„Die hast Du verloren,“ lachte der Hackelnberger, indem er sein

Hüfthorn umwarf, seinen Hut aufsetzte und seine Handschuhe anzog. „Das

ist ein voller, sogar noch mit einem Auswuchs an der rechten Stange,

den man recht gut hätte einfeilen und einen ungeraden Achtundzwanziger

daraus machen können.“

Raischbach hatte auch seinen Hut aufgegriffen; denn daß ihn der wilde

Jäger einlud, mit in sein Haus hinüber zu kommen, war ihm ganz recht.

Wie er ihm aber eben folgen wollte, sah er, daß der alte Eckardt an

der Thür stand und ihm heimlich zuwinkte, nicht mitzugehen. Erstaunt

blickte er ihn an, der Hackelnberg aber, der die Bewegung ebenfalls

bemerkt haben mußte, warf ihm einen zornigen Blick zu und rief: „Na,

jetzt lass’ die albernen alten Geschichten; ich werd’ ihn nicht beißen,

und wenn er Furcht hat, kann er ja ruhig da bleiben.“

„Furcht?“ lachte Raischbach, „wovor soll ich Furcht haben? Ich will

Niemanden hier schädigen und hoffe ebenso freundlich behandelt zu

werden.“

„Es ist eine alte Angewohnheit von ihm,“ lachte der Hackelnberg, „daß

er immer mit dem Kopf schüttelt und ein bedenkliches Gesicht schneidet.

Kommt, es wird sonst zu spät -- und wenn der Hans Jagenteufel noch

eintreffen sollte, so laßt mich’s wissen, Eckardt.“

„Ach, heute giebt’s doch keine Partie mehr,“ brummte der Ebersberger,

-- „ich gehe auch mit! Vorwärts marsch!“

Der Hackelnberg, von dem Ebersberger dicht gefolgt, verließ das Zimmer

und Raischbach schloß sich ihnen an. Unten im Vorsaal aber, ehe sie die

Thür verließen, sah er Marie stehen, die ihm verstohlen, aber ängstlich

mit der Hand winkte, nicht zu gehen. Raischbach zögerte jetzt wirklich

unschlüssig einen Moment, aber der wilde Jäger mußte das auch bemerkt

haben, denn rasch und zornig wandte er sich gegen das junge Mädchen,

das sich scheu vor den funkelnden Augen des Wilden in eine Kammer

zurückzog und nicht wieder zum Vorschein kam.

Im nächsten Moment befanden sie sich draußen auf der Straße und sahen

sich auch schon dem mit Geweihen und Jagdschmuck gezierten Hause

Hackelnberg’s gegenüber.

Raischbach blickte allerdings erstaunt umher, denn vorher war es ihm

so vorgekommen, als ob das Haus viel weiter abseits gelegen habe,

aber lange Zeit zum Ueberlegen blieb ihm doch nicht. Graf Hackelnberg

schritt rasch über die Straße hinüber und stieß einen kleinen

Gartenzaun auf, der von kläffenden, heulenden Rüden wimmelte. Das war

auch ein Springen und Bellen und Winseln, als sie ihren Herrn kommen

sahen, und nur gegen den Fremden wollten sie anknurren und ihn nicht

vorüberlassen; aber ein Pfiff des wilden Jägers trieb sie alle scheu

zurück, und jetzt öffnete sich ihnen die niedere Thür des kleinen

Gebäudes und der junge Forstgehülfe betrat hier eine vollkommen neue

Welt.

Schon der Hausflur zeigte die Jägerwohnung. Da hingen Seite an Seite

die riesigsten herrlichsten Geweihe von Hirschen, wie sie Raischbach

bis jetzt kaum für möglich gehalten hatte, dann ausgestopfte Eber- und

Bärenköpfe, und die ganze in den oberen Stock hinaufführende Treppe war

mit Wolfs- und Luchspelzen statt Teppichen dicht belegt. Und jetzt erst

oben die abnormen Geweihe und Gehörne, eine Sammlung, von denen jedes

einzelne Stück an der Oberwelt mit Gold aufgewogen worden wäre.

„He, Raischbach!“ lachte da der Hackelnberg, indem er sich nach

seinem Begleiter umwandte und auf die eine Wand deutete, an der nur

Rehbocksgehörne hingen, „das sind andere Kerle gewesen, als euer Bock

oben im Wald, wie? -- Seht Euch einmal die Drei da an.“

„Aber das sind doch keine Rehbocksgehörne!“ rief der Jäger fast

erschreckt aus, als er die riesigen Stangen sah.

„Waren es nicht?“ lachte Hackelnberg -- „ich habe sie aber alle zu

meiner Zeit selber geschossen. Nehmt Euch eins zum Andenken mit.“

„Von den Gehörnen?“

„Gewiß; da könnt Ihr Staat mit machen, und ein besseres hat Niemand

bei Euch da droben; kommt auch nicht mehr vor. Da drinnen hängen noch

die Armbrüste, die wir damals geführt, denn da waren noch nicht die

Knallgewehre erfunden, mit denen man jetzt einen Lärm im Walde macht,

daß man es meilenweit hören kann. Nehmt Euch nur das Gehörn, wenn’s

Euch Spaß macht, zum Andenken an den Hackelnberg.“

„Tausend Dank denn!“ rief Raischbach erfreut, und es wurde ihm die

Wahl zwischen den drei prachtvollen Geweihen schwer. Aber er zögerte

doch nicht lange, nahm das ihm nächste von der Wand und folgte dem

Grafen dann in das Nachbarzimmer, in seine „Gewehrkammer“, wie er es

nannte, wo malerisch geordnet Unmassen von Armbrüsten, Saufedern,

Hirschfängern, Bärenspießen und allen möglichen anderen alten Waffen an

den Wänden geordnet waren.

Da plötzlich schlug eine Glocke an -- zwölf dumpfe, schauerliche

Schläge, und der Ebersberger griff seinen Hut auf und stürmte die

Treppe hinunter.

„Hallo!“ rief der Hackelnberg, „ist’s schon Zeit? also bis nachher,

Raischbach -- aber kommt lieber mit, daß Euch die Hunde kein Leides

thun, denn wenn ich nicht bei ihnen bin, sind die Bestien rein des

Teufels. -- Macht schnell, wir haben keinen Augenblick mehr zu

verlieren, und nehmt das Gehörn in Acht.“

Mit langen Sätzen flog er die Treppe hinab und aus dem Haus, und

Raischbach ließ sich die Warnung nicht umsonst gesagt sein, sondern

blieb ihm dicht auf den Hacken.

Unten umtobten die Hunde aber schon ein paar gesattelte Pferde, auf die

sich der Hackelnberg und der Ebersberger warfen. Fräulein Berchta kam

ebenfalls in voller Carrière die Straße herunter, und fort ging die

Hetze, daß die Funken aus den Steinen herausschlugen.

Raischbach sah ihnen noch verwundert nach, als plötzlich Jemand seine

Hand ergriff und unverhofft wieder Marie neben ihm stand und ängstlich

rief: „Fort! fort! es ist die höchste Zeit -- komm’ mit mir -- o ich

bat Dich doch, nicht mit dem wilden Jäger zu gehen.“

„Aber, Schatz!“ sagte Raischbach -- „er hat mir ja nichts zu Leide

gethan.“

„Komm’ nur mit!“ bat die Maid; „mir darfst Du folgen, ich meine es gut

mit Dir.“

„Und wohin?“

„Wieder hinaus zu den Deinen -- wenn sie zurückkehren, bist Du

verloren.“

„Aber er war so freundlich und hat mir auch --“

„Du kennst sie nicht,“ drängte aber das Mädchen, indem sie ihn die

Straße entlang zog, daß er ihr kaum folgen konnte -- „wenn sie dazu

aufgelegt sind, ist ihnen Alles Wild, was vorkommt. Aber ich denke, wir

erreichen die Grotte noch, ehe sie zurückkehren können.“

„Wo will der hin?“ fragte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine wilde

Gestalt, auch in altem Jagdkostüm, aber einen Bärenspieß in der Hand

und zu Fuß stand vor ihnen, und zwar gerade an der Stelle, wo der Weg

wieder in den schmalen Gang hinein führte.

„Nun wieder nach Haus, Kamerad!“ erwiederte dießmal Raischbach selber,

während Marie ihn ängstlich am Rock zupfte -- „ich war zum Besuch hier

unten.“

„So, mein Bursche!“ sagte der wilde Gesell, indem er sich seinen etwas

schief sitzenden Kopf wieder zurecht rückte, „und darfst Du denn das?“

„Ja, Herr von Jagenteufel!“ erwiederte da Marie -- „er darf; er nimmt

ja nichts mit fort.“

„Wirklich?“ rief der fremde Jäger, „und wo hat er das Rehbocksgehörne

her? Hol’ mich der Teufel, das ist ja aus der Sammlung des

Hackelnbergers!“

„Und von dem habe ich es auch geschenkt bekommen,“ sagte Raischbach

trotzig.

„O, wirf es fort, wirf es fort!“ flüsterte ihm das Mädchen bittend zu

-- „Du darfst nichts mitnehmen.“

„Das wollen wir doch bald erfahren, ob er es Dir wirklich geschenkt

hat, mein Bursche!“ lachte da der Fremde, indem er ein kleines Horn an

die Lippen setzte und einen schrillen Ton darauf blies.

„Fort! fort!“ rief aber das Mädchen, indem sie Bernhard am Arm faßte

und mit sich in den Gang hineinriß. „Das ist das Signal für die wilde

Jagd -- wenn sie uns einholen, sind wir Beide verloren!“

Im nächsten Moment flohen sie durch den jetzt vollkommen dunklen Gang,

und Raischbach schien es, als ob er gar kein Ende nehmen wollte. Da

hörte er plötzlich ein fernes, wunderliches Geräusch.

„Horch!“ rief das junge Mädchen in Todesangst „sie kommen! -- o, kannst

Du denn nicht schneller laufen?“

„Ich weiß nicht!“ erwiederte der junge Forstgehülfe, „sonst bin ich

flüchtig wie ein Reh, aber jetzt ist es mir, als ob ich die Füße gar

nicht vom Boden bringen könnte -- sie sind mir so schwer wie Blei.“

„O wirf das Gehörn fort! Du darfst nichts mitnehmen.“

„Bah, der Hackelnberg hat mir’s geschenkt -- haben wir denn noch weit?“

„Da kommen sie! Da kommen sie!“ rief das Mädchen, und plötzlich

erschallte das Gewölbe von einem grausigen, furchtbaren Lärm --

Hörnerschall, Peitschenknall, Rüdengebell und Geheul, das Hussah

der Jäger, und nun flog ein rother, glühender Feuerschein durch die

Dunkelheit.

„Das ist die Tut-Osel!“ schrie Marie, und Bernhard sah, wie die Eule

mit feuersprühenden Schwingen sie eingeholt hatte und mit den Flügeln

nach ihnen schlug. Jetzt donnerte das Gestampf der Hufen heran --

jetzt hörten sie das Geklatsch und Geheul der Meute dicht hinter sich,

um sich her. „Hussah!“ hörte er Fräulein Berchta’s Stimme -- „Hussah!

faßt den Burschen da vorn! reißt ihn nieder -- er trägt Beute hinweg!

Hussah -- hussah!“

Raischbach wandte sich und riß den Hirschfänger aus der Scheide, um

sich gegen die Wüthenden zu vertheidigen -- umsonst -- wie Glas knickte

er beim ersten geführten Schlag dicht am Hefte ab, und über ihn hin in

wilder, stürmender Flucht ging die Jagd.

Sechstes Kapitel.

Der Verunglückte.

In der nämlichen Zeit, in welcher der Forstgehülfe Raischbach mit den

Kienspähnen in den Grund zurückgekehrt war, um seinen Hund zu suchen,

kam der Kreiser Metzler von der andern Seite des „Fuchsbaues“ -- wo er

das Revier abgekreist hatte -- heran und wollte den nächsten Weg nach

der Forstei einschlagen, denn er hatte eine Menge Füchse gespürt, und

wenn sie ein paar Kleppertreiben machten, konnten sie vielleicht vier

oder fünf davon schießen. Da kreuzte er auf einmal Raischbach’s Fährte

im Schnee und blieb erstaunt stehen, um sie näher zu betrachten.

„Alle Wetter!“ brummte er vor sich hin, „zweimal hinein, und einmal

heraus, da muß er doch noch drin stecken -- und dem Schuhwerk nach ist

das unser Forstgehülfe; was hat der aber hier im Grund zu suchen?“

Langsam und unwillkürlich ging er eine kurze Strecke der Fährte nach,

als er etwas dicht daneben auf dem Schnee liegen sah, und sich danach

bückend einen kleinen Kienspahn aufhob.

„Na nu?“ sagte der Kreiser kopfschüttelnd, „er wird sich doch da drin

kein Feuer anmachen wollen. Was kann der nur vorhaben?“

Er blieb einen Augenblick stehen und horchte, es wurde aber nichts

laut, als er plötzlich einen Pfiff zu hören glaubte, der aber ganz

dumpf und weitab klang. Antworten mochte er nicht gleich, weil er

fürchtete, dem Jäger da drin vielleicht die Jagd zu verderben; aber

was hatte er nur? etwa seinen Hund in einen Bau gelassen? Na ja, da

kam er schön an, denn der Platz war dafür berüchtigt; wer einen guten

Dachshund hatte, führte ihn dort gewiß nicht hinein, und das wußte der

Forstgehülfe ja auch gut genug. Er blieb eine ganze Weile im Schnee

stehen, aber es ließ sich nichts weiter vernehmen, und er beschloß

endlich, lieber einmal langsam und vorsichtig auf der Spur nachzugehen.

Das that er, und bald entging dem geübten Auge des Waldläufers auch die

Stelle nicht, wo der angeschossene Fuchs abgestürzt war -- den Schuß

hatte er überdieß gehört, wenn er auch nicht genau gewußt, von welcher

Seite der Schall kam. Im Schnee klingt aber ein Schuß überhaupt dumpf,

und dadurch, daß Raischbach in den Grund hineingefeuert hatte, mochte

sich der Schall wohl noch mehr gebrochen haben.

„Alle Teufel!“ rief er aber plötzlich, als er zu der Felsspalte kam und

dort wohl Raischbach’s Gewehr lehnen und den Jagdranzen liegen sah,

sonst aber keine Spur von dem Forstgehülfen entdecken konnte.

Wohin er sich gewandt, zeigte allerdings deutlich genug der Schnee:

in die Wand hinein -- und dazu etwa der Kien? Wahrhaftig, da lag ein

abgebrannter kleiner Spahn und etwas Asche. Der Mann schüttelte den

Kopf, denn er kannte die bösen Spalten und Klüfte in der Wand hier

schon seit langen, langen Jahren. -- Aber wenn er da drinnen stak,

mußte er wenigstens Antwort geben, und dort konnte er auch durch ein

Bischen Lärm nichts verderben. Er stellte also seine alte Flinte

ebenfalls draußen ab, drängte sich ein Stück in die Spalte hinein und

rief den Forstgehülfen bei Namen -- keine Antwort folgte; er pfiff auf

dem Finger -- mit dem nämlichen Erfolg. Er wartete eine Weile und rief

nochmals -- immer dasselbe. Da drinnen herrschte Todtenstille, und kein

Laut ließ sich hören, kein Hundewinseln oder Bellen, wenn der Dachs

vielleicht noch hinter seiner Beute hergewesen wäre.

„Herr Raischbach!“ schrie der Kreiser noch einmal, denn diese Stille

wurde ihm unheimlich. Sollte dem jungen Mann ein Unglück zugestoßen

sein? „Herr Raischbach!“ er schrie so laut er konnte; er hätte ihn da

drin hören müssen, denn der Schall der Stimme donnerte an den Wänden

hin. -- Keine Antwort erfolgte, und dem Mann wurde es jetzt selber

unbehaglich in dem dunkeln Loch. Allein konnte er auch gar nichts

ausrichten, denn passirte ihm ebenfalls etwas, so waren sie Beide

verloren, und Niemand hätte gewußt, besonders wenn der Schnee wieder

wegging, wo sie geblieben wären.

Vorsichtig glitt er zurück, nahm draußen seine Flinte wieder, ließ aber

natürlich die des Forstgehülfen stehen, und eilte jetzt, so rasch er

konnte, in den Wald hinauf und der Forstei zu. Unterwegs traf er ein

paar Holzmacher, die er augenblicklich mitnahm, denn er wußte nicht,

wie man sie gebrauchen konnte, und war nur froh, daß er den ebenfalls

gerade von einer Pirsche zurückgekehrten Förster zu Hause fand.

Der alte Buschmann erschrak, als ihm Metzler Bericht abstattete, und

lief, ohne ein Wort zu sprechen, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab

und kratzte sich das weiße Haar. Er war aber kein Mann, der sich lange

mit Ueberlegen abgegeben hätte, denn er wußte recht gut, wie er hier zu

handeln hatte.

„Metzler,“ sagte er plötzlich vor diesem stehen bleibend, „Euch hat der

liebe Gott vielleicht zur rechten Zeit an den verdammten Platz geführt.

Wie viel Holzhauer habt Ihr bei Euch?“

„Zwei, Herr Förster.“

„Gut; zwei andere arbeiten gleich drüben am schwarzen Bach. Die Lisei

soll augenblicklich hinlaufen und sie abrufen. Den Müller habe ich zu

der neuen Pirschhütte geschickt, den finden wir unterwegs, und von den

Forstschutzleuten liegen zwei, die gerade die Nacht draußen waren, oben

und schlafen. Die müssen auch mit, dann sind wir Leute genug.“

„Und brauchen wir sonst was, Herr Förster?“

„Gewiß -- meine Frau soll Euch gleich einmal die Laterne mit ein

paar Lichtern geben -- oben auf dem Boden habe ich auch noch zwei

Pechfackeln, die holt ebenfalls. Dann nehmt das starke neue Heuseil

mit -- und eine Schaufel und Spitzhack ebenfalls, der liebe Gott weiß,

was wir brauchen. Die Holzmacher sollen auch ihre Aexte nicht vergessen

und noch ein paar kurze Seile -- weiter wird wohl nichts nöthig sein.

-- Und meine Frau soll mir die Schnapsflasche füllen. -- Es war reiner

Wahnsinn von dem Menschen, dort hinein zu kriechen.“

„Schön, Herr Förster.“

„Vergeßt mir nur nichts, Metzler -- zwei Lichter wollen wir mitnehmen

und Feuerzeug -- na, das nehme ich selber, und ein Bischen rasch, denn

wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Der alte Mann befand sich in großer Aufregung, dachte aber dabei

an Alles, und kaum eine halbe Stunde später war die kleine Kolonne

vollständig gerüstet auf ihrem Weg nach dem Fuchsbau, um den, wie

man allen Grund zu vermuthen hatte, Verunglückten aufzusuchen und

zu retten. In kaum einer Stunde hatten sie auch den Platz erreicht,

stiegen an den Felsen hinab und sahen hier augenblicklich, daß

Raischbach den Grund noch nicht verlassen haben konnte -- die Fährten

waren noch, wie sie Metzler gelassen, und als sie dorthin einbogen,

lehnte auch noch das Gewehr draußen an der Felsspalte.

Der Förster selber schrie jetzt ein paar Male in den Bau hinein,

erhielt aber eben so wenig Antwort, wie vorher sein Kreiser, und sie

verloren nun auch nicht viel Zeit, um ihr Rettungswerk vorzubereiten.

Vor allen Dingen wurde eine der Pechfackeln angezündet und der Kreiser

Müller, den sie abgerufen hatten, ein junger, gewandter Bursche,

damit voran hineingeschickt, um zuerst einmal das Terrain genau zu

rekognosziren. Buschmann warnte ihn aber, auch nur einen voreiligen

Schritt zu thun, und rieth ihm an, Zoll für Zoll weiter zu rücken und

mit der Fackel immer vor sich auf den Boden zu leuchten, damit er das

Uebel nicht noch schlimmer mache und ebenfalls zu Schaden käme.

Müller war auch der richtige Mann dazu und kroch unerschrocken in die

Spalte hinein, während seine Begleiter indessen in ziemlicher Ungeduld

seine Rückkehr erwarteten. Er blieb aber nicht lange; bald sahen sie

den Schein der Fackel wieder; aber sein Bericht lautete nichts weniger

als tröstlich.

Kaum zwanzig Schritt drin, wo die Höhle indessen so geräumig sein

sollte, daß vier Mann, und vielleicht noch mehr, bequem neben einander

stehen konnten, machte sie eine kleine Biegung, und dort ging eine

tiefe Spalte hinab. Da hinein war auch der Forstgehülfe gefallen, denn

er hatte seine Fährten in dem weichen Boden gesehen und auch einen

angebrannten Kienspahn am Rand gefunden.

„Und war nichts von ihm zu sehen gewesen?“

Zu weit hatte er sich, wie er sagte, nicht hineingetraut, um nicht

ebenfalls auszurutschen. Dort hinab schien es aber tief und dabei

stockdunkel -- es ließ sich nicht das Mindeste erkennen.

Und was konnte man jetzt thun?

Müller machte einen Vorschlag. Ihre Aexte hatten sie mit; wenn sie ein

paar starke Stangen abhieben und quer über die Spalte legten, so war es

vielleicht möglich, sich hinauszuwagen, um nur erst einmal zu erfahren,

wie tief es wäre. Nachher könne man sich auch vielleicht an einem Seil

hinablassen.

Der alte Förster schüttelte mit dem Kopf; es war ihm nicht recht, daß

seine Kreiser über eine Sache eine Disposition treffen sollten, wo er

daneben stand und gar nichts davon wußte.

„Ich will Euch was sagen, Müller,“ meinte er, „ich werde erst selber

einmal hineingucken, um zu sehen wie der Hase läuft.“

„Aber, Herr Förster!“ rief Metzler erschreckt, „ich bitte Sie um Gottes

willen -- wenn Ihnen dann auch --“

„Seid kein Esel, Metzler,“ sagte der Förster, „ich werde mich schon in

Acht nehmen, habt keine Sorge.“ Und damit warf der alte Mann richtig

seine Sachen ab, zog sogar seinen Rock aus, nahm die Pechfackel und

trat getrost seine Wanderung an. Er wußte ja auch jetzt, wo die Gefahr

eigentlich begann, und es dauerte gar nicht lange, so hatte er den

Platz erreicht und übersah jetzt leicht, was hier zu thun sei, um dem

jedenfalls Verunglückten Hülfe zu bringen. Müller hatte ganz recht, ein

paar Stangen konnten leicht quer übergelegt werden, denn die Spalte

mochte kaum vier Fuß breit sein; aber es mußten dann auch Querhölzer

daran geschnürt werden, damit man einen festen Halt darauf bekam.

Das war also vor allen Dingen fertig zu machen, alles Weitere mußte

verschoben werden, bis man von dort aus rekognosziren konnte.

Der alte Mann versäumte auch keine Zeit. Mit fast Jugendfrische kroch

er zurück und eilte dann selbst mit den Holzmachern in den Wald

hinaus, um die nöthigen Hölzer in der gehörigen Länge abzuschneiden.

Zusammengebunden mußten sie freilich erst in der Höhle selber werden,

da man sie sonst nicht hineingebracht hätte; aber das ging ja auch

leicht an, da der Raum da drinnen gar nicht so beschränkt war, so daß

man sich ziemlich frei bewegen konnte.

Der Förster hatte allerdings, schon wie er das erste Mal in der Höhle

war, wieder und wieder hinabgerufen, um zu hören, ob der Forstgehülfe

noch am Leben sei; aber er horchte vergebens. Ein paar Mal war es ihm,

als ob er da unten ein dumpfes Brausen höre, und einmal hätte er darauf

schwören mögen, daß er Hundegebell vernommen. Jagte der Dachs noch? --

aber dann klang es auch wieder wie das ferne Heulen des Windes, und

zuletzt summte es ihm vor den Ohren, daß er gar nicht mehr im Stande

war, etwas Bestimmtes zu unterscheiden.

Müller und Metzler mußten jetzt mit in die Spalte kriechen, und während

ihnen der Förster mit der Fackel leuchtete, schnürten sie unter seiner

Leitung eine Art Gestell zusammen, das fest genug war, drei Mann mit

Leichtigkeit zu tragen, und jetzt erst begann die nähere Untersuchung

der Felsspalte, in welche der unvorsichtige Forstgehülfe jedenfalls

hinabgestürzt sein mußte.

Zu diesem Zweck mußte die Laterne herbeigeschafft werden, die Buschmann

an ein Seil band und dann selber vorsichtig über den hier ziemlich

schlüpfrigen Boden hinaus auf das Gestell rutschte, um von dort aus die

Laterne hinabzulassen.

Die Spalte war aber tiefer als er selber geglaubt -- es ging ein

ganz verwünschtes Stück hinunter, und das trüb brennende Talglicht

verbreitete dort unten lange nicht genug Helle, um irgend etwas

deutlich zu unterscheiden.

„Es kann nichts helfen, Müller,“ sagte da der Förster, „Ihr seid von

uns der Leichteste und müßt einmal hinunter -- bindet Euch das Seil

um den Leib und laßt dann die Anderen draußen mit hereinkommen und

anfassen, dann rutscht in Gottes Namen. Hier an der einen Seite scheint

auch feuchter Lehmboden zu sein, und Ihr findet vielleicht unterwegs

einen Fußhalt.“

Es wurde weiter kein Wort gesprochen. Metzler, ein durchaus praktischer

Kopf, hatte das rasch geordnet; die Holzmacher und Forstschutzleute

wurden nacheinander durch die Felsspalte postirt, so daß Jeder einen

festen Halt an dem Seil bekam. Müller knotete sich dasselbe dann fest

unter den Schultern durch, und sich auf den Boden setzend gab er

Befehl, langsam nach und nach ihn hinunter zu lassen. Der Förster saß

dabei noch immer auf dem Gestell und ließ jetzt die Laterne langsam mit

dem Niedergleitenden sinken, so daß dieser doch immer etwas Licht um

sich hatte und sehen konnte, wo er sich befand.

Es war ein Augenblick peinlicher Erwartung, als der junge Kreiser

endlich Boden unter sich fühlte und „Halt!“ rief, damit die Leute oben

nicht zu viel Seil nachließen und er dann vielleicht noch tiefer

abrutschte. Der Förster hielt ihm dabei die Laterne so, daß er sie mit

der Hand erreichen konnte, und der Mann nahm sie, um umher zu leuchten.

Es dauerte aber nur wenige Sekunden, als er schon ausrief: „Hier liegt

er.“

„Du großer Gott!“ stöhnte der alte Förster; „ist er todt?“

„Ja, ich weiß nicht,“ sagte der Mann, und seine Stimme klang von unten

herauf dumpf und hohl -- „er fühlt sich aber noch warm an -- und da

liegt auch der Dachshund und der Fuchs -- er ist mit dem Kopf gerad auf

seinen Dachs gestürzt. Das sieht gut hier unten aus.“

„Und wie kriegen wir ihn herauf, Müller?“

„Ja, ich weiß nicht -- das wird ein bös Stück Arbeit werden.“

„Könnt Ihr nicht Stufen in die Lehmwand hauen?“

„Das ginge vielleicht,“ sagte der Mann nach einer Weile. „Jedenfalls

muß aber von oben nachgeholfen werden, und dazu ist am Ende das Gestell

nicht stark genug.“

„Wir legen noch ein paar stärkere Stangen hinüber. Wollt Ihr die

Spitzhacke haben?“

„Ja -- aber Sie müssen sie langsam herunterlassen, sonst fällt sie

Einem von uns auf den Kopf. Das Seil können Sie locker lassen -- es

geht hier nicht weiter ab -- nur in den Berg hinein zieht sich noch

eine Spalte.“

Die nöthigen Vorkehrungen nahmen jetzt wieder eine gute Weile in

Anspruch -- es mußten noch ein paar starke Stangen draußen abgehauen

und herbeigeschafft werden, was immer eine längere Zeit dauerte.

Müller hatte sich indessen bemüht, den Forstgehülfen zum Bewußtsein zu

bringen, aber vergebens. Der Förster ließ ihm seine Flasche Branntwein

hinab, daß er ihm damit die Schläfe waschen sollte, aber es half nichts

-- er blieb still und regungslos liegen und schien nicht zu fühlen, was

um ihm her vorging.

Müller bekam auch jetzt die Spitzhacke hinab, aber das Einhauen ging

nicht so leicht, als er gedacht, da er nicht ordentlich ausholen

konnte. Trotzdem aber hackte er doch in etwa vier Fuß vom Boden der

Höhle einen Platz ein, wo ein Mann fest stehen konnte, und bis dahin

Stufen hinauf, und wie er das erst fertig hatte, gelang es ihm auch

weiter oben noch einen Stand zu Wege zu bringen, von dem aus er

wenigstens nachhelfen konnte.

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 11 / 16 段