81. Fall.

~Erfrierungstod des Neugebornen.~

Ende Januar 18-- bei sehr hoher Kälte gebar die unverehelichte _N._

des Nachts, nachdem sie der Schmerzen wegen das Bett verlassen hatte,

und auf einen Stuhl gesunken war, nach ihrer Angabe unter folgenden

Umständen einen Knaben. »Ganz in meiner Nähe«, sagte sie, »stand meine

Waschschüssel auf der Erde. Ich zog sie, um das Blut aufzufangen, zu

mir heran, als plötzlich, während ich auf der Stuhlkante sass, ein

Theil des Kindes aus meinem Geburtstheilen herausdrang. Ich fasste

nicht weiter hin, aber wahrscheinlich war es der Kopf. Ich blieb unter

den fürchterlichsten Schmerzen und fast besinnungslos mit voneinander

gespreitzten Beinen sitzen. Vielleicht nach einer Viertelstunde drang

der übrige Theil des Kindes durch die Geburtstheile. Es glitt zur

Erde. Nach einiger Zeit erholte ich mich, und sah nun das Kind auf

dem Rücken in der Waschschüssel liegen. Der Kopf lag unterwärts, und

die Beine lagen mir zugekehrt auf dem Rande der Waschschüssel. Es

war ganz kalt, und ich hielt das Kind für todt. Ich nahm ein altes

Hemde, breitete dieses auf der Wäsche im Wäschkorbe aus, und legte

das Kind darauf, ohne es weiter zuzudecken.« So wurde auch die noch

ganz frische Leiche gefunden, von der wir zunächst bemerken, dass

alle Zeichen der Reife an derselben wahrnehmbar waren. Das Zwerchfell

stand auch in diesem Falle wieder nicht tiefer, als zwischen der 4ten

und 5ten Rippe. Die Lungen füllten die Brusthöhle zu drei Vierteln

aus, hatten eine, wenigstens zum Theil schon hellröthlich marmorirte

Farbe, schwammen ganz vollständig, und ergaben bei Einschnitten

zischendes Geräusch und blutigen Schaum. Als Todesart ermittelte

sich Apoplexie, bewiesen durch dunkle Röthung des Gesichts und der

Lippen, grossen Blutreichthum der Schädelknochen, strotzende Anfüllung

sämmtlicher _Sinus_, wie der blutführenden Gehirnhäute, und endlich

durch die Abwesenheit der Zeichen irgend einer andern Todesart. »Bei

der Abwesenheit jeder Spur einer äussern Gewaltthätigkeit«, hiess es

nun weiter im Obductions-Bericht, »entsteht nur die Frage: wie dieser

Schlagfluss entstanden sein dürfte? Es erscheint diese Frage unschwer

zu beantworten, wenn man den oben geschilderten Hergang bei der Geburt

und die grosse Kälte erwägt, die in der Geburtsnacht des Kindes

geherrscht hatte. Es liegt nichts Erfahrungswidriges in der Aussage

der _N._, dass sie eine Zeit lang besinnungslos liegen geblieben sei.

Während dieser Zeit ward die Geburt vollendet, und fiel das Kind im

kalten Zimmer in die kalte Schüssel, in welcher es liegen blieb. Wenn

es mehr als wahrscheinlich ist, dass es jetzt, alsbald nach seinem

Hervortreten aus dem mütterlichen Schooss in die kalte Atmosphäre den

Erfrierungstod starb, der keine andere Leichenbefunde zu zeigen pflegt,

als gerade die bei dem Kinde gefundenen, wozu auch noch namentlich

die wahrgenommene gefrorene Beschaffenheit des Gehirns und der Lungen

zu rechnen, so steigert sich jene Wahrscheinlichkeit noch, wenn man

erwägt, dass die Annahme einer andern Ursache des Schlagflusses weit

weniger begründet werden könnte. Hiernach müssen wir urtheilen: 1) dass

das Kind ein reifes und lebensfähiges gewesen; 2) dass dasselbe nach

der Geburt gelebt hatte; 3) dass es an einem Schlagfluss bald nach der

Geburt verstorben sei, welcher 4) mit höchster Wahrscheinlichkeit als

bedingt durch die grosse Kälte, in welcher das Kind geboren wurde und

liegen blieb, anzunehmen ist.«

Gerichtliche Leichen-Oeffnungen. Zweites Hundert. · 第 95 / 161 题