Einen eigentlichen _Stoff_ hatte er freilich noch nicht; es

fehlte ihm zu spannenden Novellen weiter Nichts, als piquante

Persönlichkeiten und Verwickelungen; aber er hoffte das Alles hier

zu finden und quartierte sich zu dem Zwecke in einem der billigsten

Gasthöfe des etwas kostspieligen Ortes, im Hôtel Wolf, ein. Vergebens

aber durchstreifte er die ersten acht Tage den Spielsaal, wie die

benachbarte Umgebung, drängte sich in Picknicks und geschlossene

Gesellschaften, erkletterte steile Bergrücken und langweilte sich

halbe Nächte lang in den Concerten des Kursaals. Er konnte nichts

Außergewöhnliches finden, denn Alles ging sein gewohntes alltägliches

Geleis, was nicht regelmäßiger in irgend einer kleinen deutschen

Provinzialstadt betreten werden konnte.

Morgens war Musik und die Kurgäste gingen dabei spazieren und tranken

schlechtschmeckendes Wasser mit oder ohne Eselsmilch. Dann zog sich

Alles in seine Apartements zurück oder machte Partieen. Ueber Mittag

schien der Platz wie ausgestorben, und erst Abends bewegte sich die

schöne Welt in exquisirter Toilette vor dem Kurhause auf und ab und

füllte die Promenaden und Spielsäle, ohne irgend welche Leidenschaft zu

zeigen.

Selbst am grünen Tische hatte er vergebens auf der Lauer gelegen, um

irgend etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Bei völliger Todtenstille

wurde gesetzt und abgezogen und Gewinnst eingestrichen oder Verlust

ignorirt. Keiner verzog eine Miene, und daß sich französische freche

Loretten dazwischen drängten und für ihr oder anderer Leute Geld

pointirten, bemerkte er wohl, konnte es aber nicht benutzen, da es

schon zu oft beschrieben worden.

Da kam ihm, wie ein Gott gesandt, der versuchte Selbstmord des

unglücklichen Spielers, dessen eigentliche Pointe aber seine eigene

Gutmüthigkeit vollständig ruinirte. Er vergaß in dem Moment nicht

allein sein eigenes Interesse, sondern sogar sich selbst, sprang

über die Brücke, brachte den Ertrinkenden, über dessen Leiche er die

interessantesten, bogenlangen Betrachtungen hätte anstellen können,

_lebendig_ ans Ufer zurück und besaß jetzt nicht einmal ein Paar

Hosen und Stiefeln, um auf frischer That Nachforschungen über das

Schicksal des Unglücklichen anzustellen und aus dessen eigenem Munde

seine Lebensgeschichte zu erfahren.

Sein erster Ausweg, wie er sich wieder restaurirt sah, galt allerdings

dem Zwecke, und er ging damit augenblicklich an die rechte Quelle: auf

die Polizei. Aber er erfuhr dort nur, daß er _zu spät_ kam. Der

junge Mann war ein „Knopfreisender“ gewesen, der für die Firma So und

So in Quedlinburg Geld eincassirt und dasselbe hier in Ems verspielt

hatte. Da man ihm übrigens zutraute, seinen Selbstmordversuch zu

wiederholen, was die „Bank“ gerade nicht gern sah, so hatte ihm diese

20 fl. Reisegeld gegeben. Dadurch kam er fort und konnte denn, wenn er

es später für gut fand, seinem Leben im Rhein oder irgend einem anderen

deutschen Strom ein Ende machen; Ems war jedenfalls von ihm befreit.

* * * * *

Florian Heldenstern verließ das Polizeiamt in einer wahrhaft

verzweifelten Stimmung, denn wenigstens drei oder vier höchst

interessante Kapitel waren ihm durch das Verschwinden dieses

Individuums in’s Wasser gefallen. -- Aber jenes schöne Mädchen, das

er am Tage seines Abenteuers zum ersten und letzten Male gesehen --

wenn er _sie_ wenigstens wiederfand, so hätte das vielleicht

einen Anknüpfungspunkt für weitere spannende Situationen gegeben. Wie

hieß sie aber und wo wohnte sie? -- Er wußte Beides nicht und es blieb

ihm jetzt nichts Anderes übrig, als die Schwärme von Lustwandelnden

genau zu mustern, um zwischen diesen seine verlorene Schöne wieder

anzutreffen.

Das allerdings schien, gerade in Ems, nicht so schwer, da sich das

Terrain für die Spaziergänger oder „Wasserläufer“, wie man sie besser

nennen könnte, nur auf einen sehr kleinen Raum erstreckte. Nichts desto

weniger suchte er mehre Tage lang Alles vergeblich ab, durchwanderte

die Trinkhallen und den Platz vor dem Kurhause, trotzte selbst den

endlosen Potpourris der Musik und stieg sogar zu den verschiedenen

Ausgucks auf alle benachbarten Berge hinauf, von denen man eben so

verschiedene Ansichten der kleinen Badestadt bekommt. Er begegnete

dabei allerdings unzähligen und auch oft sehr hübschen Mädchen,

theils in Begleitung eines Esels, theils im Sattel; er sah ländliche

Familiengruppen und Berliner Picknicks, überraschte einzelne Paare beim

Heidelbeersuchen und englische Gruppen, die sich einander todtschwiegen

-- aber die Gesuchte war nirgends unter ihnen und er glaubte schon --

ja, mußte so glauben, daß sie Ems wieder verlassen hätte, um vielleicht

eine Nachkur irgendwo am Rhein zu gebrauchen.

Er hatte es in der That auch vollständig aufgegeben, die „Verlorene“

wiederzufinden und fing schon an, in gereimten und ungereimten Versen

für sie zu schwärmen. In der Erinnerung, während ihr Bild noch klar und

deutlich vor seiner Seele stand, wurde ihm dieses _letzte_ Ideal

auch immer ideeller, immer märchen- und traumhafter. Auf der Brücke war

sie ihm erschienen -- sie mußte aus der Fluth zu ihm emporgestiegen

sein und er begann ein größeres Idyll unter dem Titel „Die Nixe der

Lahn“, wobei er sich schon überdachte, welchen Verleger er damit

unglücklich machen wolle.

Einmal aber in dieses Geleis geistigen Schaffens hineingerathen, wurde

er für seine wenigen Bekannten in Ems unausstehlich, denn er bemühte

sich fortwährend, in Gedanken unmögliche Reime auf Nixe, Nymphe,

Göttin und andere schwerfällige Worte zu finden und gab ausschließlich

verkehrte Antworten auf an ihn gerichtete Fragen. Dabei saß er halbe

Tage lang an dem Ufer der etwas unappetitlichen Lahn, schwärmte in der

wahnsinnigen Hoffnung, daß die Geliebte mit halbem Leibe aus der Fluth

emportauchen und mit einem goldenen Kamme ihr langes Haar kämmen solle,

und ärgerte sich über prosaisches Volk, das ihn störte, und Brod in’s

Wasser warf, um die Weißfische damit zu füttern.

Nach einer solchen Unterbrechung flüchtete er denn gewöhnlich in die

Berge hinauf, um seiner Muse freien Raum zu gestatten, und war auch

heute dahin auf dem Wege. Vorher nur kehrte er einmal im Schweizerhause

ein, um sich durch eine Tasse dünnen Kaffee vielleicht auf seine

Wassergöttin vorzubereiten; er ließ sich auch eben an einem der leer

stehenden Tische nieder, als er blitzesschnell wieder emporfuhr, denn

dicht neben ihm, gleich am nächsten Tische -- es war keine Täuschung,

denn er hätte sie unter Tausenden herauserkannt -- saß seine „Nixe“ und

trank ebenfalls Kaffee und neben ihr die andere, vielleicht um sechs

bis acht Jahre ältere, aber auch noch sehr liebenswürdige Dame mit dem

ältlichen Herrn.

Seine Schöne mußte ihn aber ebenfalls wieder erkannt haben, denn sie

erröthete bis unter die Haarwurzeln hinauf und den schneeweißen Nacken

hinab, und flüsterte auch gleich darauf ihrem Nachbar, dem ältlichen

Herrn, etwas zu, worauf dieser sich langsam nach dem fremden jungen

Manne umsah.

Florian Heldenstern fühlte sich jetzt seiner Sache gewiß, und in

der unbestimmten Angst, das holde Wesen diesmal wieder so rasch zu

verlieren, als das erste Mal, wenn er nicht im Stande war, seine

bodenlose Blödigkeit zu bezwingen, faßte er sich ein Herz, ging auf die

kleine Gruppe zu und sagte, freilich noch immer mit etwas befangener

Stimme:

„Wenn ich nicht irre, meine Gnädigste, so habe ich in diesem

Augenblicke das Vergnügen, jene -- jene -- jene holde Dame wieder vor

mir zu sehen, der ich, bei dem neulichen kleinen Zufall, zu so vielem

Danke verpflichtet bin, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein,

demselben die passenden Worte zu geben.“

Florian Heldenstern war „lyrischer Dichter“ und dadurch berechtigt, die

unsagbarsten Gefühle auf seine eigene Art und Weise auszudrücken. Die

junge Dame aber erröthete noch weit mehr, und nur der ältliche Herr

schien seine volle Fassung zu bewahren, denn er sagte mit seiner vollen

wohlklingenden Stimme und nur etwas fremdartigem deutschen Dialekt:

„Ah, mein Herr, Sie sind ja wohl der neuliche Lebensretter jenes

verzweifelten Spielers. Nicht wahr, _Sie_ sprangen neulich in die

Lahn und gaben sich die sehr verlorene Mühe, jenen Selbstmörder dem

Leben zu erhalten?“

„Mein Herr,“ sagte Florian sehr achtungsvoll, aber doch mit dem Gefühle

gekränkter Menschenwürde -- „verlorene Mühe? -- Der Mann ist gerettet

worden.“

„Allerdings,“ lächelte der Fremde -- „aber bitte, wollen Sie nicht bei

uns Platz nehmen, denn die beiden Damen haben schon lange gewünscht,

Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.“

„Ich wäre zu glücklich, wenn --“ stammelte Florian und sah sich dabei

vergebens nach einem Stuhl um, den ihm aber ein aufmerksamer Kellner

brachte.

„Sie wissen,“ fuhr aber der ältliche Herr fort, „Damen interessiren

sich gewöhnlich für alles Außergewöhnliche -- besonders in einem so

langweiligen Nest wie dieses Ems ist, und Sie haben sich da jedenfalls

ein Verdienst erworben.“

„Es war nur Menschenpflicht,“ sagte Florian bescheiden.

„Nein, ich meine nicht um den leichtfertigen Patron, der sein Leben so

billig losschlug, weil er wohl am besten den Werth desselben kannte,

sondern um die Badegesellschaft, der Sie damit auf wenigstens zwei Tage

so sehr nöthigen Stoff zur Unterhaltung gaben.“

„Aber, mein sehr werther Herr,“ sagte Florian bestürzt, „Sie werden

doch nicht die Unterhaltung einer Badegesellschaft höher anschlagen,

als ein Menschenleben?“

„Menschenleben,“ sagte der ältliche Herr, aber mit einem spöttischen,

fast verächtlichen Ausdruck. „Ich würde nie einen Selbstmörder an

seinem Vorhaben hindern, wenn ich auch rechtzeitig dazu käme, am

wenigsten aber Jemanden wieder aus dem Wasser holen.“

„Aber das Gefühl der That --“

„Bah,“ sagte der Fremde, „glauben Sie denn, daß Sie dessen Zustand

gebessert hatten, als Sie ihn auf’s Trockene brachten? Erstlich blieben

seine Verhältnisse nach dem kalten Bade genau dieselben, als vor dem

Sprung in’s Wasser, außerdem brachte er noch das Bewußtsein seiner

feigen That mit herauf, und drittens war er durch und durch naß -- wo

ist da die Verbesserung?“

„Aber die Spielbank hat ihm zwanzig Gulden Reisegeld gegeben,“ sagte

Florian.

„Gut,“ nickte der Fremde, „die bringt er einmal so rasch als irgend

möglich auf die Schwesterbank nach Wiesbaden, und dann kann er die

ganze Geschichte noch einmal von vorn anfangen.“

„Aber wenn er nun doch den begangenen Fehler bereut,“ sagte schüchtern

die ‚Nixe der Lahn‘ -- Florian hatte noch keinen anderen Namen für sie

-- „wenn er wieder ein guter Mensch wird?“

„Er ist Knopfreisender,“ sagte der ältliche Herr trocken, „und --

spielt. Uebrigens will ich es ihm von Herzen wünschen. Aber jetzt

basta mit dem langweiligen Patron, von dem schon genug und übergenug

gesprochen ist, und nun erzählen Sie uns einmal vor allen Dingen, wer

Sie selber sind -- denn wie gesagt, meine beiden Damen haben sich vor

Neugierde kaum lassen können, da sie einen ‚Menschenretter‘ natürlich

wie eine Art von überirdischen Wesen betrachten.“

„Sie beschämen mich,“ sagte Florian verlegen.

„Und womit?“ frug der ältliche Herr, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß es

bloße Neugierde ist, zu der auch _ich_ mich mit einem Bruchtheile

bekenne; denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich selber aus Ihrer ganzen

Erscheinung nicht recht klug werden konnte, obgleich ich mir sonst

einen ziemlich richtigen Blick in der Beurtheilung fremder Charaktere

zutraue.“

Es lag in den leicht hingeworfenen, fast spöttischen Worten eigentlich

mehr Beleidigendes als Zutrauen Erweckendes, und Florian fühlte auch

wirklich halb und halb heraus, daß ihn der ältliche Herr etwas obenhin

behandele. Florian’s eigene Gutmüthigkeit half ihm aber darüber hinaus,

und dann war er auch wirklich im Leben noch nie verwöhnt worden, um

sich durch einen leisen Spott gekränkt zu fühlen. Erfolge hatte er

noch nie, oder doch nur in seinen eigenen Augen errungen, und wenn

_er_ auch einigen seiner Gedichte die riesigsten Wirkungen

zutraute und die feste Ueberzeugung hegte, sie würden wie ein Weltbrand

durch Europa flammen, so befand er sich dabei in derselben Lage eines

Johanniswürmchens, das auch den ganzen Wald zu erleuchten glaubt, weil

es sich selber fortwährend in einem lichten Scheine sieht. Deshalb

durfte er aber auch diese Gelegenheit nicht versäumen, den jungen

Damen seinen Namen zu nennen -- sie mußten ja das Bändchen bei F.

A. Brockhaus erschienener lyrischer Gedichte kennen. Er zögerte auch

nicht lange mit der Antwort und sagte bescheiden, aber doch mit innigem

Selbstgefühl:

„Ich bin Schriftsteller, verehrter Herr -- lyrischer Dichter -- und

mein Name ist Florian Heldenstern. Sollten die Damen vielleicht

zufällig --“

Fast unwillkürlich griff er dabei mit der rechten Hand in die linke

Brusttasche, denn einzelne Manuscripte führen _alle_ lyrischen

Dichter bei sich; der fremde Herr aber, der die drohende Bewegung

merkte, streckte rasch und abwehrend seinen Arm aus und sagte:

„Lassen Sie stecken -- wir glauben es Ihnen auf’s Wort. Die Damen

müssen Sie aber entschuldigen, wenn sie in der deutschen Literatur

nicht bewandert sind, denn wir kommen aus weiter Ferne, um die

Heilkraft dieses Wassers zu erproben. Sie sind doch nicht etwa

Bade-Dichter?“

„Bade-Dichter?“ sagte Florian verdutzt -- „ich verstehe nicht --“

„Ah, dann nehmen Sie es nicht übel,“ sagte der ältliche Herr trocken

-- „ich kenne Ihre hiesigen Einrichtungen nicht, und glaubte, daß Sie

vielleicht, wie Sie Badeärzte, Badecommissaire und dergleichen haben,

auch vielleicht, zur Verschärfung der Kur, Bade-Dichter hätten. Die

Schnelle, mit welcher Sie neulich in die Lahn tauchten, rechtfertigte

auch einen solchen Verdacht in etwas. Aber, wie gesagt, wir sind hier

so vollkommen fremd, daß wir Ihre inneren Einrichtungen nur sehr wenig

kennen.“

„Aber woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?“ sagte Florian

schüchtern, denn noch wußte er ja weder Namen noch Vaterland der

‚Lahnnixe‘, die doch sein ganzes Herz erfüllte.

„Aus Amerika,“ sagte der ältliche Herr.

„Aus Amerika?“ rief Florian erstaunt -- „aber Sie sprechen das Deutsche

so geläufig.“

„Wir sind auch keine geborenen Amerikaner, sondern stammen aus Norwegen

-- meine Aeltern waren Deutsche.“

„Und Sie kehren nach Amerika zurück?“ fragte der junge Dichter scheu

und bestürzt.

„Allerdings, sobald unsere Kur beendet ist -- befremdet Sie das?“

„Mich? -- o nein,“ stammelte Florian verlegen -- „wie könnte es auch

-- ich -- würde nur unendlich bedauern, wenn ich mir denke“ -- er

stak fest; der Fremde aber, der sich an seiner Verlegenheit zu weiden

schien, sagte lächelnd:

„Bitte, vollenden Sie Ihren Satz. Man soll einen Schriftsteller nie

unterbrechen, denn es gehen ihm dabei oft höchst kostbare und nie zu

ersetzende Gedanken verloren.“

Florian befand sich schon in dem Falle, und war sich dabei nur noch

nicht klar, ob er überhaupt einen Gedanken gehabt habe. Die junge

Dame aber, die seine Verlegenheit wohl bemerkte, kam ihm mit ihrer

unendlichen Liebenswürdigkeit zu Hülfe und sagte freundlich:

„Wir werden hier jedenfalls noch vierzehn Tage oder auch vielleicht

drei Wochen verweilen, und hoffen dann noch öfter das Vergnügen zu

haben, Sie zu sehen.“

„Sie sind sehr gütig,“ sagte Florian, und stand scheu von seinem Stuhle

auf, denn er hielt das irrthümlicher Weise für eine leise Andeutung der

Jungfrau, daß er sich gegenwärtig entfernen könne -- „wenn Sie mir dann

erlauben --“

„Bleiben Sie nur sitzen und trinken Sie Ihren Kaffee,“ rief aber der

ältliche Herr, der sich vortrefflich zu amüsiren schien -- „da bringt

ihn der Kellner eben. Der Henker werde aus Ihnen klug -- von der Brücke

springen Sie, ohne sich einen Moment zu besinnen, in den Fluß hinunter,

um einen Ertrinkenden zu retten, und hier thun Sie, als ob Sie nicht

drei zählen könnten. Ihr Deutschen seid wirklich ganz verzweifeltes

Volk. Sie fürchten sich doch wahrhaftig nicht vor den beiden Damen?“

„Ich? -- o nein, sicher nicht,“ stammelte der junge Mann, der sich aber

jetzt mit aller Gewalt zusammennahm, weil er das Schlimmste fürchtete,

was einem Menschen in Damengesellschaft begegnen kann: sich lächerlich

zu machen, „die beiden Damen sehen dazu viel zu lieb und gut aus. Ich

-- fürchtete nur, Ihnen als Fremder lästig zu fallen.“

„Bah,“ sagte der ältliche Herr, „wir sind hier _Alle_ fremd, und

wer sich findet, sollte sich deshalb aneinander anschließen, um dies

verwünscht langweilige Leben nur in Etwas zu betäuben.“

„Ems bietet freilich nicht viel Unterhaltung,“ lächelte Florian, „und

Sie scheinen vorlieb zu nehmen.“

„Das spricht wieder Ihre verwünschte Bescheidenheit,“ rief der Fremde

-- „kennen Sie nicht das Wort Ihres großen Dichters --

Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,

Vertrau’n Euch auch die andern Seelen?

Uebrigens ist es _mir_ ein höchst unbehagliches Gefühl, das

Gewühl und Gewimmel dieser aufgeputzten Menschen in einem Badeorte zu

sehen. Die ganze Gesellschaft kommt mir immer vor wie ein Korb voll

noch rothbackiger, aber wurmstichiger Aepfel, die für den Augenblick

noch den Schein für die Gesundheit bewahren, aber im Herzen schon den

Todeskeim tragen. _Ihnen_ scheint doch Nichts zu fehlen?“

„Mir? nein, Gott sei Dank,“ sagte Florian, „ich bin nicht zur Kur hier

-- und ich hoffe nur, daß --“ sein besorgter Blick streifte dabei der

neben ihm sitzenden Lahnnixe Gestalt.

„_Uns_ fehlt auch Nichts,“ lachte der Fremde, „und wir sind nur

eigentlich in Begleitung einer älteren kranken Verwandten hier.“

„Und gefallen sich die Damen hier?“

„Warum nicht,“ lächelte die Jüngste -- „uns ist das Alles doch nur neu

und interessant; dieses Wogen und Drängen, dieser Putz und Staat, die

Musik -- das Spiel selbst mit seinen leidenschaftlichen Bewerbern,

und kehren wir nach Amerika zurück, wird es uns immer eine liebe und

angenehme Erinnerung bleiben.“

Das Gespräch wurde jetzt allgemein und Florian erfuhr wenigstens dabei,

daß der fremde Herr Olaf heiße und im Panorama wohne. Gleich darauf

kam aber ein Diener, der ihn zu suchen schien. Er flüsterte ihm in

ehrerbietiger Stellung einige Worte zu und der ältliche Herr nickte

langsam mit dem Kopfe. Dann stand er auf; die Damen folgten seinem

Beispiele und mit freundlichen Grüßen zogen sie sich zurück, während

Herr Olaf selber ihm noch die Hand reichte und viel herzlicher, als er

bis jetzt gesprochen, sagte:

„Ich hoffe Sie einmal unten bei uns zu sehen -- die Damen wünschen es

ebenfalls.“ Damit reichte er Beiden seinen Arm und schritt mit ihnen

langsam nach Ems hinab.

Florian Heldenstern blieb in einem wahren Taumel von Entzücken

zurück, denn die junge Dame hatte die Einladung, die Bekanntschaft

fortzusetzen, mit einem so freundlichen Blicke begleitet, daß er kaum

daran zweifeln konnte, willkommen zu sein. Jetzt aber mußte er vor

allen Dingen Näheres über die Fremden erfahren, und ließ sich deßhalb

augenblicklich die Kurliste bringen, die sich ja in jedem Gasthause

oder ~Café~ findet.

Den Anhaltepunct hatte er ja auch, Namen und Wohnort und das Uebrige

mußte die Kurliste angeben.

Panorama -- da stand es -- alle Wetter, dort logirten lauter vornehme

Leute -- meist russische Fürsten und Würdenträger mit vollkommen

unaussprechlichen Namen -- aber da stand Olaf -- er schüttelte

enttäuscht mit dem Kopfe, denn _daraus_ erfuhr er auch nichts

Näheres:

„~Olaf, Hr., m. Familie u. Bed. a. America~“

das war Alles. Aber wozu brauchte er auch die Kurliste; das nähere

Familienverhältniß konnte er sich doch selbst recht gut aus der äußeren

Erscheinung der Fremden zusammenreimen. Die ältere Dame -- obgleich

noch in sehr jugendlichem Alter, war jedenfalls die Gemahlin des

ältlichen Herrn -- vielleicht seine zweite Frau, und die jüngere dann

möglicherweise ihre Schwester? -- Nein, das konnte nicht gut sein,

denn die beiden Damen schienen auch nicht die geringste Aehnlichkeit

miteinander zu haben. Die Aeltere hatte rabenschwarzes, die Jüngere

goldblondes Haar, die erste dunkle, die andere blaue, seelenvolle

Augen. Ebenso wenig konnte er in den Zügen Beider auch nur das

Geringste finden, was selbst nur auf eine nahe Verwandtschaft schließen

ließ. Die Jüngste war deßhalb jedenfalls die Tochter des ältlichen

Herrn aus erster Ehe und Elise hieß sie -- den Namen hatte er im

Gespräche gehört -- Elise -- was für ein reizender Name, für den er

schon einmal in früherer Zeit und unter anderen Umständen geschwärmt,

ja sogar einige seiner gelungensten Sonette auf den Namen gedichtet.

Er hätte ihr keinen anderen Namen wünschen mögen, wenn sich auch

schmerzhafte Erinnerungen daran knüpften.

Und er durfte sie besuchen; am Liebsten wäre er freilich gleich

herunter gegangen, aber das würde sich nicht geschickt haben -- heute

auf keinen Fall -- er durfte nicht zudringlich erscheinen -- morgen

-- morgen Nachmittag -- und morgen früh traf er sie gewiß auf der

Promenade. -- Aber an dem Hause konnte er wenigstens vorübergehen --

vielleicht sah er sie dann, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment,

am Fenster.

Florian befand sich wirklich in einem ganz gefährlichen Grad von

Aufregung, die sich mit dem dämmernden Abend nur steigerte. Er fing

auch an schon allerlei Pläne zu machen und Luftschlösser zu bauen,

und lief noch lange nach zehn Uhr zwischen dem Hôtel de Paris und dem

berliner Hof immer vor dem Panorama auf und ab, um hinter den hie und

da erleuchteten Vorhängen die Gestalt der Geliebten zu träumen. Aber

nicht einmal einen Schatten von ihr konnte er entdecken, und die Füße

thaten ihm zuletzt so weh, daß er nach Hause mußte, um sich auszuruhen.

Er warf sich auch in der seligen Hoffnung auf sein Bett, jetzt nur

von _ihr_ zu träumen -- und was Anderes erfüllte denn auch

seine ganze Seele? Aber Gott bewahre! Es war ordentlich, als ob ihn

der neckische Traumgott verhöhnen wolle; denn statt mit dem Bilde

der holden Lahnnixe, wie er sie noch immer nannte, beschäftigte er

ihn die ganze Nacht mit einer dicken, unangenehmen Polin, die er an

demselben Mittage vor dem Kurhause in einem mit Spitzen bedeckten,

aber schmuzigen weißen Kleide, auf zwei Stühlen hingeräkelt und mit

einer Cigarre zwischen den dicken Lippen gesehen und sich darüber

geärgert hatte. Mit _der_ unterhielt er sich im Traume die ganze

Nacht -- mußte ihr Feuer zu einer Cigarre geben, ging mit ihr an die

Spieltische, ließ sich von ihr verleiten, zu setzen, verlor sein ganzes

Reisegeld, was er bei sich führte und wachte endlich, vor Angst in

Schweiß gebadet und mit den heftigsten Kopfschmerzen, wieder auf, als

die Sonne schon hell auf sein Lager schien.

Florian Heldenstern führte eine Kaffeemaschine bei sich und kochte sich

selber Morgens seinen Kaffee, und rauchte dazu eine leichte Cigarre,

weil er keine schweren vertragen konnte. Aber sein Blut war in der

Nacht, trotz des häßlichen Traumes, abgekühlt und er überdachte die

Vorgänge des letzten Tages ruhiger.

Allerdings war er darüber keinen Augenblick mit sich in Zweifel,

daß er heute _seine_ Elise aufsuchen und sie wiedersehen würde,

aber er fing doch auch an, die Folgen eines solchen Zusammenlebens zu

überlegen, an die er gestern mit keiner Sylbe gedacht hatte.

Was sollte daraus werden? -- Er liebte Elisen, so viel war sicher,

und wenn auch nicht mit der ersten, doch mit der zweiten Gluth seiner

Leidenschaft -- aber liebte Elise ihn wieder und würde er im Stande

gewesen sein, die jedenfalls nicht fehlenden Vorurtheile ihres Vaters

zu besiegen? -- Was _konnte_ er ihr bieten? Ich will gewiß nicht

behaupten, daß Florian Heldenstern sein ganzes Selbstgefühl verleugnet

und sich gar so gering geschätzt hätte; aber er besaß trotzdem zu viel

gesunden Menschenverstand, um sich über seine eigenen Verhältnisse

so gründlich zu täuschen, daß er nicht auch den möglichen Widerstand

älterer und deshalb vernünftiger Verwandter in Anschlag bringen sollte.

In den Morgenstunden fließt außerdem das Blut des Menschen langsam

durch die Adern, und er fühlte sich im Stande, das ~pro~ und

~contra~ der ganzen Sache ruhig zu überdenken.

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 15 / 16 段