Seine Aufmerksamkeit wurde indessen bald einem Haufen riesengroßer,

doch furchtbar magerer Rüden zugelenkt, die mit schrecklichem

Geheul und Gebell auf sie einfuhren und nicht übel Lust zu haben

schienen, über sie herzufallen. Bernhard griff auch schon nach seinem

Hirschfänger, um sich und seine Begleiterin zu vertheidigen. Diese aber

lachte und rief: „Lass’ nur den Hirschfänger stecken, Freund, die thun

uns nichts, das sind die Hunde des Grafen Hackelnberg Und bloß darauf

abgerichtet, rechten Lärm zu machen.“

„Dem Grafen Hackelnberg gehören die?“ rief der Forstgehülfe, „dem

wilden Jäger?“

„Ja, gewiß,“ sagte das Mädchen, „der hat sich hier schon lange bei

uns eingenistet, reitet aber nur selten noch aus, denn er leidet so

furchtbar an der Gicht.“

„Der wilde Jäger?“ rief Raischbach erstaunt aus, während die Hunde

wieder von ihnen abließen -- „aber ich dachte immer, der Graf Hans von

Hackelnberg hause im Harzgebirge?“

„Da war er auch früher,“ nickte das Mädchen, „aber es muß ihm wohl

dorten langweilig gewesen sein, und weil er hier bessere Gesellschaft

gefunden hat, ist er hierher gezogen. O, es wohnen eine Menge vornehmer

Leut’ hier,“ fuhr die Maid bedeutsam mit dem Kopf nickend fort -- „Du

wirst Dich wundern, wenn Du sie einmal alle beisammen siehst, denn so

ein lauschiges Plätzchen giebt’s gar nimmer mehr an irgend einer Stelle

in der ganzen Welt, wie bei uns im Grund.“

Während sie noch so plauderte, waren sie auf den offenen Raum

hinausgetreten, und der junge Forstgehülfe sah hier allerdings eine

vollständig neue Welt, die sich ihm, je weiter er hineindrang, mehr und

mehr erschloß.

Das mußte eine uralte Stadt sein, die hier unten im Grunde lag, denn

die Häuser sahen alle grau und verwittert genug aus, und auf den

Dächern und Mauern wuchs Hauslauch in ganzen Büscheln, während von

manchen Dachrinnen das Moos in langen grünen Quasten bis fast zur Erde

niederhing. Aber die Fenster sahen trotzdem spiegelblank aus, und jedes

Haus hatte seinen kleinen freundlichen Garten, in welchem, trotzdem daß

oben auf der Erde jetzt Schnee lag und tiefer Winter war, die schönsten

Blumen wuchsen und reife Stachelbeeren, Kirschen und Pflaumen hingen.

Links am Eingang lag ein reizendes kleines Landhaus mit einem schmalen,

aber langen Teich, der es halb umschloß und auf dem die wundervollsten

Wasserlilien wuchsen.

„Da wohnt die Frau Holle,“ sagte die Maid, „wenn sie manchmal zu uns

auf Besuch kommt.“

„Die Frau Holle? -- ist es denn möglich? Und da drüben wohnt wohl der

Förster? Zu dem könnten wir vielleicht einmal hineingehen und ihm guten

Tag sagen.“

„Ja nicht!“ warnte aber das Mädchen; „wir wüßten nicht, wie wir

empfangen würden und ob er gerad’ bei guter Laune wäre. Das ist auch

nicht das Forsthaus, sondern da haust der Graf Hackelnberg, und

manchmal ist er gut und freundlich mit den Leuten, manchmal aber, wenn

er seinen bösen Tag hat, hetzt er die Hunde auf sie und treibt allerlei

Unfug. Das ist und bleibt ein wilder Gesell.“

Raischbach war stehen geblieben und besah sich das Haus -- es war ein

graues, aus Stein aufgeführtes Gebäude, fast wie eine Forstei, nur

hinten mit einem kleinen Wartthurm, über der Thür aber ein mächtiges

Hirschgeweih von einem Zweiunddreißig-Ender befestigt, wie sie jetzt

gar nicht mehr im Walde vorkommen, und auch unter dem Giebel mit einer

Menge von Jagdtrophäen geschmückt.

Das Mädchen zog ihn aber weiter, denn es kamen eine Menge Leute die

Straße herunter. Sie sahen auch den jungen Fremden wohl verwundert an,

grüßten doch aber Alle freundlich und ließen ihn ungehindert ziehen

-- nur ein anderes junges Mädchen griff seine Begleiterin am Arm, zog

sie ein wenig bei Seite und flüsterte ihr, aber laut genug, daß es

Raischbach hören konnte, zu: „Wen hast Du denn da aufgegabelt und wo

kommt der her?“

„’s ist bloß ein Besuch,“ sagte aber die Maid, „ein braver junger

Mensch, der sich einmal bei uns umsehen will.“

„Aber darf er denn das?“

„Und warum nicht? -- wer kann’s ihm wehren? er nimmt ja nichts mit

fort.“

Das andere Mädchen schüttelte mit dem Kopf, als ob ihr die Sache nicht

recht wäre, oder doch sonderbar vorkäme, sagte aber nichts weiter,

sondern nickte nur „grüß Gott“ und folgte den Anderen.

Den Weg herunter und ihr folgend kam jetzt eine alte Frau an einem

Krückstock, die aber, als sie den Fremden sah, mitten in der Straße

stehen blieb und ihn groß betrachtete.

„Grüß die!“ flüsterte da die Maid dem jungen Jäger wie ängstlich zu --

„sei fein höflich, sonst wird sie bös.“

Raischbach folgte ihrem Rath, die Alte hatte in der That ein

bitterböses Gesicht; als er aber sehr höflich seinen Hut zog, heiterte

es sich etwas auf. Sie murmelte nur ein paar unverständliche Worte aus

ihrem zahnlosen Mund und humpelte dann vorüber.

„Wer war denn das?“ sagte der junge Forstgehülfe, als sie sich außer

Hörweite von ihr befanden.

„Kennst Du die nicht einmal?“ lachte das Mädchen -- „die alte Urschel

vom Urschelberg drüben, die manchmal hier bei uns zuspricht; da kommen

auch ihre drei Nachtfräulein; die sind aber gut und brav.“

Drei bildschöne, weißgekleidete Jungfrauen schritten mit

niedergeschlagenen Augen an ihnen vorüber; ehe sie aber Bernhard

ordentlich betrachten konnte, hörte er donnernde Hufschläge dicht

hinter sich auf der Straße und hatte wirklich kaum Zeit, bei Seite

zu springen, als auch schon ein milchweißes Roß mit einer in grünen

Sammet gekleideten Reiterin an ihm vorüberflog. Von ihrem Haupt wehten

lange, rabenschwarze Locken aus, von ihrem Barett schwankten lange,

prachtvolle Reiherfedern, und auf der linken Faust hielt sie eine

mächtige Eule, die sich fortwährend gegen den Wind duckte und die

Flügel halb ausbreitete, als ob sie eben abstreichen wolle.

Der junge Forstgehülfe wollte sich eben wieder erstaunt zu seiner

Führerin wenden, als die wilde Reiterin ihren Zelter plötzlich auf den

Hinterbeinen herumwarf, daß die Eule bei der unerwarteten Bewegung kaum

ihren Stand bewahren konnte. So zügelte sie ihr Thier vor dem Jäger

ein, dessen Beruf sie wohl rasch an der Kleidung erkannt hatte, und

rief: „Hallo, wen haben wir da? Waidmanns Heil, mein Bursch’; woher des

Weges?“

„Von droben, Fräulein Berchta,“ sagte da seine junge Begleiterin; „aus

dem Spessart herunter; er ist nur zum Besuch gekommen.“

„Hat er Dich besucht, Schatz?“ lachte die junge Dame, „und kann er

nicht selber Red’ und Antwort stehen?“

„Doch, Fräulein,“ sagte der Forstmann, der sich rasch gesammelt hatte

und jetzt schon anfing, gar nichts Außerordentliches mehr in all’ dem

Wunderbaren zu finden, das ihn hier umgab; „ich kann wohl selber reden,

hoffe aber, daß ich hier unten Niemanden zur Last falle, sonst gehe ich

eben wieder meiner Wege.“

„Ei, ein Waidmann ist überall willkommen,“ lachte die junge Dame;

„wenn Ihr da oben auch jetzt Eure Jägerei treibt, daß es eine Sünd’

und Schande ist -- ich weiß wohl,“ winkte sie mit der rechten Hand --

„ihr Forstleute könnt nichts dafür, und seid eigentlich jetzt mehr

Schreiber als Jäger da oben im schönen Wald. Beim Himmel! was das da

für ein ewiges Geklopfe und Gehacke ist, und ein Baum nach dem andern

wird umgehauen und aus dem herrlichsten Wald elendes Rübenfeld gemacht.

Aber ich will mich nicht ärgern, denn wenn ich nur dran denke, läuft

mir schon die Galle über,“ brach sie kurz ab. „Kommt nachher einmal

in die Wolfsschlucht -- heut Nachmittag sind wir da Alle zusammen,

daß wir ein vernünftiges Wort mitsammen reden können -- jetzt hab’ ich

keine Zeit,“ und ihren Schimmel wieder herumwerfend, flog sie, wie sie

gekommen, die Straße hinab.

„War denn das die Fräulein Berchta, die mit dem wilden Jäger sonst

geritten ist?“ frug Bernhard erstaunt seine Begleiterin.

„Gelt, das ist ein stolzes Weibsen!“ nickte diese, „aber gewiß war

sie’s, mit der Tut-Osel auf der Faust, wie sie immer ausreitet, oder

den großen häßlichen Vogel auch manchmal hinter sich herfliegen läßt.

Wild ist sie aber noch immer und kann das alte Leben wohl am Schwersten

von Allen vergessen.“

„Aber wo ist hier die Wolfsschlucht -- oben kenne ich eine, doch hier

unten --“

„Da drüben steht sie!“ lachte die Maid, auf ein breites, sehr

wohnliches Haus deutend -- „das ist der Gasthof im Ort, den der alte

Eckardt hier unten hält.“

„Der getreue Eckardt?“

„Ja gewiß.“

„Und der ist Wirth geworden?“

„Und warum sollte er nicht? Der alte Wirth war reich und bequem

geworden und hatte das Geschäft aufgegeben; es wollt’ auch eigentlich

Keiner mehr zu ihm, denn er betrog die Leut’ zu sehr. Da hat’s der alte

gute Eckardt übernommen, denn ein Wirthshaus mußten wir doch haben, und

zu dem geht jetzt Alles -- unten hinein das Volk und oben im ersten

Stock hat er auch ein Kasino angelegt für die Vornehmen.“

„’s ist rein zum Verrücktwerden!“ murmelte Raischbach vor sich hin, als

das Mädel da so ruhig von lauter Persönlichkeiten plauderte, die er

sich bis dahin nur als wilden Spuk gedacht, „und man möchte wahrhaftig

glauben, man träumte die ganze Geschichte nur, wenn sie nicht so

leibhaftig um Einen herstünde. Ich mag mich aber zwicken, wie ich will,

ich wach’ doch, und das Alles muß ja wohl so sein, wie es eben ist.“

„Thut Dir noch was weh von dem Fall?“ frug das Mädchen, als sie sah,

daß er sich bald am rechten, bald am linken Arm anfaßte und auch nach

dem Kopf hinaufgriff.

„Das nicht grad’,“ meinte er etwas verlegen, denn er mochte ihr doch

nicht sagen, was ihm eben durch den Sinn gefahren -- „nur im Kopf

brummt und summt mir’s so.“

„Das ist das ewige Brausen und Kochen tief in der Erde Grund,“ sagte

die Maid, „was wir hier deutlicher hören, als ihr da oben; daran wirst

Du Dich bald gewöhnen, wenn Du erst einmal eine Weile bei uns bist.“

„Hussa! hussa! hallo!“ tönte plötzlich ein wilder Jagdruf durch die

Luft, und ein paar scheue Menschengestalten, denen der Kopf in Feuer

zu stehen schien, so lichterloh brannten ihnen die Haare, fuhren wie

Kaninchen über den Weg. Hinter ihnen her aber, ihre Rüden hetzend,

und die Eule jetzt in freier Flucht nach den Gehetzten immer mit den

Flügeln schlagend, setzte die wilde Reiterin auf ihrem Schimmel quer

über die Gartenzäune und Sträucher weg, und kläffende Rüden heulten an

ihrer Seite.

„Um Gottes willen!“ rief Raischbach erschreckt aus, „was haben die

armen Menschen denn gethan?“

„Ah,“ sagte die Maid verächtlich, „das sind ‚Schretteln‘; denen

geschieht’s schon recht, und das Bischen Bewegung kann ihnen nichts

schaden.“

„Schretteln?“

„Ja, schlechtes Volk, was seiner Zeit Grenz- und Marksteine versetzt

und die Nachbarn um ihren Grund und Boden betrogen hat. Die werden

gejagt, wo sie sich blicken lassen, haben hier unten auch gar nichts zu

thun und sollen nur machen, daß sie wieder in ihre Sümpfe kommen. Wir

brauchen derlei Gelichter nicht.“

„Und wohin gehen wir jetzt?“

„Wart’ hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,“ sagte das

Mädchen -- „muß nur erst einmal nach Haus laufen und Dich melden, damit

mein Vater weiß, wir kriegen Besuch für die Nacht. Nachher führ’ ich

Dich in die Wolfsschlucht, und dann gehen wir zusammen heim.“

„Wenn Du nur einen Namen hättest, daß man Dich nennen könnte,“ sagte

Bernhard traurig. „Ich weiß ja nicht einmal, wie ich später an Dich

denken soll.“

„Und brauchst Du dazu einen Namen?“ lachte seine Begleiterin. „Warum

giebst Du mir denn nicht selber einen? mir ist’s recht.“

„Darf ich?“

„Warum nicht -- wem schadet’s was?“

„Aber wie soll ich Dich nennen?“

„Wie Du eben willst -- weißt Du keinen hübschen Namen?“

„O gewiß, viele -- mein Lieblingsname ist Margarethe.“

„Der klingt auch ganz hübsch.“

„Oder Marie.“

„Wie Du willst -- Marie ist noch kürzer -- nenne mich Marie.“

„Ich wollte, Du hießest Margarethe.“

„Bist Du ein komischer Mensch -- aber warte nur hier -- ich bin gleich

wieder da. Leg’ Dich derweil dort unter die Linde und ruh’ ein wenig

aus. Du mußt ja auch müde vom vielen Herumlaufen geworden sein.“

Das Mädchen hatte recht; war es die dicke, schwere Luft, die ihm hier

unten so das Gehirn zusammendrückte; waren es die vielen fremdartigen

Bilder, die ganze unheimliche Umgebung. Er warf sich unter den Baum,

und eine Zeitlang kam es ihm vor, als ob Alles in einem wirren

Kreislauf vor seinem inneren Blick vorüberflöge. Es wurde auch

vollständig dunkel um ihn her, und dann war es ihm wieder, als ob ihn

der Kreiser Metzler bei Namen riefe und er antworten wolle und nicht

könne.

Fünftes Kapitel.

Beim wilden Jäger.

Er mußte jedenfalls eingeschlafen sein, denn plötzlich fühlte er wieder

des Mädchens weiche Hand auf seiner Schulter, und diese rief: „Ei, das

lass’ ich gelten; am hellen Tage schläfst Du wie ein Dachs. Ich machte

mir schon Vorwürfe, daß ich Dich so lang allein gelassen, aber ich

hätte wohl noch länger wegbleiben dürfen.“

„Ach, Marie!“ rief Raischbach, ordentlich erschreckt emporfahrend, „ich

glaube wirklich, daß ich eingeschlafen bin.“

„Ja, ich glaub’s auch!“ lachte diese. „Du hast geschnarcht wie ein

Dachs -- aber jetzt komm’, es ist spät geworden; denn wenn wir noch

erst in die Wolfsschlucht wollen, kommen wir nachher gar so lang nicht

heim.“

„Aber was sollen wir in der Wolfsschlucht? Ich bleib’ viel lieber bei

Dir.“

„Wirklich? Doch das geht nicht an. Das Fräulein hat Dich eingeladen,

und die würde schön bös auf mich werden, wenn ich Dich nicht dahin

brächte. Da findest Du auch die ganze vornehme Welt von da unten, und

der alte gute Eckardt freut sich gewiß, Dich kennen zu lernen. Er hat

alle Menschen lieb und ihnen noch nie einen Schabernak oder gar ein

Leides gethan.“

„Also ein ordentliches Kasino haben sie dort?“

„Ei, Du wirst staunen, wenn Du’s siehst -- aber ich geh’ nicht mit

hinauf,“ setzte sie hinzu, „denn Unsereins gehört nicht zwischen die

vornehmen Herrschaften, und die Frau Holle würde mich schön über die

Achsel ansehen.“

„Ja, kommt denn die auch dahin?“

„Na gewiß -- da ist alle Abend große Gesellschaft, und wenn sie einmal

recht lustig sind, dann kommen sie auch wohl hierher unter die große

Linde und tanzen im Freien; aber das geschieht gar selten, denn die

Mannsleute spielen lieber Karten und trinken Wein, und die Frauensleute

sitzen beim Kaffee und schwatzen mit einander.“

„Das ist ja aber gerade wie bei uns, Marie.“

„Und warum soll’s nicht wie bei Euch sein?“ sagte das Mädchen ruhig --

„waren es doch auch Alles früher einmal Menschen und haben deßhalb ihre

alten Gewohnheiten beibehalten; so was ändert sich nicht, und wenn man

so alt würde wie die Welt.“

„Und sind wir hier am Haus?“

„Das ist die Wolfsschlucht! siehst Du das Schild nicht am Haus und

den großen Wolfskopf drüber in Stein gehauen? Und da kommt auch schon

der alte Eckardt. Mit dem lass’ ich Dich allein, er kennt Dich schon;

brauchst ihm gar nichts weiter zu sagen, denn der weiß Alles, was

droben und drunten geschieht!“

„Und wann seh’ ich Dich wieder, Marie?“

„Ich pass’ schon auf, wenn Du wieder herunter kommst, und nehme Dich

dann nachher mit,“ und ihm freundlich zunickend glitt sie an dem

alten Eckardt vorüber, der aber gar nicht den Kopf nach ihr wandte,

in das Haus. Vor sich aber bemerkte Raischbach jetzt einen ehrwürdig

aussehenden Greis mit weißem Haar und Bart, der einen eigenthümlich

alten Rock und kurze Hosen und Schuhe und Strümpfe trug. Aber er sah

freundlich und treuherzig aus, und dem jungen Forstmann die Hand

entgegenstreckend, rief er: „Gott zum Gruß, Landsmann! Freut mich, daß

Ihr auch einmal hier herunter zu uns kommt. Fällt selten hier vor, daß

wir Einen von Euch zu sehen kriegen, denn was uns hieher geschickt

wird, ist meistens Gesindel, das oben nicht gut thut und daher auf gute

Besserung herunter muß.“

„Und kennt Ihr mich denn, Meister Eckardt?“ sagte Raischbach verwundert.

„Weßhalb soll ich Euch nicht kennen?“ lachte der alte Mann. „Hab’ Euch

oft zugesehen, wenn Ihr da oben halbe Tage lang auf den alten Bock

gepaßt und geblattet habt, während der, kaum zweihundert Schritt von

Euch entfernt, ruhig in der Dickung spazieren ging, und nur manchmal

seinen Platz wechselte, um wieder Wind von Euch zu bekommen und genau

zu wissen, wo Ihr gerade stäket.“

„Ja, der alte Bock,“ sagte Bernhard, „hat mir schon viel Mühe gemacht.“

„Und wird Euch noch mehr machen,“ lachte der Alte, „es ist eben alle

Tage Jagd-, aber nicht alle Tage Fangtag, und der Jäger muß Geduld

haben, sonst bringt er’s zu nichts. Mit dem Hetzen, wie sie’s zu meiner

Zeit getrieben, ist oben nichts mehr auszurichten, denn man kommt nicht

mehr durch. Damals ja, da war lauter Hochwald, und man konnte sein

Pferd laufen lassen; jetzt aber, wo sie lauter junges Holz anpflanzen,

das Dickungen bildet, wo kaum ein Fuchs durchschlüpft, da sollen sie’s

wohl bleiben lassen, und die lustige Jagd hat aufgehört.“

„Aber Fräulein Berchta scheint’s doch noch zu treiben,“ sagte Bernhard.

„Das ist ein tolles Mädel,“ meinte der Alte kopfschüttelnd, „und die

läßt’s nicht bis in alle Ewigkeit. Aber geht nur hinauf, sie hat

schon nach Euch gefragt, und der Hackelnberg ist auch oben und der

Ebersberger; die ganze tolle Jagd hat sich versammelt, und Ihr kommt

gerade recht.“

„Und darf ich da eintreten?“

„Geht nur gerade zu und sagt ruhig Euer Waidmannsheil. Derartige Leute

sind immer willkommen, wenn ich’s auch gerade keinem Anderen rathen

wollte, so ohne Weiteres zu ihnen herein zu brechen.“

Oben an der Treppe war eine breite Flügelthür. Das ganze Haus sah

überhaupt vornehm aus und hätte mit seiner innern Einrichtung eben so

gut in einer großen Residenz liegen können -- und als der alte Eckardt

die Thüre öffnete, fand sich Raischbach, fast verlegen, einer ziemlich

großen Gesellschaft von Herren und Damen gegenüber, die theils um die

Tische zerstreut saßen, theils im Zimmer auf- und abgingen.

Gerade an der Thür vorüber schritt ein stattlicher hoher Mann in einem

Jagdwamms mit hohen ledernen Kollerstiefeln, einen Hirschfänger an der

Seite, während auf einem der kleinen Tische rechts ein breitkrämpiger

grauer Hut mit Birkhahnfedern darauf, ein paar große Stulpenhandschuhe

und ein Hüfthorn lagen. Er drehte sich rasch um, als die Thür aufging,

als ob er Jemanden erwarte, und Raischbach sah in ein bleiches, aber

edles Gesicht, mit langem schwarzem Schnurr- und Knebelbart und dunklen

blitzenden Augen -- das mußte der Hackelnberg sein, und mit lauter

unerschrockener Stimme sagte er sein „Waidmanns Heil! Ihr Herren und

Damen!“

„Hallo!“ rief der wilde Jäger, auf dem Absatz herumfahrend -- „wen

haben wir da? Waidmanns Heil, Gesell! Wo kommst Du her?“

„Von droben, mit Verlaub,“ erwiederte Raischbach, „und wollte mich auch

der Gesellschaft nicht aufdrängen, aber die freundliche Einladung der

Dame da drüben --“

„Nur keine lange Entschuldigung!“ lachte Fräulein Berchta, die am

Fenster saß und an einem großen Jagdnetz zu flechten schien, indem sie

ihre Arbeit bei Seite warf und auf ihn zutrat -- „seid willkommen, Ihr

findet hier lauter gute Freunde.“

„Spielst Du L’Hombre?“ frug der Hackelnberg.

„Das thut mir leid, nein,“ sagte Bernhard; „weiter nichts als deutsch

Solo --“

„Das soll der Teufel holen!“ brummte der wilde Jäger ärgerlich, „und

der verdammte Hans Jagenteufel verpaßt heute seine Partie. Ich möchte

meinen Hals verwetten, der alberne Narr kann wieder einmal seinen Kopf

nicht finden.“

„Seinen Kopf?“ sagte Raischbach verwundert.

„Na natürlich, weil er die dumme Gewohnheit hat, ihn unter dem Arm zu

tragen. Wenn er ihn dann einmal ablegt, vergißt er immer, wo?“

„Das ist recht gut,“ sagte eine alte würdige Frau, die jetzt auch auf

Raischbach zukam und ihm freundlich zunickte, „daß Ihr einmal um Euer

häßliches Spiel kommt und Euch der Gesellschaft widmen könnt; es giebt

so nur immer Zank und Streit dabei.“

„Bah, Gesellschaft widmen!“ knurrte ein anderer baumlanger Gesell, auch

in Jägertracht, aber mit wirrem Haar und Bart und tückisch blitzenden

Augen; „das ewige Schwatzen und Klatschen bekommt man auch am Ende satt

-- Eckardt, schafft wenigstens Wein her, daß wir die Gurgeln nässen

können.“

„Aber vorher muß ich unserem jungen Gast doch wenigstens die

Gesellschaft vorstellen,“ sagte Fräulein Berchta, „damit er weiß, bei

wem er sich befindet.“

„Wir wissen ja selber noch nicht einmal, wie er heißt,“ knurrte der

Alte wieder.

„Bernhard Raischbach, Forstgehülfe aus dem Spessart,“ sagte der junge

Jäger, sich selbst vorstellend.

„Allen Respekt,“ lachte der wilde Jäger -- „nun denn, ich bin Graf

Hackelnberg, um mich gleich zu beseitigen, das da Fräulein Berchta,

Frau Holle hier -- das hier der wilde Ebersberger, ein getreuer

Jagdgenosse.“

„O, werdet nicht langweilig, oder ich geh’ meiner Wege,“ knurrte

dieser. „He, da kommt Wein! Eingeschenkt, Eckardt! So recht -- hier,

Herr Forstgehülfe, nehmt einmal den Humpen da und thut Bescheid. Könnt

Ihr trinken?“

„Sollt’ es denken,“ lächelte dieser, den riesigen Römer in die Hand

nehmend. „Also Ihr Wohl, meine Damen und Herren!“ und da ihm die Zunge

ordentlich am Gaumen klebte, leerte er das ganze Gefäß auf einen

tüchtigen Zug.

Der Graf Hackelnberg hatte ihn scharf im Auge behalten, aber sein

Gesicht heiterte sich sichtlich auf, als er den Zug sah, und wie der

junge Forstmann das Glas umdrehte, zum Zeichen, daß er dem Trunk Ehre

angethan, schrie er mit lauter donnernder Stimme: „Bravo, mein Junge,

das hätte der Ebersberger nicht besser machen können, und der hat

ebenfalls eine famose Saugkraft. Hier ein Wohl auf das edle Waidwerk

und daß die Aasjäger der Teufel hole!“ und damit stürzte er seinen

Humpen ebenfalls hinab.

Der alte Eckardt hatte jetzt kaum Hände genug, um nach allen Seiten

einzuschenken, und auch das Gespräch wurde allgemein. Eben war auch

die alte Urschel mit ihren jungen Damen eingetreten, ohne freilich

selber Theil daran zu nehmen, denn sie schien nicht geselliger Natur,

sondern setzte sich still und mürrisch in eine Ecke und holte sich ein

großes Spinnrad vor, während eines der jungen Mädchen ihr eine große

Tasse mit Kaffee brachte. Die drei jungen Nachtfräulein aber, -- denn

seine Begleiterin Marie hatte ihm ja gesagt, daß es solche wären, --

schienen ihr scheues verschlossenes Wesen ganz abgelegt zu haben, und

plauderten jetzt so auf Raischbach ein und wollten wissen, wie es „da

oben“ aussähe und was die Menschen dort trieben, daß er ihnen kaum

alle Fragen beantworten konnte. Und wie hübsch -- wie wunderhübsch sie

waren und was für tiefblaue, treue Augen sie hatten -- aber so hübsch

wie seine Marie schienen sie doch nicht, wenn sie auch viel edler und

vornehmer auftraten und weiße, außerordentlich feine Gewänder trugen.

Auch Fräulein Berchta plauderte viel mit ihm und frug ihn besonders

nach dem jetzigen Wildstand da oben, nach den Hirschen und was sie

„auf“ hätten, nach den Bären, Luchsen und Wölfen, und wollte es gar

nicht glauben, als er ihr sagte, daß von den letztern Raubthieren gar

nichts mehr droben im Wald zu finden wäre und sich nur dann und wann

einmal ein einzelner Wolf in ihr Revier verlöre.

Aber die drei jungen Nachtfräulein kamen immer wieder auf die Moden

an der Oberwelt zurück, und der junge Forstgehülfe, der sich darin

vollkommen außer seinem Fahrwasser befand, sollte ihnen bald über Das,

bald über Jenes Auskunft geben, wovon er nicht das Geringste wußte.

Da kam ihm der Hackelnberger zu Hülfe, der auch indessen die Geduld

verloren hatte, weil sich der Hans Jagenteufel noch immer nicht zu

seiner L’hombrepartie einstellte, und mit der Faust auf den Tisch

schlagend rief er aus:

„Nun hört, zum Donnerwetter, einmal mit eurem Geklatsch auf; was weiß

denn der Jägersmann von euren Falbeln und Stößen und Krinolinen und

wie der Unsinn alle heißt. Komm’, mein Herr Forstgehülfe, ich will Dir

einmal meine Kneipe zeigen, da wirst Du Dich besser amüsiren -- ich

habe eine famose Sammlung drüben und ein paar Rehbocksgehörne dabei,

gegen die der alte Bock da oben wie ein Spießer aussieht.“

„Wirklich?“ rief Raischbach, während Fräulein Berchta höhnisch lachte;

aber der Ebersberger rief:

„Das ist recht, da geh’ ich auch mit -- ich habe neulich mit dem

Hans Jagenteufel gewettet, daß der eine Sechsundzwanzig-Ender mit der

Schaufel auf der linken Stange ein Ungerader wäre, und kann mich da

gleich selber überzeugen.“

Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 10 / 16 段