~Erfrierungstod des Neugebornen.~
Ende Januar 18-- bei sehr hoher Kälte gebar die unverehelichte _N._
des Nachts, nachdem sie der Schmerzen wegen das Bett verlassen hatte,
und auf einen Stuhl gesunken war, nach ihrer Angabe unter folgenden
Umständen einen Knaben. »Ganz in meiner Nähe«, sagte sie, »stand meine
Waschschüssel auf der Erde. Ich zog sie, um das Blut aufzufangen, zu
mir heran, als plötzlich, während ich auf der Stuhlkante sass, ein
Theil des Kindes aus meinem Geburtstheilen herausdrang. Ich fasste
nicht weiter hin, aber wahrscheinlich war es der Kopf. Ich blieb unter
den fürchterlichsten Schmerzen und fast besinnungslos mit voneinander
gespreitzten Beinen sitzen. Vielleicht nach einer Viertelstunde drang
der übrige Theil des Kindes durch die Geburtstheile. Es glitt zur
Erde. Nach einiger Zeit erholte ich mich, und sah nun das Kind auf
dem Rücken in der Waschschüssel liegen. Der Kopf lag unterwärts, und
die Beine lagen mir zugekehrt auf dem Rande der Waschschüssel. Es
war ganz kalt, und ich hielt das Kind für todt. Ich nahm ein altes
Hemde, breitete dieses auf der Wäsche im Wäschkorbe aus, und legte
das Kind darauf, ohne es weiter zuzudecken.« So wurde auch die noch
ganz frische Leiche gefunden, von der wir zunächst bemerken, dass
alle Zeichen der Reife an derselben wahrnehmbar waren. Das Zwerchfell
stand auch in diesem Falle wieder nicht tiefer, als zwischen der 4ten
und 5ten Rippe. Die Lungen füllten die Brusthöhle zu drei Vierteln
aus, hatten eine, wenigstens zum Theil schon hellröthlich marmorirte
Farbe, schwammen ganz vollständig, und ergaben bei Einschnitten
zischendes Geräusch und blutigen Schaum. Als Todesart ermittelte
sich Apoplexie, bewiesen durch dunkle Röthung des Gesichts und der
Lippen, grossen Blutreichthum der Schädelknochen, strotzende Anfüllung
sämmtlicher _Sinus_, wie der blutführenden Gehirnhäute, und endlich
durch die Abwesenheit der Zeichen irgend einer andern Todesart. »Bei
der Abwesenheit jeder Spur einer äussern Gewaltthätigkeit«, hiess es
nun weiter im Obductions-Bericht, »entsteht nur die Frage: wie dieser
Schlagfluss entstanden sein dürfte? Es erscheint diese Frage unschwer
zu beantworten, wenn man den oben geschilderten Hergang bei der Geburt
und die grosse Kälte erwägt, die in der Geburtsnacht des Kindes
geherrscht hatte. Es liegt nichts Erfahrungswidriges in der Aussage
der _N._, dass sie eine Zeit lang besinnungslos liegen geblieben sei.
Während dieser Zeit ward die Geburt vollendet, und fiel das Kind im
kalten Zimmer in die kalte Schüssel, in welcher es liegen blieb. Wenn
es mehr als wahrscheinlich ist, dass es jetzt, alsbald nach seinem
Hervortreten aus dem mütterlichen Schooss in die kalte Atmosphäre den
Erfrierungstod starb, der keine andere Leichenbefunde zu zeigen pflegt,
als gerade die bei dem Kinde gefundenen, wozu auch noch namentlich
die wahrgenommene gefrorene Beschaffenheit des Gehirns und der Lungen
zu rechnen, so steigert sich jene Wahrscheinlichkeit noch, wenn man
erwägt, dass die Annahme einer andern Ursache des Schlagflusses weit
weniger begründet werden könnte. Hiernach müssen wir urtheilen: 1) dass
das Kind ein reifes und lebensfähiges gewesen; 2) dass dasselbe nach
der Geburt gelebt hatte; 3) dass es an einem Schlagfluss bald nach der
Geburt verstorben sei, welcher 4) mit höchster Wahrscheinlichkeit als
bedingt durch die grosse Kälte, in welcher das Kind geboren wurde und
liegen blieb, anzunehmen ist.«