Fünfzehntes Kapitel

Kurz vor Mittag erschien Robert draußen am Waldrande bei seinem Herrn,

um ihm das Malzeug heimtragen zu helfen. Veraguth hatte eine neue Studie

fertig, die er selbst tragen wollte. Er wußte jetzt genau, wie das Bild

werden mußte, und dachte es nun in wenigen Tagen zu zwingen.

„Morgen früh ziehen wir wieder aus,“ rief er vergnügt und zwinkerte mit

ermüdeten Augen in die blendende Mittagswelt.

Robert knöpfte umständlich seinen Rock auf und zog ein Papier aus der

Brusttasche. Es war ein etwas zerknittertes Kuwert ohne Aufschrift.

„Das soll ich abgeben.“

„Von wem?“

„Vom Herrn Sanitätsrat. Er hat um zehn Uhr nach Ihnen gefragt; aber er

sagte, ich dürfe Sie nicht von der Arbeit wegholen.“

„Es ist gut. Vorwärts!“

Der Diener lief mit Rucksack, Feldstuhl und Staffelei voraus, Veraguth

blieb stehen und öffnete mit einer Ahnung unangenehmer Nachrichten das

Briefchen. Es lag nur des Sanitätsrats Karte darin mit der flüchtig und

undeutlich gekritzelten Bleistiftnotiz: „Bitte kommen Sie nachmittags zu

mir, ich möchte wegen Pierre mit Ihnen sprechen. Sein Unwohlsein ist

weniger unbedenklich, als ich Ihrer Frau sagen wollte. Schrecken Sie sie

nicht mit unnützen Besorgnissen, ehe wir uns gesprochen haben.“

Er zwang gewaltsam den Schrecken nieder, der ihm den Atem nehmen wollte,

er blieb in gezwungener Ruhe stehen und las den Zettel noch zweimal mit

Aufmerksamkeit durch. „Weniger unbedenklich, als ich Ihrer Frau sagen

wollte!“ Da saß der Feind. Seine Frau war keineswegs so gebrechlich oder

so nervös, daß man einer Kleinigkeit wegen solche Rücksicht auf sie

nehmen mußte. Es war also schlimm, es war gefährlich, Pierre konnte

sterben! Aber da stand wieder „Unwohlsein“, das klang so harmlos. Und

dann „unnütze Besorgnisse“! Nein, ganz schlimm war es jedenfalls nicht.

Vielleicht etwas Ansteckendes, eine Kinderkrankheit. Vielleicht wünschte

der Arzt, ihn zu isolieren, ihn in eine Klinik zu tun?

Er sann und wurde ruhiger. Langsam ging er den Hügel hinab und den

heißen Feldweg heimwärts. Jedenfalls wollte er tun, was der Arzt

verlangte, und seine Frau nichts merken lassen.

Zu Hause übernahm ihn dann doch die Ungeduld. Noch ehe er sein Bild

verwahrt und sich gewaschen hatte, lief er ins Haus – das nasse Bild

lehnte er im Treppenhaus an die Wand – und trat leise in Pierres

Stübchen. Seine Frau war drinnen.

Er bückte sich zu dem Knaben hinab und küßte ihn aufs Haar.

„Guten Tag, Pierre. Wie geht’s?“

Pierre lächelte schwach. Gleich darauf begann er mit zitternden Nüstern

zu schnüffeln und rief: „Nein, nein, geh weg! Du riechst so schlecht!“

Veraguth trat gehorsam beiseite.

„Es ist nur Terpentin, mein Junge. Papa hat sich noch gar nicht

gewaschen, weil er gleich nach dir sehen wollte. Nun geh ich gleich und

kleide mich um, dann komme ich wieder zu dir. Ist’s so recht?“

Er ging und nahm unterwegs das Bild mit sich, und die klagende Stimme

des Kleinen klang in ihm nach.

Bei Tische ließ er sich berichten, was der Arzt gesagt habe, und hörte

mit Freude, daß Pierre gegessen und nicht wieder erbrochen habe. Doch

blieb er erregt und unsicher und quälte sich ab, um ein Gespräch mit

Albert in Gang zu halten.

Danach saß er eine halbe Stunde an Pierres Bett, der ruhig lag und nur

zuweilen wie in Schmerzen nach der Stirne griff. Er betrachtete mit

angstvoller Liebe den schmalen Mund, der krank und schlaff aussah, und

die hübsche helle Stirn, die jetzt zwischen den Augen eine kleine

senkrechte Falte trug, eine krankhafte, aber kindlich weiche und

bewegliche Falte, die wieder ganz verschwinden würde, wenn Pierre wieder

gesund wäre. Und gesund sollte er wieder werden – auch wenn es dann

doppelt weh tun würde, fortzugehen und ihn zu verlassen. Er sollte in

seiner Feinheit und hellen Knabenschönheit weiter wachsen und wie eine

Blume in der Sonne atmen, auch wenn er ihn nimmer sähe und ihm Lebewohl

gesagt hätte. Er sollte gesund und ein schöner, sonniger Mensch werden,

in dem von seines Vaters Wesen das Zarteste und Reinste weiterlebte.

Während er am Bett des Kindes saß, begann er zu ahnen, wieviel Bitteres

ihm noch auszukosten bleibe, bis dies alles hinter ihm läge. Seine

Lippen zuckten und sein Herz wehrte sich gegen den Stachel, aber er

fühlte tief unter allem Leid und aller Furcht seinen Entschluß hart und

unzerstörbar stehen. Das war in Ordnung, daran rührte kein Schmerz und

keine Liebe mehr. Aber es lag ihm noch ob, diese letzte Zeit zu erleben

und sich keinem Leide zu entziehen, und er war bereit, den Becher ganz

auszutrinken, denn er fühlte seit diesen paar Tagen untrüglich, daß nur

durch dieses dunkle Tor für ihn ein Weg zum Leben führte. Wenn er jetzt

feig war, wenn er jetzt entfloh und sich Weh ersparte, so nahm er

Schlamm und Gift mit sich hinüber und kam nie in die reine, heilige

Freiheit, nach der ihn verlangte und für die er jede Qual zu leiden

willig war.

Nun, vor allem mußte er mit dem Doktor reden. Er stand auf, nickte

Pierre zärtlich zu und ging hinaus. Es kam ihm der Einfall, sich von

Albert fahren zu lassen, und er suchte dessen Zimmer auf, zum erstenmal

in diesem Sommer. Kräftig pochte er an die Türe.

„Herein!“

Albert saß lesend beim Fenster. Er stand eilig auf und kam dem Vater

überrascht entgegen.

„Ich habe eine kleine Bitte an dich, Albert. Könntest du mich rasch mit

dem Wagen in die Stadt bringen? – Ja? Das ist hübsch. Also sei so gut

und hilf gleich einspannen, ich bin ein wenig eilig. Nimmst du eine

Zigarette?“

„Ja, danke. Nun will ich gleich nach den Pferden sehen.“

Bald saßen sie im Wagen, Albert kutschierend auf dem Bock, und als

Veraguth an einer Straßenecke in der Stadt ihn halten ließ und sich

verabschiedete, sagte er noch ein anerkennendes Wort zu ihm.

„Danke schön. Du hast Fortschritte gemacht und hast die Gäule jetzt sehr

gut in der Hand. Nun adieu, ich gehe später zu Fuß zurück.“

Er ging rasch auf der heißen Stadtstraße hinweg. Der Sanitätsrat wohnte

in einer stillen, vornehmen Gegend, es war um diese Tageszeit kaum ein

Mensch dort unterwegs. Ein Sprengwagen fuhr schläfrig dahin und zwei

kleine Knaben liefen hinterher, hielten die Hände in den dünnen

Tropfenregen und spritzten einander lachend in die erhitzten Gesichter.

Aus einem offenen Parterrefenster klang das gelangweilte Klavierspiel

eines übenden Schülers. Veraguth hatte stets eine tiefe Abneigung gegen

unbelebte Stadtstraßen gehabt, zumal im Sommer, sie erinnerten ihn an

junge Jahre, wo er in solchen Straßen in wohlfeilen langweiligen Zimmern

gewohnt hatte, mit Kaffee- und Küchengeruch auf den Treppen und mit dem

Blick auf Dachfenster, Teppichklopfständer und reizlose, lächerlich

kleine Gärten.

Es empfing ihn im Korridor zwischen großen goldgerahmten Bildern und

großen Teppichen ein diskreter Arztgeruch, und ein junges Mädchen in der

langen schneeweißen Krankenpflegerinnenschürze nahm ihm seine Karte ab.

Sie führte ihn erst ins Wartezimmer, wo mehrere Frauen und ein junger

Mann still und gedrückt auf Plüschsesseln saßen und in Zeitschriften

starrten, dann brachte sie ihn auf seine Bitte in einen anderen Raum, wo

in großen verschnürten Bündeln viele Jahrgänge eines medizinischen

Fachblattes gestapelt standen und wo er sich kaum ein wenig umgesehen

hatte, als das Mädchen schon wieder eintrat und ihn zum Sanitätsrat

führte.

Da saß er nun in einem großen Lederstuhl inmitten blitzender Sauberkeit

und Zweckmäßigkeit, und gegenüber am Schreibtisch saß klein und stramm

der Arzt; es war still in dem hohen Zimmer, nur eine kleine blanke

Stehuhr aus Glas und Messing schritt hellklingend ihren taktfesten

spitzen Gang.

„Ja, Ihr Junge gefällt mir nicht recht, lieber Meister. Haben Sie nicht

schon längere Zeit Störungen an ihm bemerkt, ich meine zum Beispiel

Kopfweh, Müdigkeit, Unlust zum Spielen und dergleichen? – Erst in der

allerletzten Zeit? Und war er schon länger so empfindlich? Gegen Lärm

und helles Licht? Gegen Gerüche? – So? Er mochte den Farbengeruch im

Atelier nicht leiden! Ja, das stimmt zum andern.“

Er fragte viel, und Veraguth gab in einer leichten Betäubung Antwort,

mit einem Gefühl ängstlicher Aufmerksamkeit und heimlicher Bewunderung

für diese schonend höfliche, tadellos präzise Sprechweise.

Dann kamen die Fragen nur noch langsam und vereinzelt, und schließlich

gab es eine lange Pause, die Stille hing wie eine Wolke im Zimmer, nur

vom gellend spitzen Gang der kleinen koketten Uhr unterbrochen.

Veraguth wischte sich den Schweiß von der Stirne. Er fühlte, daß es nun

Zeit war, die Wahrheit zu erfahren, und da der Arzt wie steinern dasaß

und schwieg, überfiel ihn mit schmerzhafter Lähmung der Schrecken. Er

rollte den Kopf, als ersticke er im Hemdkragen, und schließlich stieß er

heraus: „Ist es denn so schlimm?“

Der Sanitätsrat blickte auf. Er sah aus dem gelben, verarbeiteten

Gesicht mit einem bleichen Blick zu ihm herüber und nickte mit dem Kopf.

„Ja, leider. Es ist schlimm, Herr Veraguth.“

Er ließ den Blick nicht mehr von ihm. Wartend und aufmerksam sah er zu,

wie der Maler erbleichte und die Hände sinken ließ. Er sah das feste,

knochige Gesicht schwach und hilflos werden, sah den Mund seine scharfe

Spannung verlieren und die Augen blicklos irren. Er sah den Mund sich

krümmen und leise zittern, und sah die Lider über die Augen sinken wie

bei einem Ohnmächtigen. Er beobachtete und wartete. Und dann sah er den

Mund des Malers sich zusammenraffen, die Augen von neuem Willen belebt,

nur die tiefe Blässe war geblieben. Er sah, der Maler war bereit, ihn zu

hören.

„Was ist es, Doktor? Sie brauchen mich nicht zu schonen, reden Sie nur.

– Sie glauben doch nicht, daß Pierre sterben muß?“

Nun rückte der Sanitätsrat mit seinem Stuhl etwas näher. Er sprach ganz

leise, aber scharf und deutlich.

„Das kann niemand sagen. Aber wenn ich mich nicht ganz täusche, ist der

Kleine sehr gefährlich krank.“

Veraguth sah ihm in die Augen.

„Muß er sterben? Ich möchte wissen, ob Sie glauben, daß er sterben muß.

Verstehen Sie – ich möchte es wissen.“

Der Maler war, ohne es zu wissen, aufgestanden und wie drohend

vorgetreten. Der Arzt legte ihm die Hand auf den Arm, er zuckte zusammen

und sank alsbald wie beschämt wieder in den Sessel zurück.

„Es hat keinen Sinn, so zu reden,“ fing der Sanitätsrat wieder an. „Über

Tod und Leben entscheiden wir nicht, da werden wir Ärzte selber täglich

überrascht. Für uns muß jeder Kranke, solange er überhaupt noch atmet,

eine Hoffnung sein, wissen Sie. Wo kämen wir sonst hin!“

Rosshalde · 第 23 / 42 题