Jetzt begann das Aufwinden des Verunglückten. Müller hatte ihm so

vorsichtig als irgend möglich sein Seil unter den Armen durchgezogen,

stützte ihm dann den Kopf und gab das Zeichen zum Anziehen. Es war

allerdings ein schwer Stück Arbeit, aber dadurch, daß Müller unten

einen festen Halt bekommen hatte und höher steigen und nachhelfen

konnte, ging es doch, wenn auch freilich nur sehr langsam. Die Höhe

oder vielmehr Tiefe der ganzen Spalte mochte etwa zwanzig Fuß betragen,

und nur dadurch, daß der Förster oben einen starken Pflock in den

Boden hatte einschlagen lassen, um den sie das Seil manchmal schlagen

und dann rasten konnten, gelang es in verhältnißmäßig kurzer Zeit,

den schweren Körper des bewußtlosen Mannes nach und nach so weit in

die Höhe zu bekommen, daß sie ihn endlich oben an den Kleidern fassen

und auf den Rand der Spalte bringen konnten. An’s Freie schafften

sie ihn dann schnell. Wo es ging, wurde er dann getragen, wo es zu

eng wurde, gezogen, und draußen rieben sie ihm Stirn und Schläfe mit

Schnee, und suchten ihn durch alle erdenklichen Mittel wieder zum Leben

zurückzubringen. Aber es blieb Alles vergeblich und ihnen zuletzt

nichts weiter übrig, als eine Tragbahre herzustellen und ihn damit zur

Forstei zu schaffen. Von dort sollte dann augenblicklich ein Bote in

den nächsten Ort gesandt werden, um einen Wundarzt herbeizuholen.

Der Förster wollte übrigens auch den so theuer erkauften Fuchs

mitnehmen, den Müller unten mit dem todten Dachshund und der Spitzhacke

zusammenbinden mußte, und erst als sie das Alles oben hatten, ließ

sich der junge Kreiser das Seil wieder herunter geben, schnürte sich

selber daran fest, kletterte dann, so weit er eingehauen hatte, nach

und wurde die letzte Strecke in die Höhe gewunden. Das Gestell blieb

noch vor der Hand in der Höhle, da man keinen Augenblick Zeit versäumen

wollte, um den Bewußtlosen fortzuschaffen und ihm ärztliche Hülfe zu

bringen. Er kam auch nicht auf dem Weg zu sich; Leben war noch in

ihm und eigentliche böse Verletzungen ließen sich nirgends an ihm

entdecken. Möglich, daß auch der Sturz auf seinen Hund, der freilich

dem armen Dachs das Rückgrat knickte, seinen Fall in etwas gebrochen

hatte, denn wie Müller aussagte, lagen dort unten eine Menge scharfer

Steine. Das Alles aber mußte der Arzt entscheiden, wenn er kam, und bis

dahin konnten sie nichts für den Armen thun, als ihn eben so sorgsam

als möglich nach Haus und auf sein Bett schaffen, wo er ja jede nöthige

Pflege hatte.

Siebentes Kapitel.

Die Einladung.

Der Tag war damit vollständig auf die Neige gegangen und es wurde

sehr spät, ehe der nächstwohnende Chirurg herbeigeholt werden konnte.

Raischbach gab auch jetzt noch kein Lebenszeichen von sich, und

nach geraumer Untersuchung zeigte sich denn, daß allerdings kein

Knochenbruch vorhanden sei -- wenigstens keiner, der sich jetzt

erkennen ließ, jedenfalls aber eine Gehirnerschütterung stattgefunden

habe, deren Erfolg und Entwickelung man eben abwarten müsse, denn es

ließ sich darin nichts weiter thun.

Am Kopf zeigten sich allerdings einige leichte Schrammen, auch die

rechte Hand war etwas verletzt, aber das Alles heilte bald wieder,

sowie nur das Hauptübel gehoben worden. Für jetzt verordnete der Arzt

deßhalb nur Ruhe und Schneeumschläge um den Kopf, um das Wundfieber so

viel als möglich fern zu halten.

Bernhard Raischbach lag so zwei volle Tage und Nächte ohne Besinnung,

und die alte Lisei wich indessen nicht von seinem Lager und pflegte ihn

mit wirklich rührender Aufopferung. Sie hatte aber den jungen Mann,

der immer so freundlich gegen sie war und sie nie über einer Erzählung

auslachte, lieb gewonnen und nur sehr selten ließ sie sich von der

Frau Försterin oder einem der Kreiser ablösen, um selber einmal ein

paar Stunden zu schlafen. Sie behauptete immer, sie wäre gar nicht müde.

Am dritten Tag endlich, nachdem der Chirurg zweimal wieder da gewesen

war und immer bedenklicher mit dem Kopf geschüttelt hatte, schlug der

Kranke die Augen auf und schien seine Umgebung zu kennen.

„Ja, Lisei,“ sagte er erstaunt, „wie kommst Du denn hierher?“

„Ich, Herr Forstgehülfe?“ rief die alte Person; „aber dem Himmel sei

Dank, daß Sie nur wieder reden können. Nun wird ja auch Alles bald gut

sein. Wir haben recht Angst um Sie gehabt.“

„Um mich, Lisei?“ lächelte Raischbach und schüttelte mit dem Kopf.

„Ja, wenn die Marie nicht gewesen wäre, die Anderen waren freilich

verrätherisches Volk, der Hackelnberg und der Hans Jagenteufel -- hol’

sie der Böse -- und die Berchta hatte vor Allem den Teufel im Leib.

Herr Gott, ist das ein wildes Frauenzimmer!“

Die alte Lisei schlug vor Entsetzen die Hände zusammen; Bernhard aber

hatte die Augen schon wieder geschlossen und lag still und ruhig, als

der Förster auf den Zehen eintrat und flüsterte: „Holla, Lisei -- hat

denn der Raischbach nicht eben gesprochen?“

„Ach ja wohl, Herr Förster!“ stöhnte die Alte; „aber, Jesus Maria und

Joseph, lauter tolles Zeug! Er ist hier nicht richtig“ -- und sie

deutete sich mit einer äußerst bestürzten Miene auf den Kopf.

„Phantasirt er?“ frug der Forstmann, indem er leise näher kam.

„Er pappelt irre!“ sagte die Alte -- „immer vom wilden Jäger und

solchen Geschichten und dann auch wieder von der Jungfrau Maria

dazwischen.“

Der alte Förster winkte ihr nur beruhigend mit der Hand und wollte eben

das Zimmer wieder verlassen, als Raischbach zum zweiten Mal die Augen

aufschlug, sich jetzt aber gar nicht nach den in der Stube Befindlichen

umsah, sondern nur im Bett herumfühlte, als ob er etwas suche.

„Heda, Raischbach!“ rief da Buschmann freundlich, indem er zu seinem

Bette trat und seine Hand faßte; „das ist recht, daß Sie die Geschichte

abgeschüttelt haben; nun halten Sie sich nur noch ein oder zwei Tage

ruhig, und es wird Alles wieder gut sein.“

„Guten Tag, lieber Herr Förster,“ sagte der Kranke mit allerdings etwas

matter Stimme, fühlte aber immer noch mit der andern Hand neben sich

herum.

„Suchen Sie etwas?“ frug ihn Buschmann.

„Ja,“ sagte Raischbach leise -- „ich -- ich hatte da drunten ein Gehörn

gefunden -- ein prachtvolles Rehbocksgehörn.“

„Unten im Fuchsbau?“

Der Forstgehülfe nickte -- „ach, Lisei, habt Ihr es weggethan?“

„Ich habe nichts gesehen, Herr Raischbach,“ sagte die Alte

kopfschüttelnd; „aber beruhigen Sie sich jetzt nur -- wenn es da war,

wird es sich auch schon wieder finden, der Doktor hat aber gesagt, daß

Sie sich nicht so viel bewegen dürfen. Hübsch still müssen Sie liegen.“

Der Kranke fühlte in der That, wie ihn die Bewegung schmerzte, und

sank auf sein Kissen zurück, lag auch wieder eine lange Zeit still

und regungslos und schaute nur wie träumend an die Decke, that aber

keine Frage und verlangte nichts. So verging der ganze Tag, und die

Nacht schlief er fest und ruhig, fühlte sich auch am nächsten Morgen

bedeutend besser und bat jetzt selber die Lisei, daß sie den Förster

heraufrufen möge, um von diesem alles Nähere über seinen Zustand zu

erfahren. Dieser zögerte auch nicht, da er den Kranken völlig ruhig

und seiner selbst bewußt fand, ihm Alles zu erzählen, wie es sich an

jenem Tag begeben: wie Metzler seine Spur im Schnee gefunden und sie

zur Hülfe herbeigerufen habe, und was sie für eine nichtswürdige Arbeit

gehabt hätten, ihn aus der engen Spalte wieder herauf an’s Tageslicht

zu bekommen.

Raischbach hörte, ohne ein Wort hineinzureden, Alles ruhig an, bis er

erfuhr, daß der Kreiser Müller unten bei ihm gewesen wäre und also den

Platz genau gesehen habe. Er bat jetzt den Förster, ihm den nachher

einmal heraufzuschicken, damit er ihn über Manches fragen könne. Müller

war freilich jetzt draußen im Wald, als er aber zurückkehrte, wurde er

augenblicklich zu dem Kranken beordert, der schon in seinem Bett saß

und nur noch den Kopf in die Hand stützte. Es summte und hämmerte ihm

doch noch ein wenig von dem Sturz im Hirn.

Der junge Bursche mußte dem Kranken jetzt eine genaue Beschreibung des

Platzes selber geben, und Raischbach horchte besonders hoch auf, als er

ihm erzählte, daß von da unten aus noch eine Seitenspalte in den Berg

hineinführe.

„Ob er dort drinnen gewesen?“

„Nein, wahrhaftig nicht; sie hatten gerade genug mit ihm selber zu

thun gehabt, um in den dunklen Ritzen und Höhlen herum zu kriechen.

Keinesfalls ging die auch weit hinein, und das Gestein war da wohl nur

auseinander gerissen.“

„Und ein Rehbocksgehörn hatte er dort unten nicht gesehen, ein starkes

Gehörn?“ frug Raischbach.

„Da unten? nein!“ sagte der Kreiser erstaunt. „Wie sollte das auch

dahin kommen? Haben Sie etwa den Abwurf[D] von dem alten Bock gefunden?

-- Aber das ist ja nicht möglich, es liegt ja Schnee.“

Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf, und der Kreiser mußte jetzt

erzählen, wie er gelegen hatte. „Armer Dachs!“ sagte er dabei, als er

hörte, daß er mit dem Kopf gerade auf seinen eigenen Hund gestürzt sein

mußte, was freilich den Fall gebrochen hatte.

„Und das Gestell, das sie gebaut, war noch in der Höhle?“

„Gewiß -- was lag an den paar Stangen Holz, und es arbeitete sich

verwünscht schlecht in dem engen Loch.“

Der Kranke legte sich auf sein Kissen zurück, und da Müller glaubte,

daß er vielleicht schlafen wolle, verließ er leise das Zimmer.

Von dem Tag an erholte sich Raischbach außerordentlich rasch. Schon

am nächsten Morgen konnte er aufstehen und im Zimmer herumgehen, und

wenn ihn auch die Glieder noch schmerzten, denn er sah am ganzen Körper

braun und blau aus, war er doch im Stande, sich frei zu bewegen, und

hatte die gewisse Ueberzeugung, daß er keine böse Verletzung, besonders

keinen Knochenbruch, davon getragen. -- Acht Tage später war er

wieder im Wald, und langsam, mit der Büchse unter dem Arm, schlug er

unwillkürlich die Richtung nach der Stelle ein, an welcher er damals

verunglückt. Aber er durfte jetzt noch nicht wagen die eigentliche

Höhle selber zu betreten, dazu waren ihm die Glieder noch nicht wieder

gelenk genug -- nur den Platz wollte er sehen und -- wieder einmal

in der Nähe sein, und als er sich dort umgeschaut, kehrte er nach

Haus zurück. Wie er aber den Hang hinaufstieg, was ihm noch immer

ein wenig schwer wurde, so daß er sich oft hinsetzen und ausruhen

mußte, raschelte plötzlich etwas im Laub, und als er unwillkürlich

seine Büchse in die Höhe nahm, stand der alte Bock, dem er so oft

nachgegangen, auf kaum dreißig Schritt ruhig und breit vor ihm und

sicherte nach einer ganz andern Richtung hinüber; er hatte ihn gar

nicht bemerkt.

Raischbach lachte still vor sich hin; wie manchen Pirschgang hatte er

dem Bock zu Liebe gemacht, und wie genau kannte er ihn an dem breiten

Kopf und kurzen Hals -- und immer und immer vergebens; und jetzt, da

er ihn nicht brauchen konnte, denn er hatte ja in dieser Zeit sein

prachtvolles Gehörn abgeworfen und ging kahl umher, stellte er sich

breit vor ihn hin und schien so vertraut, wie nur möglich. -- In dieser

Jahreszeit war nichts mit ihm anzufangen, und der Forstgehülfe hob die

Hand und winkte ihn ab. -- Im Nu bemerkte auch der Bock die Bewegung,

warf scheu den Kopf herum, sah den gefürchteten Feind dicht vor sich,

schreckte mit lauter tiefer Stimme und war dann mit einem Satz im

Dickicht verschwunden, wo ihn der Forstgehülfe noch konnte weitab durch

die Büsche brechen hören.

So mochten vierzehn Tage vergangen sein -- es war bitterkalt geworden,

lag aber nur wenig Schnee -- als Raischbach den Kreiser Müller eines

Morgens bat, ihn zu begleiten und -- das Seil mitzunehmen, dem Förster

aber nichts davon zu sagen. Er wolle sich, wie er meinte, nur einmal

den Platz selber ansehen, in den er damals hinabgestürzt. Müller

machte allerdings Einwendungen, da er ihn aber versicherte, daß gerade

die Holzmacher da unten arbeiteten und sie jede Vorsicht gebrauchen

würden, um ein Unglück zu vermeiden, ließ er sich endlich überreden,

und die Beiden traten ihren Marsch an.

An Ort und Stelle angekommen, wurde in der That jede nur mögliche

Vorsicht gebraucht, und Raischbach ließ sich nun selber, mit einer

wieder hergestellten Kienfackel, in den Spalt hinunter. Der Platz lag

aber öde und kahl. Nur die alten Blutspuren fand er noch vor, wo der

Fuchs gelegen, und vergebens leuchtete er nach etwas Anderem darin

umher. Aber er begnügte sich damit noch nicht, sondern wollte auch in

die in den Berg führende Felsspalte eindringen, mußte das aber bald

wieder aufgeben, denn kaum zwei Schritt darinnen wurde dieselbe so

eng, daß er sich gar nicht mehr hindurchpressen konnte -- dort ging

auch wieder eine tiefe Kluft hinunter und er mußte zuletzt den Versuch

aufgeben. Ein Mensch konnte dort nicht einpassiren.

*

So verging der Winter; der Schnee schmolz, das Frühjahr brach mit

seinen tausend Knospen aus -- der Auerhahn balzte, die Schnepfe strich,

die Rehböcke hatten wieder frisch aufgesetzt und die Zeit rückte

heran, wo schon ein Grashirsch geschossen werden konnte. Es war Juni

geworden und im Walde klang und jubelte es von der munteren Vogelwelt.

Raischbach sah das Alles an sich vorübergehen, ohne Theil daran zu

nehmen. Er war seit jenem Sturz nicht mehr der lustige, fröhliche

Waidmann wie vordem, sondern still und einsilbig geworden und schien

es am Liebsten zu haben, wenn man ihn ruhig in irgend einer Ecke

sitzen und seinen Gedanken nachhängen ließ. Anfangs glaubte der alte

Förster auch, es sei das noch alles eine Folge des Sturzes, der ihm

doch vielleicht das Gehirn mehr, als man früher geglaubt, erschüttert

haben mochte. Dies schien aber nicht der Fall; er klagte auch nie über

Kopfschmerzen oder Schwindel und befand sich körperlich vollständig

wohl. Was ihm aber auf dem Herzen lag, darüber sprach er mit Niemanden,

ging jedoch dabei seiner Pflicht auf das Eifrigste nach und versäumte

oder vergaß nie etwas.

Sein liebster Pirschgang, wenn es ihm nur immer seine Beschäftigung

erlaubte, blieb aber nach jenem Revier, in welchem der Fuchsbau lag,

und der Förster neckte ihn oft darüber, daß er den alten Bock noch

nicht vergessen könne -- aber Raischbach dachte an Anderes als den

Bock -- er wollte dem Mädchen wieder begegnen, das er damals an

jener Stelle getroffen, und mußte -- immer und immer wieder in seiner

Hoffnung getäuscht -- den Heimweg antreten.

Hatte er denn jenes Begegnen auch nur geträumt? Es wurde ihm manchmal

ganz wirr im Kopfe und er saß dann oft stundenlang still und regungslos

im Wald, stützte die heiße Stirn mit beiden Händen und sann und sann.

So war er auch eines Tages wieder draußen gewesen -- gerade an einem

solchen Tag wie damals, als er das wunderliebliche Mädchen im Wald

getroffen, und hatte stundenlang oben am Rand des Grundes gesessen

und hinabgesehen, als ob er sie gerade dort an der unheimlichen

Stelle erwarte. Umsonst, kein lebendes Wesen regte sich, einen Geier

ausgenommen, der über ihm in der Luft kreiste und dann und wann seinen

scharfen Schrei ausstieß. Er bekam es endlich satt -- der Mond war auch

schon lange aufgegangen, und er mußte an den Heimweg denken.

Es war völlig Nacht, ehe er das Forsthaus erreichte, und er wunderte

sich, die untere Stube so hell erleuchtet zu sehen, denn sonst brannte

Abends immer nur die ziemlich trübe Lampe, bei der die Frau Försterin

und die alte Lisei spannen und der Förster noch seine Dampfwolken

dazwischen blies.

„Merkwürdig,“ dachte er bei sich, „was die nur heute da drinnen haben

-- ob Besuch angekommen ist? Aber woher -- wer soll uns hier im Wald

besuchen? Wenn ich’s nur wüßte, so machte ich gleich, daß ich oben in

meine Kammer käme und ließe mich vor keinem Menschen mehr heut Abend

sehen. Hunger hab’ ich doch nicht, und meine Suppe kann mir die alte

Lisei auch später heraufbringen.“

Er glitt vorsichtig dem Hause zu, aber der alte Schweißhund, der im

Sommer vor der Thür lag, hatte ihn schon gewittert und schlug an, und

gleich darauf öffnete sich eines der unteren Fenster und des Försters

Stimme rief heraus; „Raischbach, sind Sie das?“

„Ja, Herr Förster,“ erwiederte der junge Mann.

„Aber Donnerwetter! wo haben Sie heute so lange gesteckt? Wir glaubten

schon, daß Ihnen wieder ein Unglück zugestoßen wäre -- na, machen Sie

nur, daß Sie hereinkommen.“

„Aber ich werde mich erst umziehen müssen, Herr Förster! ist denn

Besuch da?“

„Besuch? -- wo soll denn der herkommen?“ rief Buschmann. „Keine Seele

ist da, als meine Alte und ich und die Lisei.“

„Weil es so hell im Zimmer war.“

„Ach so -- na, kommen Sie nur; die Frau hat gerade heißen Kaffee, und

der wird Ihnen gut thun.“

Raischbach schüttelte mit dem Kopf; der alte Förster kam ihm so

ausgelassen lustig vor; hatte er vielleicht einen Schluck über den

Durst gethan? Aber das geschah doch eigentlich nie, und heute, mitten

in der Woche, wäre er gewiß nicht draußen gewesen. Aber er trat in’s

Haus, hing dort sein Gewehr an einen der dafür bestimmten eisernen

Haken und ging dann wie gewöhnlich in’s untere Zimmer.

Dort sah es aber in der That festlich aus, und wenn auch kein Besuch

da war, schien es doch, als ob welcher erwartet würde -- was aber,

zu so später Stunde und hier oben im Wald, unmöglich gewesen wäre.

Förster Buschmann trug seine Sonntagsjoppe mit den neuen großen

Hirschhornknöpfen, und die Frau Försterin die große Haube mit den

beiden langen weißen Zipfeln, von denen der Alte früher behauptet, sie

sehe damit aus, als ob sie sich „verlappt“ hätte. Selbst die alte Lisei

hatte eine reine weiße Schürze vorgebunden und ihren „Geh zur Kirche

Rock“ angezogen, und auf den Tisch war ein weißes Tuch gedeckt und

die Kaffeekanne dampfte dort, während neben ihr ein frischgebackener

und dicht mit Zucker überstreuter Kuchen zwischen ein paar großen

Blumenbouquets stand.

War denn dem „Alten“ sein Geburtstag? Gott bewahre, der fiel ja in den

Februar und der der Frau Försterin war im März, und wann die alte Lisei

geboren sei, wußte Niemand, da sie den Tag vergessen hatte, und er

selber war in der Neujahrsnacht zur Welt gekommen.

Und wie förmlich sich die Frau Försterin vor ihm verneigte, als er

in’s Zimmer trat; es wurde ihm ordentlich unheimlich zu Muthe. Irgend

etwas mußte vorgefallen sein, aber er fühlte sich gerade nicht in der

Stimmung, einen „festlichen Abend“ zu verleben, und wollte sich eben

still in seine Ecke hinter dem Ofen drücken, als ihm Buschmann den Weg

vertrat, seine Hand ergriff und mit feierlicher Stimme sagte: „Herr

Förster Raischbach, es freut mich unmenschlich, daß Sie überhaupt heute

Abend noch nach Hause gekommen sind.“

„Guten Abend, Herr Förster!“ sagte jetzt auch die alte Frau mit tausend

freundlichen Runzeln über ihr gutes Gesicht und reichte ihm die Hand,

und „guten Abend, Herr Förster!“ wiederholte die alte Lisei und machte

einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix.

Raischbach sah sie Alle der Reihe nach erstaunt an und würde es

nicht um eine Idee wunderbarer gefunden haben, wenn in dem Moment die

Thür aufgegangen und Graf Hackelnberg, der wilde Jäger, ebenfalls

hereingetreten wäre und gesagt hätte: „Guten Abend, Herr Förster, wie

befinden Sie sich?“ Ueberhaupt waren ihm in der letzten Zeit so wirre

und wilde Bilder durch den Sinn gegangen, daß er Traum und Wachen kaum

von einander unterscheiden konnte, und er mochte auch wohl bei der

Anrede ein ganz verzweifelt verdutztes Gesicht gemacht haben, denn der

alte Förster lachte laut auf und rief: „Nun, mein lieber Herr Förster,

Sie sehen ja gerade so verdutzt aus wie ein Hirsch, der gegen das Zeug

anrennt und nicht daraus klug werden kann, was ihm da auf einmal im Weg

steht. Sie glauben’s am Ende gar nicht?“

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch glauben soll,“ sagte Raischbach

endlich, -- „aber warum nennen Sie mich denn alle ‚Herr Förster‘, als

ob ich im Wald draußen umgewechselt wäre?“

„Sind Sie auch,“ lachte der Alte, „sind Sie auch, mein lieber Herr

Förster -- rein umgewechselt oder aus der Puppe gekrochen, denn aus dem

Forstgehülfen ist plötzlich, mit Hülfe dieses kleinen Stückes Papier,

ein stattlicher Förster ausgekrochen, den ich von jetzt an ‚Herr

Kollege‘ nennen kann.“ Und damit hielt der alte Jäger Raischbach einen

großgesiegelten Brief vor, auf dem mit klaren deutlichen Worten stand:

Sr. Wohlgeboren

dem Herrn Förster Bernhard Raischbach.

Jetzt ließ sich aber die Frau Försterin nicht mehr länger halten,

sondern gratulirte mit herzlichen Worten dem jungen Manne zu seiner

so wohlverdienten Beförderung. Auch Buschmann selber holte ein

erhaltenes Schreiben vor -- denn der Brief an den neuen Förster war in

dieses eingeschlossen gewesen -- und las ihm daraus eine Stelle des

Oberforstamts vor, in welchem sich die Herren sehr günstig über die

von Raischbach bewiesene Thätigkeit und dessen persönlichen Muth den

Wilderern gegenüber aussprachen und ihm deßhalb, in Anerkennung seiner

Verdienste, die Beförderung zusandten.

Aber die alte Lisei mahnte, daß der Kaffee ganz kalt würde, wenn

sich die „Leutchen“ nun nicht bald zu Tisch setzten, und die Frau

Försterin fuhr auch gleich geschäftig in der Stube herum, rückte die

Stühle zurecht, klirrte mit den Tassen und schenkte ein, so daß an ein

längeres Zögern nicht zu denken war.

Allerdings that es den alten Leuten wohl leid, daß sie den jungen

wackern Mann jetzt bald verlieren sollten, denn mit dem neuen Rang

verstand es sich auch von selbst, daß er eine eigene Forstei bekam,

aber das war ja doch nicht zu ändern, und seinem Glück mochten sie

nicht einmal mit einem Wunsche im Wege stehen.

Wohin er nun versetzt werden würde, wußten sie freilich nicht; im Brief

stand, daß er darüber in den nächsten Tagen eine Anordnung bekommen

sollte, aber weit weg war’s gewiß, denn so nahe lagen die Forsteien

nicht neben einander in dem wilden Waldland. Daran ließ sich auch

nichts ändern, und das mußte eben abgewartet werden -- besuchen konnte

man sich ja doch wohl dann und wann einmal, und Raischbach versprach

schon heilig, daß er herüber kommen wolle, und wenn sie ihn an’s andere

Ende des Staates brächten -- den Spessart vergäße er im ganzen Leben

nicht.

„Apropos, Raischbach,“ sagte der Förster Buschmann -- „beinah hätt’

ich’s vergessen. Kennen Sie denn den Oberförster Böckler im Hessischen

drüben? Das hab’ ich ja gar nicht gewußt.“

„Ich? -- nein!“ sagte Raischbach kopfschüttelnd -- „seit ich hierher

versetzt wurde, bin ich erst ein einziges Mal über die Grenze gekommen,

und das war damals, wie wir Nachts den angeschossenen und drüben

verendeten Hirsch herüberholten -- hab’ mich aber dabei wohl gehütet,

den Oberförster aufzusuchen.“

„Ja, ich weiß wohl,“ lachte der Alte. „Die Geschichte hätte Ihnen auch

bös bekommen können -- na, es ist gut abgelaufen und vorbei -- aber der

Oberförster -- ein alter Freund von mir, wenn wir uns auch über Jahr

und Tag nicht gesehen haben, kennt Sie doch.“

„Mich?“ sagte Raischbach mit dem Kopf schüttelnd; „das ist wohl kaum

möglich -- woher sollte er mich kennen?“

„Ja, das weiß ich auch nicht,“ meinte Buschmann, während er den

Kuchenteller zurückschob und die Pfeife wieder vorholte -- „aber

morgen hält seine einzige Tochter Marie Hochzeit, und da hat er heute

einen expressen Boten herübergeschickt, um mich und meine Alte und den

‚Forstgehülfen Raischbach‘ dazu einzuladen -- da liegt der Brief, die

Braut muß ihn selber geschrieben haben, denn Böckler hat seinen Kindern

eine gute Erziehung gegeben, und die Buchstaben sehen ordentlich wie

gedrechselt aus.“

Dabei reichte er dem jungen Mann den Brief, den jedenfalls eine

Frauenhand geschrieben, und dieser las in der That zu seinem Erstaunen

den eigenen Namen, wie es schien, absichtlich mit großer Deutlichkeit

ausgeführt und noch außerdem besonders -- wenn auch nur ganz fein --

unterstrichen.

„Das ist ja doch merkwürdig!“ sagte er; „und wo wohnen denn die Leute?

-- weit von hier?“

„Gar nicht so weit,“ sagte Buschmann, „vielleicht eine halbe Stunde

Wegs über der Grenze drüben bei Hettenbach im sogenannten Bau.“

„Im Bau?“ rief Raischbach, erschreckt emporfahrend.

„Das Thal heißt so,“ nickte der Alte, „wo die Forstei liegt, weil es

von beiden Seiten eng eingeschlossen ist und das Haus selber, besonders

wenn man in die Nähe kommt, so aussieht, als ob es in einem grünen

Gewölbe stäke. Es ist wirklich ein reizender Platz und schon der Mühe

werth, daß man ihn einmal besucht.“

„Im Bau!“ wiederholte Raischbach noch einmal, aber mehr zu sich selber

als dem Alten redend: „das ist doch sonderbar -- und seine Tochter

heißt Marie und macht morgen Hochzeit?“

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 12 / 16 段