Albert Veraguth ging heftig im Klavierzimmer seiner Mutter auf und ab.
Er schien auf den ersten Blick dem Vater ähnlich, weil er dessen Augen
hatte, glich aber weit mehr der Mutter, die an den Flügel gelehnt stand
und ihm mit zärtlich aufmerksamen Augen folgte. Als er wieder an ihr
vorüberkam, hielt sie ihn an den Schultern fest und wandte sein Gesicht
zu sich her. Über seine breite, bleiche Stirn hing ein Büschel blonden
Haares herein, die Augen glühten in knabenhafter Erregung und der
hübsche volle Mund war zornig verzogen.
„Nein, Mama,“ rief er heftig und machte sich aus ihren Händen los, „du
weißt, ich kann nicht zu ihm hinüber gehen. Das wäre eine ganz sinnlose
Komödie. Er weiß, daß ich ihn hasse, und er selber haßt mich auch, du
magst sagen, was du willst.“
„Hassen!“ rief sie mit leiser Strenge. „Laß doch solche Worte, die alles
verzerren! Er ist dein Vater, und es gab eine Zeit, wo er dich sehr lieb
gehabt hat. Ich muß es dir verbieten, so zu reden.“
Albert blieb stehen und sah sie funkelnd an.
„Du kannst mir die Worte verbieten, gewiß, aber was wird dadurch anders?
Soll ich ihm denn etwa dankbar sein? Er hat dir dein Leben verdorben und
mir meine Heimat, er hat aus unserer schönen, frohen, prächtigen
Roßhalde einen Ort voll Unbehagen und Widerwärtigkeit gemacht. Ich bin
hier aufgewachsen, Mutter, und es gibt Zeiten, da träume ich jede Nacht
von den alten Stuben und Gängen hier, vom Garten und Stall und
Taubenschlag. Ich habe keine andere Heimat, die ich lieben und von der
ich träumen und nach der ich Heimweh haben kann. Und nun muß ich an
fremden Orten leben und kann nicht einmal in den Ferien einen Freund
hierher mitbringen, damit er nicht sieht, was für ein Leben wir hier
führen! Und jeder, der mich kennen lernt und meinen Namen hört, stimmt
sogleich ein Loblied auf meinen berühmten Vater an. Ach Mutter, ich
wollte wir hätten lieber gar keinen Vater, und keine Roßhalde, und wären
arme Leute, und du müßtest nähen oder Stunden geben und ich dir Geld
verdienen helfen.“
Die Mutter ging ihm nach und nötigte ihn in einen Sessel, setzte sich
auf seine Knie und strich ihm die verschobenen Haare zurecht.
„So,“ sagte sie mit ihrer ruhigen tiefen Stimme, deren Ton ihm Heimat
und Hort bedeutete, „so, nun hast du mir ja alles gesagt. Es ist
manchmal ganz gut, sich auszusprechen. Man muß die Dinge kennen, die man
zu ertragen hat. Aber man muß das, was weh tut, nicht aufwühlen, Kind.
Du bist jetzt schon so groß wie ich und bist bald ein Mann, und darauf
freue ich mich. Du bist mein Kind und sollst es bleiben, aber sieh, ich
bin viel allein und habe allerlei Sorgen, da brauche ich auch einen
richtigen, männlichen Freund, und der sollst du sein. Du sollst mit mir
vierhändig spielen und mit mir im Garten gehen und nach Pierre sehen,
wir wollen schöne Ferien miteinander haben. Aber du sollst nicht Lärm
machen und es mir noch schwerer machen, sonst muß ich denken, du seiest
eben doch noch ein halber Knabe und es werde noch lange dauern, bis ich
endlich einen klugen Freund bekomme, den ich doch so gerne hätte.“
„Ja, Mutter, ja. Aber muß man denn immerzu über alles schweigen, was
einen unglücklich macht?“
„Es ist das beste, Albert. Es ist nicht leicht, und von Kindern darf man
es nicht verlangen. Aber es ist das beste. – Wollen wir jetzt etwas
spielen?“
„Ja, gerne. Beethoven, die zweite Symphonie – magst du?“
Sie hatten kaum zu spielen begonnen, so ging sachte die Türe auf und
Pierre glitt herein, setzte sich auf einen Schemel und hörte zu.
Nachdenklich sah er dabei seinen Bruder an, seinen Nacken mit dem
seidenen Sportskragen, seinen im Rhythmus der Musik bewegten Haarschopf
und seine Hände. Jetzt, da er seine Augen nicht sah, fiel ihm Alberts
große Ähnlichkeit mit der Mutter auf.
„Gefällt es dir?“ fragte Albert während einer Pause. Pierre nickte nur,
ging aber gleich darauf wieder still aus dem Zimmer. In Alberts Frage
hatte er etwas von dem Ton gespürt, in welchem nach seiner Erfahrung die
meisten Erwachsenen zu Kindern redeten und dessen verlogene
Freundlichkeit und unbeholfene Überheblichkeit er nicht leiden mochte.
Der große Bruder war ihm willkommen, er hatte ihn sogar mit Spannung
erwartet und ihn drunten am Bahnhof mit großer Freude begrüßt. Auf
diesen Ton aber gedachte er nicht einzugehen.
Mittlerweile warteten Veraguth und Burkhardt im Atelier auf Albert,
Burkhardt mit unverhehlter Neugierde, der Maler in nervöser
Verlegenheit. Die flüchtige Fröhlichkeit und Plauderlust war plötzlich
von ihm abgefallen, als er Alberts Ankunft erfuhr.
„Kommt er denn unerwartet?“ fragte Otto.
„Nein, ich glaube nicht. Ich wußte, daß er dieser Tage kommen sollte.“
Veraguth kramte aus einer Plunderschachtel ältere Photographien heraus.
Er suchte ein Knabenbildnis hervor und hielt es vergleichend neben eine
Photographie von Pierre.
„Das war Albert, genau im gleichen Alter wie jetzt der Kleine ist.
Erinnerst du dich an ihn?“
„O, ganz gut. Das Bild ist sehr ähnlich. Er hat viel von deiner Frau.“
„Mehr als Pierre?“
„Ja, viel mehr. Pierre hat weder deinen Typ noch den seiner Mutter. Da
kommt er übrigens. Oder sollte das Albert sein? Nein, unmöglich.“
Man hörte leichte kleine Tritte vor der Türe über die Fliesen und über
das Scharreisen gehen, die Türklinke ward berührt und nach einem kleinen
Zögern niedergedrückt, und Pierre trat herein, mit seinem fragend
freundlichen Blick schnell spähend, ob er willkommen sei.
„Wo ist denn Albert?“ fragte der Vater.
„Bei der Mama. Sie spielen miteinander Klavier.“
„Ach so, er spielt Klavier.“
„Bist du ärgerlich, Papa?“
„Nein, Pierre, es ist hübsch, daß du gekommen bist. Erzähl’ uns etwas!“
Der Knabe sah die Photographien daliegen und griff danach.
„O, das bin ich! Und das da? Soll das Albert sein?“
„Ja, das ist Albert. So hat er ausgesehen, als er gerade so alt war wie
du jetzt bist.“
„Da war ich noch nicht auf der Welt. Und jetzt ist er groß geworden und
Robert sagt schon Herr Albert zu ihm.“
„Willst du auch einmal groß werden?“
„Ja, ich will schon. Wenn man groß ist, darf man Pferde haben und Reisen
machen, das möchte ich auch. Und dann darf mich niemand mehr ‚kleiner
Junge‘ heißen und in die Backen kneifen. Aber eigentlich will ich doch
nicht groß werden. Die alten Leute sind oft so unangenehm. Albert ist
auch schon ganz anders geworden. Und wenn die alten Leute immer älter
werden, dann sterben sie zuletzt. Ich möchte lieber so bleiben wie ich
bin, und manchmal möchte ich fliegen können und mit den Vögeln hoch
droben um die Bäume herfliegen und zwischen die Wolken hinein. Da würde
ich alle Leute auslachen.“
„Mich auch, Pierre?“
„Manchmal, Papa. Die alten Leute sind alle manchmal so komisch. Mama
nicht so sehr. Mama liegt hier und da in einem langen Stuhl im Garten
und tut gar nichts als in das Gras hineinsehen, und dann hängen ihre
Hände herunter und sie ist ganz ruhig und ein wenig traurig. Es ist
hübsch, wenn man nicht immerzu etwas tun muß.“
„Möchtest du denn gar nichts werden? Baumeister, oder Gärtner, oder
vielleicht Maler?“
„Nein, ich mag nicht. Ein Gärtner ist schon da, und ein Haus habe ich ja
auch schon. Ich möchte ganz andere Sachen tun können. Ich möchte das
verstehen, was die Rotkehlchen zueinander sagen. Und ich möchte auch
einmal sehen, wie es die Bäume machen, daß sie mit ihren Wurzeln Wasser
trinken und so groß werden können. Ich glaube, das weiß gar niemand
richtig. Der Lehrer weiß eine Menge, aber lauter langweilige Sachen.“
Er hatte sich auf Otto Burkhardts Knie gesetzt und spielte mit seiner
Gürtelschnalle.
„Viele Dinge kann man nicht wissen,“ sagte Burkhardt freundlich. „Vieles
kann man nur sehen und muß damit zufrieden sein, daß es so hübsch ist.
Wenn du einmal zu mir nach Indien kommst, da fährst du viele Tage lang
immer auf einem großen Schiff, und vor dem Schiffe her tauchen lauter
kleine Fische auf, die haben kleine gläserne Flügel und können fliegen.
Und manchmal kommen auch Vögel, die sind furchtbar weit von fremden
Inseln hergeflogen und sind ganz müde und setzen sich auf das Schiff und
sind verwundert, daß da so viele fremde Leute auf dem Meer herumfahren.
Die möchten uns auch gerne verstehen und uns fragen, wo wir herkommen
und wie wir heißen, aber es geht nicht, und da sieht man sich eben in
die Augen und nickt mit dem Kopf, und wenn der Vogel ausgeruht hat, dann
schüttelt er sich und fliegt wieder weg übers Meer.“
„Weiß man denn gar nicht, wie diese Vögel heißen?“
„O doch, das weiß man schon. Aber es sind Namen, die ihnen die Menschen
gegeben haben, und wie sie selber zueinander sagen, das kann man nicht
wissen.“
„Onkel Burkhardt kann fein erzählen, Papa. Ich möchte auch einen Freund
haben. Albert ist schon zu groß. Die meisten Menschen verstehen ja gar
nicht recht, was man sagt und will, aber Onkel Burkhardt versteht mich
gleich.“
Ein Hausmädchen kam, den Kleinen abzuholen. Bald darauf war es
Abendessenszeit und die Herren gingen ins Haus. Veraguth war schweigsam
und verstimmt. Im Speisezimmer trat ihm sein Sohn entgegen und gab ihm
die Hand.
„Guten Tag, Papa.“
„Guten Tag, Albert. Bist du gut gereist?“
„Danke, ja. Guten Abend, Herr Burkhardt.“
Der junge Mann war sehr kühl und korrekt. Er führte seine Mutter zu
Tisch. Man aß, und das Gespräch ging fast nur zwischen Burkhardt und der
Hausfrau. Es kam die Rede auf Musik.
„Darf ich fragen,“ wandte sich Burkhardt an Albert, „welche Art von
Musik Sie besonders lieben? Allerdings bin ich da längst nicht mehr auf
der Höhe und kenne die modernen Musiker wohl kaum dem Namen nach.“
Der Jüngling blickte höflich auf und gab Auskunft.
„Das Allermodernste kenne ich auch nur vom Hörensagen. Ich gehöre keiner
Richtung an und liebe alle Musik, wenn sie gut ist. Am meisten Bach,
Gluck und Beethoven.“
„O, die Klassiker. Von denen haben wir zu unserer Zeit eigentlich nur
Beethoven näher gekannt. Von Gluck wußten wir überhaupt nichts. Wir
hielten alle stramm zu Wagner, müssen Sie wissen. Weißt du noch, Johann,
wie wir zum erstenmal den Tristan hörten? Das war ein Rausch!“
Veraguth lächelte unfroh.
„Alte Schule!“ rief er etwas hart. „Wagner ist abgetan. Oder nicht,
Albert?“
„O, im Gegenteil, er wird ja auf allen Theatern gespielt. Aber ich habe
darüber kein Urteil.“
„Mögen Sie Wagner nicht?“
„Ich kenne ihn zu wenig, Herr Burkhardt. Ich komme sehr selten ins
Theater. Mich interessiert nur die reine Musik, nicht die Oper.“
„Na, aber das Meistersingervorspiel! Das kennen Sie gewiß. Taugt das
auch nichts?“
Albert biß sich auf die Lippen und besann sich einen Augenblick, ehe er
antwortete.
„Ich kann wirklich darüber nicht urteilen. Es ist – wie soll ich sagen?
– romantische Musik, und für die fehlt es mir an Interesse.“
Veraguth schnitt eine Grimasse.
„Nimmst du Landwein?“ fragte er ablenkend.
„Danke, ja.“
„Und du, Albert? Ein Glas Roten?“
„Danke, Papa, lieber nicht.“
„Bist du Abstinent geworden?“
„Nein, durchaus nicht. Aber Wein bekommt mir nicht, ich möchte lieber
darauf verzichten.“
„Na, gut. Aber wir wollen anstoßen, Otto, Prosit!“
Er trank das Glas mit einem raschen Schluck halb aus.
Albert spielte die Rolle des wohlerzogenen Jungen weiter, der zwar ganz
bestimmte Ansichten hat, sie aber bescheiden für sich behält, und der
älteren Leuten das Wort läßt, nicht um zu lernen, sondern um seine Ruhe
zu haben. Die Rolle paßte schlecht zu ihm, so daß auch er sich bald
äußerst unbehaglich fühlte. Er wollte seinem Vater, den er nach
Möglichkeit zu ignorieren gewohnt war, durchaus keinen Anlaß zu
Auseinandersetzungen geben.
Burkhardt schwieg beobachtend, und so war niemand übrig, der das frostig
versiegte Tischgespräch mit gutem Willen wieder aufgenommen hätte. Man
beeilte sich mit dem Essen, bediente einander mit höflicher
Umständlichkeit, spielte befangen mit den Dessertlöffeln und wartete in
kläglicher Nüchternheit auf den Augenblick des Aufstehens und
Auseinandergehens. Erst in dieser Stunde fühlte Otto Burkhardt bis ins
Innerste die Vereinsamung und hoffnungslose Kälte, in der seines
Freundes Ehe und Leben erstarrt und verkümmert war. Er blickte flüchtig
zu ihm hinüber, sah ihn verdrossen mit schlaffem Gesicht auf die kaum
berührten Speisen starren und erkannte in seinem Blick, dem er eine
Sekunde begegnete, eine flehende Scham über die Enthüllung seines
Zustandes.
Es war ein betrübter Anblick, und plötzlich schien das lieblose
Schweigen, die verlegene Kälte und humorlose Gezwungenheit dieser
Tafelstunde laut Veraguths Schande zu verkündigen. In diesem Augenblick
fühlte Otto, daß jeder weitere Tag seines Hierbleibens nur eine
widerwärtige Verlängerung dieser beschämenden Zuschauerschaft und zur
Qual für den Freund werden würde, der nur noch mit Ekel den Schein
aufrechterhielt und nicht die Kraft und Laune mehr aufbrachte, sein
Elend vor dem Zuschauer zu beschönigen. Hier galt es, ein Ende zu
machen.
Kaum hatte sich Frau Veraguth erhoben, so schob ihr Mann seinen Sessel
zurück.
„Ich bin so müde, daß ich mich zu entschuldigen bitte. Laßt euch nicht
stören!“
Er ging hinaus und vergaß die Türe hinter sich zuzuziehen, und Otto
hörte ihn langsam mit schweren Schritten durch den Gang und die
knarrende Treppe hinab davongehen.
Burkhardt schloß die Tür und begleitete die Hausfrau in den Salon, wo
der Flügel noch offen stand und der abendliche Wind in den aufgelegten
Noten blätterte.
„Ich hatte Sie bitten wollen, etwas zu spielen,“ sagte er befangen.
„Aber mir scheint, Ihr Mann ist nicht recht wohl, er hat den ganzen
Mittag in der Sonne gearbeitet. Wenn Sie erlauben, leiste ich ihm noch
ein Stündchen Gesellschaft.“
Frau Veraguth nickte ernsthaft und suchte ihn nicht zu halten. Er
empfahl sich und ging, von Albert bis zur Treppe begleitet.