der Verlust des Büchleins traf ihn als tiefer
Schmerz. Er sann ihm beim schwelenden Schein des nun zwecklos
gewordenen Kerzenlichtes nach, bis er ihn in seiner ganzen Bitterkeit
ausgekostet hatte und seinem Geiste der Weg in andere Bereiche frei
war. An seiner endlich zu einem Nachbeben geweckten Seele vorüber
zog der Tag: Banges Warten, näher rückender Donner, Salvenknattern,
Befehle, Degenblitzen, Roßgestampf, irrsinniges Hurragebrüll, wut- und
angstverrissene Fratzen, Blut, Aufheulen der Getroffenen, und darüber,
nur geahnt, mit letzter Kraft der Weichheit ersehnt, die verhüllte,
geschändete Sonne des heiligen Festes. Aber mit einem Male wußte er,
daß all das nicht das Furchtbarste gewesen, das es verblaßte, verklang
vor einem Antlitz, einem Wort. Beides war seinen betäubten Sinnen im
Lärm der Schlacht nicht so gegenwärtig geworden wie jetzt, da er das
Wort hörte, als dröhne es ein Mund an sein Ohr, das Antlich sah, als
beuge es sich zu ihm nieder. Blond war der feindliche Offizier gewesen,
blaue Augen hatten Tappeiner Haß entgegengesprüht, blau, blau wie die
seinen. Ein deutsches Kommandowort. In der Mitte zerfetzt, war es
gellend im Todesschrei verklungen. Er, sein Degen hatte es erschlagen.
Und über ihnen hatte die verborgene Sonne des Pfingsttages geleuchtet,
wie über jenem Tage, da der Große die herrlichen Verse geschrieben,
er, dessen Licht über allen leuchtete, denen eine deutsche Mutter das
erste Wort der heiligen Sprache vorgesprochen. Der Schmerz tiefster
Hoffnungslosigkeit überfiel den Leutnant. Wozu, wozu strahlte die Sonne
über ihnen, wenn niemand sie sah? Wozu goß ein Ewiger die Harmonie
seines großen Herzens in die Musik seines Wortes, wenn niemand sie
hörte? Wozu ließ Gott immer und immer wieder einen heiligen Pfingsttag
erstehen, wenn das verblendete Volk seinen Ruf überdröhnte mit dem
Mißklang wahnsinnigen Brudermordes? Wozu? Wozu? Zum erstenmal in
seinem jungen Leben erstand diese Frage vor dem Leutnant, wie ein
schattenhaftes, jedem Griff entgleitendes, sich im Dunkel lösendes, von
neuem sich ballendes, vergehendes, werdendes, ewig rätselhaftes Untier
der Nacht.
Stimmen schrecken Leopold von Tappeiner auf; die Kameraden des
Regiments waren's, sie riefen ihn, er sollte mit ihnen kommen, den Sieg
zu feiern. Von einer jähen, atemschnürenden Furcht erfaßt, löschte er
das Licht, tastete sich durch den Flur, unerkannt an den lärmenden
Offizieren vorüber, ins Dunkel.
Die Wolken, die der Abend über den Himmel gebreitet hatte, teilten
sich, da und dort zitterte ein Stern. Immer freier erwachte der
Glanz der Nacht. Und nun streifte der Mond den letzten silbernen
Flußnebelschleier von sich und wies dem Jüngling, das Verborgenste
grausam enthüllend, das stöhnende, fiebernde oder in letzte Stummheit
versinkende Schlachtfeld.
Der Leutnant hastete durch das Grauen, das er nicht bannen, durch die
tausendfache Qual, die er nicht lindern konnte, von einem suchenden
Drang erfüllt, etwas ersehnend, darin er Frieden und Ruhe finden
könnte.
An einer seltsam geformten Baumgruppe erkannte er die Stelle: Hier
waren sie heute morgens eingesetzt worden, hier hatten sie den Angriff
des feindlichen Regiments abgeschlagen. Hier, hier ... eine kalte
Hand umpreßt sein Herz, läßt es frei, daß es wildpochend die Dämme
der armen Brust zerreißen will: Hier, im vollen Mondschein liegt der
deutsche Offizier. Weit geöffnet zu stummer Frage, zum fühllosen Himmel
aufstarrend das gebrochene Auge, frei fließt das blonde Haar über die
Stirne. Des Oesterreichers Hand tastet nach dem eigenen Haupt, als wäre
es nicht mehr sein, als gehöre es dem Stummen, er greift nach seinem
pochenden Herzen, fühlt den eigenen Degen, der die Brust des andern
durchbohrt hat, dem er verbunden ist, dessen Sein er von dem eigenen
kaum mehr zu lösen vermag. Er kniet nieder, beugt sich über den Toten,
streicht mit der Hand, die eben noch das Pulsen seines Herzens gefühlt
hat, über das blutgetränkte Kleid, als könnte er des Anderen Herz zu
gleichem Leben erwecken. Immer wieder gleitet die Hand, die ganze
gestaute Sehnsucht seines erschütterten Seins liegt in dem Streicheln.
Die Hand fühlt etwas Hartes, das ihr den Weg zu dem armen durchbohrten
Herzen sperrt. Behutsam löst er es aus der Brusttasche des Toten,
zieht es langsam frei, es ist ein Buch. Blutbefleckt, von seinem Degen
durchbohrt. Ehrfürchtig hebt er es ins Mondlicht, ein grünseidener
Band, fiebernde Hände öffnen es, durch halberstarrtes Blut wirren die
Buchstaben, formen sich zu jenen herrlichen, Musik gewordenen Worten,
die ihn den ganzen furchtbaren Tag dumpf und weh durchklungen haben:
»Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen,
es grünten und blühten Feld und Wald ...«
So tönt es ihm, zum erstenmal von klarer Melodie getragen, durch
Hirn und Seele. Er versucht aus dem Buche zu lesen. Die Verse sind
verstümmelt, sein Degen hat die Worte »Pfingsten, das liebliche Fest
...« durchbohrt. Die Sinne schwinden ihm, er bricht nieder, liegt neben
dem Toten.
Ein Klang weckt ihn, ein Vogelruf. Noch ist es Nacht, noch zittern
die Sterne, noch trägt der Mond silbernen Schein. Aber die Seele des
verborgenen Tieres ahnt schon den Morgen.
Morgenreinheit kühlt des Lebenden Sinn. Er sieht den Toten in
schmerzender Klarheit, er weiß, dieser wird heute noch sich in Erde
lösen, indes er atmen wird, solange es Gott gefällt. Aber er weiß auch,
daß er dem Toten, über dessen wildem Leben dieselbe Sonne geleuchtet
wie über dem seinen, untrennbar verbunden sein wird für alle Zeit. Noch
immer singt der Vogel, ein zweiter, ein dritter, unzählbare Stimmen
einen sich zu einem rauschenden Jubelchoral, der das Erwachen des
heiligen Gestirns vorahnend kündet.
Der Lebende aber kniet nieder an des toten Bruders Seite und spricht an
seinem Ohr die Worte des geliebten Liedes in den Lobgesang der Kreatur.
Die Schwingen dieses Sanges tragen das Lied auf zu Gott. Und die Seele
des Toten, Gott, Welt, Leben und Tod sind ein Großes, untrennbares
Herrliches in dieser aus dem Schoße der Ewigkeit strömenden Stunde.