Dreizehntes Kapitel

Seit Veraguth allein in seinem kleinen Neubau wohnte, war seine Frau

kaum jemals bei ihm drüben gewesen. Als sie nun, ohne anzuklopfen,

schnell und erregt in seine Werkstatt trat, war er alsbald auf eine

schlimme Nachricht gefaßt, und so sicher warnte ihn der Instinkt, daß

er, noch ehe sie ein Wort hatte sagen können, herausfuhr: „Ist etwas mit

Pierre?“

Sie nickte hastig.

„Er muß ernstlich krank sein. Er war vorher ganz sonderbar, und eben hat

er wieder erbrochen. Du mußt den Doktor holen.“

Während sie sprach, flog ihr Blick durch den leeren, großen Raum und

blieb an dem neuen Bilde hängen. Sie sah die Figuren nicht, sie erkannte

nicht einmal die Gestalt des kleinen Pierre, sie starrte nur auf die

Leinwand und atmete die Luft des Raumes, in dem ihr Mann seit Jahren

lebte, und mit dumpfer Ahnung fühlte sie hier eine ähnliche Atmosphäre

von Einsamkeit und trotzigem Selbstgenügen wie die, in welcher sie

selber schon so lange lebte. Es war nur ein Augenblick, dann wandte sie

den Blick von dem Bilde ab und suchte dem Maler Antwort zu geben, der

heftig durcheinander fragte.

„Bitte telephoniere sofort nach einem Automobil,“ sagte er schließlich,

„das geht rascher als mit dem Wagen. Ich fahre selber in die Stadt, ich

muß mir nur eben die Hände waschen. Ich komme sofort hinüber. Du hast

ihn doch zu Bett gebracht?“

Eine Viertelstunde später saß er im Automobil und suchte den einzigen

Arzt, den er kannte und der früher manchmal ins Haus gekommen war. In

der alten Wohnung fand er ihn nicht mehr, er war umgezogen. Auf der

Suche nach der neuen Wohnung begegnete er seinem Wagen, der Sanitätsrat

grüßte ihn, er dankte und war schon vorüber, als ihm klar wurde, daß er

es sei, den er suche. Er kehrte um und fand den Arztwagen vor dem Hause

eines Patienten halten, wo er eine peinliche Weile warten mußte. Dann

fing er den Sanitätsrat in der Haustüre ab und nötigte ihn in sein

Automobil. Der Arzt sträubte und wehrte sich, er mußte beinahe Gewalt

brauchen, um ihn mitzubekommen.

Im Wagen, der sofort mit der größten Eile gegen Roßhalde hinausfuhr,

legte der Arzt ihm die Hand aufs Knie und sagte: „Gut denn, ich bin Ihr

Gefangener. Ich muß andere warten lassen, die mich brauchen, das wissen

Sie. Also, wo fehlt es? Ist Ihre Frau krank? – Nicht? – Also der Kleine.

Wie heißt er doch? Pierre, richtig. Ich habe ihn lang nimmer gesehen.

Was ist es denn? Ist er verunglückt?“

„Er ist krank, seit gestern. Heut früh schien er wieder in Ordnung zu

sein, er war auf und hat auch ein wenig gegessen. Jetzt erbricht er

plötzlich wieder und scheint Schmerzen zu haben.“

Der Arzt fuhr sich mit der mageren Hand über das klughäßliche Gesicht.

„Also wohl der Magen. Wir werden ja sehen. Sonst ist alles wohl bei

Ihnen? Letzten Winter habe ich Ihre Ausstellung in München gesehen. Wir

sind stolz auf Sie, Verehrter.“

Er sah auf die Uhr. Sie schwiegen beide, als der Wagen die Übersetzung

wechselte und mit lauterem Keuchen bergan fuhr. Bald waren sie draußen

und mußten am Hoftor absteigen, das nicht geöffnet war.

„Warten Sie auf mich,“ rief der Sanitätsrat dem Chauffeur zu. Dann

schritten sie rasch über den Hof und ins Haus. Die Mutter saß bei

Pierres Bett.

Nun hatte der Arzt plötzlich Zeit. Ohne Eile ging er an die

Untersuchung, versuchte den Knaben zum Plaudern zu bringen, hatte gütig

beruhigende Worte für die Mutter und schuf in aller Gelassenheit eine

Atmosphäre von Vertrauen und Sachlichkeit, die auch Veraguth wohltat.

Pierre zeigte kein Entgegenkommen, er verhielt sich still, unwillig und

mißtrauisch. Als man ihm den Bauch abtastete und drückte, verzog er

höhnisch den Mund, als finde er diese Bemühungen töricht und unnütz.

„Eine Vergiftung scheint ausgeschlossen,“ sagte der Sanitätsrat

behutsam, „und am Blinddarm ist gar nichts zu finden. Es ist wohl

einfach ein verdorbener Magen, und für den ist Abwarten und Fasten das

beste. Geben Sie dem Jungen heute nichts als ein wenig schwarzen Tee,

falls er Durst hat, abends kann er auch einen kleinen Schluck Bordeaux

haben. Falls alles gut bleibt, bekommt er morgen zum Frühstück Tee und

Zwieback. Sollte er Schmerzen bekommen, so können Sie mir ja

telephonieren.“

Erst an der Türe draußen fing Frau Veraguth zu fragen an. Sie bekam aber

keine weitere Auskunft.

„Der Magen scheint tüchtig verstimmt, und das Kind ist offenbar sensibel

und nervös. Von Fieber keine Spur. Sie können ihn ja abends messen. Der

Puls ist etwas matt. Sollte es nicht besser werden, so komme ich morgen

wieder her. Mir scheint, es ist nichts Ernstliches.“

Er empfahl sich rasch und war nun wieder sehr eilig. Veraguth begleitete

ihn bis zum Wagen.

„Kann das lange dauern?“ fragte er im letzten Augenblick.

Der Arzt lachte hart.

„Ich hätte Sie nicht für so ängstlich gehalten, Herr Professor. Der

Junge ist etwas zart, und verdorbene Mägen haben wir als Kinder alle oft

genug gehabt. Guten Morgen!“

Veraguth wußte sich im Hause entbehrlich und schlenderte nachdenklich

feldeinwärts. Die knappe, straffe Art des Sanitätsrates hatte ihn

beruhigt, und er wunderte sich jetzt selbst, daß er so erregt und

überängstlich gewesen war.

Mit erleichtertem Gefühl schritt er aus und sog die heiße Luft des

tiefblauen Spätvormittags ein. Ihm schien, er mache heute schon seinen

Abschiedsgang durch diese Wiesen und Obstbaumreihen, und es war ihm

leidlich wohl und frei zumute. Als er sich besann, woher dies neue

Gefühl einer Entscheidung und Lösung ihm kommen möge, wurde ihm klar,

daß das alles eine Folge des Morgengespräches mit Frau Adele sei. Daß er

ihr seine Reisepläne mitgeteilt hatte, daß sie ihn zunächst so ruhig

angehört und keine Versuche zu irgendeiner Gegenwehr gemacht hatte, daß

zwischen seinem Entschluß und der Ausführung nun alle Seitenwege und

Ausflüchte abgeschnitten waren und die nächste Zukunft so klar und

eindeutig vor ihm lag, das tat ihm wohl, daher kam ihm Beruhigung und

neues Selbstgefühl.

Ohne zu wissen, wo er gehe, hatte er jenen Weg eingeschlagen, den er vor

einigen Wochen mit seinem Freunde Burkhardt gegangen war. Erst als der

Feldweg zu steigen begann, sah er, wo er sei, und erinnerte sich jenes

Spazierganges mit Otto. Das Wäldchen da oben, mit der Bank und mit dem

geheimnisvoll helldunkeln Durchblick in die klare, bildhaft ferngerückte

Landschaft des bläulichen Flußtales, hatte er im Herbst malen wollen,

und es war seine Absicht gewesen, Pierre auf die Bank zu setzen und den

hellen Knabenkopf weich in das braune, dunkle Waldlicht zu stellen.

Aufmerksam stieg er empor, die Hitze des nahenden Mittags nicht mehr

fühlend, und während er spähend den Augenblick erwartete, wo ihm über

den Hügelkamm der Waldrand entgegenträte, fiel jener Tag mit Burkhardt

ihm wieder ein, er erinnerte sich an ihre Gespräche, ja an einzelne

Worte und Fragen des Freundes, an den noch frühsommerlichen Ton der

Landschaft, deren Grün seither längst viel tiefer und milder geworden

war. Und dabei überraschte ihn ein Gefühl, das er seit langem nicht mehr

kannte und dessen unerwartete Wiederkehr ihn heftig an die Jugendzeit

erinnerte. Es schien ihm nämlich, seit jenem Waldgange mit Otto sei eine

lange, lange Zeit vergangen, und er selbst sei seither gewachsen, anders

geworden und vorwärts gekommen, so daß er auf sein damaliges Ich mit

einem gewissen ironischen Mitleid zurückblickte.

Überrascht von dieser so ganz jugendlichen Empfindung, die ihm in der

Zeit vor zwanzig Jahren alltäglich gewesen war und ihn jetzt wie ein

seltener Zauber berührte, übersah er die kurze Zeit dieses Sommers und

fand, was er soeben und gestern noch nicht gewußt hatte. Er fand sich,

da er sich der Zeit vor zwei, drei Monaten erinnerte, verwandelt und

weitergekommen, er fand heute Helligkeit und sichere Ahnung des Weges,

wo noch vor kurzem nur Dunkelheit und ratlose Unsicherheit gewesen war.

Es war, als sei sein Leben nun wieder ein klarer, entschieden nach der

ihm bestimmten Richtung hindrängender Fluß oder Strom, während es vorher

so lange Zeit in einem sumpfig stillen See gezögert und unschlüssig sich

um sich selber gedreht hatte. Und es wurde ihm klar, daß seine Reise

unmöglich hierher zurückführen könne, daß er hier nichts mehr zu tun

habe als Abschied zu nehmen, einerlei, ob sein Herz dabei brenne und

blute. Sein Leben war wieder in Fluß geraten, und sein Strom ging mit

Entschiedenheit nach der Freiheit und Zukunft hin. Er hatte von der

Stadt und Gegend, er hatte von Roßhalde und von seiner Frau, ohne

darüber klar zu sein, im Innersten sich schon getrennt und losgesagt.

Er blieb tief aufatmend stehen, von der Woge hellsichtiger Ahnung

gehoben und durchströmt. Er dachte an Pierre, und ein schneidend heller,

wilder Schmerz ging feindlich durch sein ganzes Wesen, als ihm gewiß

wurde, daß er diesen Weg zu Ende gehen und sich auch von Pierre trennen

müsse.

So stand er lange mit zuckendem Gesicht, und wenn es glühender Schmerz

war, was er in sich fühlte, so war es doch Leben und Licht, war es doch

Klarheit und Zukunft. Das war es, was Otto Burkhardt von ihm gewollt

hatte. Das war die Stunde, auf die der Freund gewartet hatte. Das war

der Schnitt in alte, lang geschonte Geschwüre, von dem er gesprochen

hatte. Der Schnitt tat weh, er tat bitter weh, aber mit den

preisgegebenen Lieblingswünschen starb auch Unrast und Uneinigkeit,

Zwiespalt und Lähmung der Seele dahin. Es war Tag um ihn geworden,

grausam heller, schöner, lichter Tag.

Ergriffen tat er die letzten Schritte zur Hügelhöhe hinan und setzte

sich auf die beschattete Steinbank. Ein tiefes Lebensgefühl durchquoll

ihn wie Wiederkehr der Jugend, und in erlöster Dankbarkeit wandte er

seine Gedanken zu dem fernen Freunde, ohne den er niemals diesen Weg

gefunden hätte, ohne den er für immer in dumpfer kranker Gefangenschaft

geblieben und verkommen wäre.

Indessen war es seiner Natur nicht gemäß, lange nachzudenken oder lange

in extremen Stimmungen zu verharren. Zugleich mit dem Gefühl der

Genesung und des wiedergewonnenen Willens rann ihm ein neues Bewußtsein

tätiger Kraft und herrschsüchtiger persönlicher Macht durch alle Sinne.

Er erhob sich, schlug die Augen auf und griff mit belebten Blicken

herrisch nach seinem neuen Bilde. Er schaute lang durch den Waldschatten

in das ferne lichte Flußtal hinab. Dies wollte er malen, und er wollte

nicht mehr den Herbst dazu abwarten. Es war eine heikle Aufgabe, es war

eine kapitale Schwierigkeit, es war ein köstliches Rätsel hier zu lösen:

dieser wundersame Durchblick mußte mit Liebe gemalt werden, er mußte mit

so viel Liebe und Studium gemalt werden, wie ihn ein zarter alter

Meister gemacht hätte, ein Altdorfer oder Dürer. Hier konnte die

Beherrschung des Lichtes und dessen mystischer Rhythmus nicht das

einzige sein, hier mußte jede kleinste Form ihr volles Recht bekommen

und so fein überlegt und abgewogen werden wie die Gräser in jenen

wunderbaren Feldsträußen seiner Mutter. Die kühlhelle Ferne des Tales

mußte, durch die warme Lichtflut des Vorgrundes und den Waldschatten

doppelt zurückgetrieben, wie ein Edelstein aus dem Grunde des Bildes

hervorleuchten, so kühl wie süß, so fremd wie lockend.

Er sah auf die Uhr, es war Zeit, nach Hause zu gehen. Er wollte seine

Frau heute nicht warten lassen. Aber vorher zog er doch noch das kleine

Skizzenbuch hervor und notierte, in der Mittagssonne am Rand des Hügels

stehend, mit kräftigen Strichen das Skelett seines Bildes: die Maße der

Perspektive, den Ausschnitt des Ganzen und das vielversprechende Oval

der kleinen köstlichen Fernsicht.

Darüber verspätete er sich nun doch ein wenig und lief, der Hitze nicht

achtend, in Eile den steilen sonnigen Weg bergab zurück. Er überlegte,

was er zum Malen brauchen werde, er beschloß, morgen sehr früh

aufzustehen, um die Landschaft auch im ersten Morgenlichte zu sehen, und

im Herzen wurde ihm wohl und heiter, da er wieder eine schöne, lockende

Aufgabe auf sich warten wußte.

„Was macht Pierre?“ war seine erste Frage, als er eilig eintrat.

Der Kleine sei ruhig und müde, gab Frau Adele Bericht, er scheine keine

Schmerzen zu haben und liege geduldig still. Es sei am besten, ihn nicht

zu stören, er sei merkwürdig empfindlich und fahre auf, sobald die Türe

gehe oder sonst ein plötzliches Geräusch zu hören sei.

„Nun ja,“ nickte er dankend, „ich werde ihn später besuchen, vielleicht

gegen Abend. Entschuldige, daß ich etwas verspätet kam, ich war draußen

und werde die nächsten Tage im Freien arbeiten.“

Man aß in Frieden und Stille, durch die herabgelassenen Jalousien floß

ein grünes Licht durch das kühle Zimmer, die Fenster standen alle offen,

und man hörte in der Mittagsstille vom Hofe her den kleinen Brunnen

plätschern.

„Du wirst für Indien eine besondere Ausrüstung brauchen,“ fragte Albert,

„nimmst du auch Jagdzeug mit?“

„Ich denke nicht, Burkhardt ist mit allem versehen. Er wird mir schon

Rat geben. Ich glaube, man muß das Malzeug in verlöteten Blechkisten

mitnehmen.“

„Wirst du auch einen Tropenhelm tragen?“

„Jedenfalls. Den kann man ja unterwegs kaufen.“

Als Albert nach Tische weggegangen war, bat Frau Veraguth ihren Mann

noch zu bleiben. Sie setzte sich in ihren Korbstuhl am Fenster und er

trug seinen Sessel zu ihr hinüber.

„Wann wirst du denn reisen?“ fragte sie einleitend.

„O, das kommt ganz auf Otto an, ich richte mich natürlich nach ihm. Ich

denke, etwa Ende September.“

„So bald schon? Ich habe noch wenig darüber nachdenken können. Pierre

nimmt mich jetzt eben in Anspruch. Aber ich glaube, du solltest

seinetwegen nicht zuviel von mir verlangen.“

„Das will ich auch nicht, ich habe mir das heute nochmals überlegt. Du

sollst in allem volle Freiheit haben. Ich sehe ein, es geht nicht an,

daß ich in der Welt herumreise und dabei verlange, zugleich hier in

deinen Angelegenheiten mitzusprechen. Du mußt in allem tun, was dir gut

scheint. Du sollst nicht weniger Freiheit haben, als ich für mich

beanspruche.“

„Aber was soll mit dem Hause hier geschehen? Allein hierbleiben möchte

ich nicht, es ist zu abgelegen und zu weitläufig, und es sind hier auch

zu viele Erinnerungen, die mich stören.“

„Ich sagte dir schon, ziehe wohin du willst. Roßhalde gehört dir, das

weißt du, und ich werde das vor meiner Abreise noch sicherstellen, für

alle Fälle.“

Frau Adele war blaß geworden. Sie beobachtete ihres Mannes Gesicht mit

fast feindseliger Aufmerksamkeit.

„Du sprichst beinahe so,“ warf sie mit bedrängter Stimme hin, „als ob du

nicht mehr zurückzukommen dächtest.“

Er blinzelte nachdenklich und sah zu Boden.

„Man kann nicht wissen. Ich habe noch keine Ahnung, wie lange ich

wegbleiben werde, und daß Indien für Leute meines Alters sehr gesund

ist, glaube ich kaum.“

Sie schüttelte streng den Kopf.

„Ich meine nicht das. Sterben können wir alle. Ich meine, ob du

überhaupt die Absicht hast, wiederzukommen.“

Er schwieg und blinzelte, schließlich lächelte er schwach und erhob

sich.

„Ich denke, darüber reden wir ein andermal. Es war unser letzter Streit,

weißt du, als wir vor einigen Jahren diese Frage besprachen. Ich möchte

nun hier auf Roßhalde keinen Streit mehr haben, mit dir am wenigsten.

Ich nehme an, du denkst darüber noch gleich wie damals. Oder würdest du

mir heute den Kleinen überlassen?“

Frau Veraguth schüttelte schweigend den Kopf.

„Ich dachte es mir,“ sagte ihr Mann mit Ruhe, „wir wollen diese Dinge

nun ruhen lassen. Du kannst, wie gesagt, über das Haus verfügen. Es

liegt mir nichts daran, Roßhalde zu behalten, und wenn du eine

Gelegenheit findest, das Ganze gut zu verkaufen, so gib es weg!“

„Das ist nun das Ende von Roßhalde,“ sagte sie mit einem Ton tiefer

Bitterkeit, und sie dachte dabei an die Zeit ihrer Anfänge, an Alberts

Babyjahre, an alle ihre damaligen Hoffnungen und Erwartungen. Das war

also das Ende davon.

Veraguth, der sich schon zur Türe gewandt hatte, kehrte noch einmal um

und rief sanft: „Nimm es nicht so schwer, Kind! Wenn du magst, kannst du

ja alles behalten.“

Er ging hinaus, nahm dem Hunde die Kette ab und schritt zum Atelierhaus,

von dem jauchzenden Tier umbellt und umsprungen. Was lag ihm an

Roßhalde! Das gehörte zu den Dingen, mit denen er nichts mehr zu tun

hatte. Er fühlte sich jetzt zum erstenmal seiner Frau überlegen. Er

hatte abgeschlossen. Er hatte im Herzen das Opfer gebracht, er hatte auf

Pierre verzichtet. Seit sich das von ihm gelöst hatte, war sein ganzes

Wesen nur noch nach vorwärts gerichtet. Für ihn war Roßhalde erledigt,

erledigt wie die vielen anderen fehlgeschlagenen Hoffnungen von ehemals,

erledigt wie die Jugendzeit. Unnütz darum zu klagen!

Er schellte und Robert kam gelaufen.

„Ich werde einige Tage im Freien malen. Sie müssen nach dem kleineren

Malkasten sehen, auch nach dem Schirm, bis morgen muß alles in Ordnung

sein. Um halb sechs Uhr wecken Sie mich.“

„Sehr wohl, Herr Veraguth.“

„Sonst nichts. Das Wetter wird doch halten? Was meinen Sie?“

„Ich glaube, es wird wohl halten ... Entschuldigen Sie aber, Herr

Veraguth, ich möchte Sie noch etwas fragen.“

„Ja?“

„Ich bitte um Verzeihung, aber ich habe gehört, der Herr wollten nach

Indien reisen.“

Veraguth lachte verwundert auf.

„Das ist verflucht rasch gegangen. Da hat also Albert geplaudert. Nun

ja, ich werde nach Indien reisen, und da können Sie nicht gut mitkommen,

Robert, es ist schade. Man hat da draußen keine europäischen Diener.

Aber wenn Sie später wieder zu mir kommen mögen, so kommen Sie! Ich

besorge Ihnen gerne inzwischen eine andre gute Anstellung, Ihren Lohn

kriegen Sie ja ohnehin bis Neujahr bezahlt.“

„Danke, Herr Veraguth, danke vielmal. Vielleicht darf ich dann um Ihre

Adresse bitten. Ich werde Ihnen einmal schreiben. Es ist nämlich – – es

ist nicht so einfach – – ich habe nämlich eine Braut, Herr Veraguth.“

„So, Sie haben eine Braut?“

„Ja, Herr Veraguth, und wenn Sie mich entlassen, so muß geheiratet

werden. Nämlich ich habe ihr versprochen, daß ich keinen neuen Dienst

annehme, wenn ich einmal hier weggehen sollte.“

„Na, da werden Sie sich ja freuen, daß Sie jetzt loskommen. Es tut mir

aber leid, Robert. Was wollen Sie denn anfangen, wenn Sie verheiratet

sind?“

„Ja, sie will mit mir ein Zigarrengeschäft auftun.“

„Einen Zigarrenladen? Robert, das ist nichts für Sie.“

„Entschuldigen, Herr Veraguth, man muß es einmal probieren. Aber wenn

Sie erlauben – – ginge es nicht am Ende, daß ich doch in Ihrem Dienst

bliebe? Ich möchte höflichst anfragen, Herr Veraguth.“

Der Maler gab ihm einen Klaps auf die Schulter.

„Mensch, was soll das heißen? Sie wollen heiraten, Sie wollen so einen

stumpfsinnigen Laden aufmachen, und Sie wollen aber auch bei mir

bleiben? Mir scheint, da ist etwas nicht in Ordnung ... Es liegt Ihnen

wohl nicht so sehr viel an dieser Heirat, Robert?“

„Mit Verlaub, Herr Veraguth, nein. Sie wäre schon tüchtig, meine Braut,

da will ich nichts sagen. Aber ich würde schon lieber hierbleiben. Sie

hat einen scharfen Charakter, und – –“

„Ja, Kerl, warum wollen Sie sie denn dann heiraten? Sie haben ja Angst

vor ihr! Ihr habt doch kein Kind? Oder?“

„Nein, dieses nicht. Aber sie läßt mir keine Ruhe mehr ...“

„Dann schenken Sie ihr eine hübsche Brosche, Robert, ich gebe Ihnen

einen Taler dafür. Die geben Sie Ihrer Braut und sagen ihr, sie möchte

sich nun einen andern suchen für ihren Zigarrenladen. Sagen Sie ihr, ich

hätte das gesagt. Und schämen Sie sich ein bißchen! Ich lasse Ihnen acht

Tage Zeit. Dann möchte ich wissen, ob Sie ein Mann sind, der sich von

einem Mädel Angst machen läßt, oder nicht.“

„Es ist gut, es ist gut. Ich werde ihr schon sagen ...“

Veraguth hörte auf zu lächeln. Er blitzte den Betroffenen aus zornigen

Augen an und rief scharf: „Sie werden das Mädel fortschicken, Robert,

sonst sind wir miteinander fertig. Pfui Teufel – sich heiraten lassen!

Gehen Sie, und bringen Sie das bald in Ordnung!“

Er stopfte sich eine Pfeife, nahm ein größeres Skizzenbuch und eine

Hülse voll Zeichenkohle an sich und ging nach dem Waldhügel hinaus.

Rosshalde · 第 21 / 42 题