Zweites Kapitel

Robert war in dem kleinen Nebenraum beim Atelier damit beschäftigt, eine

Palette und ein Bündel Pinsel auszuwaschen. Da erschien in der offenen

Türe der kleine Pierre. Er blieb stehen und sah zu.

„Das ist eine dreckige Arbeit,“ urteilte er nach einer kleinen Weile.

„Überhaupt, malen ist ja ganz schön, aber ich möchte doch nie ein Maler

werden.“

„Na, überleg dir das noch einmal,“ meinte Robert. „Wo doch dein Vater so

ein berühmter Maler ist.“

„Nein,“ entschied der Knabe, „es wäre nichts für mich. Man ist immerzu

schmierig, und die Farben riechen auch so furchtbar stark. Ein bißchen

davon rieche ich sehr gern, zum Beispiel an einem frischen Bild, wenn es

in einem Zimmer hängt und nur so ganz fein nach Farbe riecht; aber im

Atelier, das wäre mir zuviel, da bekäme ich Kopfweh.“

Der Diener sah ihn prüfend an. Eigentlich hätte er dem verwöhnten Kinde

schon längst einmal seine Meinung sagen mögen, er hatte viel an ihm zu

tadeln. Aber wenn Pierre da war und man ihm ins Gesicht sah, dann ging

es doch nicht an. Der Kleine war so frisch und hübsch und ernsthaft, als

wäre an ihm und in ihm absolut alles in Ordnung, und gerade der kleine

Zug von herrischer Blasiertheit oder Altklugheit stand ihm merkwürdig

gut an.

„Was möchtest du denn eigentlich werden, Junge?“ fragte Robert ein wenig

streng.

Pierre blickte zu Boden und besann sich.

„Ach, ich möchte eigentlich gar nichts Besonderes werden, weißt du. Ich

möchte nur, daß ich mit der Schule fertig wäre. Im Sommer möchte ich

bloß ganz weiße Kleider tragen, auch weiße Schuhe, und es dürfte gar nie

der kleinste Fleck daran sein.“

„So, so,“ tadelte Robert. „So sagst du jetzt. Aber neulich, als wir dich

mit hatten, war auf einmal dein weißes Zeug voller Kirschenflecken und

Grasflecken, und den Hut hattest du überhaupt verloren. Weißt du noch?“

Pierre wurde kühl. Er schloß die Augen bis auf einen kleinen Schlitz und

starrte durch seine langhaarigen Wimpern.

„Für das hat mich meine Mama damals so gescholten,“ sagte er langsam,

„und ich glaube nicht, daß sie dir Auftrag gegeben hat, es mir wieder

vorzuhalten und mich damit zu quälen.“

Robert lenkte schon ein.

„Also du möchtest immer weiße Kleider anhaben und sie gar nie schmutzig

machen?“

„Doch, manchmal schon. Du verstehst mich gar nicht! Natürlich möchte ich

manchmal im Gras herumliegen, oder im Heu, oder über die Pfützen

wegspringen oder auf einen Ast klettern. Das ist doch klar. Aber wenn

ich einmal wild gewesen bin und ein bißchen getobt habe, dann möchte ich

nicht gescholten werden. Ich möchte dann bloß ganz still in mein Zimmer

gehen und reine, frische Kleider anlegen, und dann wäre es wieder gut. –

Weißt du, Robert, ich glaube wirklich, das Schelten hat gar keinen

Wert.“

„Das könnte dir passen, gelt? Warum denn?“

„Ja, sieh: wenn man etwas getan hat, was nicht recht ist, dann weiß man

es gleich nachher doch selber und schämt sich. Wenn ich gescholten

werde, schäme ich mich viel weniger. Und manchmal wird man doch auch

gescholten, wenn man gar nichts Schlimmes getan hat, bloß weil man nicht

gleich da war, wenn jemand rief, oder weil Mama gerade ärgerlich ist.“

„Du mußt es ineinander rechnen, mein Junge,“ lachte Robert, „dafür tust

du gewiß nicht wenig Schlimmes, was niemand sieht und wofür niemand dich

schilt.“

Pierre gab keine Antwort. Es war immer dasselbe. Wenn man sich einmal

hinreißen ließ, mit einem Erwachsenen über etwas zu reden, was einem

wirklich wichtig war, dann endete es immer mit einer Enttäuschung oder

gar mit einer Demütigung.

„Ich möchte das Bild noch einmal sehen,“ sagte er in einem Ton, der ihn

plötzlich von dem Diener weit entfernte und den Robert ebensowohl für

herrisch wie für bittend halten konnte. „Gelt, laß mich noch einen

Augenblick hinein.“

Robert gehorchte. Er schloß die Ateliertüre auf, ließ Pierre eintreten

und kam selber mit, denn es war ihm streng verboten, irgend jemand

allein hier drinnen zu lassen.

Auf der Staffelei in der Mitte des großen Raumes stand ins Licht gerückt

und in einen provisorischen Goldrahmen gepaßt das neue Bild Veraguths.

Pierre stellte sich davor auf. Robert blieb hinter ihm stehen.

„Gefällt es dir, Robert?“

„Natürlich gefällt’s mir. Da müßte ich ja ein Narr sein!“

Pierre blinzelte das Bild an.

„Ich glaube,“ sagte er nachdenklich, „man könnte mir viele Bilder zeigen

und ich würde es gleich herauskennen, wenn eins vom Papa dabei wäre.

Darum habe ich die Bilder gern, ich spüre, daß Papa sie gemacht hat.

Aber eigentlich gefallen sie mir nur halb.“

„Red keine dummen Sachen!“ mahnte Robert ganz erschrocken und sah den

Knaben vorwurfsvoll an, der jedoch unbewegt mit zwinkernden Augen vor

dem Bilde stehen blieb.

„Schau,“ sagte er, „im Hause drüben sind ein paar alte Bilder, die

gefallen mir viel besser. Solche Bilder will ich später einmal haben.

Zum Beispiel Berge, wenn die Sonne untergeht, und alles ist ganz rot und

goldig, und hübsche Kinder und Frauen und Blumen. Das ist doch

eigentlich viel netter als so ein alter Fischer, der nicht einmal ein

rechtes Gesicht hat, und so ein schwarzes, langweiliges Boot, nicht?“

Robert war in seinem Innern durchaus derselben Meinung und wunderte sich

über den Freimut des Knaben, der ihn eigentlich freute. Er gab das aber

nicht zu.

„Das verstehst du noch nicht recht,“ sagte er kurz. „Komm jetzt, ich muß

wieder abschließen.“

In diesem Augenblick drang ein plötzliches pustendes und knirschendes

Geräusch vom Hause herüber.

„O, ein Automobil!“ rief Pierre freudig und lief hinaus, unter den

Kastanien durch in lauter verbotenen Abkürzungen quer über die

Rasenplätze und mit Sprüngen über die Blumenrabatten hinweg. Atemlos kam

er auf dem Kiesplatz vor dem Hause an und eben noch recht, um aus dem

Wagen seinen Vater und einen fremden Herrn steigen zu sehen.

„Hallo, Pierre,“ rief Papa und fing ihn in den Armen auf. „Da ist ein

Onkel angekommen, den du nimmer kennst. Gib ihm die Hand und frag ihn,

wo er herkommt.“

Der Knabe faßte den Fremden fest ins Auge. Er gab dem Manne die Hand und

sah in ein rotbraunes Gesicht und in helle, vergnügte, graue Augen.

„Wo kommst du her, Onkel?“ fragte er gehorsam.

Der Fremde nahm ihn auf die Arme.

„Junge, du bist mir zu schwer geworden,“ rief er munter seufzend und

ließ ihn wieder los. „Wo ich herkomme? Von Genua, und vorher von Suez,

und vorher von Aden, und vorher von – – –“

„O, von Indien, ich weiß, ich weiß! Und du bist der Onkel Otto

Burkhardt. Hast du mir einen Tiger mitgebracht, oder Kokosnüsse?“

„Der Tiger ist mir wieder davongelaufen, aber Kokosnüsse kannst du

haben, und auch Muscheln und chinesische Bilderbogen.“

Sie gingen durch die Haustüre und Veraguth führte seinen Freund die

Treppe hinauf. Er legte ihm, der ein gutes Stück größer war als er,

zärtlich eine Hand auf die Schulter. Oben im Korridor kam ihnen die

Hausfrau entgegen. Auch sie begrüßte den Gast, dessen frohes, gesundes

Gesicht sie an unwiederbringliche freudige Zeiten in vergangenen Jahren

erinnerte, mit einer gemessenen, doch aufrichtigen Herzlichkeit. Er

behielt ihre Hand einen Augenblick in der seinen und sah ihr ins

Gesicht.

„Sie sind nicht älter geworden, Frau Veraguth,“ rief er lobend, „Sie

haben sich besser gehalten als Johann.“

„Und Sie sind ganz unverändert,“ sagte sie freundlich.

Er lachte.

„O ja, die Fassade ist immer noch blühend, aber das Tanzen habe ich so

allmählich doch aufgegeben. Es hat ohnehin zu nichts geführt, ich bin

immer noch Junggeselle.“

„Ich hoffe, Sie sind diesmal zur Brautschau herübergekommen.“

„Nein, gnädige Frau, das ist nun einmal verpaßt. Ich mag mir das hübsche

Europa auch nicht verderben. Sie wissen, ich habe Verwandte und

entwickle mich allmählich zum Erbonkel. Mit einer Frau dürfte ich mich

in der Heimat gar nimmer sehen lassen.“

In Frau Veraguths Zimmer war der Kaffee serviert. Man trank Kaffee und

Likör und plauderte eine Stunde, von der Seereise, von Gummipflanzungen,

über chinesisches Porzellan. Der Maler war anfangs still und etwas

bedrückt, er hatte dies Zimmer seit Monaten nicht mehr betreten. Aber es

ging alles gut und mit Ottos Gegenwart schien eine leichte, frohere,

kindlichere Atmosphäre in das Haus gekommen zu sein.

„Ich glaube, jetzt möchte meine Frau gerne ein bißchen ruhen,“ sagte der

Maler schließlich. „Ich will dir deine Zimmer zeigen, Otto.“

Sie verabschiedeten sich und gingen nach den Gastzimmern. Veraguth hatte

zwei Stuben für seinen Freund hergerichtet und ihre ganze Einrichtung

selber besorgt, die Möbel gestellt und an alles gedacht, von den Bildern

an der Wand bis zur Auswahl der Bücher im Schaft. Überm Bett hing eine

alte, bleichgewordene Photographie, ein drollig rührendes Institutsbild

aus den siebziger Jahren. Das fiel dem Gast ins Auge und er trat näher,

um es zu betrachten.

„Herrgott,“ rief er überrascht, „das sind ja wir, alle sechzehn von

damals! Junge, du bist rührend. Ich habe das Ding seit zwanzig Jahren

nimmer gesehen.“

Veraguth lächelte.

„Ja, ich dachte, es würde dir Spaß machen. Hoffentlich findest du alles,

was du brauchst. Willst du gleich auspacken?“

Burkhardt setzte sich breit auf einen mächtigen, mit Kupferecken

beschlagenen Schiffskoffer und blickte zufrieden um sich.

„Fein ist’s hier. Und wo bist du zu Haus? Nebenan? Oder oben?“

Der Maler spielte mit dem Griff einer Ledertasche.

„Nein,“ sagte er leichthin. „Ich wohne jetzt drüben, beim Atelier. Ich

habe angebaut.“

„Das mußt du mir nachher zeigen. Aber – – schläfst du auch drüben?“

Veraguth ließ die Tasche stehen und drehte sich um.

„Ja, ich schlafe auch drüben.“

Sein Freund schwieg und besann sich. Dann griff er in die Tasche und zog

einen dicken Schlüsselbund hervor, mit dem er zu rasseln anfing.

„Du, wir wollen mal ein bißchen auspacken, nicht? Du könntest gehen und

den Jungen holen, es wird ihm Spaß machen.“

Veraguth lief alsbald hinaus und kam bald mit Pierre wieder.

„Du hast schöne Koffer, Onkel Otto, ich habe sie schon angesehen. Und

soviel Zettel drauf. Ich habe ein paar davon gelesen. Auf einem steht

Penang. Was heißt das: Penang?“

„Das ist eine Stadt in Hinterindien, wo ich manchmal hinkomme. Paß mal

auf, jetzt darfst du hier aufmachen.“

Er gab dem Kinde einen flachen, vielzackigen Schlüssel und ließ ihn die

Schlösser eines Koffers öffnen. Dann ward der Deckel aufgeklappt, und

gleich das erste, was obenauf lag und in die Augen stach, war ein

umgekehrter, flacher Korb von bunter, malaiischer Flechtarbeit, der

wurde umgedreht und von Papieren befreit, und innen lagen zwischen

Papieren und Lappen die schönsten phantastischen Muscheln, wie man sie

in exotischen Hafenstädten zu kaufen bekommt.

Pierre bekam die Muscheln geschenkt und wurde ganz still vor Glück, und

den Muscheln folgte ein großer ebenhölzerner Elefant und ein

chinesisches Spielzeug mit beweglichen grotesken Holzfiguren, und

schließlich eine Rolle greller, leuchtender chinesischer Bilderbogen,

voll von Göttern, Teufeln, Königen, Kriegern und Drachen.

Während der Maler dem Knaben diese Dinge bestaunen half, packte

Burkhardt die Ledertasche aus und verteilte Nachtschuhe, Wäsche, Bürsten

und dergleichen Dinge im Schlafzimmer. Dann kehrte er zu den beiden

zurück.

„So,“ sagte er ermunternd, „genug gearbeitet für heute. Nun das

Vergnügen. Können wir jetzt einmal ins Atelier gehen?“

Pierre blickte empor und wieder, wie bei der Ankunft des Wagens,

betrachtete er mit Verwunderung das bewegte und freudig verjüngte

Gesicht seines Vaters.

„Du bist so lustig, Papa,“ sagte er anerkennend.

„Jawohl,“ nickte Veraguth.

Rosshalde · 第 6 / 42 题