Der Pater Pankraz Kampfmiller hatte eine gute Stunde lang in der
dunklen menschenleeren Franziskanerkirche gebetet, nun trat er ins
Freie. Noch ganz erfüllt vom Segen der kühlen Einsamkeit, schwindelte
ihn in der schwülen Luft des Abends. Sein Blut, das eben noch in
wunschloser Stetigkeit geflossen, pulste plötzlich im qualvoll-regellos
stoßenden Rhythmus, sein Auge, das in der Ewigkeit des heiligen Lichtes
zur Ruhe gefunden, irrte durch die von späten Wanderern durchhuschten
Gassen, seine Nase, die den keuschen Weihrauchduft getrunken, witterte
die gemengten Dünste, die aus Toren und Fenstern drangen. Sein Blick
suchte den Himmel. Aber auch hier war kein Friede in dieser Nacht.
Wolken überhuschten ihn, zuchtlos die Sterne verhüllend und entblößend
im Bann des Windes, der immer wieder des Paters Kutte lüpfte. Aus
dem Fenster über ihm winkte eine Hand, jenem Fackellicht entgegen,
das einem Manne den sündhaften Weg erleuchtete. Näher, näher kam es,
verglitt im Tor des Hauses. Das Fenster war leer, der Kerzenschein
in der Stube erlosch, aber im grausamsten, grellsten Tageslicht sah
Pankraz Kampfmiller, was jetzt dort oben geschah.
Er hastete vorüber, seine derben Sandalen klapperten, Frauenlachen
silberte darein, ein Paar kam ihm entgegen, geblendet taumelte der
Priester, ins Gesicht leuchtete ihm der Freche mit der verruchten
Laterne, die seinem Schandweg glänzte! Pankraz Kampfmiller schlug
darnach, aber die Frevler waren schon vorbei, der Pater fiel vornüber,
hielt sich mühsam aufrecht, von verhallendem Lachen umgaukelt.
Der Zorn gab ihm die Freiheit wieder. Das war zu arg! Anstatt sich im
Dunkel der Schmach zu verbergen, trieb das Laster offen seinen Spott
mit der Tugend!
Er fand das Gleichgewicht wieder. Immer aufrechter gereckt schritt er
durch die sündhafte Welt.
Pärchen huschten an ihm vorüber, Schande verhüllende Karossen, ihr Hall
fand nicht mehr den Weg in Pankraz Kampfmillers Blut, sein Auge suchte
nicht mehr den vom unflätigen Erdenwind verwirrten Himmel. Geradeaus
blickte er, einem unsichtbaren Ziele entgegen. Ein liebeschwerer
Nachtfalter umtollte sein geschorenes Haupt, landete auf des Paters
Nase. Mit rascher Hand griff er nach dem Trunkenen, zerdrückte den
weichen, dicken Leib, zermalmte den armseligen Rest mit hartem Tritt.
Zwei-, dreimal trat der unbarmherzige Fuß; zertrat in Gedanken den
weichen schwellenden Leib des Lasters dieser verfluchten Stadt.
* * * * *
Maria Theresias Fuß stampfte ungeduldig, die Finger trommelten auf dem
Marmortisch.
»Na, ist Er nicht bald fertig? Die Prozedur dauert heute noch länger
als sonst! Seine Neigung für so langweilige Ceremoniens wächst von
einem zum andernmal!«
Van Swietens Finger ließen den Puls der zuckenden Hand nicht frei, sein
breiter gedrungener Kopf hob sich langsam, die großen grauen Augen
sahen ruhig unter einem kaum merkbaren Lächeln zu der Herrin auf:
»Eure Majestät geben uns allstündlich das beste Beispiel für Fleiß und
Gewissenhaftigkeit. Sollten wir das gar leichtfertig übersehen?«
»Das läßt sich nicht vergleichen! Trag die Verantwortung für Staat und
Untertanen.«
Van Swietens Lächeln verstärkte sich.
»Trag ich die, ohne daraus Rühmens zu machen, nicht auch, indem mir ein
so kostbar Gut wie Eurer Majestät Leben und Gesundheit ist anvertraut?«
»Ich weiß, ich weiß, kenne Seine Treue! Aber nun laß Er endlich ab! Hat
Er was 'rausgeschnüffelt, he? Das sag' ich Ihm aber, ich hab' keine
Zeit krank zu sein, hört Er?«
Der Leibarzt erhob sich: »Gott sei Dank, nein. Eure Majestät sind ganz
gesund, die körperliche Frische ist nicht vermindert, der Geist so rege
wie stets. Indes ...«
»Indes, indes! Was will Er denn noch? Dann ist ja alles aufs Beste
bestellt!«
Der letzte Rest des Lächelns schwand aus Van Swietens Zügen. Tiefernst
war sein Gesicht: »Majestät vergessen, daß sie auch eine Seele haben!«
»Seele! Was schert Ihn die? Für die ist der Kampfmiller da und nicht
Er!«
»Ich will mir bei Gott nicht anmaßen, Euerer Majestät Beichtvater zu
sein. In den meisten seelischen Nöten mag der hochwürdige Herr genügen.
Jedoch gibt es Drangsale, die sich so tief den körperlichen Affairen
vermischen, daß man jene kaum davon zu trennen vermag.«
»Das ist wieder einmal eine Seiner Ketzereien, die ich nicht hören
will! Kein Wort mehr davon! Was Wichtigeres! Hör' Er! Ob Er auch
zuweilen schier als ein Freigeist sich gibt, was mich arg bekümmert,
halte ich Ihn doch für einen anständigen Mann, der für die Moralität
einen feinen Sinn mitbringt. Sag Er! Scheint es Ihm auch, daß es in
meiner Residenz damit nicht aufs Beste bestellt sei?!«
Van Swieten hob die Schultern: »Mein Gott, wohl nicht schlimmer als
anderswo. Eine volkreiche Stadt ist kein Nonnenkloster, es läßt sich
kaum vermeiden ...«
»Es muß aber vermieden werden! Es muß besser sein als in anderen
Ländern! Der Herr Friedrich von Brandenburg soll in seinem Ketzernest
die Dinge gehen lassen, wie er mag! Hier ist eine katholische Stadt,
versteht Er? Ich kann's nicht dulden, daß ich überall in der Leute
Mäuler komme und man in aller Welt ausstreut, Wien wär ein Sodom und
Gomorrha! Es muß anders werden, von heut auf morgen! Daß Er's weiß: ich
hab eine Moralitätskommission eingesetzt, der hochwürdige Herr Pater
Kampfmiller ist der Präses davon. Hat mir alles berichtet, ohne mir was
zu verhalten, wie's seine Pflicht ist. Der hat das feine Gefühl dafor,
was Ihm leider zu fehlen scheint! Hätt ich von Ihm nicht gedacht! Jetzt
wird's anders werden, ganz anders! Jetzt wird das Unkraut ausgerissen
mit Stumpf und Stiel, ohne jede Schonung! Ich will's so, ich will's!«
In den Schritthall der erregt den Raum Durchmessenden flossen des
Arztes Worte wie ein beruhigender Heiltrank.
»Vermeinen Majestät nicht, mit dem Unkraut auch manche Blume zu töten?
Hab gestern bei meinem Spaziergang im Prater meine helle Freude gefühlt
an einem Paar, das engumschlungen im Grünen spazierte und so eins war,
daß wohl gar der Herr Jesus selbsten dran hätte sein Ergötzen gehabt.«
»Laß er den Herrn Jesum aus dem Spiel! Waren die zwei ehelich
verbunden?«
Van Swieten lächelte: »Das, Majestät, vermochte ich nicht auszunehmen,
hab' nicht auf ihre Hände gesehen, sondern in ihre leuchtenden Augen.«
»Das war sehr unrecht von Ihm! Ist das Erste und Wichtigste izt! Mit
dem Ring am Finger sollen sie sich gaudieren, soviel ihnen darnach der
Sinn steht, sonst nicht!«
»Und Jene, denen's die Umstände verbieten? Es gibt Arme genug, die das
Copuliergeld nicht zu Wege bringen.«
»Die sollen's bleiben lassen! Es muß nicht immer scharmuzieret sein!
Solln was Gottgefälliges vor sich bringen in Arbeit und Tugendwerk, da
vergeht mit Gottes Hilf' alle Satanslust!«
Widerwillig senkte die Kaiserin die Augen unter Van Swietens Blick. Er
überstieg nicht die gesetzte Schranke, es war kein respektloses Werben
darin, nur ein stilles, starkes Bewundern, fast Ehrfurcht; aber nicht
vor der Herrin, sondern vor dem Weibe, dessen reife Lebenskraft in den
roten Wangen leuchtete, mit dem starken Atem die Brust schwellte, wie
der Sommerwind ein erntenahes Feld.
Maria Theresia hob das Haupt, sagte mit veränderter Stimme: »Sprech Er
nicht. Weiß schon, was Er meint! Kann's nicht verbergen vor dem Arzt.
Er kennt mich so gut wie Keiner. Gesteh's ihm zu; hab keine Limonade
in den Adern, weiß, weiß! Aber,« nun blickte sie auf, »hab ich mich
davon unterkriegen lassen, was? Hab ich nicht mit Gottes Hilfe dawider
gestritten und könnt heute Victoria schießen lassen wie der Daun bei
Kolin? Ist das die Wahrheit oder nicht? Sag Er's ehrlich!«
Nun senkte der Arzt das klobige Haupt: »Gewißlich Majestät, das ist
die Wahrheit. Und ich muß sagen, leider, leider! Majestät, legen Sie
mir's nicht für übel aus, ich hab's in mir vergraben, Jahr um Jahr!
Heut muß ich's sagen! Es ist ein heller Jammer, so man zusehen muß, wie
ein so herrliches, von Gott mit allem Guten an Geist und Leib gesegnet
-- ich bitte um Pardon, es gibt kein ander Wort -- ein so über alle
Maßen schönes Weib tagaus tagein Aktenstaub atmet anstatt Rosenduft.
Seine Majestät, der Kaiser, er hat mir nichts gesagt, kein Wort, aber
ich sehe schärfer als andere, das bringt meine Profession mit sich, er
leidet darunter. Majestät, werfen Sie mich auf die Straße, jagen Sie
mich fort, ich mußte es sagen! War meine Pflicht, meine reine Pflicht!«
Van Swietens Gestalt sank in sich, als erwarte er einen Schlag. Eine
lange Stille durchspann den Raum. Endlich tasteten die Worte der Frau:
»Ich weiß, daß Er's gut meinet, Van Swieten, aber, sag Er das nicht
mehr, ich will, ich darf nicht daran denken!«
Die Kaiserin nickte, die Audienz beendend. Tief verneigte sich
Van Swieten, zögerte in der Türe, aber kein Blick mehr traf
ihn. Geschlossenen Auges stand Maria Theresia in der Fülle des
Morgenlichtes, das mit jäher Gewalt durchs Fenster brach.
»Seine Hochwürden, der Herr Pater Kampfmiller«, meldete der Lakai, »er
ist auf diese Stunde befohlen«. Wieder nickte die Kaiserin.
Im Augenblicke, da er den Saal betrat, ergriff Pankraz Kampfmiller
stärker als je die qualvolle Unsicherheit, die ihn stets peinvoll
durchströmte, wenn er der Kaiserin gegenübertrat. Es war nicht die
Scheu vor dem hohen Rang der erlauchten Frau, der Jesuitenzögling wußte
längst, daß er dereinst im Himmel seinen Sitz Gott näher bereitet
finden würde, als alle Fürsten der Welt, und daß auch in dieser selbst
seine Macht sich mit jener der Kronen in Wahrheit messen konnte. Nein,
in solchen Augenblicken der Verirrung vergaß er die Kaiserin und
sah nur das Weib. Die Prunkgewänder fielen unter seinem taumelnden
Blick, ein Stück um das andere in süß quälender Langsamkeit. In diesem
Augenblick erst wurde er sich des Frevels bewußt, brach nieder vor
Gottes richtendem Blick, bis der Herrin feste, fast männlich tiefe
Stimme an ihn eine sachliche Frage stellte und er zu seiner sicheren
Wesenheit zurückfand. Länger als sonst währte dies heute. Dreimal
fragte Maria Theresia, bis er endlich befriedigende Antwort fand. Es
sei alles in bester Ordnung, die Kommission aus den sichersten und
frömmsten Männern gebildet, die Organisation aufs Beste in die Wege
geleitet, in den kleinsten Gassen -- und aufs Vornehmlichste in diesen
-- seien verläßliche Rottenknechte postiert, die den strengsten Auftrag
hätten, jeden und besonders jede =in moralibus= Verdächtige
festzunehmen und sich durch nichts, weder durch Bitte und Drohung noch
durch Bestechung verleiten lassen würden, davon Abstand zu nehmen,
indem sie so gut besoldet seien, daß sie wohl keine Neigung zeigen
sollten, ihr ausnehmend günstiges Amt zu vernachlässigen.
Die Kaiserin reichte ihm die Hand zum Kusse:
»Ich sehe schon, Er hat seine Affairen aufs Beste vorgebracht. Nur
Eines möge Er sich mahnend vor Augen halten und solches auch allen
seinen Helfern aufs Schärfste einprägen: daß man solle ohne jede
Ansehung der Person vorgehen! Ist mir bekannt, daß insbesonders die
vornehme Gesellschaft sich einer leichtfertigen Façon und lockeren
Sitten hat hingegeben. Ermahne Er all Tag Seine Leute, daß sie sich
nicht beifallen lassen dürften, einen Herrn oder eine Dame vom Adel
zu schonen. Im Gegenteil! Bei Abenteurern vom Stande sollen sie aufs
Doppelte eifervoll ihrer Pflicht obwalten. Und sollt's ein Glied
meines hohen Hauses betreffen, ich will, daß das Laster mit der Wurzel
aus dem Wiener Boden soll ausgerissen werden! Bin Ihm weiterhin in
Gnaden beigetan«.
Maria Theresia war allein. Eine Weile noch hing sie dem Gespräche
nach, dann versank das Erinnern daran, stärker als die Rede des Paters
klangen Van Swietens Worte auf. Ihre Zeit war erfüllt mit Arbeit,
Empfängen, Verpflichtungen der Repräsentation, immer fast war sie
Herrscherin, wenige karge Stunden, Augenblicke Frau. In den ersten
Jahren ihrer Regentschaft und Ehe war ihr dies Aufatmen noch reicher
gegönnt gewesen. Nun, da von Jahr zu Jahr nicht nur die Sorge, sondern
auch ihr Verantwortungsgefühl wuchs, wurde die Frist der Erholung ihr
in immer spärlicherem Maße zuteil. Und wenn sie dann für kurze Zeit
Gattin sein durfte, da fehlte ihr die Leichtigkeit, sich rasch der
ungewohnten Gnade anzubequemen, mit einem Schlage alle Grillen von
sich zu werfen. Sie gab sich der Stunde nicht ganz, oft sah sie auf
dem Haupte des Gatten eine mißmutige Falte der Enttäuschung erst, wenn
schon wieder die harte Pflicht sie rief und ihr die Muße mangelte, die
geliebte Stirne zu glätten. Als quälenden Vorwurf trug sie ihr Versehen
durch alle ihr auferlegte Mannesarbeit, bis zur nächsten gnadenvollen
Liebesstunde, und hatte doch wieder nicht die Kraft, alles gut zu
machen. Nun fühlten's auch schon die andern, Van Swieten zumindest,
der sie und den, ach, so über die Maßen geliebten Gatten bis in die
tiefsten Falten ihrer Seelen kannte. In ihrem anscheinend so glänzenden
und doch so grauen, harten Leben war dieser das einzige Weiche und
Helle geblieben. Alles, was sie früher geliebt, Tanz und Unterhaltung,
den Frühling von Schönbrunn und Laxenburg, das einte jetzt der noch
immer schöne Mann in seiner liebenswerten Persönlichkeit. Und er
glaubte vielleicht jetzt schon, ihre Liebe sei erkaltet! Sagen mußte
sie's ihm, wie es um ihr Herz noch immer bestellt war, auf der Stelle
mußte sie's ihm sagen! Mit zitternder Hand griff sie nach der Glocke.
Der alte Kammerdiener, der sie schon auf der Hochzeitsfahrt begleitet
hatte, meldete, der Kaiser sei ausgefahren. »Majestät haben den
Bärenwagen befohlen«, fügte er mit ehrfürchtig-vertraulichem Lächeln
bei.
Maria Theresiens Enttäuschung schwand unter dem lieben Klang des
Wortes. Tausend Erinnerungen brachte es. Was sie doch damals für
Kinder gewesen! Ein Frühlingstag im ersten Ehejahr. Durchgebrannt
waren sie, richtig durchgebrannt! In aller Frühe schon waren sie,
die Überglücklichen, in den weiten Tierpark gegangen und hatten
die Geschöpfe Gottes gefüttert, auch diese ein wenig glücklich zu
machen. Ein Bär hatte ihre höchste Freude erregt. Wie possierlich er
sich präsentiert hatte! Würdig, mit erhobenen Pfoten, in seinen Pelz
gehüllt, als hielte er Peitsche und Leitseil. »Wie der Leibkutscher im
Winter!« hatte der Kaiser ausgerufen. Noch lange hatte der treffende
Vergleich sie belustigt. Zur Erinnerung an diese Stunde hatte die
junge Frau dem Gatten einen Wagen bauen lassen. Auf dem Bock vor
dem Kutschsitze saß ein goldener Bär, würdevoll mit hochgereckten
Pfoten, als dirigiere er die feurigen Lippizzaner Schimmel. Das war
der Bärenwagen, den bisher jeder bewundert und belacht hatte. Darin
war der Geliebte heute ausgefahren. Ein Gefühl warmer, vertrauender
Ruhe durchfloß Maria Theresia. Ihr war, als sei sie dem Fernen innig
nahe. Das Räderrollen würde ihm von der lieben alten Zeit erzählen, die
Polster mußten seinen Leib umschmiegen, wie der Segen ihrer unverändert
zärtlichen Liebe. --
Ein Gesandter bat um Audienz. Die Kaiserin empfing ihn mit einem
abwesenden Lächeln, das erst der trockene, in steife Etiquette
gezwängte Disput langsam aus ihren Zügen tilgte. -- -- --
Die Rottenknechte Vetter und Wögerl waren von einer vergeblichen
Streife in ihre Wachstube zurückgekehrt. Der große breite Vetter warf
sich auf die krachende Pritsche mit einem Fluch, der in ein tierisches
Knurren verglitt, der kleine Wögerl putzte sich mit dem Fazinettel
sorgsam die spitze Nase, hängte den Uniformfrack pedantisch über den
Sessel, schnallte den Säbel ab, stellte ihn in die Ecke und dann
streckte auch er sich vorsichtig, als wäre er aus Glas, auf seine
Lagerstatt.
Eine Weile lagen sie ausruhend, der kurze Atem des Kleinen stieß in das
riesenhafte Schnaufen des Gefährten.
»Wo is denn der Gamperling?« fragte dann der Wögerl ein wenig
beunruhigt.
»Was schert di der?«
»Amend erwischt er was, das uns auskommen is!«
»Der wird was erwischen!«, lachte der Vetter.
»Is eh wahr, tut nix wie Rosenkranz beten! Dös is a Tappschädel, sag
i dir! 's schönste Maderl is ihm einerlei. Für a jed's Paarl, das er
fangt, hat ihm der Pater Pankraz an hunderttägigen Ablaß versprochen,
dafür rennt er sich die Füß ab! Hast scho so an Trottl g'sehn?«
Die Worte verflossen in ein spitzes Kichern, darein sich das dröhnende
Lachen des Starken mischte. Wieder Schweigen. Und endlich Schnarchen
und pfeifender Atem der Schlafenden. -- --
Der Wögerl sprang vom Lager, der Vetter folgte ihm schwerfällig. Der
Gamperling stand in der Türe. Die Augen leuchteten in heiligem Eifer.
Seine zuckende Hand stieß ein Mädchen in die qualmende Stube.
»I frag di noch amal, willst reden! Bei der heiligen Jungfrau frag i
di, vielleicht verzeiht's dir ehender, wannst es sagst! Wer ist der
Cavalier g'wesen? Wem g'hört der Wagen?«
»I weiß net«, wimmerte das Mädchen, »i weiß wirkli net. Bei der
heiligen Jungfrau ...«
»Laß die heilige Jungefrau in Ruh, wannst weiterhin halsstarrig laugnen
willst! I tu di no amal fragen, zum letzten Mal!« Er wandte sich an die
Kameraden.
»Habt's scho so a ganz Ausg'schamte g'sehn?! Gerad will's zu ihnerm
Cavalier in Wagen steigen, er is scho drin g'sessen, hat die Hand
rausg'steckt, wie'r i's erwischt hab'. Aber wie der Kutscher mi sieht,
neing'haut in die Pferd und heidi! Und sie will's net sagen!«
Die Rottenknechte traten näher.
»Na schau, so sag's do, was is denn dabei!« flötete der Wögerl.
»Wir können dir vielleicht helfen, wannst sagst, wer's war!«, grunzte
freundlich der Vetter.
Halb voll Hoffnung, halb voll Angst, sah sie den Beiden entgegen: »I
weiß' aber wirkli net! A feiner Herr is es g'wesen!«
»No natürli a feiner Herr.«
»A schöner Herr! ...«!
»Na, an Schiechen wirst' dir aussuchen!«
»I hab'n net g'sucht, er is an mir vorüberg'fahren, hat'n Wagen halten
lassen ...«
Heilig-leuchtenden Zorn in den Blicken, stand der Gamperling vor ihr:
»Du Weibsbild, du ganz verfluchts, wannst no weiter lugst, i, i, meiner
Seel, i weiß net, was i mit dir tu ...«
»Mir wisseten's scho!« lachte der Wögerl. Der Vetter trat auf sie zu,
drückte mit der einen Tatze den Gamperling beiseite, indes er die
andere um ihre Hüfte legte: »Halt di an uns, Klane, laß den verruckten
Casper! Bei uns wird dir nix g'schehn, wannst a bißl liab bist!«
Sie hatten im Lärm das Trappen der Sänftenträger, die Schritte im
Korridor überhört. Zuerst gefaßt, sprang der Wögerl in die Ecke, dann
löste der Vetter die Hand, der Gamperling trat in Positur vor den Pater
Kampfmiller und die Frau, die jäh in der Türe standen.
»Ihre Majestät will sich höchstpersönlich von der Tätigkeit Ihrer
getreuen Diener überzeugen«, erläuterte Pater Pankraz, aber keiner
hörte auf ihn. Sie starrten auf die unfaßbare Erscheinung, alle, die
Rottenknechte und das verängstigte Weib.
»Was für eine Sache ist hier im Gang?«
Der Rottenknecht Gamperling berichtete mit von Eifer und Ehrfurcht
zitternder Stimme.
»Gut. Hat seine Pflicht getan, ob er schon ein wenig klüger hätte die
Affaire mögen angreifen. Nun, Sie da, Sie Weibsperson! Tret Sie näher!
Seh' Sie mir ins Aug! Wie heißt Sie?«
Das Mädchen hob langsam den Blick, sah zu der Kaiserin auf. Seltsam,
trotz aller angstvollen Ehrfurcht, die ihr in den Gliedern lag, sie
fühlte etwas wie Befreiung. Fremd, furchtbar fremd waren ihr die Männer
gewesen, nun überwehte sie ein Hauch von Vertrauen. Eine Kaiserin, ja,
aber doch ein Wesen, das ihr glich. Nur im tiefsten Unbewußten fühlte
dies das Mädchen.
»Eurer Majestät zu dienen, Jungfer Josepha Ambrukin«.
»Wie kommt Sie zu diesem schandbaren Gewerbe?«
»Majestät, halten zu Gnaden«, stammelte sie, »das is net mein Gewerbe,
na, na, g'wiß net, i bin a ...«
»Wird sich weisen. Erzähle Sie den Vorgang!«
Die Josepha Ambrukin stellte die Sache genau so dar, wie sie dem
Rottenknechte Bericht getan. Wenn dieser sie unterbrechen wollte, wies
die Kaiserin ihn zur Ruhe.
»Warum will Sie den Namen des sauberen Cavaliers nicht nennen?«
»Weil i'n net weiß, wahrhaftigen Gotts, bei der Jungfrau Maria und
allen lieben Heiligen, i weiß'n net!«
Maria Theresias feines für Echtheit und Komödie geschärftes Ohr hörte
den wahrhaften Ton.
»So, Sie kennt ihn nicht, will Ihr's glauben. Indes ist es wichtig für
uns, den Namen dessen, der in dies schimpfliche Abenteuer hineinspielt
und vielleicht die größere Schuld daran trägt, zu erfahren. Sage Sie
uns, wie der Cavalier ist beschaffen gewesen in Miene, Gestalt, Kleid!«
»I bitt um Pardon, gnädige Frau Kaiserin, er war schön und fein, aber i
bitt um Pardon, i war so verwirrt, weil so a feiner schöner Herr is so
freundli zu mir g'wesen, daß i'n net deutlich g'sehen hab. Es hat nur
all's so tanzt vor mir!«
»So? Das ist schade. Wir müssen wissen, wer's war, ich muß es wissen!
Der Filou darf uns nicht auskommen! Hat Sie vielleicht ein Erinnern an
andere Umstände? An die Karosse vielleicht? Welche Farbe sie und die
Pferde gehabt?«
»Net bös sein, bitt i, gnädigste Frau Kaiserin, bei der lieben
Jungfrau und Gottesmutter, i hab' ja g'sagt, 's hat mir all's vor
die Augen tanzt! Nur ans, nur ans, des weiß i noch. Des hab i mir
g'merkt, weil's«, nun floß ein scheues Lächeln über das verängstigte
Gesichtchen, »weil's gar so g'spassig und herzig war. Deswegen bin i a
net davon g'rennt, wier' i's hätt soll'n, i weiß, ja, ja! Aber i hab'
von Klein' auf alle Tier gern g'habt, Vögel, Katzen und Hunderln. Und
da is vorn am Kutschbock vom Wagen a Viecherl g'sessen, a g'macht's
natürli, i mein, 's hat an Bären vurstellen sollen, des, des war, na
zum Totlachen war's, weil's so ausg'schaut hat, wie daß er kutschieren
tät und net der Herr Kutscher oben. Es war ... Marand Josef, hab i am
End was Schlecht's g'sagt?! I bitt um Gott's willen, Majestät, sein S'
net bös auf mi! I kann mi hat net guet ausdrücken, i hab ja no nie net
im Leben mit große Personagen g'redt und schon gar net mit aner Frau
Kaiserin! I bitt, bei der heiligen Gottesmutter, bei der Frau Kaiserin
Namenspatronin, bei der heiligen Theres', bei allen gueten Heiligen
bitt i«, sie sank in die Knie, hob die Arme auf zu der todblassen
Taumelnden.
Pater Pankraz hatte Maria Theresia aufgefangen. Als sie seinen haarigen
Kuttenärmel im Gesicht fühlte, kehrte ihr Besinnen zurück, sie machte
sich frei, straffte sich, ein kurzes Nicken, sie ging. In der Tür
kehrte sie sich noch einmal um:
»Der Gefangenen ist die Strafe zu erlassen und sie allsofort auf freien
Fuß zu setzen!«
Hart und unnahbar wies sie den Dank der Nachdrängenden ab.
Aber da sie allein in ihrer Sänfte saß und in die Polster weinte,
war sie ein ärmeres, hilfloseres Weib, als die Josepha Ambrukin, die
beflügelten Fußes in die neue Freiheit lief. Und jenes Weib setzte am
nächsten Morgen den Namenszug der Kaiserin unter den Befehl, der die
Moralitätskommission für immerwährende Zeiten aufhob.