Die Dämmerung hatte begonnen, als Otto Burkhardt aus dem schon vom
großen Leuchter erhellten Hausflur trat und sich von Albert
verabschiedete. Unter den Kastanien blieb er stehen, sog durstig die
zart gekühlte, laubduftende Abendluft ein und wischte sich große
Schweißtropfen von der Stirne. Wenn er seinem Freunde ein wenig helfen
konnte, mußte es in dieser Stunde geschehen.
Im Atelierhaus war kein Licht und er fand den Maler weder in der
Werkstatt noch in den Nebenräumen. Er öffnete die Türe gegen den Weiher
und ging suchend mit leisen Schritten rund um das Haus. Da sah er ihn
sitzen, in dem Rohrstuhl, in dem er ihn heute gemalt hatte, die Ellbogen
aufgestützt und das Gesicht in den Händen, so ruhig, als schliefe er.
„Johann!“ rief er leise, trat zu ihm und legte ihm die Hand auf den
gebeugten Kopf.
Es kam keine Antwort. Er blieb stehen, schwieg und wartete und
streichelte dem in Müdigkeit und Leid Versunkenen das kurze grobe Haar.
In den Bäumen ging der Wind, sonst war es still und abendfriedlich.
Minuten vergingen. Da kam plötzlich vom Herrenhause her durch die
Dämmerung eine breite Klangwoge geschwollen, ein voller lang
ausgehaltener Akkord, und wieder einer. Es war der erste Takt einer
Klaviersonate.
Da hob der Maler den Kopf, schüttelte die Hand seines Freundes sanft von
sich und stand auf. Er sah Burkhardt still aus müden, trockenen Augen
an, versuchte ein Lächeln aufzubringen und ließ davon wieder ab, indem
seine starren Züge erschlafften.
„Wir wollen hineingehen,“ sagte er mit einer Gebärde, als suche er die
von drüben heranflutende Musik von sich abzuwehren.
Er ging voran. Bei der Türe zum Atelier blieb er stehen.
„Ich denke, wir werden dich wohl nimmer lange hier haben?“
Wie er alles fühlt! dachte Burkhardt. Mit beherrschter Stimme sagte er:
„Es kommt ja auf einen Tag nicht an. Ich denke, ich reise übermorgen.“
Veraguth tastete nach den Drückern. Mit einem feinen Metallton strahlten
alle Lichter der Werkstatt blendend auf.
„Dann wollen wir noch eine schöne Flasche Wein miteinander trinken.“
Er schellte nach Robert und gab ihm Aufträge. Mitten im Atelier stand
Burkhardts neues Porträt, nahezu fertig. Sie standen davor und sahen es
an, während Robert Tisch und Stühle rückte, Wein und Eis herbeitrug,
Zigarren und Aschenschalen aufsetzte.
„Es ist gut, Robert, Sie können ausgehen. Morgen nicht wecken! Lassen
Sie uns jetzt allein!“
Sie setzten sich und stießen miteinander an. Unruhig rückte der Maler im
Sessel, stand wieder auf und drehte die Hälfte der Lichter wieder aus.
Dann ließ er sich schwer in den Stuhl fallen.
„Das Bild ist nicht ganz fertig geworden,“ fing er an. „Nimm dir eine
Zigarre! Es wäre nicht schlecht geworden, aber schließlich liegt nicht
soviel daran. Und man sieht sich ja wieder.“
Er suchte sich eine Zigarre aus, schnitt sie bedächtig an, drehte sie
zwischen nervösen Fingern und legte sie wieder weg.
„Du hast es diesmal hier nicht gerade glänzend getroffen, Otto. Es tut
mir leid.“
Seine Stimme brach plötzlich, er sank vornüber, griff nach Burkhardts
Händen und nahm sie fest in seine.
„Du weißt ja jetzt alles,“ stöhnte er müde, und ein paar Tränen fielen
auf Ottos Hand. Allein er wollte sich nicht gehen lassen. Er richtete
sich wieder auf, zwang seine Stimme zur Ruhe und sagte verlegen:
„Entschuldige! Wir wollen einen Schluck trinken! Rauchst du nicht?“
Burkhardt nahm eine Zigarre.
„Armer Kerl!“
Sie tranken und rauchten in friedlichem Schweigen, sie sahen das Licht
in den geschliffenen Glaskelchen blitzen und in dem goldenen Weine
wärmer leuchten, sahen den blauen Rauch unentschlossen durch den weiten
Raum schwanken und sich in launische Fäden verschnörkeln, und sahen
zuweilen einander an, mit gelösten offenen Blicken, die kaum der Sprache
mehr bedurften. Es war, als sei schon alles gesagt.
Ein Nachtfalter strich surrend durch die Werkstatt und stieß drei-,
viermal heftig mit einem dumpfen Schlag wider die Wände. Dann saß er
still und betäubt, ein sammetgraues Dreieck, am Plafond.
„Kommst du im Herbst mit mir nach Indien?“ fragte Burkhardt endlich
zögernd.
Wieder war es lange still. Der Schmetterling begann langsam zu wandern.
Grau und klein kroch er vorwärts, als habe er das Fliegen vergessen.
„Vielleicht,“ sagte Veraguth. „Vielleicht. Wir müssen ja noch
miteinander reden.“
„Ja, Johann. Ich will dich nicht quälen. Aber ein wenig mußt du mir noch
erzählen. Ich hatte nie erwartet, daß es zwischen dir und deiner Frau
wieder gut werden würde, aber –“
„Es war ja von Anfang an nicht gut!“
„Nein. Aber es hat mich doch erschreckt, daß es so weit gekommen ist. So
kann es ja nicht bleiben. Du gehst zugrunde.“
Veraguth lachte rauh.
„Ich gehe nicht zugrunde, mein Junge. Im September stelle ich in
Frankfurt etwa zwölf neue Bilder aus.“
„Das ist schon gut. Aber wie lang soll das so gehen? Es ist ja sinnlos
... Sag, Johann, warum hast du dich nicht von deiner Frau getrennt?“
„Das ist nicht so einfach ... Ich will dir erzählen. Es ist besser, wenn
du das Ganze einmal in der rechten Ordnung erfährst.“
Er nahm einen Schluck Wein und blieb vorgebeugt im Stuhle sitzen,
während Otto sich weiter vom Tische zurückzog.
„Daß ich mit meiner Frau von Anfang an Schwierigkeiten hatte, weißt du
ja. Es ging ein paar Jahre lang, nicht gut und nicht schlecht, und
vielleicht wäre damals noch allerlei zu retten gewesen. Aber ich konnte
meine Enttäuschung zu wenig verbergen, und ich verlangte von Adele immer
wieder gerade das, was sie nicht zu geben hatte. Schwung hat sie nie
gehabt; sie war ernsthaft und schwerlebig, ich hätte das vorher wissen
können. Sie konnte niemals fünf gerade sein lassen und sich mit Humor
oder Leichtsinn über etwas Schweres weghelfen. Sie hatte meinen
Ansprüchen und Launen, meiner ungestümen Sehnsucht und meiner
schließlichen Enttäuschung nichts entgegenzusetzen als Schweigen und
Geduld, eine rührende, stille, heldenhafte Geduld, die mich oft bewegte
und mit der mir und ihr doch nicht geholfen war. War ich ärgerlich und
unzufrieden, so schwieg sie und litt, und kam ich bald darauf mit dem
Willen zu einem besseren Verständnis, bat ich sie um Verzeihung oder
suchte ich sie in einer Stunde froher Laune mitzureißen, so ging es
nicht, sie schwieg auch da und beharrte immer verschlossener in ihrem
treuen, schwerfälligen Wesen. War ich bei ihr, so schwieg sie nachgiebig
und ängstlich, sie nahm Zornausbrüche und lustige Stimmungen mit
gleicher Gelassenheit hin, und war ich fort, so spielte sie für sich
allein Klavier und dachte an ihre Mädchenzeit. So kam ich immer tiefer
ins Unrecht und hatte schließlich eben auch nichts mehr zu geben und
mitzuteilen. Ich fing an fleißig zu werden und habe so allmählich
gelernt, mich in die Arbeit wie in eine Burg zu verschanzen.“
Offenbar gab er sich Mühe, ruhig zu bleiben. Er wollte erzählen, nicht
anklagen, aber hinter den Worten stand fühlbar eben doch die Anklage,
mindestens die Klage über die Zerstörung seines Lebens, über die
Enttäuschung seiner Jugenderwartung und über die lebenslange
Verurteilung zu einem halben, freudlosen, dem Innersten seiner Natur
beständig widersprechenden Dasein.
„Schon damals dachte ich zuweilen daran, die Ehe wieder aufzulösen. Aber
das war nicht so einfach. Ich war an Stillsitzen und Arbeit gewohnt und
schreckte immer wieder vor dem Gedanken an Gerichte und Anwälte, vor dem
Abreißen aller kleinen täglichen Lebensgewohnheiten zurück. Wenn mir
damals eine neue Liebe in den Weg gekommen wäre, hätte ich den Entschluß
leicht gefunden. Aber es zeigte sich, daß auch meine eigene Natur
schwerfälliger war als ich dachte. Ich verliebte mich mit einem gewissen
wehmütigen Neid in hübsche junge Mädchen, aber es ging nie tief genug
und ich sah mehr und mehr, daß ich an keine Liebe mehr mich so weggeben
könne, wie an meine Malerei. Alles Verlangen nach Austoben und
Selbstvergessen, jeder Wunsch und jedes Bedürfnis richtete sich dahin,
und wirklich habe ich in diesen vielen Jahren keinen einzigen neuen
Menschen in mein Leben aufgenommen, keine Frau und keinen Freund. Du
begreifst, ich hätte ja jede Freundschaft mit dem Bekenntnis meiner
Schande beginnen müssen.“
„Schande?!“ sagte Burkhardt leise mit einem Ton des Tadels.
„Gewiß, Schande! So empfand ich es damals schon und das ist seither
nicht anders geworden. Es ist eine Schande, unglücklich zu sein. Es ist
eine Schande, sein Leben niemandem zeigen zu dürfen, etwas verbergen und
bemänteln zu müssen. Genug davon! Ich will dir erzählen.“
Er starrte finster in sein Weinglas, warf die erloschene Zigarre weg und
fuhr fort.
„Inzwischen war Albert ein paar Jahre alt geworden. Wir hatten ihn beide
sehr lieb, die Gespräche über ihn und die Sorgen um ihn hielten uns
beisammen. Erst als er sieben oder acht Jahre alt war, begann ich
eifersüchtig zu werden und um ihn zu kämpfen – genau so, wie ich jetzt
mit ihr um Pierre kämpfe! Ich sah plötzlich, daß der kleine Junge mir
unentbehrlich lieb geworden war, und ich habe mehrere Jahre lang mit
beständiger Angst zugesehen, wie er ganz langsam kühler gegen mich wurde
und mehr und mehr zur Mutter hielt.
Da wurde er bedenklich krank, und in jener Zeit der Sorge um das Kind
sank alles andere für eine Weile unter und wir lebten eine Zeitlang so
einmütig wie nie zuvor. Aus dieser Zeit stammt Pierre.
Seit der kleine Pierre auf der Welt ist, hat er alles besessen, was ich
an Liebe irgend geben konnte. Ich ließ mir Adele wieder entgleiten, ich
ließ es geschehen, daß Albert nach seiner Genesung sich immer enger an
meine Frau schloß, daß er ihr Vertrauter gegen mich und allmählich mein
Feind wurde, bis ich ihn aus dem Hause entfernen mußte. Ich hatte auf
alles verzichtet, ich war ganz arm und anspruchslos geworden, ich hatte
mir auch das Schelten und Herrschen im Hause abgewöhnt und hatte nichts
dagegen, im eigenen Haus nur ein geduldeter Gast zu sein. Ich wollte
nichts für mich retten als meinen kleinen Pierre, und als das
Zusammenleben mit Albert und der ganze Zustand im Hause unerträglich
geworden war, da habe ich Adele die Scheidung angeboten.
Ich wollte Pierre bei mir behalten. Alles andere konnte sie haben: sie
konnte mit Albert zusammen bleiben, sie konnte die Roßhalde behalten und
die Hälfte von meinen Einnahmen, meinetwegen auch mehr. Aber sie wollte
nicht. Sie wollte gerne in die Scheidung willigen und nur das
Notwendigste von mir annehmen, sich aber nicht von Pierre trennen. Das
war unser letzter Streit. Noch einmal versuchte ich alles, um mir meinen
Rest von Glück zu retten; ich bat und versprach, ich habe mich gebückt
und gedemütigt, ich habe gedroht und geweint und schließlich getobt,
aber alles vergebens. Sie willigte sogar darein, daß Albert weggegeben
werde. Es zeigte sich plötzlich, daß diese stille, geduldige Frau keinen
Finger breit nachzugeben gesonnen war; sie fühlte ihre Macht sehr
deutlich und war mir überlegen. Damals haßte ich sie geradezu, und etwas
davon ist immer hängen geblieben.
Da ließ ich den Maurer kommen und habe mir die kleine Wohnung hier
angebaut, und hier wohne ich seither und alles ist so, wie du es gesehen
hast.“
Burkhardt hatte nachdenklich zugehört und ihn nie unterbrochen, auch
nicht in Augenblicken, wo Veraguth es zu erwarten, ja zu wünschen
schien.
„Ich freue mich,“ sagte er vorsichtig, „daß du selber alles so klar
siehst. Es ist alles ungefähr so, wie ich mir’s gedacht hatte. Laß uns
noch ein Wort darüber reden, es geht jetzt in einem hin! Seit ich hier
bin, habe ich ja ebenso auf diese Stunde gewartet wie du. Nimm an, du
hättest ein unangenehmes Geschwür, das dich quält und dessen du dich ein
wenig schämst. Ich kenne es jetzt und dir ist schon wohler, daß du es
nimmer zu verheimlichen brauchst. Aber wir müssen damit nicht zufrieden
sein, wir müssen zusehen, ob wir das Ding nicht aufschneiden und heilen
können.“
Der Maler sah ihn an, schüttelte schwerfällig den Kopf und lächelte:
„Heilen? So etwas heilt nimmer. Aber schneide ruhig zu!“
Burkhardt nickte. Er wollte zuschneiden, gewiß, er wollte diese Stunde
nicht leer vorüber lassen.
„In deiner Erzählung ist eines mir unklar geblieben,“ sagte er
nachdenklich. „Du sagst, du habest dich Pierres wegen nicht von deiner
Frau scheiden lassen. Es ist die Frage, ob du sie nicht dazu hättest
zwingen können, dir Pierre zu lassen. Wärt ihr vom Gericht geschieden
worden, so hätte man dir doch wohl eines der Kinder zusprechen müssen.
Hast du denn daran nie gedacht?“
„Nein, Otto, daran habe ich nie gedacht. Ich habe nie daran gedacht, daß
ein Richter mit seiner Weisheit das wieder gutmachen könne, was ich
verfehlt und versäumt habe. Es ist mir damit nicht gedient. Da meine
persönliche Macht nicht ausreichte, meine Frau zum Verzicht auf den
Jungen zu bewegen, blieb mir nichts übrig als zu warten, für wen Pierre
selbst sich später einmal entscheiden werde.“
„Es handelt sich ja einzig um Pierre. Wenn der nicht da wäre, wärest du
ohne Zweifel längst von deiner Frau geschieden und hättest doch noch ein
Glück in der Welt gefunden oder wenigstens ein klares, vernünftiges,
freies Leben. Statt dessen bist du in einem Wirrwarr von Kompromissen,
Opfern und kleinen Notbehelfen eingeklemmt, in denen ein Mensch wie du
ersticken muß.“
Veraguth blickte unruhig und stürzte hastig ein Glas Wein hinunter.
„Du redest immer von Ersticken und Zugrundegehen! Du siehst doch, ich
lebe und arbeite, und der Teufel soll mich holen, wenn ich mich
unterkriegen lasse.“
Otto achtete nicht auf seine Gereiztheit. Mit leiser Eindringlichkeit
fuhr er fort: „Verzeih, das stimmt nicht ganz. Du bist ein Mensch mit
ungewöhnlichen Kräften, sonst hättest du diese Zustände überhaupt nicht
solange ausgehalten. Wieviel sie dir geschadet und dich gealtert haben,
spürst du selber, und es ist eine unnütze Eitelkeit, wenn du das vor mir
nicht wahrhaben willst. Ich glaube meinen eigenen Augen mehr als dir,
und ich sehe, daß es dir miserabel geht. Deine Arbeit hält dich
aufrecht, aber sie ist dir mehr Betäubung als Freude. Die Hälfte von
deiner schönen Kraft verbrauchst du in Entbehrung und in kleinen
täglichen Widerständen. Was bestenfalls dabei herauskommt, ist nicht
Glück, sondern höchstens Resignation. Und dazu, mein Junge, bist du mir
zu gut.“
„Resignation? Das mag sein. Es geht auch andern so. Wer ist glücklich?“
„Glücklich ist, wer hofft!“ rief Burkhardt nachdrücklich. „Was hast du
zu hoffen? Nicht einmal äußere Erfolge, Ehren und Geld; von dem allen
hast du mehr als genug. Mensch, du weißt ja gar nimmer, was Leben und
Freude ist! Du bist zufrieden, weil du nimmer hoffst! Ich begreife das,
meinetwegen, aber es ist ein scheußlicher Zustand, Johann, es ist ein
übles Geschwür, und wer so eines hat und es nicht aufschneiden mag, der
ist ein Feigling.“
Er war warm geworden und ging in heftiger Bewegung auf und ab, und
während er mit gespannten Kräften seinen Plan verfolgte, sah ihn aus der
Tiefe der Erinnerung Veraguths Knabengesicht an und es schwebte ihm das
Bild einer Szene vor, da er einst ähnlich wie heut mit ihm gestritten
hatte. Aufblickend sah er des Freundes Gesicht, er saß zusammengesunken
und blickte vor sich nieder. Nichts von den Zügen des Knabenkopfes war
mehr vorhanden. Da saß er, den er mit Absicht einen Feigling geheißen,
an dessen einst so peinliche Empfindlichkeit er gerührt hatte, und
wehrte sich nicht.
Er rief nur in bitterer Schwäche: „Nur zu! Du brauchst mich nicht zu
schonen. Du hast gesehen, in was für einem Käfig ich lebe, nun kannst du
ja ohne Sorge mit dem Stock hereindeuten und mir meine Schande
vorhalten. Bitte, fahr fort! Ich wehre mich nicht, ich werde nicht
einmal böse.“
Otto blieb vor ihm stehen. Er tat ihm so leid, aber er bezwang sich und
sagte scharf: „Du sollst aber böse werden! Du sollst mich hinauswerfen
und mir die Freundschaft aufsagen, oder du sollst zugeben, daß ich recht
habe.“
Auch der Maler stand nun auf, aber schlaff und ohne Frische.
„Also du hast recht, wenn dir daran liegt,“ sagte er müde. „Du hast mich
überschätzt, ich bin nimmer so jung und nimmer so leicht zu beleidigen.
Ich habe auch nicht so viel Freunde, daß ich damit Verschwendung treiben
könnte. Ich habe nur dich. Setz dich her und trinke noch ein Glas Wein,
er ist gut. Du kriegst in Indien keinen solchen, und vielleicht findest
du dort auch nicht viele Freunde, die sich so viel Dickköpfigkeit von
dir gefallen lassen.“
Burkhardt schlug ihm leicht auf die Schulter und sagte beinahe
ärgerlich: „Junge, wir wollen doch jetzt nicht sentimental sein – gerade
jetzt nicht! Sag mir, was du an mir zu tadeln hast, und dann wollen wir
fortfahren.“
„O, ich habe nichts an dir zu tadeln! Du bist ein tadelloser Kerl, Otto,
ohne Zweifel. Du siehst mir seit bald zwanzig Jahren zu, wie ich
untersinke, du siehst mit Freundschaft und vielleicht mit Bedauern zu,
wie ich allmählich im Sumpf verschwinde, und du hast nie etwas gesagt
und mich nie dadurch gedemütigt, daß du mir etwa Hilfe anbotest. Du hast
zugesehen, wie ich jahrelang jeden Tag Zyankali mit mir herumtrug, und
du hast mit edler Befriedigung bemerkt, daß ich es nie geschluckt und es
schließlich weggeworfen habe. Und jetzt, wo ich so tief im Dreck sitze,
daß ich nimmer heraus kann, jetzt stehst du da und hast zu tadeln und zu
mahnen ...“
Er starrte mit geröteten heißen Augen trostlos vor sich hin, und Otto,
da er sich ein neues Glas Wein einschenken wollte und nichts mehr in der
Flasche fand, bemerkte erst jetzt, daß Veraguth die Flasche in der
kurzen Zeit allein geleert hatte.
Der Maler folgte seinem Blick und lachte grell.
„O entschuldige!“ rief er heftig. „Ja, ich bin ein wenig betrunken, du
darfst nicht vergessen, mir auch das anzurechnen. Es passiert mir alle
paar Monate einmal, daß ich aus Versehen einen kleinen Rausch trinke – –
zur Anregung, weißt du ...“
Er legte dem Freunde beide Hände schwer auf die Schultern und sagte mit
plötzlich erschlaffter, hoher Stimme klagend: „Sieh, mein Junge, das
Zyankali und der Wein und das alles wäre entbehrlich gewesen, wenn
jemand mir ein bißchen hätte helfen wollen! Du, warum hast du mich
soweit kommen lassen, daß ich jetzt um ein bißchen Nachsicht und Liebe
bitten muß wie ein Bettler? Adele hat mich nicht ertragen, Albert ist
von mir abgefallen, Pierre wird mich auch einmal verlassen – und du bist
daneben gestanden und hast zugesehen. Hast du denn nichts tun können?
Hast du mir gar nicht helfen können?“
Des Malers Stimme brach und er sank in den Stuhl zurück. Burkhardt war
todesblaß geworden. Es stand ja viel schlimmer, als er gedacht hatte!
Daß dieser stolze, harte Mensch durch ein paar Gläser Wein zum wehrlosen
Geständnis seines heimlichen Makels und Elends verführt werden konnte!
Er stand neben Veraguth und sprach ihm leise ins Ohr wie einem Kinde,
das man trösten muß.
„Ich helfe dir, Johann, du kannst mir glauben, ich helfe dir. Ich war ja
ein Esel, ich war ja so blind und dumm! Sieh, es wird noch alles gut,
verlaß dich drauf!“
Er erinnerte sich seltener Anlässe aus der Jugendzeit, bei welchen sein
Freund in Zuständen großer Nervosität die Herrschaft über sich verloren
hatte. Mit wunderlicher Deutlichkeit stand ein solches Erlebnis, das
tief in seinem Gedächtnis geschlummert hatte, jetzt wieder vor ihm auf.
Johann verkehrte damals mit einer hübschen Malschülerin, Otto hatte sich
wegwerfend über sie ausgesprochen, und Veraguth hatte ihm in der
heftigsten Weise die Freundschaft aufgesagt. Auch damals hatte der Maler
sich an einer geringen Menge Weines unverhältnismäßig erhitzt, auch
damals hatte er die roten Augen bekommen und die Gewalt über seine
Stimme verloren. Es ergriff den Freund sonderbar, vergessene Züge einer
scheinbar wolkenlosen Vergangenheit so seltsam wiederkehren zu sehen,
und wieder wie damals erschreckte ihn der plötzlich enthüllte Abgrund
von innerer Vereinsamung und seelischer Selbstpeinigung in Veraguths
Leben. Das war ohne Zweifel jenes Geheimnis, von dem Johann je und je in
Andeutungen gesprochen und das er in jedes großen Künstlers Seele
verborgen vermutet hatte. Daher also kam diesem Manne der unheimlich
unersättliche Drang, zu schaffen und die Welt zu jeder Stunde neu mit
seinen Sinnen zu erfassen und zu überwältigen. Daher kam schließlich
auch die sonderbare Traurigkeit, mit welcher häufig große Kunstwerke den
stillen Beschauer erfüllen konnten.
Es war, als habe Otto seinen Freund bis zur Stunde nie ganz verstanden.
Nun sah er tief in den dunkeln Brunnen, aus dem Johanns Seele sich mit
Kräften und mit Leiden sättigte. Und zugleich empfand er einen tiefen,
freudigen Trost darüber, daß er es war, der alte Freund, dem sich der
Leidende eröffnet, den er angeklagt, den er um Hilfe gebeten hatte.
Veraguth schien nicht mehr zu wissen, was er gesagt hatte. Er ruhte
besänftigt wie ein Kind, das sich ausgetobt hat, und schließlich sagte
er mit klarer Stimme: „Du hast diesmal kein Glück mit mir. Es kommt
alles nur davon her, daß ich in der letzten Zeit nicht meine tägliche
Arbeit gehabt habe. Es ist eine Nervenverstimmung. Ich vertrage die
guten Tage nicht.“
Und als Burkhardt ihn daran hindern wollte, die zweite Flasche zu
öffnen, meinte er: „Ich könnte jetzt doch nicht schlafen. Weiß Gott,
woher ich so nervös bin! Na, laß uns noch ein bißchen zechen, du warst
doch früher darin nicht so spröde. – Ah, du meinst, wegen meiner Nerven!
Ich werde sie schon wieder in Ordnung bringen, darin habe ich Erfahrung.
Ich werde in der nächsten Zeit jeden Morgen um sechs an die Arbeit gehen
und jeden Abend eine Stunde reiten.“
So blieben die Freunde bis gegen Mitternacht beieinander. Johann wühlte
plaudernd in Erinnerungen der alten Zeit, Otto hörte zu und sah mit
beinahe widerwilligem Vergnügen eine blanke, fröhlich spiegelnde
Oberfläche sich beruhigt schließen, wo er eben noch in aufgerissene
dunkle Gründe geblickt hatte.