Der Sieger von Waterloo

Frau Hannah Rothschild saß reglos und sah zu dem Bilde auf, das über

ihrem Ankleidetisch hing. Tausendmal hatte sie das Bild gesehen, aber

noch immer lag etwas in den Zügen, das sie nicht zu deuten wußte,

lichte Kraft und Sicherheit und doch auch ein dunkles Geheimnis.

Allmählich glitt ihr Blick nieder, bis in ihre eigene Seele. Ihr Vater,

der reiche Barnett Cohen, hätte es kaum begriffen, daß eine seiner

Töchter sich mit solch einem Luxusartikel beschwerte. Das allerdings

hatte er in den geringen freien Stunden, die ihm sein Geschäft ließ,

bedenklich festgestellt, daß die kleine Hannah anders, ganz anders

sei, als ihre Schwestern. Die hatten ihm nicht viel zu denken gegeben,

hatten, wie sich's gehörte, Kaufleute aus erbgesessenen Londoner

jüdischen Familien geheiratet, deren Vermögenslage jedem Börsenbesucher

bekannt war, während das Sorgenkind sich den hergelaufenen Frankfurter

in den Kopf gesetzt hatte, von dem keiner damals etwas Rechtes wußte.

Es war ja gut ausgegangen. Über alles Erwarten sogar! Manchmal faßte

den alten Barnett Cohen schier der Neid, wenn er merkte, daß der

Name des Eidams langsam den eigenen zu überstrahlen drohte. Aber das

konnte man nicht leugnen, der Name Rothschild stand auf festen Füßen,

und wenn auch manche seiner Transaktionen so kühn waren, daß es dem

Schwiegervater den Atem verschlug, ein Abenteurer, nein, das war er

nicht, gewiß nicht. Solid war alles, gut und solid. Zu derselben Zeit

aber, da der alte Barnett Cohen Vertrauen zu dem Schwiegersohn faßte,

begann das Interesse der Tochter zu verblassen. Als er um ihre Hand

geworben, der kleine Fremde, da war ihr seine Gestalt vom Schimmer

bunter Zukunftsmöglichkeit verklärt erschienen. Alles, alles konnte

er noch werden, das war schön! Jetzt war er etwas geworden, mehr, als

alle seines Schlages, Gott ja, das bestritt sie nicht, aber doch nichts

anderes. Ein Kaufmann, der Geld verdiente. Lebte in ihr, dem eigenen

Erkennen verborgen, noch eine leise Sehnsucht nach dunklen Geheimnissen

ihres Volkes, Ahasverunrast, indes die anderen den Frieden mit ihrem

Geschick gemacht hatten und in Familie und Börse ihre Welt sahen?

Als Mädchen schon hatte Hannah ein Bild Napoleons an den Ehrenplatz

ihrer Schlafstube gehängt, in ihrer Brautzeit und den ersten Jahren

ihrer Ehe hatte es in einem Schrank gemodert, an dem Tage, da der Arme

nach Elba gebracht wurde, hatte sie, von tief erwachtem Mitgefühl

bedrängt, es wieder ans Licht geholt. Dann, als er den Kerker verlassen

und immer lautere Kunde von seinem Siegeszug durch Frankreich zu ihnen

gedrungen war, hatte sie von neuem und immer glühender zu seiner Macht

und Kraft emporgeschaut, und heute war sie schon in aller Frühe in den

Garten gegangen, hatte selbst die schönsten Purpurrosen geschnitten und

das Bild des Großen, Rätselvollen mit einem Ehrenkranze geschmückt.

Türknarren. In den Spiegel unter dem Gemälde trat ihres Gatten Gesicht.

Schmerzhaft empfanden Frau Hannahs überfeine Sinne den Gegensatz. Die

harte Miene des Erfolgreichen war ihr gleichgültig geworden, heute

aber verriß qualvolle Unrast die Züge, die Augen flackerten, die Hände

agierten in alter unbeherrschter Ghettositte, das alles war widerlich,

glitt nicht mehr nieder an der Seele der Frau, sondern fraß sich in sie

hinein, wie ein ätzendes Gift. Nun begann er gar noch zu sprechen. Auch

von den Worten war der Firniß des Gentleman gebröckelt, der Schwall der

Frankfurter Judengasse gellte an Hannahs Ohr:

»Was sitzest du schon wieder da vor dem Bild? Ich will nicht, daß du

sitzest vor dem Bild, es ist a Schand!« Die Augen blinzelten. »Du

hast gewunden a Kranz um das Bild! Weißt du, wem du das hast getan?

Dem Mallach, der uns wird jagen aus's Gan Eden und wird stoßen in

Armut und Elend, wenn nicht Gott bei guter Zeit hat a Einsehen, ihm

zu treten in den Weg mit fuirichtem Schwert. Nimm den Kranz erunter,

geb das Bild weg, ich sag dir« .. mit taumelnden Schritten stürzte

er nach der Wand, streckte die Hand nach dem Bild, sie sank nieder

vor dem Blick der Frau, die aufrecht, gebieterisch, wie ein zürnender

Engel vor ihm zu immer machtvollerer Höhe wuchs. Stumm sah sie von dem

kleinen agierenden Juden zu der Ruhe des Bildes auf. Im Vergleichen

stieg die Schale des Ehemannes noch leerer hoch, indes die des schönen

Traumbildes sich mit immer schwererer, süßerer Fracht füllte. Noch

einmal ging Nathan Rothschild zum Angriff über, wollte die Frau zur

Seite drängen, das Bild von der Wand reißen, zertrümmern ... wieder

traf ihn der Blick, noch kälter, verächtlicher, haßerfüllter, Nathan

wich zurück.

»Was siehst du mich eso an? Du sollst mich nicht ansehen eso, es is a

Schand, daß du auf mich siehst mit solche Augen!«

Er wich zurück, kam nicht los von ihrem Blick, immer noch sah er ihn

vor sich, als er schon die Treppe niedertappte, die Frage des Lakaien,

ob er den Wagen befehle, überhörend, in die Straße trat, sich im immer

dichteren Gedränge verlor, nicht mehr Nathan Rothschild, nur einer von

den Hunderttausenden der ungeheuren Stadt.

Die Gestalt der Frau verblaßte, versank, das Bild überwuchs sie, das

furchtbare Bild. War kein Bild mehr. War ein Mensch. Ein Mensch voll

brennenden Lebens. Feuer, Feuer war dieser Mensch, fressendes Feuer.

Sein heißer Atem rührte Nathans Gesicht, seine Arme umschlangen ihn,

Haar und Brauen sengte die Flamme. Unzerstörbar war dieses Feuer. Man

mochte es verlöschen, zehnmal, hundertmal, immer wieder brannte es auf

zu höherer alles fressender Gewalt.

Seit Nathan Rothschild die Erde Englands betreten hatte, war der

Entsetzliche sein Feind gewesen, der Feind eines jeden, dessen Leben

mit dem dieses Landes verbunden war. Es war ein gutes Land. Schätze

ruhten darin, dem stumpfen Fühlen der Masse verborgen, dem wunderbaren

Spürsinn Nathans offenbar in ihrer Fülle. Groß und mächtig war das

Land, mit tausend Adern der Welt vereint, der Welt, deren Pulsen

man spüren mußte, um zu leben. Nur hier hatte Nathan Rothschild das

werden können, was er heute war. Deshalb liebte er das Land mit einer

kühlen, dankbaren Liebe. Alles schwankte, in allem mußte man sich

umstellen von Minute zu Minute, der Boden Englands war das Feste,

das Unverrückbare, darauf Nathan sein Haus gebaut, das bleiben mußte

für alle Zeit. Und der, der, dieser, dieser Goi, dieser korsische

Soine, dieser schlechte balmechome, den Gott verdammen mußte, -- er

holte aus dem Erinnerungsschatz seiner Frankfurter Schulzeit alle

Schimpfworte, die ihm einfallen wollten, der wagte es, das gebenschte

Land anzugreifen, auch ihm den Boden unter den Füßen rauben zu wollen!

Jeder Sieg Napoleons war eine Niederlage Rothschilds auf der Börse,

jeder Triumphschrei des Korsen ein Wehruf des englischen Bankiers.

Alle, alle andern hatte Maier Amschels Sohn besiegt, kein naher

Gegner mehr wagte es, sich ihm entgegenzustellen, nur der Eine, der

Ferne, in Ewigkeit Verfluchte! Hatte Nathan ihn nicht schon zehnmal

erschlagen? In Spanien, als er dem großen Wellington auf vielen von

seiner Klugheit gebahnten Wegen das Geld sandte, das nötiger war als

Pulver und Blei? Hatte er nicht, er allein, Madrid erobert und Soult

geschlagen? Hätte es ohne das Haus Rothschild ein Leipzig gegeben? War

er nicht unsichtbar als segnender Schutzgeist mit den Monarchen der

heiligen Allianz in Paris eingezogen? Hatte nicht er den Verhaßten

in Elba begraben? Was hatte es genützt? Heller als je brannte die

furchtbare Flamme. Und nun schien sie grausam in den Frieden seines

Hauses, fraß sich in dessen Grundpfeiler, würde es in Brand setzen,

alles, alles, auch sein Ehebett, wenn man nicht im letzten Augenblick

ihm entgegenträte mit einem übermächtigen Halt! Wieder stieg Hannahs

Gestalt auf, sie sah aus ihm, ach, so fremden, unbegreiflich-fremden

Augen auf zu dem verhaßten Bild. Das trat aus dem Rahmen, umschlang die

Frau, aber nun war sie keine Frau mehr, sie war ein Börsenpapier, das

die freche Hand würgte, daß es zusammenschrumpfte. Ein Bettler würde er

werden, alles verlieren, Haus, Geld, Frau, alles, alles!

Nathan Rothschild schrak auf, sah rundum, fremd die schmutzigen,

düsteren Häuser, er stand im gemeinen Lärm eines Stadtviertels, das er

noch nie betreten hatte. Angst ergriff ihn. Rundum kein Wagen. Nichts

als verdächtige Gestalten. Die hielten wohl zusammen wie Kletten. Wenn

ein Verbrecher ihn anfiel, keiner würde die Hand rühren für ihn! Oder

wenn man ihn gar erkannte! Ihn verschleppte, weiß Gott wohin, ein

Lösegeld zu erpressen! Nathan Rothschild beschleunigte den Schritt,

lief, kehrte um, bog in diese, in jene Gasse, verlor die letzte

Besinnung, rannte hin und wider wie eine gequälte Maus. Stand still.

Räderrollen. Ein Reisewagen, er taumelte ihm entgegen, winkte mit

beiden Armen, schrie in den Räderlärm.

Der Wagen hielt, ein junger Offizier beugte sich aus dem Fenster:

»Herr Oberhofagent! Wie kommen Sie in diese Gegend!?«

»Gott meiner Väter!« stammelte Nathan, »sei tausendmal bedankt davor,

daß du hast gesandt die grausen Herrn Offiziers in meine Not! Ich, ich

hob mich verloffen, ich weiß nischt, wo ich bin ...« Langsam besann er

sich, fand aus dem Judendeutsch ins Englische zurück. »Ich bin froh,

daß ich den Herrn General und den Herrn Capitän-Adjutanten getroffen

habe, ich habe mich verirrt, ich weiß nicht, wie das gekommen ist!«

Der hohe Offizier machte eine einladende Geste: »Nehmen Sie Platz,

bitte!«

Aufatmend sank Rothschild in die Polster, die Pferde griffen aus, die

Koffer auf dem Wagendach polterten, bis sie im Gleichklang der Fahrt

zur Ruhe fanden.

Nathan wischte sich mit dem seidenen Taschentuch die Schweißperlen von

der niederen energischen Stirne.

»Die Herren machen a Reise?« fragte er.

Sänger und Könige · 第 12 / 23 题