„Da steht ja die ganze Geschichte im Brief. Sie heirathet aber aus

dem Wald hinaus, einen Doktor, und mir wär’ das nicht recht, wenn ich

Töchter hätte. Mich wundert’s, daß es der alte Böckler gelitten hat.“

„Er wird’s nicht haben hindern können, Vater,“ nickte freundlich die

alte Frau. „Wenn sich ein paar junge Leute erst einmal lieb und ihr

Brod haben, wer kann sie da auseinander halten? -- Aber nicht noch eine

Tasse, Herr Förster? -- Sie haben ja beinah gar nichts getrunken.“

„Ich danke wirklich, Frau Försterin!“

„Oder wenigstens noch ein Stückchen Kuchen.“

Der junge Mann hatte sein Aeußerstes an Essen und Trinken gethan -- es

war auch spät geworden, und nachdem er seine Pfeife ebenfalls in Brand

gebracht, zog er sich bald darauf, unter dem Vorgeben, heute Abend

besonders müde zu sein, auf sein Zimmer zurück. Die Frau Försterin

rief ihm aber noch nach, sich morgen früh ja um zehn Uhr etwa bereit

zu halten, daß sie dann zusammen nach Böckler’s hinübergingen, weil er

allein gar nicht den Weg gefunden hätte. Länger durften sie auf keinen

Fall warten, sonst kamen sie zu spät, denn um zwölf Uhr sollte die

Trauung sein und anderthalb gute Stunden hatten sie zu gehen.

[D] Abwurf ist das Geweih, was Hirsch oder Rehbock im Winter

verliert, um im Frühjahr wieder neue Stangen anzusetzen.

Achtes Kapitel.

Der Bock.

Raischbach konnte an dem Abend fast gar nicht einschlafen, so gingen

ihm die heute gehörten Neuigkeiten im Kopf herum. Daß er selber

Förster und dadurch selbstständig geworden, beschäftigte ihn aber

wunderbarer Weise am Wenigsten; mehr als Alles dagegen, daß es ganz in

der Nähe einen Ort gäbe, der „im Bau“ heiße. -- Und hatte ihm jenes

fremde, wunderliebe Mädchen, das er damals im Wald getroffen, nicht

gesagt, daß sie „im Bau“ wohne, und er darunter thörichter Weise nur

den einen derartigen Platz verstanden, den er kannte? Und sie hieß also

wirklich Marie, wie er sie damals in seinem Traum oder Wachen -- er

wußte es selber nicht -- genannt, und morgen um zwölf Uhr feierte sie

ihre Hochzeit und hatte ihn selber dazu eingeladen, damit er Zeuge der

Trauung sein solle.

Er fiel endlich in einen unruhigen Schlaf, aber der Traum spielte fort.

Wieder traf er die Jungfrau, die jetzt mit dem Grafen von Hackelnberg

Arm in Arm spazieren ging, und hinterher hinkte die alte Urschel und

schüttelte immer mit dem Kopf, und die schöne Berchta sauste auf ihrem

milchweißen Renner daher. Jetzt hatte sie ihn erblickt, und mit einem

Hussah und Halloh hetzte sie ihre mageren Rüden auf ihn, die mit

Gebell und Geheul heranstürmten. Jetzt waren sie dicht an ihn heran;

da riß sich Marie von des wilden Jägers Arm los und wollte sich ihnen

entgegenwerfen. Umsonst! was vermochte ihre schwache Kraft gegen die

teuflischen Bestien; sie wurde zu Boden gerissen, und wie er selber in

wilder Wuth nach seinem Hirschfänger griff, um sie zu retten, brachte

er ihn nicht aus der Scheide. Wie festgeleimt stak er darin, und heran

brachen die Hunde mit offenen, gifthauchenden Rachen -- die Tut-Osel

flog herbei mit ihren glühenden Augen und breiten Schwingen -- schon

fühlte er das scharfe Gebiß der Rüden an seiner Kehle, als er mit einem

Schrei in seinem Bett emporfuhr und wild verstört umherblickte.

Das Fenster hatte er am Abend vorher und in der warmen Nacht offen

gelassen und er hörte draußen im Busch den Ruf der Nachtschwalbe -- das

erste Zeichen des anbrechenden Tages. Es war noch sehr früh, aber er

fühlte sich auch so aufgeregt, daß er doch nicht mehr schlafen konnte

oder wollte. Er stand auf, wusch sich und zog sich an und schlich sich

dann, um Niemanden im Haus zu stören, die Treppe hinunter, nahm seine

Büchse vom Nagel und wanderte in den Wald hinaus.

Es war ein ganz wundervoller Morgen, und noch prangten die Sterne in

voller Pracht am Himmel, aber schon zeigte sich im Osten der erste

lichte Streif und hie und da begannen einzelne kleine Vögel ihr leises

Zwitschern und Zirpen, fast wie selber noch im Traum und aufgeblustert

auf ihren Zweigen.

Es mußte die Nacht ein wenig geregnet haben, denn der Boden war feucht

-- man hörte keinen Schritt, und still und sinnend wanderte der junge

Forstmann durch den schweigenden, wundervollen Wald in die jetzt mehr

und mehr erwachende Natur hinein.

Da sang ein Finke schon sein munteres Lied hell und klar der erwarteten

Sonne entgegen -- da drüben am Bergeshang schrie der Kukuk seinen

monotonen Ruf. -- Ueber den Pfad hinüber glitt ein Fuchs, der wohl nach

seinem Bau zurückkehrte, aber so rasch und einer Erscheinung gleich,

daß Raischbach nicht einmal die Büchse an den Backen heben, viel

weniger zielen konnte. Es lag ihm auch nicht viel daran, die stille,

fast heilige Ruhe des Waldes jetzt durch einen Schuß auf einen in

dieser Jahreszeit doch werthlosen Fuchs zu stören, und langsam schritt

er weiter. Aber das Begegnen des schlauen Hühnerdiebes hatte ihn doch

ein wenig aus seiner Träumerei aufgerüttelt und aufmerksamer gemacht.

Er behielt die Büchse, die er bis dahin auf der Schulter getragen,

unter dem Arm und fing jetzt an, da es auch hell genug geworden war, zu

pirschen.

Eine Weile ging das auch. Er paßte nach allen Seiten auf, und wenn er

einen Bergkamm oder eine Erhöhung erreichte, blieb er eine Zeitlang

ruhig halten, um erst zu beobachten, ob er nichts Lebendiges erkennen

könne. Aber der Wald schien heute -- die lustigen Sänger in den

Zweigen abgerechnet -- wie ausgestorben, und nach und nach gewannen

die Gedanken in ihm wieder die Oberhand. Fast unwillkürlich, ohne sich

dessen wenigstens klar bewußt zu sein, hatte er dabei die Richtung nach

dem „Fuchsbau“ genommen und wie oft -- wie unzählige Male war er schon

den Weg gegangen, daß er fast jeden Baum und Strauch dahin kannte. Was

er da immer und immer wieder wollte, mochte er sich freilich nicht

einmal selber eingestehen -- aber es war kein Feisthirsch und kein

Rehbock, und dort angekommen suchte sein umherschweifender Blick -- es

ließ sich nicht gut ableugnen -- immer nur ein buntes Tuch zwischen den

grünen Büschen.

Und „im Bau“ hatte sie gesagt, daß sie wohne, und heute sollte ihre

Hochzeit sein -- war er da nicht thöricht, gerade an dem heutigen Tag

den Fuchsbau abzusuchen? -- an ihrem Ehrentag fand er sie dort doch

sicher nicht.

Mißmuthig warf er sich am Fuß einer hochstämmigen Tanne nieder, legte

die Büchse neben sich und stützte den vom Denken und Grübeln fast

schmerzenden Kopf in die Hand.

Er mochte eine halbe Stunde so gelegen haben, und all’ die alten, oft

mit Gewalt verdrängten Bilder jener Stunden, die er damals nach seinem

Sturz im Fuchsbau zugebracht, zogen mit ihren gaukelnden Gestalten

an seiner inneren Seele vorüber, als er plötzlich dicht hinter sich

Schritte zu hören glaubte. Er fuhr allerdings nicht rasch empor, um

zu sehen, was sich in seiner Nähe rege, denn das thut schon aus alter

Gewohnheit kein Jäger, aber fast unwillkürlich glitt seine rechte

Hand nach dem Schloß der Büchsflinte und suchte den Bügel, während er

langsam und vorsichtig, ohne seine Stellung auch nur im Geringsten

zu verändern, den Kopf der Richtung zudrehte, in der er das Geräusch

vernommen. Aber einen ordentlichen Stich gab es ihm durch’s Herz, als

er dort plötzlich auf kaum dreißig Schritt Entfernung den Bock --

seinen Bock erkannte, der, mit dem riesigen Gehörn auf, ganz ruhig und

vertraut aus einer Fichtendickung herausgetreten war und sich dort

sorglos zu äsen anfing.

Allerdings lag er selber durch den Stamm und die Wurzel der Weißtanne

großentheils verdeckt, aber die geringste Bewegung mußte auch den

Blick des scheuen Wildes dahin lenken, und gut genug wußte er, daß

der Bock dann auch wieder -- lange vorher, ehe er schußfertig werden

konnte, mit zwei Sprüngen im Dickicht und vollständig in Sicherheit

war. Langsam ließ er sich deßhalb zurückgleiten, bis er lang

ausgestreckt am Boden lag; dann erst versuchte er sich umzudrehen und

auf das Gesicht zu kommen -- auf dem noch feuchten Moos und den dürren

Nadeln konnte er das auch ohne Geräusch bewerkstelligen, und jetzt erst

zeigte sich eine andere Schwierigkeit, daß er die Büchse nämlich an der

linken Seite liegen hatte.

Vorsichtig hob er wieder den Kopf -- der Bock hatte sich von ihm

abgedreht; er konnte keine Ahnung von seiner Nähe haben, und nun erst

wagte er es, seine Waffe herumzubringen. Wie ihm aber das Herz dabei

pochte -- er konnte es ordentlich hören, und wenn er jetzt schoß,

fehlte er ihn heilig -- erst mußte er ruhig werden, und mit geöffnetem

Mund, dicht hinter den Stamm gepreßt, die Büchse aber schußfertig in

der Hand, kniete er auf seinem Stand und athmete ein paar Mal hoch auf.

Und der Bock äste sich weiter; er konnte ihn in dieser Stellung nicht

sehen, aber hörte deutlich, wie er das dort in der Dickung üppig

wachsende Gras abriß -- jetzt durfte er nicht länger säumen. Er hob

sich leise empor, bis er aufrecht stand, trat einen Schritt zurück,

hob die Büchse an den Backen und bog sich nach rechts über. Die

Bewegung war ohne Geräusch geschehen, aber das Auge des Bocks mußte

gerade die Tanne gestreift haben, an der es rasch die fremdartigen

Umrisse erkannte. Dort stand er, breit, den schönen Kopf mit dem

kräftigen Gehörn erhoben, aber schon mißtrauisch und zur Flucht bereit,

herübersichernd -- noch ein Moment -- aber der Lauf der Büchse hatte

sein Ziel gesucht und gefunden, der Finger des Jägers berührte den

Stecher, und mit dem Knall des Rohres zugleich sprang das zum Tod

getroffene Thier mit allen vier Läufen zumal vom Boden empor, fuhr

herum und war im nächsten Augenblick in der Dickung verschwunden.

Raischbach aber, während ein triumphirendes Lächeln über seine Züge

flog, rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte den Sprung des Bocks

gesehen und wußte, daß er ihn nicht gefehlt haben konnte -- alles

Uebrige durfte jetzt ruhig abgemacht werden. Vor allen Dingen lud er

auch deßhalb den abgeschossenen Kugellauf frisch auf den Brand, setzte

ein Zündhütchen auf und den Hahn in Ruh, und schritt dann langsam auf

den Anschuß.

Er brauchte nicht weit zu gehen, schon von weitem erkannte er an den

reichlich mit rothem Schweiß bespritzten Büschen die Stelle, wo der

Bock in das Dickicht gebrochen -- er lag auch schon, kaum zwanzig

Schritt von da entfernt, verendet, und Raischbach hätte laut aufjubeln

mögen, als er das prachtvolle Gehörn, dem er so lange schon vergebens

nachgestrebt, als sein Eigenthum in Händen hielt. Aber viel Zeit durfte

er auch nicht versäumen; es war schon spät geworden, und wenn er noch

zur rechten Stunde in der Forstei sein wollte, um sich umzukleiden,

mußte er rasch an’s Werk gehen. Und wie gern that er das -- in wenigen

Minuten war der stattliche Bock aufgebrochen und allerdings eine Last,

um ihn auf den Schultern nach Haus zu tragen, denn er wog sicher seine

fünfundvierzig Pfund; aber mit dem Gefühl seines Triumphes spürte er

ihn kaum und schritt rüstig vorwärts.

„Alle Wetter!“ rief aber der alte Förster aus, als er den jungen Mann

mit dem Staatsbock ankommen sah; „heute sollten Sie in die Lotterie

setzen, Raischbach, denn daß Sie _dem_ Bock begegnet sind, zeigt,

daß Ihr Glückstag ist. Das Gehörn wäre unter Brüdern seine sechs

Louisd’or werth.“

Aber es blieb keine Zeit zu weiteren Betrachtungen, es war in der That

spät geworden, und da sich Raischbach auch noch vollständig umkleiden

mußte, durfte er keinen Augenblick mehr verlieren. Er brauchte indes

nicht lange zu seiner Toilette, und kaum eine halbe Stunde später

schritten die beiden Forstleute mit der Frau Försterin, den Nachtrab

bildend, die Büchsen heute zu Hause gelassen und nur den Stock in der

Hand, den moosigen Waldpfad entlang, der, nördlich auslaufend, hinüber

in das hessische Revier führte.

Raischbach war es dabei ganz wunderlich zu Muthe -- einmal mußte er an

den Prachtbock denken, den er heute Morgen erlegt hatte -- und ihr Pfad

führte sie ziemlich dicht an der nämlichen Stelle vorbei -- dann aber

wieder fiel ihm auch jenes wunderliebliche Mädchen ein, die ihm gesagt,

daß sie „im Bau“ wohne und zu deren Hochzeit er heute eingeladen

worden. Eigentlich wäre er am Liebsten gar nicht hingegangen, denn was

Anderes sollte er dort thun, als sie noch einmal sehen, um sie auf

immer zu verlieren. -- Aber war sie’s denn auch wirklich? -- Blieb er

zurück, so würde er die quälenden Zweifel sein ganzes Leben lang nicht

los geworden sein, und schon um sich Gewißheit zu verschaffen, mußte er

der fatalen Wirklichkeit die Stirn bieten.

Neuntes Kapitel.

Schluß.

Der alte Förster plauderte dabei den ganzen Weg, aber Raischbach

hörte kaum, was er sagte, denn immer und immer wieder flogen seine

Gedanken hinüber zu der Maid. -- -- Daß er auch nie früher von dem

Ort gehört hatte -- wie bald wäre er einmal hinübergegangen, um sich

dort umzusehen und die Nachbarschaft zu begrüßen -- und wenn sie es

wirklich war, wie gut hatte sie seinen Namen behalten -- und wie hübsch

sie ihn geschrieben. Wenn sie ihn aber nicht vergessen hätte, weßhalb

hielt sie sich da so lange verborgen, bis sie des Priesters Wort auf

ewig von ihm trennte? War sie mit ihrem jetzigen Bräutigam vielleicht

schon damals verlobt gewesen? -- oder sollte es gar eine Strafe für

ihn sein, daß er selber sie nicht früher aufgesucht? Welch’ ein Thor

er auch gewesen, das blühende Geschöpf nur eine Sekunde lang für ein

gespenstiges Wesen zu halten und der Stelle, die sie ihm genannt, nicht

anders nachzuforschen, als in dem wilden und wüsten Grund!

Der alte Förster hatte ihn um etwas gefragt, mußte es aber dreimal

wiederholen, ehe Raischbach nur hörte, daß er mit ihm sprach, und

Buschmann schüttelte erstaunt mit dem Kopf; denn so zerstreut war

der junge Mann noch nie gewesen -- aber gewiß dachte er nur an den

glücklichen Schuß von heute Morgen; ja, ja, der alte Bock ging ihm

durch den Sinn, und verdenken konnt’ er’s ihm gerade nicht, denn solch’

ein Gehörn gab es nicht wieder, weit und breit.

So stiegen sie zuletzt, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt,

den Hang hinab und zu dem Grenzbach nieder, der die beiden Reviere und

Staaten von einander trennte, und von da ab mußte Förster Buschmann

die Leitung übernehmen, denn Raischbach hatte diese Gegend ja noch nie

betreten.

„Eigentlich,“ meinte er, als sie die Grenze überschritten, „wären

wir hier schon ziemlich nahe bei dem Forsthaus, denn der Fußsteig da

führt gerad’ drauf zu, und es kann über den Berg von hier ab kaum

eine Viertelstunde sein. Dort oben hat’s aber einen häßlichen Platz

über Geröll und Klippgestein und meine Alte möchte da nicht so gut

fortkommen -- der Weg hier dagegen ist breit und bequem und nur

vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten weiter, wozu wir noch übrig

Zeit haben -- es ist gerade ein Viertel nach Elf, und in einem halben

Stündchen sind wir in aller Bequemlichkeit drüben.“

Raischbach hatte den Blick zu dem bezeichneten, ziemlich steil

auflaufenden Fußsteig hinaufgeworfen, als er plötzlich Buschmann’s Arm

ergriff und dort hinandeutend rief: „Förster, sehen Sie dort oben nicht

ein buntes Tuch schimmern?“

Der alte Mann sah hinauf und sagte dann lachend: „Ja, warum soll denn

da kein buntes Tuch zu sehen sein -- gleich rechts von der Höhe liegt

ein Dorf, und Mädels mit bunten Tüchern wird’s wohl genug da drinnen

geben.“

„Aber dort steht Jemand -- Wollen wir denn nicht lieber den Fußsteig

gehen -- vielleicht ist er bequemer gemacht, denn Frauen begehen ihn

doch jedenfalls.“

„Ja,“ nickte Buschmann, „solches junges Wetterzeug, aber meine Alte

brächten wir da nicht fort und hielten uns jedenfalls länger dabei auf,

als wir hier herum brauchen. -- Kommen Sie nur den geraden Weg mit,

mein junger Herr Förster, und brechen Sie mir nicht gleich seitwärts

in die Büsche, wenn Sie dort irgendwo ein buntes Tuch schimmern und

leuchten sehen!“ und damit schritt er rüstig und lachend den Weg voran.

Raischbach warf noch einen sehnsüchtigen Blick nach rechts hinauf,

aber es ließ sich jetzt nichts mehr erkennen, und bald tauchten sie

auch wieder so vollständig in den Wald ein, daß sie von Büschen und

hochstämmigen Eichen rings umgeben waren. Da öffnete sich plötzlich,

gerade nach einer scharfen Biegung des Weges, der sich nach rechts

ab um den Fuß des Hügels schlängelte, das Thal, und Raischbach blieb

erstaunt stehen, als er die freundliche Scenerie gewahrte, die sich

ihnen bot.

Sie standen am Rand des Waldes, der sich vor ihnen zu einem nicht

gerade breiten, aber mit freundlichen Wiesen und Feldern bedeckten

Thal öffnete, während rechts hinein eine nicht sehr hohe, aber dicht

und vollbelaubte Doppelreihe von Linden in eine ziemlich enge Schlucht

einführte. Raum zu einem breiten Weg war auch hier nicht gewesen,

und nur mit Vorsicht hätten sich zwei Wagen darin ausweichen können.

Dadurch waren aber die sich begegnenden Wipfel der Bäume so ineinander

gewachsen, daß sie ein festes Gewölbe bildeten, unter dem man nur,

so hoch die kurzen kräftigen Stämme reichten, durchsehen konnte. In

der Allee selber war es auch dadurch fast vollkommen dunkel, aber

hinten, wo sie auslief, stand, vom hellen Sonnenlicht übergossen, ein

freundliches Schweizerhaus: „die Forstei im Bau“, und bot, von hier aus

gesehen, einen ganz reizenden, überraschenden Anblick.

Dieser röhrenartigen Allee verdankte die Forstei ihren Namen „im Bau“,

und Raischbach besonders erfaßte ein ganz wunderbares eigenthümliches

Gefühl, als er jetzt darin hinschritt und sich fast wieder dabei in

seinen Traum zurückversetzt fühlte. War er nicht auch damals mit

seiner holden Führerin durch jenen langen, von flimmernden Lichtern

erhellten Gang geschritten und hatte in der Ferne die geheimnißvolle

Stadt herausleuchten gesehen, gerade so fast, wie jetzt da die Forstei

vor ihnen lag? -- aber die Führerin eben fehlte heute, die ihn sonst

geleitet, und die alte Frau Försterin konnte sie ihm, trotz ihres

gutmüthigen Gesichts, doch nicht ersetzen.

Und sollte er sie dort in dem kleinen Forsthaus finden? -- finden

als Braut? -- als das Weib eines andern Mannes? Es wurde ihm recht

weh, recht bitter weh zu Sinn, als er vorwärts schritt, und er hatte

schon lange die freundliche Gegenwart um sich her im Brüten über das

Vergangene, Erlebte -- Erträumte nur vielleicht -- vergessen, als er

sich plötzlich den Laubgang öffnen sah und den eigentlichen Forsthof

mit seinem reizenden rosengefüllten Garten und dem im tyroler Styl

erbauten Jägerhaus betrat, und nun allerdings keine Zeit zu weiterem

Grübeln und Denken behielt.

„Halloh! die Spessartleute!“ schrie ihnen eine tiefe Baßstimme jubelnd

entgegen -- „das ist gescheidt und gerade noch zur rechten Zeit.

Hurrah! wie geht’s, alter Buschläufer -- was treibt Ihr da drüben

in Eurem Waldwinkel?“ -- Und ein großer stattlicher Mann mit einem

sonngebräunten Gesicht, aber dem freundlichsten Lächeln in den guten

Zügen, kam ihnen entgegen und streckte beide Hände nach den alten

Leuten aus.

Es war der Oberförster Böckler selber, der seine nur etwas entfernten

Nachbarn auf das Herzlichste begrüßte und mit Handschütteln fast gar

nicht wieder aufhören wollte, bis sein Blick auf den etwas hinter ihnen

stehenden Raischbach fiel und er sich rasch an diesen wandte.

„Alle Wetter!“ rief er, „da ist ja auch unser Wilddiebsschütze, unser

Forstgehülfe von drüben -- Herr Raischbach oder wie er heißt. Herzlich

willkommen, junger Freund, freut mich aufrichtig, Ihnen einmal die Hand

zu schütteln, denn Sie haben sich nicht allein das Diebsgesindel selber

vom Leib gehalten, sondern uns auch hier unten Luft damit gemacht.“

„Bitte um Verzeihung, Herr Oberförster!“ fiel aber hier die alte Dame

ein. „Nichts mehr mit Forstgehülfe, wenn’s gefällig ist. Habe die

Ehre, Ihnen den seit gestern wohlehrbaren Herrn Förster Raischbach

vorzustellen!“

„Förster geworden, hah? na das ist recht!“ rief Böckler vergnügt; „da

gratulir’ ich von Herzen, und das hat er sich auch wahrhaftig ehrlich

und sauer genug verdient. Aber jetzt dürfen wir uns hier nicht länger

mit Redensarten aufhalten, denn die jungen Leute da drin werden mir

sonst ungeduldig und meine Alte zappelt sich schon seit einer Stunde

ab, um fertig zu werden und zum Aufbruch zu blasen. Erst trinken wir

aber noch ein Glas Wein und dann kann die Geschichte meinetwegen

losgehen.“

Er führte auch seine Gäste jetzt ohne Weiteres ins Haus, und Raischbach

schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust, als er die Schwelle

überschritt, auf welcher er sein Traumbild jetzt mehr zu finden

fürchtete als hoffte. Zuerst mußten sie aber noch die Begrüßung der

Frau Oberförsterin mit durchmachen, die, während ihr Mann in seine

gewöhnliche Sonntagsjoppe gekleidet ging, den höchstmöglichen Staat

angelegt hatte und mit Bändern und Schleifen fast bedeckt schien -- war

es doch auch der Ehrentag ihres einzigen Kindes.

Und jetzt betrat das Brautpaar das Zimmer, und der Alte stellte sie mit

launiger Förmlichkeit vor. --

„Herr Doktor Westphal aus Kassel als Bräutigam und Fräulein Marie

Böckler aus dem Bau als Braut -- und hier Herr Förster Buschmann,

direkt aus dem Urwald, mit Gemahlin, eben so wie der neue Herr Förster

Raischbach von ebendaselbst.“

Die Braut war ein liebes holdes Kind von kaum achtzehn Jahren,

eigentlich fast zu zart für eine Försterstochter, aber mit treuen

lichtblauen Augen und blonden Haaren, auf denen jetzt der Myrtenkranz

ruhte, während ein schneeweißes, duftiges Kleid ihre schlanke Gestalt

umschloß -- aber Raischbach sah ein vollkommen fremdes Gesicht vor

sich. _Dem_ Mädchen war er nie im Wald begegnet -- das war nicht

„seine Maid aus dem Bau“, und so verlegen stand er ihr in dieser

plötzlichen Enttäuschung gegenüber, daß er kaum im Stande war, die

freundlich nach ihm ausgestreckte kleine Hand zu nehmen, um die

Begrüßung zu erwiedern.

Also doch nur ein Traum das Ganze -- und jene Begegnung im Wald? --

damals konnte er ja doch nicht geträumt haben, wo er, Morgens auf

dem Pirschgang, bei vollkommen kaltem Blut, das junge fremde Mädchen

draußen angetroffen.

„Aber wo steckt denn nur eigentlich die Margareth?“ sagte da die Frau

Oberförsterin fast ärgerlich -- „schon seit einer vollen Stunde habe

ich sie mit keinem Auge gesehen.“

„Die wird sich in ihren Staat werfen,“ lachte der Oberförster. „Hast Du

doch selber heute Morgen drei volle Stunden zu dem Deinigen gebraucht,

Alte.“

„Fehlgeschossen, Herr Onkel!“ rief da plötzlich eine lachende

Mädchenstimme, und als sich Raischbach blitzschnell darnach umdrehte,

hätte er laut aufjubeln mögen vor Lust und Seligkeit, denn vor ihm, das

Gesicht aber jetzt wie mit Purpur übergossen, stand sein „Waldweible“,

die er monatelang vergebens gesucht, mit einem frischen Waldblumenkranz

im Haar, und sah in ihrer halben Verlegenheit so frisch, so lieblich

aus, daß er hätte auf sie zuspringen und sie vor allen Leuten an’s

Herz drücken mögen -- ein ganz natürliches Gefühl übrigens, das andere

Menschen wohl ebenfalls dann und wann überkommt, wenn sie einem so

lieben Mädchengesicht begegnen -- selbst wenn sie noch nicht so viel

und oft davon geträumt haben wie der junge Forstmann.

„Hoho!“ rief da der alte Oberförster, „unsere wilde Hummel, die, wie

mir scheint, den ganzen Wald geplündert hat, um sich einen Kranz daraus

zu flechten.“

„Ja, und Bergnelken auch,“ sagte die Frau Oberförsterin, „und da bist

Du wieder an dem steilen Hang hinaufgeklettert, was Dir der Onkel

schon so oft verboten hat, denn das ist der einzige Platz, an dem sie

hier in der Nähe wachsen.“

„Aber heute, an Mariens Ehrentag, durften sie doch nicht fehlen!“

lächelte das junge Mädchen.

„Ist das eine Nichte von Dir, Böckler?“ frug ihn Buschmann.

„Fräulein Margareth Böckler, meines Bruders, des Försters Böckler in

Schmalkalden, ehrsame, aber etwas sehr wilde Tochter,“ stellte sie der

Alte vor, „die uns schon einmal vor etwa einem Jahr besucht hat und

jetzt zur Trauung meiner Marie wieder herübergekommen ist. -- Hier,

Grethel, Herr Förster Buschmann mit Frau, und den neugebackenen Förster

Raischbach kennst Du ja wohl schon, denn Du wußtest wenigstens seinen

Namen.“

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 13 / 16 段