Der General lachte: »Ja, eine große Reise!«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

Der letzte Rest der Angst versank, die Gier nach nützlichen Nachrichten

erwachte in ihm. Wenn ein General reiste, mit seinem Adjutanten reiste,

hatte das was zu bedeuten. Lustfahrten machte man nicht in dieser Zeit.

Der General war ihm verpflichtet, Nathan hatte ihm einmal aus der

Klemme geholfen.

»Nu, wollen die Herren mir nicht sagen, wohin sie fahren? Ist das a

Geheimnis?« Er lächelte. »Ich krieg's schon raus, wenn ich will!«

Der Adjutant sah fragend auf den Vorgesetzten. Der überlegte, nickte

dann und antwortete selbst:

»Sie sind verläßlich, Herr Rothschild, man weiß, daß Sie nichts

unternehmen, was dem Staate schaden kann. Ich weiß, ich weiß, im

Gegenteil, Sie nützen ihm, wo sie können. Im Vertrauen also: Wir fahren

meiner Division nach, ans Meer, die uns gestern nachts vorausmarschiert

ist. Morgen sind wir schon über'm Kanal.«

»Und wohin? Es is doch ... wenn Sie mir haben soviel gesagt, werden Sie

mir sagen das Ganze.«

»Nach Belgien hinüber.«

Nathan Rothschilds Augen preßten sich vor, der kurze Hals reckte sich

aus dem Jabot:

»Is dort,« die Hand deutete in die Höhe, »der, der, der ...«

Der General schwieg, auch Rothschild. Er wußte genug. Also, so nahe

war die Entscheidung. Jetzt ging's ums Letzte, auch für ihn. Nie

noch hatte er so klar gefühlt, wie sein Gedeihen und Leben mit dem

des britischen Staates verbunden war. Dort drüben wurde auch sein

Schicksal entschieden. Und er würde fern sein, machtlos, unfähig die

Hand zu rühren, ausgeschaltet aus dem großen Weltgeschehen. Was mit

Geld zu machen gewesen, hatte er getan. Sein halbes, sein ganzes

Vermögen steckte in der Sache. Und während die Würfel fielen, würde er

sehen müssen, wie seine Frau vor dem Bilde des Verhaßten saß, der ihn

vernichten wollte. Er würde nicht einmal wissen, in dem oder jenem

Augenblick, ob er nicht schon ein Bettler sei. Das ertrug er nicht.

Wahnsinnig würde er werden. Er blickte durchs Fenster, schon sah man

das Meer.

»Nun, wir sind bald am Ziel. Und Sie, Herr Oberhofagent? Hoffentlich

finden Sie einen Wagen zur Rückfahrt. Oder wollen Sie mit uns kommen?«

Nathan Rothschild hörte den Scherz nicht, er hörte nur die Frage.

Er dachte nicht an das Verhüllte, Unvorstellbar-Schauervolle,

dem sie entgegenfuhren, er dachte nur an das lähmend-qualvolle,

nervenfressende, tatenlose Warten, das daheim auf ihn lauerte.

»Wenn der Herr General will die Gnade haben, mich mitzunehmen, wär mir

das a Freude und Ehre.«

Der Engländer sah rascher, als es seine kühle Art war, auf, sein Blick

faßte scharf das Gesicht des Juden, spähte darin nach einem Lächeln,

nach einem verborgenen lustigen Zucken, das Rothschilds Miene zuweilen

bewegte, wenn er bei Tafel eine drollige Börsengeschichte erzählte, er

fand nichts.

»Ist das Ihr Ernst?«

»Bei allem, was ich hab zu verlieren,« erwiderte Nathan, seine Augen

waren feierlich geweitet, als schlösse er das größte Geschäft seines

Lebens ab, und seine Hand hob sich, als wollte er sie zum Schwur auf

die Thora legen.

* * * * *

Nathan Rothschilds Knie zitterten, glühende Fieberwellen durchschlugen

seinen Leib, Ströme eiskalten Gletscherwassers lösten sie ab. Er

wollte eine Frage an den Adjutanten richten, tonlos bebten die Lippen,

vermochten kein Wort zu formen. Langsam tasteten die Hände nach einem

Halt, griffen ins Leere, in tiefster Qual suchte das Auge den Trost

eines Blickes, niemand beachtete ihn, er war nicht mehr für diese

Menschen, als der elende Baumstrunk, auf den er niedersank. Er, Nathan

Rothschild, war nichts, nichts, gar nichts. Nathan Rothschild. Von

seiner Nervenqual zwanghaft geformt, klang tonlos der Name. Fremd,

schauerlich fremd war er ihm. Nathan Rothschild, was war das? Ein

Mückensummen, ein Hauch, der ertrank. Das Brüllen der Geschütze

erschlug ihn, das regengleiche Rauschen des Salvenfeuers schwemmte ihn

fort, er starb unter Pferdehufen, die aufgerissenen hurrahbrüllenden

Mäuler der vorüberdröhnenden Truppen verschlangen ihn. Ein Namenloser

war er, wie die Tausende ringsum. Sein letztes Restchen Selbst

umkrallte er mit erschlaffender Faust, es entglitt ihm, löste sich in

den ungeheuren Höllenwolken aus Dampf und Staub. Er fühlte sich nicht

mehr.

Der Schlag einer Granate weckte ihn, der zweite riß ihn zur

Überwachheit auf. In grellster Schärfe stach das Bild der Umwelt

in seinen Blick: Der Adjutant, das Fernrohr schien mit seinem

Auge verwachsen, Meldereiter, Ordonnanzen, humpelnde Blessierte,

dezimierte, aus der Schlacht gezogene Bataillone, neue hurrahbrüllende,

vorwärtsdringende Formationen. Inmitten dieses Flutens der General,

reglos, unveränderten Blicks, das Bild umfassend, es regelnd,

beherrschend.

Noch einmal durchzuckte Nathan Rothschilds Leib ein Fieberschauer,

noch einmal tastete seine Hand nach Halt, verschwammen die Farben des

Bildes zu einem qualvollen Wirrwarr vor seinem schwindelnden Auge,

dann sah er klar. Sah nichts, als die unerschütterte Gestalt des

Generals. Zuerst erschien sie ihm hoch über ihm thronend, unfaßbar

hoch. Fremd, eiskalt fremd war diese Ruhe, ihm, den noch immer ein

leises Angstbeben durchzitterte. Dann aber senkte sich die Gestalt aus

ihrer unerreichbaren Höhe, so tief, daß Nathan jeden Zug, jede Falte

des eisernen Gesichtes sah. Langsam verlor es seine Fremdheit. Diesen

gepreßten Mund, diese unveränderliche Stirnfalte, dieses vorgedrückte

Kinn, das alles kannte er ja, das hatte er oft, täglich hatte er's

gesehen! Wo doch, wo doch? Er forschte in seinem Erinnern, eine Falte

grub sich in seine Stirne, die dicken Lippen engten sich, das Kinn trat

vor, jetzt wußte er's! All das war auf dem Bilde zu sehen, das ihn als

König der Börse zeigte. Von einem berühmten Maler war's, er hatte den

Namen vergessen, fünfhundert Pfund hatte der Ganeff dafür verlangt, es

hatte früher an der Stelle gehangen, wo jetzt das Bild des Verfluchten

hing, der, der da gegen ihn anrückte mit Feuer und Eisen, der die

Kugeln schmeißen ließ gegen ihn, der ihn vernichten, ihm sein ganzes

schwer erkämpftes Vermögen stehlen, sein Leben zertrümmern wollte!

Dicht neben dem General schlugen ein paar Geschosse ein, er stand

unbewegt. Nathan Rothschilds Blick umfaßte die eiserne Gestalt. Ein

Gefühl tiefster Gemeinsamkeit zog ihn zu ihr. Sie hatten denselben

Feind, um ihrer beider Sein, um den Zweck ihres Lebens ging es in

dieser Stunde. Immer deutlicher prägten sich des Briten Züge: die

eiserne gefurchte Stirne, der schmale Mund, das marmorne Kinn. Für

einen Augenblick versank die Schlacht. Der General stand inmitten des

großen Saales der Londoner Börse. Um ihn wirbelten die kleinen Leute,

er aber stand fest, nur dem Ziele zugewandt. Und wieder die tobende

Wirklichkeit des Kampfes. Aber nicht mehr der General lenkte ihn,

sondern er, Nathan Rothschild. Stärker klang der Name auf, überdröhnte

den Marschtritt der Truppen, den Hufschlag der Pferde, die Schauer der

Salven, das Höllendröhnen der schwerpfündigen Geschütze. In rascherer

Folge schlugen die Geschosse ein, immer näher, näher, er fühlte es

kaum. Er dachte mit dem Hirne des Generals, wenn dieser zu einem kurzen

Befehl die Hand hob, glänzte auch des Juden Solitär aus dem

Pulverdampf.

Ein Meldereiter. Ein triumphierender Schein erhellt des Generals

Gesicht, jagt über seine Offiziere fort, über die letzten Reserven, die

in den Kampf ziehen, eine jubelnde Botschaft auf Aller Lippen: »Die

Preußen sind da! Vierzigtausend Mann! Die Schlacht ist entschieden!«

Höherauf wogt die Symphonie zum jauchzenden Furioso, noch ein, zwei

Kugeln, dann schwächt sich mählich der Lärm, das wilde Orchester

verklingt, der Feind weicht. Schwadron um Schwadron der roten

englischen Reiter braust vorüber, ihn zu verfolgen.

Nathan Rothschild sieht es kaum. Einen Augenblick lang hat sein Herz

mitgejubelt über den Sieg, aber nun weiß er, jetzt ist nicht mehr hier

sein Platz. Was sich noch begeben wird, ist ihm gleichgültig geworden.

Jede Minute ist Verlust. Ein herrenloses Pferd umtänzelt ihn, er

schwingt sich darauf, er kann reiten, wahrhaftig, er kann reiten! Er

sitzt nicht schön, aber er meistert das Tier, er hält sich, er jagt die

Landstraße fort, weiter, bis das Pflaster der Straßen von Brüssel unter

den Hufen tönt.

Im schnellsten Eilpostwagen reist er durch die belgische Ebene,

am Morgen sieht er das Meer. Es braust, wilder, rasender, als die

Schlacht. Ungeheuer türmen sich die sturmgepeitschten Wogen vor

Nathan Rothschild, überbrüllen den machtvollen Namen. Kein Schiffer

will fahren, wie auf der Börse steigert der Bankier sein Angebot. Ein

tollkühner Kerl wagt's für zehntausend Francs. Die französischen Wogen

heben, begraben, heben das Schiff. Aber die englischen ducken sich vor

dem Namen, sie landen bei glatter See.

Er kehrt nicht heim in sein Haus. Furchtlos betritt er dunkle

Gäßchen, verrufene Häuser im düstersten Viertel Londons, gibt seinen

Geheimagenten Weisungen für den nächsten Tag, mit unerschüttert klarer

Kraft, als hätte er die letzten Nächte in den Daunenbetten seines

Palais herrlich geruht.

Am nächsten Morgen steht er auf seinem Platz im Börsensaal, vom

ängstlichen Bienenwirrwarr der Kleinen umsurrt. Aller Blicke

hängen an ihm, an der eisernen Stirnfalte, dem gepreßten Mund, dem

marmor-gemeißelten Kinn. Das alles aber ist heute von dem Dunkel einer

tiefen Sorge überschattet, das sie selbst an den bösesten Tagen nicht

an diesem unbeirrten Gesicht gesehen haben.

Höher auf, wirrer und angstvoller schwirrt der Schwarm. Und dann ein

Klageschrei, wie am großen Bußtag im Tempel. Das Haus Rothschild

verkauft Papier um Papier.

Die Kurse sinken.

»Wellington ist geschlagen!«

Die Kurse sinken.

»Wellington ist tot!«

Die Kurse sinken.

»Siebzigtausend sind tot!«

Die Kurse sinken.

»Hunderttausend!«

Die Kurse sinken.

»Die ganze Armee!«

Die Kurse sinken.

»Napoleon kommt zu fahren über den Kanal!«

Die Kurse sinken.

»Er hat betreten den Boden von England!«

Die Kurse sinken.

»Er ist in London!«

Tiefer, tiefer, tiefer sinken die Kurse. Einen Abgrund öffnet Gott,

darin versinken Sünder und Gerechte, die ganze Londoner Börse, wie

einst die Welt in der großen Flut.

Ein Makler deutet mit beiden Händen nach ein paar Männern, dunklen

Existenzen, kleinen Agenten aus den düstersten Vierteln Londons.

»Gott hat sie geschlagen, sie sind unsinnig geworden!« schreit der

Makler.

Aber die Männer lassen sich nicht beirren. Sie kaufen, kaufen Papier um

Papier.

* * * * *

Am folgenden Tage trägt Nathan Rothschild sein blütenzartestes

Spitzenjabot und eine Purpurrose im Knopfloch, und auf seinem Gesicht

liegt der Abglanz des strahlenden Junitages. Mit weithinklingender

Stimme verkündet er den Sieg von Waterloo. Die Kurse steigen, steigen

zu nie geahnter Höhe.

Sänger und Könige · 第 13 / 23 题