Robert war in dem kleinen Nebenraum beim Atelier damit beschäftigt, eine
Palette und ein Bündel Pinsel auszuwaschen. Da erschien in der offenen
Türe der kleine Pierre. Er blieb stehen und sah zu.
„Das ist eine dreckige Arbeit,“ urteilte er nach einer kleinen Weile.
„Überhaupt, malen ist ja ganz schön, aber ich möchte doch nie ein Maler
werden.“
„Na, überleg dir das noch einmal,“ meinte Robert. „Wo doch dein Vater so
ein berühmter Maler ist.“
„Nein,“ entschied der Knabe, „es wäre nichts für mich. Man ist immerzu
schmierig, und die Farben riechen auch so furchtbar stark. Ein bißchen
davon rieche ich sehr gern, zum Beispiel an einem frischen Bild, wenn es
in einem Zimmer hängt und nur so ganz fein nach Farbe riecht; aber im
Atelier, das wäre mir zuviel, da bekäme ich Kopfweh.“
Der Diener sah ihn prüfend an. Eigentlich hätte er dem verwöhnten Kinde
schon längst einmal seine Meinung sagen mögen, er hatte viel an ihm zu
tadeln. Aber wenn Pierre da war und man ihm ins Gesicht sah, dann ging
es doch nicht an. Der Kleine war so frisch und hübsch und ernsthaft, als
wäre an ihm und in ihm absolut alles in Ordnung, und gerade der kleine
Zug von herrischer Blasiertheit oder Altklugheit stand ihm merkwürdig
gut an.
„Was möchtest du denn eigentlich werden, Junge?“ fragte Robert ein wenig
streng.
Pierre blickte zu Boden und besann sich.
„Ach, ich möchte eigentlich gar nichts Besonderes werden, weißt du. Ich
möchte nur, daß ich mit der Schule fertig wäre. Im Sommer möchte ich
bloß ganz weiße Kleider tragen, auch weiße Schuhe, und es dürfte gar nie
der kleinste Fleck daran sein.“
„So, so,“ tadelte Robert. „So sagst du jetzt. Aber neulich, als wir dich
mit hatten, war auf einmal dein weißes Zeug voller Kirschenflecken und
Grasflecken, und den Hut hattest du überhaupt verloren. Weißt du noch?“
Pierre wurde kühl. Er schloß die Augen bis auf einen kleinen Schlitz und
starrte durch seine langhaarigen Wimpern.
„Für das hat mich meine Mama damals so gescholten,“ sagte er langsam,
„und ich glaube nicht, daß sie dir Auftrag gegeben hat, es mir wieder
vorzuhalten und mich damit zu quälen.“
Robert lenkte schon ein.
„Also du möchtest immer weiße Kleider anhaben und sie gar nie schmutzig
machen?“
„Doch, manchmal schon. Du verstehst mich gar nicht! Natürlich möchte ich
manchmal im Gras herumliegen, oder im Heu, oder über die Pfützen
wegspringen oder auf einen Ast klettern. Das ist doch klar. Aber wenn
ich einmal wild gewesen bin und ein bißchen getobt habe, dann möchte ich
nicht gescholten werden. Ich möchte dann bloß ganz still in mein Zimmer
gehen und reine, frische Kleider anlegen, und dann wäre es wieder gut. –
Weißt du, Robert, ich glaube wirklich, das Schelten hat gar keinen
Wert.“
„Das könnte dir passen, gelt? Warum denn?“
„Ja, sieh: wenn man etwas getan hat, was nicht recht ist, dann weiß man
es gleich nachher doch selber und schämt sich. Wenn ich gescholten
werde, schäme ich mich viel weniger. Und manchmal wird man doch auch
gescholten, wenn man gar nichts Schlimmes getan hat, bloß weil man nicht
gleich da war, wenn jemand rief, oder weil Mama gerade ärgerlich ist.“
„Du mußt es ineinander rechnen, mein Junge,“ lachte Robert, „dafür tust
du gewiß nicht wenig Schlimmes, was niemand sieht und wofür niemand dich
schilt.“
Pierre gab keine Antwort. Es war immer dasselbe. Wenn man sich einmal
hinreißen ließ, mit einem Erwachsenen über etwas zu reden, was einem
wirklich wichtig war, dann endete es immer mit einer Enttäuschung oder
gar mit einer Demütigung.
„Ich möchte das Bild noch einmal sehen,“ sagte er in einem Ton, der ihn
plötzlich von dem Diener weit entfernte und den Robert ebensowohl für
herrisch wie für bittend halten konnte. „Gelt, laß mich noch einen
Augenblick hinein.“
Robert gehorchte. Er schloß die Ateliertüre auf, ließ Pierre eintreten
und kam selber mit, denn es war ihm streng verboten, irgend jemand
allein hier drinnen zu lassen.
Auf der Staffelei in der Mitte des großen Raumes stand ins Licht gerückt
und in einen provisorischen Goldrahmen gepaßt das neue Bild Veraguths.
Pierre stellte sich davor auf. Robert blieb hinter ihm stehen.
„Gefällt es dir, Robert?“
„Natürlich gefällt’s mir. Da müßte ich ja ein Narr sein!“
Pierre blinzelte das Bild an.
„Ich glaube,“ sagte er nachdenklich, „man könnte mir viele Bilder zeigen
und ich würde es gleich herauskennen, wenn eins vom Papa dabei wäre.
Darum habe ich die Bilder gern, ich spüre, daß Papa sie gemacht hat.
Aber eigentlich gefallen sie mir nur halb.“
„Red keine dummen Sachen!“ mahnte Robert ganz erschrocken und sah den
Knaben vorwurfsvoll an, der jedoch unbewegt mit zwinkernden Augen vor
dem Bilde stehen blieb.
„Schau,“ sagte er, „im Hause drüben sind ein paar alte Bilder, die
gefallen mir viel besser. Solche Bilder will ich später einmal haben.
Zum Beispiel Berge, wenn die Sonne untergeht, und alles ist ganz rot und
goldig, und hübsche Kinder und Frauen und Blumen. Das ist doch
eigentlich viel netter als so ein alter Fischer, der nicht einmal ein
rechtes Gesicht hat, und so ein schwarzes, langweiliges Boot, nicht?“
Robert war in seinem Innern durchaus derselben Meinung und wunderte sich
über den Freimut des Knaben, der ihn eigentlich freute. Er gab das aber
nicht zu.
„Das verstehst du noch nicht recht,“ sagte er kurz. „Komm jetzt, ich muß
wieder abschließen.“
In diesem Augenblick drang ein plötzliches pustendes und knirschendes
Geräusch vom Hause herüber.
„O, ein Automobil!“ rief Pierre freudig und lief hinaus, unter den
Kastanien durch in lauter verbotenen Abkürzungen quer über die
Rasenplätze und mit Sprüngen über die Blumenrabatten hinweg. Atemlos kam
er auf dem Kiesplatz vor dem Hause an und eben noch recht, um aus dem
Wagen seinen Vater und einen fremden Herrn steigen zu sehen.
„Hallo, Pierre,“ rief Papa und fing ihn in den Armen auf. „Da ist ein
Onkel angekommen, den du nimmer kennst. Gib ihm die Hand und frag ihn,
wo er herkommt.“
Der Knabe faßte den Fremden fest ins Auge. Er gab dem Manne die Hand und
sah in ein rotbraunes Gesicht und in helle, vergnügte, graue Augen.
„Wo kommst du her, Onkel?“ fragte er gehorsam.
Der Fremde nahm ihn auf die Arme.
„Junge, du bist mir zu schwer geworden,“ rief er munter seufzend und
ließ ihn wieder los. „Wo ich herkomme? Von Genua, und vorher von Suez,
und vorher von Aden, und vorher von – – –“
„O, von Indien, ich weiß, ich weiß! Und du bist der Onkel Otto
Burkhardt. Hast du mir einen Tiger mitgebracht, oder Kokosnüsse?“
„Der Tiger ist mir wieder davongelaufen, aber Kokosnüsse kannst du
haben, und auch Muscheln und chinesische Bilderbogen.“
Sie gingen durch die Haustüre und Veraguth führte seinen Freund die
Treppe hinauf. Er legte ihm, der ein gutes Stück größer war als er,
zärtlich eine Hand auf die Schulter. Oben im Korridor kam ihnen die
Hausfrau entgegen. Auch sie begrüßte den Gast, dessen frohes, gesundes
Gesicht sie an unwiederbringliche freudige Zeiten in vergangenen Jahren
erinnerte, mit einer gemessenen, doch aufrichtigen Herzlichkeit. Er
behielt ihre Hand einen Augenblick in der seinen und sah ihr ins
Gesicht.
„Sie sind nicht älter geworden, Frau Veraguth,“ rief er lobend, „Sie
haben sich besser gehalten als Johann.“
„Und Sie sind ganz unverändert,“ sagte sie freundlich.
Er lachte.
„O ja, die Fassade ist immer noch blühend, aber das Tanzen habe ich so
allmählich doch aufgegeben. Es hat ohnehin zu nichts geführt, ich bin
immer noch Junggeselle.“
„Ich hoffe, Sie sind diesmal zur Brautschau herübergekommen.“
„Nein, gnädige Frau, das ist nun einmal verpaßt. Ich mag mir das hübsche
Europa auch nicht verderben. Sie wissen, ich habe Verwandte und
entwickle mich allmählich zum Erbonkel. Mit einer Frau dürfte ich mich
in der Heimat gar nimmer sehen lassen.“
In Frau Veraguths Zimmer war der Kaffee serviert. Man trank Kaffee und
Likör und plauderte eine Stunde, von der Seereise, von Gummipflanzungen,
über chinesisches Porzellan. Der Maler war anfangs still und etwas
bedrückt, er hatte dies Zimmer seit Monaten nicht mehr betreten. Aber es
ging alles gut und mit Ottos Gegenwart schien eine leichte, frohere,
kindlichere Atmosphäre in das Haus gekommen zu sein.
„Ich glaube, jetzt möchte meine Frau gerne ein bißchen ruhen,“ sagte der
Maler schließlich. „Ich will dir deine Zimmer zeigen, Otto.“
Sie verabschiedeten sich und gingen nach den Gastzimmern. Veraguth hatte
zwei Stuben für seinen Freund hergerichtet und ihre ganze Einrichtung
selber besorgt, die Möbel gestellt und an alles gedacht, von den Bildern
an der Wand bis zur Auswahl der Bücher im Schaft. Überm Bett hing eine
alte, bleichgewordene Photographie, ein drollig rührendes Institutsbild
aus den siebziger Jahren. Das fiel dem Gast ins Auge und er trat näher,
um es zu betrachten.
„Herrgott,“ rief er überrascht, „das sind ja wir, alle sechzehn von
damals! Junge, du bist rührend. Ich habe das Ding seit zwanzig Jahren
nimmer gesehen.“
Veraguth lächelte.
„Ja, ich dachte, es würde dir Spaß machen. Hoffentlich findest du alles,
was du brauchst. Willst du gleich auspacken?“
Burkhardt setzte sich breit auf einen mächtigen, mit Kupferecken
beschlagenen Schiffskoffer und blickte zufrieden um sich.
„Fein ist’s hier. Und wo bist du zu Haus? Nebenan? Oder oben?“
Der Maler spielte mit dem Griff einer Ledertasche.
„Nein,“ sagte er leichthin. „Ich wohne jetzt drüben, beim Atelier. Ich
habe angebaut.“
„Das mußt du mir nachher zeigen. Aber – – schläfst du auch drüben?“
Veraguth ließ die Tasche stehen und drehte sich um.
„Ja, ich schlafe auch drüben.“
Sein Freund schwieg und besann sich. Dann griff er in die Tasche und zog
einen dicken Schlüsselbund hervor, mit dem er zu rasseln anfing.
„Du, wir wollen mal ein bißchen auspacken, nicht? Du könntest gehen und
den Jungen holen, es wird ihm Spaß machen.“
Veraguth lief alsbald hinaus und kam bald mit Pierre wieder.
„Du hast schöne Koffer, Onkel Otto, ich habe sie schon angesehen. Und
soviel Zettel drauf. Ich habe ein paar davon gelesen. Auf einem steht
Penang. Was heißt das: Penang?“
„Das ist eine Stadt in Hinterindien, wo ich manchmal hinkomme. Paß mal
auf, jetzt darfst du hier aufmachen.“
Er gab dem Kinde einen flachen, vielzackigen Schlüssel und ließ ihn die
Schlösser eines Koffers öffnen. Dann ward der Deckel aufgeklappt, und
gleich das erste, was obenauf lag und in die Augen stach, war ein
umgekehrter, flacher Korb von bunter, malaiischer Flechtarbeit, der
wurde umgedreht und von Papieren befreit, und innen lagen zwischen
Papieren und Lappen die schönsten phantastischen Muscheln, wie man sie
in exotischen Hafenstädten zu kaufen bekommt.
Pierre bekam die Muscheln geschenkt und wurde ganz still vor Glück, und
den Muscheln folgte ein großer ebenhölzerner Elefant und ein
chinesisches Spielzeug mit beweglichen grotesken Holzfiguren, und
schließlich eine Rolle greller, leuchtender chinesischer Bilderbogen,
voll von Göttern, Teufeln, Königen, Kriegern und Drachen.
Während der Maler dem Knaben diese Dinge bestaunen half, packte
Burkhardt die Ledertasche aus und verteilte Nachtschuhe, Wäsche, Bürsten
und dergleichen Dinge im Schlafzimmer. Dann kehrte er zu den beiden
zurück.
„So,“ sagte er ermunternd, „genug gearbeitet für heute. Nun das
Vergnügen. Können wir jetzt einmal ins Atelier gehen?“
Pierre blickte empor und wieder, wie bei der Ankunft des Wagens,
betrachtete er mit Verwunderung das bewegte und freudig verjüngte
Gesicht seines Vaters.
„Du bist so lustig, Papa,“ sagte er anerkennend.
„Jawohl,“ nickte Veraguth.