Geduldig nickte Veraguth und fragte nur: „Also, was ist es?“

Der Arzt hustete kurz.

„Wenn ich mich nicht täusche, ist es Gehirnhautentzündung.“

Veraguth saß still und sprach das Wort leise nach. Dann erhob er sich

und streckte dem Arzt die Hand hin.

„Also Gehirnhautentzündung,“ sagte er, und sprach ganz langsam und

vorsichtig, weil ihm der Mund wie bei großer Kälte zitterte. „Ist das

denn überhaupt heilbar?“

„Es ist alles heilbar, Herr Veraguth. Mancher legt sich mit

Zahnschmerzen hin und ist nach ein paar Tagen tot, ein anderer hat alle

Symptome der schwersten Krankheit und kommt davon.“

„Ja, ja. Und kommt davon! Ich will nun gehen, Herr Doktor. Sie haben

sich viel Mühe mit mir gegeben. Aber Gehirnhautentzündung ist also nicht

heilbar?“

„Lieber Herr ...“

„Verzeihen Sie. Sie haben vielleicht schon andere Kinder mit dieser Ge––

mit dieser Krankheit behandelt? Ja? Sehen Sie! – Leben diese Kinder

noch?“

Der Sanitätsrat schwieg.

„Leben vielleicht zwei davon noch, oder eins?“

Es kam keine Antwort.

Der Arzt hatte sich, wie unwillig, zum Schreibtisch gewendet und ein

Fach geöffnet.

„Werfen Sie die Flinte nicht so ins Korn!“ sagte er mit verändertem Ton.

„Ob Ihr Kind davonkommt, wissen wir nicht. Es ist in Gefahr, und wir

müssen ihm helfen, soviel wir können. Wir alle müssen ihm helfen,

verstehen Sie, und Sie auch. Ich brauche Sie. – – Ich komme abends noch

einmal hinaus. Für alle Fälle gebe ich Ihnen hier ein Schlafpulver mit,

vielleicht können Sie selbst es brauchen. Und nun hören Sie: der Kleine

muß volle Ruhe haben und soll möglichst kräftige Nahrung bekommen. Das

ist die Hauptsache. Wollen Sie daran denken.“

„Gewiß. Ich werde nichts vergessen.“

„Wenn er Schmerzen hat oder sehr unruhig wird, helfen laue Bäder oder

Wickel. Haben Sie einen Eisbeutel? Ich werde einen mitbringen. Sie haben

doch Eis draußen? Also gut. – Wir wollen hoffen, Herr Veraguth! Es geht

jetzt nicht an, daß einer von uns den Mut verliert, wir müssen alle auf

dem Posten sein. Nicht wahr?“

Er schöpfte aus Veraguths Gebärde Vertrauen und begleitete ihn hinaus.

„Wollen Sie meinen Wagen haben? Ich brauche ihn erst um fünf Uhr

wieder.“

„Danke, ich gehe zu Fuß.“

Er ging die Straße hinab, die leer war wie vorher. Aus jenem offenen

Fenster klang immer noch die unfrohe Schülermusik. Er sah auf die Uhr,

es war nur eine halbe Stunde vergangen. Langsam ging er weiter, Straße

um Straße, rundum durch die halbe Stadt. Er scheute sich, sie zu

verlassen. Hier drinnen, in diesem blöden armen Häuserhaufen, da war

Medizingeruch und Krankheit, da war Not und Angst und Tod zu Hause, da

trugen hundert freudelos schmachtende Gassen alles Schwere mit und man

war nicht allein. Aber draußen, schien ihm, unter Bäumen und klarem

Himmel, zwischen Sensengeläute und Grillenzirpen mußte der Gedanke an

das alles viel schrecklicher, viel sinnloser, viel verzweifelter sein.

Es war Abend, als er staubig und todmüde nach Hause kam. Der Arzt war

schon dagewesen, aber Frau Adele war ruhig und schien noch nichts zu

wissen.

Während der Abendmahlzeit unterhielt sich Veraguth mit Albert über die

Pferde. Er fand immer wieder etwas zu sagen, und Albert ging darauf ein.

Sie sahen, daß Papa sehr müde sei, sonst nichts. Er aber dachte mit fast

höhnischem Ingrimm immer wieder: „Ich könnte den Tod in den Augen haben

und sie würden nichts merken! Das ist meine Frau, und das ist mein Sohn!

Und Pierre stirbt!“ So dachte er in traurigem Kreislauf, während er mit

hölzerner Zunge Worte formte, die niemanden interessierten. Und dann kam

noch ein Gedanke dazu: „So ist es recht! So will ich allein mein Leid

austrinken, bis der letzte bittere Tropfen erschöpft ist. So will ich

sitzen und heucheln und meinen armen Kleinen sterben sehen. Und wenn ich

dann noch lebe, dann ist nichts mehr, das mich bindet, und nichts, das

mir weh tun kann, dann will ich gehen und will nie in meinem Leben mehr

lügen, nie mehr einer Liebe glauben, nie mehr abwarten und feig sein ...

Dann will ich nur noch Leben und Tat und Vorwärtsgehen kennen, keinen

Frieden mehr, keine Trägheit mehr.“

In dunkler Wollust fühlte er das Weh in seinem Herzen brennen, wild und

unerträglich, aber rein und groß, wie er noch nichts und noch nie

gefühlt hatte, und vor der göttlichen Flamme sah er sein kleines,

unfrohes, unaufrichtiges und mißgestaltetes Leben wertlos dahinsinken,

keines Gedankens und nicht einmal eines Tadels mehr wert.

So saß er noch eine Abendstunde lang im halbdunkeln Krankenzimmer bei

dem Knaben, und so lag er eine brennend schlaflose Nacht, mit Inbrunst

seinem fressenden Leid hingegeben, nichts hoffend und nichts begehrend,

als von diesem Feuer verzehrt und reingebrannt zu werden bis in die

letzte zuckende Faser. Er verstand, daß es so sein müsse, daß er gerade

das Liebste und Beste und Reinste, was er besessen, weggeben und sterben

sehen müsse.

Rosshalde · 第 24 / 42 题