Das Fasten schien nicht viel zu helfen. Pierre Veraguth lag
zusammengekrümmt in seinem Bette, die Teetasse stand unberührt daneben.
Man ließ ihn möglichst in Ruhe, da er auf keine Anrede Antwort gab und
jedesmal unwillig zusammenfuhr, wenn jemand in sein Zimmer trat. Die
Mutter saß manche Stunde an seinem Bett, sie murmelte halbgesungene
Zärtlichkeiten und Beruhigungsworte. Es war ihr sorgenvoll und
unheimlich zumute; es schien, als sei der kleine Kranke hartnäckig in
einen geheimen Schmerz verbohrt. Er gab auf keine Frage, auf keine
Bitte, auf kein Anerbieten irgendeine Antwort, mit bösen Augen starrte
er vor sich hin und wollte nicht schlafen, nicht spielen, nicht trinken,
nicht vorgelesen haben. Der Arzt war zwei Tage nacheinander gekommen; er
hatte wenig gesagt und laue Leibwickel befohlen. Pierre lag viel in
einem leichten Halbschlummer, wie Fiebernde ihn haben, er murmelte dann
unverständliche Worte und träumte halbbewußt in einem leisen dumpfen
Delirium vor sich hin.
Veraguth war seit mehreren Tagen draußen am Malen. Als er mit der
Dämmerung nach Hause kam, fragte er sogleich nach dem Knaben. Seine Frau
bat ihn, nicht mehr ins Krankenzimmer zu gehen, da Pierre so sehr
empfindlich gegen alle Störungen sei und jetzt eingeschlummert scheine.
Da Frau Adele wenig Worte machte und seit dem neulichen Morgengespräch
sich ihm gegenüber mißgestimmt und befangen fühlte, fragte er nicht
weiter, sondern ging unbekümmert ins Bad und brachte den Abend in der
angenehmen Unruhe und warmen Erregtheit hin, die er stets beim
Vorbereiten einer neuen Arbeit empfand. Nun hatte er mehrere Studien
draußen gemalt und wollte morgen das Bild selber in Angriff nehmen. Er
wählte mit Befriedigung Kartons und Leinwände aus, flickte an locker
gewordenen Keilrahmen herum, suchte Pinsel und Malzeug aller Art
zusammen und rüstete sich wie für eine kleine Reise, er legte sogar den
gefüllten Tabaksbeutel, Pfeife und Feuerzeug bereit wie ein Tourist, der
in der Frühe zu einer Bergbesteigung aufbrechen will und sich für die
erwartungsvollen Stunden vor dem Schlafengehen nichts Besseres weiß als
liebevoll an morgen zu denken und jede Kleinigkeit dafür bereitzulegen.
Behaglich sah er dann bei einem Glase Wein die Abendpost an. Da war ein
freudiger, liebevoller Brief von Burkhardt, und beigefügt war eine mit
hausfraulicher Sorgsamkeit zusammengestellte Liste alles dessen, was
Veraguth für die Reise mitzunehmen habe. Belustigt las dieser die ganze
Liste durch, auf welcher weder wollene Leibbinden noch Strandschuhe,
weder Nachtkleidung noch Gamaschen vergessen waren. Unten auf dem Zettel
stand mit Bleistift geschrieben: „Alles andere besorge ich für uns
beide, auch die Kabinen. Laß dir weder Chemikalien gegen Seekrankheit
noch indische Reiseliteratur aufschwatzen, alles das ist meine Sache.“
Lächelnd wandte er sich einer großen Rolle zu, in der ihm ein junger
Düsseldorfer Maler eine Anzahl Radierungen mit ehrfurchtsvoller Widmung
übersandte. Auch dafür fand er heute Zeit und Laune, er sah die Blätter
aufmerksam durch und wählte das beste davon für seine Mappen aus, die
anderen mochte Albert haben. Dem Maler schrieb er ein freundliches
Billett.
Zuletzt schlug er das Skizzenbuch auf und betrachtete lange die vielen
Zeichnungen, die er draußen gemacht hatte. Sie befriedigten ihn alle
nicht recht, er wollte es morgen mit einem anderen, weiteren Ausschnitt
versuchen, und wenn das Bild auch dann noch nicht säße, wollte er eben
solange Studien malen, bis er es heraus hätte. Auf alle Fälle würde er
morgen tüchtig fleißig sein, das Weitere würde sich schon ergeben. Und
diese Arbeit würde dann sein Abschied von Roßhalde sein; es war ohne
Zweifel das eindringlichste und lockendste Stück Landschaft in der
ganzen Gegend, und es sollte nicht vergebens gewesen sein, hoffte er,
daß er sich das bis jetzt immer wieder aufgespart hatte. Das durfte
nicht mit einer schneidigen Studie abgetan werden, es mußte ein gutes,
delikates, abgewogenes Bild werden. Das rasche, kämpfende Malen in der
Natur, mit Schwierigkeiten, Niederlagen und Siegen, das würde er dann
draußen in den Tropen wieder auskosten können.
Er legte sich zeitig nieder und schlief vortrefflich, bis Robert ihn
weckte. Da stand er, in der straffen Morgenkühle fröstelnd, in
fröhlicher Eile auf, trank stehend eine Schale Kaffee und trieb den
Diener an, der ihm Leinwand, Feldstuhl und Farbenkasten nachtragen
sollte. Bald darauf verließ er das Haus und verschwand, Robert
hinterdrein, in den noch morgenblassen Wiesen. Vorher hatte er noch in
der Küche nachfragen wollen, ob Pierre eine ruhige Nacht gehabt habe.
Aber er hatte das Haus noch verschlossen und niemand wach gefunden.
Frau Adele war bis in die Nacht bei dem Kleinen gesessen, da er ein
wenig zu fiebern schien. Sie hatte seinem lallenden Gemurmel zugehört,
seinen Puls gefühlt und sein Bett in Ordnung gebracht. Als sie ihm
Gutenacht sagte und ihn küßte, schlug er die Augen auf und sah ihr ins
Gesicht, ohne aber zu antworten. Die Nacht blieb ruhig.
Pierre war wach, als sie am Morgen zu ihm kam. Er wollte kein Frühstück
haben, verlangte aber nach einem Bilderbuch. Die Mutter ging selbst, um
eines zu holen. Sie stopfte ihm ein zweites Kissen unter den Kopf, zog
den Fenstervorhang auseinander und gab Pierre das Buch in die Hände; es
war ein Bild mit einer großen, strahlend goldgelben Frau Sonne
aufgeschlagen, das er besonders gern hatte.
Er hob das Buch gegen sein Gesicht, das helle frohe Morgenlicht fiel auf
das Blatt. Aber sogleich flog ein dunkler Schatten von Schmerz,
Enttäuschung und Unbehagen über sein zartes Gesicht.
„Pfui, das tut ja weh!“ rief er gequält und ließ das Bilderbuch sinken.
Sie fing es auf und hielt es ihm nochmals vor die Augen.
„Es ist ja deine liebe Frau Sonne,“ sagte sie zuredend.
Er hielt sich die Hände vor die Augen.
„Nein, tu es weg. Das ist so scheußlich gelb!“
Seufzend nahm sie das Buch wieder an sich. Weiß Gott, was das mit dem
Kinde war! Sie kannte mancherlei Empfindlichkeiten und Launen an ihm,
aber so war er noch nie gewesen.
„Paß auf,“ sagte sie sanft beschwörend, „jetzt bring ich dir einen
feinen, warmen Tee, und du darfst dir Zucker hineintun und ein schönes
Zwieback dazu haben.“
„Ich will nicht!“
„Probier’s einmal! Es tut dir gut, du wirst sehen.“
Gepeinigt und wütend sah er sie an.
„Wenn ich aber nicht will!“
Sie ging hinaus und blieb eine lange Weile fort. Er blinzelte ins Licht,
es schien ihm übermäßig grell und tat ihm weh. Er wandte sich ab. Gab es
denn keinen Trost, kein bißchen Vergnügen, keine kleine Freude mehr für
ihn? Trotzig und weinerlich drückte er das Gesicht ins Kissen und biß
unwillig in das weiche, fad schmeckende Linnen. Das war ein
auftauchender Widerschein aus seiner allerfrühesten Kindheit. Als ganz
kleiner Junge hatte er, wenn er zu Bett gebracht war und nicht gleich
einschlafen konnte, die Gewohnheit gehabt, in sein Kissen zu beißen und
mit einer gewissen Taktmäßigkeit darauf zu kauen, bis er müde wurde und
einschlief. Das tat er nun wieder und arbeitete sich langsam in eine
stille Betäubung hinein, die ihm wohl tat und in welcher er ruhig liegen
blieb.
Die Mutter kam nach einer Stunde wieder herein. Sie beugte sich über ihn
und sagte: „So, will Pierre jetzt wieder artig sein? Du warst vorher
sehr unartig, und Mama ist traurig gewesen.“
Das war zu anderen Zeiten ein starkes Mittel, dem er selten widerstand,
und als sie nun die Worte sagte, war sie nicht ohne Besorgnis, er möchte
es sich zu sehr zu Herzen nehmen und weinen. Er schien aber gar nicht
auf ihre Worte zu achten, und als sie nun etwas strenge fragte: „Du
weißt doch, daß du vorher ungezogen warst?“, verzog er den Mund beinahe
spöttisch und blickte vollkommen gleichgültig.
Gleich darauf kam der Sanitätsrat.
„Hat er wieder erbrochen? Nicht? Schön. Und die Nacht war gut? Was hat
er denn gefrühstückt?“
Als er den Knaben aufrichtete und sein Gesicht gegen das Fenster drehte,
zuckte Pierre wieder wie in Schmerzen zusammen und drückte die Augen zu.
Aufmerksam betrachtete der Arzt den seltsam starken Ausdruck von Abwehr
und Pein in dem Kindergesicht.
„Ist er auch gegen Geräusche so empfindlich?“ fragte er Frau Adele
flüsternd.
„Ja,“ sagte sie leise, „wir dürfen gar nimmer Klavier spielen, sonst tut
er ganz verzweifelt.“
Der Sanitätsrat nickte und zog den Vorhang halb zu. Dann hob er den
Kleinen aus dem Bett, horchte an seinem Herzen und schlug ihm mit einem
kleinen Hämmerlein probierend auf die Sehnen unterhalb der Kniescheiben.
„Schon gut,“ sagte er freundlich, „nun lassen wir dich in Ruhe, mein
Junge.“
Er legte ihn behutsam ins Bett zurück, nahm seine Hand und nickte ihm
lächelnd zu.
„Darf ich noch einen Augenblick bei Ihnen eintreten?“ sagte er im
Kavalierston zu Frau Veraguth und ließ sich in ihr Zimmer führen.
„Nun erzählen Sie mir noch mehr von Ihrem Kleinen,“ sagte er ermunternd.
„Mir scheint, er ist doch sehr nervös und wir müssen ihn nun eine Weile
gut pflegen, Sie und ich. Die Magengeschichte ist nicht der Rede wert.
Er muß unbedingt wieder essen. Feine, stärkende Sachen: Eier, Bouillon,
frische Sahne. Versuchen Sie es einmal mit Eigelb. Wenn er es lieber süß
nimmt, schlagen Sie es mit Zucker in eine Tasse. Und nun, ist Ihnen
sonst etwas an ihm aufgefallen?“
Besorgt und doch von seinem freundlich sicheren Ton beruhigt, fing sie
zu berichten an. Am meisten habe sie Pierres Teilnahmlosigkeit
erschreckt, es sei, als habe er sie gar nimmer lieb. Es sei ihm
einerlei, ob man ihn bitte oder schelte, er sei gegen alles
gleichgültig. Sie erzählte von dem Bilderbuch, und er nickte.
„Lassen Sie ihn gewähren!“ sagte er im Aufstehen. „Er ist krank und kann
augenblicklich nichts für seine Unarten. Lassen Sie ihn möglichst in
Ruhe! Wenn er Kopfschmerzen hat, kann er Eisumschläge bekommen. Und
abends stecken Sie ihn möglichst lang in ein laues Bad, das macht
Schlaf.“
Er verabschiedete sich und duldete nicht, daß sie ihn die Treppe hinab
begleite.
„Sehen Sie zu, daß er heute etwas ißt!“ sagte er noch im Weggehen.
Unten trat er in die offenstehende Küchentür und fragte nach Veraguths
Diener.
„Rufen Sie Robert her!“ befahl die Köchin der Magd. „Er muß im Atelier
sein.“
„Es ist nicht nötig,“ rief der Sanitätsrat. „Ich gehe selber hinüber.
Nein, lassen Sie nur, ich weiß den Weg.“
Er verließ die Küche mit einem Scherzwort und schritt, plötzlich voll
Ernst und Nachdenklichkeit, langsam unter den Kastanien hinweg.
Frau Veraguth überdachte nochmals jedes Wort, das der Arzt gesagt hatte,
und kam nicht ins reine damit. Offenbar nahm er Pierres Unwohlsein
ernster als bisher, doch hatte er eigentlich nichts Schlimmes gesagt und
war so sachlich und ruhig gewesen, daß doch wohl keine ernstliche Gefahr
bestand. Es schien ein Zustand von Schwäche und Nervosität zu sein, den
man mit Geduld und guter Pflege abwarten mußte.
Sie ging ins Musikzimmer und schloß den Flügel ab, damit Albert sich
nicht doch etwa einmal vergesse und unvermutet zu spielen beginne. Und
sie besann sich, in welchen Raum man etwa das Instrument schaffen lassen
könne, falls das länger dauern sollte.
Hin und wieder ging sie, nach Pierre zu sehen, öffnete vorsichtig seine
Türe und horchte, ob er schlafe oder stöhne. Er lag jedesmal wach und
blickte apathisch geradeaus, und traurig ging sie wieder fort. Sie hätte
ihn lieber in Gefahr und Schmerzen gepflegt, statt ihn so verschlossen,
verdrossen und gleichgültig liegen zu sehen; es schien ihr, eine
seltsame, traumhafte Kluft trenne ihn von ihr, ein widerwärtig zäher
Bann, den ihre Liebe und Sorge nicht zu brechen vermöge. Es war da ein
gemeiner, hassenswerter Feind im Hinterhalt, dessen Art und dessen böse
Absichten man nicht kannte und gegen den man keine Waffen besaß.
Vielleicht bereitete sich da irgendein Fieber, ein Scharlach oder sonst
eine Kinderkrankheit vor.
Bekümmert rastete sie eine Weile in ihrem Zimmer. Ein Strauß Spiräen
fiel ihr ins Auge, sie bog sich über den runden Mahagonitisch, dessen
rotbraunes Holz unter der weißen durchbrochenen Decke tief und warm
leuchtete, und senkte das Gesicht mit geschlossenen Augen in die
vielästigen, weichen, sommerlichen Blüten, deren starksüßer Duft, wie
sie ihn voll einsog, auf seinem Grunde geheimnisvoll bitter schmeckte.
Indem sie sich, leicht betäubt, wieder aufrichtete und mit
unbeschäftigten Augen auf die Blumen, auf den Tisch und durch das Zimmer
blickte, stieg eine Woge von bitterer Traurigkeit in ihr auf. Sie
schaute in einer plötzlichen Wachheit der Seele durch den Raum und an
den Wänden hin, sie sah Teppich und Blumentisch, Uhr und Bilder auf
einmal fremd und ohne Beziehungen, sie sah den Teppich aufgerollt, die
Bilder verpackt und alles auf einen Wagen geladen, welcher alle diese
Dinge, die nun keine Heimat und keine Seele mehr hatten, fort an einen
neuen, unbekannten, gleichgültigen Ort bringen sollte. Sie sah Roßhalde
leer mit geschlossenen Türen und Fenstern stehen und fühlte
Verlassenheit und Abschiedsweh aus allen Beeten des Gartens starren.
Es waren nur Augenblicke. Es kam und ging wie ein leiser, doch
dringender Ruf aus dem Dunkeln, wie ein flüchtig hereinfallendes,
fragmentarisches Spiegelbild aus der Zukunft. Und deutlich stieg es ihr
aus dem blinden Leben der Gefühle ins Bewußtsein: sie würde bald mit
ihrem Albert und dem kranken Pierre ohne Heimat sein, ihr Mann würde sie
verlassen, und ihr bliebe für alle Zeit die verlorene Dumpfheit und
Kälte so vieler liebloser Jahre in der Seele liegen. Sie würde für die
Kinder leben, aber sie würde nie das eigene, schöne Leben mehr finden,
das sie einst von Veraguth erhofft und auf das sie einen heimlichen
Anspruch noch bis gestern und heute in sich bewahrt und gehegt hatte.
Dazu war es zu spät. Und sie fror vor Erkenntnis und Nüchternheit.
Aber alsbald setzte ihr gesundes Wesen sich zur Wehr. Es stand ihr eine
unruhige und ungewisse Zeit bevor, Pierre war krank, und Alberts Ferien
waren bald zu Ende. Es ging nicht, es ging schlechterdings nicht an, daß
jetzt auch sie schlaff wurde und unterirdischen Stimmen folgte. Erst
mußte Pierre wieder gesund und Albert abgereist und Veraguth in Indien
sein, dann würde man weiter sehen, dann war es immer noch Zeit, das
Schicksal anzuklagen und sich die Augen auszuweinen. Jetzt hatte das
keinen Sinn, sie durfte nicht, es kam gar nicht in Betracht.
Sie stellte die Vase mit den Spiräen vors Fenster hinaus. Sie ging in
ihr Schlafzimmer, goß Kölnisches Wasser auf ihr Taschentuch und wusch
sich die Stirne damit, prüfte im Spiegel ihre strenge, straffe Frisur
und ging mit ruhigen Schritten nach der Küche, um selbst einen Imbiß für
Pierre zu rüsten.
Damit erschien sie später an des Kleinen Bett, setzte ihn aufrecht,
schenkte seinen abwehrenden Gebärden keine Beachtung und löffelte ihm
streng und aufmerksam das Eigelb ein. Sie wischte ihm den Mund ab und
küßte ihn auf die Stirn, schüttelte sein Bett zurecht und redete ihm zu,
lieb zu sein und zu schlafen.
Als nun Albert von einem Spaziergange heimkam, zog sie ihn mit sich auf
die Veranda, wo der leichte Sommerwind in den straff gespannten, braun
und weiß gestreiften Markisen knatterte.
„Der Arzt ist wieder dagewesen,“ erzählte sie. „Pierre sei mit den
Nerven nicht in Ordnung, und nun muß er möglichst Ruhe haben. Es tut mir
leid für dich, aber es darf zunächst im Hause gar nimmer Klavier
gespielt werden. Ich weiß, es ist ein Opfer für dich, mein Junge.
Vielleicht wäre es ganz klug, wenn du bei dem schönen Wetter für ein
paar Tage verreisen würdest, in die Berge oder nach München? Papa hätte
gewiß nichts dagegen.“
„Danke, Mama, das ist lieb von dir. Ich gehe vielleicht einmal einen Tag
weg, aber nicht länger. Sonst hast du ja gar niemand, der bei dir ist,
solang Pierre liegen muß. Und dann sollte ich ja jetzt auch mit der
Schularbeit beginnen, ich habe die ganze Zeit bis jetzt gebummelt. –
Wenn nur Pierre bald gesund wird!“
„Gut, Albert, das ist brav. Es ist jetzt wirklich keine leichte Zeit für
mich, ich bin froh, dich da zu haben. Mit Papa kommst du ja nun auch
wieder besser aus, nicht?“
„Ach ja, seit er sich zu der Reise entschlossen hat. Übrigens sehe ich
ihn so wenig, er malt den ganzen Tag. Weißt du, manchmal tut es mir
leid, daß ich oft häßlich gegen ihn war – er hat mich ja auch gequält,
aber er hat etwas, was mir doch allemal wieder imponiert. Er ist ja
furchtbar einseitig, und von Musik versteht er nicht viel, aber er ist
doch ein großer Künstler und hat eine Lebensaufgabe. Das ist es, was mir
so imponiert. Er hat ja nichts von seiner Berühmtheit, und von seinem
Geld eigentlich auch recht wenig; es ist nicht das, wofür er arbeitet.“
Er zog die Stirn in Falten, nach Worten suchend. Aber er konnte sich
nicht so, wie er wollte, ausdrücken, obwohl es ein genau bestimmtes
Gefühl war. Die Mutter lächelte und strich ihm das Haar zurück.
„Wollen wir abends wieder miteinander Französisch lesen?“ fragte sie
schmeichelnd.
Er nickte und lächelte nun auch, und im Augenblick schien es ihr töricht
und unbegreiflich, daß sie noch vor kurzem nach einem anderen Schicksal
hatte verlangen können, als danach, für ihre Söhne zu leben.