Burkhardt saß in einem gelben Korbsessel bequem zurückgelehnt, den
großen Panamahut auf dem Hinterkopf, eine Zeitschrift in den Händen,
rauchend und lesend in der hell von der Sonne durchschienenen Laube an
der Westseite des Atelierhauses, und nahe dabei hockte Veraguth auf
einem niedrigen Klappstühlchen und hatte die Staffelei vor sich. Die
Figur des Lesenden war aufgezeichnet, die großen Farbflecken standen
fest, nun malte er am Gesicht und das ganze Bild frohlockte in hellen,
leichten, durchsonnten, doch maßvollen Tönen. Es roch würzig nach
Ölfarbe und Havannarauch, Vögel taten verborgen im Laub ihre dünnen,
mittäglich gedämpften Schreie und sangen schläfrig-träumerische
Plaudertöne. Am Boden kauerte Pierre mit einer großen Landkarte, auf der
sein dünner Zeigefinger nachdenkliche Reisen betrieb.
„Nicht einschlafen!“ schrie der Maler mahnend.
Burkhardt blinzelte ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.
„Wo bist du jetzt, Pierre?“ fragte er den Knaben.
„Warte, ich muß erst lesen,“ gab Pierre eifrig Antwort, und
buchstabierte auf seiner Karte einen Namen heraus. „In Lu – in Luz – Luz
– in Luzern. Da ist ein See oder ein Meer. Ist der größer als unser See,
Onkel?“
„Viel größer! zwanzigmal größer! Du mußt einmal hingehen.“
„O ja. Wenn ich ein Automobil habe, dann fahre ich nach Wien und nach
Luzern und an die Nordsee und nach Indien, da wo dein Haus ist. Bist du
dann auch zu Hause?“
„Gewiß, Pierre. Ich bin immer zu Hause, wenn Gäste zu mir kommen. Dann
gehen wir zu meinem Affen, der heißt Pendek und hat keinen Schwanz, aber
einen schneeweißen Backenbart, und dann nehmen wir Flinten und fahren im
Boot auf dem Fluß und schießen ein Krokodil.“
Pierre wiegte voll Vergnügen seinen schlanken Oberkörper hin und her.
Der Onkel aber erzählte weiter von seiner Rodung im malaiischen Urwald,
und er sprach so hübsch und so lange, daß der Kleine schließlich müde
wurde und nimmer folgen konnte. Er studierte zerstreut an seiner Karte
weiter, sein Vater aber hörte desto aufmerksamer auf den eifrig
plaudernden Freund, der in lässigem Behagen von Arbeit und Jagd, von
Ausflügen auf Pferden und in Booten, von hübschen leichten Kulidörfern
aus Bambusrohr und von Affen, Reihern, Adlern, Schmetterlingen
berichtete und sein stilles, weltfremdes, tropisches Waldleben so
verführerisch und heimlich auftat, daß es dem Maler schien, er sähe
durch einen Spalt in ein reiches, farbenschönes, seliges Paradiesland
hinein. Er hörte von stillen, großen Strömen im Urwald, von baumhohen
Farnwildnissen und weiten wehenden Ebenen voll von mannshohem
Lalanggras, er hörte von farbigen Abenden am Meeresufer, den
Koralleninseln und blauen Vulkanen gegenüber, von wilden, rasenden
Regenstürzen und flammenden Gewittern, von träumerisch beschaulichem
Hindämmern heißer Tage auf den breiten, schattigen Veranden der weißen
Pflanzerhäuser, vom Gewühl chinesischer Stadtstraßen und von abendlichen
Ruhestunden der Malaien am flachen, steinernen Teich vor der Moschee.
Wieder, wie früher schon manchesmal, erging sich Veraguths Phantasie in
der fernen Heimat seines Freundes, und er wußte nicht, wie sehr die
Verlockung und stille Lüsternheit seiner Seele den verborgenen Absichten
Burkhardts entgegenkam. Es war nicht allein der Schimmer tropischer
Meere und Inselküsten, der Reichtum der Wälder und Ströme, die
Farbigkeit halbnackter Naturvölker, die ihm Sehnsucht schuf und ihn mit
Bildern berückte. Es war noch mehr die Ferne und Stille einer Welt, in
der seine Leiden, Sorgen, Kämpfe und Entbehrungen fremd und fern und
blaß werden mußten, wo hundert kleine tägliche Lasten von der Seele
fallen und eine neue, noch reine, schuldlose, leidlose Atmosphäre ihn
aufnehmen würde.
Der Nachmittag verging, die Schatten wanderten. Pierre war längst
weggelaufen, Burkhardt allmählich still geworden und endlich eingenickt,
das Bild aber war nahezu fertig und der Maler schloß eine Weile die
ermüdeten Augen, ließ die Hände sinken und atmete minutenlang mit
beinahe schmerzlicher Inbrunst die tiefe sonnige Stille der Stunde, die
Nähe des Freundes, die beruhigte Ermüdung nach einer geglückten Arbeit
und die Hingenommenheit der erschlafften Nerven. Das war, neben dem
Rausch des Zugreifens und schonungslosen Arbeitens, seit langem wohl
sein tiefster und tröstlichster Genuß, diese milden Augenblicke müder
Entspannung, ähnlich den ruhevoll vegetativen Dämmerzuständen zwischen
Schlaf und Erwachen.
Er stand leise auf, um Burkhardt nicht zu wecken, und trug die Leinwand
vorsichtig in das Atelier. Dort legte er den leinenen Malrock ab, wusch
die Hände und badete die leicht überanstrengten Augen in kaltem Wasser.
Eine Viertelstunde später stand er wieder draußen, blickte dem
schlummernden Gast einen Moment prüfend ins Gesicht und weckte ihn dann
durch den alten Pfiff, den sie schon vor fünfundzwanzig Jahren
untereinander als Geheimsignal und Erkennungszeichen eingeführt hatten.
„Falls du ausgeschlafen hast, Junge,“ bat er ermunternd, „könntest du
mir jetzt noch ein bißchen von drüben erzählen, ich konnte während der
Arbeit nur halb zuhören. Du sagtest auch etwas von Photographien; hast
du die bei dir und können wir sie ansehen?“
„Gewiß können wir das, komm nur mit!“
Auf diese Stunde hatte Otto Burkhardt seit mehreren Tagen gewartet. Es
war seit vielen Jahren sein Wunsch, Veraguth einmal mit sich nach
Ostasien zu locken und ihn eine Weile drüben bei sich zu haben. Diesmal,
da es ihm die letzte Gelegenheit zu sein schien, hatte er sich mit der
durchdachtesten Planmäßigkeit darauf vorbereitet. Als die beiden Männer
in Burkhardts Zimmer beisammen saßen und im abendlichen Licht über
Indien plauderten, zog er immer neue Albume und Mappen mit Photographien
aus seinem Koffer. Der Maler war über die Fülle entzückt und erstaunt,
Burkhardt blieb ruhig und schien allen den Blättern keinen besonderen
Wert beizulegen, und doch wartete er heimlich auf ihre Wirkung mit der
heftigsten Spannung.
„Was für schöne Aufnahmen das sind!“ rief Veraguth in hellem Vergnügen.
„Hast du die alle selber gemacht?“
„Zum Teil, ja,“ sagte Burkhardt trocken, „manche sind auch von meinen
Bekannten draußen. Ich wollte dir nur einmal eine Ahnung davon geben,
wie es bei uns etwa aussieht.“
Er sagte es obenhin und legte die Blätter gleichmütig zu Stößen, und
Veraguth konnte nicht ahnen, wie sorglich und mühsam er diese Sammlung
zustande gebracht hatte. Er hatte viele Wochen lang einen jungen
englischen Photographen aus Singapore und später einen Japaner aus
Bangkok bei sich gehabt, und sie hatten vom Meer bis in die tiefsten
Wälder hinein auf vielen Ausflügen und kleinen Reisen alles aufgesucht
und photographiert, was irgend schön und bemerkenswert schien,
schließlich waren die Bilder mit der äußersten Sorgfalt entwickelt und
kopiert worden. Sie waren Burkhardts Köder, und er sah mit tiefer
Erregung zu, wie sein Freund anbiß und sich festsog. Er zeigte Bilder
von Häusern, Straßen, Dörfern, Tempeln, Bilder von fabelhaften
Batuhöhlen bei Kuala-Lumpur und der wildschönen, brüchigen Kalk- und
Marmorberge in der Gegend von Ipoh, und als Veraguth zwischenein fragte,
ob nicht auch Aufnahmen von Eingeborenen dabei seien, kramte er Bilder
von Malaien, Chinesen, Tamilen, Arabern, Javanern hervor, nackte
athletische Hafenkuli, dürre alte Fischer, Jäger, Bauern, Weber,
Händler, schöne goldgeschmückte Weiber, dunkle nackte Kindergruppen,
Fischer mit Netzen, Sakeys mit Ohrringen, welche die Nasenflöte
spielten, und javanische Tänzerinnen in starrendem Silberschmuck. Er
hatte Aufnahmen von allen Palmenarten, von großblättrigen saftigen
Pisangbäumen, von Urwaldwinkeln mit tausendfältigem Schlinggewächse, von
heiligen Tempelhainen und Schildkrötenteichen, von Wasserbüffeln in
nassen Reisfeldern, von zahmen Elefanten bei der Arbeit und von wilden,
die im Wasser spielten und trompetende Rüssel gen Himmel streckten.
Der Maler nahm Bild für Bild in die Hand. Viele schob er nach einem
kurzen Blick beiseite, manche legte er vergleichend nebeneinander,
einzelne Figuren und Köpfe betrachtete er scharf durch die hohle Hand.
Er fragte bei vielen Aufnahmen, um welche Tageszeit sie gemacht seien,
er maß Schatten aus und versank immer tiefer in ein grüblerisches
Anschauen.
„Man könnte das alles malen,“ murmelte er einmal abwesend vor sich hin.
„Genug!“ rief er schließlich aufatmend. „Du mußt mir noch eine Menge
erzählen. Es ist herrlich, dich hier zu haben! Ich sehe alles wieder
ganz anders. Komm, wir gehen noch eine Stunde spazieren, ich will dir
etwas Hübsches zeigen.“
Angeregt und von aller Müdigkeit befreit zog er Burkhardt mit sich und
spazierte mit ihm eine Strecke auf der Landstraße feldeinwärts,
heimkehrenden Heuwagen entgegen. Er atmete den warmen satten Heugeruch
mit Wonne ein, dabei flog eine Erinnerung ihn an.
„Erinnerst du dich,“ fragte er lachend, „an den Sommer nach meinem
ersten Akademiesemester, wie wir miteinander auf dem Lande waren? Da
malte ich Heu, nichts als lauter Heu, weißt du noch? Ich hatte mich zwei
Wochen lang abgemüht, ein paar Heuhaufen auf einer Bergwiese zu malen,
und es ging und ging nicht, ich brachte die Farbe nicht heraus, das
stumpfe matte Heugrau! Und als ich es schließlich doch hatte – es war
noch nicht übermäßig delikat, aber ich wußte nun, daß es aus Rot und
Grün gemischt sein mußte – da war ich so froh, daß ich nichts mehr sah
als lauter Heu. Ach, das ist schön, so ein erstes Probieren und Suchen
und Finden!“
„Ich denke, man lernt nie aus,“ meinte Otto.
„Natürlich nicht. Aber die Sachen, die mich jetzt plagen, die haben
nichts mit der Technik zu tun. Weißt du, seit ein paar Jahren passiert
es mir immer häufiger, daß ich bei irgendeinem Anblick plötzlich an
meine Knabenzeit denken muß. Damals sah alles anders aus, und etwas
davon möchte ich einmal malen können. Für ein paar Minuten habe ich es
manchmal wiedergefunden, daß plötzlich alles den sonderbaren Schimmer
wieder hat – aber das reicht noch nicht. Wir haben so viele gute Maler,
feine, delikate Leute, die die Welt so malen, wie ein kluger, feiner,
bescheidener alter Herr sie sieht. Aber wir haben keinen, der sie malt,
wie ein frischer, herrschsüchtiger, rassiger Bub sie sieht, oder die,
die es so versuchen, sind meistens schlechte Handwerker.“
Er riß in Gedanken verloren eine rötlich blaue Skabiose am Feldrande ab
und starrte sie an.
„Langweilt es dich?“ fragte er plötzlich wie erwachend und blickte
mißtrauisch herüber.
Otto lächelte ihm schweigend zu.
„Sieh,“ fuhr der Maler fort, „eins von den Bildern, die ich noch malen
möchte, ist ein Strauß von Wiesenblumen. Du mußt wissen, meine Mutter
konnte solche Sträuße machen, wie ich keine mehr sah, sie war ein Genie
darin. Sie war wie ein Kind und sang fast immer, sie ging ganz leicht
und hatte einen großen bräunlichen Strohhut auf, ich sehe sie im Traum
nie anders als so. Einen solchen Feldblumenstrauß möchte ich einmal
malen, wie sie sie gern hatte: Skabiosen und Schafgarbe und kleine rosa
Winden, dazwischen ein paar feine Gräser und eine grüne Haferähre
gesteckt. Ich habe hundert solche Sträuße heimgebracht, aber es ist noch
nicht der rechte, es muß der ganze Duft drin sein und er muß sein, wie
wenn sie ihn selber gemacht hätte. Die weißen Schafgarben gefielen ihr
zum Beispiel nicht, sie nahm nur die feinen, seltenen, mit einem Anflug
von lila, und sie wählte einen halben Nachmittag zwischen tausend
Gräsern, ehe sie sich für eins entschied – – Ach, ich kann es nicht
sagen, du verstehst das ja nicht.“
„Ich verstehe schon,“ nickte Burkhardt.
„Ja, an diesen Feldblumenstrauß denke ich manchmal halbe Tage lang. Ich
weiß genau, wie das Bild werden müßte. Nicht dieses wohlbekannte
Stückchen Natur, gesehen von einem guten Beobachter und vereinfacht von
einem guten, schneidigen Maler, aber auch nicht sentimental und
holdselig wie von einem sogenannten Heimatkünstler. Es muß ganz naiv
sein, so wie begabte Kinder sehen, unstilisiert und voller Einfachheit.
Das Nebelbild mit den Fischen, das im Atelier steht, ist gerade das
Gegenteil davon – aber man muß beides können ... Ach, ich will noch viel
malen, noch viel!“
Er bog in einen schmalen Wiesenweg ein, der leicht bergan auf einen
runden, sanften Hügel führte.
„Jetzt paß auf!“ mahnte er eifrig und spähte wie ein Jäger vor sich in
die Luft. „Sobald wir oben sind! Das werde ich in diesem Herbst malen.“
Sie erreichten die Anhöhe. Jenseits hielt ein laubiges Gehölz, abendlich
schräg durchlichtet, den Blick auf, der, von der klaren Wiesenfreiheit
verwöhnt, nur langsam sich durch die Bäume fand. Ein Weg mündete unter
hohen Buchen, eine steinerne, bemooste Bank darunter, und dem Wege
folgend, fand das Auge einen Durchblick offen, über die Bank hinweg
durch eine dunkle Bahn von Baumkronen tat sich frisch und leuchtend eine
tiefe Ferne auf, ein Tal voll von Gebüsch und Weidenwuchs, der gekrümmte
Fluß blaugrün funkelnd, und ganz ferne verlorene Hügelzüge weit bis in
die Unendlichkeit.
Veraguth deutete hinab.
„Das werde ich malen, sobald die Buchen anfangen farbig zu werden. Und
auf die Bank setze ich Pierre in den Schatten, so daß man an seinem Kopf
vorbei in das Tal dort hinunter sieht.“
Burkhardt schwieg und hörte seinem Freunde zu, im Herzen voll Mitleid.
Wie er mich anlügen will! dachte er mit heimlichem Lächeln. Wie er von
Plänen und Arbeiten spricht! Früher tat er das nie. Es sah aus, als
wolle er sorgfältig alles herzählen, woran er etwa noch Freude hatte und
was ihn noch mit dem Leben versöhnte. Der Freund kannte ihn und kam ihm
nicht entgegen. Er wußte, es konnte nicht lange mehr dauern, bis Johann
das in Jahren Gehäufte von sich werfen und sich von einem unerträglich
gewordenen Schweigen erlösen würde. So ging er abwartend mit scheinbarer
Gelassenheit nebenher, immerhin traurig verwundert, daß auch ein so
überlegener Mensch im Unglück kindlich werde und mit verbundenen Augen
und Händen durch die Dornen wandle.
Als sie nach Roßhalde zurückkamen und nach Pierre fragten, hörten sie,
er sei mit Frau Veraguth nach der Stadt gefahren, um Herrn Albert
abzuholen.