Der Hund

Goethes Auge war hell und seine Stirne glatt, als er das Theater

verließ. Zwar hatte es auch heute genug des Ärgerlichen gegeben: Der

junge Genast hatte ein paar unreife Tölpeleien begangen, die Madame

Wolff ihre Rolle nicht ziemlich memoriert und deren Gatte seinen

gestrigen Rausch noch nicht abgeschüttelt. Aber all dies Dunkle

wich einem neuen Licht. Wilhelm Neander hieß der Schauspieler, der

sich heute zum ersten Male präsentiert hatte. Der Klang des Namens

lag Goethe wohlig im Ohr. Es war schön, daß er nicht irgendeinen

plumpen deutschen Namen führte. So stimmte alles überein: die

ebenmäßige Gestalt, der edle Kopf mit dem kühnen glänzenden Blick,

das wundervolle, in allen Registern klingende Organ. Nichts, nicht

das Leiseste, das den Gesamteindruck dem Empfindlichen gestört hätte,

es war alles vollendete Harmonie. Nie in diesem rauheren Lande hatte

Goethe Ähnliches empfunden, er mußte schon die Genüsse seiner großen

Genesungsfahrt nach Italien im Erinnern zum Vergleiche wachrufen.

Griechenland war der Jüngling, erfüllter Traum verhaltener Sehnsucht.

Aber nicht das allein.

Versonnen schritt Goethe weiter. Die Menschen ringsum, die ihn entweder

demütig grüßten oder frech begafften, störten ihn nicht mehr. Längst

trennte ihn eine Schicht kühler Luft von dieser kleinen unwürdigen

Welt. Eine Gestalt erwuchs vor ihm. Er selbst als Jüngling. Wie einen

Fremden sah er sich. In der Arbeit an seiner Lebensgeschichte, die

nun, umhüllt von Lob und Tadel, durch das Land zog, war er sich

selbst historisch geworden. Aber hatte er sich nicht heute gesehen,

in schönerem Leben, als es hellstes Erinnern zu zaubern vermochte?

Glichen seine Züge, die heute zum Marmor des Wissenden gemeißelten,

nicht jenen des Jünglings, hatte sein Auge nicht einst im selben Feuer

dem Leben entgegengeleuchtet, hatte nicht seine Stimme den gleichen

Klang getragen, als er im Tiefurter Park den Orest gesprochen, in jener

schönen Dämmerzeit, da ihm die Welt noch voll purpurner Geheimnisse

gewesen? Orest! Von dieser Stimme würde er ihn wieder hören können. Es

war genug des Glücks!

Auf dem Frauenplan lag die volle Frühlingssonne, der kühlen

Treppenhalle in des Geheimrats Hause blieb sie ehrfürchtig fern.

Über die Möbel, Wände und Geräte des Zimmers legte sie nur einen

stillen ebenmäßigen Glanz, jenem ähnlich, der noch immer auf der hohen

Stirne des Eintretenden lag. Nun tönte diese sich tiefer, gleich einem

Statuenhaupt, vom Flügelschatten eines Vogels gestreift. Der Diener

meldete einen Audienzwerber.

»Er möge ein andermal kommen!«

Aber der Diener blieb: »Ich bitte um Vergebung, Eure Exzellenz

vergessen wohl, daß heute Empfangstag angesetzt ist.«

Sänger und Könige · 第 15 / 23 题