Goethes Hand strich über die Stirne: »In der Tat, ich vergaß.«

Er straffte sich ins Gewohnte zurück. Pflicht! Keinen Schritt vom

Alltagswege, den er sich vorgezeichnet! Auch die Welt hatte ein Recht

an ihm.

»Wer ist's?«

Der Diener buchstabierte aus dem Anmeldebuch: »Schauspieler Christoph

Karsten, unfesten Aufenthaltes.«

»Gut, rufe Er ihn!«

Die lichte Stunde verschattete sich tiefer. Verhaßter Tabakdunst

drängte sich an Goethe. Ein breiter, derbknochiger Kerl verbeugte sich

ehrfürchtiger als nötig und ließ dann ein demütiges, grinsendes, ein

wenig ängstliches Gesicht sehen, in dessen Augenwinkeln doch gedrängt

eine plump-freche Vertraulichkeit saß, die nur lauerte vorzuschnellen

und sich zu verbreiten.

»Euer Exzellenz tiefgehorsamster Diener empfiehlt sich dero

Geneigtheit!«

Er hatte in der ersten Befangenheit die Türe schlecht geschlossen. In

die Stille der folgenden Augenblicke drang aus der Halle jappendes,

trappelndes Geräusch, mit unterdrückten Rufen des Dieners vermengt.

Der Türflügel schnellte auf, und über die Schwelle sprang ein Hund,

dessen lebhafte Gebärde in der bändigenden Stille des Raumes erstarb.

Reglos saß er, sah an seinem Herrn vorüber zu Goethe auf aus großen,

geweiteten Augen.

»Wie kommt dieses Tier in mein Haus?« rief Goethe, ergriff die Glocke,

schellte, der Diener taumelte herein in keuchender, stammelnder

Verwirrtheit.

Der Schauspieler, der noch eben mit einer lächelnden Geste den Pudel

hatte präsentieren wollen, stürzte sich nun mit einem Fluch auf ihn,

trieb ihn mit Fußtritten hinaus, hob ihn hoch und warf ihn die Treppe

hinunter, daß er wehheulend sich nach der Straße schleppte. Des Tieres

letzter hilfesuchender Blick hatte Goethe gesucht.

»Schließe Er das Tor!« befahl der Geheimrat dem Diener. »Und sei Er

das nächste Mal achtsamer! Der Hund gehört Ihm?« wandte er sich an den

Besuch.

Die gestaute Vertraulichkeit in des Schauspielers Augen hatte sich

verkrochen, nur Angst hockte nun darin.

»Zu dienen, Exzellenz, leider, das heißt, es ist mir nicht erklärlich,

wie das verhagelte Biest ...«

»Fluche Er nicht! Er hätte nicht so roh sein müssen. Das unvernünftige

Tier trägt nicht Schuld an Seiner Lässigkeit!« Eine abschließende

Handbewegung. »Was will Er von mir?«

Der Schauspieler fühlte, daß das Gewitter vergrollte, richtete sich

ein wenig auf, die Angst löste sich aus seinen Zügen: »Halten zu

Gnaden, Exzellenz! Ich war so unglücklich darüber, Eurer Exzellenz zu

mißfallen, daß ich meinen Hund ein wenig zu derb anfaßte. Es ist sonst

nicht meine Art, gewiß nicht, ich bin ein guter Mensch!«

»Rede Er nicht! Setzen wir den Fall beiseite! Komme Er zur Sache!«

»Die Sache,« fuhr der Schauspieler, nun ganz seiner Sicherheit

zurückgegeben, fort, »geht, ich muß leider sagen, im ersten Punkte

meinen Hund an. Eure Exzellenz haben einen Horreur vor diesen Tieren,

ich verstehe es, sie sind oft dumm und schmutzig. Aber mein Pudel

ist eine Ausnahme. Herausgesagt,« die Vertraulichkeit schoß aus den

Augenwinkeln, überfloß für einen Herzschlag fettig das ganze Gesicht,

»herausgesagt, er ist ein Kollege, ein Akteur. Und deshalb habe ich

mir untertänigst die Freiheit genommen, bei Eurer Exzellenz in Audienz

zu erscheinen.« Nun floß die Rede ungehemmt weiter. »Vielleicht darf

ich mir schmeicheln, Eurer Exzellenz nicht ganz unbekannt zu sein. Bei

dem regen Interesse, daß Sie allem bezeugen, was das deutsche Theater

angeht, ist es vielleicht nicht allzu vermessen. Ganz gewißlich aber

haben Sie von dem berühmten Stücke ›Der Hund des Aubry‹ Kenntnis

erlangt. Es war in Dessau, in Hamburg, in Wien sogar ein großer

Sukzeß. Ein Sukzeß, der wohl, ohne mich über Gebühr zu rühmen, fürs

allererste mir zu danken ist. Die Hauptrolle in diesem Stücke agiert

nämlich neben dem sagenhaften Ritter Aubry, den darzustellen ich

selbst die Ehre habe, ein Hund. Ja, ein wirklicher Hund! Deshalb hat

man das vortreffliche Werk solange nicht vorstellen können. Erst ich

habe es durch meine Wunderdressur dahingebracht. Und so wage ich es

denn, durch den bisherigen Erfolg ermutigt, die gehorsamste Bitte zu

stellen, Eure Exzellenz möchten anbefehlen, daß dieses Drama auch auf

der höchstberühmten Bühne zu Weimar möge ins Licht treten! O bitte, ich

weiß, daß ich kein so hohes Honorar werde fordern dürfen, wie etwa in

Wien oder im reichen Hamburg, ich bescheide mich, ich will überhaupt

kein Geld, die Ehre, hier an dem trotz seiner Kleinheit famösesten

Theater Deutschlands, unter den Augen seines größten Dichters, meine

Kunst zeigen zu dürfen, ist für mich von so unschätzbarem, idealem

Werte, daß der schnöde Mammon damit nicht im geringsten den Vergleich

hält. Ich bitte Eure Exzellenz auf das Untertänigste, Sie möchten mit

einem mächtigen Wort ...«

Das plumpe Lächeln erstarrte, schrumpfte ein, verkroch sich, der

Schauspieler sah vorerst auf Goethes, verfinsterte, von fremden Falten

durchfurchte Stirne, dann duckte er sich vor dem olympischen Zorne, der

auf ihn niederdröhnte.

»Was kommt Ihm bei! Ich soll erlauben, daß an der Stelle, da der

›Wallenstein‹ vorgestellt wurde, ein Harlekin wie Er mit einem Hund

seine Possen treibt?!« Die Glocke schrillte wie der Ruf des jüngsten

Gerichts. Zum zweiten Male erschien erblassend der Diener. »Dieser Herr

verläßt sofort das Haus!«

Christoph Karsten taumelte die Treppe nieder, das Licht des

Frühlingstages umtanzte ihn in tausend schillernden Ringen. Schwankend

durchschwamm er das Sonnenmeer des Frauenplanes. Dann schrak er auf,

vermißte den Hund. Er quälte ein Pfeifen von den vertrockneten Lippen,

sah mit lichtgewohnterem Auge rundum. Der Pudel saß vor Goethes

Haustor, unverwandt zu den Fenstern aufblickend. Christoph Karsten

rannte auf ihn los und zog das widerstrebende Tier würgend hinter sich

her, durch das lachende Volk, bis der Gasthof zum Erbprinzen ihn dem

Hohne verschloß ...

Die vornehme Lauterkeit des Raumes trübte ein dumpfer Schatten. Das

häßliche grinsende Gesicht schwand nicht, zwängte sich frech und breit

zwischen Goethes Blick und alles, was sonst stark und anmutig seine

Seele erquickte. Hartnäckiger Tabakdunst umbeizte ihn, er stieß das

Fenster auf, auch die reine Lenzluft war machtlos. Sehnsucht erwachte

in ihm, jener vergleichbar, die ihn nach seiner Rückkehr aus Italien

gequält hatte im grauen Land. Eine lange Zeit letzten Sichfindens,

Jahrzehnte kraftvoller schaffender und genießender Ruhe hatten sie

besiegt. Heute wuchs sie wieder auf, seiner verhaltenen Reife fremd und

unheimlich. Mit rascher, fast unbeherrschter Bewegung griff er nach der

Glocke.

»Gehe Er nach dem Theater,« befahl er dem Diener, »und bestelle Er

dort, ich ließe Herrn Wilhelm Neander, merke er sich den Namen wohl!

aufs dringlichste zu mir bescheiden. Ich hätte ihm etwas von Bedeutung

mitzuteilen. Spute Er sich!«

In seiner gewohnten Haltung, aber rascheren Schrittes als sonst,

durchmaß Goethe das Zimmer, hielt zuweilen am Fenster, sah über den

Frauenplan die enge Gasse fort, soweit der freie Ausblick reichte. Dann

schoß warme Freude aus seinem Herzen auf, er trat zurück, ließ sich in

den Armstuhl nieder und erhob sich erst, als der junge Schauspieler,

sich tief verneigend, eintrat.

»Es war sehr freundlich von Ihnen, meinem Ersuchen so rasch zu

entsprechen.« Die Stimme trug den alten königlichen Klang und auch

die Geste, die zum Platznehmen einlud, war wieder voll harmonischer

Ruhe. Nur in dem großen unverändert machtvollen Auge lag ein wärmeres

Leuchten.

Der Blick des schönen Jünglings begegnete ihm. Die Züge der beiden

Gesichter wiesen wahrhaftig dem äußerlich Vergleichenden manches

Ähnliche. Ja, die des Schauspielers waren vielleicht noch schöner und

ebenmäßiger, seine Gestalt noch bezwingender, als die des Alten in

jungen Jahren gewesen sein mochte. Freilich, dem tiefer Schauenden

blieb nicht verhüllt, daß die Lippen sich gewöhnlicher rundeten,

daß die Stirne niederer und voll äußerlicher Glätte war und daß die

Augen allzuwillig ein Leuchten verströmten, das nur der Oberfläche

erwuchs und nicht das Zeichen der Seele trug. Aber dem sonst so scharf

Sehenden, dem nichts Menschliches mehr ein Rätsel schien, war heute der

Blick getrübt; er sah sich selbst vor sich in schönerer Jugend, von

allen guten Göttern reinsten Griechentums gesegnet.

»Sie haben wohl nun auch ein Anrecht, aufs schleunigste zu erfahren,

warum ich Sie aus vielleicht angenehmerer und Ihrer Jugend

schicklicherer Gesellschaft riß. Nicht nur infolge mancherlei Arbeiten

und Obliegenheiten anderer Art, sondern auch durch die widrige

Zufälligkeit, daß sich eben nicht die geeignete Person finden wollte,

gehindert, habe ich die Zeit her von der Ausführung meines Planes,

meine ›Iphigenie‹ neu auf die Bretter zu stellen, Abstand nehmen

müssen. Jetzt aber scheint mir, wenn mich nicht alles trügen will, ein

recht freundliches Geschick die Verwirklichung bescheren zu wollen.

Nun sind Sie wohl noch jung und auch an der rechten Erfahrung, deren

Ihr Stand wie jeder andere auch nötig hat, wird es Ihnen noch ein

wenig gebrechen. Aber Sie bringen vieles mit, welches dieses Gebrechen

genugsam aufwiegt, und es steht zu hoffen, daß Sie mit ehestem gar

manchem Älteren den Schritt abgewinnen und den Rang abtrutzen werden.

All dies bedenkend, habe ich mich entschlossen, Ihnen, mein Bester,

die Rolle des Orest zuzuteilen, dafern Sie dafür eine Anmutung haben

sollten, wodurch mir eine besondere Freude geschehen würde.«

Ein mildes Lächeln erweichte das statuenstarke Gesicht. Innerlicher

leuchtete das große Auge. Aber aus dem Jungen schoß nun nach einem

Augenblick erstarrten Staunens raketengrell die Flamme des Triumphs.

Sie duckte sich, Klugheit zwang den Blick zu dankbarer Bescheidenheit.

»Ich bin im Tiefsten gerührt, Eure Exzellenz, wie soll ich danken für

diese gnädige Güte!« Er beugte sich nach blitzschnellem Überlegen

nieder, Goethes Hand zu küssen. Der entzog sie ihm, ließ sie auf seiner

Schulter ruhen.

»Wollen Sie mir beim Mittagstisch noch ein wenig Gesellschaft leisten,

so würde mich dies vergnügen. Wir mögen dabei in Ruhe die Sache

umständlicher zu Ende sprechen.«

* * * * *

Christoph Karsten hatte in dumpfer Wut und Scham sein freudloses

Mahl verzehrt, nun lauschte er auf. Am Nachbartische sprach eine

Gesellschaft in gedämpftem Tone, aber deutlich artikuliert, wie es

Schauspieler zu tun pflegen. Christoph Karstens geübtes Ohr verstand

jedes Wort. Gierig trank er die unerwartete Kunde in sich wie einen

süßen Wein. Die Jagemann, die herrliche Heroine, von deren Kunst und

Schönheit er auf seinen Wanderfahrten schon mancherlei gehört hatte,

sei nun endlich sozusagen =Maitresse en titre= des Großherzogs

geworden, darnach sie lange gestrebt hätte. Daß sie seit Jahren Goethes

erbitterte Feindin wäre, sei wohl in Weimar allgemein bekannt. Nun

werde er also trotz seines Ruhmes nicht mehr lange der Allmächtige bei

hierortigem Theater sein und für die Favoriten des neuen Sterns würden

recht gute Tage kommen. Ach, wer doch auch unter diesen wäre!

Der Ausruf klang in dem Schauspieler nach. Wer doch auch ein Günstling

der großen Göttin wäre! Christoph Karstens Stirne furchte sich. Konnte

man nicht auch ein solcher werden, wenn man's schlau anstellte?

Er verspann sich in angestrengtes Überlegen. Bis die Falten sich

glätteten, ein hoffnungsvolles Lächeln sein breites Gesicht überfloß.

Er trat, den widerstrebenden Pudel aufs engste führend, in einen Laden

und wählte bedächtig das schönste Spitzenjabot, das eben gestern, wie

der Verkäufer versicherte, als letzte Neuheit aus Leipzig eingetroffen

war.

* * * * *

Frau Karoline Jagemann hatte, wie dies in letzter Zeit nicht selten

vorkam, die Probe verschlafen, war eben erst mit der Grande-Toilette zu

Ende gekommen und trank ihre Schokolade, als Christoph Karsten gemeldet

wurde. Sie wollte schon, ihrer Gewohnheit folgend, ihn abweisen lassen,

da erinnerte sie sich, daß Serenissimus' Besuch erst für die vierte

Stunde angesagt sei. Sie war heute nicht in der Laune, zu lesen oder

gar eine neue Rolle zu memorieren, und so lagen drei Stunden vor

ihr, deren graue Eintönigkeit sie schreckte. Darum wandelte sich ihr

verneinendes Kopfschütteln in ein gnädiges Nicken, und bald stand

der Schauspieler vor ihr, ganz Demut, Ehrfurcht und Bewunderung. Die

Primadonna hob das Stielglas und musterte ihn unverhohlen, wie eine ihr

zum Kaufe gebotene Ware. Die Lorgnette fiel, die gesenkten Mundwinkel

sagten deutlich ihr Mißfallen. »Was will der scheußliche Kerl?« fragten

die Augen.

Christoph Karsten verlor seine Fassung nicht. Er war solchen Empfang

bei schönen Frauen gewohnt. Er panzerte sich mit noch tieferer

Devotion, duckte den Kopf, der Ungnädigen für einen Augenblick den

Anblick seines Gesichtes zu ersparen, und zwang seine Stimme zu

sanftestem Tone:

»Die hochverehrte Madame wolle gütigst verzeihen, daß ich, einer der

geringsten Knechte in Thespis' Tempel, es wage, der hochgefeierten

größten Künstlerin unserer Tage unter die schönen Augen zu treten!«

Die Miene der Jagemann erhellte sich langsam. Ihr Künstlerohr war für

jeden Wohllaut empfänglich. Sie senkte die Lider, um nichts zu sehen,

nur zu hören. Behutsam berichtete Christoph Karsten, setzte seine Worte

mit klugem Vorbedacht, auf daß sie sich dem Sinne der Frau anschmiegen

möchten, dessen Wandlungen sich in dem bewegten Gesichte erkennen

ließen.

Nun aber entspannte es sich. Ein Stück wollte er anbringen? Das wollte

jeder, das war langweilig!

»Ist zum Wenigsten eine Rolle darin, an der sich meine Kunst erquicken

kann, eine ...« die Augen flammten jäh geöffnet, eine reißende Geste:

»Königin, die alles beherrscht, die den Fuß auf den Nacken ihrer

Sklaven setzt?«

Christoph Karsten hob die Schultern so hoch, daß er fast bucklig

schien:

»Zu meinem tiefsten Leidwesen, das hat der Dichter verabsäumt. Es

agiert nur eine zarte, sanfte Dulderin in dem Stücke, die wohl ...«

Abwehrend hob sie die Hand, daß die kostbaren Ringe blitzten, die erst

ein paar Tage lang ihre gepflegten Finger schmückten:

»Halte Er ein! Mir wird übel, wenn ich von diesen ennuyanten

Weiberchens höre, wie sie unsere Poeten preferieren! Ich habe mir an

der Iphigenie und dem unerträglichen Gretchen den Magen verdorben!

Wenn Er nichts anderes weiß, dann ist wohl ...«

Sie kehrte sich nach dem Fenster, als sei sie schon allein. Über des

Schauspielers Gesicht zuckte ein sicheres Lächeln.

Er hielt seine Trümpfe fest, die nahm ihm keiner! Aber er wiederholte

in kläglichem Tone seine Bitte.

Die Frau wandte sich wild, fuhr ihm in die Rede:

»Was steht Er noch da? Was schiert mich überhaupt Seine Sache. Bin ich

Theaterleiter? Gehe Er zu Herrn Goethe und lasse Er mich in Frieden!«

»Ach meine allerbeste, liebste Madame, rauben Sie mir doch nicht meine

letzte Hoffnung! Ich komme ja soeben von Seiner Exzellenz ...«

»Wie? Er war bei ihm? Ja, warum kommt Er denn nicht zuerst ...«

»Wie hätte ich es wagen dürfen! Ich könnte mich ja selbst ins Gesicht

schlagen, daß ich mich jetzt dieser Kühnheit unterfing, da ich sehe,

wie meine demütige Bitte meine großgünstige Gönnerin erzürnt!«

»Ich zürne Ihm nicht, vielmehr ich zürne Ihm fast, daß Er den dort mir

vorangestellt hat!«

»Aber, höchstverehrte Meisterin, wie mögen Sie dies nur sagen! Ich ihn

einer Jagemann voranstellen! Die ganze Welt würde mich darob verlachen!

=Au contraire!= Man geht doch immer zuerst zur niederen und dann

zur höheren Instanz.«

Er hielt ihren forschenden Blick aus, ohne die Miene zu ändern. Sie

nickte zufrieden:

»Und mit welchem Erfolg? ...«

»Ach, lassen Sie mich davon schweigen, Edelste! Es fehlte nicht viel,

er hätte mich die Treppe hinabgeworfen. Aber, mich selbst beiseite

gesetzt, eines werde ich ihm nie vergessen! Daß er mein armes, kluges,

kunstreiches Hündchen, das eine gütige Seele hat, wie ein Mensch, mit

Fußtritten bedachte!«

Ein Schluchzen erstickte seine Rede.

»O, des Abscheulichen, o, des Rohen!« schrie die Jagemann. »Das durfte

man von ihm erwarten! Er hat keine Seele! Er trägt einen Panzer! Alles

gleitet nieder an ihm! O, wenn ich ihn treffen könnte, diesen Panzer

durchbohren, mitten ins Herz! O, welche Wollust wäre das, welche ...«

Sie besann sich jäh, ein schnellender Blick traf den Schauspieler, der

unbewegt in der alten Stellung hielt, als hätte er nichts gehört.

»Das arme, arme Tierchen! Wo ist es? Bringe Er mir's im Augenblick, ich

will es streicheln und liebkosen, daß es aller Unbill vergessen soll!

Wo ist es?«

»Mit Verlaub, ich habe das Hündchen unten an den Torpfosten gebunden.«

»Er ist ja auch ein herzloser Mensch! Rasch, bringe Er's mir! Rasch,

rasch!«

Als Christoph Karsten die Treppe hinablief, brach das zurückgedämmte

Triumphlächeln sich für einen Augenblick Bahn. Dann versiegte es, denn

er mußte alle Kraft aufwenden, des widerstrebenden Hundes Herr zu

werden.

In wildester Erregung durchmaß die Jagemann den Raum, ihr Atem

keuchte, ihre Füße traten wie die eines Mannes. Gleich einem warmen

Sturzbad überströmte sie die Erkenntnis dieser Stunde.

Daß jetzt endlich, endlich, sie wagte kaum, es zu denken, der

Augenblick da sei, den sie jahrelang fiebernd ersehnt hatte!

Ihre heiße Verwirrung löste sich in wilden Liebkosungen. Sie preßte den

Hund an sich, küßte ihn, wühlte sich in sein Haar. Reglos, in leiser,

stummer Abwehr hielt der Pudel. Nur seine Augen suchten in seltsamer

angstvoller Sehnsucht eine unbestimmte Ferne.

Mit jähem Ruck ließ die Jagemann den Hund auf das Kanapee niederfallen,

streckte dem Schauspieler beide Hände entgegen:

»Verlaß Er sich darauf, Sein Stück wird vorgestellt werden! Ich, ich

bürge Ihm dafür!«

* * * * *

Als Goethe das Theater betrat, überreichte der Leibjäger ihm ein Billet

des Großherzogs, darin dieser den befehlenden Wunsch aussprach, das

Schauspiel »Der Hund des Aubry« mit dem pp. Karsten und dessen Pudel

als Hauptakteurs mit ehestem im Spielplan zu sehen, und zwar setze

man hiefür als Termin den achten Mai, da man willens sei, am neunten

schon für dieses Jahr Frühlings-sejour in Ettersburg zu nehmen. Goethe

zwang den aufkeimenden Ärger nieder und diktierte alsogleich seine

Antwort. Er gebe Seiner Hoheit zu bedenken, daß es nicht angehe, auf

jener Bühne, darauf die größten dramatischen Meisterwerke dargestellt

würden, einen dressierten Hund vorzuführen, daß er, in aller Ehrfurcht

gesagt, solange er die Theaterleitung innehabe, nie und nimmer darein

willigen werde, daß er für den achten Mai als Vorfeier zu Schillers

Todestag den »Don Carlos« angesetzt habe und seinen hochfürstlichen

Herrn in aller Devotion hiezu einlade.

Die Gesellschaft des jungen Neander tilgte den letzten Unmut in ihm.

»Ich habe eine neue große Aufgabe für Sie«, kündigte er dem Jüngling

an. »Sie haben doch den Posa studiert, nicht wahr? Halten Sie sich

bereit! Gerät es Ihnen zum besten, wie ich es Ihrer vortrefflichen

Begabung wohl zutraue, dann haben Sie das letzte Hindernis genommen.

Ich selbst werde die Rolle mit Ihnen durchnehmen. Besuchen Sie mich des

Nachmittags gegen die fünfte Stunde, wann immer Sie wollen. Es steht zu

hoffen, daß wir etwas Fruchtbares und Ersprießliches vorbringen

werden.«

Wenn auch Goethe die innere Erregung über den lästigen Vorfall

schon überwunden hatte, so war doch sein ganzes Wesen noch von dem

Erinnern daran wie von einem Schleier verhüllt, der auch seinen

unbeirrbar starken Blick trübte. So fiel ihm nicht auf, daß des jungen

Schauspielers Gehaben sich heute ein wenig gewandelt hatte. Sein Blick

war nicht so frei, seine Stimme klang nicht so unbekümmert hell wie

stets, doch lag noch dieselbe Ehrfurcht in seinem Verhalten, ja mehr

als sonst, allzuviel vielleicht. Und die Verbeugung, mit der er von

Goethe Abschied nahm, war tiefer als ziemlich, da er bestrebt war, dem

großen ihm heute unheimlichen Auge nicht zu begegnen.

* * * * *

Der Großherzog wiederholte in noch bestimmterer Form seinen Befehl, die

Einwände Goethes nicht beachtend. Nun wußte dieser, daß ihm nur mehr

ein Mittel blieb, das Unerhörte zu verhindern. Er hatte schon einmal

bei einem ähnlichen Anlaß sich dessen mit Erfolg bedient. Wenn er heute

wieder seine ganze Person ins Spiel warf, dann war es gewonnen. Ihn

selbst würde trotz allem der gnädige und verstehende Herr nicht opfern,

einer Laune wegen. Torheit, daran nur zu denken!

Goethe erbat seine Entlassung.

* * * * *

Am nächsten Tage sandte der Theaterdiener dem Dichter einen halb

scheuen, halb frechen Blick nach, wie einem verwundeten Tier, dessen

Kraft man noch immer zu fürchten hat. Erst als die aufrechte Gestalt

ihn nicht mehr schreckte, gerann der Blick zu einem schmutzig-giftigen

Lächeln. In den Korridoren standen und lümmelten Schauspieler und

Aktricen. Ihr Schnattern verstummte, aber ihr Gruß war heute weniger

ehrfürchtig als sonst. Aber jeder, auf dem eben für einen Herzschlag

das große Auge ruhte, duckte sich, als zwänge ihm eine Faust den Nacken

nieder. Auch der jugendliche Held Wilhelm Neander war in der Menge

gewesen. In dem Augenblicke jedoch, da er Goethes ansichtig wurde, war

er in einen Seitengang gehuscht, der in eine Nottüre mündete. Als der

Dichter ihn rufen ließ, war er nicht mehr zu finden.

Ein seltsames Gefühl ließ Goethe an der Türe seiner Kanzlei zögern. Er

kämpfte es nieder, betrat den Raum. Roch es nicht modrig hier? Waren

die Wände nicht kahler als sonst? Hockte nicht in den Ecken kalte

Fremdheit, kroch näher über Kanapee, Sessel und Schreibtisch? Ein

Brief mit dem großherzoglichen Siegel. Goethe griff nach dem Falzbein,

umpreßte es, mit einem zwanghaften Ruck, seiner gemessenen Art fremd,

öffnete er das Schreiben: Man sah sich genötigt, seinem berechtigten

Wunsche nach Schaffensmuße nicht entgegenzustehen, enthebe ihn in

Gnaden vom Amte eines Theaterleiters und sage ihm huldvollsten Dank für

seine unschätzbaren Dienste. Er war entlassen.

Still, ganz still saß Goethe. Starr geweitet sahen seine Augen ins

Unsichtbare. Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, das er an der Seite

seines Fürsten verlebt, zog an ihm vorüber, jede helle Stunde, jedes

warme Wort. Wohl eingefügt in Goethes geordnete Welt, hatte der Herr

seinen Ehrenplatz behauptet in unerschütterter Gesetzmäßigkeit, war ein

Pfeiler gewesen, der des Dichters irdisches Dach getragen. Der Pfeiler

fiel, nun wankte das Haus.

Der Brief entglitt Goethes Hand, seine Wangen erschlafften, müde war

er, müde und alt. Als er sich dessen bewußt wurde, schrak er auf. Das

durfte nicht sein! Einen Baum mußte er finden, einen kraftvollen,

jungen Stamm, sein erschüttertes Haus zu festigen. Das Bild des

Jünglings erstand vor ihm. Der war's, der! Der ihm ähnlich, der seine

Jugend war! Eine neue Jugend!

Goethe erhob sich, rasch durchschritt er das Haus, achtete nicht der

dummfrechen Blicke, die ihn umschnellten, suchte, suchte. Er fand ihn

nicht. Er trat auf die Straße. Kämpfte den Schwindel nieder, den das

jähe Sonnenlicht ihm ins Auge schoß, sah klar. Sah eine Karosse, die an

ihm vorüberfuhr. Die Jagemann saß darin. Und ihr zur Seite der, den er

suchte mit aller Sehnsuchtskraft.

Goethes Blick faßte den Jüngling. Wollte ihn zwingen, ihm zu stehen,

ihm frei zu begegnen. Keine Antwort. Der Schauspieler blickte vorbei,

nicht einmal ein Gruß, das tiefrote Gesicht beugte sich krampfhaft

nieder zu der lachenden Frau.

Christoph Karsten aber holte alle Frechheit hervor, die in seinen

Augen gespeichert lag, und grinste dem Großen entgegen. Der Hund riß

sich mit einem Jubelschrei los und sprang an Goethe hoch. Da wich die

Beherrschung von diesem, mit einem groben Schlag schleuderte er den

Pudel fort, den nun der Schauspieler fluchend an sich schnürte.

* * * * *

Die weißen Wolken segelten über den seidenblauen Himmel, die weißen

Blütenbäume in den Gärten schienen ihr irdisches Spiegelbild.

Unmerklich, durch eine liebliche Dämmerung verglitt der goldene Tag in

eine milde Nacht.

Goethe saß daheim, öffnete das Fenster, im Frühling Trost zu finden,

schloß es wieder. Was ihm seine große Ruhe gegeben, war, daß er

immer eins gewesen mit Himmel und All. Nur so hatte er, was keiner

verstand, ohne Verlust seine kostbaren Jahre auf diesem kleinen

Erdenfleck verbringen können, weil auch hier aus den Blumen Gottes

Freude lächelte, aus den Wolken Sein großes Werden, Vergehen und Werden

sprach und aus dem Sternenhimmel das Gesetz Seiner Ewigkeit. Und weil

der Dichter, in diesem Glauben mit allem Schöpferwerke tief verbunden,

ewig an Gottes Herzen ruhte. Heute lauschte er vergebens dessen Schlag.

Er war gelöst aus der großen Welt des Herrn, taumelte, ein Mensch wie

Tausende, ohne Halt zwischen Himmel und Erde. Eisige Angst stieg in

ihm auf. Er selbst, der Ruhelose, Friedensferne, erwuchs vor ihm, ein

Gespenst, das mit kalten Schattenhänden ihn umschlang, seine Kehle

schnürte, daß sie stumm blieb, daß auch der letzte jämmerliche Trost,

der Wehschrei gequälter Kreatur, ihm versagt war.

Horch! Schrie sein Schmerz aus dem Unsichtbaren? Durch die gebettete

Stille schnitt ein Laut. Ein klagendes Heulen voll zager Angst und doch

voll letzten, tiefsten Verlangens.

Schweigen. -- Aber der Nachhall erfüllte des Einsamen Brust. --

Verebbte. -- Nun ersehnte er den Laut. Als könnte er sich daran halten,

als sei dieser mißtönige Schrei das Einzige, das ihn mit der grausam

verstummten Welt verband.

Mit innerem Jubel begrüßte er den wiederanhebenden Klageton. Dessen

unsichtbare Macht zog ihn langsam an, näher, wie ein Traumwandler

schritt Goethe die Treppe nieder, öffnete das Tor, schneeweiß

erglänzte der Pudel im Mondlicht, schwieg, kroch heran, rankte sich

demütig an dem Menschen hoch, leckte ihm die kalte Hand, die ihn nun

umfaßte, emporhob, trug, ihn sanft niedergleiten ließ. Ein leises,

halbersticktes Wimmern ließ der Hund noch hören, das in der Fülle des

jähen Glückes verging. Vertraulicher schmiegte er sich an Goethes Fuß.

Wohlig empfand der Dichter die Wärme, die aufwärts strömte in sein

Herz, das wieder im gewohnten Maße pochte.

Er beugte sich nieder, seine Hand ruhte am Herzen des Tiers, fühlte

dessen Leben wie ein Wunder. Sanfter faßte er den Hund, bettete ihn an

seiner Brust. In seltsamem Gleichklang schlugen die Herzen.

Goethe hob das befreite Haupt, sah geklärten Auges in den

Sternenhimmel. Und war mit seiner Ruhe, mit der atmend-bewegten Erde,

mit Gottes Drang und Stille wieder eins.

Sänger und Könige · 第 16 / 23 题