Vermögen besaß er gar keines -- schnödes wenigstens, das „Motten und

Rost“ verzehren können -- geistiges dagegen in Hülle und Fülle, aber

damit bezahlte man allerdings keine Miethe und kein Wirthschaftsgeld,

wie alle die tausend anderen entsetzlichen Bedürfnisse, die nun einmal

zum bürgerlichen Leben gehören und das alte Sprüchwort: „Eine Hütte

und ihr Herz“ lange außer Cours gesetzt haben. Er war auch viel zu

practischer Natur, um das Alles zu ignoriren, und da konnte er sich

denn freilich nicht der Ueberzeugung verschließen -- Morgens beim

Kaffee wenigstens -- daß er der Geliebten nicht im Stande sei, etwas

Weiteres zu bieten, als eben sein Herz. Es blieb nur die Frage, ob sie

oder ihr Vater sich damit begnügen würden.

Allerdings philosophirte er ganz richtig: „Was ist eigentlich todter

Mammon? -- Eine eingebildete Größe, die nur allein durch die Habgier

der Menschen ihren Werth erhält“ -- aber die Sache blieb trotzdem

dieselbe, und war er erst verheirathet, so verlangte der Bäcker

diesen todten Mammon für Brod und der Metzger für Fleisch, wie die

Modenwaarenhandlung noch für viele andere Nebenbedürfnisse.

Was hatte er dagegen in die Schaale zu werfen? -- Seine Honorare? -- Du

lieber Himmel, er wußte selber am besten, wie schwer es ihm geworden,

sich mit denen in den bescheidensten Verhältnissen durchzubringen. Er

hatte keine Schulden, ja -- aber das war weniger seine, als der Leute

Schuld, die ihm Nichts borgen wollten, und er hätte nie hoffen dürfen,

sich und Elisen mit dem, was _er_ verdiente, „standesgemäß“ (wer

nur das entsetzliche Wort erfunden hat!) durchzubringen.

Ihr Vater besaß jedenfalls Vermögen -- er mußte reich sein, wenn

er hier einen Monat lang „mit Familie und Bedienung“ im Panorama

logiren konnte, wo sie die unverschämtesten Preise für Miethe allein

forderten; aber würde der gerade geneigt gewesen sein, ihn, den armen

Schriftsteller, damit zu unterstützen?

Sein Herz sank ihm, während er sich die Möglichkeit, ja die

Wahrscheinlichkeit einer abschlägigen Antwort überdachte, und er blies

den Rauch seiner hellgelben pfälzer Cigarre in matten, kräuselnden

Wolken vor sich aus. --

Nur eine Hoffnung -- nur ein Trost beseelte ihn noch: Elise liebte

_ihn_ -- dessen fühlte er sich gewiß, und _mit_ dieser Liebe

hoffte er auch alle weiteren Schwierigkeiten zu überwinden, zu besiegen.

Freilich war das immer nur ein schwacher -- aber doch ein Trost, und

wenn es auch noch galt, wahre Gebirge von Hindernissen zu beseitigen,

so glaubte er das doch mit Hülfe der Geliebten in’s Werk zu setzen.

Vorläufig beschloß er aber, ihr zu entsagen -- d. h. nur in einem

Gedichte, das sich ihm auf die Lippen drängte und das er im Uebermaße

seiner Gefühle niederschrieb:

Du sollst es nun und nimmer wissen,

Wie lieb und theuer Du mir bist

Und wie Dein hold unschuldig Wesen

Gerade mein Verderben ist.

Ich will das Herz im Busen halten,

Daß mich sein Klopfen nicht verräth --

Ich will den Blick nicht zu Dir heben,

In dem’s mit heißen Worten steht.

Doch bann’ mich nicht aus Deiner Nähe,

Laß mir den Gram, der mich verzehrt --

Und wenn er Gift -- es ist das Einz’ge,

Von dem sich meine Seele nährt.

Wie er damit zu Ende war, beschloß er, Toilette zu machen, die

Promenade zu besuchen, um die Geliebte dort vielleicht zu treffen und

seine tägliche Portion „Gift“ zu sich zu nehmen -- aber er kam zu spät.

Die Brunnengäste hatten ihr „Krähnchen“ schon getrunken und die Musici

den Platz geräumt -- nur die schreckliche Polin in ihrem _noch_

nicht gewaschenen weißen, spitzenbedeckten Kleide fegte den Staub der

Promenade und etwa herumliegende Cigarrenstummel mit ihrer Schleppe

zusammen und ein Paar hustende alte Herren stritten sich an einem der

Tische über Politik.

Mittags aß er im Guttenberg und gerirte sich als Kurgast, weil er

dadurch billiger wegkam, denn er trank keinen Wein, und Nachmittags um

drei Uhr erst wagte er es, von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu

machen und Herrn Olaf „m. Fam. u. Bed.“ im Panorama aufzusuchen.

Er fand den alten Herrn auch gerade beim Kaffee und in bester Stimmung;

die beiden Damen erschienen ebenfalls bald nachher, und da sich Florian

heute viel weniger befangen als gestern fühlte, wurde das Gespräch

bald animirt und man scherzte und lachte zusammen. Nachher, als die

ersten Töne des Musikcorps laut wurden, begab sich die ganze kleine

Gesellschaft hinüber auf die Promenade, und als Florian an dem Abende

von ihnen Abschied nahm, glaubte er nie einen glücklicheren Tag verlebt

zu haben.

Armer Florian -- er glich der um das Licht flatternden Motte, die immer

nur nach dem strahlenden Glanze geblendet schaut, bis sie der Flamme

zu nahe mit ihren dünnen Flügeln kommt, und dann gelähmt, zerstört zu

Boden sinkt.

Und doch fühlte sich Florian in dem Gefühle einer unglücklichen, oder

wenigstens ungewissen Liebe wohl. Es hatte ihm bis jetzt jener größere

Schmerz gefehlt, den alle lyrischen Dichter nothwendig zu ihrer Arbeit

brauchen, wenn sie nicht matt und fade werden sollen. In den nächsten

Tagen floß ihm die poetische Ader wie eine Sturzfluth. Er besang den

-- schon allerdings früher besungenen -- Mond, den Abendstern, die

heiße Quelle von Ems, die er, ziemlich glücklich, mit seinem kochenden

Blute verglich -- ja sogar das Schweizerhaus, wo er zum ersten Male mit

ihr Kaffee getrunken, und verschiedene andere lebendige und leblose

Gegenstände.

Aber noch größere Seligkeit stand ihm bevor, denn einige Male traf

er es so glücklich, die Geliebte allein zu Hause zu finden, und er

benutzte diese Gelegenheit auch augenblicklich -- nicht etwa ihr seine

Liebe zu gestehen -- nein, das hätte er noch nicht gewagt, aber ihr

doch einen Theil seiner Gedichte vorzulesen, und ordentlich rührend

war die Geduld, mit welcher Elise den begeisterten Klängen des Barden

lauschte.

Elise interessirte sich überhaupt sehr für Literatur; sie las viel

und meistens deutsche oder englische Romane, wobei sie den letzteren

aber den Vorzug gab. Sie behauptete, der Deutsche vermöchte nicht die

tiefe Empfindung in sein Werk zu legen, wie der Engländer, und fragte

ihren jungen Bekannten wiederholt, ob er noch nie versucht habe, einen

wirklichen Roman zu schreiben.

Florian mußte es verneinen. Einzelne Novellen oder kleinere Erzählungen

hatte er allerdings schon verfaßt und zum Abdrucke gebracht, aber ein

größeres Werk noch nie. Sein Ehrgeiz war jedoch dadurch geweckt worden,

und wo und unter welchen Umständen hätte er eine derartige, den Geist

vollbeschäftigende Arbeit auch wohl besser beginnen können, als gerade

jetzt und hier, unter dem unmittelbaren Einflusse und Zauber dieses

holden Wesens, das seine ganze Seele wie in eisernen Banden hielt?

Schon an dem nämlichen Abende, ja die ganze Nacht hindurch arbeitend,

entwarf er einen, für jetzt freilich noch ziemlich unbestimmten Plan,

auf dem er aber weiter zu bauen hoffte, und nahm sich auch vor, der

Geliebten noch für jetzt Nichts davon zu sagen -- sie sollte mit den

ersten Capiteln, die sie recht gut als _ihr_ Werk betrachten

konnte, da sie ja die erste Anregung dazu gegeben, überrascht werden.

Die Sache schien nur nicht so leicht, als er sie sich Anfangs gedacht,

denn eine derartige Arbeit verlangte Sammlung, und durch unseres jungen

Dichters Hirn preßten eine solche Masse von Gedanken und Empfindungen,

daß er Tage gebrauchte, um sie nur zu sichten und in ihre Grenzen zu

bannen.

Indessen war er im Panorama nicht allein ein täglicher Gast geworden,

sondern begleitete die Familie auch auf ihren Spaziergängen, manchmal

bis weit hinauf in die Berge, wohin die Damen dann auf Eseln ritten,

während die Herren plaudernd nebenher gingen. In solchen Fällen war

Herr Olaf, wie Florian jetzt den ältlichen Herrn nannte, auch weit

gesprächiger als in den Zeiten, wo die Damen mit in die Unterhaltung

gezogen wurden, und erschloß in der Erzählung gar nicht so selten

dem aufmerksam zuhörenden jungen Dichter die Wunder jener mächtigen

amerikanischen Scenerie, die sich in den endlosen Prairien und

himmelansteigenden Felsengebirgen des inneren Landes dem Wanderer

zeigt. Von seinen Jagden berichtete er, von seinen einsamen Wanderungen

und Entdeckungszügen in den wilden, von feindlichen Indianern

noch außerdem bedrohten Felsenkämmen, und beschrieb ihm dann mit

glühenden Farben die stillen heimlichen See’n in der Wildniß, den

brausenden Wassersturz und die blumengeschmückte Prairie, so daß es

Florian manchmal ordentlich war, als habe sich ein Märchen-Erzähler

seiner Sinne bemeistert und trage ihn auf breiten Schwingen in sein

Zauberreich.

Der ältliche und sonst sehr ruhige Herr schien bei solchen

Gelegenheiten auch -- wie von seinen Erinnerungen übermannt, ein ganz

anderes Wesen geworden. Seine Gestalt hob sich, sein Auge strahlte

ordentlich; seine Stimme zitterte in der Erregung des Augenblicks und

wie begeistert stand er vor dem jungen Dichter und starrte in die

Ferne. Solche Momente waren es auch, in welchen dieser selber eine

unbestimmte Sehnsucht nach fremden Scenen in sich erwachen fühlte,

und wenn er sich dann noch dachte, daß er einst Alles das, was dieser

merkwürdige Fremde mit solchem Entzücken ihm beschrieb, selber an der

Seite der Geliebten sehen und genießen sollte, so wollte es ihm bald

das Herz vor Lust zersprengen.

Aber die nüchterne Wirklichkeit machte dann doch auch wieder ihre

Anrechte geltend, denn wovon und womit sollte er eine solche Reise

machen; und sich allein von seinem Schwiegervater unterhalten zu

lassen, dagegen sträubte sich sein Ehrgefühl. -- Außerdem: liebte

ihn denn Elise wirklich? -- Er glaubte und hoffte es, war aber weit

entfernt, sich vollkommen sicher darin zu fühlen. Sie hatte sich immer

lieb und freundlich gegen ihn gezeigt, ja, und er selber noch nie das

holde Lächeln auf ihrem Antlitz vermißt, wenn er einmal unerwartet das

Zimmer betrat. Mit einer wahren Engelsgeduld saß sie auch stundenlang

neben ihm und ließ sich vorlesen, und das war das Einzige, womit er

sich stets ein Alleinsein mit ihr sichern konnte. Sobald er nämlich

nur sein Buch herauszog, verließ der ältliche Herr das Zimmer, und

seine Frau -- es _mußte_ seine Frau sein, denn er ging immer Arm in

Arm mit ihr -- machte sich dann auch sehr bald etwas zu schaffen,

oder hatte nach der Kranken zu sehen. Aber er wagte es trotzdem nie,

diesen günstigen Zeitpunkt zu benutzen; denn wenn er es sich auch oft

und oft vorgenommen, Gewißheit über sein Schicksal zu erhalten: im

entscheidenden Momente verließ ihn jedes Mal der Muth und es war ihm

dann ordentlich, als ob ihm Jemand die Kehle zusammenschnüre.

* * * * *

So flog unserem Liebenden die Zeit dahin; er wußte kaum selber, wohin

sie kam, und nur an seiner mehr und mehr ebbenden Casse merkte er die

Spuren ihres Zahns.

Da traf ihn eines Tages, wie ein Donnerschlag -- ich könnte sagen „aus

heiterem Himmel“ -- die Kunde, daß die Stunden seines Glückes gezählt

seien, denn Herr Olaf, den er mit Elisen im Zimmer allein fand, rief

ihm schon entgegen:

„Das ist glücklich, daß Sie noch einmal kommen, lieber Heldenstern,

denn ein Paar Stunden später würden Sie uns nicht mehr angetroffen

haben.“

„Nicht mehr angetroffen haben?“ rief Florian, von Schreck wirklich wie

erstarrt -- „Sie wollen doch nicht --“

„Abreisen, in der That, bester Freund, denn unsere Zeit ist um und die

Kranke soweit wieder hergestellt, daß wir uns jetzt auf die Nachkur der

Seereise vertrösten müssen; -- außerdem zwingt mich ein eben erhaltener

Brief zum schleunigsten Aufbruch.“

Florian faßte krampfhaft nach seinem Herzen; ob aber der ältliche Herr

glaubte, daß er wieder nach seinem Buche griffe, oder wirklich noch

Einiges zu besorgen hatte, kurz, er nahm seinen Hut vom Tische und

sagte:

„Ich lasse Sie einen Augenblick mit Elisen allein, da ich noch einen

Weg zu gehen habe; Bertha wird wohl auch gleich herüber kommen, denn

unsere Koffer sind alle gepackt. -- Ich nehme auch noch nicht Abschied;

wir sehen uns jedenfalls, wann ich zurückkomme.“

Die Thüre schloß sich hinter ihm und Florian fühlte, daß der

entscheidende Augenblick gekommen sei, aber seine Courage nicht mit,

und er stand, seinen Hut in eine unbestimmte Form hineindrückend, dem

jungen lieblichen Wesen gegenüber, ohne im Stande zu sein, ein Wort

über die Lippen zu bringen.

„Das ist recht rasch gekommen,“ brach da Elise endlich das Schweigen

und wie es Florian vorkam, mit zitternder Stimme -- „ich hatte gehofft,

daß wir noch wenigstens acht Tage hier bleiben würden, aber Olaf drängt

so zur Abreise.“

„Ich kann es noch gar nicht fassen,“ stammelte Florian.

„Wir werden Sie auch sehr vermissen,“ lächelte das junge Wesen

wehmüthig -- „wir hatten uns so an Sie gewöhnt und in unserer fernen

Heimath hört man so wenig von der Welt da draußen.“

„Sie mich vermissen,“ sagte Florian bitter, „Du lieber Gott, und was

soll _ich_ da sagen -- und wie hatte ich mich darauf gefreut,

gerade jetzt noch mit Ihnen zu verkehren.“

„Gerade _jetzt_?“ frug Elise etwas erstaunt.

„Ich bin Ihrem Wunsche nachgekommen,“ fuhr Florian, zu ihr aufblickend,

fort -- „ich habe einen größeren Roman begonnen. Ich fühlte mich die

ganze Zeit in einer so gehobenen -- so seligen Stimmung, daß die Feder

kaum der entfesselten Phantasie zu folgen vermochte, und jetzt -- da

ich Ihren Rath -- Ihren Beifall brauche -- wollen Sie fort -- fort

vielleicht auf immer.“

„Meinen _Rath_?“ sagte Elise kopfschüttelnd, „und wie könnte

_ich_ Ihnen bei einer solchen Arbeit einen Rath geben?“

Florian sah sie mit einem forschenden Blicke an. Ein plötzlicher

Gedanke zuckte durch sein Hirn. Sollte er das Geständniß der ihn fast

verzehrenden Liebe in seinem Herzen verschließen? Hätte sie ihn nicht

selber für verzagt halten müssen und kam sie ihm nicht schon durch die

Frage auf halbem Wege entgegen?

„Ich befinde mich gerade in einem sehr schwierigen Capitel,“ erwiderte

Florian, jetzt plötzlich zum Aeußersten entschlossen -- „ich habe die

schüchterne Liebe eines jungen Mannes zu der Auserwählten geschildert

-- seinen Kampf mit sich -- seine Furcht, es ihr zu gestehen.“

„O, das muß _so_ interessant sein,“ sagte Elise.

„Sein Schwanken, ob er sie fliehen,“ fuhr Florian fort -- „und unsagbar

elend werden oder sich ihr zu Füßen werfen solle und ihr die ihn

verzehrende Leidenschaft bekennen.“

„Das muß er doch unbedingt thun,“ rief die junge Dame rasch.

„Ja,“ sagte Florian mit gepreßter Stimme -- „auch ich fühle, wie

nothwendig das ist. Denn diese Ungewißheit würde er auf die Länge der

Zeit nicht ertragen können, aber -- ich befinde mich dabei in einer

schwierigen Situation, denn -- ich kann mich recht gut in die Lage und

Gefühle des Jünglings versetzen, aber -- nicht in die der Jungfrau. Ich

weiß nicht genau, wie sie sich in einem solchen Moment benehmen -- was

sie denken, was sie sagen würde.“

„Und da soll ich Ihnen helfen?“ lächelte Elise.

„O, wenn Sie das wollten,“ bat Florian leidenschaftlich, „noch bleibt

uns vielleicht eine Stunde Zeit.“

„Haben Sie Ihr Manuscript bei sich?“

„Die Gedanken sind noch nicht aufgeschrieben,“ erwiderte Florian, dem

jetzt ungefähr so zu Muthe war, als ob er auf einem durchgehenden

Pferde säße, und es eben laufen lassen müsse -- „nur im Kopf trage ich

sie herum, noch ohne Form und Gestalt, und Ihr Rath sollte ihnen eben

Leben verleihen.“

„Das verstehe ich nicht ganz,“ sagte die junge Dame erröthend, „wie

kann ich Ihnen einen Rath geben oder mir denken, was jene andere Dame

geantwortet haben würde, wenn ich nicht vorher lesen kann, was ihr

Geliebter gesagt?“

„Und wenn wir es nun dramatisch aufführten,“ fragte Florian, und es

war, als ob ihm bei dem scharfen Ritt seines Durchgängers der Athem

versetzt würde.

„Dramatisch?“

„Wir spielen die Scene durch,“ sagte Florian und mußte sich Mühe geben,

die Worte über die Lippen zu bringen.

„Und liebt sie ihn denn auch?“ lächelte Elise.

„Ja das weiß er ja noch gar nicht,“ erwiderte Florian, „gerade diese

Ungewißheit und -- der drängende Augenblick -- denn die Geliebte soll

ihm gerade durch einen harten Vormund entrissen werden -- treibt ihn

zu der Erklärung und eben von der Antwort derselben hängt das ganze

weitere Schicksal seines -- des Romans eben ab.“

„Also dann beginnen Sie,“ nickte Elise, still vor sich hin lächelnd;

„schade nur, daß Bertha nicht da ist, die könnte mich unterstützen.“

Florian war darin anderer Ansicht, aber in diesem Augenblick wirbelte

es ihm auch durch Kopf und Herz; er wechselte in dem Ansturm seiner

Gefühle mehrmals die Farbe, und wieder kam ihm die schon frühere

Empfindung des Erstickens, bis er endlich entschlossen die Zähne

aufeinander setzte. Es _mußte_ sein, und mit dem Bewußtsein griff

er den abgelegten Hut wieder auf, that als ob er eben erst in die

Thüre träte und sagte:

„Mein Fräulein, der Drang des Augenblicks mag mein plötzliches

Erscheinen entschuldigen. Aber die furchtbare Nachricht hat mich

ereilt, daß Sie uns verlassen wollen, und nicht vermochte ich in dem

Bewußtsein der Leere, die fortan mein ganzes Leben ausfüllen würde --“

„Aber bester Herr Heldenstern,“ unterbrach ihn lächelnd Elise -- „ich

bin allerdings der deutschen Sprache nicht so vollkommen mächtig, aber

-- kann man denn mit _Leere_ etwas ausfüllen?“

Florian war durch die Zwischenfrage ganz aus seinem Concept gekommen.

Was lag jetzt an einem Worte, an einer Redensart, wo sein ganzes

Lebensglück auf dem Spiele stand, und Elise saß ihm dabei so ruhig

gegenüber. Sollte er sich getäuscht haben? sollte sie nicht ahnen, was

in seinem Herzen vorging, und wie das Geständniß seiner „unsagbaren“

Liebe eben im Begriffe sei, über seine Lippen zu quellen?

„Sie haben Recht, mein Fräulein,“ stammelte er, „aber entschuldigen

Sie den falschen Ausdruck mit der Erregung des Augenblicks -- ich

wußte nicht, was ich sagte -- ich weiß es noch nicht -- aber nur Eines

-- Eines auf dem ganzen Erdenrunde weiß ich,“ rief er -- und jetzt

ging der Renner wieder ordentlich mit ihm durch, denn er warf sich

leidenschaftlich dem verführerischen Wesen zu Füßen -- „Eins nur, daß

ich Sie liebe und anbete -- daß ich nicht leben kann ohne Sie, daß ich

verzweifeln müßte, wenn Sie sich jetzt in diesem Augenblicke von mir

abwenden und mich in mein leeres Nichts zurückstoßen würden.“

Er hatte dabei ihre Hand gefaßt, die er mit seinen Küssen bedeckte.

Er sah und hörte auch nicht, wie in diesem Moment gerade die

Thüre sich öffnete und der ältliche Herr, allerdings mit einem

unverkennbaren Ausdrucke des Erstaunens, sonst aber vollkommen ruhig

und leidenschaftslos auf der Schwelle stand und die Gruppe betrachtete.

„Allerliebst,“ sagte er jetzt, als Florian schwieg; „ist das etwa eine

Abschiedsscene?“

„Nur eine Probe, Olaf,“ lächelte die junge Fremde, aber eben so

unbefangen und ruhig, als sie bis jetzt das Ganze hingenommen. „Herr

Heldenstern probirt eine Scene seines neuen Romans.“

„Nein -- nein,“ rief aber dieser jetzt, nicht mehr im Stande, die

einmal losgebrochenen Gefühle in ihr altes Bett zurückzudämmen, denn

selbst die Erscheinung des Fremden dämpfte nicht die Gluth. „Wahrheit

ist’s, furchtbare beseligende Wahrheit, und Glück oder Elend meines

ganzen Lebens hängt an dieser Stunde. Herr Olaf,“ fuhr er fort, indem

er in die Höhe sprang und sich an diesen wandte, „nicht vermögend, die

Scheu zu bewältigen, die mich in der Nähe dieses Engels erfaßte, trieb

es mich, zu schnöder List meine Zuflucht zu nehmen und ihr unter der

Maske eines fingirten Romans meine Liebe zu gestehen. Der Roman war

Erdichtung, aber nicht die Liebe selber. Ich bitte Sie um die Hand

Ihrer Tochter.“

Scheu streifte sein Blick, während er diese Worte in leidenschaftlicher

Heftigkeit sprach, die schlanke Gestalt Elisens, die, wie von Purpur

übergossen, neben ihm stand, und schaute dann fragend und flehend zu

dem ältlichen Herrn empor, der immer noch, langsam dazu mit dem Kopf

schüttelnd, seine Stelle behauptete.

„Meine _Tochter_, Herr Heldenstern?“ sagte aber Olaf endlich; „ich

verstehe Sie nicht -- ich habe gar keine Tochter.“

„So ist Elise nicht Ihre Tochter?“ rief Florian rasch.

„Allerdings nicht,“ erwiderte Herr Olaf mit derselben lächelnden Ruhe

-- „aber ich kann doch nicht gut glauben, daß Sie mich um die Hand

meiner eigenen Frau bitten?“

„Ihrer _Frau_?“ schrie Florian und sprang wie von einer Natter

gestochen zurück -- „heiliger Gott! und ich glaubte, die andere Dame,

Frau Bertha, sei Ihre Gemahlin.“

„Das ist _auch_ meine Frau,“ erwiderte mit unzerstörbarer eiserner

Ruhe der Entsetzliche.

„Aber ich bitte Sie um des Himmels willen.“

„Und die kranke Dame, derethalben wir Ems besucht haben, ebenfalls,“

nickte der ältliche Herr.

Florian faßte seinen Kopf mit beiden Händen -- er wußte nicht, ob er

wache oder träume und sein fragender Blick flog nach Elisen hinüber --

war es ihm doch als ob ein leiser Zug von Mitleiden über ihr liebes

Antlitz zuckte. Aber nur bestätigend nickte sie mit dem Kopf und der

junge Dichter rief verzweifelnd aus:

„Wollen Sie mich wahnsinnig machen? -- Es ist ja gar nicht möglich,

denn Sie stammen doch aus Norwegen und nicht aus der Türkei.“

„Nein,“ erwiderte der ältliche Herr lächelnd -- „ein Türke bin ich

allerdings nicht, sondern ein Christ.“

„Mit drei Frauen?“

„Wir gehören zur Secte der Mormonen,“ nickte Herr Olaf, „und kommen

vom Salzsee, wohin wir gerade im Begriffe sind, wieder zurückzukehren.

Liebe Elise, der Wagen hält schon vor der Thüre und das Gepäck ist

sämmtlich unten.“

„Mormonen!“ stöhnte Florian vollkommen vernichtet.

„Daß uns hier Nichts daran lag, als solche gekannt zu sein, können

Sie sich denken,“ fuhr der ältliche Herr fort, „und ich hatte nicht

das Geringste dagegen, daß meine jüngste Frau für meine Tochter galt.

Uebrigens kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß es mich und uns

Alle herzlich gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Sollten Sie jemals

unsere Ansiedlung am Salzsee, an der anderen Seite der Cordilleren,

besuchen, so werden wir Ihnen beweisen können, wie willkommen Sie uns

sind.“

„Gnädiger Herr, der Zug ist schon signalisirt,“ meldete in diesem

Augenblicke der eintretende Diener, „die Damen warten unten.“

„Leben Sie wohl, lieber Freund,“ sagte Olaf, ihm die Hand

entgegenstreckend und Elisens Arm nehmend, „und bewahren Sie uns ein

freundliches Andenken.“

„Leben Sie wohl, Herr Heldenstern,“ flüsterte auch Elise und reichte

ihm ihre kleine Hand.

Er nahm sie wie in einem Traum und drückte sie an seine Lippen, dann

sah er, wie die Personen verschwanden und hörte, wie unten der Wagen

fortrollte. Er wollte ihnen nach, aber er vermochte keinen Fuß zu regen

und stand da, willenlos und wie gebannt, allein mitten im „Panorama.“

Doch nicht lange dauerte dieser Zauber, den er endlich gewaltsam von

sich abschüttelte. Jetzt stürmte er die Treppe hinab und dem Bahnhof

zu -- was er dort wollte, wußte er freilich selber nicht, denn welche

Gewalt stand ihm über die Frau eines Anderen zu. Aber er kam auch zu

spät; wie er flüchtigen Laufes der nahen Station zueilte, pfiff die

Locomotive und der Zug brauste davon. Nur aus einem Coupé erster Classe

erkannte er noch ein weißes wehendes Taschentuch.

Florian verließ an dem nämlichen Abend Ems. Die Erinnerung an das

Durchlebte war ihm zu furchtbar. Vorher aber schrieb er noch in sein

eigenes Stammbuch:

„Aus dem Salzsee stieg die Nixe, zauberschön, ein Bild der Minne,

Und sie stahl mein Herz; ich dachte Nichts, als wie ich sie gewinne,

Aber Täuschung nur und Trug war’s; sie entschwand trotz meinem Sehnen

Und mir blieb allein der Salzsee, den ich schuf mit meinen Thränen.“

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 16 / 16 段