Sechzehntes Kapitel

Es ging Pierre schlecht, und sein Vater saß beinahe den ganzen Tag bei

ihm. Der Knabe hatte immerzu Kopfschmerzen, er atmete rasch und jeder

Atemzug war ein kleines, banges Stöhnen. Zuweilen wurde sein kleiner,

magerer Körper von kurzen Zuckungen geschüttelt oder bäumte sich in

steilem Bogen auf. Dann lag er wieder lange vollkommen regungslos, und

schließlich überfiel ihn ein krampfhaftes Gähnen. Dann schlief er eine

Stunde und begann nach dem Erwachen wieder dieses regelmäßige, klagende

Seufzen, mit jedem Atemzug.

Er hörte nicht, was man zu ihm sagte, und wenn man ihn, fast mit Gewalt,

emporrichtete und ihm zu essen eingab, nahm er es in mechanischer

Gleichgültigkeit. Beim schwachen Licht, denn die Vorhänge waren dicht

geschlossen, saß Veraguth lange Zeit mit tiefer Aufmerksamkeit über den

kleinen Knaben gebückt und schaute mit frierendem Herzen zu, wie aus dem

hübschen vertrauten Knabengesicht ein lieber zarter Zug um den andern

abhanden kam und dahinschwand. Was übrigblieb, war ein bleiches

frühaltes Gesicht, eine unheimliche Maske des Leidens, mit vereinfachten

Zügen, in welchen nichts als Schmerz und Ekel und tiefes Grauen zu lesen

war.

Zuweilen sah der Vater dieses entstellte Gesicht in Augenblicken des

Schlummers weich werden und einen Schimmer vom verlorenen Liebreiz

seiner gesunden Tage wiedergewinnen, dann schaute er unverwandt mit

dürstender Liebesgier, sich die hinsterbende Lieblichkeit noch einmal

und noch einmal einzuprägen. Dann schien ihm, in seinem ganzen Leben

habe er nie gewußt, was Liebe sei, nie bis zu diesen Augenblicken des

Wachens und Schauens.

Frau Adele war tagelang ahnungslos geblieben, erst allmählich hatte sie

Veraguths gespanntes und sonderbar entrücktes Wesen bemerkt und

schließlich beargwöhnt, und wieder erst nach Tagen begann sie den

Zusammenhang zu ahnen. Da nahm sie ihn an einem Abend, als er Pierres

Zimmer verließ, beiseite und sagte kurz mit einem Ton von Kränkung und

Bitterkeit: „Was ist nun mit Pierre? Was ist es? Ich sehe, daß du etwas

weißt.“

Er sah sie wie aus tiefer Zerstreutheit an und sagte mit trockenen

Lippen: „Ich weiß nicht, Kind. Er ist sehr krank. Siehst du das nicht?“

„Ich sehe es. Ich will nun wissen, was es ist! Ihr behandelt ihn ja fast

wie einen Todkranken, du und der Doktor. Was hat er dir gesagt?“

„Er hat mir gesagt, es stehe schlimm und wir müßten sehr für ihn Sorge

tragen. Es ist eine Art Entzündung in seinem armen Kopf. Wir wollen

morgen den Doktor bitten, daß er uns mehr sagt.“

Sie lehnte sich an einen Bücherschrank und griff mit der Hand über sich

in die Falten des grünen Vorhanges. Da sie schwieg, blieb er geduldig

stehen, sein Gesicht war grau und seine Augen sahen entzündet aus. Er

zitterte schwach mit den Händen, doch stand er beherrscht und hatte eine

Art von Lächeln, einen seltsamen Schimmer von Ergebung, Geduld und

Höflichkeit im Gesicht.

Langsam kam sie zu ihm herüber. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und

schien in den Knien schwach zu werden. Ganz leise flüsterte sie: „Du

glaubst, daß er sterben muß?“

Veraguth hatte noch immer das schwache, törichte Lächeln um den Mund,

aber es liefen ihm kleine, hastige Tränen übers Gesicht. Er nickte nur

schwach mit dem Kopf, und da sie an ihm niederglitt und den Halt verlor,

hob er sie auf und half ihr auf einen Stuhl.

„Man kann es ja nicht sicher wissen,“ sagte er langsam und schwerfällig,

als wiederhole er mit Ekel eine alte Lektion, die ihm längst überdrüssig

geworden wäre. „Man darf den Mut nicht verlieren.“

„Man darf den Mut nicht verlieren,“ wiederholte er nach einer Weile

mechanisch, da sie wieder Kraft gewann und sich aufrecht setzte.

„Ja,“ sagte sie, „ja, du hast recht.“ Und wieder nach einer Pause: „Es

kann nicht sein. Es kann nicht sein.“

Und plötzlich stand sie wieder aufrecht, hatte Leben in den Augen und

alle Züge voll Verständnis und Trauer.

„Nicht wahr,“ sagte sie laut, „du wirst nicht zurückkommen? Ich weiß es.

Du willst uns verlassen?“

Er sah wohl, daß es ein Augenblick war, der keine Unaufrichtigkeit

erlaube. Darum sagte er kurz und ohne Ton: Ja.

Sie wiegte den Kopf hin und her, als müsse sie stark nachsinnen und

könne nicht damit fertig werden. Was sie aber nun sagte, kam aus keinem

Nachdenken und Überlegen, sondern floß ganz unbewußt aus der trüben,

trostlosen Bedrängtheit der Stunde, aus einer mutlosen Müdigkeit und vor

allem aus einem dunkeln Bedürfnis, irgend etwas gutzumachen und irgend

jemandem, der dafür noch erreichbar wäre, Gutes zu erweisen.

„Ja,“ sagte sie, „ich habe es mir so gedacht. Aber höre, Johann, Pierre

darf nicht sterben! Es darf nicht alles und alles jetzt auf einmal

zusammenbrechen! Und weißt du – ich möchte dir das noch sagen: Wenn er

wieder gesund wird, sollst du ihn haben. Hörst du? Er soll bei dir

bleiben.“

Veraguth verstand nicht sofort. Nur langsam wurde ihm klar, was sie

gesagt habe, und daß nun das, worum er mit ihr gestritten und um

dessentwillen er Jahre und Jahre gezögert und gelitten hatte – daß das

ihm nun, wo es zu spät war, zugesprochen werde.

Es kam ihm unsäglich sinnlos vor, nicht nur daß er jetzt plötzlich haben

sollte, was sie ihm so lange versagt hatte, sondern noch mehr, daß

Pierre just in dem Augenblicke ihm gehören solle, wo er dem Tod

verfallen war. Nun würde er ihm also doppelt sterben! Es war verrückt,

es war um zu lachen! Es war so grotesk und widersinnig, daß er wirklich

nahe daran war, in ein bitteres Gelächter auszubrechen.

Aber sie meinte es ohne Zweifel ernst. Sie glaubte offenbar noch nicht

ganz daran, daß Pierre sterben müsse. Es war gütig, es war ein

ungeheures Opfer von ihr, das sie in der schmerzvollen Verwirrung des

Augenblicks aus irgendeiner dunkeln guten Regung bringen wollte. Er sah,

wie sie litt, wie sie bleich war und sich mit Mühe aufrecht hielt. Er

durfte nicht zeigen, daß er ihr Opfer, ihre seltsame verspätete Großmut

wie eine tödliche Verhöhnung empfand.

Sie begann schon mit Befremdung auf ein Wort von ihm zu warten. Warum

sagte er nichts? Glaubte er ihr nicht? Oder war er ihr so fremd

geworden, daß er nichts von ihr annehmen wollte, auch nicht dieses

größte Opfer, das sie ihm bringen konnte?

Schon begann ihr Gesicht vor Enttäuschung zu zucken, da fand er die

Herrschaft über sich wieder. Er nahm ihre Hand, bückte sich und berührte

sie leicht mit kühlen Lippen, und sagte: „Ich danke dir.“

Da kam ihm ein Gedanke, und mit wärmerem Ton fügte er hinzu: „Nun will

ich aber auch für Pierre sorgen dürfen. Laß mich die Nacht bei ihm

wachen!“

„Wir werden abwechseln,“ sagte sie mit Entschiedenheit.

Pierre war an diesem Abend sehr ruhig. Es brannte ein kleines Nachtlicht

auf dem Tische, dessen schwacher Schein den kleinen Raum nicht füllte

und sich gegen die Türe hin in braune Dämmerung verlor. Veraguth hörte

noch lange dem Atmen des Knaben zu, dann legte er sich auf den schmalen

Diwan, den er sich hatte hereinbringen lassen.

In der Nacht, gegen zwei Uhr, erwachte Frau Adele, machte Licht und

stand auf. Die Kerze in der Hand, kam sie in einen Schlafrock gehüllt

herüber. Sie fand alles still. Pierre zitterte leicht mit den Wimpern,

als das Licht sein Gesicht berührte, wachte aber nicht auf. Und auf dem

Diwan lag, in den Kleidern und leicht zusammengekrümmt, ihr Mann im

Schlafe.

Sie leuchtete auch ihm ins Gesicht und blieb eine kleine Weile bei ihm

stehen. Und sie sah sein Gesicht aufrichtig und unverstellt, mit allen

Falten und ergrauten Haaren, die Wangen erschlafft und die Augen

unterhöhlt.

„Auch er ist alt geworden,“ dachte sie mit einer Empfindung, die halb

Mitleid und halb Genugtuung war, und fühlte sich versucht, ihm das

struppige Haar zu streicheln. Doch tat sie es nicht. Sie ging unhörbar

wieder hinaus, und als sie nach Stunden morgens wiederkam, saß er längst

wach und aufmerksam an Pierres Bett und sein Mund und der Blick, mit dem

er grüßte, war wieder straff von der geheimnisvollen Kraft und

Entschlossenheit, in die er seit Tagen wie in einen Panzer gehüllt ging.

Für Pierre kam heute ein schlechter Tag. Er schlief lange und lag dann

mit offenen Augen und erstarrtem Blick, bis eine neue Welle von

Schmerzen ihn erweckte. Er warf sich tobend im Bett umher, ballte die

kleinen Fäuste und drückte sie auf die Augen, sein Gesicht war bald

totenhaft weiß, bald glühend rot. Und dann begann er zu schreien, in

ohnmächtiger Empörung gegen unerträgliche Qualen, und schrie so lange

und so jammervoll, daß sein Vater schließlich blaß und vernichtet

hinweggehen mußte, weil er es nimmer mit anhören konnte.

Er ließ den Arzt kommen, der an diesem Tage noch zweimal wiederkehrte

und am Abend eine Pflegerin mitbrachte. Gegen Abend verlor Pierre das

Bewußtsein, man schickte die Pflegerin zu Bett und Vater und Mutter

blieben die ganze Nacht wach im Gefühl, das Ende könne nimmer fern sein.

Der Kleine rührte sich nicht und sein Atem ging unregelmäßig, aber

kräftig.

Veraguth und seine Frau aber dachten beide an die Zeit, da Albert einst

sehr krank gewesen war und sie ihn gemeinsam gepflegt hatten. Und sie

empfanden beide, daß wichtige Erlebnisse sich nicht wiederholen können.

Mild und etwas müde sprachen sie mit flüsternden Stimmen über das

Krankenbett hinweg miteinander, aber kein Wort von der Vergangenheit,

kein Wort von damals. Gespenstisch berührte sie die Ähnlichkeit der

Situation und des Geschehens, sie selbst waren andere geworden, sie

waren nicht mehr dieselben Menschen, die damals genau so wie jetzt über

ein todkrankes Kind gebeugt miteinander gewacht und gelitten hatten.

Albert hatte indessen, von der stillen Unruhe und schleichenden Sorge im

Hause bedrückt, nicht einschlafen können. Mitten in der Nacht erschien

er auf Zehenspitzen halbangekleidet in der Türe, kam mit erregtem

Flüstern herein und fragte, ob er nichts tun, nicht etwas helfen könne.

„Danke,“ sagte Veraguth, „aber es ist nichts zu tun. Geh du schlafen und

bleibe gesund!“

Aber als jener gegangen war, bat er seine Frau: „Geh du ein wenig zu ihm

hinüber und tröste ihn.“

Das tat sie gerne, und sie empfand es als eine Freundlichkeit von ihm,

daß er daran gedacht hatte.

Erst gegen Morgen folgte sie dem Zureden ihres Mannes und ging zu Bett.

Bei Tagesanbruch erschien die Pflegerin und löste ihn ab. Bei Pierre

hatte sich nichts verändert.

Unschlüssig ging Veraguth durch den Park, er hatte keine Lust, noch zu

schlafen. Doch mahnten ihn die brennenden Augen und ein ersticktes,

schlaffes Gefühl der Haut. Er badete im See und hieß Robert Kaffee

bringen. Dann betrachtete er im Atelier seine Waldstudie. Sie war frisch

und flott gemalt, aber es war doch nicht eigentlich das, was er gesucht

hatte, und nun war es mit dem geplanten Bilde und mit dem Malen auf

Roßhalde vorbei.

Rosshalde · 第 25 / 42 题