Der Studiosus medicinae Christian Wittebold hatte stets sein
dröhnendstes Lachen aufgeschlagen, wenn die Theologen seiner
Landsmannschaft eine Disputation über die Wunder Christi und der
Apostel angestellt hatten. Und doch sollte auch ihm ein Wunder
widerfahren, das jedem, der ihn kannte, zumindest so groß erschien, wie
die Erweckung des toten Jünglings.
Nicht weit von Jena im Bade Lauchstädt spielte die Weimarer Truppe,
seitdem die schöne Jahreszeit die vornehmen Gäste in großer Menge
angelockt hatte, an jedem Sonnabend zum nötigen Ergötzen der
Gesellschaft ein schönes Stück. Und da mit den Komödianten auch die
Hofgesellschaft und Celebritäten der Residenz sich einfanden, hatten
die Neugierigen ein doppeltes und dreifaches Schauspiel. In den
frühesten Vormittagsstunden füllten sich die Straßen, die von Jena,
Halle und Leipzig dem aufblühenden Orte zustrebten, mit Studenten.
Die Leipziger Stutzer fuhren in feinen Karossen oder ließen sich von
Sänften tragen, die Hallischen Waisenhäusler trabten bescheiden zu
Fuße, indes die Jenaer Burschen auf allen Gäulen der Pferdeverleiher
peitschenknallend und sporenklirrend aus den Toren ritten.
Die zierlichen Herrchen fügten sich aufs beste in das zartbunte Bild
der gemessenen Badepromenade, die armen Stipendisten drückten sich
scheugeduckt durch die unheimliche Pracht, die Jenenser aber stießen
die galanten Kavaliere zur Seite, als rempelten sie den Breiten Stein
lang, und es gab gar oft einen unliebsamen Zwischenfall, wenn einer
ihrer riesigen Hunde sich in dem Reifrock einer Dame verfing.
An solchen Abenden saß Christian Wittebold allein in der Kneipe zum
»Halben Mond« und fluchte über die Zierbengels, die ihm des dummen
Affenplaisirs wegen echappiert seien, aber mitzuhalten, dazu war er
nie zu bewegen gewesen. Heute kündigten die Komödianten die »Räuber«
des Hofrates Friedrich Schiller an. Die Generation, die ihn noch vom
Katheder her gekannt, hatte längst die Akademie verlassen, und nach
Weimar war Christian nie gekommen, denn seine Weltsehnsucht war mit
Ziegenhain, Kospoda und Liechtenhain, wo er die Würde eines Bierherzogs
bekleidete, vollauf gestillt. Von dem Schauspiele aber hatte er schon
manches gehört. Schon der Titel hatte ihm stets zugesagt: Räuber! ...
das schien ihm zuweilen wenn die Manichäer ihn härter als ziemlich
bedrängten, ein besserer Beruf zu sein, als ein Studiosus der
Heilkunde, und gar ihr Hauptmann zu heißen, rühmlicher als Thus X., der
statt des Schwertes nur eine Kanne trübflüssigen Bieres schwang. So
kam's, daß Christian Wittebold an einem Maimorgen mit den anderen auf
dem wuchtigsten Klepper Jenas Lauchstädt entgegenritt.
Verschiedene Zwischenfälle füllten den Tag. Der Hund Pandur biß
einem armen Favoritpudel zum Zeitvertreib den Schweif ab, sein Herr
schalt einen Kammerherrn einen ramassierten Pomadenhengst und brachte
es endlich dahin, daß alles flüchtete und die Jenenser allein die
Promenade behaupteten, bis es ihnen zu langweilig wurde und sie sich
für den Nachmittag hinters Weinglas setzten. So gelangte man endlich in
die rechte Theaterzeit. Des Christian Wittebold wilder Baß durchdröhnte
unbekümmert das Haus, bis die Vorstellung anhub. Wohl sprach er noch
laut in die ersten Worte hinein, aber allmählich fesselte ihn das
Geschehen droben immer mehr und mehr, daß er verstummte. Dumpf empfand
er, daß auf der Bühne etwas geschah, das von der Göttin seines Lebens
geformt war, der Kraft.
Hie und da ein halblauter Ausruf: »Wetten wir, das ist ein
Schweinekerl, dem man sollte den Schädel einschlagen!« knurrte er,
als Franz seine süßen Heuchelworte sprach. Und als der alte Moor
seine zitternde Klage keuchte, da rührte leichter erweichender
Erinnerungswind die harte Fläche seines dunklen Seelenteiches, denn
er dachte an seinen eigenen Vater, der noch immer hart ersparte Taler
nach Jena sandte. Mit dem Beginn von Karl Moors Donnerrede brodelte in
ihm ein wilder Widerhall hoch, bei jedem Kraftwort schlug er auf die
Sessellehne und im höchsten Entzücken suchte er mit dem Hieber Feuer
aus dem Boden zu wetzen, bis er merkte, daß dieser aus bescheidenem
Holze sei, und die Freunde ihn mühsam zur Ruhe mahnten.
In den böhmischen Wäldern lösten schlummernde Urinstinkte sich in einem
wilden Entzücken, ein gröhlendes Lachen dankte jedem Keulensatz der
Libertiner, sein kantiger Baß stimmte in das Räuberlied ein, seine
Fäuste krampften sich um den Hieber über Franzens Schurkerei, und in
seiner heißen Begeisterung überhörte er das moralische Ende, das die
Gutgesinnten mit der erschreckenden Wildheit des Ganzen versöhnte.
Kraft! Kraft! jubelte es in dem Wittebold, ließ ihn die Hände
zusammenschlagen wie Wetter, brach aus ihm als wilder ›Vivat‹-Schrei:
»Das ist ein Kerl!« brüllte er in das Getöse. »Wo ist er, der Hofrat
Schiller, den muß ich sehn, das muß ein Haupthahn sein, gegen den
wir alle ein Dreck sind! Ran muß er! Runda ziehn muß er mit mir! Ein
Schmollis sauf ich ihm an! Wo ist er! Raus mit ihm! Raus mit ihm!«
Die letzten Worte schrie der Begeisterte in jähe Stille. Rauh standen
sie, allein, widerhallten, ihr Widerhall duckte sich, ertrank.
In einer Loge stand ein Mann. Kerzenlicht überfloß ihn. Zeigte die
kalkfahle Farbe seines Gesichtes, jede Furche der schmerzhaft gepreßten
Züge. Lang und jammervoll dürr wuchs der Hals aus der schmalen,
gehöhlten Brust, wie kraftlose Fänge eines sterbenden Vogels umpreßten
die Hände die Brüstung. Aber die Augen leuchteten, leuchteten in
unfaßbarem Glanz. Tiefere, tiefste Stille ... Nur das leise Wehen eines
unsichtbaren schwarzen Flügels über dem blassen Haupt. -- -- --
Als die Landsmannschafter noch einmal in die Weinschänke traten, die
sie vor dem Schauspiel verlassen hatten, stahl sich der Wittebold von
ihnen fort und ritt allein nach Jena zurück. Seine Peitsche schwieg,
der Hufhall dünkte ihn zu laut, ihm war, es müßte alles verstummen
in dieser Nacht. Er mühte sich in dumpfer Qual, einen Blick in sein
eigenes Herz zu tun, der Blick verglitt im unendlichen Dunkel, er war
sich selbst ein Rätsel in dieser Rätselnacht. Nichts sah er, als das
bleiche, wehe Antlitz, daraus die Augen leuchteten, machtvoller als die
Sterne des stillen Himmels, aber ihnen doch geheimnisschwer verwandt.
Des Christian Wittebold Seele kroch in sich, duckte sich klein in
schwingenlahmer Scheu. Bis eine Hand sie zart umfaßte und emporhob zum
ersten scheuen Flug ins Licht der Sterne.