War das junge Mädchen schon vorher etwas verlegen gewesen, so goß sich

ihr jetzt plötzlich tiefe Röthe über Wangen und Nacken, aber trotzdem

lächelte sie und sagte schelmisch: „Der Herr Förster hat sich mir

einmal selber im Walde vorgestellt, als ich mich verirrt hatte und

nicht mehr wußte, wohin ich mich wenden sollte.“

„Da bist Du an den Rechten gekommen,“ lachte der Oberförster, „der

spürt alles Fremde auf, was in sein Revier kommt, und daß er Dich

damals nicht gepfändet hat, ist ein reines Wunder.“

Raischbach konnte kein Wort erwiedern, es war, als ob ihm Jemand die

Kehle zuschnüre; aber die alte Dame kam ihm zu Hülfe, denn die Gäste

konnten unmöglich den wohl viertelstündigen Weg in die Dorfkirche

antreten, ohne vorher, nach ihrem langen Marsch, einen Imbiß genommen

zu haben. Stand doch auch Alles schon seit frühem Morgen dazu bereit,

und dem Nöthigen zum Essen und Trinken mußte jetzt jede andere

Unterhaltung weichen.

Dann ordnete sich der Zug zur Kirche, nach altem Gebrauch. Voran der

Bräutigam mit der Braut. Hinter diesen der Oberförster und Margareth

als Brautführer, dann die Uebrigen, wie sie sich eben zusammenfanden,

mit jungen Mädchen aus dem Dorf, die herübergekommen waren, um Marie

abzuholen. Die Trauung selber dauerte allerdings etwas lang, da es

der Dorfgeistliche für seine Pflicht hielt, ehe er zu der wirklichen

feierlichen Handlung überging, den beiden Brautleuten einen kurzen

Ueberblick von der Erschaffung der Welt und der ganzen biblischen

Geschichte zu geben; aber sie nahm doch auch ein Ende, und nun begann

der fröhliche Heimzug und das Hochzeitsmahl im Försterhause, bei dem

der große eichene Tisch unter der Last der aufgetragenen Speisen

ordentlich ächzte.

Also deßhalb hatte Raischbach das Mädchen in der ganzen Zeit nicht

gesehen -- nur zum Besuch war sie damals da gewesen, und jetzt erst in

den „Bau“ zurückgekehrt? Und wie freundlich sie gegen ihn war -- aber

auch wie scheu, denn sie wich ihm aus, wo sie immer konnte, und doch

gestand sie ihm noch an demselben Nachmittag, daß sie am Morgen auf

dem Fußpfad oben am Hügel gewesen wäre und gesehen hätte, wie sie „von

drüben herüber“ kamen. -- Hatte sie ihn wirklich erwartet? -- o, wie

glücklich wäre er gewesen, wenn er das hätte glauben dürfen.

Das Mittagessen war vorüber, und Abends wurde natürlich ein kleiner

Ball arrangirt, wenn man auch nur einen Geiger und einen Flötenbläser

zum Musikkorps hatte. Raischbach tanzte fast nur mit Margarethen --

wie lieb er schon den Namen hatte -- und als sie den Heimweg endlich

antraten, da Buschmann nicht bewogen werden konnte, im „Bau“ über

Nacht zu bleiben, gingen ihm so viele Dinge im Kopf herum, daß er

fast wie ein Trunkener durch den Wald schwankte und von seinem alten

Förster weidlich ausgelacht wurde, da er, statt den Pfad zu der

Forstei einzuschlagen, in den schmalen Weg bog, der nach dem Fuchsbau

hinüberführte.

Innerhalb drei Tagen, so lautete das Schreiben, das ihm seine

Beförderung angekündigt hatte, sollte er sich bei dem Oberforstamt

melden, um dort seine definitive Anstellung als Förster entgegen

zu nehmen -- wie kurz war die Zeit, die er da auf seine eigenen

Angelegenheiten verwenden konnte, denn fast zu der nämlichen Frist

mußte Margareth, wie sie ihm an dem Abend gesagt, nach Hause

zurückkehren. Aber Raischbach war nicht der Mann, der sich eine einmal

aufgespürte Beute so leicht hätte entgehen lassen.

Schon am nächsten Tag, da ihn sein Dienst jetzt nicht mehr an die

Forstei band, wanderte er wieder nach dem „Bau“ hinüber, und es war

erst spät Abends, als er von dort zurückkehrte -- so spät, daß er

Buschmann nicht einmal mehr sprechen konnte.

Am nächsten Tag mußte Margareth heimwärts reisen und Raischbach

ebenfalls seinen Marsch antreten, um zur rechten Zeit beim Oberforstamt

einzutreffen. Hier wurde er sehr freundlich begrüßt, und da erst vor

kurzer Zeit eine recht gute Forstei erledigt worden, rückte er mit

einem Gehalt, der seine kühnsten Hoffnungen noch überstieg, in dieselbe

ein.

Buschmann’s hörten von da ab, da sein neuer Wohnplatz sehr entfernt

von ihnen lag, lange nichts mehr von ihm, und nicht einmal geschrieben

hatte er, obgleich er ihnen das fest versprochen; aber du lieber

Gott, Buschmann war ihm deßhalb nicht böse, denn er wußte gut genug

aus eigener Erfahrung, wie ungern Jäger -- wenn nicht dazu gezwungen

-- eine Feder in die Hand nehmen und einen Brief fertig bringen. Es

ist etwas Unnatürliches und wird eben so lang als irgend möglich

hinausgeschoben.

So war fast ein volles Jahr vergangen, als eines Tages, es war ein

Sonntag, und der alte Förster deßhalb sicher zu Hause, ein kleiner,

leichter Einspänner, dessen Kutscher ganz entsetzlich mit der Peitsche

knallte, den Waldweg herauffuhr.

Wenn es nun etwas in der Welt gab, was Förster Buschmann nicht leiden

konnte, so war es Peitschenknallen oder überhaupt irgend ein Lärm im

Wald, der, wie er manchmal äußerte, sein feierliches Schweigen bewahren

müsse, oder es sei eben kein Wald mehr, sondern nur ein Bauernholz.

Seinen Holzfuhrleuten war es deßhalb auch auf das Strengste verboten,

und er litt es überhaupt von keinem durchziehenden Kärrner, ohne

wenigstens entsetzlich grob zu werden und ihnen auch gar nicht selten

zu drohen, daß er ihnen „die Peitsche aus der Hand schießen würde“.

-- Das half gewöhnlich, denn da die Leute nicht glaubten, daß er den

dünnen Peitschenstiel treffen würde, so war es nachher vollkommen

unsicher, wohin die Kugel schlagen könne, und sie unterließen es

wenigstens in seiner Nähe.

Buschmann saß gerade vor dem Haus unter der alten Linde und trank mit

seiner Frau Kaffee, denn der neue Forstgehülfe, den er hatte und den

das Leben auf der einsamen Forstei langweilte, war in den nächsten

Ort zu Bier gegangen. Da hörte er das ganz unsinnige Peitschenknallen

des Einspänners, der sich jedenfalls nur hierher verfahren hatte und

nun den lästerlichen Skandal machte, um Jemanden herbeizurufen und

auf den rechten Weg gebracht zu werden. Der kam dem Alten aber gerade

recht, denn er war just nicht in besonderer Laune und hatte sich schon

irgend etwas gewünscht, an dem er seinen Grimm auslassen konnte. Zuerst

fuhr er empor und horchte; wie er sich aber über den Laut nicht mehr

täuschen konnte und der Einspänner auch bald darauf in Sicht kam,

sprang er auf, rannte ihm entgegen und überschüttete nun den Kutscher

mit einer solchen Fluth von Verwünschungen und Flüchen, daß das Pferd

fast scheu wurde und der arme Teufel bestürzt auf seinem schmalen

Bock saß. Es sah auch in der That so aus, als ob der alte Mann jeden

Augenblick über ihn herfallen werde, und kräftig genug schien er, um

das ganze Gefährt in den Busch zu werfen.

„Hurrah!“ jubelte da plötzlich in den Ingrimm hinein eine laute

lachende Stimme, „hab’ ich’s mir doch gedacht, daß er beim

Peitschenknallen wie der Bock auf’s Blatt anläuft -- Hurrah, Vater

Buschmann, kennen Sie mich nicht mehr?“

Und heraus aus dem Wagen sprang Raischbach und schüttelte dem

erstaunten alten Mann herzlich die Hand. Dieser aber, so sehr er sich

freute, seinen alten Forstgehülfen wieder begrüßen zu können, sagte

ihm kaum ein Wort, denn er bemerkte jetzt erst, daß er nicht allein in

dem Einspänner gesessen habe. Eine jugendliche schlanke Frauengestalt

sprang hinter ihm her aus dem kleinen Wagen und mit einem Freudenruf

auf ihn ein: „Herr Förster Buschmann!“

„Soll mich der Teufel holen, die Margareth!“ rief der Alte ganz

verdutzt aus.

„Frau Försterin Raischbach,“ stellte sie aber der junge Mann jetzt

förmlich vor, als nun auch die Frau Försterin und die alte Lisei, die

eben das Kaffeezeug abräumen wollte, herankamen um zu sehen, was es da

gäbe. Gehörte doch ein Fremder auf der Forstei ohnedies zu den größten

Seltenheiten, und die Frauen bekamen jetzt die schönste Gelegenheit,

um die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. -- Aber das war nun

auch ein Gratuliren und Wünschen und Küssen und Drücken und Erzählen,

und die Lisei stürzte vor allen Dingen in die Küche, um wieder einen

frischen Topf mit Kaffee anzusetzen.

Raischbach mußte indeß erzählen, wie es so rasch mit seiner Heirath

gekommen sei, und da erfuhren sie denn, daß er, als er sich von

Margareth wieder getrennt sah, kurzen Prozeß gemacht habe und selber

nach Schmalkalden hinübergefahren sei, um bei ihrem Vater um ihre Hand

anzuhalten. Vor vierzehn Tagen sei nun Trauung gewesen und sie selber

noch auf der Hochzeitsreise, und jetzt wollten sie, ehe sie nach Hause

zurückkehrten, erst ihre Freunde im Spessart und -- den alten Platz

besuchen, wo sie sich zum ersten Mal gesehen.

„Und was für ein hübsches Frauchen haben Sie sich ausgesucht, Herr

Förster,“ sagte die alte Lisei, die mit gefalteten Händen vor dem

jungen Paar stand und es mit ordentlich mütterlicher Liebe betrachtete.

„Ja, Lisei,“ lachte Raischbach, „das ist aber auch kein gewöhnliches

Menschenkind, sondern ein echtes Waldweible, das ich mir aus dem

Fuchsbau geholt und zu meiner Frau gewonnen habe, und die kennt den

wilden Jäger, den Grafen Hackelnberg, den Hans Jagenteufel, die schöne

Berchta und die alte Urschel ganz genau, von Jugend auf.“

„Gott sei uns gnädig!“ sagte die alte Frau erschreckt, denn sie hielt

etwas Derartiges gar nicht etwa für unmöglich. Margareth aber ging zu

ihr, reichte ihr lächelnd die kleine Hand und sagte herzlich: „Glauben

Sie dem wilden Menschen kein Wort. Fühl’ ich mich an wie eines von den

Gespenstern, die er in seinem Fiebertraum gesehen? Aber am Fuchsbau,

wie der Platz ja wohl heißt, hat er mich allerdings im Wald gefunden,

und eines Försters Kind und Frau bin ich auch, also ein Waldweible,

wenn wir’s so nennen wollen.“

„Und erinnern Sie sich noch, Herr Förster,“ rief da Raischbach, „was

Sie mir an dem Morgen, wo ich den Prachtbock geschossen hatte, sagten?

-- ich habe die Worte bis auf den heutigen Tag nicht vergessen: ‚Heute

sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach,‘ meinten Sie, ‚denn daß

Sie dem Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist.‘ -- Nun, das

hab’ ich an dem nämlichen Tag gethan, und wie Sie sehen, hier das große

Loos gewonnen.“

Es bleibt kaum noch etwas zu erzählen. Daß Raischbach und seine junge

Frau „im Bau“, wohin er mit ihr am nächsten Morgen zu Fuß hinüberging

und ihr dabei auch unterwegs die Stelle zeigte, wo er damals in den

Fels gekrochen -- mit Jubel empfangen wurde, versteht sich von selbst.

Drei volle Tage blieb er auch dort und bei Buschmann’s, und erst als

sein Urlaub abgelaufen war, fuhr das junge Paar durch den schönen

rauschenden Wald, und jetzt nur Glück und Liebe im Herzen, der Heimath

-- dem „eigenen Herd“ entgegen.

Der ältliche Herr.

Eine Badeskizze.

In Bad Ems stand die Saison in voller Blüthe und der Platz war seit

langer Zeit nicht so besucht gewesen, wie in diesem Jahre. Dazu

begünstigte das außerordentlich freundliche Wetter nicht allein die

Kur, sondern verstattete auch den Patienten, oder besser gesagt

Badegästen, die weitesten Ausflüge in die Nachbarschaft, in der sich

reizende Partieen nach allen Seiten machen ließen.

Früh Morgens wogte dann auch -- während die nassauische Militairmusik

unermüdlich, von ihrem Dirigenten selbst componirte Potpourris spielte

-- die Schaar der Lustwandelnden auf der Promenade auf und ab, während

Mittags und Nachmittags -- bis das Abendconcert wieder begann, der

Hauptplatz wie ausgestorben schien.

Das war dann die Zeit, wo die geputzten Menschen -- auf Eseln oder zu

Fuß -- in die schattigen Berge hinaufkletterten, um auf den Höhen zu

lagern und von dort den sonnigen Badeplatz aus der Vogelperspective zu

betrachten.

Nur im Spielsaale wurde es nicht leer. Die Gier nach dem dort

roulirenden Gold regte die Leidenschaften auf, und was das heilkräftige

Wasser am Morgen genützt, zerstörte Mittags wieder der grüne Tisch.

-- Was kam auch eigentlich darauf an, ob die Kranken das Bad

_geheilt_ verließen -- die Actien der Spielbank stiegen von Jahr

zu Jahr, und daß Schweiß und Blut an dem Gelde klebte, machte dem

französischen Gesindel und seinen vornehmen Beschützern wenig Sorgen.

Wol muß einmal die Zeit kommen, wo dieser Fluch unserer Civilisation

ausgerottet und jene Bande von Croupiers aus dem Lande und über ihre

Grenze gejagt wird, und dann werden wir nicht begreifen können, wie

es möglich war, sie so lange zu dulden. Jetzt aber grünt und blüht

sie noch in unseren reichsten Gauen, und wenn sie im Herbste ihre

geldgefüllten Koffer nach Frankreich hineinschleppt, lacht sie der

Thoren, die sie auf der Leimruthe gefangen und gerupft.

Gott bessere es!

In Ems, wie im ganzen nassauischen Lande blühte ihr Geschäft aber noch

flott, und während draußen der helle Sonnenschein auf den Bergen lag,

und die Vögel zwitscherten und sangen und der blaue Himmel sich über

die Erde spannte, drängte sich ein dichter Schwarm von Spielern um den

grünen Tisch im reich geschmückten Saale, um mit lautlosem, peinlichem

Schweigen den Urtheilssprüchen zu lauschen, die ihnen Glück oder

Unglück kündeten.

Aus dem Saale trat ein junger Mann -- er sah bleich und erregt aus und

der stiere Blick flog unstät über den freien Raum. Grade in der Thüre

begegnete er einer Gruppe von Herren und Damen, die eben die Spielhölle

betreten wollten. Er sah sie aber gar nicht und drängte sich, die

glanzlosen Augen am Leeren haftend, zwischen ihnen durch auf die

Promenade.

Die Gesellschaft blieb stehen und sah ihm nach.

„Der hat verloren,“ lächelte ein Elegant mit einem spitzen Schnurr- und

Knebelbarte -- „aber er scheint noch ein Neuling zu sein, denn einem

alten Spieler würde man es nicht ansehen dürfen.“

„Armer junger Mensch,“ flüsterte die eine Dame mitleidsvoll.

„Bah -- weshalb spielt er,“ sagte der Erste wieder; „aber lassen Sie

uns eintreten, meine Damen, wir bekommen sonst keinen Platz am Tische.“

Die Gesellschaft verschwand im Saale und der junge Spieler -- so wenig

seiner selbst bewußt, daß er nicht einmal den Hut draußen aufsetzte,

sondern ihn noch immer in der Hand behielt, schnitt quer durch die

Stühle und Tische am Promenadenplatze hin, rechts an den Kurgebäuden

vorüber, der kleinen eisernen Brücke zu, die über die Lahn nach dem

anderen Ufer hinüberführte.

Dicht vor der Brücke überholte er einen ältlichen Herrn mit zwei Damen,

aber er sah oder beachtete sie gar nicht. Mit raschen Schritten eilte

er über die Brücke, bis er etwa die Mitte derselben erreicht harte,

warf dort zuerst einen Blick über das Geländer in die Fluth hinab, dann

sah er sich wie scheu um, ließ plötzlich seinen Hut fallen, ergriff

das Geländer mit beiden Händen, schwang sich hinauf und verschwand im

nächsten Augenblicke in der über ihm zusammenschlagenden Fluth.

Die beiden Damen, welche indessen mit ihrem Begleiter ebenfalls die

Brücke betreten hatten und unmittelbare Zeugen des Ganzen gewesen

waren, stießen einen lauten Schrei aus, und sahen nur noch, wie vom

anderen Ende der Brücke ein junger Mann, der den Vorgang ebenfalls

bemerkt haben mußte, im flüchtigen Laufe herbeiflog, an der Stelle

angelangt ohne Weiteres seinen Strohhut zu Boden warf, seinen Rock

abstreifte, und sich dann, ohne auch nur einen Moment zu zögern,

ebenfalls von der Brücke hinab in die Lahn warf.

Die beiden jungen Damen eilten jetzt der Stelle zu, um zu sehen, ob

das Rettungswerk des wackeren Helfers gelingen würde; der ältere Herr

dagegen, der die Sache viel kaltblütiger zu nehmen schien, folgte ihnen

weit langsamer und blieb endlich am unteren Geländer stehen, um den

Verfolg des kleinen Abenteuers von dort, wo er sich gerade befand, zu

beobachten.

Uebrigens schien die verzweifelte That des Unglücklichen von beiden

Ufern des kleinen Stromes aus gleichzeitig bemerkt zu sein, denn von

beiden Seiten eilten Leute herbei und aus dem dicht am Ufer stehenden

Polizeigebäude sprangen ein Paar Polizeidiener hinab und in ein dort

befestigtes Boot, um wo möglich den Selbstmord zu vereiteln. Sie wären

aber doch vielleicht zu spät gekommen, hätte der junge Fremde, der

ein rüstiger Schwimmer schien, nicht den Unglücklichen schon gefaßt

und, trotz seines Sträubens, über Wasser gehalten. Vergebens aber

suchte er mit ihm das dort außerdem hoch ummauerte Ufer zu erreichen,

und dabei kam ihm denn endlich das Boot zu Hülfe. Rasch erfaßte er

dessen Rand und hielt jetzt den Unglücklichen so lange, bis ihn die

beiden Diener der öffentlichen Sicherheit ebenfalls ergreifen und in

das Boot ziehen konnten. Der Fremde folgte dann nach, und etwas weiter

unterhalb landeten sie, um jetzt den jungen verzweifelten Menschen, der

aber nicht den geringsten Widerstand mehr leistete, auf die Polizei

abzuführen, damit er sich dort verantworte.

Wenn ihm die Sicherheitsbehörde auch das volle Recht eingeräumt oder

doch wenigstens in der Spielhölle die Gelegenheit geboten hatte, über

sein eigenes oder anvertrautes Geld zu verfügen, so schien sie ihn

vollständig mit der Gewalt über sein eigenes Leben beschränken zu

wollen. Er hatte zu einem Selbstmorde in Nassau keine polizeiliche

Erlaubniß.

Indessen breitete sich die Nachricht über das beabsichtigte

Vergehen blitzschnell in der Nachbarschaft aus. In einem Badeorte

hat, die Kellner und Köche ausgenommen, Alles Zeit, und selbst das

unbedeutendste Außergewöhnliche ist willkommen, um für einen Moment die

Monotonie des Badelebens zu unterbrechen.

An beiden Ufern sammelten sich die Neugierigen, und als der wieder

auf’s Trockene gebrachte arme Teufel abgeführt wurde, drängten

die auf der anderen Seite Befindlichen rasch über die Brücke, um

den interessant gewordenen jungen Mann auch einmal in der Nähe zu

betrachten und nachher genau erzählen zu können, wie er ausgesehen habe.

Die beiden jungen Damen hatten indessen neben dem abgeworfenen Rocke

und Hute des Fremden gestanden, was Beides noch auf dem Boden lag.

Die Jüngste von ihnen bemerkte aber in der aufgekehrten Brusttasche

des Rocks eine grünsaffiane Brieftasche, und als die vielen Leute

vorüber eilten und Einige sogar auf den Rock traten, bückte sie sich

unwillkürlich und hob ihn und den Hut auf. Der edle junge Mann, der

so rücksichtslos sein Eigenthum von sich geworfen hatte, nur um einem

anderen, jedenfalls fremden Menschen zu helfen und ihn zu retten,

durfte doch nicht auch noch, als Dank für seine wackere Gesinnung, zu

Schaden kommen. Es war das Wenigste, was sie für ihn thun konnten, daß

sie Acht auf das Verlassene hatten.

Ihr älterer Begleiter kam jetzt ebenfalls heran und lächelte spöttisch,

als er die junge Dame mit dem Rock und Hut des Fremden auf der Brücke

stehen sah.

„Du siehst wirklich gut aus, Elise,“ sagte er, „und trägst Deine Last

mit Würde.“

„Ich konnte doch die Sachen nicht auf der Brücke liegen lassen,“

erwiderte die junge Dame erröthend -- „es liefen so viele Menschen

vorüber und erst neulich las ich in einer Zeitung, daß ein junger Mann,

der in einem ähnlichen Falle in Berlin einen Anderen aus dem Flusse

gezogen, bei seiner Rückkehr keines der abgeworfenen Kleidungsstücke

wiedergefunden habe.“

„Dagegen wolltest Du _diesen_ jungen Herrn also sicher stellen?“

nickte ihr Begleiter, wo möglich noch spöttischer als vorher -- „dann

amüsire Dich gut, mein Kind -- ich werde mit Bertha indessen voran in’s

Hôtel gehen, denn Du darfst doch keinenfalls den Platz verlassen, bis

Dein Schützling zurückgekehrt ist.“

„Da kommt er schon,“ rief Bertha, die andere junge Dame, „lieber Gott,

wie naß er aussieht!“

„Wie eine gebadete Maus,“ lachte der ältere Herr -- „ich würde Dir aber

rathen, mein Kind, die Sachen wenigstens niederzulegen, Du kannst ja

daneben stehen bleiben -- oder willst Du sie ihm feierlich als ‚weiß

gekleidete Jungfrau‘ überliefern?“

„Du bist unausstehlich heute,“ sagte das junge Wesen, indem sie tief

erröthete, in aller Verlegenheit aber die Sachen doch neben sich auf

den Boden legte. Das geschah aber zu spät, als daß es der jetzt auf

die Brücke tretende Fremde nicht noch hätte bemerken müssen. Er wußte

deshalb, wer sich seiner Sachen angenommen, und als er näher kam, sagte

er -- in seiner nassen Toilette doch auch ein wenig befangen:

„Nehmen Sie den innigsten Dank, mein gnädiges Fräulein, für Ihre

unendliche Liebenswürdigkeit.“

„Bitte, mein Herr -- es war“ -- stammelte die junge Dame -- nicht dem

Fremden, sondern ihrem älteren Begleiter verlegen gegenüber, denn sie

sah, daß sich dieser die größte Mühe gab, sein Lachen zu verbeißen.

Er befreite sie aber auch ohne Weiteres aus dieser Lage, indem er ihr

seinen Arm reichte und sie, mit einer leisen Neigung des Kopfes gegen

den Fremden, über die Brücke hinüberführte.

Dieser blieb indessen, ganz in das Anschauen der holden jungen Dame

versunken, mitten auf der Brücke stehen, und sah ihnen nach, soweit er

ihnen mit den Augen folgen konnte. Endlich fing es ihn aber doch an in

den nassen Kleidern zu frösteln; die Zähne schlugen ihm zusammen, und

da sich auch weiter Niemand um ihn bekümmerte -- war doch der Gerettete

eine viel interessantere Persönlichkeit, als sein Retter -- so setzte

er seinen Hut auf, nahm den Rock in die Hand und schritt, so rasch er

konnte, am Kurhause vorbei und seiner eigenen Wohnung zu, die Straße

hinab.

Ein so wohlthuendes Gefühl es ihm aber auch hätte dabei sein müssen,

ein Menschenleben gerettet zu haben, so überließ er sich sonderbarer

Weise doch weit weniger diesem angenehmen Gedanken, sondern

beschäftigte sich entschieden nur mit seinem augenblicklichen Zustand.

„Den Teufel auch,“ brummte er leise vor sich hin, „da muß mich der Böse

plagen, daß ich gerade über die Brücke komme, wie der Holzkopf in’s

Wasser springt -- und ich hinterher. Wer von uns Beiden war nun der

Dümmste? -- Jedenfalls _ich_, denn _er_ mußte einen Grund

dafür haben und mich ging die ganze Geschichte eigentlich gar Nichts

an. Und was habe ich jetzt davon? -- Mein einziges gutes Paar Hosen

auf unbestimmte Zeit gründlich ruinirt, und meine Stiefeln -- na ja

-- ob ich es mir nicht gedacht habe: da klafft das ganze Oberleder

weit auf und jetzt kann ich mich nur zwei Tage in’s Bett legen, bis

mich Schuster und Schneider erst wieder restaurirt haben -- und

nachher _die_ Rechnung in dem theueren Neste. Das geschieht Dir

aber Recht, Florian -- ganz Recht geschieht Dir’s, denn Du mußt Deine

Nase in Allem haben, und wenn sie Dir nun indessen Deine Brieftasche

mit Deinen letzten zehn Thalern gestohlen hätten, heh? -- was dann?

hättest Du Dich bei irgend Jemandem beklagen dürfen? Aber jener

schützende Engel! -- beim Himmel, wie aus Rosenduft und Lilienthau

gewoben -- _noch_ ein Ideal! Heiland der Welt, wie viel Ideale

habe ich eigentlich schon, und immer wieder taucht ein neues auf,

und eins schöner und holdseliger als das andere. -- Aber was nützt

_mir’s_,“ setzte er nach einer kurzen Pause niedergeschlagen

hinzu -- „mir hilft’s doch Nichts, denn das ist jedenfalls irgend eine

junge Comtesse oder Prinzessin, wie sie hier zu Dutzenden incognito

herumlaufen, die mir aus reiner Gutmüthigkeit meinen Rock aufgehoben.

-- Jetzt geht sie denn in aller Gemüthlichkeit zu ihrem Diner, und

denkt gar nicht mehr an den armen Teufel, und ich -- madennaß wie ich

bin, darf mich nicht einmal vor Jemandem sehen lassen. Das einzige Gute

ist, daß mir heute Niemand gesegnete Mahlzeit zu wünschen braucht.“

Es wurde in der That nöthig, daß sich der junge Mann von der Straße

entfernte, denn sein wunderlicher Aufzug theils, theils sein halblaut

geführtes Selbstgespräch hatte schon eine Anzahl von jugendlichen

Gestalten herbeigelockt, die anfingen, sich über ihn zu amüsiren. Seine

Vorahnung schien sich auch zu bestätigen. Nur spärlich mit Garderobe

ausgerüstet, mußte er in der That zwei volle Tage, wenn auch nicht

gerade das Bett, doch sein Zimmer hüten, um seine Beinkleider und

Stiefeln erst wieder in Stand zu bekommen, und erst am dritten Morgen

durfte er wagen, sich auf’s Neue auf der Promenade sehen zu lassen.

Florian Heldenstern war übrigens nicht nach Ems gekommen, um eine Kur

zu gebrauchen, ebensowenig, um sich zu amüsiren, denn -- seine Mittel

erlaubten ihm das nicht. Florian Heldenstern hatte aber trotzdem einen

Zweck, und zwar einen literarischen, denn seinem Stande nach gehörte

er zu den „Rittern vom Geiste“. Er war mit einem Worte Dichter, und

machte hier -- im Auftrag eines größeren Blattes, um Correspondenzen zu

schreiben und vielleicht auch Stoff zu kleineren Erzählungen zu sammeln

-- Studien in der Badewelt, die ihm den Hintergrund zu seinen Novellen

liefern sollten.

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 14 / 16 段