Beide schwiegen eine Weile. Frau Adele war betroffen und fühlte
ahnungsvoll die Bedeutung der Nachricht. Vielleicht wollte er sie
verlassen und freigeben? Jedenfalls war es ein erster ernsthafter
Versuch nach dieser Seite, und sie erschrak im Herzen darüber, wie wenig
Aufruhr, Sorge und Hoffnung sie dabei empfinde, und wie gar keine
Freude. Mochte für ihn noch ein neues Leben möglich sein, für sie war es
nicht so. Sie würde es mit Albert leichter haben, und sie würde Pierre
gewinnen, ja, aber sie würde eine verlassene Frau sein und bleiben.
Hundertmal hatte sie sich das vorgestellt und es hatte wie Freiheit und
Erlösung ausgesehen; und heute, da es schien, als könne Wirklichkeit
daraus werden, war so viel Bangigkeit und Scham und Schuldgefühl dabei,
daß sie verzagte und keines Wunsches mehr fähig war. Das hätte früher
kommen müssen, fühlte sie, in den Zeiten der Nöte und Stürme, noch ehe
sie Resignation gelernt hatte. Nun kam es zu spät und unnütz, nun war es
nichts mehr als ein Strich unter erledigte Dinge, es war nur noch
Abschluß und bittere Bestätigung alles Verborgenen, Halbeingestandenen,
und es glommen keine Funken neuer Lebenslockung mehr darin.
Veraguth las aufmerksam im beherrschten Gesicht seiner Frau, und sie tat
ihm leid.
„Es soll ein Versuch sein,“ sagte er schonend. „Ihr sollt einmal
ungestört miteinander leben, du und Albert – und auch Pierre, sagen wir
etwa für ein Jahr. Ich dachte mir, es würde dir bequem sein, und für die
Kinder wäre es gewiß ganz gut. Sie leiden doch beide etwas darunter, daß
– – daß wir nicht so recht mit dem Leben fertig geworden sind. Auch uns
selber wird bei einer längeren Trennung alles klarer werden, meinst du
nicht?“
„Es mag sein,“ sagte sie leise. „Dein Entschluß scheint ja
festzustehen.“
„Ich habe Otto schon geschrieben. Es wird mir ja nicht leicht, von euch
allen so lange fortzugehen.“
„Von Pierre, meinst du.“
„Besonders von Pierre, ja. Ich weiß, du wirst gut für ihn sorgen. Ich
kann nicht erwarten, daß du ihm viel von mir sprechen wirst; aber laß es
mit ihm nicht gehen wie mit Albert!“
Sie schüttelte abwehrend den Kopf.
„Das war nicht meine Schuld, du weißt es.“
Vorsichtig legte er ihr die Hand auf die Schulter, mit unbeholfener,
lange nicht geübter Zartheit.
„Ach, Adele, laß uns nicht von Schuld reden. Es soll alle Schuld bei mir
sein. Ich will ja gutzumachen versuchen, nichts anderes. Ich bitte nur,
laß mich Pierre nicht verlieren, wenn es sein kann! Durch ihn sind wir
noch verbunden. Sieh zu, daß seine Liebe zu mir ihm nicht schwer gemacht
wird.“
Sie schloß die Augen, als wolle sie sich gegen eine Verführung schützen.
„Wenn du so lange fort bist – –“ sagte sie zögernd. „Er ist ein Kind –“
„Gewiß. Laß ihn ein Kind bleiben! Laß ihn mich vergessen, wenn es nicht
anders geht! Aber denke, er ist ein Pfand, das ich dir lasse, und denke,
ich muß viel Vertrauen haben, um es dir lassen zu können.“
„Ich höre Albert kommen,“ flüsterte sie rasch, „er wird gleich da sein.
Wir reden noch darüber. Es ist nicht so einfach, wie du denkst. Du gibst
mir Freiheit, mehr als ich je gehabt und je gewünscht, und du legst mir
zugleich eine Verantwortung auf, die mir alle Unbefangenheit nimmt! Laß
mich noch darüber denken. Auch du hast wohl deinen Entschluß nicht in
einer Stunde gefaßt, so laß auch mich ein wenig Zeit haben.“
Man hörte Schritte vor der Türe und Albert kam herein.
Verwundert sah er den Vater dasitzen. Er grüßte unfrei, gab Frau Adele
einen Kuß und setzte sich an den Frühstückstisch.
„Ich habe eine Überraschung für dich,“ fing Veraguth behaglich an. „Die
Herbstferien kannst du mit Mama und Pierre verbringen, wo ihr wollt, und
auch die Weihnachtszeit. Ich werde mehrere Monate auf Reisen sein.“
Der Jüngling konnte seine Freude nicht verbergen, doch gab er sich Mühe
und sagte eifrig: „Wohin willst du denn reisen?“
„Ich weiß noch nicht genau. Zunächst fahre ich mit Burkhardt nach
Indien.“
„O, so weit fort! Ein Schulfreund von mir ist dort geboren, ich glaube
in Singapore. Da gibt es noch Tigerjagden.“
„Ich hoffe, ja. Wenn ich einen schieße, bringe ich das Fell natürlich
mit. Aber hauptsächlich will ich dort malen.“
„Das kann ich mir denken. Ich las von einem französischen Maler, der
irgendwo in den Tropen war, auf so einer Insel in der Südsee, glaube ich
– es muß herrlich sein.“
„Nicht wahr? Und ihr werdet inzwischen vergnügt sein und viel musizieren
und Ski laufen. Aber nun will ich sehen, was der Kleine macht. Laßt euch
nicht stören!“
Er war hinaus, noch ehe jemand geantwortet hatte.
„Manchmal ist Papa doch großartig,“ sagte Albert in seiner Freude.
„Diese Reise nach Indien, das gefällt mir, das hat Stil.“
Seine Mutter lächelte mühsam. Ihr Gleichgewicht war gestört und sie
hatte das Gefühl, auf einem Ast zu sitzen, der eben angesägt wird. Aber
sie schwieg und brachte eine freundliche Miene zusammen, darin hatte sie
Übung.
Der Maler war bei Pierre eingetreten und hatte sich an sein Bett
gesetzt. Leise holte er ein schmales Skizzenbuch hervor und begann den
Kopf und Arm des kleinen Schläfers zu zeichnen. Er wollte, ohne Pierre
mit Sitzungen zu quälen, ihn in dieser Zeit noch so oft und so gut als
immer möglich festhalten und sich einprägen. Mit zärtlicher
Aufmerksamkeit bemühte er sich um die lieben Formen, um den Fall und
Strich des zarten Haares, um die hübschen, nervösen Nasenflügel, um die
dünne, willenlos ruhende Hand und um die eigenwillig rassige Linie des
festgeschlossenen Mundes.
Er sah den Knaben selten im Bett und es war das erstemal, daß er ihn
nicht mit kindlich geöffneten Lippen schlafen sah, und indem er den
frühreifen, ausdrucksvollen Mund beobachtete, fiel ihm die Ähnlichkeit
mit dem Munde seines Vaters, Pierres Großvaters, auf, der ein kühner und
phantasievoller, aber leidenschaftlich rastloser Mensch gewesen war, und
während er schaute und arbeitete, beschäftigte ihn dies sinnvolle Spiel
der Natur mit den Zügen und Schicksalen der Väter, Söhne und Enkel, und
es streifte ihm, der kein Denker war, das sorgenvoll köstliche Rätsel
der Folge und Notwendigkeit die Seele.
Und plötzlich schlug der Schlafende die Augen auf und blickte in die des
Vaters, und wieder fiel es dem Vater auf, wie unkindlich ernsthaft
dieser Blick und dies Erwachen sei. Er hatte den Bleistift sofort
weggelegt und das Büchlein zugeklappt, nun beugte er sich über den
Erwachten, küßte ihm die Stirn und sagte fröhlich: „Guten Morgen,
Pierre. Geht es besser?“
Der Kleine lächelte beglückt und begann sich zu strecken. O ja, es ging
besser, es ging viel besser. Er besann sich langsam. Ja, gestern war er
krank gewesen, er fühlte noch den Schatten des häßlichen Tages
herüberdrohen. Aber nun war es viel besser, er wollte nur noch ein klein
wenig liegen bleiben und die Wärme und ruhige Dankbarkeit dieses
Zustandes kosten, dann würde er aufstehen und frühstücken und mit Mama
in den Garten gehen.
Der Vater ging, um Mama zu holen. Blinzelnd sah Pierre nach dem Fenster,
wo der helle, frohe Tag durch die gelblichen Vorhänge schien. Das war
nun ein Tag, der etwas versprach, der nach allen möglichen Freuden
duftete. Wie war das gestern schal und kalt und dumpf gewesen! Er schloß
die Augen, um das zu vergessen, und fühlte in den schlafträgen Gliedern
das liebe Leben sich dehnen.
Und jetzt kam die Mutter, sie brachte ihm ein Ei und eine Tasse Milch
ans Bett, und Papa versprach ihm neue Farbstifte, und alle waren lieb
und zärtlich und hatten eine Freude daran, ihn wieder gesund zu sehen.
Es war beinahe wie ein Geburtstag, und daß der Kuchen fehlte, schadete
gar nichts, denn richtigen Hunger hatte er noch immer nicht.
Gleich nachdem er angekleidet war, in einen frischen, blauen
Sommeranzug, ging er zu Papa in das Atelier. Er hatte den häßlichen
Traum von gestern vergessen, aber in seinem Herzen zitterte noch ein
Widerhall von Schrecken und Leid, und er mußte nun sehen und genießen,
daß wirklich Sonne und Liebe um ihn war.
Der Vater maß den Rahmen für sein neues Bild aus und empfing ihn voller
Freude. Pierre wollte jedoch nicht lange dableiben, er wollte nur Guten
Tag sagen und sich ein wenig liebhaben lassen. Dann mußte er weiter, zum
Hunde und zu den Tauben, zu Robert und in die Küche, und mußte alles
wieder begrüßen und in Besitz nehmen. Darauf ging er mit Mama und Albert
in den Garten, und es schien ihm ein Jahr vergangen, seit er hier im
Gras gelegen und geweint hatte. Schaukeln mochte er nicht, aber er legte
seine Hand auf das Schaukelbrett, er ging zu den Sträuchern und
Blumenbeeten, und eine dunkle Erinnerung wie aus einem vorigen Leben
wehte ihn an, als sei er einmal hier zwischen den Beeten allein,
verlassen und trostlos irrgelaufen. Nun war alles wieder licht und
lebendig, die Bienen sangen und die Luft war leicht und froh zu atmen.
Er durfte Mutters Blumenkorb tragen, sie taten Nelken und große
Dahlienblumen hinein, daneben aber machte er noch einen besonderen
Strauß, den wollte er später dem Vater bringen.
Als man ins Haus zurückkam, war er müde geworden. Albert erbot sich, mit
ihm zu spielen, aber erst wollte Pierre ein wenig ausruhen. Er setzte
sich tief in Mutters großen Korbstuhl auf der Veranda, den Strauß für
Papa hatte er noch in der Hand.
Er fühlte sich angenehm ermattet, er schloß die Augen, wandte sich gegen
die Sonne und freute sich, wie das Licht ihm rot und warm durch die
Lider schien. Dann blickte er befriedigt an seinem hübschen, reinen
Anzug hinab und streckte seine blanken gelben Schuhe ins Sonnenlicht,
abwechselnd den rechten und den linken. Er fand es schön, so still und
etwas matt in Behaglichkeit und Reinlichkeit zu sitzen, nur die Nelken
dufteten allzu stark. Er legte sie weg und schob sie auf dem Tisch von
sich fort, so weit sein Arm reichte. Er mußte sie bald ins Wasser tun,
damit sie nicht welk würden, ehe der Vater sie sähe.
Mit ungewohnter Zärtlichkeit dachte er an ihn. Wie war das doch gestern
gewesen? Er hatte ihn im Atelier aufgesucht, und Papa hatte gearbeitet
und keine Zeit gehabt, und er war so allein und fleißig und etwas
traurig vor seinem Bilde gestanden. Soweit erinnerte er sich genau an
alles. Aber später? War ihm später nicht der Vater im Garten begegnet?
Er versuchte mit Anstrengung sich zu erinnern. Ja, Vater war im Garten
hin und her gegangen, allein und mit einem fremden, schmerzlichen
Gesicht, und er hatte ihn rufen wollen ... Wie war das gewesen? Es war
irgend etwas Schreckliches oder Grausiges, was gestern geschehen war
oder wovon er gestern gehört hatte, und er konnte es nicht wiederfinden.
Im tiefen Sessel zurückgelehnt ging er seinen Gedanken nach. Die Sonne
schien gelb und warm auf seine Knie, aber die Fröhlichkeit wich ganz
allmählich von ihm. Er fühlte, daß seine Gedanken sich jenem Grausigen
mehr und mehr näherten, und er fühlte: sobald er es gefunden habe, werde
es wieder Macht über ihn haben; es stand hinter ihm und wartete. So oft
seine Erinnerung nahe an jene Grenze kam, stieg ein beklemmendes Gefühl
wie Übelkeit und Schwindel in ihm auf, und sein Kopf begann leise zu
schmerzen.
Die Nelken störten ihn mit ihrem überstarken Geruch. Sie lagen auf dem
sonnigen Korbtisch und wurden welk, und wenn er sie dem Vater noch geben
wollte, so war es jetzt Zeit. Aber er mochte nicht mehr, vielmehr er
mochte schon, aber er war so müde, und das Licht tat ihm in den Augen
weh. Und vor allem mußte er nachdenken, was da gestern geschehen war. Er
spürte, er sei ganz nahe daran und brauche nur mit den Gedanken danach
zu greifen, aber immer schwand es wieder dahin und war weg.
Der Kopfschmerz nahm zu. Ach, warum mußte das sein? Er war doch heut so
vergnügt gewesen!
Frau Adele rief vor der Türe seinen Namen und kam gleich darauf herein.
Sie sah die Blumen an der Sonne liegen und wollte Pierre nach Wasser
schicken, da sah sie ihn an und sah ihn schlaff und eingesunken im
Sessel hängen, und große Tränen auf seinen Wangen.
„Pierre, Kind, was ist? Bist du nicht wohl?“
Er sah sie an, ohne sich zu bewegen, und schloß die Augen wieder.
„Rede doch, Herz, was fehlt dir? Willst du ins Bett? Wollen wir ein
Spiel machen? Hast du Schmerzen?“
Er schüttelte den Kopf und machte ein abwehrendes Gesicht, als belästige
sie ihn.
„Laß mich,“ sagte er flüsternd.
Und da sie ihn aufrichtete und an sich nahm, schrie er, einen Augenblick
wie in Wut aufflackernd, mit entstellter hoher Stimme: „So laß mich
doch!“
Gleich darauf ließ sein Sträuben nach, er sank in ihren Armen zusammen,
und da sie ihn aufhob, stöhnte er schwach, senkte gequält das erbleichte
Gesicht vornüber und schüttelte sich in einem Anfall von Erbrechen.