Es ging Pierre schlecht, und sein Vater saß beinahe den ganzen Tag bei
ihm. Der Knabe hatte immerzu Kopfschmerzen, er atmete rasch und jeder
Atemzug war ein kleines, banges Stöhnen. Zuweilen wurde sein kleiner,
magerer Körper von kurzen Zuckungen geschüttelt oder bäumte sich in
steilem Bogen auf. Dann lag er wieder lange vollkommen regungslos, und
schließlich überfiel ihn ein krampfhaftes Gähnen. Dann schlief er eine
Stunde und begann nach dem Erwachen wieder dieses regelmäßige, klagende
Seufzen, mit jedem Atemzug.
Er hörte nicht, was man zu ihm sagte, und wenn man ihn, fast mit Gewalt,
emporrichtete und ihm zu essen eingab, nahm er es in mechanischer
Gleichgültigkeit. Beim schwachen Licht, denn die Vorhänge waren dicht
geschlossen, saß Veraguth lange Zeit mit tiefer Aufmerksamkeit über den
kleinen Knaben gebückt und schaute mit frierendem Herzen zu, wie aus dem
hübschen vertrauten Knabengesicht ein lieber zarter Zug um den andern
abhanden kam und dahinschwand. Was übrigblieb, war ein bleiches
frühaltes Gesicht, eine unheimliche Maske des Leidens, mit vereinfachten
Zügen, in welchen nichts als Schmerz und Ekel und tiefes Grauen zu lesen
war.
Zuweilen sah der Vater dieses entstellte Gesicht in Augenblicken des
Schlummers weich werden und einen Schimmer vom verlorenen Liebreiz
seiner gesunden Tage wiedergewinnen, dann schaute er unverwandt mit
dürstender Liebesgier, sich die hinsterbende Lieblichkeit noch einmal
und noch einmal einzuprägen. Dann schien ihm, in seinem ganzen Leben
habe er nie gewußt, was Liebe sei, nie bis zu diesen Augenblicken des
Wachens und Schauens.
Frau Adele war tagelang ahnungslos geblieben, erst allmählich hatte sie
Veraguths gespanntes und sonderbar entrücktes Wesen bemerkt und
schließlich beargwöhnt, und wieder erst nach Tagen begann sie den
Zusammenhang zu ahnen. Da nahm sie ihn an einem Abend, als er Pierres
Zimmer verließ, beiseite und sagte kurz mit einem Ton von Kränkung und
Bitterkeit: „Was ist nun mit Pierre? Was ist es? Ich sehe, daß du etwas
weißt.“
Er sah sie wie aus tiefer Zerstreutheit an und sagte mit trockenen
Lippen: „Ich weiß nicht, Kind. Er ist sehr krank. Siehst du das nicht?“
„Ich sehe es. Ich will nun wissen, was es ist! Ihr behandelt ihn ja fast
wie einen Todkranken, du und der Doktor. Was hat er dir gesagt?“
„Er hat mir gesagt, es stehe schlimm und wir müßten sehr für ihn Sorge
tragen. Es ist eine Art Entzündung in seinem armen Kopf. Wir wollen
morgen den Doktor bitten, daß er uns mehr sagt.“
Sie lehnte sich an einen Bücherschrank und griff mit der Hand über sich
in die Falten des grünen Vorhanges. Da sie schwieg, blieb er geduldig
stehen, sein Gesicht war grau und seine Augen sahen entzündet aus. Er
zitterte schwach mit den Händen, doch stand er beherrscht und hatte eine
Art von Lächeln, einen seltsamen Schimmer von Ergebung, Geduld und
Höflichkeit im Gesicht.
Langsam kam sie zu ihm herüber. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und
schien in den Knien schwach zu werden. Ganz leise flüsterte sie: „Du
glaubst, daß er sterben muß?“
Veraguth hatte noch immer das schwache, törichte Lächeln um den Mund,
aber es liefen ihm kleine, hastige Tränen übers Gesicht. Er nickte nur
schwach mit dem Kopf, und da sie an ihm niederglitt und den Halt verlor,
hob er sie auf und half ihr auf einen Stuhl.
„Man kann es ja nicht sicher wissen,“ sagte er langsam und schwerfällig,
als wiederhole er mit Ekel eine alte Lektion, die ihm längst überdrüssig
geworden wäre. „Man darf den Mut nicht verlieren.“
„Man darf den Mut nicht verlieren,“ wiederholte er nach einer Weile
mechanisch, da sie wieder Kraft gewann und sich aufrecht setzte.
„Ja,“ sagte sie, „ja, du hast recht.“ Und wieder nach einer Pause: „Es
kann nicht sein. Es kann nicht sein.“
Und plötzlich stand sie wieder aufrecht, hatte Leben in den Augen und
alle Züge voll Verständnis und Trauer.
„Nicht wahr,“ sagte sie laut, „du wirst nicht zurückkommen? Ich weiß es.
Du willst uns verlassen?“
Er sah wohl, daß es ein Augenblick war, der keine Unaufrichtigkeit
erlaube. Darum sagte er kurz und ohne Ton: Ja.
Sie wiegte den Kopf hin und her, als müsse sie stark nachsinnen und
könne nicht damit fertig werden. Was sie aber nun sagte, kam aus keinem
Nachdenken und Überlegen, sondern floß ganz unbewußt aus der trüben,
trostlosen Bedrängtheit der Stunde, aus einer mutlosen Müdigkeit und vor
allem aus einem dunkeln Bedürfnis, irgend etwas gutzumachen und irgend
jemandem, der dafür noch erreichbar wäre, Gutes zu erweisen.
„Ja,“ sagte sie, „ich habe es mir so gedacht. Aber höre, Johann, Pierre
darf nicht sterben! Es darf nicht alles und alles jetzt auf einmal
zusammenbrechen! Und weißt du – ich möchte dir das noch sagen: Wenn er
wieder gesund wird, sollst du ihn haben. Hörst du? Er soll bei dir
bleiben.“
Veraguth verstand nicht sofort. Nur langsam wurde ihm klar, was sie
gesagt habe, und daß nun das, worum er mit ihr gestritten und um
dessentwillen er Jahre und Jahre gezögert und gelitten hatte – daß das
ihm nun, wo es zu spät war, zugesprochen werde.
Es kam ihm unsäglich sinnlos vor, nicht nur daß er jetzt plötzlich haben
sollte, was sie ihm so lange versagt hatte, sondern noch mehr, daß
Pierre just in dem Augenblicke ihm gehören solle, wo er dem Tod
verfallen war. Nun würde er ihm also doppelt sterben! Es war verrückt,
es war um zu lachen! Es war so grotesk und widersinnig, daß er wirklich
nahe daran war, in ein bitteres Gelächter auszubrechen.
Aber sie meinte es ohne Zweifel ernst. Sie glaubte offenbar noch nicht
ganz daran, daß Pierre sterben müsse. Es war gütig, es war ein
ungeheures Opfer von ihr, das sie in der schmerzvollen Verwirrung des
Augenblicks aus irgendeiner dunkeln guten Regung bringen wollte. Er sah,
wie sie litt, wie sie bleich war und sich mit Mühe aufrecht hielt. Er
durfte nicht zeigen, daß er ihr Opfer, ihre seltsame verspätete Großmut
wie eine tödliche Verhöhnung empfand.
Sie begann schon mit Befremdung auf ein Wort von ihm zu warten. Warum
sagte er nichts? Glaubte er ihr nicht? Oder war er ihr so fremd
geworden, daß er nichts von ihr annehmen wollte, auch nicht dieses
größte Opfer, das sie ihm bringen konnte?
Schon begann ihr Gesicht vor Enttäuschung zu zucken, da fand er die
Herrschaft über sich wieder. Er nahm ihre Hand, bückte sich und berührte
sie leicht mit kühlen Lippen, und sagte: „Ich danke dir.“
Da kam ihm ein Gedanke, und mit wärmerem Ton fügte er hinzu: „Nun will
ich aber auch für Pierre sorgen dürfen. Laß mich die Nacht bei ihm
wachen!“
„Wir werden abwechseln,“ sagte sie mit Entschiedenheit.
Pierre war an diesem Abend sehr ruhig. Es brannte ein kleines Nachtlicht
auf dem Tische, dessen schwacher Schein den kleinen Raum nicht füllte
und sich gegen die Türe hin in braune Dämmerung verlor. Veraguth hörte
noch lange dem Atmen des Knaben zu, dann legte er sich auf den schmalen
Diwan, den er sich hatte hereinbringen lassen.
In der Nacht, gegen zwei Uhr, erwachte Frau Adele, machte Licht und
stand auf. Die Kerze in der Hand, kam sie in einen Schlafrock gehüllt
herüber. Sie fand alles still. Pierre zitterte leicht mit den Wimpern,
als das Licht sein Gesicht berührte, wachte aber nicht auf. Und auf dem
Diwan lag, in den Kleidern und leicht zusammengekrümmt, ihr Mann im
Schlafe.
Sie leuchtete auch ihm ins Gesicht und blieb eine kleine Weile bei ihm
stehen. Und sie sah sein Gesicht aufrichtig und unverstellt, mit allen
Falten und ergrauten Haaren, die Wangen erschlafft und die Augen
unterhöhlt.
„Auch er ist alt geworden,“ dachte sie mit einer Empfindung, die halb
Mitleid und halb Genugtuung war, und fühlte sich versucht, ihm das
struppige Haar zu streicheln. Doch tat sie es nicht. Sie ging unhörbar
wieder hinaus, und als sie nach Stunden morgens wiederkam, saß er längst
wach und aufmerksam an Pierres Bett und sein Mund und der Blick, mit dem
er grüßte, war wieder straff von der geheimnisvollen Kraft und
Entschlossenheit, in die er seit Tagen wie in einen Panzer gehüllt ging.
Für Pierre kam heute ein schlechter Tag. Er schlief lange und lag dann
mit offenen Augen und erstarrtem Blick, bis eine neue Welle von
Schmerzen ihn erweckte. Er warf sich tobend im Bett umher, ballte die
kleinen Fäuste und drückte sie auf die Augen, sein Gesicht war bald
totenhaft weiß, bald glühend rot. Und dann begann er zu schreien, in
ohnmächtiger Empörung gegen unerträgliche Qualen, und schrie so lange
und so jammervoll, daß sein Vater schließlich blaß und vernichtet
hinweggehen mußte, weil er es nimmer mit anhören konnte.
Er ließ den Arzt kommen, der an diesem Tage noch zweimal wiederkehrte
und am Abend eine Pflegerin mitbrachte. Gegen Abend verlor Pierre das
Bewußtsein, man schickte die Pflegerin zu Bett und Vater und Mutter
blieben die ganze Nacht wach im Gefühl, das Ende könne nimmer fern sein.
Der Kleine rührte sich nicht und sein Atem ging unregelmäßig, aber
kräftig.
Veraguth und seine Frau aber dachten beide an die Zeit, da Albert einst
sehr krank gewesen war und sie ihn gemeinsam gepflegt hatten. Und sie
empfanden beide, daß wichtige Erlebnisse sich nicht wiederholen können.
Mild und etwas müde sprachen sie mit flüsternden Stimmen über das
Krankenbett hinweg miteinander, aber kein Wort von der Vergangenheit,
kein Wort von damals. Gespenstisch berührte sie die Ähnlichkeit der
Situation und des Geschehens, sie selbst waren andere geworden, sie
waren nicht mehr dieselben Menschen, die damals genau so wie jetzt über
ein todkrankes Kind gebeugt miteinander gewacht und gelitten hatten.
Albert hatte indessen, von der stillen Unruhe und schleichenden Sorge im
Hause bedrückt, nicht einschlafen können. Mitten in der Nacht erschien
er auf Zehenspitzen halbangekleidet in der Türe, kam mit erregtem
Flüstern herein und fragte, ob er nichts tun, nicht etwas helfen könne.
„Danke,“ sagte Veraguth, „aber es ist nichts zu tun. Geh du schlafen und
bleibe gesund!“
Aber als jener gegangen war, bat er seine Frau: „Geh du ein wenig zu ihm
hinüber und tröste ihn.“
Das tat sie gerne, und sie empfand es als eine Freundlichkeit von ihm,
daß er daran gedacht hatte.
Erst gegen Morgen folgte sie dem Zureden ihres Mannes und ging zu Bett.
Bei Tagesanbruch erschien die Pflegerin und löste ihn ab. Bei Pierre
hatte sich nichts verändert.
Unschlüssig ging Veraguth durch den Park, er hatte keine Lust, noch zu
schlafen. Doch mahnten ihn die brennenden Augen und ein ersticktes,
schlaffes Gefühl der Haut. Er badete im See und hieß Robert Kaffee
bringen. Dann betrachtete er im Atelier seine Waldstudie. Sie war frisch
und flott gemalt, aber es war doch nicht eigentlich das, was er gesucht
hatte, und nun war es mit dem geplanten Bilde und mit dem Malen auf
Roßhalde vorbei.